Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)



Die aktuelle Predigt

Grenzüberschreitungen - Predigt zum Wochenspruch Lukas 13,29 am 3. Sonntag nach Epiphanias anlässlicher zweier Taufen 

„Also neben die setz ich mich auf keinen Fall!“ Verärgert hat sie festgestellt, dass ihre erklärte „Lieblingsfeindin“ ausgerechnet ihren Stammplatz in der Kirche eingenommen hat.  „Das hat sie absichtlich gemacht“, denkt sie sich und muss sich jetzt für den Gottesdienst einen anderen Platz suchen. Es stehen genügend freie Bänke zur Auswahl, nur dieser eine halt nicht mehr. „Sie weiß doch, dass ich immer dort sitze…“ denkt sie sich, während sie missmutig die Bändchen für die Lieder im Gesangbuch einlegt, den Euro für die Kollekte hervorkramt und ebenso den Hustenbonbon, den sie vor Beginn der Predigt in den Mund schiebt. Was die alte Feindschaft ausgelöst hat, weiß sie nicht mehr so recht. Aber das stört sie jetzt auch nicht mehr. Eisige Ablehnung hat sich in ihr festgefressen und sie unerbittlich gemacht. Wenigstens im Blick auf diese eine Person. Die taugt nichts. Und ihr Vater hat auch schon nichts getaugt. Da lässt sie nicht mit sich verhandeln. Heute wird das Abendmahl gefeiert. Wenn sie sich jetzt neben ihre Feindin setzt, müsste sie ihr ja beim Friedensgruß die Hand geben. Das geht gar nicht.


Ob sie wohl aufmerkt, wenn sie den Wochenspruch für diesen Sonntag hören wird?  „Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes“ lesen wir beim Evangelisten Lukas. Das war als Mahnung für jene gedacht, die glaubten, dass nur sie ein Anrecht hätten auf einen Sitzplatz an Gottes Tafel, weil sie einem besonderen Volk angehörten. „Bildet euch bloß nichts darauf ein“, höre ich den Evangelisten sagen.  „An Gottes Tisch werden weitaus mehr Menschen Platz haben, als  ihr euch vorstellen könnt. Von allen Enden der Erde werden sie ins Reich Gottes strömen!“  Anschaulich wird das in der Weihnachtskrippe, die in diesen Tagen noch in vielen Gotteshäusern aufgebaut ist. Da knien einfache jüdische Hirten neben vornehmen heidnischen Sterndeutern. Sie werden eins in der Anbetung des Kindes. Die Unterschiede von Bildung, Herkunft , Glauben oder sozialen Status spielen da keine Rolle mehr. Sollte deshalb nicht die Zusage genügen, dass ein Platz an der Tafel Gottes für mich freigehalten wird? Wer sonst noch neben mir sitzt, kann mir herzlich egal sein. Vielleicht werden die anderen ja nicht weniger überrascht sein, mich dort anzutreffen, jemanden, mit dem sie an diesem Ort absolut nicht gerechnet haben? Wäre also der Gottesdienst in dieser Welt nicht ein „Übungsfeld“, um den Sprung über den eigenen Schatten zu wagen? 


Der Sonntag jedenfalls ermutigt dazu. Nicht nur durch den Wochenspruch. Auch das Evangelium, das wir gehört haben, schlägt in diese Kerbe. Es erzählt davon, wie einer über einen Schatten gesprungen ist, wie er  eine Grenze überschritten hat, die nach Meinung vieler Zeitgenossen wohl unüberwindlich galt. Wir haben gehört, wie ein heidnischer Hauptmann, eine stolzer Römer, ein Besatzer, sich in seiner Not an Jesus wendet, einen Juden, den Angehörigen eines unterworfenen Volkes. Wäre es nicht angemessener und standesgemäßer gewesen, wenn er den Wunderheiler einfach zu sich hätte holen lassen? Nein - der Hauptmann macht sich selbst auf den Weg. Es muss ihm schon viel an seinem Diener liegen, dass er diese Mühen auf sich nimmt. Als Jesus ihm antwortet, dass er zu ihm kommen werde, um den Knecht  gesund zu machen, geschieht etwas ungewöhnliches. „Herr, ich verdiene es nicht, dass du zu mir kommst!“ Das sagt der Hauptmann zu Jesus. „Du musst dir nicht die Mühe machen, zu mir zu kommen…“ Der Hauptmann sieht in Jesus einen Menschen auf Augenhöhe. „Ich denke, bei dir ist es so wie bei mir. Wenn ich einen Befehl gebe, weiß ich, dass meine Untergebenen ihn ausführen. Ein Wort von dir mag also genügen, dann wird mein Knecht gesund.“ Was für ein Vertrauensbeweis. Da staunt sogar Jesus. „So einen Glauben habe ich in ganz Israel nicht gefunden!“ sagt er zu den anderen, zu denen, die ihm nachfolgten, den Jüngern und Jüngerinnen. Vertrauen, Glaube und Liebe sind die Brücken, die wir beschreiten, um Gegensätze und Grenzen zu überwinden.


Heute feiern wir die Taufe von zwei Kindern in unserem Gottesdienst. Mit dem Taufwasser werden Grenzlinien ausgelöscht, die sich tief in unser Bewusstsein eingegraben haben und nicht nur dort, auch in unseren Herzen und in unserem Leben. Es mag ja sein, dass Grenzen an sich nicht schlecht sind. Grenzen sind auch dazu da, um Menschen zu schützen. Meistens aber engen Grenzen unser Leben ein, oft werden Menschen ausgegrenzt oder durch Grenzen eingesperrt. Wir selbst haben das ja in unserem Land lange erlebt, wie Familien durch eine Grenze auseinandergerissen und voneinander getrennt wurden. Als Adam und Eva von der Frucht im Paradies gegessen haben, haben sie sich selbst ausgegrenzt. Sie mussten den Garten Eden verlassen. Ein Engel hat seitdem die Pforte zum Paradies bewacht - bis sie sich wieder geöffnet hat. Diese Grenzöffnung haben wir an Weihnachten gefeiert.„Heut schließt er wieder auf die Tür, zum schönsten Paradeis, / der Cherub steht nicht mehr herfür, / Gott sei Lob Ehr und Preis…“ haben wir an fröhlich gesungen.   Die Grenzen, die durch Adam und Evas Schuld gezogen wurden, sind überwunden worden. Gott hat den Himmel verlassen. Er ist Mensch geworden, um unter uns zu sein, um uns nahe zu sein. Er selbst hat diese Grenze überwunden. Die Grenze zwischen Gott und Mensch, zwischen Himmel und Erde, die Grenze von Tod und Leben. Gottes Liebe überwindet die Grenzen, an die wir bis heute immer wieder stoßen, unter denen wir leiden. In der Taufe spricht Gott jeden persönlich mit Namen an. So wird die unendliche Distanz zwischen Gott und Mensch überwunden. Gott wendet sich dem Menschen zu. Er sagt: du sollst einen Platz haben - schon jetzt in meinem Herzen und dereinst an meinem Tisch in meinem Reich. Du sollst einer von denen sein, die zu mir kommen von Osten und Westen, von Norden und Süden. Das Tischkärtchen mit deinem Namen ist aufgestellt. Das gilt für jeden von uns. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mich freut dieser Gedanke. Was auch immer geschehen wird, welche Wege mich mein Leben auch führen wird, wohin es mich auch immer wieder einmal verschlagen wird, ich habe ein Ziel, einen Ort, an den ich hingehöre, wo fest mit mir gerechnet wird: das ist der Platz an der Tafel Gottes, das ist das Leben in der Nähe Gottes.


Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Sünden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes - was für ein Bild. Ermutigung und Mahnung zugleich. Ich stelle mir vor, wie von allen Seiten, aus allen Himmelsrichtungen die Menschen sich auf den Weg machen, hin zu Gott. Wie groß muss doch diese Tafel sein, damit alle dort ihren Platz finden. Was macht sie dafür würdig? Es ist die Liebe, die in Jesus Christus Gestalt angenommen hat. Sie macht uns himmelstauglich. Die Weihnachtsgeschichte erzählt von dieser Liebe. Sie hat ihren Weg zu uns gefunden. Gott hat uns Zeichen der Hoffnung gegeben hat, damit wir die alten Grenzen hinter uns lassen. Da war ein Stern, heller als die anderen am Himmel. Er hat die Menschen zur Krippe geführt. Hier leuchtet Gottes grenzüberschreitende Liebe auf. Hier können wir uns neu wahrnehmen als Kinder Gottes, als Schwestern und Brüder, als Teil einer großen Familie. Lassen wir uns in Bewegung setzen von der Liebe Gottes. Gehen wir unseren Weg zusammen mit den Menschen, die wie wir unterwegs sind, den Großen und den Kleinen. Wir haben ein gutes Ziel vor Augen. Das Ziel heißt: Familienzusammenführung. Gemeint ist die große Familie Gottes, die sich um den Tisch im Reich Gottes versammeln soll. Die Familie Gottes, in die wir durch die Taufe aufgenommen wurden. Amen.


 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 26.1.2020


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