Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück. Psalm 73,28 


 


 


„Sprich nur ein Wort!“ Predigt über Matthäus 8,5-13 am 3. Sonntag nach Epiphanias 

Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen. Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen. Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Denn auch ich bin ein Mensch, der einer Obrigkeit untersteht, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er's. Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden! Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern. Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

Ein Bild des Jammers bot sich dem Mann. In der Mitte seiner Kammer war ein Krankenlager aufgerichtet. Auf einem Feldbett lag ein Mensch, eigentlich nur noch ein Schatten seiner selbst. Schmerzstöße jagten durch seinen Körper und sorgten dafür, dass der Kranke unablässig stöhnte. „Ich kann mir das nicht mehr mit ansehen“, dachte sich der Mann, der ruhelos neben dem Kranken auf und ab ging. Ich stelle mir vor, wie er gegen dieses seltsame Gefühl ankämpfte, das sich in ihm einnisten wollte, eines, das ihm eigentlich fremd war. Ich meine das Gefühl der Hilflosigkeit und Verzweiflung. Im Grund gehört er ja zu den Starken, zu den Harten, die so leicht nichts aus der Bahn wirft. Kämpfe auf Leben und Tod, die Schreie sterbender Menschen, das alles hatte er oft genug miterlebt. Er war ja Soldat. Der Krieg war sein Handwerk. Er diente dem Kaiser. Er liebte sein Land, das mächtige Rom. Er war stolz auf die Siege, die er für Kaiser und Rom erkämpft hatte. Aber nun stand er auf einem anderen Schlachtfeld. Er sah, wie ein Mensch, der ihm nahe stand, um sein Leben rang und dabei war, den Kampf zu verlieren. Und er konnte nichts tun, nicht helfen. Der Feind war schließlich der Tod. Und den kann man nicht mit Schwertern bezwingen. Ich stelle mir vor, wie das den Soldaten hilflos und wütend zugleich machte. Er wollte nicht klein beigeben. Er wollte kämpfen. Der Kranke auf dem Feldbett war mehr als nur sein Diener, eher ein Kamerad als ein Knecht. Der lag seit geraumer Zeit gelähmt auf dem Feldbett und schrie vor Schmerzen. Tagelang ging das schon so. Der Arzt, der gerufen wurde, schüttelte ratlos den Kopf. Das brach dem Soldaten beinahe das Herz. Und so fasste er einen Entschluss. Einen Versuch wollte er noch wagen, einen letzten, bevor er sich ins Unvermeidliche fügte. Da sollte es einen geben, von dem er gehört hatte. Einem, der Gelähmte wieder geheilt und Aussätzige von ihrem Leiden befreit hatte. Es gab nur ein Problem. Dieser Mann gehörte zu dem Volk, das er  selbst mit seinem Heer im Namen des Kaisers unterworfen hatte. Dieser eine Mann war Jude und Juden waren auf Römer schlecht zu sprechen. Nie würde ein Jude das Haus eines Heiden betreten. Ob man ihn trotzdem herbeischaffen könnte, diesen Jesus aus Nazareth? Als Hauptmann hätte er die Macht dazu. Seine Vertrauten sagten, er würde sich gerade in Kapernaum aufhalten, also ganz in der Nähe. Wenn er jetzt ein paar Soldaten losschicken würde … Aber da begann der Knecht wieder laut zu schreien. Deshalb fasste der Soldat einen Entschluss. „Ich will selber gehen und diesen Wunderheiler um Hilfe bitten.“ Und so machte er sich auf den Weg. Der Soldat verließ eilig das Lager und ging in Richtung Kapernaum. Er ging zu Fuß, wie ein Bittsteller.

Die Geschichte, die uns Matthäus erzählt, spielt in längst vergangener Zeit, an einem fremden Ort in einem fremden Kulturkreis. Sie führt uns zweitausend Jahre zurück ins heilige Land, nach Palästina. Es ist kein gewöhnlicher Soldat, der sich auf den Weg nach Kapernaum macht, sondern ein römische Hauptmann. Seinen Namen verrät uns die Bibel nicht.  Was Luther als Hauptmann übersetzt, war ein Centurio, ein Befehlshaber über eine Hundertschaft von Soldaten. Es war seine Aufgabe, sie in den Kampf zu führen, für Disziplin zu sorgen, durch Lohn und natürlich auch durch Härte. Am besten aber durch ein gutes Vorbild. Ein guter Centurio des Kaisers war tapfer. Der Centurio in unserer Geschichte zeigt eine weitere Eigenschaft. Er hat hat ein Herz für seine Untergebenen. So groß scheint die Sorge um seinen Diener zu sein, dass er sich nicht zu schade ist, einen Fremden um Hilfe zu bitten und dabei eine Abfuhr in Kauf zu nehmen.

Ich stelle mir vor, wie sich der Hauptmann in Kapernaum nach dem Wunderheiler und Prediger durchfragt. Zögernd, vielleicht auch etwas ängstlich geben ihm die Leute Antwort. „In dem Haus am Ende der Straße, dort hält er sich auf, den du suchst,“ sagen sie und blicken dem Mann nach. So kommt er zu Jesus, der ihn erstaunt anblickt. Schließlich steht nicht alle Tage ein römischer Centurio vor ihm. „Herrn, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen…“ sagt der Hauptmann zu Jesus. Das ist weit mehr als nur eine Zustandsbeschreibung. Es ist eine Bitte um Hilfe und zugleich auch ein Bekenntnis. Der Heide traut  diesem einfachen Wanderprediger das Unmögliche zu, einen Todgeweihten zurück ins Leben zu führen.

Und Jesus antwortete kurz und bündig: „Ich will kommen und ihn gesund machen…“ Da halten die Jünger die Luft an und nicht nur die. Jesus schert sich wirklich keinen Deut um Traditionen, wenn es darum geht, das Leben im Sinne Gottes zu den Menschen zu bringen. Heute könnten wir sagen, Jesus fragt nicht nach dem Gesangbuch oder dem Taufschein, den man in der Tasche trägt. Es interessiert ihn nicht die Bohne, ob da ein Römer vor ihm steht oder ein Jude, ein Frommer oder ein Ungläubiger. Vielleicht liegt das daran, weil Jesus dem Menschen ins Herz sieht und weil er die Sprache des Herzens versteht. Der Hauptmann spricht nur lateinisch oder hebräisch oder aramäisch mit Jesus. Er spricht auch in der der Sprache des Herzens zu Jesus. „Herr, mein Knecht liegt gelähmt auf seinem Bett und leidet Qualen…“ sagt der Mund, doch das Herz schreit: „Hilf ihm, Herr, nur du kannst helfen…“ Und Jesus nimmt seine Not wahr und hilft. Er hilft, weil er das Vertrauen spürt, das aus den Worten des Hauptmanns spricht. Deshalb will Jesus ins römische Lager gehen, in die Höhle des Löwen, zum Feind.

Aber der Hauptmann schüttelt den Kopf. „Du musst nicht kommen. Es genügt ein Wort von dir und mein Knecht wird heil …“ Da muss Jesus staunen über diesen Menschen. Der Hauptmann zeigt uns, was Glauben bedeutet, bedingungsloses Vertrauen. Er öffnet Jesus sein Herz und lässt ihn teilhaben an seiner eigenen Welt. Der Centurio lebt in den militärischen Strukturen von Befehl und Gehorsam, den Pfeilern der Macht. Er weiß, wenn er etwas befiehlt wird es auch ausgeführt. Das wird nicht hinterfragt. Das wird getan. Etwas anderes kommt gar nicht in Frage. Niemand untergräbt seine Autorität. Auch Jesus hat diese Autorität, da ist sich der Hauptmann sicher. „Ein Wort von dir genügt", sagt er zu Jesus, „ein Wort genügt und was du sagst wird auch geschehen.“

Dieses Glaubensbekenntnis des heidnischen Centurio hat in abgeändertem Wortlaut Eingang gefunden in die Feier des Heiligen Abendmahls. Wenn wir uns auf den Weg zu Jesus machen, so wie sich einst der Hauptmann auf den Weg gemacht hat, wenn wir im Gottesdienst  von unserem Platz aufstehen und nach vorne zum Tisch des Herrn gehen, bereiten wir uns auf diese Begegnung mit dem Herrn vor. Wir tun es mit den Worten, die der Hauptmann gesprochen hat: „Herr, ich bin nicht wert, das du eingehst unter mein Dach, aber  sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“ Damit werden die Verhältnisse klar zur Sprache gebracht. Wir sind beides zugleich, Hauptmann und kranker Knecht. Wir kommen zu Jesus und bitten für uns und unsere Seele, die leidet und sich nach Erlösung sehnt, nach Heil und Frieden. „Sprich nur ein Wort, Herr, und mein Leben wird heil!“  Wenn wir die Worte des Hauptmanns im Herzen bewegen und sie zu unserem Gebet machen, dürfen wir damit rechnen, dass der Herr auch zu uns sagt, was er zu dem Centurio gesagt hat: „Geh hin, dir geschehe, wie du geglaubt hast…“ Glauben heißt, sich Jesus anzuvertrauen, mit Leib und Seele und alles von ihm zu erwarten, alles von ihm zu erhoffen.

Mit dieser Sehnsucht im Herzen verlassen wir die Szene in Palästina. Wir machen  uns auf die Heimreise aus der vergangenen Zeit zurück in unseren Alltag, der wohl oft der nüchternen Stube des römischen Centurio ähnelt. Dort leben und leiden wir und spüren oft genug die Ohnmacht, die Schmerzen an Leib und Seele. Wir  nehmen unsere Hilflosigkeit wahr, unsere Angst und sehnen uns nach dem Leben in seiner Fülle, in der es alles gibt, nur nicht Leiden, Not und Angst. Vielleicht begleiten uns auch die mahnenden Worte, die Jesus denen mitgibt, die diese Geschichte miterlebt haben. „Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden…“ Er tadelt damit diejenigen, die es besser wissen müssten und doch in Wahrheit blind sind, die glauben, auf der sicheren Seite zu stehen, die sich das Recht heraus nehmen, zu entscheiden, wer gut und schlecht, rechtgläubig und fehlgeleitet ist. Die hat es  damals gegeben und die gibt es heute immer noch. Sie schütteln den Kopf. Wie kann Jesus nur einem Heiden helfen, einem Ungläubigen, einem Römer. Ob wir dann auch beschämt zu Boden blicken, weil wir merken, dass auch wir gelegentlich den Kopf schütteln und andere ausgrenzen? Vielleicht aber begleitet uns die Hoffnung, der Ausblick auf das, was der Herr denen in Aussicht stellt, die ihre Bedenken hinter sich lassen und sich auf den Weg zu ihm machen, die ihm vertrauen und bei ihm suchen, was sie in der Welt nicht finden: „Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen.“ Der Tisch im Himmelreich ist ein Bild für das Leben in Gottes Reich, das Jesus uns schenkt. Ein Leben, von dem niemand ausgeschlossen werden soll. Der Hauptmann hat bereits seinen Platz bereits eingenommen, neben Abraham, Isaak und Jakob. Es sind aber noch viele Plätze frei.  

Zum Glauben macht uns die Geschichte vom heidnischen Hauptmann Mut, ein Glaube, der über sich hinauswächst. „Sprich nur ein Wort, das genügt“, bittet der Hauptmann den Herrn. Ein Wort das Heil und Heilung schenkt und mir den Platz an der Tafel im Reich Gottes zuweist, um dieses Wort sollen wir bitten. „Sprich nur ein Wort, Herr, ein einziges und mir ist geholfen,“ mehr muss man nicht sagen. Ein Wort, das Frieden bringt, ein Wort, das Heil und Heilung ermöglicht, ein Wort, das die Seele aufatmen lässt und mir zum Frieden und zum Leben hilft. Christus wird uns dieses Wort nicht vorenthalten. Wir müssen nur um dieses Wort bitten und hinhören und es in unser Herz lassen. Dann werden wir heil. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 23.1.2022



Von menschlicher und göttlicher Weisheit. Predigt über 1. Korinther 2, 1-10 am 2. Sonntag nach Epiphanias 

Auch ich, meine Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten. Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft, auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft. Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen; doch nicht von einer Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Sondern wir reden, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.« Uns aber hat es Gott offenbart durch den Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen Gottes. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

Da ist einer, der die Hallen füllt, ein großartiger, charismatischer Redner. Die Plakate künden seinen Auftritt an. Kaum hat der Kartenvorverkauf begonnen, da sind auch schon die besten Plätze in der vordersten Reihe weg. Endlich ist der Abend da. Der Star tritt auf die Bühne. Die Menschen hängen an seinen Lippen. Die Rhetorik ist geschliffen. Die Rede kurzweilig und mit gut einstudierten Showeinlagen und Anekdoten gewürzt. Man sieht es dem Entertainer an, er genießt den begeisterten Applaus. „Ich bin gut“, denkt er sich zufrieden und wirft Handküsse in die Menge. Die Leute liegen ihm zu Füßen. So schön kann es sein, wenn man berühmt ist. Nicht nur im Show-Geschäft gibt es solche Talente. Auch auf dem religiösen Markt der Eitelkeiten finden wir sie und sogar in der Kirche, die frommen Stars, die für regen Zulauf sorgen und sich feiern lassen. Es sind Wunderheiler und Wanderprediger, Gaukler, die beeindrucken und  Gelehrte, die begeistern und überzeugen und manchmal auch polarisieren. Wir finden sie in allen Epochen der Kirchengeschichte.  Auch die Christen in Korinth haben sich von ihnen beeindrucken lassen. Damals, als die Gemeinde noch jung war, im ersten Jahrhundert der Kirche. Ein bunt zusammengewürfelter Haufen musste die christliche Gemeinde in dieser Stadt gewesen sein. Menschliches Treibgut einerseits, Heimatlose, Rechtlose, Tagelöhner, die das Leben hier angeschwemmt hat. Gebildete, feinsinnige Griechen andererseits, die stolz waren auf ihre Philosophen. Und schließlich die getauften Juden, die in Christus den ersehnten Erlöser ihres Volkes sahen. Die alle haben sich wiedergefunden in dieser noch jungen und bewegten Gemeinde. Kein Wunder, dass man sich eigentlich nie wirklich einig war, dass sich schnell unterschiedliche Gruppierungen gebildet haben. Einige davon müssen wohl leicht zu begeistern gewesen sein. Flammende Reden, bewegende Glaubenszeugnisse und  fromme Ekstase hat es in der Gemeinde ebenso gegeben, wie Unsicherheit in Glaubensfragen, Zweifel an der Auferstehung   Jesu und manchmal auch sittliche Verfehlungen. Ist es da ein Wunder, dass Paulus mit Furcht und großen Zittern nach Korinth kommt, um den Menschen dort ans Herz zu legen, woran er selbst von Herzen glaubt? Was hat er ihnen schon zu bieten? Keine eindrucksvollen Auftritte. Keine flammenden Reden. Schon gar keine Erfolgsgarantie in Sachen Glückseligkeit.

Paulus spricht von Christus, dem Gekreuzigten. Von nichts und von keinem anderem. Darauf soll der Glaube sich gründen. Paulus spricht von der Weisheit Gottes. Diese Weisheit unterscheidet sich von der Weisheit der Welt, von der Weisheit der Philosophen, der Dichter und Denker. Gottes Weisheit bekommt Hand und Fuß. Sie nimmt Gestalt an in der Person Jesu Christi, der auf taube Ohren und manchmal auf Widerspruch stößt oder Zorn weckt. In Nazareth, seiner Heimatstadt, kostet ihn das beinahe das Leben. Die Menschen sind aufgewühlt, als er in ihrer Synagoge predigt. Sie stoßen ihn vor die Tore der Stadt, sie wollen ihn vom Felsen stoßen. Jahre nach seinem Auftritt in der Synagoge von Nazareth werden ihn die Menschen ans Kreuz schlagen.

Paulus spricht von Christus dem Gekreuzigten. In ihm erscheint die Weisheit Gottes den Menschen. Sie nimmt Gestalt an im gedemütigten Jesus, vor dem die Soldaten lachend in die Knie gehen. Sie können sich nicht satt sehen an diesem König, den sie eine Dornenkrone aufgesetzt haben. Sie verbinden ihn die Augen und schlagen ihn. „Los, sag uns schon, wer dich geschlagen hat. Du musst es doch wissen!“ Noch lange werden sie darüber lachen, wenn sie an das armselige Bild von diesem König denken. Die Weisheit Gottes nimmt Gestalt an in Jesus, dem Schweigsamen. Er verstummt in dem Augenblick, wo andere versuchen würden, durch viele Worte eine Verteilung abzuwenden und den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Herodes würde so gerne mit Jesus sprechen und wird keiner Antwort gewürdigt. Die Weisheit Gottes nimmt Gestalt an in Christus, den Gekreuzigten, der für seine Peiniger betet.

„Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten...“ schreibt Paulus den Korinthern. Wer Christus, den erfolglosen, den gedemütigten, den verzweifelten, den Gottverlassenen verkündet, kann dies zwar auch mit schönen Worten tun oder mit gut inszenierten Auftritten. Glaubwürdig, also des Glaubens würdig, werden die Worte nur, wenn sie in Fleisch und Blut übergehen, wenn sie vor und nachgelebt werden, wenn sie zu einem  Leben in der Nachfolge führen.  Paulus schreibt uns, worauf sich der Glaube der Christen gründen soll, auf Christus, der das Kreuz für uns nach Golgatha getragen hat, der für uns gestorben ist, damit wir unseren Frieden finden. Das sagt er den Korinthern und er verlässt sich darauf, dass dieses Wort vom Gekreuzigten genügt. Paulus vertraut darauf, dass Gott das seine tun wird, damit diese Botschaft ihren Weg zu den Herzen der Menschen findet. Vielleicht ist es die Demut, die Paulus von den Show-Größen unterscheidet, die durch die Geschichte der Kirche tingeln und vielleicht auch von uns. Sind wir nicht auch immer wieder der Meinung, wir müssten die Mensch begeistern, wir müssten die Kirche, die Gottesdienste und das ganze Glaubensleben attraktiver und einladender gestalten, damit die Menschen aufhorchen, damit sie kommen und bleiben? Paulus weiß, wenn die Gemeinde aufblüht, wenn Menschen zum Glauben kommen, ist das nicht sein Werk. Es ist nicht der Vielzahl frommer Aktivitäten zu verdanken, es sind nicht die gelehrten Predigten, nicht die eindrucksvollen Auftritte, nicht die Spektakel, die Menschen dazu bringt, sich taufen zu lassen, sich  Christen zu nennen und als Gemeinde in dieser Welt zu leben, mit allen Schwierigkeiten, die das mit sich bringt.

Es ist Gottes Werk, dass dies geschieht. Es ist die Kraft Gottes, die aus einfachen, aber überzeugenden Worte hervorgeht und zum Glauben hilft, gesprochen von Menschen, die von Herzen glauben, was sie sagen und tatsächlich auch leben, was sie glauben. Paulus verkündet die Weisheit Gottes, nicht nur, indem er darüber spricht, sondern auch, indem er danach lebt. Die Weisheit Gottes teilt sich mit. Sie verwandelt den Menschen. Es ist die Liebe Gottes, die das Herz berührt, den Glauben weckt und unser Leben auf ein tragfähiges Fundament stellt. Diese Liebe geht ihren Weg zu den Menschen. Sie geht den schweren Weg ans Kreuz. Diese Liebe lässt Gott uns spüren, sie wird uns zugesprochen in seinem Wort, wir sehen und schmecken sie, wenn wir Gäste an seinem Tisch sind, wir spüren sie, wenn der Friede unser fragendes Herz zur Ruhe führt.  Getragen und geborgen in dieser liebevollen Weisheit Gottes können wir leben. Man kann sie nicht erzwingen, nicht beweisen und erst recht nicht über sie diskutieren. Sie ist und bleibt Geschenk und  Geheimnis. Wenn sie Einzug hält in unserem Leben, wenn sie sich eingräbt in unser Herz, schenkt sie uns Gelassenheit und Vertrauen. Paulus hat diese Erfahrung gemacht. Diese Weisheit voll Liebe hat sogar seine Schwachheit, seine Furcht, sein Zittern überwunden und ihm den Mut gegeben, das Wort vom Kreuz zu predigen, nicht mit gelehrten Worten sondern durch ein glaubwürdiges Leben, das überzeugt. Bitten wir Gott um diesen Glauben, dass dieses Weisheit auch unser Dasein erfüllt. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 16.1.2021


Zeichen vom Leben. Predigt über Johannes 1,14 - 18 am Epiphaniastag 

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. Johannes zeugt von ihm und ruft: Dieser war es, von dem ich gesagt habe: Nach mir wird kommen, der vor mir gewesen ist; denn er war eher als ich. Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.  Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat es verkündigt. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

Mit dem Dreikönigstag endet der Weihnachtsfestkreis. In vielen Häusern wird nun der Baum abgeleert und entsorgt. Der Weihnachtsschmuck wandert zurück in die Schachteln, wo er bis zum nächsten Winter darauf wartet, wieder hervorgeholt zu werden. Der Alltag mit seinen Herausforderungen greift nach uns und schon ist alles wieder vergessen, die frohen Stunden, die festliche Stimmung, kurz, all das, was man den „Zauber von Weihnachten“ nennt.  Allerdings, so ganz vorbei ist Weihnachten dann doch nicht. Einige Wochen nach dem Fest finde ich immer noch ein Überbleibsel von Weihnachten, zum Beispiel einen vergessenen Strohstern, der vom Baum gefallen und irgendwie unter das Sofa geraten ist. Vielleicht ist das so ein kleines Vergissmeinnicht, das die Erinnerung an schöne Stunden wieder aufleben lässt.  Und die Weihnachtskrippe ist auch noch da. Sie bleibt nach alter Tradition bis Lichtmess im Wohnzimmer stehen und stellt mir vor Augen, wie das wohl vor sich gegangen ist ist, was Johannes in seinem Evangelium sagt: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ Das Wort, das Gott am Anfang aller Zeiten gesprochen hat, das Wort, das die Welt ins Dasein gerufen hat, das ist Mensch geworden. Als Kind ist es in die Welt gekommen, um seinen Weg zu gehen, den Weg zu den Menschen. Es ist ein heilsames Wort, ein Wort, das mich aufleben lässt, das mir Hoffnung schenkt.

Der kleine Strohstern erinnert mich an daran, dass das Wort Mensch geworden ist. Er erinnert mich an den Stern, der die Weisen aus dem Morgenland zu dem Kind geführt hat. Und er will auch mir den Weg zum Kind zeigen, hin zum Licht, das mein Leben hell macht. Mein kleiner Strohstern erinnert mich daran, warum mein Alltag eigentlich gar nicht grau ist, warum wir uns freuen können, auch in diesem Jahr, warum wir Hoffnung haben können. Auch unser kleiner Abschnitt aus dem Johannesevangelium ist so eine Denkstütze. Johannes sagt: „Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade und Gnade.“ Wie das wohl zu verstehen ist? Gnade ist ein vieldeutiges Wort.  Wenn einer Gnade vor Recht ergehen lässt, drückt er ein Auge zu, der Lehrer zum Beispiel, der den Schüler etwas durchgehen lässt oder der Polizist, der einen nicht aufschreibt sondern nur mündlich verwarnt, weil man beim ausfahren aus dem Kreisel nicht geblinkt hat. Aber das ist eigentlich nicht mit Gnade gemeint. Jedenfalls nicht mit der Gnade, von der Johannes spricht. Bei ihm bedeutet Gnade vor allem Zuwendung. Gott wendet sich den Menschen zu. Er blickt sie an durch menschliche Augen, die Augen Jesus. Er blickt  uns liebevoll an. Und sein Blick heilt, vergibt, ermutigt, schenkt Leben. Die Fülle des Heils, die Fülle des Lebens und der Lebensfreude hat Gestalt angenommen in diesem Menschen, dessen Weg so unscheinbar in einer Krippe begonnen hat und der nicht beim Kreuz von Golgatha einfach abgebrochen wird.

Was unter der Fülle zu verstehen ist, aus der wir schöpfen, davon wird Johannes uns ein Beispiel geben. Wir hören es nächste Woche im Gottesdienst. Ich meine das Wunder, das der erwachsene Jesus auf einer Hochzeit gewirkt hat. Wir kennen die Geschichte von der Hochzeit zu Kana in Galiläa. Der Wein ist ausgegangen. Was für eine Katastrophe in einem Land, in dem die Gastfreundschaft heilig ist und eine Hochzeit schon mal eine ganze Woche lang gefeiert wird. Jesus wandelt auf Bitte seiner Mutter Wasser zu Wein. Er macht das nicht nur, um einem Freund aus der Patsche zu helfen, oder damit der Gastgeber nicht sein Gesicht verliert und eine Feier nicht vorzeitig endet. Er setzt ein Zeichen. Ein Ausrufezeichen. So wie er öfters durch sein Verhalten Zeichen setzen wird, wenn er sich zu Tisch setzt mit Zöllnern und Sündern und Menschen, die sonst keiner an seiner Tafel sehen will oder wenn er Menschen gesund macht, deren Leben durch eine Krankheit stark eingeschränkt wurde. Zum Leben in der Fülle gehört die Freude. Es ist die Freude der Erlösten, die keinen Mangel mehr kennen, die keine Angst mehr haben, in der für alles Platz ist, nur nicht für Tränen und Trauer. Gott will euch diese Freude in Fülle, im Überfluss schenken. Gott will euch das pure Leben schenken. Gott will mit euch leben. Er will euch an seinem Tisch haben. Immer, wenn sich Jesus den Menschen zuwendet, schaut Gott sie gnädig an. Und das bedeutet, dass das wahre Leben bei den Menschen ankommt. Dieses Leben in seiner Fülle ist ein Leben in Freude. Daran erinnert uns Johannes. Dieses Leben in Fülle ist mit Jesus in die Welt gekommen. An diesem Leben in Fülle sollen wir einmal teilhaben. Die Zeichen Jesu sind Ausrufezeichen. Schaut hin, sagen sie. Bei mir ist das Leben zu finden, das Leben in Fülle.

Aber dann gibt es doch auch noch die andere Erfahrung. Es gibt nicht nur das Ausrufezeichen Jesu. Es gibt auch noch die erhobenen Zeigefinger der Menschen, die meinen, dass sie es besser wissen. Es gibt die Menschen, die sagen: „Das darf doch nicht wahr sein!“ Sie sind sich sicher, dass Jesus gegen Gottes Gesetz verstößt. Und in der Tat, manchmal scheint es so zu sein, dass Jesus die Gesetze außer Kraft setzt. Johannes schreibt uns, warum das so ist. „Das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.“ Das Gesetz, das sind die Verordnungen und Gebote. Es ist gut, dass wir sie haben. Sie regeln unser Leben, geben uns Halt und Sicherheit. Wie gut, wenn wir uns daran halten: du sollst nicht töten, nicht stehlen, nicht die Ehe brechen, Vater und Mutter ehren und so weiter. Problematisch wird das, wenn wir Gott zu einem Paragraphenreiter machen. Einer, der eben nicht Gnade vor Recht ergehen lässt. Einer, der das Leben in Fülle an eine Reihe von Bedingungen und Verordnungen knüpft, ohne die es eben nicht geht.

Dagegen hat Jesus Einspruch erhoben. Deshalb hat er am Sabbat Menschen geheilt. Keine Stunde länger sollten sie leiden müssen, weil Gott nicht will, dass sie leiden. Die Gebote und Gesetze sollen zum Leben helfen und nicht verhindern. „Die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden…“ sagt Johannes deshalb. Es ist die Haltung des Vertrauens, der Freude am Glauben, zu der wir eingeladen sind. Das bedeutet ja nicht, dass wir keine Gesetze mehr einhalten sollen, dass Ordnungen und Normen schlecht seien. Aber die Grundrichtung ist eine andere, oder sollte ich sagen, die Grundhaltung ist eine andere. Jesus Christus lehrt uns, Gott anders zu sehen, Gott anders zu glauben, anders zu bekennen. Gott ist der Vater, der die Arme ausbreitet, um uns aufzunehmen. Gott ist der, der mit uns zu Tisch sitzt und feiern will. Ich muss keine Bedingungen mehr erfüllen, um am Tisch Gottes einen Platz zu bekommen. Weil die Forderungen, die das Gesetz stellt, die Bedingungen längst eingehalten, ausgelöst, erfüllt sind durch Jesus, will Gott gerne Gnade vor Recht ergehen lassen und uns das Leben schenken, gratis, umsonst.

Wenn ich also meinen Strohstern vom Fußboden aufhebe, bin ich froh darüber. Ich will ihn nicht wegräumen zu den anderen Strohsternen. Ich will ihn aufheben und das Jahr über immer wieder anschauen. Er soll mich erinnern und mir den Weg weisen, den ich gehen soll. Es ist der Weg des Vertrauens. Vielleicht hat Gott mir diesen Strohstern hingelegt, und vielleicht sind diese Worte der Bibel, die wir heute gehört haben, ebenfalls solche Gedächtnisstützen. Sie sprechen die Sprache der Liebe. Sie tragen einen festlichen Glanz in den Alltag. Immer dann, wenn ich mich daran erinnere, wieso der Menschensohn in die Welt gekommen ist. Er ist gekommen, damit Gott mich durch ihn freundlich anschauen kann und damit ich aus seiner Fülle schöpfen kann, Gnade um Gnade. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 6.1.2022


Christus in dir. Predigt über 1. Johannes 5,11 – 13 nach dem Christfest 

Und das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht. Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, euch, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

„Wer den Sohn hat, der hat das Leben!“ Diese Aussage aus dem 1. Johannesbrief berührt mich. Ich denke, das liegt daran, dass ich dieses Wort mit einer tiefen Sehnsucht verbinde, die ich im Herzen trage. Es ist die Sehnsucht nach einem guten und erfüllten Leben. Wir alle tragen diese Sehnsucht in uns. Für die meisten von uns gehört die Gesundheit zu einem guten Leben dazu. Die wünschen wir uns meist, wenn wir jemanden zum Geburtstag gratulieren oder wenn wir uns, wie in diesen Tagen, ein gutes neues Jahr wünschen. Und das gehört gewiss auch zu einem guten Leben dazu, Gesundheit und Wohlergehen. Wer wollte das bestreiten? Warum aber sind so viele Menschen unzufrieden, obwohl sie gesund und finanziell abgesichert sind?

Heut erfahren wir, dass zum wahren Leben wohl mehr gehört als Gesundheit und Wohlergehen. Nicht wir müssen uns dieses Leben erarbeiten oder verdienen. Es kommt zu uns. Das wahre Leben, das uns den Frieden bringt, nach dem die Seele sich sehnt, wächst aus einer tiefen Verbindung, die uns trägt und hält. Es ist die Verbindung mit dem Gottessohn, dessen Geburt wir vor einer Woche gefeiert haben.  Wie aber kommt diese Verbindung zustande? Wie kommt der Gottessohn zu uns, wie hält er Einzug in unser Leben, in unser Herz?

Der Gottessohn kommt dreimal in die Welt, so lehren es uns die Mystiker. Einmal ist das geschehen im Stall von Bethlehem. Das war vor rund zweitausend Jahren. Davon lesen wir in den Evangelien. Das feiern wir an Weihnachten. „Er kommt aus seines Vaters Schoß und wird ein Kindlein klein, er liegt dort elend nackt und bloß in einem Krippelein, in einem Krippelein.“ Und er wird wieder kommen am Ende aller Zeiten. Wir sehnen uns danach. Das bekennen wir Sonntag für Sonntag im Glaubensbekenntnis. Aber das  steht noch aus. Und in der Zwischenzeit? Da kommt er zu uns, heute, um uns das Leben zu schenken, das ewige Leben. Er kommt zu uns in seinem Wort, in den Geschichten, die wir von ihm hören und die wir uns erzählen, wenn wir zu ihm beten und uns an seinem Tisch versammeln und wenn wir in seinem Namen Gutes tun. Dann ist er mitten unter uns.

Die Weihnachtszeit ist die Zeit der Lieder, die von dem Leben erzählen, das zu uns kommt. Die Lieder und Geschichten helfen uns, damit dieses Leben in Leib und Seele übergehen kann, damit er selbst in uns Wohnung nehmen und mit uns leben kann. Mit den Liedern auf den Lippen  können wir dem Gottessohn unsere Herzen öffnen, damit er bei uns einziehen kann, damit das Leben bei uns ankommt und sich entfalten kann.

Wer den Sohn hat, der hat das Leben! So einfach ist das also. Das wahre, das gute Leben, wächst aus dieser lebendigen Verbindung mit Jesus Christus. Er ist die Quelle des Lebens. Dieses Leben fließt uns zu, wie uns frisches Wasser aus einer klaren Quelle zufließt und unsere Seele stärkt. Wir müssen nur schöpfen und trinken.

Das Leben, das Gott uns schenkt, hat nichts zu tun mit Reichtum, Erfolg, mit Schönheit oder Luxus. Gerade das Weihnachtsfest, das so häufig zur Konsumorgie verkommt, will uns das anschaulich machen. Dazu müssen wir nur zur Krippe treten, in den Stall von Bethlehem. „Der Sammet und die Seiden dein, das ist grob Heu und Windelein, darauf du König groß und reich herprangst, als wär’s dein Himmelreich…“ kann Martin Luther deshalb dichten. Der Gottessohn wird Mensch unter recht erbärmlichen Verhält-nissen. Gott macht sich klein, weil er den Kleinen liebt, den Schwachen, den Hilflosen. Er kommt nicht in eine heile Welt. Er kommt in eine Welt der Konflikte und Spannungen, der Unterdrückung und der Not. Er kommt zu den Menschen, die sich in dieser Welt nach dem wahren Leben sehnen. Er kommt, um ihnen das Leben zu schenken.

Gott kommt zu den Hirten. Im Heiligen Land waren das Randexistenzen. Nichts gegen den Hirtenberuf selbst. Auch David war einst ein Hirte. Als Knabe hütete er die Herde seines Vaters. Es waren aber doch manchmal recht raue Gesellen unter dem Hirtenvolk, Menschen, denen keiner so recht über den Weg traute. Hirten wurden von den Besitzer der Herden angestellt. Sie hüteten in ihrem Auftrag die Tiere. Wenn aber ein Raubtier ein Schaf gerissen hatte, musste der Hirte dafür grade stehen. Es hätte ja sein können, dass sie in Wahrheit die Tiere unter der Hand verkauft haben.

Zu diesen Burschen also kommt der Engel und sagt: „Ich verkünde euch große Freude!“ Sie erfahren von der Geburt eines Kindes in einem Stall. Die Hirten machen sich auf dem Weg. Das Leben! Sie finden es im Kind, das in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt. Wie sie es ansehen und anbeten, spüren sie den Frieden Gottes, der in ihr Herz einzieht. Sie bleiben Hirten. Ihr Leben wird nicht einfacher gewesen sein also vorher. So wie unser Leben nicht einfacher wird, wenn der Gottessohn in uns Wohnung nimmt. Aber dennoch verwandelt sich dieses Leben, weil mit ihm die Hoffnung und die Freude Einzug hält. Sie verändert uns. So war das jedenfalls bei den Hirten. Ihr Hirtendasein war nicht einfacher. Es ist aber ein anderes Leben geworden. Sie waren voller Freude. Sie haben gespürt, dass sie von Gott angenommen sind, dass sie bei Gott willkommen sind. Das sie bei Gott eine Chance haben. Das macht ihr Herz froh. Sie fühlen sich geliebt, respektiert, wahrgenommen. Mit großer Freude sind sie zurück gegangen zu ihren Herden und haben auf ihrem Weg die gute Nachricht weitergeben: „Wir haben das Leben gefunden – und ihr sollt es auch finden.“ Leben und Liebe, angenommen sein und aufgenommen sein von Gott, das gehört zum wahren Leben dazu. Das sagen sie den Menschen. Das wahre Leben ist der Friede mit Gott, der im Kind von Bethlehem Gestalt angenommen hat. Ein Friede, der sich mitteilen, der sich verschenken will.

Wer den Sohn nicht hat, der hat das Leben nicht! Auch diese Worte hören wir heute. Die Weihnachtsgeschichte erzählt nicht nur von den Hirten, die zum wahren Leben finden. Wir erfahren von dem Menschen, der sich dem wahren Leben verschlossen hat. Herodes, der König von Roms Gnaden, ist einer von ihnen. Seine Macht steht auf wackligen Beinen, sie ist zeitlich befristet. Herodes ahnt das, deshalb erschrickt er „und mit ihm ganz Jerusalem“, als die Weisen aus dem Morgenland sich bei ihm nach dem neugeborenen König der Juden erkundigen. Herodes will sich absichern, seine Position festigen. Deshalb setzt er seine Macht ein, gewissenlos und brutal. Vergänglich ist sie, diese Macht, aber in ihrer Vergänglichkeit noch grausam genug, um die Mütter von Bethlehem zum Wehklagen zu bringen. Am Ende aber wird er ohne Macht, also ohnmächtig, sterben und vergehen. Wer den Sohn nicht hat, der hat das Leben nicht!

Es geht heute aber nicht um Herodes und Menschen wie ihn. Es geht darum, wie wir zum wahren Leben finden. Wer den Sohn hat, der hat das Leben! schreibt Johannes in seinem Brief allen, die sich nach dem wahren Leben sehnen. Er weist sie an den Sohn, in dem das Leben erschienen ist, Gestalt angenommen und eine Stimme bekommen hat. Diese Stimme ermahnt und ermutigt, tröstet und baut auf, sie ruft uns und lädt uns ein.

Wer ein Leben in der Liebe führt, findet zum Leben. Glaube und Liebe gehören zusammen. In der Liebe zum Mitmenschen nimmt der Glaube Gestalt an, nimmt das Leben Gestalt an. Es will sich mitteilen durch die Liebe. Sie sucht den Mitmenschen und erkennt ihn ihm den Bruder und die Schwester. Es ist eine hinschauende und tätige Liebe zu der uns Jesus mit seinem Vorbild ermutigt. Eine Liebe, die zum Leben hilft. Jesus ist nicht achtlos an den Menschen vorbeigegangen. Er ist stehen geblieben und hat sich ihnen zugewandt. „Was willst du, das ich dir tun soll?“ fragt er den Blinden, um ihm dann das Augenlicht zu schenken. Wenn der Herr in uns Wohnung nimmt, können wir nicht anders, als ebenso zu leben, wie er gelebt hat. Wer in dieser Liebe lebt, wird merken, dass sein Leben reicher wird. Und noch etwas. Dieses Leben, das in der Liebe Gestalt annimmt, ist das ewige Leben, weil es uns mit dem verbindet, der das Leben selbst ist.  Es macht uns zu Kindern Gottes. „Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein neuen Schein, es leucht wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht,“ haben wir gesungen. Wir tragen die Ewigkeit in uns, wenn wir mit Christus verbunden sind. Ewiges Leben beginnt nicht erst irgendwann in einer fernen Zukunft. Es leuchtet schon jetzt auf. Es leuchtet auf, wenn wir uns anschauen lassen von dem Kind in der Krippe, wenn wir uns von ihm anlachen lassen und wenn wir uns von ihm lieben lassen, wenn wir seine Liebe in unser Herz hinein lassen, damit sie uns verändern kann, damit wir Kinder des Lichtes sein können. Dann stehen wir mitten im Leben, im ewigen Leben, weil wir mit dem Gottessohn sind, der menschgewordenen Liebe. Sie merken also, Glauben, Leben, Liebe, das gehört zusammen, ergänzt sich, durchdringt sich. Dieses Leben will zu uns kommen und in uns wohnen.

Laden wir ihn ein. Vielleicht mit den Worten eines Liedes, das wir im Advent gesungen haben. Mit bitten wir den Sohn Gottes zu uns herein, mit ihm verbinden wir uns mit dem, der das Leben selbst ist: „Ach mache du mich Armen, zu dieser heiligen Zeit, aus Güte und Erbarmen, Herr Jesus, selbst bereit, zieh in mein Herz hinein, vom Stall und von der Krippen, so werden Herz und Lippen dir allzeit dankbar sein.“ Das wahre Leben, nach dem wir suchen, finden wir im Kind von Bethlehem. Dieses Kind will in uns wohnen, damit sich das Leben in uns entfalten kann, damit wir das Leben haben, das ewige Leben. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 2.1.2022 



Geduld mit dem Unkraut. Predigt über Matthäus 13, 24 - 30 

Jesus  legte ihnen ein … Gleichnis vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. Als nun die Halme wuchsen und Frucht brachten, da fand sich auch das Unkraut. Da traten die Knechte des Hausherrn hinzu und sprachen zu ihm: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut? Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du also, dass wir hingehen und es ausjäten? Er sprach: Nein, auf dass ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet. Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt in meine Scheune. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

Am letzten Abend des Jahres hören wir ein seltsame Geschichte von Jesus. Er sagt, mit dem Himmel ist wie mit einem Mensch, der guten Samen auf seinen Acker sät. Am Abend ist die redliche Arbeit getan und die Nacht bringt die ersehnte Ruhe. Als alle schlafen, kommt einer, der Unkraut unter den Weizen sät und sich dann davon schleicht. So wächst beides auf dem Acker, Unkraut und Weizen. Die Knechte wundern sich und fragen, ob sie das Unkraut vernichten sollen. Aber der Bauer schüttelt den Kopf. Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Ist das eine vernünftige Haltung? Ehrlich gesagt, mich stört das. Wenn ich sehe, dass etwas aus dem Ruder läuft, will ich den Fehler gleich beheben. Schließlich gehöre ich zu den Ordentlichen, zu den Menschen. Ich kann nichts stehen lassen. Mein Ackerfeld ist mein Schreibtisch. Ich mag keine Unordnung darauf. Sie stört mich. Und nun höre ich dieses Gleichnis und erfahre, wie es im Himmel zugeht, wie es bei Gott zugeht. Ich erfahre, dass Gott viel Geduld hat und dass er auch mal  was stehen lassen kann. Er hält es aus, wenn Weizen neben Unkraut wächst. Lieber Gott, ich möchte nicht wissen, wie es auf deinem Schreibtisch aussieht. Aber darum geht es heute Abend nicht. Es geht nicht um Ordnung oder Unordnung oder dass man jeden Halm sofort ausreißt, der nichts aufs Feld gehört und auch nicht, ob alles in der richtigen Schublade liegt.

Es geht um das Himmelreich. Und es geht um eine außerordentliche Zumutung. Unkraut darf auch mal neben dem Weizen wachsen. Wir hören das Gleichnis am letzten Abend des Jahres. Das ist ein sensibles Datum. Für mich jedenfalls. Ich denke an das vergangene Jahr zurück und in meiner Betrachtung wird das Ackerfeld zum Bild für mein Leben. Ich ziehe Bilanz. Was ist alles darauf gewachsen, in den letzten zwölf Monaten? Wirklich nur Weizen oder nicht doch eine Menge Unkraut darunter? Unkraut, das ist dann alles, was mich nicht zufrieden macht, was mich stört, was ich nicht stehen lassen will, was mein Bild trübt, mein Bild davon, wie ein gutes Ackerfeld auszusehen hat, wie ein erfolgreiches Jahr auszusehen hat mit einer Bilanz, die sich ebenfalls sehen lassen kann.

Aber halt! Es gibt eigentlich kein Unkraut! Das hat mir einmal einer gesagt, der sich auskennen muss. Und wirklich, in einem Lexikon lese ich, dass diese Bezeichnung sehr willkürlich von den Menschen gewählt wird. Was für den einen Unkraut ist, ist für den anderen „nur“ Begleitvegetation, Beikraut oder Wildkraut. Einen schlechten Beigeschmack bekommt das Unkraut in unserem Evangelium durch einen Menschen, der sich nachts auf den Acker schleicht und es unter den Weizen bringt, um den Bauern zu schaden. Er will nicht, dass der Landwirt erfolgreich ist, dass sich seine Mühe gelohnt hat.

Am letzen Abend des Jahres hören wir dieses Gleichnis. Mich mahnt es heute zur Geduld, zur Nachsicht und zur Gelassenheit im Umgang mit den Unkräutern auf dem Ackerfeld meines Lebens. Vielleicht geht es Ihnen ebenso.Vor allem bei der Rückschau, wenn wir unseren Lebensacker bewerten, wenn wir schauen, was in den letzten Jahren gewachsen ist und wenn wir nicht immer damit zufrieden sind. Den Bauern im Gleichnis erschreckt das Unkraut nicht. Er hat nicht Angst, dass dadurch gleich die ganze Arbeit ruiniert wird.  Zu dieser Gelassenheit möchte ich auch finden, wenn ich auf meinen Lebensacker schaue, auf mein Jahr. Ich bin nicht mit allem zufrieden, was in den letzten zwölf Monaten geschehen ist. Manches habe ich mir anders vorgestellt. Manches hat sich anders entwickelt, als ich gedacht habe. Und manches wird von anderen anders wahr genommen. Was in meinen Augen vielleicht ein Unkraut ist, ist in den Augen der anderen ein heilsames Pflänzchen. Das Gleichnis macht mir Mut, etwas geduldiger zu sein und vielleicht auch etwas gnädiger mit Bewertungen, mit den eigenen Leistungen aber auch mit dem, was andere  daraus machen.

Zugegeben, im Gleichnis ist vom Feind die Rede, also von einem, der in übler Absicht gehandelt hat. Es widerstrebt mir aber, andere gleich als Feinde zu bezeichnen, weil sie mir vielleicht in die Parade gefahren sind, weil sie mich kritisiert haben oder weil durch sie etwas nicht so geworden ist, wie ich das gerne hätte. Nein, deshalb sind sie noch lange keine Feinde. Nicht jedes Unkraut ist wirklich ein Unkraut. Nicht jede Kritik, nicht jedes Urteil von anderen schlecht, nur weil es mir nicht gefällt.  Wenn ich zu dieser Einstellung finde, gelingt es mir sicher leichter, das Gute zu sehen an dem, was auf dem Feld meines Lebens gewachsen ist.

Das Gleichnis macht mir heute Mut, gelassener mit dem wirklichen Unkraut umzugehen, mit Erfahrungen von Bosheit, von Feindschaft und Ablehnung, die uns im Leben wohl auch nicht erspart bleiben. Es mag sie ja geben, die wirklichen Feinde, die auf Schaden aus sind. Vielleicht ist das eine große Herausforderung, die hier an uns gestellt wird. Es ist die Ermutigung zu einem tiefen Gottvertrauen. Es ist die Ermutigung am Ende doch alles Gott zu überlassen. Er hat das letzte Wort, die letzte Entscheidung, was gut und schlecht war in meinem Leben, was auf meinem Ackerfeld eine Heilpflanze und was nur Unkraut war, was gelungen ist und was nicht. Es ist die Herausforderung des Glaubens, mit dem Segen Gottes zu rechnen. Wenn Gott den Acker des Lebens segnet, wird er dafür sorgen, dass auch im Segen wachsen und gedeihen wird, was in seinem Namen aufs Land gestreut wurde, ob es dem Feind nun gefällt oder nicht. Hinter dem Hausvater steht im Gleichnis ja kein anderer als der Gott, den mich Jesus gelehrt hat, Vater zu nennen. Vertrauen wir also darauf, dass er die schützende Hand hält über uns und über unser Leben, dass Früchte darauf wachsen können, dass Gutes entstehen kann, auch im neuen Jahr. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 31.12.2021



Ein hoffnungsvolles Zeichen.Predigt über Jesaja 7,10-14 am 2. Weihnachtsfeiertag

In der Weihnachtszeit sehnen wir uns nach Zeichen und Wundern, vielleicht noch viel intensiver als in den übrigen Wochen und Monaten des Jahres! Wahrscheinlich  hören wir deshalb besonders gerne die Geschichte von der wunderbaren Geburt Jesu im Stall von Bethlehem, die uns durch den Evangelisten Lukas überliefert wird. Wir sehnen uns nach dem Frieden auf Erden, den die Engel den Hirten in der Heiligen Nacht verkündet haben. Dieser Friede ist ja weit mehr als nur ein Schweigen der Waffen, weit mehr als nur ein Nicht-Krieg. Dieser Friede auf Erden bei den Menschen, an denen Gott Wohlgefallen hat schließt die ganze Schöpfung ein, Mensch und Tier, die Umwelt, unser ganzes Dasein. Was im Argen liegt, so heil werden, Leib und Seele sollen erlöst werden. Woran Leib und Seele gebunden sind, was sie einschränkt und gefangen nimmt, davon soll sie los werden. Erlösung bedeutet, das frei werden soll, was gefangen ist.  Viele von uns sehnen sich nach Zeichen und Wundern. Sie halten Ausschau nach einem Halt, nach einem Hinweis, der Mut macht, der wieder hoffen lässt, nach einem Zeichen dafür, dass es weiter geht, dass die Schmerzen an Leib und Seele nachlassen, dass die Angst sich auflöst, das Gefühl der Niedergeschlagenheit weicht, die quälende Einsamkeit weniger bedrückend ist, dass es wieder aufwärts geht im Leben.

Der Abschnitt aus dem Alten Testament, über den heute gepredigt wird, spricht von einem besonderen Zeichen der Befreiung, der Erlösung. Der Evangelist Matthäus hat ein Wort daraus in seine Weihnachtsgeschichte aufgenommen, als prophetischen Kommentar zur Geburt Jesu. Ich meine das Wort, das der Prophet Jesaja einst seinem König ausgerichtet hat, eine Zeitansage, die aufhorchen ließ und aufhorchen lässt: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.“

Dieses Wort führt uns in eine ferne Zeit zurück. Es ist ursprünglich an einen König gerichtet, der lange vor Jesus gelebt hat. Dem werden bei diesem Wort die Ohren geklungen haben! Ich stelle mir vor, dass er gar nicht so glücklich über dieses verheißene Zeichen war. Das zeigt der Zusammenhang, in dem unser Prophetenwort steht. Der Prophet  Jesaja spricht im Auftrag seines Gottes zum König Ahas aus Juda:  „Fordere dir ein Zeichen vom Herrn, deinem Gott, es sei drunten in der Tiefe oder droben in der Höhe! Aber Ahas sprach: Ich will's nicht fordern, damit ich den Herrn nicht versuche. Da sprach Jesaja: Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist's euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen? Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Imanuel.“ (Lutherbibel 1984, Deutsche Bibelgeselleschaft, Stuttgart)

Das Prophetenwort wird in  gefährlichen Zeiten hineingesprochen. König Ahas fürchtete um seinen Thron, um seine Macht, um sein Leben. Krieg lag in der Luft. Sein Land wurde von einer heidnischen Großmacht bedroht. Das war Assyrien. Das Großreich hatte die Angewohnheit, die kleinen Nachbarländer zu überfallen und zu verschlucken. Diese kleinen Länder wollten sich schützen. Sie wollten ein Bündnis gegen Assyrien schließen und sie forderten, dass Ahas ihrem Bündnis beitrete. Wurde er ablehnen, wollten sie ihn zur Waffenhilfe zwingen, notfalls sogar töten und einen anderen an seine Stelle setzen. Dennoch zögerte Ahas. Er hatte ganz andere Pläne. Er wollte die gefürchtete Großmacht Assyrien zu Hilfe rufen. Sie sollte für ihn seine Feinde beseitigen. Dafür lohnte sich dann der Kniefall vor den fremden Göttern des mächtigen Nachbarn, der mit dem Hilferuf verbunden  war.

Während er über diesen Plan nachdachte trat der  Prophet.Jesaja auf. Er wollte Ahas Mut machen, Gott zu vertrauen. Zugleich warnte er ihn: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht!“ Er meinte damit : Vertrau deinem Gott, binde dich an ihn und nicht an dein Geld, deine Waffen und schon gar nicht an fremde Götter. Halte dich an deinen Gott, dann wird dir nichts geschehen! Ahas sollte sich sogar ein  Zeichen erbitten. Eines, das seinen Glauben und sein Vertrauen stärken sollte. Ein sichtbares Zeichen. Aber der König lehnte ab. Mit einer scheinbar frommen Begründung, er wolle Gott nicht durch Zeichen versuchen. Tatsächlich ging es ihn gar nicht um Gott. Der König hatte sich längst entschieden. „Laß dich jetzt nur nicht verunsichern!“ Dachte er sich wohl. Niemand sollte seine Pläne durchkreuzen, der Prophet nicht und Gott auch nicht. Deshalb wollte er von einem göttlichen Zeichen lieber nichts wissen.

Jesaja hat ihn durchschaut. Ob es ihm recht ist oder nicht - dem König sollte ein Zeichen gegeben werden. Und das sollte das Zeichen sein: eine junge schwangere Frau. Sie wird ein Kind zur Welt bringen, das Immanuel heißen soll. „Gott ist mit uns“ bedeutet dieser Name. Dieses Prophetenwort wird dem König zur Verheißung und zur Drohung, gewiss, er sollte gerettet werden, vor den kleinen Feinden rings um ihn. Seine Freiheit aber würde er verlieren. Die Geschichte berichtet uns, dass Assyrien Einzug in Jerusalem gehalten hatte, nachdem es das Nachbarreich dem Erdboden gleichgemacht hatte. Aus dem judäischen König Ahas wurde ein Untergebener, der auf Gedeih und Verderb der Willkür einer fremden Großmacht ausgeliefert war und in ihrem Schatten seine Freiheit und wohl auch seinen Frieden mit Gott verloren hatte.

Dieses Prophetenwort hatte die Frommen des Gottesvolkes lange bewegt. Vor allem wegen der angekündigten Geburt dieses geheimnisvollen Kindes mit dem sonderbaren Namen. Die Heilige Schrift berichtet nichts von der Geburt so eines Kindes zur Zeit des Königs Ahas. Deshalb haben wohl immer mehr die  Verheißung von der Geburt dieses Kindes mit ihrer Hoffnung auf den Messias verbunden, der noch kommen und die Menschen erlösen solle. „Immanuel“ wird das Kind heißen, das heißt Gott mit uns. Gott selbst wird durch dieses Kind zu den Menschen kommen. So ist das Prophetenwort seinen Weg gegangen, weg von seinem ursprünglichen Adressaten hinein in das Matthäusevangelium. Dort will es erklären, was die Geburt Jesu für die Menschen und die Welt sein will: ein Zeichen und ein Wunder, das Gott den Menschen schenkt.

Das Prophetenwort weist uns Christen auf Jesus Christus hin. Ihn hat Gott der Welt zum Zeichen gesetzt. Ein Zeichen, das uns zeigt, was Gott mit uns vor hat. Gott will uns retten. Gott will uns in seiner Nähe haben. Gott will bei uns sein. Christus ist das Zeichen, das Gott den Menschen gibt, das Zeichen des Heils, der Erlösung, des Friedens.. Er schenkt der Welt den Immanuel. Wo er auftritt und sein Machtwort spricht, können Blinde sehen, Lahme gehen, werden Kranke gesund, bekommt die Welt eine Ahnung von dem, was Gott mit ihr noch vor hat und wie der Friede Gestalt annimmt, von dem die Engel in der Heiligen Nacht gesungen haben.. Ein mahnender Unterton begleitet aber heute diese Verheißung. Es ist der Ruf zum Glauben, zum Vertrauen, der da mitschwingt. Das fällt uns Menschen besonders schwer, Gott zu vertrauen. Wir setzen unsere Hoffnung und unsere Zuversicht lieber auf uns und unsere Möglichkeiten. Nicht, dass ich sie mindern möchte, die Früchte des menschlichen Geistes. Gerade in unserer Zeit bin ich dankbar für die Errungenschaften der medizinischen Forschung im Kampf gegen das Coronavirus, um nur ein Beispiel zu nennen. Und doch sollen wir darüber nicht das Glauben und Gottvertrauen vergessen. Josef war so einer, der immer wieder erinnert daran werden musste. Und wir sind wie er. Wir zweifeln, wir hinterfragen, wir machen Pläne und vergessen darüber manchmal, wer unsere Schritte lenkt. Damit wir unseren Weg nicht verfehlen, hat Gott uns Zeichen gegeben, auf die wir schauen sollen, die uns Mut machen und daran erinnern, dass die Welt nicht Gottverlassen ist.  Christus ist das Zeichen und Wunder, nach dem wir uns sehnen. Ein Zeichen von Gott. Danken wir ihm dafür. Treten wir  im Glauben ein in den Stall von Bethlehem. Treten wir zur Krippe und beten wir an, wie die Hirten oder die drei Weisen. Danken wir Gott für das Zeichen, das uns zum Weg, zur Wahrheit und zum Leben weist und bitten wir ihn, dass wir dieses Zeichen im Glauben annehmen und nicht verlieren, nicht aus den Augen, nicht aus dem Sinn und erst recht nicht aus dem Herzen. Amen.

© Pfr. Stefan Köttig, Altenstein,26.12.2021



Kind Gottes sein! Predigt über 1.Joh.3,1-6 zum Christfest

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt. Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.  (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart)

Johannes spricht in einem Atemzug von Gottes Liebe und von unserer Bestimmung. Wir  sind Gottes Kinder.  Die Liebe Gottes hat uns dazu bestimmt. Was für eine Aussage. Ich denke heute bei diesen Worten an die Weihnachtsgeschichte. Dort sehen wir die Kinder Gottes  vor der Krippe stehen, die Hirten auf dem Feld ebenso oder die Weisen aus dem Morgenland. Und nicht nur die. Auch du und ich, wir dürfen uns dazu stellen! Johannes sagt uns an diesem weihnachtlichen Morgen, dass wir dazu gehören. Wir gehören zur Familie Gottes. Und Gott sieht uns mit besonderen Augen an. Liebevoll sieht er uns an. Die Patzer, die Misstöne in unserem Leben, stören diese Liebe nicht. Gott liebt uns um des Kindes willen, dessen Geburt wir feiern. Er schaut nicht auf unsere Fehler, sondern auf den Weg, den das Kind gegangen ist. Ein Weg der Versöhnung und des Friedens. Ein Weg aus der Entfremdung zurück in die Geborgenheit beim Vater. Ein Weg zurück ins Elternhaus.

Wir sind Gottes Kinder! Wer von uns das Glück hatte, behütet aufgewachsen zu sein, der kann mit dieser Aussage etwas anfangen. Er wird gerne an seine Kindheit  zurückdenken, vor allem zu Weihnachten. Wer den Segen einer glücklichen Kindheit erfahren hat, der mag sich das heute gerne sagen lassen, dass er ein Kind Gottes ist. Weil er erfahren hat, wie schön es sein kann, ein Kind zu sein. Kind sein zu können bedeutet, geborgen zu sein, ein Zuhause zu haben, behütet aufzuwachsen, Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Großeltern, Onkel oder Tanten zu haben, Menschen, die einen spüren lassen: wir haben dich lieb, wir sind stolz auf dich.

Tappen wir jetzt in die Weihnachtsfalle? Die schnappt zu, wenn wir in Erinnerungen schwelgen und dabei das „Kindsein“ verklären. Unsere Weihnachtslieder können einen schon dazu verleiten. Wir besingen den „holden Knaben im lockigen Haar“ und vielleicht stiehlt sich dabei auch eine Träne der Rührung in die Augenwinkel. Wir stehen vor der Weihnachtskrippe und singen: „da liegt es das Kindlein, auf Heu und auf Stroh, Maria und Josef betrachten es froh. Die redlichen Hirten knien betend davor, hoch droben schwebt jubelnd der Engelein Chor.“  Ob das wirklich so war?  Vielleicht hat Josef insgeheim immer noch gezweifelt an der Treue seiner Frau? Und Maria, hat möglicherweise schon geahnt, welchen Kummer sie wegen ihres Kindes noch haben wird? Und die Hirten werden wohl keineswegs so redlich gewesen sein. Aber auch der Dichter des Kinderliedes aus unserem Gesangbuch erinnert uns daran, wohin der Lebensweg das Kind führen wird: „O betet: Du liebes, du göttliches Kind, was leidest du alles für unsere Sünd! Ach hier in der Krippe schon Armut und Not, am Kreuze dort gar noch den bitteren Tod.“ Diese Strophe  fällt am Heiligen Abend meistens unter den Tisch. Den Tod möchten wir ausklammern. Wenigstens einmal im Jahr möchten wir so tun, als ob es ihn nicht geben würde.

Wir feiern an Weihnachten nicht die Geburt des holden Knaben mit lockigem Haar, sondern des Kindes, dem man die Heimat geraubt hat. Seine Eltern müssen mit ihm fliehen, sie gehen ins Exil nach Ägypten, weil Herodes dem Kind nach dem Leben trachtet. Erst nach dem Tod des Königs wagen sie sich zurück ins Heilige Land. Sie gehen nach Nazareth. Dort soll Jesus in Ruhe aufwachsen können.

Wir sind Kinder Gottes. Das ist die Weihnachtsbotschaft, die uns heute gesagt wird. Damit wir Kinder Gotte sein können, ist Gott selbst in die Schatten der Welt hineingegangen, hat sie durchlebt und durchlitten. Wir sind Kinder des Gottes, der zu den Heimatlosen gegangen ist, der sie zu sich gerufen hat, um Ihnen ein Zuhause zu schenken, den niedrigen, den geschundenen, den geschlagenen, den an Leib und Seele verwundeten, den misstrauischen, den enttäuschten und den sterbenden Menschen. Gott bietet ihnen und uns ein Zuhause an. Er lädt uns ein, in seiner Nähe zu leben. Nicht, weil wir es verdient hätten, sondern weil er uns liebt. Johannes sagt, dass wir Gott gleich sein werden. Wenn wir bei ihm ankommen, werden wir ihn sehen, wie er ist. Liebevoll ist er und stolz auf seine Kinder. Wenn wir bei ihm ankommen, werden wir so sein, wie er uns ursprünglich geschaffen hat, wir werden rein sein, was uns belastet, beschwert, traurig oder schuldig macht, wird von uns abfallen. An Weihnachten sind wir eingeladen, uns auf den Weg zu machen, hin zur Krippe. Dort wartet er auf uns. Wir dürfen alles mitnehmen, was uns bewegt, belastet oder bekümmert. Wir dürfen die Angst ebenso mitnehmen wie die Freude, den Ärger, die Erschöpfung, das Gefühl, ausgebrannt und leer zu sein, das alles hat bei der Krippe ebenso einen Platz, wie ein fröhliches Herz oder ein Mund voll Jubel, Dankbarkeit oder Vertrauen. In der Krippe leuchtet das Leben auf, zu dem wir bestimmt sind, weil er selbst, das Licht und das Leben in der Krippe liegen.  Bei ihm, dem menschgewordenen Gott werden wir finden, was wir unser Leben lang suchen, Geborgenheit und Liebe, Vergebung und Frieden. Allerdings kostet der Weg dorthin Mühe. Wir müssen aufstehen, hingehen, dorthin, wo das Jesuskind, dort wo Gott selbst zu finden ist.

Seht, welche Liebe uns der Vater erzeigt hat, dass wir Gottes Kinder sind, sagt Johannes. Gott selbst schaut liebevoll auf uns. „Das sind meine Kinder“ sagt er und öffnet uns an Weihnachten sein Herz, damit wir bei ihm ein Zuhause finden, einen Ort, an dem wir geborgen sind. Er hört nicht auf die Patzer in der Melodie unsers Lebens, er schaut nicht auf die Flecken, die unsere weiße Weste im Lauf des Lebens abbekommt, er hört unser Seufzen, unser Lachen und Weinen. Er hört und sieht uns so, wie wir sind. Und so sind wir bei ihm willkommen. Er öffnet uns sein Herz. Und dann mag sie einkehren, die Weihnachtsfreude, weil die Liebe ihren Weg findet, von Herz zu Herz gewissermaßen. Dann können wir uns doch wieder freuen und die Lieder der Freude singen, zusammen mit den anderen. Die Patzer und Fehler in unserem Leben und in unseren Liedern stören Gott nicht. Wir sind ja seine Kinder. Nicht, weil wir so gut sind, sondern weil er uns liebt. Amen.        

© Pfr. Stefan Köttig, Altenstein, 25.12.2021



Ungewohnte Bilder. Predigt über Jesaja 9,1-5 zur Christmette am 24.12.2021 in Altenstein

Das Original dieses Bildes, das vor Ihnen liegt, stammt aus dem 15. Jahrhundert. Es handelt sich um eine alte Buchmalerei. In den Zeiten vor dem Buchdruck wurden vor allem in Klöstern die handgeschriebenen biblischen Texte liebevoll illustriert und auf diese Weise auch interpretiert. Vielleicht vermissen Sie auf diesem Bild die Engel, den Stern über der Krippe und die Hirten, die vor dem Kind knien. Nur Ochs und Esel  lassen den Betrachter ahnen, dass es sich hier um einen Stall handelt. Das Kind liegt nicht in einer Krippe. Josef hält es in seinen Armen, während Maria auf ihrem Lager aufrecht sitzt und ein Buch liest. Gehen wir etwas näher an die Szene heran. Ochs und Esel sind zwar von der heiligen Familie durch einen Zaun getrennt. Aber sie spielen in unserem Bild eine wichtige Rolle. Der Ochs trägt eine Glocke um den Hals. Aufmerksam, fast neugierig schaut er hinüber zu Maria, als ob er sagen wollte: „So etwas hat die Welt noch nicht gesehen!“  Maria bemerkt das nicht. Sie ist vertieft in ihre Lektüre. Sicher hält sie die Bibel in der Hand, als ob sie dort die Bestätigung sucht für all das, was in dieser heiligen Nacht geschieht. Der Betrachter soll daran erinnert werden, dass sich jetzt die alte Verheißung erfüllt, von der Jesaja einst geschrieben hat:  „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben und die Herrschaft ist auf seiner Schulter…“. Gott hat sein Versprechen wahr macht. „Was der alten Väter Schar höchster Wunsch und Sehnen war und was sie geprophezeit, ist erfüllt in Herrlichkeit…“ möchte ich mit den Worten eines alten Liedes aus unserem Gesangbuch dazu sagen.

Maria trägt ein goldgelbes Gewand. Gold ist eine Königsfarbe. Auch die Tücher, in die das Kind gewickelt ist, sind goldfarben.  Jesus und Maria gehören zusammen, auch, wenn die Mutter das Kind in die Obhut ihres Mannes gegeben hat. Tatsächlich hält Josef mit dem Kind den Friedenskönig in den Armen, nachdem sich das Gottesvolk so sehr sehnt. Eine rote, wallende Decke wärmt die Gottesmutter. Das ist außergewöhnlich. Häufig trägt Maria auf den Bildern der christlichen Kunst ein blaues Gewand. Blau ist die Farbe des Himmels, des göttlichen Bereiches, der dem Menschen nicht mehr zugänglich ist, seitdem Adam und Eva das Paradies verlassen mussten. Rot hingegen steht für pulsierendes Leben auf Erden. Das Blut, das durch unsere Adern fließt, der Lebenssaft, wie wir ihn nennen, ist rot.  Ebenso ist rot die Farbe des Feuers, das wärmt und verzehrt. Der Heilige Geist kommt am Pfingstfest in Gestalt feuriger Zungen auf die Jünger hernieder. Die Farbe der Kirchenfeste und der Heiligen und Märtyrer ist rot. Schließlich ist rot vor allem die Farbe der Menschwerdung Gottes, der Inkarnation. Diese Lebensfarbe  beherrscht also das Bild. Feuer, Geist, Liebe wird das Leben erfüllen, das im Augenblick so verletzlich in den Armen Josefs liegt.  

Zu ihm wandert nun mein Blick. Josef kümmert sich um das Kind, während Maria ihr Buch liest. Liebevoll, zärtlich drückt er es an sich. Nicht Maria, sondern Josef trägt ein blaues Gewand. Da ist sie also, die Farbe des Himmels, ganz und gar beim göttlichen Kind. Sie bringt Ruhe in das Bild. „Still, still, still, weil’s Kindlein schlafen will…“ summe ich, während ich Josef betrachte. Ein moderner Josef, der Gedanke drängt sich mir auf. Er ist sich nicht zu schade, das Kind zu tragen, damit sich Maria Ruhe gönnen kann. Ob er gelegentlich auch die Windeln des Kindes wechselt? Dieses Fest stellt die gewohnte Ordnung auf den Kopf. In einem Lied heißt es. Gott „wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein, wie könnte es sein lieblicher, das herze Jesulein, das herze Jesulein.“ Vielleicht gehört das zu Weihnachten dazu, dass die gewohnten Ordnungen in Frage gestellt werden und ebenso die landläufigen Aufgaben - und Rollenverteilung, beispielsweise in der Familie oder auch in einer Gemeinschaft oder einer Gemeinde. Es muss nicht immer alles so bleiben, wie es von jeher gewesen ist. Gott stürzt die Mächtigen vom Thorn und erhebt die Niedrigen hat Maria gesungen, als sie bei ihrer Verwandten Elisabeth zu Besuch war. Es ist ein sanfter Umsturz, der sich in der heiligen Nacht vollzieht. Gott verlässt den Himmel, um als Kind unter den Menschen zu leben. Er wird sich auch nicht zu schade sein, das einfache Leben eines Wanderpredigers zu führen. Eine neue Ordnung wird er den Menschen ans Herz legen, die Ordnung der Liebe, die den Schwachen schützt und aufwertet, was in den Augen der Mächtigen gering erscheint.

Ein Wort noch zu den beiden Tieren. Meistens werden Ochs und Esel mit einem Prophetenwort in Verbindung gebracht, in dem Jesaja sich über den Unglauben seines Volkes auslässt. „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt's nicht, und mein Volk vernimmt's nicht….“ Man kann die beiden Tiere aber auch als Hinweise auf den Weg und die Berufung des göttlichen Kindes verstehen. Der Ochse war  nicht nur ein Lasttier, er war auch ein Opfertier. So weist der Ochse auf das Opfer hin, das der Gottessohn am Kreuz bringt. Der Esel neigt sich Josef zu. Es scheint, als ob er ihn mit der Schnauze anstupsen und etwas ins Ohr flüstern möchte: „Später wird eines meiner Nachkommen deinen Sohn hineintragen in die Heilige Stadt.…“ flüstert er.  „Dann wird der Gott-Held, der Wunder-Rat und Friede-Fürst von den Menschen wie ein König begrüßt.“ Und es scheint, als ob er dabei lächelt, der Esel. Er ist sich seiner Bedeutung bewusst. „So, wie ich meine Lasten trage, wird dein Sohn einmal die Sündenlast der Menschheit ans Kreuz tragen!, mag er in seiner Sprache dem Josef zuraunen.

Ob Josef den Esel verstanden hat? Er hütet das Kind, das auf seinen Armen schläft und von all dem noch nichts ahnt, was ihm bevorsteht. Josef sorgt dafür, dass der Gottessohn einmal seinen Weg in die Welt antreten kann. Er ist der „Held im Hintergrund“,  einer, wie er uns näher fast nicht kommen kann. Er braucht diesen blauen Mantel, vielleicht noch mehr als Maria, er braucht die Unterstützung des Himmels, weil er allein wohl schnell an seine Grenzen stößt. Und er bekommt die Hilfe, die er braucht. Immer wieder spricht Gott durch seine Engel zu ihm, immer wieder klopft der Himmel an in seinem Gewissen, in seinem Herz und in seinen Träumen. „Verlass Maria nicht,“ sagt der Engel zu ihm, als Josef von der Schwangerschaft seiner Verlobten erfährt. „Es geht alles mit rechten Dingen zu!“ Später wird ihm ein Engel im Traum sagen, dass er mit seiner Familie nach Ägypten gehen soll, weil Herodes dem Kind nach den Leben trachtet und die Soldaten bereits mit dem Mordbefehl unterwegs sind!“ Und Josef gehorcht. Josef kümmert sich. Und wie uns das Bild zeigt, er kümmert sich liebevoll um den Gottessohn.

Das Bild lässt uns ahnen, was dem Maler wichtig war an Weihnachten.  Gott kommt in die Welt. Er tritt an unsere Seite. Er steigt von seinem Thron herunter, tauscht den Himmel mit einem zugigen Stall, den Thron mit dem Futtertrog und mutet uns deshalb zu, ebenfalls immer wieder neue Wege zu wagen, so wie Gott neue Wege gewagt hat, Wege, die ihn zu den Menschen führten, die sich nach ihm sehnen. Wenn wir Gott suchen, müssen wir das Kind suchen und zwar dort, wo wir es am wenigsten vermuten.  Auf dem Bild liegt es nicht in der Krippe, sondern in den Armen seines Ziehvaters. Das Bild regt uns an, darüber nachzudenken, wo wir es in unserem Umfeld finden können. Das Bild ermutigt uns, den Blick weg vom Gewohnten, vom Vertrauten zu wenden. Das Jesuskind will sich von uns finden lassen. Meist ist es dort zu finden, wo wir es am wenigsten vermuten. Dort wartete es auf uns, damit wir es wie Josef aufnehmen, damit wir es uns zu Herzen nehmen. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 24.12.2021


Hören. Erschrecken.Staunen. Sich freuen - die angemessene Verhaltensweise der Christen. Predigt über Lukas 1,26 – 38 am 4. Advent 

Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das?  Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben. Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, sie, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

Ein seltsamer Besuch ist das, von dem Lukas uns heute im Evangelium erzählt. Der Erzengel Gabriel kommt zu Maria. Er überbringt eine verstörende Botschaft. Viele Maler haben diesen Besuch dargestellt. Oft  zeigen sie Maria, die gerade ein Buch liest. Oder sie ist mit einer Handarbeit beschäftigt, als Gabriel vor sie hintritt. Erstaunt sieht sie ihren Besucher an. Für ein Mädchen aus gutem Haus, das noch unter der Obhut der Eltern lebt, gehört es sich nicht, dass sie einfach so Besuch bekommt. Aber vielleicht ist es im Augenblick ganz gut, dass niemand Zeuge wird von dem, was ihr der Engel sagt. Seine  Botschaft  wirft die Lebensplanung der jungen Frau über den Haufen. Das heißt, eigentlich sind es nicht ihre eigenen Pläne, die  durchkreuzt werden. Es sind vielmehr die Pläne der Familien von Braut und Bräutigam, die zunichte gemacht werden. Mädchen haben sich damals ihren künftigen Ehemann nicht selbst ausgesucht. Das war Sache der Familien und ihrer Oberhäupter. Mädchen heirateten nicht. Sie wurden verheiratet. Meist im Alter von zwölf bis vierzehn Jahren. Wenn sich die Familien der Brautleute handelseinig waren, wurde Verlobung gefeiert. Damit war Maria „unter der Haube“. Auch, wenn die Braut erst später von ihrem Bräutigam heimgeholt und die Ehe vollzogen wurde, die Bindung war rechtsgültig. Und nun das, eine ungewollte Schwangerschaft, deren Urheber nicht der Bräutigam war. Was für ein Skandal! Eine Schande, für die Braut, den blamierten Bräutigam und für die beiden Familien. Ob Maria daran gedacht hat, als sie über die Rede des Engels erschrak? In der Bibel steht, dass sie der Gruß des Engels irritiert hatte. „Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!“ Gabriel heißt wörtlich: Der vor Gott steht. Gott grüßt also durch seinen Boten ein kleines, unscheinbares Mädchen, das in einem absolut unbekannten Provinznest auf ihre Hochzeit wartet. Maria erschrickt. Dieser Gruß von Gott passt so gar nicht in die alte Weltordnung. Frauen spielten eine untergeordnete Rolle in der Männerwelt. Von einem Gesetzeslehrer jener Zeit stammt der Ausspruch: „Man entbietet einer Frau überhaupt keinen Gruß!“ Deshalb staunt Maria über die Rede des Engels. Sie staunt darüber, dass sie wahrgenommen wird, dass auf sie gehört wird. Ob sie ahnt, dass bereits mit seinem Gruß etwas ganz Neues und Unerhörtes ins Rollen kommt?

Mit einem Gruß  setzt sich Gott über die Regeln und Ordnungen hinweg, die in ihrer engen Welt gelten. Gott grüßt eine unscheinbare und ganz und gar unwichtige Frau. Er wendet sich diesem Menschen zu und wertet ihn auf. Es wird nicht bei diesem Regelverstoß bleiben. „Sei gegrüßt, du Begnadete.“ Dieser Gruß gilt nicht nur Maria. Was ihr durch den Engel zugesprochen wird, wird später jedem Menschen in der Taufe gesagt: Der „Herr ist mir dir! Du bist ein begnadeter Mensch.“ Vielleicht verstehen wir jetzt, warum Paulus noch aus dem Gefängnis heraus schreiben kann: „Freuet euch! Und abermals sage ich: freuet euch – der Herr ist nahe!“  Gott kommt in diese Welt und setzt die die alten, oft entwürdigenden Ordnungen außer Kraft, damit die Menschen endlich ein Leben führen können, das seinen Namen verdient, ein Leben in der Würde als Gotteskinder. Was in Nazareth unscheinbar begonnen hat, wird sich  im Reich Gottes einmal vollenden.

Die Menschen aber klammern sich an die alten Ordnungen, deren Zeit eigentlich vorüber ist. Vor allem diejenigen halten sich daran fest, denen diese alten Ordnungen Vorteile bringen. Herodes erschrickt bis ins Mark, sagt der Evangelist Matthäus, und mit ihm das ganze Jerusalem,  als wenig später, die Sterndeuter bei ihm anklopfen und nach dem  neugeborenen König der Juden fragen, den König, der kommt um Gottes neue Ordnung der Welt zu verkünden und durchzusetzen. Er ahnt, das seine Zeit abgelaufen ist.

Die Geschichte vom Besuch des Engels bei Maria erzählt davon, wie die Menschen sich dazu verhalten sollen, zu dem, was Gott mit der Welt vorhat.  Sie staunen, sie freuen sich, sie öffnen sich Gott. Maria staunt. „Wie soll das zugehen“ fragt  sie den Engel. „Wie soll das vor sich gehen, wie soll ich ein Kind zur Welt bringen, da ich doch nichts von einem Mann weiß?“ Nein, sie fängt nicht an, mit dem Engel zu diskutieren. Sie hinterfragt die Botschaft nicht, so wie der gelehrte Priester Zacharias, dem Gabriel ebenfalls erschienen ist, um ihm die Geburt seines Sohnes, des Täufers Johannes, anzukündigen und dem es dann die Sprache verschlagen hat. Maria erschrickt und staunt. Und wir sollten ebenfalls erschrecken und staunen. Erschrecken, weil Gott uns aus unseren alten Bahnen, aus alten Denkmustern herauswirft, weil er es uns zumutet, dass wir umdenken und manchmal auch umkehren müssen. Nachdem der Engel wieder von ihr gegangen ist, macht sich Maria auf den Weg. Sie besucht ihre Verwandte Elisabeth. Dort wird sie diesem Gott ein Loblied singen, ein revolutionäres Loblied. Gott hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen, wird Maria singen. Und nicht nur das. Sie wird auch sagen, was die Mächtigen zu erwarten haben. Gott „stürzt die Gewaltigen vom Thron und erhöht die Niedrigen!“ Das sind Worte mit Sprengkraft. Kein Wunder, dass Menschen wie Herodes diese Botschaft unter Verschluss halten möchten. Die Zeit der alten Ordnungen ist vorbei. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die Throne der Despoten wackeln. Die Botschaft der Vor -  Weihnachtsgeschichte ist eindeutig, Gott lässt sich nicht aufhalten. Er kommt und die Verhältnisse werden sich ändern.

Aber auch Staunen sollen wir. Staunen ist die angemessene Reaktion auf Gottes Zuwendung. Und Freude. Die kommt zum Staunen dazu. Staunen und sich freuen über die neue Ordnung, die jetzt anbricht und die alte aus hebelt, dazu werden wir heute herausgefordert. Lassen wir uns ansprechen von dieser Geschichte des unglaublichen Besuchs. Maria, das einfache Mädchen aus Nazareth lehrt uns, wie wir uns zu verhalten haben. Maria sagt:  „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Sie ist bereit. Sie lässt Gottes Handeln zu. Sie vertraut seinem Wort und lässt sich in Dienst nehmen. Das können wir von ihr lernen, dass wir uns nicht verschließen, dass wir uns dem Anspruch Gottes öffnen und leben, als Begnadete, als Menschen unter der Gnade des Herrn. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 19.12.2021




Den Weg bereiten. Treu sein. Predigt über 1. Korinther 4,1 - 5 am 3. Advent

Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse. Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden. Mir aber ist's ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht. Ich bin mir zwar keiner Schuld bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist's aber, der mich richtet. Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und das Trachten der Herzen offenbar machen wird. Dann wird auch einem jeden von Gott Lob zuteilwerden. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

Stars und Mauerblümchen! Die einen stehn im Rampenlicht. Die andern an der Peripherie. Die einen ziehn die Blicke auf sich, bestimmen das Tagesgespräch – manchmal zu Recht, manchmal zu Unrecht. Die andern werden übersehen. Meist zu Unrecht. Sie machen die Arbeit, meistens diskret und unauffällig. Darüber wird kein Wort verloren. Stars und Mauerblümchen gibt es überall. Auch in der Kirche. Jetzt stelle ich mir den Apostel vor. Nein, ein Mauerblümchen war er gewiss nicht. Aber ein Star? Nein, als Star kann ich ihn mir auch nicht denken. Dazu fehlen die Starallüren. Ich kann nirgendswo lesen, dass sich Paulus im Glanz seines Ruhmes sonnt, dass er es genossen hat, im Rampenlicht zu stehen. Vielmehr lese ich von Zögern und Zagen, von Enttäuschung über sein Auftreten und von Verärgerung über seine Worte. Nein, Paulus war kein Star.

Paulus sagt, worauf es ankommt. Nicht auf schöne Worte. Nicht auf glanzvolle Auftritte, auf geschliffene Reden oder bemerkenswerte Leistungen. Worauf es allein ankommt das ist die Treue. Wir sind Haushalter, sagt er. Ich denke nicht, dass er uns in dieses „Wir“ mit hinein nimmt. Wir sind Haushalter von Gottes Geheimnissen. Haushalter sind keine Marktschreier. Haushalter sind diskret, verlässlich. Sie sind da, wenn man sie braucht. Und darauf kommt es an: auf die Treue. Die Treue zum Anvertrauten ist entscheidend! Wir verwalten Gottes Geheimnisse, so beschreibt Paulus die Haushaltertätigeit. Die Treue, mit der die Gute Nachricht, das Evangelium den Menschen ausgerichtet wird, die Treue, in der man die Sakramente verwaltet, tröstet, ermahnt, den Glauben stärkt – darauf kommt es an. Nicht auf das Auftreten, nicht auf die Vermarktung.

Wie leicht kann sich der Wind drehen. Wie schnell können Stars von der Bildfläche verschwinden! Das ist meistens dann der Fall, wenn sie in Ungnade fallen. Ein Beispiel dafür ist Johannes, an den uns das Evangelium dieses Sonntags erinnert. Aus dem Gefängnis heraus stellt er Jesus die Frage: „Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?“  

Johannes - der Star – sitzt im Gefängnis. Die Treue zu seinem Auftrag hat ihn dahin gebracht. Johannes! Was war das für eine schillernde Persönlichkeit – mit langen, zotteligem Haar und in Fellen gekleidet, so stelle ich ihn mir vor. Mit feurigem Blick und zorniger Stimme spricht er am Jordanufer zu den Menschen. In Scharen sind sie zu ihm in die Wüste gekommen, um sich von ihm ins Gewissen reden zu lassen. Natternbrut, Otterngezücht hat er sie genannt und zur Umkehr gerufen, weil die Axt schon an den Baum angelegt ist und weil das Gericht naht. Viele haben sich von diesen Worten anrühren und taufen lassen. Kompromisslos war Johannes. Und treu. Treu dem einen, in dessen Namen er den Mund aufgemacht hat. Treu zu Gott.  Die meisten hat’s beeindruckt. Einen hat’s geärgert. Und der hat das Land regiert. Herodes, der König. Johannes hat sich mit ihm angelegt. „Es ist nicht recht, dass du die Frau deines Bruders hast!“ hat er ihm gesagt. Herodes hat ihn dafür ins Gefängnis werfen und später umbringen lassen. So weit kann man’s bringen, wenn man die Geheimnisse Gottes treu verwaltet.

Worauf kommt’s an?  Es kommt auf die Treue an, mit der die Haushalter die Geheimnisse Gottes verwalten. Die Geheimnisse Gottes – das ist das, was uns Gott anvertraut hat: die Frohe Botschaft und den Auftrag, sie zu den Menschen zu bringen.  Das ist das Geheimnis, dass Gott selbst zu den Menschen kommt – durch sein Wort, durch die Sakramente und ich bin sicher: auch durch die Liebe, die wir einander schenken. Die Liebe verbindet uns mit Gott, der die Quelle der Liebe ist. Die Liebe hat Gestalt angenommen in Jesus Christus, der heute zu uns kommen will. Dem soll man treu sein. Jesus Christus, dem die Menschen zugejubelt und den sie später ans Kreuz geschlagen haben. Dem soll man treu sein. Darauf kommt es an. Auf die Treue zu Jesus, der Gott und die Menschen bedingungslos geliebt hat, ohne Kompromisse einzugehen. Es geht um die Treue zu Jesus, der die Tische der Geldwechsler umgestoßen hat, weil sie aus dem Gotteshaus eine Räuberhöhle gemacht haben und der zugleich den Kranken am Sabbat die Hand aufgelegt hat, weil sie schon genug gelitten haben und nicht warten sollen, bis die Sonne untergeht und der Feiertag vorüber ist. Treue zu Jesus! Darauf kommt es an. Treue zu Jesus, der geschwiegen hat, wo andere versuchen würden, ihren Kopf mit schönen Worten aus der Schlinge zu ziehen: vor dem Hohen Priester oder vor Pilatus. Treue zu Jesus, darauf kommt’s an. Treue zum erfolglosen Gottessohn, der noch beten kann, wo andere mit Gott hadern.

Wer treu sein will, kann sich selbst in Schwierigkeiten bringen. Dass ist meist dann der Fall, wenn mich die Treue in Konflikte bringt und ich nicht mehr so recht weiß, ob meine Entscheidungen richtig oder falsch sind. Dann gibt es einen Kompass, der mir bei meinen Entscheidungen helfen kann: das Gewissen. Paulus nimmt das Gewissen deshalb sehr ernst und weiß doch auch um die Not, wenn es einen verklagen will. Das Gewissen ist der Ort, an dem Gott mir begegnen will in dieser Welt. Weil mein Gewissen sich ausrichtet an Gottes Wort, an Jesus Christus, bin ich frei, meinem Gewissen zu folgen. Ob ich dabei die richtige oder die falsche Entscheidung getroffen habe, der Herr wird’s ans Licht bringen, wenn er kommt und er wird’s beurteilen. Im Licht seiner Liebe. Deshalb kann ich unbelastet leben. Und treu sein, oder wenigstens: versuchen treu zu sein, so gut ich’s kann. Ich muss nicht nach Erfolgen schielen. Ich muss kein Star sein. Ich darf ich selbst sein. Ich folge meinem Gewissen, das mir hilft bei der Frage, was richtig oder falsch ist. Das letzte Wort in jeder Angelegenheit wird dann der sprechen, dessen Ankunft wir sehnsüchtig erwarten und dem wir den Weg bereiten sollen.

Wir bereiten ihm den Weg, indem wir treu sind. Wir bereiten ihn den Weg, indem wir an der Wahrheit festhalten, wie Johannes der Täufer das getan hat. Wir bereiten ihm den Weg, indem wir an der Liebe festhalten, wie sie in Jesus Christus Gestalt angenommen hat. Eine unerschrockene und doch barmherzige und warmherzige Liebe. Eine Liebe, die uns tragen und halten wird im Gericht. Eine Liebe, die uns das Leben schenkt, nach dem wir Sehnsucht haben. Wir bereiten dem Herrn den Weg, indem wir treu sind und Zeugnis ablegen von dem, was wir glauben, was wir hoffen –  so wie Paulus das getan hat. Vielleicht werden wir überrascht feststellen, wie schnell Mauerblümchen dann zu blühen beginnen. Es ist die Liebe, die sie aufblühen lässt, die Liebe Christi, die sie zu  spüren bekommen. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig,2021




O Heiland, reiß die Himmel auf! Predigt über Jes.63,15f.19b;64,1-3 am 2.Advent 

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name. Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde. Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen,  wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten, und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! Auch hat man es von alters her nicht vernommen. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

Wir sind im letzten Monat des Jahres angekommen. Der Advent ist eigentlich eine schöne Zeit, lichtreich und von der Vorfreude auf ein wunderbares Fest geprägt, wenn nur nicht die vielen Einschränkungen wären, wenn nur nicht die permanente Angst da wäre. Diese pandemiebedingte Krisenstimmung im eigenen Land hat viele von uns mürbe gemacht. Andere sind gereizt oder aggressiv. Ein falsches Wort und der Streit eskaliert. Das ist doch kaum auszuhalten, möchte man sagen. Wenn man diese Stimmung doch nur mit einer Fernbedienung wegdrücken könnte, wie man das bei einem schlechten Fernsehfilm manchmal macht. Wir alle aber wissen, dass das nicht geht. Unser Abschnitt aus dem Alten Testament zeigt mir einen anderen Weg. Nicht jammern, vielmehr singen. Israel leidet. Und Israel singt. Es breitet Gott in einem Klagelied seine Not aus.

Wir finden diese Klage  im Buch des Propheten Jesaja. (Es ist die Lesung für diesen Sonntag). Israel stimmt einen Klagepsalm an. Es hatte auch allen Grund zur Klage. Das Volk blickt auf eine schwere Leidenszeit zurück, eine Zeit, in der es verloren hat, was ihm wichtig war: die Heimat, die Heilige Stadt Jerusalem, den Tempel. Viele Israeliten wurden in die babylonische Gefangenschaft verschleppt. Etliche sind dort gestorben. Jahrzehnte mussten vergehen. Eine Großmacht musste von der Weltbühne abtreten und eine andere den Platz einnehmen. Babylon verschwand und Persien wurde mächtig. Kaiser Kyrus gestattete den Israeliten endlich die Rückkehr in eine zerstörte Heimat. Eine Frage war es, die sich Israel in die Seele gebrannt hatte. Hat Gott uns verlassen? Warum schweigt er zu unserer Not?  Da stimmt einen Psalm an, ein Klagelied. Das können wir vom Gottesvolk lernen, klagen wir Gott unser Leid, wenn unser Glaube erschüttert wird, behalten wir unsere Not nicht bei uns. Schütten wir unser Herz vor dem aus, der in die  Herzen  schaut. Das Gottesvolk weiß, ohne Gottes Zuwendung ist es verloren. Deshalb sendet es einen dringenden Ruf  nach oben, einen Hilferuf: „So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist dein Eifer und deine Macht? Deine große herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.“

Und so wie Israel haben es viele gemacht. Einer davon war Jesuitenpater Friedrich von Spee. In dem  Lied  „O Heiland, reiß die Himmel auf“  nimmt er die Prophetenworte auf, um sie in seine eigene Zeit neu hineinzusprechen, vielleicht auch hineinzuklagen. Seine Zeit war der 30 jährige Krieg. Das Land war ausgeblutet. Plündernde Landsknechte machten die Gegend unsicher und hinterließen eine Spur der Zerstörung. Den Rest erledigte die  Pest. Kein Wunder, dass die Menschen  in ständiger Angst lebten. Zum Krieg, zu den Seuchen und zur allgemeinen Not kam noch der Hexenwahn. Als Seelsorger begleitete Friedrich von Spee viele Frauen auf ihrem Leidensweg bis zum  Scheiterhaufen, machtlos und zugleich auch voll Trauer und Zorn über das Unrecht, das diesen Frauen widerfahren ist. Er war überzeugt davon, dass keine einzige zu Recht als Hexe verurteilt wurde. Er hat seine Meinung in einem Buch niedergeschrieben und dabei gewusst, dass er selbst damit in große Schwierigkeiten geraten kann. Und Gott schweigt zu diesem Unrecht! Auch diese Erfahrung hat Friedrich von Spee machen müssen. Aber er hat  sich mit diesem Schweigen Gottes nicht zufrieden gegeben. In seinem Lied hat er keinen Hehl daraus gemacht, wie sehr er unter dem Unrecht seiner Zeit litt. Er schreibt: „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt. O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm tröst uns hier im Jammertal."

Wo bleibst du? Diese Frage gibt  die Adventshaltung der Seele wieder. Wir sehen die Not der Welt, wir leiden und halten Ausschau nach dem, von dem wir Hilfe erwarten. So hat es Friedrich von Spee gemacht und wir können es auch so machen. Wir können sagen: „Hier leiden wir die größte Not, vor Augen steht der ewig Tod. Ach komm, führ uns mit starker Hand vom Elend zu dem Vaterland.“ Wir können von Israel klagen lernen. Und von Pater Spee. Aber nicht nur das! Israel beweint nicht nur das Schweigen seines fernen Gottes. Es hält trotz aller Erfahrungen von Leid und Not  fest an dem Bekenntnis, dass Gott immer noch Israels Vater sei. Wie Israel festhalten am Bekenntnis zum Vater, der uns liebt, das kann ein weiterer Schritt gegen die Verzweiflung sein. „Bist du doch unser Vater, denn Abraham weiß von uns nichts .... Du, Herr, bist unser Vater,' Unser Erlöser" ist von alters her dein Name."  So spricht das Gottesvolk sein Glaubensbekenntnis, voll Vertrauen, den bitteren Erfahrungen zum Trotz. In diesem Bekenntnis kann es sich bergen. „Du bist unser Vater!“ zweimal wird dieses Bekenntnis ausgesprochen. „Du bist unser Vater!“ Was damit alles gesagt ist:  du Gott, siehst unsere Not. Zu dir können wir rufen, selbst dann, wenn wir alles verloren haben. Du wirst uns nicht aufgeben. Erst recht nicht, wenn wir mit leeren Händen dastehen und nichts anderes vorweisen können, als unsere Zweifel und unsere Hoffnung auf dich!

Wenn wir wie Israel festhalten an dem Glauben, dass Gott unser Vater ist, wenn wir seiner Liebe vertrauen, gewiss wird dann die Hoffnung auf eine neue Zukunft mit Gott ihren Weg zurück in das ängstliche Herz finden. Es ist nicht mehr als der von banger Erwartung getragener Stoßseufzer, den das Gottesvolk zum Himmel schickt: „Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab, ...!" Aber er ist erfüllt vom Glauben, dass Gott sein Volk nicht für immer verlassen hat. Deshalb mündet beim Prophet  die Klage in ein Vertrauensbekenntnis:  „Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.“ Unser Adventslied geht ebenfalls über ins Lob. Diese letzte, dankbare Strophe wurde allerdings erst Jahre später dem Lied hinzugefügt. Vielleicht, weil es diese Zeit braucht, bis die Seele den Weg vom Klagen zum Danken findet, den Weg aus der Verzweiflung in die Zuversicht, aus der Angst zum Mut, der die folgenden Worte dann sprechen kann, die Worte die vom Leben im Reich Gottes sprechen: „Da wollen wir all danken dir, unseren Erlöser für und für,  da wollen wir all loben dich zu aller Zeit und ewiglich.“  

Als Christen glauben wir, dass dieser Gott zu uns gekommen ist. Er hat tatsächlich den Himmel aufgerissen, er ist tatsächlich herabgefahren, allerdings nicht so, wie sich das Gottesvolk das erwartet hat, nicht mit Blitz und Donner und Macht und Stärke. Er ist den sanften Weg gegangen, vielleicht auch den umständlichen, den beschwerlichen. Er ist Mensch geworden und hat unter uns gelebt. Als Kind in der Krippe hat er seinen Weg bei uns begonnen. Als Prediger hat er die Menschen ermahnt und getröstet. Er hat den Kranken die Hand aufgelegt, die Trauernden getröstet.  Er saß zu Tisch mit Frommen und Sündern und am Ende hat er die Schuld der Welt, auf sich geladen und am Kreuz ausgestanden. In einem anderen Lied zum Advent, das nicht von Pater Spee stammt, sondern von den Böhmischen Brüdern, heißt es: „Er kommt auch noch heute und lehret die Leute…“ Er kommt auch noch heute, tröstet und ermahnt und ermutigt. Wo Menschen in seinem Namen zusammenkommen und miteinander beten, wo Menschen sich einsetzen für die Welt Gottes, für das Recht der Menschen, wo sie Nein sagen zum Unrecht, wo sie miteinander weinen, sich Halt geben, dort wird die Welt erträglicher, weil das Leid geteilt wird, dort ist er gegenwärtig und dort reißt auch zuweilen der Himmel auf, dort fällt ein Lichtstrahl auf die Erde, der es hell werden lässt. Dann beginnen wir zu ahnen, was Gott mit uns vorhat, nicht den Untergang, sondern die Rettung. Es mag sein, das vieles kaum zu ertragen ist in dieser Welt. Wo aber Christen dem Herrn ihr Leid klagen, wird mit ihrem Gebet die Bitte um seine Wiederkunft zum Himmel getragen. So werden christliche Klagelieder zu Adventsliedern, die uns die Zeit ansagen, in der wir leben. Es ist die Zeit der Morgendämmerung, in der wir unsere Lieder singen, die fröhlichen und die traurigen. Gott wendet sich der Welt zu. Er hört unsere Klage und er antwortet durch Jesus Christus. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 5.12.2021


Den König ankommen lassen. Predigt über Jeremia 23,5-8 am 1. Adventssonntag

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR ist unsere Gerechtigkeit«. Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«, sondern: »So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

Mich berühren die Worte des Propheten Jeremia. Eine tiefe Sehnsucht spricht aus ihnen. Jeremia sehnt sich nach anderen, nach besseren Verhältnissen, als die, unter denen er mit seinem Volk zu leben hatte. Und er kündet seinem Volk den Anbruch einer heilvollen, besseren Zeit an. Gott wird  seinem Volk einen neuen König schicken. Der soll für Recht und Gerechtigkeit sorgen. Die Menschen sollen sicher wohnen. Diese Worte kommen mir gerade recht. Diese Sehnsucht kenne ich. Ich leide zwar nicht unter ungerechten Verhältnissen. Auch, wenn sich unser Lande gerade in einem Regierungswechsel befindet, müssen wir keine chaotischen Verhältnisse auf den Straßen fürchten. Und unsere Grenzen sind sicher. Anders als zur Zeit des Propheten müssen wir nicht damit rechnen, dass eine aggressive Großmacht über unser Land herfällt. Trotzdem sprechen mich diese Worte vom Anbruch einer neuen Zeit besonders an. Wir müssen zwar keinen Feind von außen fürchten und leiden doch schon eineinhalb Jahren unter der Herrschaft eines unsichtbaren Virus. Das hat unser öffentliches und privates Leben vollkommen im Griff. Mehr als 100.000 Menschen sind der Pandemie zum Opfer gefallen. Nun beunruhigt uns die Nachricht von einer neuen Virusvariante. Und schon werden die Rufe nach noch härteren Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie lauter.

In diesen schweren Zeiten beginne ich mich nach einer besseren, einer im Wortsinn heilsamen Zeit zu sehnen, in der wir uns keine Sorgen machen müssen vor Ansteckung und Erkrankung, in der wir nicht mehr auf Abstand gehen müssen, in der es ganz normal sein wird, ohne Maske nebeneinander im Gottesdienst zu sitzen und sich beim Friedensgruß die Hand zu reichen. Ich träume von einer Zeit, in der Freundschaft nicht mehr zerbrechen, weil man unterschiedliche Einstellungen zum Impfen hat und in der gegensätzliche Meinungen nicht mehr zu erbitterten und teils auch aggressiven Auseinandersetzungen führen. Die Worte des Propheten Jeremia machen mir Mut. Er spricht davon, dass Gott seinem Volk einen neuen König schicken wird, einen wie David. Der geliebte und geschätzte König, der tatsächlich auch seine Schattenseiten hatte, lebte in den Herzen der Menschen fort. Kein Wunder, dass man den künftigen Messias, den sehnsüchtig erwarteten Heilsbringer als Sohn Davids bezeichnete. Rettung und Heil konnte man sich nur aus dem Hause Davids vorstellen. Und wunderbar hat man sich seine Herrschaft vorgestellt. Sie wird alles überbieten, was sich das menschliche Herz erträumen kann und alles in den Schatten stellen, was früher von Bedeutung war. Wenn ich die Worte vom künftigen König höre, denke ich nicht an David. Meine Gedanken und Hoffnung richten sich auf die Gestalt des Zimmermannsohnes aus Nazareth. Für mich ist Jesus Christus der, mit dem Gott auf unsere Sehnsucht nach  Frieden und nach einer heilvollen Zeit antwortet. Dieser Jesus Christus ist auf eine ganz besondere Art und Weise König. Ganz anders, als wir es bis heute von den starken Männern und Frauen gewohnt sind. Wohltuend anders. Ich möchte auf das Leben Jesu sehen, wie es die Evangelien nachzeichnen. Da wird mir deutlich, wie er seine Herrschaft ausübt. Da wird auch deutlich, wie sein Reich beschaffen ist, zu dem wir gehören sollen. Die Evangelien nennen es r das Reich Gottes, das bereits heute schon immer wieder aufleuchtet.

Die Evangelien zeigen mir einen Jesus, der genau hinsieht. Er hält die Augen auf und nimmt wahr, was um ihn herum  vor sich geht. Jeremia sagt, dieser König aus dem Geschlecht Davids wird „wohl regieren“. Und „wohl regieren“ heißt in diesem Zusammenhang nichts anderes, als genau hinzusehen auf die Nöte und Sorgen seines Volkes. Das hat Jesus auch getan. Er ist in die Welt gekommen, um zu sehen und zu helfen und zu heilen. Der Himmelskönig, an den wir glauben, regiert gut und gerecht, weil er den Menschen ins Herz sieht und weil er die Not wahrnimmt, in der wir leben. Die materielle Not ebenso wie die ungestillte Sehnsucht nach einem erfüllten Leben, nach Frieden, nach Versöhnung, nach Heil und auch nach Heilung im wörtlichen Sinn. Und heute sieht er auch unsere Angst, unsere Unsicherheit und auch die Wut, die Enttäuschung, die Ungeduld. Jesus sieht die Menschen und gewinnt sie lieb. Deshalb ist er der König, der Gerechtigkeit üben wird im Lande. Sein Name lautet: „Der Herr ist unsere Gerechtigkeit!“ Aber er setzt seine Gerechtigkeit nicht so durch, wie das irdische Herrscher machen. Er vertraut nicht auf das Schwert, nicht auf Macht und Gewalt, sondern auf Liebe und Barmherzigkeit. Er Hilft, indem er sich uns zuwendet.

Wir sind dazu berufen sind, auf ihn hin zu leben und so dem Reich Gottes den Weg zu bereiten, damit es ankommen kann bei uns. Das geschieht, indem wir  Hass mit Liebe antworten, auf Ungeduld mit Verständnis reagieren, der Angst Vertrauen entgegen setzen, Gottvertrauen. So  lassen wir Christus in unserem Leben ankommen. Denn da will er sein, dort, wo wir leben und manchmal auch leiden. Der Himmelskönig will bei uns ankommen, um Frieden zu stiften, wo gestritten wird. Heil und Leben in Fülle will er uns schenken. Wer niedergeschlagen ist, soll aufgerichtet werden. Wer traurig ist soll getröstet werden. Die Mutlosen sollen neue Hoffnung bekommen. Damit er bei uns ankommen kann, müssen wir  ihn in unser Herz lassen, erst dann ist Advent. Ich will ihn mit den Worten unseres Adventsliedes einladen, mit dem wir den Gottesdienst begonnen haben: „Komm, o mein Heiland, Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist. Ach zieh mit deiner Gnade ein, dein‘ Freundlichkeit auch uns erschein, dein Heil‘ger Geist uns führt und leit‘, den Weg zur ewigen Seligkeit, dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr.“  Gottes „Heil’ger Geist“, der uns führen und leiten wird, will sich bemerkbar machen, in diesen Tagen. Wenn wir wieder etwas zuversichtlicher werden und vielleicht auch eine Spur fröhlicher als sonst, wenn wir wieder etwas gelassener werden im Umgang miteinander, dann ist er gewiss bei uns angekommen, dann ist Advent, auch in diesem Jahr. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 28.11.2021