Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück. Psalm 73,28 


 


 

Aktuelle Predigt

Was die Gottesdienste glaubwürdig macht ist die Liebe. Predigt über Jesaja 58,1-9 am Sonntag Estomihi 


Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei. »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst's nicht wissen?« Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll.  Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat? Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.  

Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.


Haben Sie heute ein Geschenk von einem Menschen bekommen, der Ihrem Herzen nahe steht, einen Blumenstrauß oder wenigstens eine Karte? Heute ist schließlich Valentinstag. Das ist der Gedenktag an einen heiligen Bischof, Valentin. Er starb im 3. Jahrhundert als Märtyrer. Man erzählt sich, dass er nicht nur Wunderheiler war, sondern auch ein leidenschaftlicher Gärtner. Wenn Verliebte an seinem Garten vorbeigekommen sind, soll er sie mit Blumen beschenkt haben. Manche behaupten, dass Erzählungen und Legenden von verschiedenen Personen sich mit der Lebensgeschichte von Bischof Valentin verbunden haben. Was auch immer nun dahinter steht, der Valentinstag ist ein beliebtes Datum für Verliebte - und für Floristen, die an diesem Tag ein gutes Geschäft machen, außer in diesem Jahr. Corona ist auch da wieder der große Spielverderber. Aber über ein Geschenk freut sich jeder, nicht wahr? Allerdings muss es von Herzen kommen, dann spielt auch das Datum nur eine nachgeordnete Rolle. Ein liebloses Geschenk hingegen kann verletzten, kann Schaden anrichten. Und ebenso gilt das mit  Worten, mit Liebesschwüren und erst recht auch mit Entschuldigungen. Mit etwas Gespür kann man es  schon merken, wenn nach einem Fehlverhalten die Bitte um Vergebung ernst gemeint ist, oder nicht. In der Bibel wird das Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk oft mit einer Beziehung von Liebenden verglichen. Manchmal entfremden sich Verliebte oder sie enttäuschen sich oder sie verletzten sich. Manchmal gelingt und manchmal scheitert die Versöhnung. Entscheidend ist die Aufrichtigkeit, die Ernsthaftigkeit, die Ehrlichkeit. Vielleicht kann man deshalb auch die Enttäuschung und Bitterkeit verstehen, mit denen Gott sein Volk zurückweist. Es geht um die Art und Weise, wie sie sich bei Gott entschuldigen. Sie sind ihm fremd geworden. Sie vergessen seine Gebote, ja sie missachten sie. Und dann entschuldigen sie sich. Sie tun sie Buße. Sie fasten. Sie klagen und jammern und kasteien sich. Aber es ist ein äußerliches Fasten, es ist Fassade. Deshalb stoßen sie auf taube Ohren. „Ihr seid nicht aufrichtig“, sagt Gott, „ihr täuscht etwas vor, ihr meint es nicht ernst.“ 


Gott spricht zu ihnen durch seinen Propheten. Seine Antwort lesen wir im Buch des Propheten Jesaja. Eigentlich sind dort Worte von drei unterschiedlichen Propheten zusammengefasst, die in verschiedenen Epochen gelebt haben. Da gibt es neben dem eigentlichen Propheten Jesaja noch einen zweiten. Er wird Deuterojesaja genannt. Der hat meist Trostworte an die Israeliten gerichtet, als sie in der babylonischen Kriegsgefangenschaft waren und Heimweh hatten. Unser Predigtabschnitt wird dem dritten Jesaja zugeschrieben, auch Tritojesaja genannt. Der spricht zu den Heimkehrern. Da hören wir allerdings heute keine Trostworte. Wie ein Bußprediger  geht er mit den Israeliten ins Gericht - oder wie ein enttäuschte Frau, die ihrem Gatten die Blumen von der Tankstelle um die Ohren haut.


Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?“ Harte Worte lässt Gott seinem Volk ausrichten. Ich stelle mir vor, wie es betreten zu Boden blickt, so wie der Kavalier, der die Blumen ratlos aufhebt und sich fragt, was er jetzt tun soll? Was ist zu tun, fragt sich das Volk und bekommt vom Propheten sogleich die Antwort. Seid ehrlich und aufrichtig! Nicht bloßes Fasten oder andere Anstrengungen, sondern die Liebe macht euch glaubwürdig, sagt Jesaja, die Liebe, die auf die Not und die Bedürfnisse des Nächsten sieht und danach fragt, was zu tun ist, dass es ihm gut geht. Deshalb - wenn du Gott finden willst, dann „brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ 


Wir hören diese Prophetenworte an der Schwelle zur Fasten - und Passionszeit. Das sind die Wochen, in denen viele von uns bemüht sind, sich durch Fasten oder durch geistliche Übungen ebenfalls wieder neu auf Gott auszurichten. Manche verzichten dafür auf Liebgewordenes und nicht wenigen fällt der Verzicht schwer.  Andere besuchen Einkehrtage im Kloster oder nehmen an Alltagsexerzitien teil. Wie mag es ihnen gehen, wenn sie die Prophetenworte hören? Soll man auf alles verzichten, was bisher üblich war? Wenn Jesaja so hart über die üblichen Rituale urteilt, soll man sie dann aufgeben? Soll man nicht mehr fasten, auf den Besuch der Passionsgottesdienste verzichten und sich nur noch auf die Werke der Nächstenliebe konzentrieren? Ich denke, da würden wir das Prophetenwort missverstehen. Beides gehört zusammen. Der Prophet erinnert uns daran, was Fasten und Beten glaubwürdig macht. Das ist die Liebe, die wir im Herzen tragen, die Liebe, die auf die Bedürfnisse und Not des Nächsten achtet. Sie belebt den Glauben, sie belebt die Gebete und macht die glaubwürdig, die sie sprechen. Die Liebe hilft, dass unser Glaube lebendig, glaubwürdig und liebenswürdig bleibt.


Der Prophet belässt es nicht bei der Strafpredigt! Er schließt mit einer Verheißung. Ihr sollt bekommen, wonach ihr euch sehnt. Gott will es euch schenken. Euer Licht soll hervorbrechen wie die Morgenröte, die Heilung soll voranschreiten. Die Beziehung soll wieder heil werden. Was zerbrochen ist, soll wieder heil werden. Dieses Heil schließt den ganzen Menschen ein, den Leib, die Seele.  Ob sich die Israeliten die Worte des Propheten zu Herzen genommen haben? Ich denke, es ist so wie überall. Die einen schütteln den Kopf, schütteln die Worte und Ermahnungen ab und machen weiter so wie bisher. 


Und die anderen öffnen ihr Herz und wagen die Umkehr, die Buße, den Neubeginn. Das ist der Sinn der Fastenzeit. Wir lassen uns rufen. Wir  lassen uns in Frage stellen, richten uns aus auf Gott, immer wieder neu. Wir schauen auf unser Leben zurück. Wenn wir wahrnehmen, dass wir aus der Spur geraten sind, erschrecken wir darüber. Es mag aber ein heilsamer Schrecken sein. Wir lassen uns korrigieren, neu ausrichten und gehen den Weg mutig weiter. Wir folgen der Einladung Jesu, die wir im Wochenspruch gehört haben: „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem und es soll alles vollendet werden was gesagt ist über den Menschensohn.“ Jerusalem ist der Ort der Klärung und der Vollendung, des Leidens, aber auch des Sieges. Wir sind noch nicht am Ziel, wir sind noch unvollendet, da gibt es noch manchen Bruch, manche Enttäuschung, manche Frage, manche Wunde, die schmerzt. Aber wir wagen es, weiterzugehen, weiterzumachen, mit dem guten Ziel vor Augen. Das ist der Sinn der Fastenzeit, sich neu ausrichten zu lassen, um ans Ziel zu gelangen.


Das Ziel ist das neue Leben im Reich Gottes. Jesus hat uns gezeigt, wie das neue Leben schon jetzt Gestalt annehmen kann. Es gründet sich in Gott, der die Liebe ist. Deshalb ist die Liebe so wichtig, ist die Liebe die Seele, die alle Gebete und Gottesdienste glaubwürdig sein lässt. Johannes bezeugt in seinem ersten Brief: Wer aber in dieser Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Gott gibt uns sein Wort. Zum Leben in dieser Liebe sind wir eingeladen. Diese Liebe macht uns glaubwürdig, wenn wir beten und Ausschau halten nach Gott. In dieser Liebe leben wir.  Und deshalb gilt: „Wenn du rufen wirst, wird er dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: ‘Hier bin ich’“.  Bitten wir Gott darum, dass wir in der Liebe bleiben und Gott suchen, der uns vor allem im Nächsten begegnet, im Hungrigen, den wir das Brot brechen und im Elenden, den wir Obdach schenken in unserem Herzen. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 14.2.2021


Predigt vom 14.2.2021
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In der Liebe bleiben. Jesaja 58,1-9a - Sonntag Estomihi 2021.pdf (53.06KB)
Predigt vom 14.2.2021
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