Gott nahe zu sein ist gut für mich...   Psalm 73,28



 

 

Nach - Weihnachten! Predigt über Matthäus 17,1-9 am letzten Sonntag nach Epiphanias
Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg. Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm. Petrus aber antwortete und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine. Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören! Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und fürchteten sich sehr. Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht! Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein. Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesllschaft Stuttgart)
Einmal alles hinter sich lassen, den Alltag mit seinen Anforderungen. Wie gut das tut. Wahrnehmen, daß es auch noch etwas anderes gibt als die tägliche Müh und Plage. Klarheit gewinnen über sich selbst, über sein Leben und vielleicht auch über das, was das Leben trägt und erhält, was  Kraft gibt, den Alltag zu bewältigen. Solche Zeiten brauchen wir Menschen, immer wieder. Zeiten, in denen wir frei werden, für das Eigentliche, für das Wichtige, für Gott. Drei Jünger haben das getan, Petrus, Jakobus und Johannes. Das war der engere Kreis um Jesus. Sie haben ihren Alltag unterbrochen. Mit Jesus zusammen haben sie alles hinter sich, oder besser gesagt, unter sich gelassen. Sie sind auf einen hohen Berg gestiegen. Klarheit sollten sie dort gewinnen. Klarheit über sich und über ihren Herrn. Oft genug hat er ihnen Rätsel aufgegeben. So geheimnisvoll gibt er sich dann. Davon, daß er nach Jerusalem gehen, leiden und sterben müsse, hat er gesprochen. Wer hätte da nicht Verständnis für die Reaktion des Apostels Petrus auf diesen Leidenshinweis?  „Gott bewahre dich! Das soll dir niemals geschehen!“ Was wohl alle gedacht haben, hat er ausgesprochen. Gut hat er es gemeint und sich eine derbe Abfuhr von Jesus eingehandelt: „Geh weg von mir, Satan! Du bist mir ein Ärgernis...!“  Wie soll jemand diesen Jesus verstehen? Ein Geheimnis trägt er mit sich. Fremd erscheint er den Jüngern.  Sogar den engsten Freunden. Immer wieder zeigt er sich von einer Seite, die sie nicht verstehen. Aber nun lassen sie alles hinter und unter sich. Auf einen hohen Berg steigen sie mit Jesus.
Berge haben etwas Geheimnisvolles an sich. Mit den Gipfeln tauchen sie ein in den Himmel. Bei manchen hat es den Anschein, als ob sie bis an die Wolken stoßen. Ist es da ein Wunder, daß die Menschen die Berge zum Wohnsitz der Götter erklärt haben? Auch im Gottesvolk  spielen Berge eine wichtige Rolle.  Gott hat auf einem Berg zu Mose gesprochen. Beim Schafhüten auf dem Gottesberg, dem Horeb, hört er Gottes Stimme aus dem brennenden Dornbusch.  Später wird Gott ihn wieder auf einen Berg rufen - um ihn die zehn Gebote anzuvertrauen. Zu den Bergen hebt der Beter des 121. Psalms seine Augen mit der bangen Frage, woher ihm Hilfe komme.  Wenn Jesus allein sein will, um in Ruhe zu beten, zieht e sich zurück. Er geht in die Wüste oder er steigt er auf einen Berg.
Auf einem Berg erfahren die engsten Freunde, was es mit dem Geheimnis um die Person Jesu auf sich hat und warum er ihnen oft so fremd, so unnahbar und auch so unverständlich erscheint. Auf einem Berg gewinnen sie Klarheit und Gewissheit auch darüber, was ihren weiteren Weg mit Jesus betrifft. Auf einem Berg wird der Schleier des Geheimnisses um die Person Jesu gelüftet, wenigstens für einen Augenblick. Der Evangelist nimmt uns mit hinauf auf den hohen Berg. Er lässt uns teilhaben an dem, was dort geschehen ist. Wir erfahren, wie Jesus verklärt wurde und wie die Jünger Klarheit gewinnen, auch wenn das auf dem ersten Blick nicht so aussieht. Matthäus erzählt, daß das Angesicht Jesu aufleuchtet, wie die Sonne. Aber wer kann schon in die Sonne schauen, ohne blind zu werden? Wer muss da nicht die Hand vor die Augen halten? Die Kleider wurden weiß wie das Licht, sagt die Schrift. Ich denke an einen Vers aus dem 104. Psalm: „Licht ist dein Kleid, das du anhast...“ heißt es dort über Gott.  Hell wie die Sonne und weiß wie das Licht wird es in und um diesen Jesus aus Nazareth. Dieses Licht bringt es an den Tag. Die Jünger erkennen den Gottessohn. Sie erkennen es an der Art und Weise, wie er mit den Lichtgestalten des Gottesvolkes spricht, die jetzt erscheinen: Mose, der Vertreter des Gesetzes und Elia, der Prophet aus der Frühzeit des Gottesvolkes, von dem es heißt, daß er zurückkehren würde, als Vorbote des nahen Gerichts und des Gottesreiches.
Mose und Elia werden Zeugen Jesu. Wie mit Freunden spricht Jesus mit ihnen. Da gewinnen die Jünger Klarheit über Jesus. Von einer Wolke erfahren wir jetzt. Eine lichte, eine helle Wolke überschattet sie und eine Stimme spricht aus der Wolke. Gott ist gegenwärtig! Das wirft die Jünger zu Boden. Den heiligen Gott in der Nähe zu wissen, als heillose, gottferne Kreaturen. Das macht ihnen mehr Angst als Hoffnung. „Sie erschraken sehr!“ erzählt Matthäus. Gottes Gegenwart erfüllt jetzt Raum und Zeit. Es ist der Gott Israels, der seinem Volk vorausgegangen ist, als sie Ägypten verlassen haben. Da war die Wolke ein Zeichen der Hoffnung. Gott ist gegenwärtig. Das haben sich die Israeliten sagen dürfen, wenn sie auf die Wolkensäule bei Tag und auf die Feuersäule in der Nacht geschaut haben. Gott ist gegenwärtig. Das erfahren die Jünger auf dem hohen Berg. Dort legt Gott sein Bekenntnis zu Jesus ab. Wie damals bei der Taufe. „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen haben; den sollt ihr hören!“ sagt Gottes Stimme aus der Wolke. Ein Bekenntnis und zugleich auch einen Auftrag hören sie.
Jesus wird ausgestattet mit allen Vollmachten. Wer den Sohn hört, hört den Vater. Wer den Sohn sieht, blickt in das menschliche Antlitz Gottes. Allerdings dürfen nur die engsten Jünger die unverhüllte Herrlichkeit und Majestät des Gottessohnes miterleben. Sie ahnen die Vollmacht des Gottessohnes. Sein Wort wird die Gräber öffnen. Sein Wort wird über Tod und Leben entscheiden. Sein Wort  ist Gotteswort. Und Gott fordert Gehorsam. „Den sollt ihr hören!“  sagt Gott über Jesus.  Die Jünger stürzen zu Boden. Angst haben sie. Mose, Elia, die Verwandlung Jesu, die Stimme Gottes. Das alles ist so fremd, so beängstigend. Es braucht das Vertraute, das Gewohnte, um wieder Zutrauen fassen zu können zu diesem Jesus, mit dem sie gehen, mit dem sie leben und auf den sie ja hören wollen. Deshalb geht Jesus hin zu ihnen. Er rührt sie an. Sie sollen sich nicht fürchten müssen. Da wagen sie es, ihre Augen aufzuheben. Sie sehen Jesus wieder, den vertrauten, mit dem sie auf den Berg gestiegen sind. Allein ist er mit ihnen. So steigen sie ins Tal hinunter, kehren in ihren Alltag zurück.
Einmal alles hinter sich lassen, eine Ausnahmezeit im Leben zulassen, um Klarheit zu gewinnen. Das ist den Jüngern geschenkt worden. Sie wissen jetzt um das Geheimnis des Gottessohnes. Was sie erfahren haben, wird ihnen Kraft und Mut schenken für die Aufgaben, die noch auf sie warten.  Wurzeln haben sie nicht geschlagen, auf dem Gottesberg. Auch Hütten haben sie keine gebaut, so wie Petrus das zunächst vorgeschlagen hat. Sich häuslich einrichten! Dort oben, so nahe dem Himmel und so fern von allen irdischen Problemen und Herausforderungen, es wird ihm nicht gestattet. Vorerst jedenfalls noch nicht.  Solche Erfahrungen wie sie Petrus, Jakobus und Johannes auf dem Berg der Verklärung gemacht haben, sind nur von kurzer Dauer.
Bald wird sich über das Erlebte ein Schleier legen, wird sie der Alltag wieder fest in seiner Gewalt haben. Unten angekommen werden sie mit dem Ernst des Lebens konfrontiert, mit Leid und Hilflosigkeit. Sie erfahren, wie sehr die Welt diesen Jesus nötig hat. Von einem „mondsüchtigen“ Knaben wird erzählt und von einem hilflosen Vater, der nicht mehr anders kann, als Jesus um Hilfe anzurufen.
Klarheit sollten die Jünger gewinnen. Klarheit über diesen Jesus und seinen Weg. Nur wenige erfahren das zunächst. Nicht einmal alle Jünger. Nur die engsten um Jesus. Niemand sollen sie erzählen, was sie erlebt haben. Im Herzen sollen sie es tragen, damit sie die Zeichen der Zeit verstehen: damit sie es nicht vergessen, wer den Kranken die Hand auflegt, wer die Heuchler zurechtweist und schließlich am Kreuz noch für seine Feinde bittet. Verstehen sollen sie den Weg Jesu, in dem sich Gott selbst den Menschen zuwendet. Das sollen sie den anderen sagen können, wenn die Zeit gekommen ist - wenn die Frauen das Grab leer finden, am dritten Tag und wenn sie selbst den Auferstandenen gesehen haben. Dann sollen sie davon sprechen, dann sollen sie sagen, was sie am Berg der Verklärung über Jesus erfahren haben: daß Gottes Herrlichkeit in ihm Gestalt angenommen hat, daß Gott selbst in ihm zu den Menschen gekommen ist, um den Menschen das Leben zu schenken.
Mit diesem Sonntag schließt sich der Weihnachtsfestkreis. Ab nächsten Sonntag zählen wir schon die Zeit bis Ostern. Wir sind dann bereits auf dem Weg zur Fastenzeit, in der wir den Leidensweg Jesu bedenken. Die Feiertage waren Aus-Zeiten, fröhlich und überstrahlt vom festlichen Glanz. Sie sind nicht Alltag. Sie haben uns gezeigt, dass es noch etwas anderes als Arbeit und Mühe und Plage gibt. Ich wünsche mir, dass wir bei allem Festtagsrummel doch auch ein wenig von dem Geheimnis zu spüren bekommen haben, das uns in Jesus Christus begegnet, daem Kind, über dessen Geburt die Engel in Jubel ausgebrochen sind, vor dem sich Hirten und Könige verneigt haben und in dem  sich die Sehnsucht der Väter und Mütter des Glaubens, in dem sich die Verheißungen der Propheten erfüllt haben. Diese Feierzeiten helfen uns durch den Alltag, durch die Mühen und Plagen, durch alles Sorgen und Fragen, das sich auf uns legt. Wie die drei Jünger auf dem Berg haben wir eine Ahnung bekommen von dem Leben, das uns geschenkt werden soll. Feiertage sind Ausnahmezeiten. Im Alltag soll sich entfalten, was uns am Feiertag gesagt wird vom wahren Leben. Wenn wir dem Gottes - Wort folgen, wenn wir auf Christus hören und uns dem Gottessohn anvertrauen, dann entfaltet sich das wahre Leben und macht aus dem Alltag etwas besonderes. Einer, der die Macht hat und einer, der uns das Leben schenken will, geht an unserer Seite. Steigen wir also voll Vertrauen mit Jesus hinab von dem Berg, durch ihn wird auch der Alltag etwas Besonderes. Amen.
© Pfarrer Stefan Köttig,29.1.2023