Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)




Glaube und Werke ergänzen sich. Predigt über Jakobus 2,14-26 am 18. Sonntag nach Trinitatis 


„Was hilft's, Brüder und Schwestern, wenn jemand sagt, er habe Glauben, und hat doch keine Werke? Kann denn der Glaube ihn selig machen? Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und Mangel hat an täglicher Nahrung  und jemand unter euch spricht zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat – was hilft ihnen das?  So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber. Aber es könnte jemand sagen: Du hast Glauben, und ich habe Werke. Zeige mir deinen Glauben ohne die Werke, so will ich dir meinen Glauben zeigen aus meinen Werken.  Du glaubst, dass nur einer Gott ist? Du tust recht daran; die Teufel glauben's auch und zittern. Willst du nun einsehen, du törichter Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist? Ist nicht Abraham, unser Vater, durch Werke gerecht geworden, als er seinen Sohn Isaak auf dem Altar opferte?  Da siehst du, dass der Glaube zusammengewirkt hat mit seinen Werken, und durch die Werke ist der Glaube vollkommen geworden. So ist die Schrift erfüllt, die da spricht (1. Mose 15,6): »Abraham hat Gott geglaubt und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden«, und er wurde »ein Freund Gottes« genannt (Jesaja 41,8). So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein. Desgleichen die Hure Rahab: Ist sie nicht durch Werke gerecht geworden, als sie die Boten aufnahm und sie auf einem andern Weg hinausließ? Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.“ (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)



Da sitzt ein Bettler in zerlumpter Kleidung an der Straße und friert. Als eine wohlhabend aussehende Dame an ihm vorüber gehen will, hebt er flehend die Arme. „Bitte“ ruft er mit brüchiger Stimme. „Bitte, eine milde Gabe. Ich habe schon drei Tage nichts gegessen.“ Da bleibt die Dame stehen, blickt ihn mitleidig an und sagt dann. „Schon drei Tage nicht? Das ist ja furchtbar! Sie müssen sich zwingen, junger Mann…“ und geht weiter. Das ist eine Anekdote, über die ich nicht lachen kann. „Sie müssen sich zwingen…“ Diese Pointe bleibt mir im Halse stecken. Und ebenso geht es mir mit dem Satz, den die französische Königin Marie Antoinette einmal gesagt haben soll. Als ihr gesagt wurde, dass das Volk Hunger leide, weil es kein Brot habe, soll sie geantwortet haben: „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen…“ 


Sie müssen sich zwingen! Essen Sie Kuchen! Ob es die Frau aus der Anekdote je gegeben hat? Wahrscheinlich nicht. Marie Antoinette war Königin. Sie war eine schöne Frau, eine habsburgische Prinzessin. Sie starb 1791 auf der Guillotine. Ob der Ausspruch, der ihr da in den Mund gelegt wurde, wirklich von ihr stammt, ob sie ihn wirklich so gesagt hat - auch das weiß ich nicht. Aber es gibt ihn, diesen Ausspruch. Ebenso wie diese Anekdote. Und es gibt Menschen, die sich diese Denkhaltung zueigen machen, die in dem Verhalten der Frau und in dem Satz der Königin erkennbar wird. Es ist Gleichgültigkeit und Gedankenlosigkeit, die sich hier aussprechen, die dazu beitragen, dass die Not anderer noch ein wenig bitterer, das Leid noch ein wenig schlimmer und die Verzweiflung noch ein wenig größer wird. Weil der Bettler in der Anekdote oder das hungernde Volk nicht wahrgenommen, nicht ernst genommen werden. Die Tragödie mag insofern noch etwas größere Ausmaße annehmen, als sich vielleicht weder die reale Marie Antoinette noch die fiktive Frau aus der Geschichte für schlechte Menschen gehalten haben. Beide werden wohl regelmäßig den Gottesdienst besucht, dem Herrgott eine Kerze geopfert und ab und zu ein paar Groschen mehr als üblich in den Klingelbeutel geworfen haben. Und beide waren vielleicht der Meinung, dass es damit auch genug sei. Im Grunde aber haben sie wohl beide die wirkliche Not und das Leid ihrer Mitmenschen nicht wahrgenommen, haben  ihr Herz abgeschirmt und dafür gesorgt, dass es nicht berührt werden kann vom Mitleid. Darin liegt dann wohl ihre Schuld.


Was wohl  Jakobus zu Marie Antoinette gesagt hätte oder zu der Frau aus der Anekdote? Ob es wirklich der leibliche Bruder Jesu war, der diesen Brief geschrieben hat, aus dem unser Abschnitt stammt? Das wird heutzutage stark und mit Recht bezweifelt. Wer auch immer aber die Feder geführt hat - er muss etwas gegen einen vordergründigen und oberflächlichen Glauben gehabt haben. Ein Glaube, der die Augen gegenüber der Not der Menschen verschließt, der sich im „stillen Kämmerlein“ einschließt und im Grunde den Herrgott einen lieben Mann sein lässt. So eine Haltung scheint es auch unter den ersten Christen schon gegeben zu haben, in Jerusalem oder in den Städten der griechischen Diaspora: Hauptsache, ich glaube an Gott, Hauptsache, ich studiere die heiligen Schriften, Hauptsache, ich bete fleißig. Das genügt. Um den Bettler vor der Tür sollen sich andere kümmern, ich bin kein Wohlfahrtsverband.


Jakobus widerspricht dieser Haltung:  „Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und Mangel hat an täglicher Nahrung  und jemand unter euch spricht zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat – was hilft ihnen das?“ Kann man es deutlicher sagen? Ein weiteres Zitat fällt mir in diesem Zusammenhang ein - aus einer unseligen und gnadenlosen Epoche unserer Geschichte. „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen!“ Dieses Wort stammt von Dietrich Bonhoeffer. Mit diesem Wort hat er Partei ergriffen für Menschen, die um ihres Glaubens willen verfolgt wurden. Gemeint ist: du kannst dich nicht von der Welt abschotten, fromme Lieder singen, dich in erbaulichen Gedanken verlieren und darüber vergessen, dass Menschen um ihres Glaubens willen verfolgt werden. Du kannst nicht so tun, als ob dich die Not der anderen nichts anginge. Gerade in diesen Tagen, nachdem ein antisemitischer Attentäter versucht hat, in eine Synagoge einzudringen, um dort ein Blutbad anzurichten, müssen wir wieder für die Juden schreien. Wir schreien damit auch für uns, um unser Leben. Wir schreien zu Gott und wir zeigen damit, dass uns nicht egal ist, was mit unseren Mitmenschen geschieht. Wir schreien um Hilfe. Aber wir schauen nicht weg. Wir schweigen nicht zum Unrecht. Und wenn wir uns dann, wie wie viele das getan haben, vor einer Synagoge versammeln, Lichter anzünden, singen und beten, dann tun wir etwas. Wir leben unseren Glauben. Wir geben ihm eine Stimme und ein Gesicht. Unser Gesicht.


Der Glaube will sichtbar werden in der Liebe zum Mitmenschen, in der Zuwendung zum Schwachen, er will laut werden im Trost, den wir dem Traurigen zusprechen und er will erfahrbar werden in der Nähe, in der Mitmenschlichkeit, mit der wir uns dem zuwenden, der Hilfe braucht, in der Solidarität. Deshalb sagt Jakobus: „.. wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.“


Glaube und Werke, Glaube und gelebte Liebe gehören zusammen. Vielleicht sind wir immer wieder in der Gefahr, das zu vergessen. Wie gut, dass uns Jakobus das in Erinnerung ruft. Und wie gut, dass sein Brief in der Bibel steht, wenn auch ganz weit hinten. Dorthin hat ihn Martin Luther einst verbannt. Eine „stroherne Epistel“ hat er diesen Brief genannt, weil er offenbar den Einsichten zutiefst widerspricht, die Martin Luther und die Reformatoren uns ans Herz legen: dass wir allein aus Glauben gerechtfertigt werden. „Es ist das Heil uns kommen her, / von Gnad und lauter Güte; / die Werk, die helfen nimmermehr, / sie können nicht behüten. / Der Glaub sieht Jesus Christus an, / der hat für uns genug getan / er ist der Mittler worden.“  (EG 342,1) Wie gerne singe ich dieses Lied. Es spricht aus, was ich glaube, von Herzen glaube. Wenn es um mein Seelenheil geht, brauche ich nichts mehr tun. Da hat Christus alles für mich getan. Wenn es um meinen Nächsten geht, habe ich eine Menge zu tun. Denn den Nächsten legt mir Gott ans Herz, als Bruder und als Schwester. Die Ermahnungen im Jakobusbrief sehe ich deshalb nicht als Konkurrenz zum Glauben der Reformatoren, zu unserem evangelischen Glauben, sondern als wohltuende Korrektur, als Warnung vor einem oberflächlichen und herzlosen Glauben. 


„Glaube ist eine lebendige, verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade, so gewiss, dass er tausendmal dafür sterben würde. Und solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher Gnade macht fröhlich, trotzig und lustig gegen Gott und alle Kreaturen; das wirkt der heilige Geist im Glauben!“ Dieses Wort Martin Luthers steht im Gesangbuch direkt unter dem Lied, aus dem ich gerade zitiert habe. Dieser Glaube ist lebendig, drängt zur Tat, zum Leben. Nicht umsonst vergleicht Martin Luther in Anlehnung an ein biblisches Gleichnis (Matthäus 7,18) das Verhältnis von Glauben und Werken mit den guten und schlechten Früchten eines Baumes. Ein guter Baum bringt gute Früchte. Der Baum bringt die Früchte hervor. Gute Werke kommen aus dem Herzen, das von Gottes Geist berührt wird, sie werden sichtbar in den Handlungen und Taten der Menschen, die sich von Gott bewegen lassen. Sie schöpfen dazu Kraft aus dem Glauben, aus dem Gebet und sie werden aktiv in der Liebe. Deswegen schließt sich beides nicht aus - das aktive Leben, fröhlich, trotzig und lustig gegen Gott und alle Kreatur…“ und doch in dem Wissen, dass ich alles, was ich habe, Gott verdanke, der sich mir in Jesus Christus liebevoll zuwendet und der mir um Christi willen gnädig ist. Und so kann ich dann auch singen und beten: „Die Werk, die kommen gewisslich her / aus einem rechten Glauben; / denn das nicht rechter Glaube wäre, / wolltest ihn der Werk berauben. / Doch macht allein der Glaub gerecht; / die Werk, die sind des Nächsten Knecht, / dran wir den Glauben merken.“(EG 342,17) Amen. 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 20.10.2019