Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigt & Co

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 Vom Tag des Heils, der Zeit der Gnade und dem Licht, das uns leuchtet. Predigt zum Drittletzten Sonntag im Kirchenjahr 

Die Uhren ticken wieder anders. Seit zwei Wochen schon. Die Zeit ist umgestellt. Es ist Winterzeit. Das bedeutet: es wird früher dunkel. Allein die Temperaturen verweigern sich noch, bleiben beharrlich herbstlich-mild, statt frühwinterlich nasskalt zu werden. Wir sind erstaunt: schon wieder November. Wir sind im im vorletzten Monat des Jahres angekommen. War nicht erst Sommer? Wie fühlen wir uns, wenn sich der Wandel der Zeit bemerkbar macht? Spüren wir, wie die Uhr tickt? Ich meine Lebensuhr? Ich stelle sie mir als  eine Sanduhr vor. Der obere Teil ist angefüllt mit unserer Lebenszeit. Der schmale Hals ist die Gegenwart. Der „Bauch“ ist die Ewigkeit. Unaufhörlich rinnt, der Sand mit unserer Lebenszeit von der oberen Hälfte durch den schmalen Hals in die untere. Wenn wir merken, wie der obere Teil immer leerer wird, erschrecken wir. Und ebenso, wenn wir die Jahreszeiten mit Lebensabschnitten vergleichen und dann erkennen: wir stehen nicht mehr in der Blüte, nicht mehr in der Mitte des Lebens, nicht mehr im Sommer. Wir sind im Herbst angekommen. 


Der Herbst hat aber doch auch seine schönen Seiten, könnte man trotzig einwenden. Wer wollte das bestreiten? Wir denken dabei an den „Altweibersommer“ und schmunzeln über diese wenig charmante Bezeichnung. Wir denken an buntes Laub, an flatternde Drachen im Herbstwind und freuen uns am reifen Wein, der golden in den Gläsern funkelt.  Ein Herbstgedicht von Eduard Mörike beschreibt die schöne Seite des Herbstes, die noch die Erinnerung an den Sommer in sich trägt: „Im Nebel ruhet noch die Welt, / noch träumen Wald und Wiesen: / bald siehst du, wenn der Schleier fällt, / herbstkräftig die gedämpfte Welt / im warmen Golde fließen.“ Septembermorgen heißt das Gedicht. Sicher mussten Sie es auch in der Schule auswendig lernen, so wie ich. Deshalb löst es bei mir gemischte Gefühle aus – ebenso wie die Jahreszeit, die es beschreibt. Ich freue mich einerseits an den Bildern, die den Septembermorgen beschreiben. Doch zugleich rufen ausgerechnet diese Zeilen bei mir Erinnerungen an meine Schulzeit hervor, die mir weniger gefallen. „Septembermorgen“ – bei den Versen sehe ich nicht nur die Schönheit des Herbstes, sondern immer auch unseren strengen Herrn Lehrer vor mir, der diese Zeilen abgefragt hat:  wehe, du hast ein Wort vergessen, dich beim Aufsagen verhaspelt und die Schönheit der Verse zerstört!  


Mit dem Herbst geht es mir ebenso. Er hat zwei Seiten, er löst unterschiedliche Stimmungen aus, die Freude an den schönen Seiten dieser Jahreszeit und auch die bitteren Einsichten. Ist der Herbst nicht trotz aller Schönheit der Anfang vom Ende? Bringt der Herbst mit der früh einsetzenden Dunkelheit nicht auch die Erinnerung an die Vergänglichkeit all dessen, was man festhalten möchte?  Wie kann man zurechtkommen mit diesen vielfältigen Lebenserfahrungen? Mit Schönheit und Vergänglichkeit, mir Freude und Leid? Früher hat man in der dunklen Jahreszeit Kerzen angezündet und ins Fenster gestellt. Sie trugen ihr Licht in die Nacht, wiesen dem Wanderer dem Weg, erzählten vom Leben und warmen Stuben, vielleicht auch von Gastfreundlichkeit, einer warmen Mahlzeit und einem Bett für die Nacht.  


Wo Licht ist, ist Hoffnung, ist Leben – davon erzählt das Licht der Kerzen. Auch heute noch, wo das Kerzenlicht durch LEDs ersetzt wird. Wenn wir an Lebensschwellen treten, geben wir uns Kerzen mit auf dem Weg. Kinder bekommen eine Taufkerze, ganz am Anfang des Lebensweges. Auch Brautleuten wird am Tag ihrer Hochzeit eine Kerze geschenkt.  Die soll sie daran erinnern, dass sie nicht alleine sind auf ihrem gemeinsamen Weg ins Leben. Am Ewigkeitssonntag zünden wir Kerzen für die Verstorbenen an. Die Erfahrung der Endlichkeit müssen die Menschen nicht mehr fürchten. Das Licht dieser Kerzen erzählt von dem, was ewig ist, was bleibt in allem Wandel. Sie erzählen von Christus, dem Licht der Welt. Sie erinnern an sein Versprechen: „Wer mir nachfolgt, wird nicht im Finstern bleiben, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ Gewiss: Schatten können weiterhin  auf den Weg fallen. Enttäuschungen kann es weiterhin geben. Gefahren lauern auch weiterhin in der Dunkelheit.  Aber das Licht wird dafür sorgen, dass man seinen Weg findet. Das Licht lässt mich nicht nur die Gefahren sehen, die Stolpersteine auf dem Weg. Mit dem Licht sehe ich auch die Hilfestellungen, die es gibt: den Wegweiser, der die Richtung anzeigt, den Weggefährten, der mit mir geht. Dieses Licht sorgt für die Verwandlung, es trägt die Farbe dorthin zurück, wo die Nacht alles dunkelgrau erscheinen lässt. Es sorgt dafür, dass auch die von der Vergänglichkeit gezeichnete Welt wieder bunt wird. Es ist die Hoffnung, es ist der Glaube und vor allem die Liebe, die uns lehrt, auch in der vergänglichen Welt die Zeichen der Zeit wahrzunehmen. „Jetzt ist die Zeit der Gnade. Jetzt ist der Tag des Heils.“ Jetzt, am Ende des Jahres, wenn die Uhren wieder anders ticken, die Welt dunkler wird, jetzt leuchtet das Licht auf. Jetzt begegnet uns Christus, das Licht der Welt. Jetzt erst recht.


Sein Licht erzählt von der Hoffnung, die wir haben und die unvergänglich ist. Hoffnung, wie sie Jesus Christus den Menschen geschenkt hat, als er ihnen die Botschaft von Gottes Reich verkündet hat, als er mit den Sündern zu Tisch saß, als er die Kinder gesegnet, die Kranken geheilt, Tote ins Leben zurückgerufen hat. Da konnten die Menschen eine Ahnung von dem Leben bekommen, das Gott ihnen schenken will. Einen besonderen Grund zur Freude haben wir – und der wird von keiner Dunkelheit mehr verschluckt. Christus verspricht, bei uns zu sein. „Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Welt.“ Diese Zusage macht der Auferstandene seinen Jüngern. Mit diesen Versprechen sendet er sie in die Welt, gibt er ihnen einen Auftrag. Sie sollen sein Licht in die Welt hineintragen. Sie sollen die Gute Nachricht zu den Menschen tragen. Sie sollen die Menschen taufen und einladen zu einem Leben im Schein des Lichtes, in der Gemeinschaft mit Jesus, dem Auferstandenen. Er ist Grund unserer Hoffnung. Die Lebens-Zusage Jesu gilt: "Ich lebe und ihr sollt auch leben!" Das wahre Leben ist gemeint, das ewige Leben, das Christus uns schenkt. Es beginnt schon jetzt, in unserer vergänglichen Welt. Es beginnt jetzt, wenn wir sein Licht in unsere Herzen lassen, wenn wir sein Wort hören und aufnehmen. Und deshalb brauchen Christen die Zeitumstellung nicht zu fürchten und auch nicht die Dunkelheit, nicht den Herbst und den Winter des Lebens, nicht die Schnelllebigkeit und Vergänglichkeit.  

„Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende…“ schreibt der Prediger Salomo. Die Ewigkeit erwartet uns nicht erst am Ende, wenn das letzte Sandkorn durch die Lebensuhr gerieselt ist. Wir tragen sie längst im Herzen. Sie leuchtet auf, wenn Menschen ihre Hoffnung auf Jesus Christus setzen, wenn das Licht, das Gott in diese Welt gesetzt hat, in uns zu leuchten beginnt. Wenn wir es wahrnehmen, leben wir in der Zeit der Gnade. Dann ist der Tag des Heils für uns angebrochen. Amen. 

11.11.2018