Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)



Die aktuelle Predigt

Bleiben Sie Zuhause? Predigt über Hebräer 13,12 - 14 am Sonntag Judika 


„Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 


„Bleiben Sie Zuhause!“ Seit geraumer Zeit wird uns dieser Aufruf ans Herz gelegt. Daheim bleiben! Nur nicht ohne triftigen Grund die Wohnung verlassen! Nur nicht unter Menschen gehen! Und wenn es denn sein muss, dann Abstand einhalten, mindestens eineinhalb Meter, eher mehr als weniger. Sogar viele Nachrichtensender blenden in ihre Fernsehbilder links oder rechts oben diesen Merksatz ein. Das sieht dann so aus: „#Wir bleiben Zuhause!“ Es ist  ja auch vernünftig, in der gegenwärtigen Situation jedenfalls. Das Risiko einer Infektion durch das Corona Virus ist zur Zeit sehr groß. Da klingt es wie ein trotziger Widerspruch, wenn uns der Verfasser des Hebräerbriefs auffordert, hinauszugehen. Ist das ein Aufruf zum Ungehorsam? Sollen wir etwa ein Bußgeld riskieren und unsere Gesundheit aufs Spiel setzen und die unserer Mitmenschen? Gewiss ist das nicht gemeint. Es heißt ja schließlich: „Lasst uns zu ihm hinausgehen vor das Lager!“ Gemeint ist Jesus Christus.


Um das besser zu verstehen, müssen wir die Adressaten in den Blick bekommen, an die unser Brief ursprünglich gerichtet war. Viele Ausleger vermuten, dass wir dem Hebräerbrief einem hochgebildeten Christen-menschen jüdischer Abstammung zu verdanken haben. Er muss bestens vertraut mit den Schriften des Alten Testaments gewesen sein und geübt in ihrer Auslegung. Der Brief ist nicht an eine bestimmte Gemeinde gerichtet. Er gilt vielmehr den Christen, die nicht mehr so recht wissen, was sie noch glauben sollen. Viele von ihnen haben sich aus der Gemeinde zurückgezogen, vom Glauben abgewendet. Heute würden wir sagen: sie sind aus der Kirche ausgetreten. Rückzug ist auch eine Art von Hinausgehen. Doch das ist genauso wenig gemeint, wie das andere, die Wohnung ohne triftigen Grund zu verlassen. Gemeint ist ein Standortwechsel des Glaubens. Wir sind aufgefordert, darüber nachzudenken, wo wir im Glauben stehen und wo Christus wohl zu finden ist. Für den Verfasser unseres Briefs ist es klar. Nicht mehr im Lager, nicht mehr in der Stadt, nicht mehr im Tempel findet man Christus, findet man das wahre Leben. Sondern draußen. Vor dem Lager. Vor der Stadt. Bei Christus, dem Gekreuzigten. Wir hören also den Aufruf, unter das Kreuz zu treten. Und das bedeutet, das sichere Lager zu verlassen. 


Das Lager! Der  Begriff erinnert an Zeiten, in denen das Gottesvolk noch unterwegs war. Das Ziel war das Gelobte Land. Das Gottesvolk hat in Zelten gelebt. Das Lager - das darf man sich als Zeltstadt vorstellen. Auch Gott hatte man ein Zelt im Lager aufgebaut und zu einem Teil des Lagerlebens gemacht. Sein Zelt wurde Zelt der Begegnung genannt. Dort war Gott zu finden. Luther nannte es die „Stiftshütte“. Im Lager gab es feste Regeln. Im Lager gab es Sicherheit. Da war das Feuer, an dem man sich wärmen konnte. Das Lager wurde bewacht. Außerhalb des Lagers war der Aufenthalt gefährlich, vor allem in der  Nacht. Es gab wilde Tiere und es gab Menschen, die Böses im Sinn hatten, Räuberbanden und Sklavenhändler. Später hat man sich feste Städte gebaut, mit wehrhaften Mauern und sicheren Toren. Die haben das Lager ersetzt. Jerusalem, die hochgebaute Stadt, hat das Lager ersetzt und der Tempel die Stiftshütte. Die Regeln sind geblieben. Gott war ein Teil des Lebens in der Stadt, im Tempel war er zu finden, dort wurde geopfert, gebetet, dort spielt sich das Leben ab.


Die Christen, an die unser Schreiben zunächst gerichtet war, machten nun eine neue Erfahrung. Es war die Erfahrung, nicht mehr dazuzugehören. Da waren Anfeindungen, Misstrauen und Verfolgungen. Und da war der schleichende Zweifel, ob das den alles stimmt, was man gelehrt wurde. Anfeindungen und Zweifel kann  den standfestesten Christen erschüttern. So wird aus dem Aufruf, das Lager zu verlassen die Aufforderung, das alte Leben zu verlassen, alte Sicherheiten aufzugeben. „Lasst uns zu ihm hinausgehen! Lasst uns zu dem gehen, der aus dem Lager hinausgeworfen wurde und den man vor dem Lager getötet hat. Dort ist unser Platz. Dort gehören wir hin.“ Diesen Rat gibt der Verfasser des Hebräerbriefs den im Glauben müde gewordenen Christen.


„Lasst uns hinausgehen!“ Dort, wo die Christen hingehen sollen, ist es nicht schön. Es ist sogar eklig.  Dort riecht es nach Tod und Verwesung. In Jerusalem wurden vor der Stadt die Kadaverreste der Tiere verbrannt, die im Tempel geopfert wurden. Dorthin sollen sie gehen, an einen Ort, an dem man die Nase rümpft, an dem man an die Vergänglichkeit erinnert wird, an dem das Kreuz steht. Draußen, vor der Stadt ist es aufgerichtet worden. Dort hat man nicht nur die Kadaver der Opfertiere entsorgt. Dort hat man auch die Verurteilten ans Kreuz geschlagen, um sie einen langen und oft qualvollen Tod sterben zu lassen. So, wie ihr Herr ihn gestorben ist. Eigentlich sind diese wenigen Worte aus dem Hebräerbrief nur schwer zu ertragen. Wir hören sie heute, am Sonntag Judika. Das ist der zweite Sonntag, an dem wir Zuhause bleiben und nicht in die Kirche gehen sollen. Er führt uns recht nahe hin zum Höhepunkt oder sollte man sagen zum Tiefpunkt der Passion am Karfreitag.


Das Kreuz, draußen vor der Stadt, ist ein Zeichen des Heils geworden. Es wird zum Zeichen dafür, dass Gottes Herrschaft grenzenlos ist. Sie erreicht auch die Orte und Stätten, an denen des Grauen herrscht und die wir meiden. Dorthin ist Jesus gegangen, um das Volk zu heiligen, lesen wir im Brief an die Hebräer.  Heiligen bedeutet, etwas in den Besitz Gottes zu übergeben, es Gott zu weihen. An einem trostlosen Ort wird die Heiligung vollzogen, geschieht die Übergabe an den Gott des Lebens, geschieht der Besitzwechsel aus der Macht des Todes an die Macht des Lebens. Das Kreuz wird zum Zeichen dieser Herrschaft Gottes über Leid und Tod. Und bis heute trägt es Hoffnung an die Orte der Hoffnungslosigkeit, des Todes, der Verzweiflung. Unser christlicher Glaube kann der Hoffnungslosigkeit etwas entgegen setzen. Es ist die Botschaft vom Kreuz, an der wir uns festhalten, damit uns die Verzweiflung nicht wegfegt. Die Botschaft lautet: dort ist Gott zu finden, dort, wo die Not am größten ist - auf den Intensivstationen, in den Leichenhallen mit den aufgebahrten Särgen, an den Kranken - und  an den Sterbebetten. Es gibt keinen Ort, an dem Gott nicht zu finden ist.


Heute hören wir den Aufruf, dass wir hinaus gehen sollen vor das Lager. Und noch etwas hören wir: dass wir mit Christus die Schmach tragen sollen! Um das zu verstehen, müssen wir darauf schauen, wie Christus behandelt wurde und wie er gestorben ist - als Versager, ausgelacht, gequält und ohne Hoffnung. Alles, was beim Menschen Eindruck hinterlässt, hat man ihm genommen. Nichts ist ihm geblieben. Nichts als der Schrei am Kreuz, der Ruf nach Gott. Es ist diese Schmach der Sprachlosigkeit, die wir auf uns nehmen sollen. Es ist der Verzicht auf Argumente, auf schöne Worte und Erklärungen, auf alles, was Menschen beeindrucken könnte. Nichts bleibt uns. Nur das Kreuz und was es uns sagt: dass Gott uns in dieser Sprachlosigkeit und Verzweiflung nicht allein lässt, dass Gottes Herrschaftsbereich nicht am Grab endet. Nichts haben wir mehr, wenn wir schwach sind, nichts als unser Vertrauen auf Gottes Nähe. Keine Sicherheit bleibt uns, nur die Liebe, nur unser Gebet, nur unsere Hoffnung, nur unser Kreuz, an dem wir uns festhalten. Wenn uns das bewusst wird, dann haben wir das Lager verlassen.


Lasst uns hinausgehen und seine Schmach tragen, seine Hilflosigkeit, seine Schwäche, den Spott und die Schande! Wie können wir das tun, ohne darunter zu zerbrechen? Vielleicht, weil uns die Hoffnung einen Blick über das Grab hinaus werfen lässt? „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die Zukünftige suchen wir!“ Das wird uns gesagt, als Begründung angefügt, als Erklärung, warum wir hinausgehen und die Schmach tragen können. „Wir haben keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir!“ Da gibt es Hoffnung über den Tod hinaus! Mit diesen Worten und in dieser Hoffnung begleiten wir in der Regel unsere Toten auf ihrem letzten Weg von der Leichenhalle auf dem Friedhof zum Grab. Dieses Wort erinnert uns daran, dass das Lager, die Stadt, in der wir unser Leben verbringen, eben keinen Schutz bieten und der Aufenthalt dort schon gar nicht von Dauer ist. Am Ende leben wir immer noch unstet, wie vor langer Zeit unsere Väter und Mütter. Wir  leben in Zelten. Doch wir haben etwas, das uns Mut macht. Es ist die Hoffnung auf die zukünftige Stadt, die ewige Stadt, in der Gott die Tränen von unseren Augen abwischen und in der kein Leid und keine Wehklage mehr sein wird. Wir verlassen das Lager, aber mit einem guten Ziel vor Augen. Die große Herausforderung - auch ohne Corona - Virus - besteht wohl darin, in dieser Spannung zu leben, sie zu ertragen, dieses Wissen, dass es keine Sicherheit gibt, dass unser Leben endlich und verletzlich ist. Wir können damit umgehen, wenn wir auf das Zeichen schauen, das vor allem an den Orten des Todes vom wahren Leben erzählt und von der Hoffnung, die wir bei aller Verletzbarkeit haben. Wir haben das Kreuz, das Zeichen, das Mut macht an den Orten, die nach Tod riechen, die Hoffnung nicht fahren zu lassen. Es ist ein Wegweiser, das Kreuz. Es weist uns den Weg, den wir gehen sollen, wenn wir das Lager verlassen. Es weist uns den Weg in das Leben, das uns von dem geschenkt wird, der am Kreuz den Tod überwunden hat. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, 29.3.2020, Altenstein

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