Pfarrer Stefan Köttig


Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)
 



Lobgesänge in der Nacht und ihre Folgen. Predigt über Apostelgeschichte 16,23-34 am Sonntag Kantate

 

Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Kerkermeister, sie gut zu bewachen. Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und es hörten sie die Gefangenen. Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab. Als aber der Kerkermeister aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.  Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! Der aber forderte ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. Und er führte sie heraus und sprach: Ihr Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde? Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen und führte sie in sein Haus und bereitete ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart)

 

Zwei Menschen singen ein Lied, mitten in der Nacht. Einen Lobgesang! Obwohl es nichts zu loben gibt. Sie sind eingesperrt. In den Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses sitzen sie hinter Schloss und Riegel Wie bei Schwerverbrechern hat man sie dort angekettet. Ich kann mir vorstellen, wie ihnen jeder einzelne Knochen weh tut. Man ist nicht gerade zimperlich umgegangen mit den beiden. Bevor man sie in den Kerker warf, hatte man sie brutal geschlagen. Dabei hat alles so verheißungsvoll begonnen. Mit einem Traum des Paulus. Oder war es eine Erscheinung? Da war ein Mann. Ein Mann aus Mazedonien. Ein Mann mit einer seltsamen, ja flehentlichen Bitte: „Komm herüber und hilf uns!“ Da wusste Paulus, dass die Zeit reif war, um das Wort Gottes aus dem Heiligen Land in die Welt hinauszutragen.

 

Paulus und Silas machten sich also auf nach Philippi. Von der griechischen Hafenstadt aus sollte die Mission auf europäischen Boden beginnen. Alles hatte so gut begonnen. Die Menschen dort hörten die frohe Botschaft und ließen sich taufen. Allerdings: wo Licht ist, da sind auch Schatten. Einigen kam der Besuch aus dem Heiligen Land ganz und gar nicht recht – weil er ihre Geschäfte mit den dunklen Mächten störte. Deshalb setzen sie ein Gerücht in Umlauf. „Die Fremden stören die Ordnung“ sagten sie. „Die beiden bringen Aufruhr in die Stadt!“. Da wurden sie auch schon vor die Stadtrichter geschleppt, ausgepeitscht und ins Gefängnis geworfen. Nun sitzen sie hinter Schloss und Riegel und haben keine Ahnung, ob sie jemals wieder freikommen. War die Mission schon gescheitert, bevor sie überhaupt richtig beginnen konnte?

 

Paulus und Silas sind keine gewöhnlichen Gefangenen. Mitten in der Nacht machen sie den Mund auf – um zu singen. Das hat es noch nicht gegeben. Wehklagen, ja. Hilferufe, ja. Schmerzensschreie, ja. Aber Lobgesänge? Nein. Kein Wunder, dass die anderen Gefangenen zuhören. Verwundert, vielleicht. Überrascht. Welchen Grund diese Menschen haben mochten, dass sie sogar im tiefsten Elend noch ihren Gott loben konnten?  

 

 Mitten in der Nacht singen sie Gott ein Lied. Dessen Melodie bahnt sich seinen Weg in die Zellen der Mithäftlinge. Und die Gefangen hören zu. Paulus und Silas loben ihren Gott. Ihr Lied trägt Hoffnung und Trost in die Zellen dieses Kerkers. Einer aber scheint zunächst nichts in dieser Nacht zu hören.  Der Gefängnisaufseher. Er liegt in seinem Bett und schläft, bis ihn ein Erdbeben aus den Träumen reißt. Erschrocken fährt er von seinem Lager hoch. Sofort ist ihm klar, was geschehen ist. Da packt ihn das blanke Entsetzen. Er weiß, was er tun würde, wenn er hier gefangen wäre und die Ketten auf einmal von seinen Händen und Füßen fallen würden, wenn die Türen des Gefängnisses aus den Angeln gerissen, die Mauern einstürzen würden. Er würde die Gunst der Stunde nutzen und verschwinden, wenn das Chaos groß ist und jeder um sein Leben rennt. Es wäre ihm ganz egal, was danach kommt, wenn das Erdbeben vorüber ist. Dann wird aufgeräumt! Was für eine Schande, wenn dann offenbar würde, dass er seinen Aufgaben nicht gewachsen war. Zu seinen Pflichten gehörte es, dafür zu sorgen, dass die Gefangenen nicht fliehen konnten – auch nicht, wenn alles drunter und drüber geht. Er hätte die Gefangenen töten müssen. Ein toter Gefangener ist besser als ein flüchtiger. Erdbeben hin oder her, er ist erledigt. Da ist er lieber tot als diese Schmach zu ertragen!

 

 Ohne lange zu überlegen greift er nach seinem Schwert, um sich zu töten Ein Schrei hält ihn ab:  Tu dir nichts an, denn wir sind alle hier.“ Der Aufseher traut seinen Ohren nicht. Hatte er richtig gehört: Wir sind alle hier?  Das kann doch nicht sein. Er lässt das Schwert auf den Boden fallen, nimmt eine Fackel und tritt in die Zelle, aus der dieser Ruf kam – genauer gesagt: in das, was von der Zelle noch übrig war. Im flackernden Lichtschein sieht er dort zwischen den Steinhaufen Paulus und Silas, zwei Menschen die sich ganz anders verhalten als erwartet. Zwei Menschen,  die freiwillig im Gefängnis geblieben sind, um ihn vor denn größten Fehler seines Lebens zu bewahren. Zwei freie Männer, die um seinetwillen die Gunst der Stunde haben verstreichen lassen. Sie sind dageblieben.

 

Da gehen ihm die Augen auf. Er erkennt, dass die beiden nie wirklich gefangen waren. Solche Menschen kann man einsperren, foltern, in Ketten legen und doch sind sie immer frei. Und er erkennt sich selbst: einer, der nie frei war, obwohl er die Schlüssel zu allen Ketten und Zellentüren stets bei sich getragen hatte. Diese Nacht hat ihm die Augen geöffnet und erkennen lassen, wo bis heute sein Platz war: als Gefangener im Vorhof des Todes, dort, wo Menschen einander misstrauten, bespitzelten und verrieten, nur um selbst nicht bespitzelt oder verraten zu werden. Wie gerne wollte er auch so frei sein, wie die beiden Männer, die im Gefängnis noch Loblieder singen konnten.

 

„Was muss ich tun, dass ich gerettet, dass ich frei werde?“ hat er die beiden gefragt, während er sie aus der Zelle in seine Wohnung führte. Wie einfach doch die Antwort war, die Paulus ihm gab: „Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig.“ Staunend hörte er, wie Paulus und Silas ihm von diesem Herrn erzählten, wie sie die frohe Botschaft an ihm weitergaben, die Christen Mut macht, auch in der Finsternis ihrem Gott noch Loblieder zu singen. Sie erzählten von Jesus Christus, der den Tod überwunden hatte. Der Glaube an ihn führt aus der Einsamkeit heraus, macht sogar noch frei, wenn die Hände Fesseln tragen und die Füße im Block liegen und alles aussichtslos scheint. So stark ist der Glaube, dass Paulus und Silas nicht davonrennen, nicht die eigene Haut zu retten versuchten – sondern dableiben, im Gefängnis bleiben, um den Aufseher zu retten. „Christen sind Menschen“, denkt sich der Aufseher, „die scheinbar auch in den Stunden der Not, der Einsamkeit, wenn die Nacht am finstersten ist, noch Grund zur Hoffnung haben.“ Er hörte die Melodie der Osterbotschaft, die sich durch die Lieder der Christen zieht und die auch Sterbelieder noch mit Hoffnung füllt. Und noch etwas hat er in dieser Nacht gelernt. Er lernte einzustimmen in den Lobgesang der Christen, die mir ihren Liedern den Auferstandenen in ihrer Welt begrüßen. So wird er frei, wirklich frei. Er wird frei von der Angst, frei vom Misstrauen, frei für das Vertrauen. Er lernt die Lieder zu singen, die zum Leben ermutigen. Lieder, die das Licht hineintragen in die Welt. Lieder, vor denen die Dunkelheit zurückweichen muss. Auch, wenn diese Lieder oft nicht lauter sind, als der Gesang der Vögel, die den neuen Tag begrüßen. Amen.

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 19.5.2019