Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)




Was über dem Wandel bleibt! Predigt über Lukas 21,25 - 33 am 2. Sonntag im Advent 


Jesus sagte: Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres,  und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.  Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an:  wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist. So auch ihr: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist. Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

„Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen!“ sagt Jesus zu seinen Jüngern und heute auch zu uns. „O Weh!“ denke ich mir. Dieses Wort zum 2. Advent kann einem die Vorweihnachtsfreude verderben. Was ich da höre, gefällt mir nicht. Es ist alles vergänglich: der Himmel und die Erde mit allem, was dazugehört, die Schnee, der im Winter die Welt verzaubert, der Regen, der auf die Erde fällt und dafür sorgt, dass unsere Wiesen im Sommer nicht verbrennen, der Mond und die Sterne einer klaren Winternacht, der Glühweinduft auf den Weihnachtsmärkten. Die Vorfreude auf das Fest.  Und wir? Werden wir auch vergehen? 


Der Abschnitt aus dem Lukasevangelium spricht vom Ende der Welt, in der wir uns eingerichtet haben und die uns Heimat geworden ist. Ich denke an mein Leben, das sich unter diesem Himmel und auf dieser Erde abspielt. Ich denke an das Land, in dem ich lebe. Ich denke an das Haus, in dem ich wohne. Es nimmt mich auf, bietet mir Schutz, schenkt mir Heimat. Ich denke an die Menschen, die mit mir zusammenleben, lachen, weinen, beten und arbeiten. Alles nur vorläufig? Alles vorübergehend? Alles endlich: mein Leben, mein Hoffen, die Mühen, die ich mir mache, die Sorgen, die mich plagen, die Freud, die mein Herz erfüllt? Immer weniger gefällt mir der Gedanke, dass über dies alles schon das letzte Wort gesprochen ist: Himmel und Erde werden vergehen!  Ob die Jünger auch den Kopf eingezogen haben bei diesem Wort das doch ein Lebenswort sein soll. Ein Wort, das zum Leben hilft und doch wie ein vernichtendes Urteil klingt?  


„Meister, siehe, was für Steine und was für Bauten!“ sagen sie, als mit ihrem Herrn zusammen den Jerusalemer Tempel verlassen. Dieses Bauwerk – eine Meisterleistung dessen, was Menschen zu Jesu Zeiten mit ihrer eigenen Hände Arbeit erschaffen haben. Der Tempel ist das Herzstück des Glaubens. Hier feiert das Gottesvolk die großen Feste. Hier berühren sich Himmel und Erde. Wo kommt man dem Ewigen näher als im Tempel? Das Gotteshaus der Israeliten ist ein steingewordenes Denkmal für Gottes gnädige Zuwendung und Liebe. Das Urteil Jesu über den Tempel erschüttert die Jünger bis ins Mark. „Nicht ein Stein wird auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde“, sagt Jesus. Und weil es nicht genug ist, wird später noch eins draufgesetzt. Da sitzen sie auf dem Ölberg, dem Tempel gegenüber, die Jünger und ihr Herr. Und was sie zu hören bekommen, gefällt ihnen wohl noch weniger.  Von großen Nöten ist die Rede. Ein Gräuelbild der Verwüstung zeichnet Jesus mit seinen Worten. Jerusalem wird der Verwüstung preisgegeben, die Elemente des Himmels und der Erde geraten aus den Fugen. Ich stelle mir vor, wie mit dem Bild vom zerstörten Tempel auch die letzte Sicherheit preisgegeben wird, auf die der Glaube, die Hoffnung, die Liebe sich bis dahin gründen konnte.


Doch Jesus will uns nicht Angst macht. Er sagt, was Bestand hat, in allem Wandel: meine Worte … werden nicht vergehen!“  Es sind Lebensworte, die Jesus gesprochen hat, über die Menschen. Worte, die Hoffnung schenken und Zuversicht, Worte, die neue Perspektiven eröffnen. Worte vom Leben. Worte wie zum Beispiel: „sei wieder gesund!“ Das sagt Jesus zu dem Aussätzigen, der ihn um Heilung gebeten hat. Oder: „Mädchen, steh auf!“ Das sagt Jesus zu dem Kind, das gerade gestorben ist. „Geh hin und sündige nicht wieder! Ich verurteile dich nicht!“ Mit diesen Worten gibt Jesus der Ehebrecherin eine neue Chance zum Weiterleben. Die Geschichten aus den Evangelien sind Lebens – und Liebesgeschichten. Sie erzählen vom Leben, das Jesus schenkt, weil Gott uns liebt. Und Hinweisgeschichten sind es. Sie weisen hin auf die Neue Welt Gottes, in der die Tränen trocknen werden und Menschen aufleben dürfen.


„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!“ wird uns heute gesagt. Dieses Wort soll uns als Wochenspruch begleiten und Mut machen. Nicht das Ende wird angesagt, sondern die Erlösung. Wir schauen hinter die Bilder vom Untergang. Himmel und Erde werden vergehen, wenn die neue Welt Gottes anbricht. Wir sollen teilhaben an der neuen Welt Gottes. Mitbürger der Heiligen sollen wir sein und Gottes Hausgenossen, sagt der Apostel dazu. An der Seite Jesu konnten die Jünger schon ein Wetterleuchten wahrnehmen, erste Spuren der neuen Welt inmitten der alten, vergänglichen wahrnehmen. Die Wunder Jesu, seine Worte und Zeichen sind ein Wetterleuchten dieser neuen Welt. „Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass jetzt der Sommer nahe ist.  So auch ihr: wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.“ Mit diesem Gleichnis bereitet Jesus die Jünger auf den Zeitenwechsel vor. Sie sollen aufmerksam hinsehen, dann werden sie die Spuren von Gottes Neuer Welt entdecken.


Eine Mahnung höre ich aus den Worten für diesen Sonntag. Alles, worauf ich mein Leben aufbaue, ist vergänglich. Mein irdisches Leben ist vergänglich. Wie oft wankt das Gebäude meines Lebens, meines Glaubens. Ein Zweifel schleicht sich ein in mein Herz und mit einem Mal ist nicht mehr sicher, was mir bisher als selbstverständlich galt. „Himmel und Erde werden vergehen…“ sagt Jesus. Er meint den Tempel, er meint die Welt mit ihrem Treiben und er meint die Sicherheiten, die wir uns in dieser Welt aufbauen. Sie sind trügerisch, diese Sicherheiten. 


„Meine Worte vergehen nicht“, sagt Jesus und nimmt seinen ganzen Weg in diese Worte mit hinein. Ich meine den Weg, der in einem Stall oder in einer Felsenhöhle mit der Krippe beginnt und keineswegs endet in der offenen Grabhöhle mit dem gefalteten Linnen. Meine Worte vergehen nicht! sagt Jesus und zeigt uns auf, was Bestand hat. Das Wort des Lebens hat Bestand, über den Tod hinaus. Das Wort, das uns zugesprochen ist, in der Taufe. Es wird nicht vergehen. Das Wort, das von unserem Leben spricht und uns die Zukunft erschließt. Weil das so ist, weiß ich mich geborgen in diesem Wort, gut aufgehoben und behütet mit meinem ganzen Leben: mit den Menschen, die zu meinem Leben gehören, mit den Höhen und Tiefen, die es in meinem Leben gibt, mit meinen Lachen und Weinen. Ich bin geborgen in diesem Wort, das Mensch geworden ist, um mir das Leben zu schenken. Das ist meine Sicherheit, die durch nichts erschüttert werden soll. Darauf kann ich mein Leben aufbauen. Ich werde mich bergen in diesem Wort, das meine ganze Zukunft, mein ganzes Dasein umschließt. Ich werde mich daran festhalten, wenn meine Schritte unsicher werden, wenn alles in diesem Leben fraglich wird. Ich werde mich daran festhalten, wenn ich spüre, wie alles zum Fragment wird, was mir bis dahin so eindeutig erschien. Ich werde mich daran festhalten, wenn mein irdisches Leben sich dem Ende zuneigt. Und ich werde mich freuen, wenn ich merke: die Worte tragen mich, wenn meine Kraft schwindet.


Das Wort schenkt mir Zukunft und Leben bei Gott. Es macht mir Mut, wenn ich erschrecke über die Vorläufigkeit und Schnelllebigkeit meiner Tage. Dieses Wort will die Freude am Leben in dieser Welt keineswegs dämpfen, allerdings geraderücken. Es weist mich auf das hin, was ewig ist, was Bestand hat in meinem Leben, vor allem dann, wenn sich alles andere als unbeständig erweist und ins Wanken gerät. „Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen!“ sagt Jesus. Ich weiß: der sie gesprochen hat, vergeht nicht, weil er von Anbeginn war. Vertrauen wir uns ihm an. Bauen wir unser Leben auf seine Zusage. Gründen wir uns auf sein Wort. Es ist ja schließlich ein Wort, das Leben und Seligkeit schenkt. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, 8.12.2019, Altenstein