Predigt & Co

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Auf einem guten Weg - Predigt über Matthäus 2,1 -12 am Dreikönigstag 

Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten. Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1):  »Und du, Bethlehem im Lande Juda, bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Judas; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.« Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr's findet, so sagt mir's wieder, dass auch ich komme und es anbete. Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und da ihnen im Traum befohlen wurde, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem andern Weg wieder in ihr Land.(Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

 

Erinnern Sie sich noch an die Mondfinsternis Ende Juli des vergangenen Jahres? Da war es so heiß, dass man bis weit nach Mitternacht auf dem Balkon, auf der Terrasse oder im Garten sitzen und in den Himmel schauen konnte. Ein interessantes Schauspiel hat sich da in dieser Hochsommernacht vor unseren Augen abgespielt. Wer lange genug aufgeblieben ist und Geduld hatte, konnte zusehen, wie sich der weiße Mond allmählich rötlich gefärbt hat. „Blutmond“ nennt man das Schauspiel in der Umgangssprache. Ein etwas schauerlicher Name für ein wunderbares Spektakel. Nach wenigen Stunden war es vorbei. 

 

Die Weihnachtsgeschichte erzählt von Menschen, die ebenfalls in der Nacht den Blick zum Himmel erhoben haben, um den Lauf der Gestirne zu beobachten.  Ich denke an die Weisen, die der Volksglaube zu Königen gemacht und ihnen Namen gegeben hat: Caspar, Melchior und Balthasar. Die Namen stehen nicht in der Bibel. Wir wissen nicht einmal, wie viele es tatsächlich waren, die sich auf den Weg nach Bethlehem gemacht haben. Es handelte sich um gelehrte Sterndeuter, von denen die Schrift erzählt. „Magier“ nennt sie das griechischen Neuen Testament. Vom Orient aus haben sie sich auf dem Weg gemacht, aus dem Morgenland sind sie gekommen lesen wir in der Lutherbibel. Ich stelle mir vor, wie sie in ihrer Heimat aufmerksam die Zeichen studiert haben, die sie am Himmel wahrnehmen konnten und wie sie das, was sie gesehen haben, mit den heiligen Schriften, den Dokumenten ihres Glaubens und ihres Wissens abgeglichen haben. Da haben sie wohl erfahren, dass der Welt eine unglaubliche Zeitenwende bevorsteht. Einen Stern haben sie am Himmel gesehen, heller und größer als alle anderen Sterne. Der weist sie auf etwas hin. Ein König sollte geboren werden. Ein Herrscher, der alles in den Schatten stellen würde, was man damals von einem guten Herrscher erwartet hatte. Im jüdischen Land sollte er geboren werden. Die Sterne lügen nicht, dachten die Könige und haben sich auf den Weg gemacht.

 

Heben wir auch manchmal den Blick zum Himmel? Nicht nur im Sommer, um eine Mondfinsternis zu beobachten oder um Sternschnuppen zu zählen? Heben wir auch manchmal den Blick zum Himmel, wenn wir traurig oder fröhlich sind, wenn uns Sorgen den Schlaf rauben oder wenn wir nicht weiterwissen. Jeder von uns hat Wünsche, unerfüllte zuweilen. Jeder von uns trägt einen Lebenstraum in sich, den er gerne verwirklichen würde. Wohin wenden wir uns mit der Sehnsucht, die uns antreibt? Wem vertrauen wir sie an?  Suchen wir Zuflucht in der Wissenschaft, weil wir glauben, dass der menschliche Geist alle Probleme lösen und alle Wünsche erfüllen kann? Suchen wir die Antwort auf unsere Fragen in Orakeln und Horoskopen, bei nebulösen Sterndeutern, die mit den Weisen aus der Heiligen Schrift nichts zu tun haben? Oder suchen wir die Antwort bei uns selbst, weil wir meinen, dass jeder selbst seines Glückes Schmied ist? Die Sterndeuter heben den Blick zum Himmel. Von dort erhoffen sie sich die Antwort. Von dort, so glauben sie, kommt das Heil, die Rettung. 

 

Mir gefällt an den Weisen, dass sie beides sind: fromme und gescheite Leute. Sie nutzen die Möglichkeiten, die ihnen gegeben sind. Glaube und Wissenschaft schließen sich nicht aus. Gottes Wort, die heiligen Schriften, aus denen sie ihren Glauben schöpften und ihre Forschung, ihre Studien, denen sie ihr Wissen verdankten, beides ergänzt sich. Die Sterndeuter machen sich auf den Weg.  Mir imponiert die Demut dieser edlen und gescheiten Leute. Zur Demut gehört, dass man nach dem Weg fragt. Sie kommen nicht auf direktem Weg ans Ziel, obwohl sie doch den Stern am Himmel gesehen haben, obwohl sie die Zeichen richtig gedeutet haben. Sie gehen zuerst nach Jerusalem, suchen den neugeborenen König dort, wo ihn der gesunde Menschenverstand vermutet: in einem Palast. So führt sie ihr Verstand zunächst in das Schlangennest von Jerusalem, an den Hof des Königs Herodes. „Wo ist der neugeborene König der Juden!“ Mit dieser einfachen Frage bringen sie den König und seine Hofschranzen aus der Fassung. Denn die Schriftgelehrten des Herodes müssen bestätigen, was die gelehrten Heiden längst wissen, dass die Geburt des Erlösers bevorsteht. Aus Bethlehem soll er allerdings kommen, nicht aus Jerusalem! Was für eine Herausforderung. Feinfühlig waren sie, die Könige und hellhörig. Sie durchschauen das falsche Spiel, das König Herodes mit ihnen trieb. Er wollte ja, dass sie ihm verraten, wo das Kindlein zu finden sei, um es dann aus dem Weg zu räumen. Sie hören nicht auf ihn. Sie hören auf eine andere Stimme. Sie hören auf Gottes Wort. Sie hören auf ihr Bauchgefühl. Sie hören auf ihre Träume. Im Traum wird er zu ihnen sprechen und sie werden auf einem anderen Weg wieder in ihre Heimat zurückkehren. Und sie achten auf die Zeichen, die Gott ihnen gibt. Sie schauen auf den Stern und sind hocherfreut. Auch, wenn das Ziel an einem ganz anderen Ort liegt, als sie es vermutet hatten.

 

Das Ziel ihres Wegs wird ein Stall sein. Dort, wo normalerweise Ochs und Esel ihre Unterkunft haben, finden sie das Kind, das ihr Leben verändert. Hocherfreut sind sie. Der Stern zeigt ihnen, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Können wir uns etwas darunter vorstellen, was das bedeutet, hocherfreut zu sein? Ist das nicht ein Zustand, in dem man die Welt umarmen möchte? In dem alles andere unwichtig wird, in dem nur noch das eine Bedeutung hat, über das man sich von Herzen freut. Bei den Königen war das Kind von Bethlehem die Ursache ihrer Freude. Vor dem knieten sie nieder. Dem haben sie ihre Gaben gebracht: Gold, Weihrauch und Myrrhe - ihre kostbarsten Gaben. Wenn man hocherfreut ist, tritt vieles in den Hintergrund, treten soziale Stellung, Bildung und Herkunft in den Hintergrund. Die Freude vereint die Menschen. Wir sehen das, wenn sich bei einem gewonnenen Fußballspiel wildfremde Menschen in den Armen liegen. Im Stall von Bethlehem werden die Schranken hinfällig, die wir Menschen aufrichten und die uns voneinander trennen: die Stellung, der Beruf, das Volk, die Religion, die Hautfarbe. Vor dem Kind von Bethlehem spielen diese Unterschiede keine Rolle mehr. Vor dem Kind von Bethlehem sind alle eins: Hirten und Könige.

 

Die Weihnachtsgeschichte will uns auf den Weg bringen. Sie macht uns Mut, mit unseren Herzenswünschen nach dem Stern Ausschau zu halten, der uns den Weg weist. Dazu müssen wir den Blick zum Himmel heben, wie das die Sterndeuter getan haben. Der Himmel, ist für mich ein Synonym für den Ort, von dem alles Gute kommt.  Um ans Ziel zu kommen, brauchen wir einen Stern, der uns den Weg weist. Um das Kind in der Krippe zu finden, um den Weg in die Freude zu finden, braucht es die Demut, die bereit ist, dem Stern zu folgen, auf das Zeichen zu schauen, das Gott mir gibt. Sehen wir unseren Stern? Lassen wir uns ansprechen von den Zeichen, durch die Gott heute zu uns spricht? Er rührt unser Herz an. Er spricht uns an durch sein Wort. So wie er zu den Sterndeutern gesprochen hat und wie er übrigens auch zu den Schriftgelehrten am Hof des Herodes gesprochen hat. Die aber haben nur zur Kenntnis genommen, was sie gelesen haben. Sie haben die Botschaft vom göttlichen Kind nicht ins Herz gelassen. Das gehört aber auch dazu: die Botschaft ins Herz zu lassen, die Gott für mich bereithält. Damit der Buchstabe zum Gotteswort werden kann, braucht es den Glauben. Damit seine Botschaft bei mir ankommt, braucht es ein offenes Herz, ein Herz, das auf Empfang steht und sich führen lässt.

 

Am Ende kommen die Weisen ans Ziel. Sie finden das Kind und beten es an. Dann kehren sie voll Freude zurück in ihre Heimat, in ihren Alltag. So wie wir das auch tun. Und doch hat sie die Begegnung mit dem Kind verändert. Es hat sie froh gemacht. Sie haben gefunden, was sie gesucht haben. Sie sind dem Gott begegnet, der so ganz anders ist als die Götter, die man in ihrer Heimat verehrte. Sie sind einem Gott begegnet, der sie anschaut in einem Kind. Es ist ein Gott, der nach anderen Maßstäben handelt, als sie das gewohnt waren. Vielleicht werden sie später gemerkt haben, dass sich ihr Leben durch die Begegnung an der Krippe verändert hat. Es ist heller geworden. Durch die Hoffnung, die sie jetzt haben. Von den Zeichen der Hoffnung habe ich in diesen Weihnachtstagen öfters gesprochen. Von der Krippe und dem Kreuz. Die Krippe ist der Ort der Geburt. Das Kreuz ist der Ort des Todes. Und heute hören wir, dass Gott beide Orte besucht hat und dass Gott an beiden Orten zu finden ist, dass es keinen Ort mehr gibt, der wirklich Gottverlassen ist. Mit diesem Vertrauen können wir in unseren Alltag zurückkehren. Er wird gewiss nicht mehr grau sein. Die Freude, die wir erfahren haben, trägt ihr Licht in den Alltag. Der Stern, dem wir folgen, weist uns den Weg in ein gutes Leben. Amen. 

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 6.1.2019