Pfarrer Stefan Köttig
"..Gott nahe zu sein ist mein Glück. Psalm 73,28 


 


 

Aktuelle Predigt

Von himmlischen und irdischen Gärten. Predigt über 1. Mose 2,4b-9.15 am 15. Sonntag nach Trinitatis


Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich den Garten meiner Großeltern vor mir. Das war ein kleines Grundstück in dessen Mitte ein kleines Haus stand, weiß gestrichen mit grünen Fensterläden, drum herum etwas Rasen, Gemüsebeete und ein paar Obstbäume. Dort habe ich einen Teil meiner Kindheit verbracht. Ich sehe eine Handvoll Kinder über den Rasen flitzen. Eines davon bin ich, ein anderes mein älterer Bruder, zwei Cousins und ein paar Jungs aus der Nachbarschaft. Wir spielen Ball. Regelmäßig fliegt er über den Gartenzaun in das Nachbargrundstück. Dann haben wir ausgezählt, wer über den Zaun steigt. Das war ein kleines Abenteuer. Der Nachbar war ein mürrischer alter Mann, der uns gerne geschimpft hat. Meistens hat mich das Los getroffen. Zelte haben wir uns im Garten gebaut aus Decken und Gartenstühlen. Obwohl es durch die Sommersonne darin unerträglich heiß und stickig war, sind wir unter diese Decken gekrochen und haben uns Geschichten erzählt. Abenteuerer waren wir dann, auf den Weg in fremden Welten, die irgendwo zwischen dem Zwetschen - und dem kleinen Apfelbaum liegen mussten. Hinter der Garage war die Sandecke. Das war unsere Wüste und das Meer war die Regentonne. In ihrem Wasser haben wir die Schätze unserer Raubzüge gewaschen, gelbe Rüben, die wir aus dem Gemüsebeet stibitzt und gegessen haben oder Brombeeren, die wir einfach vom Strauch zupften. Es war eine behütete Welt. Wir durften sie morgens erst betreten, wenn die Sonne das vom Tau nasse Gras getrocknet hatte. Vorher hat uns die Großmutter nicht aus dem Haus gelassen. Und abends mussten wir sie verlassen, um in der Dachkammer in die Betten zu kriechen. Dann haben die Erwachsenen sich  im Garten zusammen gesetzt, Karten gespielt oder geplaudert. Beruhigt von ihren Stimmen, die von draußen durch das offene Fenster in die Schlafstube wehten, und wissend, dass da die Großen waren, die auf mich aufpassten, konnte ich einschlafen. Es gab nichts, wovor ich mich hätte fürchten müssen. Ein kleines Paradies war es, das ich vor mir sehe, wenn ich die Augen schließe und  das zur Wirklichkeit wird, wenn ich davon erzähle, obwohl es das Haus und den Garten gar nicht mehr gibt.


Eine ganz andere Gartengeschichte finden wir auf den ersten Seiten der Bibel. Im zweiten Kapitel der Genesis,  dem ersten Buch Mose, können wir sie nachlesen: „Dies ist die Geschichte von Himmel und Erde, da sie geschaffen wurden. Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land. Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen…. Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.  (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Manche bezeichnen diesen Abschnitt aus der Bibel auch als die zweite Schöpfungsgeschichte. In der ersten wird die Erschaffung der Welt in der Gestalt eines Liedes besungen. In diesem Lied werden Himmel und Erde, Flora und Fauna in sechs Tagen geschaffen. Die Krönung der Schöpfung ist der Sabbat, an dem Gott ruht, der heilige siebte Tag. In unserem Abschnitt hingegen erscheint Gott als Handwerker. Die Welt liegt noch brach.  Da muss erst einer kommen, der etwas daraus macht, der eine Auge dafür hat und ein Händchen, einen grünen Daum. Gott will ein Paradies daraus machen und weiß, was er dazu braucht: Wasser. Viel Wasser. Deshalb lässt er einen Strom aufsteigen, der das Land tränkt. Und noch etwas braucht dieses Paradies. Einen, der darin lebt, der es pflegt. Adam. Das ist ursprünglich kein Name, sondern eine Bezeichnung. Adamah heißt Staub. Und Adam bedeutet wörtlich so viel wie „der vom Staub genommene.“  


Gott formt und knetet liebevoll das Geschöpf, das ihm am Herzen liegt. Das ist der Mensch. Und er beschenkt dieses Geschöpf mit dem wertvollsten, was man ihm schenken kann: er schenkt ihm den göttlichen Odem und damit einen Teil von sich selbst. Den bläst er den Menschen in die Nase und so wird der Mensch ein lebendiges Wesen, seinem Schöpfer verwandt. Das lässt den Staubklumpen zum Bild Gottes werden.  


Ich denke an meine eigene Paradiesgeschichte, an den Garten meiner Großeltern. Dann verstehe ich, warum der Garten Eden als Paradies beschrieben wird. Man kann den Namen „Eden“ vom hebräischen Wort für „Wonne“ ableiten. Inmitten der Wüste ist er zu finden, diese Ort der Wonne, er ist wie eine Oase, in der das Leben blüht. Gottes Segen lässt es aufblühen. Und jetzt lese ich, dass der Mensch aus dem Staub des Paradieses geschaffen wurde und die ursprüngliche Heimat des Menschen das Paradies ist, der Garten der Wonne, den Gott gemacht hat und in dem der Mensch eine Aufgabe hat. Erst auf den folgenden Seiten der Bibel erfahren wir, dass sich der Mensch für die andere Seite entschieden hat, für die Welt jenseits von Eden, draußen. Den Garten Eden aber hat Gott als ursprüngliche Heimat für den Menschen gemacht. Er hat ihm einen Lebensraum geschaffen, in dem er so leben kann, wie es seine Bestimmung ist – als Geschöpf Gottes. Faulenzen gehört nicht dazu. Im Gegenteil. Der Mensch soll bewahren, was Gott geschaffen hat. An dieser Aufgaben ist der Mensch schließlich gescheitert. Er muss das Paradies verlassen. Aber er nimmt ein Andenken mit. Das ist der Erinnerung an den Ort der Wonne. Wenn wir unsere Welt hegen und pflegen, sorgen wir dafür, dass diese Erinnerung wach bleibt. Und ebenso halten wir die Sehnsucht wach nach dem Paradies, das wir verloren haben.  In einem seiner vielen irdischen Abbilder habe ich einen Teil meiner Kindheit verbracht, glücklich, behütet, wenn auch nur für die kurze Zeit. Die Welt außerhalb des Gartens hat mich nicht gekümmert. Ich wusste nichts von ihr. Und noch etwas ist uns geblieben, über den Sündenfall hinaus. Wir tragen Gottes Lebensodem in uns. Wie bleiben seine Kinder. Die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen ist stärker als der Zorn über die Undankbarkeit. Diese Liebe ist der Grund dafür, dass der Mensch nicht dem Untergang geweiht ist. Deshalb erinnert Jesus mitten in einer Welt der Bedrohungen an den fürsorglichen Gott. Er lenkt unseren Blick auf die Schöpfung und sagt: „Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht … und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.“ Liegen wir Gott nicht viel mehr am Herzen als die Vögel oder die Blumen auf dem Felde?  Auch der Wochenspruch aus dem 1. Petrusbrief erinnert uns daran, dass es einen gibt, der uns trägt und hält und dem wir uns anvertrauen können. 


Als Kind konnte ich beruhigt einschlafen. Ich wusste, die Großen sind wach und passen auf mich auf. Die „Großen“ leben inzwischen alle nicht mehr. Aber sie haben ihre Aufgabe erfüllt. Sie haben auf mich als Kind aufgepasst. Später habe ich erfahren, dass auch die Großen nicht allmächtig sind. Das war dann nicht mehr so schlimm, weil sie mich gelehrt haben, einem anderen, einem weitaus größeren restlos zu vertrauen. Es ist der, zu dem wir Vater sagen dürfen. Er hat das Paradies für die Menschen angelegt und er hält seine Hand darüber, damit es nicht von menschlichem Übermut zerstört wird. Die Tür zum Paradies ist nicht mehr verschlossen. Sie ist einen Spalt weit geöffnet und irgendwann wird sie sich für uns  weit auftun. Und wir dürfen uns schon jetzt darauf freuen. „Welch hohe Lust, welch heller Schein, wird wohl in Christi Garten sein! Wie muss es da wohl klingen, da so viel tausend Seraphim mit unverdroßnem Mund und Stimm ihr Halleluja singe, ihr Halleluja singen“ schreibt Paul Gerhardt in seinem bekannten Sommerlied von diesem himmlischen Garten der Wonne. Er sieht in den Schönheiten dieser Welt die Abbilder der künftigen, der himmlischen. Halten wir die Sehnsucht wach nach dem Garten der Wonne, indem wir die Erde hegen und pflegen. Sorgen wir für diese Welt, in der wir leben. Das ist unser Auftrag. Sie soll auch noch den Kindern nach uns einen Raum bieten, in dem sie dem Paradies nachspüren können, das auf uns wartet, den Ort der Wonne, in dem zu leben wir bestimmt sind.  Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 20.09.2020

1.Mose 2,4-9und15
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Sonntagspredigt vom 20.09.2020.pdf (54.27KB)
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