Pfarrer Stefan Köttig
Allein Gott in der Höh sei Ehr!



 


 


Die aktuelle Predigt

Die Netze auswerfen. Trotz allem! Predigt über Lukas 5,1-11 am 5.Sonntag nach Trinitatis

Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth. Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Der Evangelist erzählt seinen Zuhörern eine Geschichte von den Anfängen der Kirche. Klein, bescheiden ging’s zu. Eine Hand voll Menschen um Jesus.  Mehr Anhänger hat’s nicht gegeben. Einfache Männer sind sie gewesen - müde, abgearbeitet und enttäuscht von  den Misserfolgen. Die sind die ersten, die Jesus in Dienst nimmt. Ein paar Fischer vom See Genezareth. Die ganze Nacht haben sie sich um die Ohren geschlagen. Vergeblich. So rudern sie ans Ufer zurück, ziehen die Boote ans Land und waschen ihre Netze. Hoffentlich haben sie morgen mehr Erfolg. Schließlich müssen Familien ernährt und Steuern bezahlt werden. Und woher das Geld nehmen und nicht stehlen? Aber: so ist das Leben. Das muss man nehmen, wie’s kommt. Mal hat man Glück. Dann gehen die Fische ins Netz. Mal hat man Pech. Dann bleiben die Netze leer. Fische fangen kann zur Glücksache werden. Wer weiß das besser als Petrus oder die Söhne des Zebedäus.


So nebenbei bekommen sie etwas mit von der Unruhe um sie herum. Der Wanderprediger ist wieder im Lande. Jesus. Ein Zimmermann aus Nazareth. Wo immer er auftaucht, scharen sich die Menschen um ihn. „Rabbi, sprich zu uns!“ Immer wieder die eine Bitte. „Sprich zu uns!“  Da ist die Sehnsucht nach einem Wort das Mut macht. Petrus ist nicht der einzige, der enttäuscht ist und müde. Das Land ist voll von Menschen, die den Mut verloren haben und nicht mehr so recht weiterwissen. Männer und Frauen, Junge und Alte. Krank die einen, verbittert die andern oder ratlos. „Sprich zu uns. Sag uns ein Gotteswort, das Mut macht, das Leben schenkt!“  Jetzt sind es schon so viele, dass die Jünger sich Sorgen machen. Jesus wird bedrängt. Da sieht  Jesus die Boote am Ufer liegen. Er steigt in eines davon einfach ein. Es gehört Simon, den Jesus  Petrus nennen wird. „Fahr mich hinaus, nur ein kleines Stück weg vom Ufer!“ bittet er ihn. Und Petrus gehorcht. Wenn’s weiter nichts ist. Ein kleiner Liebesdienst für einen guten Prediger. Alle sollen ihn schließlich hören können. Was soll’s. Der Tag ist sowieso schon gelaufen.  Während er das Ruder hält, hört er Jesus zu. Mit halben Ohr vielleicht nur. Schließlich macht sich die harte Arbeit bemerkbar. Petrus ist müde geworden. Die Augen werden schwer. 


Ob es ihn Mühe gekostet hat, höflich zu bleiben? Er hört kein Dankeschön. Jesus sagt nicht: Fahr mich zurück ans Ufer. Er sagt: Fahr hinaus auf den See, dorthin, wo er am tiefsten ist. Und werft eure Netze zum Fang aus! Hat der eine Ahnung vom Fischfang. Jetzt am helllichten Tag. Zum Fische fangen muss es dunkel und still sein. Die Netze müssen ausgeworfen werden. Nicht nur eines, mehrere Netze. Solche mit weiten und solche mit engen Maschen. Dann müssen die Fische durch Ruderschläge in das Netzwerk getrieben werden - wo sie sich verfangen. Erst dann können die Netze ins Boot gezogen werden. Eine Mordsarbeit ist das. Und darauf hat Petrus nun absolut keine Lust. Vor allem, wenn die Aussicht auf Erfolg gleich null ist.    „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen ...!“ Da spricht einer aus Erfahrung. Es hat ja doch keinen Zweck, Herr, aber, weil du es bist, will ich die Netze auswerfen... 


So ist es gewesen, erzählt uns Lukas. So hat die Kirche begonnen. Mit mutlosen Menschen und ganz und gar ohne Erfolg. Eine Handvoll Fischer, die sich die Mühe gemacht haben, wider besseres Wissen und auf ein Wort Jesu hin die Ruder ins Wasser zu tauchen, auf den See hinauszufahren und die Netze auszuwerfen. Vielleicht geht’s uns ja genauso. Der Mut, das Engagement von früher - alles ist fort. Zu viele Enttäuschung hat’s gegeben. Zu viele Bruchlandungen. Herz und Verstand  habe ich eingesetzt, Mühe und Kraft investiert. Träume haben mich angetrieben. Etwas verändern. Etwas gut, etwas besser machen als die Älteren. Und dann die Ernüchterung, der Misserfolg. Die Enttäuschung. Es bleibt ein bitterer Geschmack der Niederlage, des Versagens, der vergeblichen Mühe bleibt in einem zurück, macht müde und treibt die Hoffnung aus.


Weitermachen. Trotz allem. Auch, wenn’s schwer fällt.  Die Enttäuschungen und die Misserfolge beiseite schieben. Nicht aufgeben. Das sagt der Evangelist Lukas seiner Gemeinde. Die hatte wohl Trost nötig - so wie wir auch. Lukas erzählt ihnen, wie das früher war. Mit Menschen wie  Petrus. Einer, der gesagt hat: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.“ Petrus und seine Jünger erleben ein Wunder. Sie erfahren, dass ihre Mühe nicht vergeblich ist. Dass es nicht vergeblich ist, auf das Wort dieses Herrn zu hören. Auch, wenn sie mutlos sind. Auch, wenn die Vernunft, die Erfahrung etwas anderes lehrt. Die Netze füllen sich mit zappelnden Fischleibern. Immer mehr werden’s. Sie können die Netze nicht mehr allein ins Boot hieven. Sie scheinen fast zu zerreißen. Die Gefährten im anderen Boot müssen kommen und helfen. Es ist kaum zu glauben. Mitten am Tag. Und so viele Fische, dass die Boote beinahe untergehen. Kein Anglerlatein ist’s, sondern ein Wunder. Zum Vertrauen macht die Geschichte uns Mut. Dem Wort vertrauen. Dem Wort Jesu vertrauen - auch, wenn der Glaube auf recht wackligen Füßen steht, auch, wenn das Herz verzagt ist, auch, wenn ich mir gar nichts mehr zutrauen möchte. Vertrauen. Dem Wort Jesu vertrauen. Denkt an Petrus, sagt uns der Evangelist. 


Dem gehen die Augen auf. Am Ufer sieht er Jesus vor sich und erkennt den Gottessohn. Das zwingt ihn in die Knie. Ein Bekenntnis kommt über seine Lippen, das andern schwer fällt: „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.“ Petrus spürt Gottes Gegenwart im Juden Jesus aus Nazareth. So viel Gottesnähe, so viel Heiligkeit, ist kaum zu ertragen. Wenn ein Mensch in Gottes Nähe gerät, denkt, fühlt, glaubt Petrus, das ist wie wenn ein trockenes, dürres Holzstück zu nah an eine Flamme gerät - es fängt Feuer und verbrennt. Deshalb: Geh weg von mir! Such dir einen anderen. Einen, der es wert ist. Ich bin zu schwach für dich, ich weiß nicht, ob ich das aushalten kann. Dieses Leben in deiner Nähe. Immer wieder das Ungewisse wagen, wider alle Vernunft, auf dein Wort hin.


Jesus lässt sich nicht abweisen. Er ruft Simon Petrus in seine Nähe, in seine Gemeinschaft. Er bekommt einen Auftrag. „Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.“ Ein seltsames Wort und ein seltsamer Beruf. Menschen fangen! Normalerweise schreckt dieses Bild ab. Wer Menschen fängt, sperrt sie ein. Nimmt ihnen die Freiheit. Sklavenhändler haben früher Menschen gefangen, sie ihrer Freiheit beraubt. Und Sektierer tun es heute, machen Menschen abhängig und gefügig. Menschen fangen, ein gefährliches Wort. Weil es in unserer Geschichte von Jesus kommt, wird es ein Lebenswort. Zum Leben soll er sie führen, die Menschen. Das Netz, das der Menschenfänger Petrus auswerfen soll, ist aus Liebe gemacht, es zieht Menschen aus der Verlorenheit hinein in das Leben. Zum Vertrauen ermutigt Jesus. Vertrauen sollen wir auf den, der die Wahrheit und das Leben ist. Da können die Mutlosen neuen Mut schöpfen, die Schwachen neue Kraft, wenn sie ihren Weg finden in die Nähe des einen, der die Wahrheit und das Leben ist. Das ist ein Auftrag, der Erfolg verspricht. Denkt an die vollen Netze, sagt Lukas. Auch uns sagt er es, heute. Denkt an den mutlosen Petrus, der es gewagt hat. Er hat die Netze ausgeworfen. Obwohl er der Meinung war, dass es  ja doch keinen Sinn hat. Prallvoll waren die Netze. Prallvoll. Petrus sind die Augen aufgegangen. Er hat erkannt, dass es sich lohnt, dem Wort des Herrn zu vertrauen. Und wir sollen es auch wagen. Auf das Wort des Herrn zu vertrauen.


Eine Geschichte gegen die Mutlosigkeit ist diese Jüngerberufung. Petrus hat ein Wunder erlebt. Die vollen Netze. Er hat sie kaum ans Land ziehen können. Es lohnt sich, auf das Wort des Herrn zu hören. Es lohnt sich, nicht aufzugeben. Selbst, wenn man bis an die eigenen Grenzen geführt wird. Petrus hat erfahren, dass er nicht allein ist. Der, auf dessen Wort er die Netze auswirft, ist in der Nähe. Petrus hat ein Wunder erlebt. Und wir werden es auch erleben. Vielleicht geschehen sie im Verborgenen, diese Wunder. Dass ein taubes Ohr sich öffnet und hartes Herz weich wird, dass Menschen den alten, eingefahrenen Weg verlassen, wieder neuen Mut schöpfen, einen Sinn im Leben entdecken, dankbar werden. Kleine Wunder. Bescheidener als die vollen Netze. Aber doch Wunder, die dafür sorgen, dass es sich leben lässt in dieser Welt, trotz allem. 


Ein Wort Jesu gibt uns Lukas mit auf dem Weg. Ein Wort, das aus der Mutlosigkeit befreit und uns zum Leben führt. Ein Wort, das uns begleiten soll, in unserem Alltag. Jesus sagt es zu Petrus. Fürchte dich nicht!   Mit diesem Wort können die Jünger in ihr neues Leben aufbrechen. Sie bringen die Boote ans Land, verlassen alles und folgen ihm nach. Sie gehen ihren Weg nicht allein. Wagen wir’s - und gehen wir ihnen nach auf dem Weg des Vertrauens. Werfen wir die Netze aus. Geht nicht gibts nicht. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, 12.7.2020, Altenstein

Die Netze auswerfen
Aktuelle Sonntagspredigt zum Download
Lukas 5,1-11-5.Sonntag nach Trinitatis 2020.pdf (53.89KB)
Die Netze auswerfen
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