Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigt & Co

Auf dieser Seite finden Sie die aktuelle Predigt. Andachten oder den jüngst erschienenen Artikel aus meiner Feder finden Sie unter dem Menüpunkt "Gerade aufgeschrieben".  Die Predigten stehen in der Regel eine Woche als Download zur Verfügung. Diese Seite wird regelmäßig aktualisiert. Ältere Publikationen finden Sie im Archiv.


Sieghafter Glaube - Predigt am über 1. Joh. 5,4c und Mt.15,21-2 am 17. Sonntag nach Trinitatis anlässlich einer Jubelkonfirmation

Und Jesus ging weg von dort und entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon.

Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde. 

(Lutherbibel 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft Stuttgart)


„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat!“ Mit diesem Wort aus dem 1. Brief des Johannes gehen wir in die 17. Woche nach Trinitatis. Mich begleitet eine Frage, ein leiser Zweifel. Ist das wirklich so? Ist mein Glaube tatsächlich sieghaft? Wie oft mache ich gerade gegensätzliche Erfahrungen? Wie oft muss ich mich arrangieren, Kompromisse schließen! Wie oft kommt mein kleiner Glaube dabei ins Wanken?  Täglich stellt sie Ansprüche an mich - diese  Welt!  Sie steht hier für eine Macht, die mich bedrängt, die Einfluss auf mein Leben und Denken nehmen will. Sie nimmt Gestalt an, wird konkret im Alltag - verlockend, bedrängend, fordernd zuweilen. Die „Welt“ will mir einreden, was wichtig ist und was nicht. Sie flüstert mir zu, dass  der Glaube in Wahrheit etwas für Gutmenschen und Warmduscher ist - für Weltfremde eben. Die kann man  belächeln. Ernstnehmen muss man sie nicht. Die Welt sagt, an erster Stelle steht der Erfolg, das persönliche Wohlergehen, durchaus auch auf Kosten der anderen, wenn es sein muss. Es gilt, was mir nützt.  Die Welt setzt auf Zahlen. Deshalb folgt morgens auf die Nachrichten der Börsenbericht und kein Bibelwort. 

Heute feiern wir Jubelkonfirmation - die „jüngsten“ haben vor einem viertel Jahrhundert, die ältesten, wenn ich das mal so sagen darf, schon vor siebzig Jahren versprochen, unter Jesus Christus, ihren Herrn, zu leben und im Glauben zu wachsen. Und dann sind sie in die Schule des Lebens gegangen - und haben die Welt kennengelernt, ihre schöne Seite, aber auch die hässliche. Die schöne Seite - heranzuwachsen, sich das Leben zu erschließen, Freundschaften zu pflegen, einen Partner zu finden, mit dem man das Leben teilen möchte, Kinder zu bekommen und heranwachsen zu sehen und vieles mehr. Die andere Seite der Welt gibt es auch. Die Enttäuschungen, die Entfremdung, Misserfolge, Brüche, Trennungen und Tod. Und zwischen die beiden Polen, zwischen Hoch und Tief, zwischen Erfolg und Niederlage soll sich der Glaube bewähren, soll der Glaube die Oberhand behalten. Was für eine Herausforderung. Manchmal scheint die hässliche Seite die Oberhand zu behalten, manchmal scheint nicht der Glaube die Welt, sondern die Welt den Glauben bezwungen zu haben. Dann könnte man resignieren. Alles nur schöner Schein? Ist alles, was in der Kirche gesagt wird, nur eine Sonntagsrede? Und in der Welt herrschen die anderen Gesetze?

Das Wort aus dem Johannesbrief und das Evangelium, das wir gehört haben, widersprechen dieser resignierende Zusammenfassung. „Unser Glaube ist der Sieg“ sagt Johannes. Und er fügt nicht „möglicherweise“ hinzu. Im Gegenteil. Unser Glaube ist der Sieg, weil nicht auf die eigene Kraft, die eigenen Möglichkeiten, die eigene Leistung  setzt. Der Glaube setzt auf ein Wort - auf Gottes Wort. In Jesus Christus ist es zu uns Menschen gekommen, ist es Person geworden. Dieses Wort lehrt andere Werte, als die, die in der Welt gelten. Der Glaube kennt den Widerspruch aber nicht die Niederlage, er ist hartnäckig. Der Glaube ist wie die Frau aus dem Evangelium. Sie hat eigentlich mit Jesus nichts am Hut. Sie geht nicht in die Kirche, sie ist nicht fromm im landläufigen Sinn. In den Augen der Gottesfürchtigen ist sie eine Heidin. Sie kommt aus einer Gegend, über die fromme Juden bestenfalls die Nase rümpfen. Aber diese Frau hat ein Herz. Und in diesem Herz wohnt die Liebe zu ihrer Tochter. Und diese Liebe ist stärker als ihr Stolz. Stärker als alle Dünkel und Vorurteile. Diese Liebe wagt es, die Grenzen zu überschreiten. Deshalb macht sie sich auf den Weg, dorthin, wo sich Jesus aufhält. Sie hat von ihm gehört. Sie weiß, dass er Kranke heilen, Tote ins Leben zurückholen und Besessene von ihren Dämonen befreien kann. Und deshalb ist er der, der ihrer Tochter helfen kann. Denn die wird, so schreibt das Evangelium, „von einem bösen Geist übel geplagt“ Und nichts und niemand scheint ihr helfen zu können. Also geht sie zu Jesus. Das lernen wir von der Frau: der Glaube nimmt Zuflucht zu Jesus. Er überlegt erst nicht, er zaudert nicht, er sieht den Helfer und er rennt zu ihm hin. So stelle ich mir die Frau vor. Sie läuft sich die Füße wund, um zu dem zu kommen, der helfen kann. So nimmt der Glaube Gestalt an. Er lässt sich nicht gefangen nehmen von der Not, lässt sich nicht einfangen von Phrasen wie: „Da kann man ja eh nichts machen“ oder „Ich bin nicht fromm genug, Jesus, das ist nur was für die ganz heiligen“. Der Glaube lässt sich sagen, wo die Hilfe zu finden ist - und dann geht er dort hin. „Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ ruft die Frau und benennt die Not. So schafft sich der Glaube Gehör: er spricht aus, was bedrückt und bedrängt. Wir können dieses Aussprechen oder Hinausschreien der Not auch Beten nennen. Das ist nicht immer nur ein Aufsagen von gelernten Worten wie dem Vaterunser. Das kann sich Bahn brechen in einem flehentlichen Hilferuf, in einem Stoßseufzer. Glauben Sie mir, er findet seinen Weg ans richtige Ohr und ins richtige Herz, er findet seinen Weg zu Jesus, auch wenn es zunächst nicht so aussieht. Der Glaube, der die Welt überwindet, lässt sich nicht entmutigen. Auch das lehrt uns die heidnische Frau, die um ihr Kind kämpft. Den die hört zunächst eine recht unfreundliche Antwort aus dem Munde Jesu: „Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde….“ Mir verschlägt es da immer die Sprache, wenn ich diese Antwort höre. Der Jesus, an den ich glaube, ist anders. Der sagt: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!“ Der gießt einem hilflosen Menschen keinen Eimer Wasser über den Kopf. Aber genau das geschieht doch in der Geschichte. Eine brüske Abweisung, unfreundlicher geht’s nimmer. Oder? Aber die Frau lässt sich nicht entmutigen. Ob Jesus sie eigentlich nur prüfen will? Ob er sehen will, wie ernst ihr der Glaube ist. Kommt sie zu ihm, weil sie wirklich der Überzeugung ist, dass er und nur er helfen kann? Oder spricht sie ihre Bitte nur aus, um sich alle Eisen im Feuer heiß zu halten, etwa nach dem Motto: „Es kann ja nicht schaden, vielleicht hilft’s ja.“ Aber das wäre dann keine Glaube. Damit würde Jesus auch missbraucht. Man würde ihn zum Wunderheiler degradieren, wie es tausende gegeben hat und vielleicht auch noch gibt. Jesus ist kein Wunderheiler. Er ist der Retter, der Messias. Der Glaube, der die Welt überwindet, erkennt das, wer Jesus in Wahrheit ist - und bleibt deshalb beharrlich. Der Glaube bittet nicht nur um Hilfe, er bekennt auch, was er glaubt. Und das macht die Frau. Sie demütigt sich nicht, wie manche meinen könnten. Sie macht sich nicht klein, damit ihr geholfen wird. „Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen!“ Damit räumt sie ein, dass sie im Grund kein Anrecht auf Hilfe hat. Vielleicht vergessen wir das im Alltag immer wieder. Wie oft höre ich den Vorwurf: „Womit hab ich das verdient? Warum straft mich Gott?“ Menschen, die das sagen, haben oft etwas Schlimmes erlebt und deuten das als Strafe. Im Grunde sind sie aber auch der Meinung, dass sie etwas Besseres verdient haben. Und - so menschlich verständlich dieser Gedanke auch ist, er führt in die Irre. Hilfe, Zuwendung, Rettung und am Ende das Heil, wir haben nicht verdient. Das ist die große Zumutung, die Gott uns abverlangt: er verlangt von uns Demut. Wir haben das Heil nicht verdient. Es wird uns geschenkt. Im Bild vom Evangelium gesprochen: es wird uns zugeworfen, wie die Brotstücke den Hunden zugeworfen werden. Ein Anrecht darauf haben wir nicht. Ich bin mir im Klaren, dass das kein schöner und erst recht kein erbaulicher Gedanke ist. Er macht uns Menschen kleiner, als wir selbst uns sehen. Aber er enthält doch auch etwas, das uns entlastet. Wenn uns etwas Schlimmes widerfährt, wenn das Leben anders verläuft, als wir es gerne hätten oder geplant haben, dann ist das keine Strafe für ein Fehlverhalten. Es geschieht, weil wir in einer Welt leben, in der schlimme Dinge eben geschehen. Wir werden daran erinnert, dass wir zu den Bedürftigen gehören, dass wir in dieser Welt angewiesen sind auf Heil und Rettung. Wenn es uns gut geht, vergessen wir das oft. Wir nehmen das Gute oft als selbstverständlich hin.  Wenn es uns schlecht geht, gehen uns die Augen auf und wir erkennen, wer wir wirklich sind –  hilflose Menschen, angewiesen auf Gnade und Barmherzigkeit, wie die Hund auf die Brotstücke vom Tisch der Herren. Es gibt Menschen, die sind damit nicht einverstanden. Die verübeln das Gott und ziehen sich zurück. Manche vereinsamen in ihrer Not. Die Frau im Evangelium ist anders. Sie denkt an ihre  Tochter. Und deshalb lässt sie sich nicht abweisen. Sie bleibt beharrlich in ihrer Bitte. So wird sie uns zum Vorbild, wie der Glaube sich äußert, der Glaube, der uns durch die Misserfolge, die Niederlagen, die Durststrecken im Leben hindurchdrängt. Er trägt, indem er sich ausstreckt nach dem einen, der helfen kann. Er hält sich beharrlich fest an einem Namen, der uns Trost und Rettung bedeutet, an Jesus Christus.

Am Ende bekommt die Frau Recht - und zwar von Jesus selbst: „Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst.“ Ich vertraue darauf, dass Jesus diese Worte auch zu uns sagen wird. Er mutet uns Durststrecken zu. Er mutet uns Wartezeiten zu, vielleicht auch wundgelaufene Füße oder heißer geschriene Kehlen, er wartet darauf, dass wir zu ihm kommen, er wartet auf unser Gebet. Aber am Ende wird er uns aufrichten. Unsere Niederlagen, unser tägliches Versagen – wir können es vor ihn bringen. Am Ende hat er selbst alle Not auf sich genommen und am Kreuz ausgestanden, hat überwunden, was uns von ihm trennt, was uns vom wahren Leben abhält. Ein Zeichen hat er uns gegeben, an das wir uns halten können - in guten Zeiten zur Erinnerung und in schlechten Zeiten zum Trost. Ein Zeichen, das von seiner Nähe erzählt, vor allem im Leid. Das ist das Kreuz. Dort nämlich geschieht die Wandlung vom Verlierer zum Sieger. Am Kreuz erfolgt die Umwertung. Christus selbst hat sich am Kreuz erniedrigt - und doch mit seinem Sterben alle lebensverneinende Kräfte und Mächte überwunden. „Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst!“ sagt Jesus zur Frau. Was sie geantwortet hat, erfahren wir nicht. Nur, dass die Tochter gesund wurde, erfahren wir, dass ihr Einsatz also nicht vergeblich, ihr Glaube stark genug war. Das macht uns Mut, unser Leben im Glauben zu führen. Schauen wir auf die Frau im Evangelium. Lassen wir uns von ihrem Mut, ihrer Beharrlichkeit, ihrem Glauben berühren. Dann gilt auch für uns: „unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, 23.9.2018, Altenstein