Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück. Psalm 73,28 


 


 

Aktuelle Predigt

Augen im Kopf und Augen des Herzens. Predigt über Epheser 1,18 am Fest Christi Himmelfahrt 


„Hast du früher andere Augen gehabt, Papa?“ Der Junge sah seinen Vater neugierig ins Gesicht. „Nein“, antwortete der Vater erstaunt. „Ich hatte schon immer diese Augen, immer blau, warum fragst du mich das?“ „Na Papa, du hast doch gesagt, du siehst jetzt vieles mit anderen Augen. Das bedeutet doch, das du jetzt neue Augen hast. Von wem hast du die denn bekommen?“ So entstehen Missverständnisse. Natürlich hat der Vater keine neuen Augen bekommen. Es sieht die Welt immer noch durch die Augen, die er von Geburt an hatte, wenn auch vielleicht aufgrund des Alters etwas weniger scharf. Doch dafür gibt es ja Brillen…“ Etwas mit anderen Augen zu sehen ist also eine Redewendung. Wir bringen damit zum Ausdruck, dass wir unsere Meinung geändert haben, dass wir Sachverhalte anders einschätzen als vorher. Und manchmal bedeutet es auch, dass man Menschen anders wahrnimmt als zuvor. So war das mit Herrn N. , dem Nachbarn. Der Vater sieht ihn jetzt mit anderen Augen. Herr N. macht es einem nicht leicht. Er ist nicht gerade die Freundlichkeit in Person. Man sieht ihn stets mit einem mürrischen Gesichtsausdruck herumlaufen. „Der geht sicher zum Lachen in den Keller“, sagen die Leute im Haus und schütteln den Kopf über ihn. Auch der Vater hat das gemacht. Bis er  etwas über Herrn N. Erfahren hat. „Der N. war früher ganz anders“, erfuhr der Vater in der Arbeitspause von einem Kollegen, der schon etwas länger im selben Haus wohnte. „Eigentlich war das sogar ein ganz netter Kerl. Aber dann kam der Unfall. Er hat seine Frau und seinen Sohn dabei verloren. Besonders tragisch war, dass er selbst den Unfall verursacht haben soll.“ Dabei machte der Kollege mit der Hand eine Trinkbewegung. „Seitdem ist er so ein griesgrämiger Eigenbrötler geworden,“ fuhr er dann fort. Diese wenigen Sätze haben genügt, um den Nachbarn mit anderen Augen zu sehen. Jetzt sieht der Vater in ihm nicht mehr wie früher den mürrischen, unfreundlichen Zeitgenossen, der nicht einmal hinschaut, wenn man ihn grüßt. Vielmehr sieht er einen gebrochenen Mann vor sich, mit dem er nur Mitleid haben kann.


Mit dem Fest, das wir heute feiern, hat diese Episode zunächst einmal nichts zu tun. Jedenfalls nicht auf dem ersten Blick. Aber es hat etwas zu tun mit einem Bibelwort, über das wir heute nachdenken. Das steht in einem Brief, den der Apostel Paulus an die Gemeinde in Ephesus geschrieben haben soll. Wir wissen nicht so genau, ob der Brief vom Apostel selbst oder von einem seiner Schüler stammt. Manche meinen auch, dass der Brief ursprünglich gar nicht an allein an die Epheser gerichtet war, vielmehr würde es sich um ein Rundschreiben an mehrere Gemeinden in Kleinasien handeln, das liegt auf dem Gebiet der heutigen Türkei. Ich denke, es spielt im Augenblick keine Rolle, wer den Brief bekommen hat. Wichtig ist, was uns der Apostel darüber schreibt, wie man die Welt wahrnehmen kann. Wir erfahren, dass man nicht nur mit den Augen schaut, die wir im Kopf tragen, sondern auch mit dem Herzen. Wir hören und lesen heute eine Segensbitte:


„Gott schenke euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist und wie überschwänglich groß seine Kraft an uns, die wir glauben...“ 


Dieses Wort aus dem Epheserbrief ist eine Hilfe zum Sehen, zum Wahrnehmen, zum Entdecken, zum Erkennen, zum Staunen und zum Sich Freuen!  Und eine Brücke zur Himmelfahrt schlägt dieses Wort ebenfalls. Den Himmel nimmt man mit den Augen des Herzens wahr. An Christi Himmelfahrt denken wir daran, dass Jesus zurück zum Vater gegangen ist. Jesus ist fortgegangen, um bei uns zu sein. Er sorgt dafür, dass wir ihn wahrnehmen. Er schenkt uns die Augen des Herzens, damit wir wahrnehmen, wie nahe er uns ist. Wir ahnen, dass die Welt keineswegs so gottverlassen ist, wie manche meinen. Ich glaube, können eine ganze Menge dazu beitragen, dass die Menschen einen Vorgeschmack vom Himmel bekommen. Wir können durch die Art, wie wir einander wahrnehmen, wie wir miteinander umgehen oder wie wir mit - und übereinander reden dazu beitragen, dass sich die Menschen einen Vorgeschmack davon bekommen, wie es im Himmel zugeht. 


Wenn wir die Menschen mit den Augen des Herzens schauen, schauen wir sie so an, wie Jesus das getan hat, nicht von oben herab. Wir lassen uns nicht von der Fassade beeindrucken, die Menschen aufbauen. Wir lernen, den Menschen ins Herz zu schauen. Wir entdecken, was die Augen im Kopf nicht sehen. Wir spüren die Sehnsucht nach Heil, nach Frieden, nach Vergebung, nach Anerkennung oder nach Trost. Wir schauen mit den Augen des Herzens und erkennen, wozu wir berufen sind, den Mutlosen Mut zu machen, den Hoffnungslosen Hoffnung zu schenken, die Traurigen zu trösten, den Verzweifelten nahe zu sein. Wir haben ihnen etwas anzubieten: Hoffnung, Trost, Liebe. Unser Glaube steht nicht auf tönernen Füßen, sondern auf einem festen Grund. Jesus Christus selbst ist das Fundament unserer Hoffnung, die Botschaft von seiner Auferstehung, an die wir glauben. Da hat dieses Wort von den Augen des Herzens doch etwas mit dem Fest Christi Himmelfahrt zu tun. Wir  sehen, wie der Himmel in unsere Nähe rückt. Er ist dort, wo das Leben im Sinne Gottes wieder möglich ist, das Leben, das Christus uns schenkt. Und wir ahnen, wie Christus heute zu den Menschen kommt. Er ist überall dort, wo Menschen ihn anrufen, auf ihn vertrauen, mit ihm rechnen, in seiner Nachfolge leben und mit den Menschen die Hoffnung teilen, von denen sie leben. Ich glaube, die Jünger haben das begriffen. Der Evangelist Lukas erzählt, als Jesus in Bethanien zum Himmel aufgefahren ist, seien sie fröhlichen Herzens und guten Mutes nach Jerusalem zurückgegangen. Dort haben sie miteinander gelebt, gebetet und gearbeitet. Sie wussten, dass sie nicht alleingelassen sind. Und die Menschen müssen das gespürt haben. Immer mehr sind gekommen und haben sich taufen lassen. Sie wollten dort sein, wo das Leben blüht. Sie wollten bei Christus sein. Christus geht fort, um ganz bei uns zu sein. Das feiern wir am Fest Christi Himmelfahrt. Wir nehmen ihn wahr mit dem Herzen. Vielleicht ist das Herz die Stelle, an der sich der Himmel, in den Jesus gegangen ist und unser Leben einander berühren. Wir wissen, wozu wir berufen sind, zum Leben in der Gemeinschaft mit ihm. Er gibt uns die Kraft zur Liebe, zur Geduld, zum Mitgefühl und öffnet die Lippen, um vom Glauben zu sprechen. Die Worte aus dem Epheserbrief sind eine Hilfe zum Sehen, zum Wahrnehmen, zum Entdecken des Himmels. Und dazu brauchen wir keine Brille. Wir brauchen nur unser Herz und einen fröhlichen Glauben, so wie die Jüngern ihn hatten. Und um den dürfen wir bitten. Gott will ihn uns schenken. Amen.


© Pfarre Stefan Köttig, Altenstein, 13.5.2021

Predigt
Zum Download anklicken
Epheser1,15-23 - Christi Himmelfahrt 2021 Kopie.pdf (40.96KB)
Predigt
Zum Download anklicken
Epheser1,15-23 - Christi Himmelfahrt 2021 Kopie.pdf (40.96KB)



Beten heißt anklopfen bei Gott, beharrlich und vertrauensvoll. Predigt über Lk.11,5-13 am Sonntag Rogate


Jesus sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf. Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch, und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange? Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten! (Luthertext 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft)


Vom Vorrecht der Freunde erzählt Jesus in einer Geschichte aus dem Alltag. Wir erfahren: Freunde dürfen auf die Nerven gehen. Sie dürfen stören. Sie dürfen unbequem sein. Sie dürfen einem die Ruhe rauben. Hartnäckig dürfen sie sein und Einwände beiseite schieben. Etwa: „Mach mir keine Unruhe! Geh mir nicht auf die Nerven!“ So ist es in der Geschichte, die uns Jesus erzählt. Sie handelt von einem Mann, der in einer Notlage ist – und von diesem Vorrecht guter Freunde Gebrauch macht. Die Vorgeschichte ist kurz erzählt. Da bekommt jemand Besuch. Ganz überraschend. So etwas haben wir auch schon einmal erlebt. Es pocht an der Tür und schon häufen sich die Probleme. Ich habe nichts anzubieten! Die Speisekammer ist leer. In einem Land, in dem die Gastfreundschaft heilig ist, ist das eine Katastrophe. Wie gut, dass er einen Freund in der Nähe hat. Bei einem anderen würde er es wohl nicht mehr wagen, zu dieser Stunde noch anzuklopfen. Deshalb macht er sich auf den Weg.


 Ich stelle mir vor, dass es ihn schon Überwindung kostet das Haus zu verlassen. Schließlich gibt er sich eine Blöße, wenn er zu dieser Stunde um etwas bitten muss.  Mit der Bitte um die drei Brote sind eine Reihe von unausgesprochenen Geständnissen verbunden. Er gesteht einen Mangel ein. Es ist nicht genug zum Essen da. Er hat nicht daran gedacht, vorzusorgen. Er ist jetzt ganz auf die Gunst seines Freundes angewiesen. Um Hilfe zu bitten, kostet Überwindung. Außer Atem erreicht der Bittsteller das Haus seines Freundes und hämmert an die Tür. „Mach auf! Hilf mir!“ Mit jedem Schlag gegen die Haustür wird der Ruf etwas lauter, drängender. Keine Antwort von drinnen, zunächst. Hartnäckig muss er schon sein, unser Störenfried. Aber die Not lässt ihn beharrlich bleiben, bringt ihn dazu, immer wieder an das Tor zu schlagen. „Mach auf! Lieber Freund, mach auf!“ Und es dauert seine Zeit, bis er eine unwirsche aber vertraute Stimme aus dem Inneren des Hauses hört. „Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon verriegelt. Ich lieg im Bett! Und die Kinder schlafen schon!“ 


Die Häuser in der Heimat Jesu waren nicht groß. Meist bestanden sie nur aus einem einzigen Raum mit einer Feuerstelle und einer einzigen Schlafstatt. Einmal verriegelt, ist die Tür die Nacht über zugeblieben. Es kostet einiges an Mühe, den Riegel wieder zurückzuschieben. Und es verursacht Lärm. Kein Wunder, dass man den Bittsteller lieber erst einmal abwimmeln möchte. Jesus sagt über den Freund des Ruhestörers: „Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf!“


Unverschämt ist der Bittsteller! In der Tat. Er darf aber auch unverschämt sein. Die Notlage verzeiht das und ebenso die Freundschaft. Es geht um drei Brote. Es geht um die Gastfreundschaft. Es geht um Notwendiges. Also um etwas, das die Not wendet. Es geht darum, dass man seinen Gästen etwas vorsetzen kann, damit sie sich stärken können. Und es geht darum, dass man sich nicht vor den hungrigen Gästen blamiert und das Gesicht verliert. 


Jesus erzählt eine Geschichte, wie wir sie heute auch noch erleben können. Jesus will uns damit zum Beten ermutigen. Beten hat in dieser Geschichte mit Bitten zu tun, obwohl das nur eine Weise des Betens ist. Beten ist mehr als nur um etwas zu bitten. Auch Lobpreis, Dank und Anbetung gehören zum Gebet. Die Bitte allerdings ist ein wichtiger Aspekt des Betens, deshalb halten wir auch im Gottesdienst Fürbitte. Heute erfahren wir, wie Beten in unserem Leben aussehen kann. Beten bedeutet, sich aufzumachen, obwohl es schon spät ist, mit seinem Anliegen bei Gott anzuklopfen, zu jeder Zeit, beten bedeutet auch, hartnäckig bei der Sache zu bleiben und wenn sich zunächst nichts rührt, nicht zu verzagen, sondern noch lauter zu klopfen, noch dringender zu beten. Beten und Bitten kann und darf hartnäckig sein.


Allerdings gibt es auch einen wichtigen Unterschiede zu unserer Geschichte. Sie ist schließlich sie nur ein Vergleich. Vergleiche hinken bekanntlich. Die einen mehr, die anderen weniger. Der Freund in der Geschichte hilft, damit das Pochen an der Tür aufhört, damit wieder Ruhe ist und noch ein paar Stunden Schlaf für ihn herausspringen. Deshalb macht er die Tür auf, versorgt den Störenfried mit einem Fresspaket und kriecht, vielleicht etwas verärgert wegen der Störung, wieder unter die Bettdecke. 


Wer betet, klopft aber nicht bei einem launischen Freund an. Das ist der Unterschied. Der Störenfried in der Nacht muss immer damit rechnen, dass er abgewiesen wird, dass die Freundschaft doch nicht so tief und fest ist, dass dem Freund anderes wichtiger ist, die Nachtruhe zum Beispiel. Gott hilft gerne! Wenn Gott hilft, dann gewiss nicht, um von uns seine Ruhe zu haben. Gott hilft, weil er uns liebt. Er wartet auf unser Gebet, gerade auf das dringende. Bei Gott gibt es keine ungelegenen Zeiten. 

 

Jesus will uns mit dieser Geschichte Mut machen, am Gebet festzuhalten, hartnäckig festzuhalten. Wenn wir beten, stehen wir vor der Tür und klopfen an. Wir klopfen bei Gott an und wir tun es mit guten Gewissen. Was uns unter den Nägeln brennt, sollen wir vorbringen und darauf vertrauen, dass wir gehört werden. „Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan!“. Also, bittet, so wird euch gegeben! Mit leeren Händen und bangen Herzen stehen wir da und vertrauen darauf, dass Gott sie uns füllt , die Hände mit Brot und die Herzen mit  Liebe. 


Jesus erzählt im Gleichnis von der Liebe Gottes und knüpft dabei wieder an menschliche Erfahrungen an. „Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete? Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete? Der Skorpion! Sein Stich kann äußerst schmerzhaft und manchmal auch tödlich sein. Die Schlange! Gott hat Feindschaft gesetzt zwischen ihr und den Menschen. Gefährliche Hausgenossen heute, wie zu Jesu Zeiten. Wer würde seinen Kindern so etwas antun und ihnen einen Skorpion  oder eine Schlange vorsetzen? Lebensmittel sind Mittel, die zum Leben helfen. Wer würde ihnen stattdessen Mittel reichen, die den Tod bringen?  Die Antwort ist eindeutig: niemand würde so etwas tun. Die Kinder wissen das. Deswegen gehen sie zum Vater, bitten um den Fisch und um das Ei, damit sie satt werden. 


Die Liebe der Menschen stößt schnell an ihre Grenzen. Sie reicht oft nur aus für die eigenen Kinder oder die besten Freunde. Die Liebe Gottes ist grenzenlos. Sie gilt allen Menschen. Er liebt sie ohne Vorbehalte.  Jesus sagt „Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!“


Jesus spricht von der Gabe des Heiligen Geistes. Viele Umschreibungen gibt es für den Heiligen Geist: Beistand, Tröster, Kraft aus der Höhe. Dies sind zugleich auch Umschreibungen für die Lebensmittel, die die Seele braucht, Herzenswärme, wenn die Liebe kalt wird, Trost, in der Trauer, Mut in der Angst, Beistand, wenn man sich einsam fühlt. Woher weiß der Freund in der Nacht, an wen er sich wenden kann? Es ist das Vertrauen. Sein Herz weiß einfach: „mein Freund wird mich nicht enttäuschen.“ Woher wissen wir, dass wir uns an Gott wenden können? Es ist das feste Vertrauen, die Zuversicht, bei Gott auf offene Ohren zu stoßen. Sie wohnt in unseren Herzen und sie ist ein Geschenk von Gott. Das wirkt der Heilige Geist in unseren Herzen. Er macht uns Mut, dass wir uns an ihn wenden können. An Pfingsten bitten wir um den Heiligen Geist, den Tröster, den Beistand, den Mutmacher des Glaubens. Wir wissen dabei, dass wir nicht vergeblich bitten.


Malen wir uns einmal aus, wie die Geschichte im Evangelium weitergeht. Mit seinen Broten geht der Beschenkte nach Hause. Er teilt es mit seinen Gästen, die zu ihm gekommen sind. Wir sollen die Gaben teilen, von denen wir leben. Das Brot des Lebens sollen wir teilen. Und ebenso dieses vertrauensvolle Wissen um einen Gott, der ein offenes Ohr und ein offenes Herz hat. Davon leben wir. Geben wir unser Wissen weiter, teilen wir unseren Glauben und unsere Hoffnung von der wir leben. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, 9.5.2021, Altenstein

Sonntagspredigt
Zum Download anklicken
Lukas 11,5-13 - Rogate 2021 Kopie.pdf (55.75KB)
Sonntagspredigt
Zum Download anklicken
Lukas 11,5-13 - Rogate 2021 Kopie.pdf (55.75KB)



Singt! Predigt über Lukas 19,37 - 40 am Sonntag Kantate 


Und als (Jesus) er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe! Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Der vierte Sonntag nach Ostern fordert zum Singen auf, zum Lob Gottes.  Kantate bedeutet „Singt!“ Ich denke bei diesem Aufruf gerne an meine Großmutter, für die das Gesangbuch eine Art geistliche Hausapotheke war. Ich sehe sie vor mir, wie sie in ihrer kleinen Küche steht, mit den vielen Töpfen am Herd hantiert und dabei hat sie gesungen. Sogenannte Küchenlieder aber auch sehr viele Kirchenlieder. Die Lieder, die sie auswendig konnte, gaben ihr Kraft, Trost und Halt und Antwort auf Fragen des Glaubens in ihrem arbeitsreichen und nicht immer einfachen Leben. Meine Großmutter hat den 1.Weltkrieg als Kind und die Weimarer Republik, das Dritte Reich und den 2. Weltkrieg miterlebt und nach dem Krieg den Wiederaufbau unseres Landes. Durch diese Zeiten, in denen ihr Glaube oft in Frage gestellt wurde, haben sie die Lieder aus dem Gesangbuch getragen. 


Als ich selbst in der Schule und in der Gemeinde Unterricht zu geben hatte, war es mir wichtig, mit Kindern und Jugendlichen zu singen, wenigstens vor den Corona-Beschränkungen. Im Konfirmandenunterricht war das mit dem Singen allerdings dann doch eher eine einseitige Angelegenheit. Um so erstaunter war ich, wenn ich dieselben Konfirmanden und Konfirmandinnen, bei unseren Ausflügen im Bus in den hinteren Reihen laut und fröhlich  und inbrünstig habe singen hören. Die meisten Lieder konnten sie sogar auswendig. Diese Lieder standen allerdings nicht im Gesangbuch sondern oben auf den aktuellen Hitlisten, den Charts. Und sie handelten von all dem, was grade dran war im Leben der jungen Menschen,  das war eben nicht so sehr Bibel, Gott und Jesus, sondern eher Freundschaft, Liebe, Frust, Enttäuschung und so weiter. Kantate! Singt! In der Bibel heißt es: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ (Lukas 6,45)  Das heißt: Was einen bewegt, was grade dran ist, davon spricht oder singt man auch.  So ist es bei den Konfirmanden und erst Recht auch bei den Jüngern gewesen. Die haben zu singen begonnen. Laut und voll Begeisterung konnte man sie hören: „Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn!“ Das war übrigens auch aus einem Lied. Es handelt sich um eine Zeile aus dem 118.Psalm, dem Gesangbuch der Jünger. Die singen das Lied auf dem Weg nach Jerusalem. Was hat die Jünger dazu gebracht hat? Und warum haben sich die Pharisäer und Schriftgelehrten darüber aufgeregt? 


„Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über!“ Ich glaube, die Jünger konnten nicht still bleiben. Ihr Herz war voll Freude. Sie hatten das ersehnte Ziel vor Augen. Drei Jahre waren sie mit ihrem Herrn unterwegs. Sie konnten miterleben, wie er Kranke geheilt und Tote zurück ins Leben geholt hat. Mit ihren eigenen Augen haben sie gesehen, wie er tausende von Menschen satt gemacht hat mit nur fünf Broten und zwei Fischen. Sie haben gesehen, wie er über den See lief, einfach so. Sie haben miterlebt, wie er den Sturm gestillt und das Schiff vor dem Kentern und sie selbst vor dem Ertrinken bewahrt hat. Und sie haben gehört, was er gesagt hat. Seine Worte haben den Menschen gut getan, haben die Sehnsucht nach dem Reich Gottes genährt und Hoffnung geweckt, dass Gott bald eingreifen und sein Volk retten wird. Und jetzt ist Jesus mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem! Vielleicht werden jetzt die Mächtigen vom Thron gestürzt und die Niedrigen erhöht, wie es die Schrift verheißt? Der Gedanke daran ließ ihr Herz schneller schlagen. Sagt nicht der Prophet Sacharja: „Freue dich, Tochter Zion, jauchze laut, du Tochter Jerusalem, siehe, dein König kommt zu dir?“ (Sacharja 9,9) Wird dieser Friedenskönig nicht auf einem Esel in die Stadt reiten? Gewiss, so wird es sein. Jetzt ist die Stunde der Wahrheit gekommen. Jetzt wird Jesus die Herrschaft antreten.  Jesus wird jetzt zum König gesalbt. Das werden sich die Jünger gedacht haben. Deshalb haben sie sich gefreut. Darum konnten und wollten sie nicht schweigen. Die Pharisäer aber nehmen daran Anstoß. Ich denke mir, sie verstehen die Zeichen, die Jesus mit seinem Einzug setzt. Sie kennen die Bibel. Ist es Ärger oder die Angst vor den römischen Besatzern, die sie so aufbringt? „Weise deine Jünger zurecht“, sagen sie zu Jesus. Sie singen sich noch um Kopf und Kragen! Oder besser gesagt: sie singen dich noch um Kopf und Kragen. Und in der Tat. Es ist auch gefährlich, was sie singen. Sie preisen die Ankunft des neuen Königs. Das wird den Mächtigen in Jerusalem nicht gefallen.


„Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“ Dieser Lobruf erinnert an den Gesang der Engel in der Heiligen Nacht. Damals, bei der Geburt des Kindes in Bethlehem, war der Himmel erfüllt vom Gesang der Engel. „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Frieden bei den Menschen seines Wohlgefallens…“ haben sie gesungen. Die Hirten haben zugehört und sich dann aufgemacht zu dem Stall, um das Wunder zu sehen und das Kind anzubeten, das jetzt erwachsen ist und die Herrschaft antreten wird. Die Jünger jubeln. Sie sind auf der Zielgeraden. Aber sie ahnen nicht, wo genau Jesus seinen Thron besteigen wird. Der Weg führt ihn nicht zum Tempelberg, er wird nicht zum König gesalbt, sondern gekreuzigt. Das Volk wird seinem neuen Herrscher auch nicht zujubeln. Im Gegenteil. Es wir ihm den Tod an den Hals wünschen. „Ans Kreuz mit ihm,“ werden sie rufen. Hinauf auf eine andere Anhöhe wird ihn sein Weg führen, nach Golgatha, zur Schädelstätte.  Mehrmals hat Jesus von seinem Leiden und Sterben, von seinem Weg in den Tod und von seiner Auferstehung gesprochen, zuletzt kurz vor dem Einzug nach Jerusalem. „Der Menschensohn muss leiden und sterben und am dritten Tag auferstehen…“ Immer wieder hat er ihnen das gesagt. Sie haben ihn nicht verstanden. Erst nach Ostern wurde ihnen klar, was gemeint war und dann werden sie vielleicht auch erkannt haben, was sie wirklich mit ihren Worten besungen hatten, als sie auf dem Weg nach Jerusalem waren. „Friede im Himmel und Ehre in der Höhe!“ Was auf der Erde noch errungen werden muss, ist im Himmel längst geschehen. Bei Gott gibt es kein Gestern und kein Morgen, bei Gott gibt es nur den ewigen Tag. Jesus tritt die Herrschaft an, gewiss, doch nicht so, wie sie sich das im Augenblick vorstellen.


Wenn wir Loblieder singen, stimmen wir ein in diesen ewigen Lobgesang, nehmen wir etwas vorweg von dem, was noch aussteht, spüren und schmecken wir, wie freundlich der Herr ist, ahnen wir, wie es wohl sein mag, wenn wir erlöst sind. Wir wissen oder ahnen, was noch kommt und freuen uns darauf, auch, wenn uns die Realität des Todes immer wieder vor Augen stellt, wie weit wir vom Ziel noch entfernt sind. „Weise deine Jünger zurecht“, sagen die Pharisäer und Jesus schüttelt den Kopf. Obwohl ihm sicher klar ist, welchen Weg er zu gehen hat, lässt er die Jünger singen und jubeln. Sie haben Grund dazu. Jesus wird die Herrschaft antreten. „Wenn sie nicht singen, werden die Steine schreien!“ Das antwortet Jesus den Pharisäern. Gottes Herrschaft lässt sich nicht aufhalten. Was im Himmel beschlossene Sache ist, wird sich auf Erden noch durchsetzen müssen. Doch es wird kommen, gewiss.


Kantate! Singt die Lieder eures Glaubens, die Lieder von Freude und Leid, Trost und Hoffnung, singt mit lauter Stimme, wie einst die Jünger. Sie gehen mit gutem Beispiel voran. Ihr Glaube, ihre Freude, ihre Hoffnung öffnet ihnen den Mund. Und wir sollen es ihnen gleich tun. „Ich singe dir mit Herz und Mund, Herr, meines Herzens Lust, ich sing und mach auf Erden kund, was mir von dir bewusst…“ sagt Paul Gerhardt in seinem Lied. Er ist einer von vielen, die sich in den Zug der Jünger eingereiht und mit seinen Liedern ihr Lob an uns weitergegeben hat. Lassen wir uns von ihnen ermutigen. Machen wir auf Erden kund, was wir glauben und hoffen. Ich denke, das ist unser Auftrag. Wenn wir es nicht tun, werden die Steine schreien. Die Lieder helfen uns, dass wir nicht vergessen, was uns von ihm bewusst ist, was uns freut und tröstet, was uns Mut macht und Kraft schenkt. Wir sind nicht allein, sagen uns die Lieder des Glaubens. Sie erzählen von dem, was andere vor uns erlebt haben. Sie erzählen von ihren Erfahrungen, die sie gemacht haben und an uns weitergeben und mit uns teilen. Er selbst, der Herr, wird mit uns auf dem Weg sein, so wie er bei den Jüngern dabei war und sie in Schutz genommen hat. Wenn wir uns zum Gottesdienst versammeln, ist er in unserer Mitte. Wenn wir in seinem Namen das Brot brechen, gibt er uns die Kraft. Wenn wir zu ihm sprechen, hört er unser Gebet und wenn wir nach ihm Ausschau halten, wird er uns spüren lassen, dass er da ist. Von ihm erzählen die Lieder und von seiner Herrschaft, die er längst angetreten hat. Möge  die Freude der Jünger ihren Weg zu uns finden, möge sie unsere Herzen berühren, gerade jetzt, in dieser schweigsamen Zeit. Möge sie uns die Lippen öffnen, damit wir das neue Lied singen. Ein Lied, das Mut macht, ein Lied vom Leben, das kommt, es will unsere Herzen berühren. Das Lied des Lebens und das Leben selbst bahnt sich seinen Weg zu uns. Es lässt sich nicht aufhalten. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, 2.5.2021, Altenstein


Wie ein Fisch im Wasser. Predigt über Apostelgeschichte 17,22-34 am Sonntag Jubilate 2021


Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt. Denn ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt. Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darinnen ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt. Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, dass sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts. Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht. Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun. Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er richten will den Erdkreis mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat. Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiterhören. So ging Paulus weg aus ihrer Mitte. Einige Männer aber schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


„Da hatte ich mein Aha - Erlebnis!“ Das sagt man, wenn einem etwas schlagartig klar wird, wenn einem ein Licht aufgeht und sich Zusammenhänge erschließen, die vorher verborgen waren. Ich möchte ich Ihnen heute von einem Aha – Erlebnis erzählen, das ich vor längerer Zeit bei einer Meditationswoche im Kloster hatte. Auslöser war  ein Satz aus der Rede, die der Apostel Paulus vor den Athenern gehalten hat. Ich meine das bekannte Wort, mit dem Paulus die Athener von der Allgegenwart seines Gottes überzeugen wollte. Er sagt ihnen:  „Denn in ihm leben, weben und sind wir ...“ 


Wie oft habe ich diesen Satz schon gehört – und innerlich beiseite gelegt, weil er mich nicht erreicht hat. Ein geduldiges Wort. Es hat auf mich gewartet. Als es mein Herz erreicht hat, war das wunderbar. Es war, wie wenn ein Vorhang sich hebt. Auf einmal habe ich die Welt in einem völlig neuen Zusammenhang gesehen und angefangen, meinen persönlichen Glauben noch einmal neu durchzubuchstabieren, auf dieses Wort hin: „Denn in ihm leben, weben und sind wir ...“  


Später hat mir ein Gedicht von Jochen Klepper geholfen, die gewonnene Einsicht zu vertiefen. Es beschreibt die andere Seite des Wortes, wie es denn wäre, wenn ich nicht in ihm leben, weben und sein könnte.


„Ohne Gott bin ich ein Fisch am Strand, / Ohne Gott ein Tropfen in der Glut, / Ohne Gott bin ich ein Gras im Sand / Und ein Vogel, dessen Schwinge ruht. / Wenn mich Gott bei meinem Namen ruft, / Bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft.“


Ein Fisch braucht das Wasser, ein Vogel die Luft und ich als Christenmensch? Ich brauche Gott. Gott ist mein Element, „denn in ihm lebe, webe und bin ich ...“   Wenn ich atme, atmet Gott in mir. Wenn ich lache, lacht Gott in mir und wenn ich weine, weint Gott in mir. Wenn etwas stirbt in mir, stirbt etwas in Gott hinein. Und wenn ich auflebe, dann nur deshalb, weil mir Gott dazu die Kraft gibt.


 Zugegeben, das ist jetzt meine persönliche Deutung, andere mögen das anders sehen. Das ist mir aber egal. Ich halte daran fest: Gott will mir das Element sein, in dem ich lebe.  Gott, das ist mir klar geworden, ist nicht in einem fernen Himmel, zu dem ich aufschaue und den ich hin und wieder vergesse, wenn mich der Alltag einholt. Gott hat seinen Wohnsitz aus dem Himmel verlegt. Er wohnt nicht, wie Paulus selbst sagt, „in Tempeln, die mit Händen gemacht sind.“ Ich finde ihn in meinem Herzen. Da ist er mir näher als mein Atem und mein Herzschlag. Es gibt keinen Bereich mehr, der nicht von ihm durchdrungen und erfüllt wäre. Deshalb wird Gott zur Grundlage meines Lebens, meines Denkens und Fühlens. In der Tat, das ist dann kein ferner, kein unnahbarer Gott mehr, an den ich glaube. Vielmehr einer, der sich mit mir verbinden möchte. Deshalb spricht er mich an. „Wenn mich Gott bei meinem Namen ruft, / Bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft.“ Gott hat mich bei meinem Namen gerufen. Das ist in der Taufe geschehen, daran glaube ich fest. 


Der Abschnitt mit diesem Bibelwort, das mich so berührt, steht in einer längeren Rede, die Paulus den Athener gehalten hat. Sie sind aufmerksam auf ihn geworden und neugierig. „Können wir erfahren, was das für eine Lehre ist, die du lehrst?“ Die Athener, so heißt es, „hatten nichts anders im Sinn, als etwas Neues zu sagen oder zu hören.“ Allerdings musste ihnen das dann auch gefallen. Sonst werden sie sauer. Paulus hat das zu spüren bekommen. Es hat ihnen nicht gefallen, was er gesagt hat. Im Gegenteil. Es hat ihren Verstand beleidigt – und auf den waren sie doch so stolz. Von einem Toten hat er ihnen erzählt, den Gott wieder auferweckt hat: Jesus von Nazareth. Wer glaubt denn an so etwas! Einige habe Paulus ausgelacht. Andere haben freundlich abgewunken: wir wollen dich später noch einmal hören, sagten sie. Das war etwa so ernst gemeint, wie wenn man heute zu einem Stellenbewerber sagt: „Vielen Dank, sie hören von uns!" 


Paulus wendet sich an die Athener, nachdem er sich die Stadt in Ruhe angeschaut hat, die Straßen und Plätze, die Tempel mit ihren Altären und Götterbildern. Was er gesehen hat, wollte ihm keine Ruhe lassen. Deshalb hat er den Mund aufgemacht. Er spricht von seinem Glauben, von seiner Hoffnung, von der Zuversicht die er hat und die er den anderen gerne weitergeben möchte. „Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt...“ sagt er. Die Gottesfurcht der Athener will er gar nicht in Frage stellen oder abwerten. Die zahlreichen Standbilder der Götter und Halbgötter, mit denen die Athener ihre Stadt ausschmücken und auf die sie stolz sind, sprechen für sich. Und doch lassen sie Paulus ergrimmen. Da ist zum einen das Gebot seines Gottes, das jedes Bildnis noch Gleichnis verbietet. Vielleicht spielt aber auch noch etwas anderes eine viel ausschlaggebendere Rolle. Es ist das Verständnis von Gott, das sich in diesen Bildern ausdrückt. Verwechseln die Athener nicht Gottesfurcht mit Gottesangst? 


Wie viele von ihnen fühlen sich als Spielball göttlicher Launen? Sollen die Opfer auf den Altären nicht in erster Linie die Götter gnädig stimmen, sie beeinflussen oder besänftigen? Und warum hat man einem unbekannten Gott einen Altar gebaut? Vielleicht rechnete man einfach mit der Möglichkeit, dass es irgendwo unter diesem Himmel einen Gott gibt, der noch mächtiger ist, als die, die man schon kennt und den man besänftigen muss?  Steht hinter allen Götterbildern und Altären nicht die Angst, einer unbekannten Macht ausgeliefert zu sein?  Einer Macht, die sich jeder Wahrscheinlichkeitsrechnung entzieht und für die wir keinen Namen ausmachen können?


Ich denke, da sind wir alle mehr oder weniger wie die Athener. In diesem Punkt wenigstens. Diesen Schatten der Lebensangst kennen wir auch, obwohl wir ihn immer wieder gerne verdrängen möchten. Wir feiern die Errungenschaften der Technik, fliegen ins Weltall, überqueren in wenigen Stunden mit Überschallgeschwindigkeit den Atlantik – und lesen doch heimlich das Horoskop in der Tageszeitung. Wir sind moderne aufgeschlossene Menschen, die mit ausgefeilten Teleskopen in die Tiefen des Weltalls schauen, die Kometenbahnen genau berechnen können und greifen zum Pendel oder zu anderen fragwürdigen Mitteln,  wenn wir Antworten auf Fragen suchen, die wir uns nicht erklären können. Erst recht fühlen wir uns schutzlos, wenn wir an die Grenzen unserer Machbarkeiten und Möglichkeiten stoßen, wenn wir an die äußerste Grenze gestoßen werden, an unsere Endlichkeit, an unser Sterben, dann fühlen wir uns unendlich einsam und alleingelassen. 


„Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt...“  sagt Paulus, um seine Hörer hinzuführen zu einer neuen Sicht der Welt und des Lebens und des Glaubens. Eine Weltsicht und eine Gottessicht, die nicht so sehr von der Angst als vom Vertrauen und von der Freude bestimmt ist. Es ist die Freude über einen Gott, der nicht fern ist, sondern nah, ein Gott, dem wir nicht ausgeliefert sind auf Gedeih und Verderb, sondern dem wir anvertraut sind im Leben und im Sterben. Paulus erzählt ihnen von Jesus Christus, in dem dieser Gott Mensch geworden ist, um den Menschen einen Weg aus der Angst in die Freude zu bahnen. Kein abstrakter Gott ist das. Einer der da ist. Einer, der die Menschen anspricht, die Schwachen, die Kleinen, die Kranken, die Ängstlichen, einer, der ihnen die Hand auflegt, um zu segnen, einer, der das Brot mit ihnen teilt. 


Wir sind von Gott umgeben / auch hier in Raum und Zeit/ und werden in ihm leben / und sein in Ewigkeit.“ Wie oft haben ich dieses Lied bei Trauergottesdiensten gesungen. Vielleicht, weil es diese Erkenntnis spiegelt, die ich in meinem Aha-Erlebnis hatte. Es gibt keinen Ort, an dem Gott nicht ist. Dieses Wort weist hin auf den Gott, in dem wir leben und weben und sind, der uns auffängt, wenn wir sterben und dafür sorgt, dass wir uns nicht verlieren. Dieser allgegenwärtige Gott aber macht sich immer wieder konkret erfahrbar, spürbar für unsere Sinne – deshalb können wir beim Heiligen Abendmahl schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist, deshalb taufen wir mit Wasser, dem Element, das zum Leben notwendig ist, deshalb legen wir die Hand zum Segen auf, damit wir spüren können, wie nah uns Gott ist. Deshalb hören wir Sonntag für Sonntag das Evangelium. Es ist die Gute Nachricht, dass Gott uns bei unsern Namen ruft, uns persönlich anspricht, jeden einzelnen von uns. Das lässt uns aufatmen, wenn uns die Welt Angst macht.   Zum Leben in der Gemeinschaft mit Gott sind wir befreit, zum Leben, das die Angst nicht vergessen aber vielleicht überwunden hat, wenigstens im Ansatz. Paulus sagt mir: dein Gott ist ein Gott, der nicht fern ist,  sondern ganz nahe. Da habe ich tatsächlich Grund, in den Jubel dieses Sonntags einzustimmen. Jubilate Deo heißt  „Lobt Gott“. Lobt Gott, in dem und mit dem wir leben, wie ein Fisch im Wasser, wie ein Vogel in den Lüften und wie ein Mensch unter Menschen. Amen. 

© Pfarrer Stefan Köttig, 25.4.2021



Guter Hirt und schlechte Hirten. Predigt über Hesekiel 34,1-2(3-9)10-16.31 am Sonntag Miserikordias Domini


Und des HERRN Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? …  So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. Ich will sie aus den Völkern herausführen und aus den Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und wo immer sie wohnen im Lande. Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR. Lutherbibel 2917, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart


Heute ist Hirtensonntag. Das Bild vom guten Hirten spricht uns an, weil wir alle in uns die Sehnsucht spüren nach einem Hirten, der auf uns Acht gibt, der uns beschützt und dafür sorgt, dass wir nicht in unser Unglück rennen. Wir gut, dass uns die Bibel Gott als Guten Hirten seines Volkes vorstellt. Wie gut, dass Jesus sich als Guter Hirte bezeichnet hat. Der Gute Hirte ist für seine Herde da. Der gute Hirte sorgt für die Herde, für jeden einzelnen daraus. Ich denke an die Momente im Leben, an die Zeiten, in denen ich Ausschau halte  nach einem Guten Hirten, nach einem, der mich trägt, mich hält. Es gibt im Leben Zeiten, in denen ich nur noch getragen, gehalten, umsorgt und beschützt werden will. Wie wunderbar ist das doch, wenn ich dann sagen kann: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln…“ 


In der Bibel begegnet uns das Bild vom Hirten an vielen Stellen, sowohl im Alten wie im Neuen Testament. Allerdings war da kein Platz für Hirtenromantik. Ein Hirte konnte durchaus in lebensgefährliche Situationen geraten. Das wird uns deutlich, wenn wir hören, wie der Hirtenjunge David König Saul davon überzeugen konnte, ihn gegen den mächtigen Philister Goliath kämpfen zu lassen. Saul dachte, der schmächtige Junge sei viel zu schwach für so einen groben Klotz, vor dem selbst seine tapfersten Soldaten Respekt hatten. Der kann ja nicht einmal ein Schwert heben! Da antwortete ihm David: „Ich hütete die Schafe meines Vaters; und kam dann ein Löwe oder ein Bär und trug ein Schaf weg von der Herde, so lief ich ihm nach, schlug auf ihn ein und errettete es aus seinem Maul. Wenn er aber auf mich losging, ergriff ich ihn bei seinem Bart und schlug ihn tot. So hat dein Knecht den Löwen und den Bären erschlagen….“(1.Sam.17,34ff)  Wenn also David mit Löwen und Bären kämpft, wird er es auch mit einem Soldaten aufnehmen können. Wir wissen, wie die Geschichte ausging.


 In Israel wurde der König als Hirte seines Volkes bezeichnet. Das Gottesvolk war sich einig: David war ein guter Hirte. Er hat Kriege geführt und Siege errungen und ein mächtiges Reich geschaffen. Doch da gibt es auch die andere Seite von ihm , die weniger schöne Mit der ehelichen Treue hat er es nicht so ernst genommen, jedenfalls dann nicht, wenn ihm die Frau eines anderen gefallen hatte. Ich denke da an die Affäre mit Bathseba, aus der ein Kind hervorgegangen ist und an die hinterhältige Art, wie David ihren Ehemann ausgeschaltet hat. In Erinnerung geblieben sind allerdings die Siege, nicht so sehr die Fehltritte Davids. Als Israels Ruhm vergangen war, hat man sich wieder nach so einem Hirten gesehnt, nach einem neuen König David, der dem Volk wieder zum Ruhm, zur Ehre, zur Anerkennung verhilft und die Feinde für erlittene Schmach bestraft. Wie gesagt: David war ein guter Hirte in den Augen seines Volkes,. Und dennoch: die Grenzen zwischen gut und schlecht sind fließend, jedenfalls bei den Hirten aus Fleisch und Blut.


Deshalb ist heute nicht nur von den guten Hirten die Rede. Wir hören auch von schlechten Hirten, mit denen Gott ins Gericht geht. Gott ist enttäuscht von den Hirten, die er berufen hat. Sie sind ihrem Auftrag nicht gerecht geworden. Deshalb greift Gott ein. „Wie ein Hirt sich um die Tiere seiner Herde kümmert ... so kümmere ich mich um meine Schafe und hole sie zurück ... und bringe sie in ihr Land…“ sagt der Prophet im Auftrag Gottes. Gott liegen die Menschen am Herzen. Deswegen kann und will Gott nicht schweigen, wenn Menschen das Amt der Fürsorge missbrauchen, das Gott ihnen anvertraut hat, das Hirtenamt „Weh den Hirten Israels, die nur sich selbst weiden. Müssen die Hirten nicht die Herde weiden?“ 


Gott, der gute Hirte, geht mit den schlechten Hirten ins Gericht.  Er meint die Menschen, die an sich selbst denken, an ihren eigenen Vorteil und die das Vertrauen missbrauchen, das in sie gesetzt wurde. Gott meint die Menschen, die Verantwortung für andere haben und sie dabei im Stich lassen, sie unterdrücken, ausbeuten oder missbrauchen. Die schlechten Hirten sind Menschen die verantwortungslos umgehen mit den anderen, den schwächeren, den hilflosen, die in ihre Obhut gegeben sind: Kinder, Schüler, Auszubildende. Gott bezieht Stellung gegen Korruption und Amtsmissbrauch und entzieht diesen Hirten das Mandat, den Auftrag und das Recht, in seinem Namen zu sprechen und über andere zu herrschen. 


Herden ohne gute Hirten hat es immer schon gegeben, bis heute. Herden, die von ihren Hirten im Stich gelassen oder verraten oder schlecht behandelt worden sind. Heute nimmt Gott die schlechten Hirten ins Visier. Er selbst ergreift die Initiative. Wenn die Menschen-Hirten nichts taugen, dann will Gott selbst die Herde weiden. Es wird niemanden überraschen, wenn ich bei dieser Hirten - Schelte  mit Scham zunächst an die „schlechten Hirten“ in der Kirche denke, an die Skandalberichte über sexuellen Missbrauch Schutzbefohlener durch Geistliche in beiden Konfessionen. Vorhin sagte ich, dass auch die Könige als Hirten des Volkes angesehen wurden. Und deshalb würde ich mir wünschen, dass sie auch die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft, kurz gesagt, unsere Politiker dieses Prophetenwort zu Herzen nehmen würden. Vielleicht würde es ihnen ganz gut tun, sich angesprochen zu fühlen und das eigene Handeln zu hinterfragen, vielleicht mit Hilfe dieses Prophetenwortes.


Von der Fürsorge Gottes erfahren wir und wie man sie erleben und erfahren kann. Gott kommt und kümmert sich selbst um die Menschen, die wie eine verstoßene, verängstigte und versprengte Herde sind. „Die verloren gegangenen Tiere will ich suchen, die vertriebenen zurückbringen, die verletzten verbinden, die schwachen kräftigen, die fetten und starken behüten. Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen, wie es recht ist....“ lässt Gott die Menschen wissen. 


Gott kommt und kümmert sich und wieder sind es Menschen, durch die er sein Werk ausführt. Die Fürsorge wird sichtbar in Jesus Christus, der sich selbst als Guter Hirte bezeichnet. Die Fürsorge Gottes wird sichtbar in Jesus Christus, dem Guten Hirten, der für die Herde sein Leben lässt – und so zum Weg, zur Wahrheit und zum Leben wird. Wir sind eingeladen  unter dem Schutz und Schirm dieses guten Hirten zu leben und uns an ihm auszurichten. Jesus Christus ist der Maßstab, an dem wir uns zu orientieren haben, vor allem dann, wenn wir selbst Verantwortung für andere übernehmen. Wir können Hirten sein und getrost ans Werk gehen, in dem Vertrauen, dass wir selbst umsorgt und behütet sind. Allerdings hören wir auch die Mahnung. Wenn wir merken, dass wir uns von unserem Auftrag entfernen, wollen wir uns rufen und zurechtbringen lassen. 


Die Mahnung, die wir heute hören, gilt nicht den anderen. Sie gilt uns. Weil wir alle Hirten sind, weil jeder von uns Verantwortung für andere trägt, für den Partner, mit dem er lebt, für die Kinder, die ihm anvertraut sind, für Schüler, die von ihm unterrichtet und aufs Leben vorbereitet werden wollen , für die Angestellten im eigenen Betrieb oder einfach für den Menschen, mit dem ich Seite an Seite lebe und um den sich sonst niemand kümmert. Jeder von uns ist aufgerufen, ein guter Hirte für andere zu sein. Und jeder von uns kann sich rufen lassen. Wir brauchen die Verantwortung nicht zu scheuen. Auch wir, die Hirten, liegen dem am Herzen, der zu uns sagt:  „Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein.“ Im Vertrauen darauf, dass er auf uns schaut, wollen wir unserer Berufung folgen und gute Hirten sein für die Menschen, mit denen wir leben.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 18.4.2021


Es ist der Herr! Predigt über Johannes 21, 1 – 14 am Sonntag Quasimodogeniti


Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so: Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische. Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: »Es ist der Herr«, da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen. Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht. Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt's ihnen, desgleichen auch den Fisch. Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Wie vergesslich die Welt doch ist. Nur wenige Tage nach der Hinrichtung Jesu geht in Jerusalem  alles wieder seinen gewohnten Gang, als ob nichts geschehen wäre. Die Geldwechsler bauen ihre Tische im Schatten des Tempels auf. Die Händler bieten dort ihre Waren feil. Die Luft in der Heiligen Stadt ist voller Stimmen, lärmend, streitend, singend, lachend  – und draußen vor dem Tor verwittern die Kreuze an der Schädelstätte. Nichts erinnert mehr an das Spektakel der letzten Tage, Pilatus hat diesen Jesus längst vergessen. Die Soldaten, die mit Jesus ihren Spaß hatten, haben vielleicht schon den Marschbefehl bekommen und machen sich fertig zum Einsatz in einem anderen Krisengebiet des römischen Imperiums und die Schriftgelehrten sind erleichtert. Sie hoffen, dass jetzt Ruhe einkehrt, wo der Störenfried aus Nazareth endlich beseitigt ist. Die Freunde Jesu aber, seine Anhänger, die Jünger, sind nach Hause gegangen, zu ihren Familien, zurück an den See Genezareth, der im Johannesevangelium „See Tiberias“ genannt wird, nach der Stadt an seinem Südwestufer.


„Ich will fischen gehen!“ sagt Petrus. Das hat er gelernt. Diesen Beruf will er wieder aufgreifen. Fischen gehen. Etwas tun. Die Ärmel hochkrempeln. Nur nicht ins Grübeln kommen. Das ist jetzt das Richtige. Die vertrauten Handgriffe sitzen noch. Gelernt ist gelernt. „Wir kommen mit“, sagen die andern: Thomas, der Zwilling genannt wird und Nathanael, aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und noch zwei andere, deren Namen uns vom Evangelisten nicht verraten werden. Sie machen sich ans Werk.  Die Jünger kehren zurück in den Alltag, aus dem sie vor langer Zeit durch Jesus herausgerufen wurden. Leise gleiten die Fischerboote ins Wasser. Nachts werfen sie die Netze aus, jeder weiß, was zu tun ist. Schweigsam gehen sie ihrer Arbeit nach. Allein sind sie jetzt, allein auf dem See, allein mit ihren Gedanken, mit den Erinnerungen an das, was gewesen ist und was im Gedächtnis der Welt bereits zu verblassen beginnt: die Zeit mit Jesus. Vor langer Zeit haben sie die Netze und die Boote am Ufer liegen lassen und sind mit Jesus durchs Land gezogen. Jetzt denken sie zurück an diese Jahre, an seine Worte und Taten und an seinen grausamen Tod am Kreuz. Der Mann fällt ihnen gar nicht auf, der am Ufer steht und zu ihnen herüberblickt. Sie sind viel zu sehr beschäftigt. Sie merken nicht, wie Jesus in ihren von Trauer, Trostlosigkeit und Enttäuschungen überschatteten Alltag eintritt.


Die Geschichte von der Begegnung mit dem Auferstandenen am See Tiberias finden wir im Anhang zum Johannesevangelium. Als ob einer noch eine Geschichte nachgetragen hat, die so wichtig war, dass man sie auf keinen Fall vergessen durfte. Sie erzählt davon, wie aus dem grauen Alltag ein nachösterlicher Alltag wird. Die Geschichte erzählt vom Alltag der  jungen Kirche – also von den Menschen, die an diesen Jesus glauben, die sich abmühen, die Enttäuschungen hinnehmen müssen, kaum Erfolge wahrnehmen und doch erleben, wie für sie gesorgt wird, wie der Auferstandene Licht bringt in ihren Alltag.


Im Augenblick merken die Jünger noch nichts davon. Sie sind einfach zu müde. „Meine Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ Die Antwort ist kurz. „Nein!“ Mehr möchten sie dazu nicht sagen. Nein, sie haben nichts gefangen in dieser Nacht. Aber der Fremde spricht weiter. „Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas fangen!“ Ein Rat wider alle Vernunft. Jetzt, im Morgengrauen! Wenn die Nacht erfolglos war, wird der neue Versuch sicher auch scheitern. Jedes Kind, das an den Ufern des Sees aufwächst, weiß das. Und dennoch gehorchen die Jünger. Auf einmal haben sie alle Hände voll zu tun – und so sehr sie sich auch mühen, sie können die Netze nur mit Mühe einholen. Sie sind voll mit Fischen. 153 an der Zahl, sagt der Evangelist, als ob er nachgezählt hätte.


„Es ist der Herr!“ Ein Aufschrei hören wir jetzt, ein Schrei, in dem Freude und Erschrecken zugleich mitschwingen. Dem Jünger, den Jesus liebte, gehen als ersten die Augen auf. Jetzt kommt die Erinnerung. Ist es nicht wie damals, als Jesus Petrus berufen hatte? Die ganze Nacht hatten sie vergeblich gefischt, bis zum Morgen. Da ist ihnen Jesus begegnet. Auf seinem Rat hin haben sie die Netze nochmals ausgeworfen – und sind reichlich belohnt worden für ihre Mühen. „Geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch!“ hat Petrus damals zu Jesus gesagt und als Antwort einen Auftrag bekommen. „Du sollst Menschen fischen, du sollst sie für Gott gewinnen. Der Auftrag gilt immer noch. Vielleicht will Johannes das mit der seltsamen Zahl sagen. Dazu gibt es verschiedene Erklärungen. Die einen sagen, das sei die Zahl der Fülle. Andere sagen, 153 Fischarten seien damals bekannt gewesen. Wenn man sich jetzt an den Auftrag erinnert, den Jesus Petrus gegeben hat, bekommt dieser konkrete Hinweis auf die 153 Fische eine besondere Bedeutung. Der Auftrag gilt immer noch. Menschenfischer sollen sie sein, Petrus und die anderen. Das Evangelium sollen sie hinaustragen in alle Welt. Auch der Hinweis, dass das Netz trotz der Menge nicht reißt, bekommt eine tiefere Bedeutung.  Die Verbindung mit Jesus hält. Sie trägt. Nichts kann sie zerreißen, nicht einmal der Tod.


Die Welt ist nach Ostern wieder zur Tagesordnung übergegangen. Als ob nichts geschehen wäre. Und die Jünger haben sich davon entmutigen lassen. Der Traum, die Hoffnung von Gottes nahem Reich war am verblassen – und alles schien vergeblich. Aber Gott ist nicht zur Tagesordnung übergegangen. Er hat Jesus von den Toten auferweckt. Der Auferstandene sucht die Jünger auf. Aus dem Alltag, auf dem die Schatten der Furcht und des Todes liegen, wird ein nachösterlicher Alltag, der von der Freude über den Sieg Jesu, über den Sieg des Lebens getragen wird. Vielleicht wird Petrus das in diesem Augenblick bewusst. Er greift sich seine Kleider und springt vom Boot ins Wasser, um die letzten Meter ans Ufer zu schwimmen, hin zu dem, der zum Sinn, zur Mitte und zum Inhalt seines Apostellebens gewesen ist. Schließlich kommen auch die anderen Jünger an. Sie ziehen die Boote ans Land. Sie sehen ein Lagerfeuer. Fische liegen darauf. Und Brote. Ein vertrautes Bild. Und wieder eine Erinnerung. Brote und Fische. So wie damals, als Jesus die 5000 Menschen gespeist hat. Wie konnten wir das nur vergessen, mögen sie sich gedacht haben. Waren die Worte des Herrn nicht eindeutig: „Ich bin das Brot des Lebens?“ Jesus lädt ein zu Tisch. Bis heute. Wo in seinem Namen das Brot gebrochen wird, ist er da, wird er selbst für uns zum Brot des Lebens. Wo in seinem Namen das Brot gebrochen wird, feiern wir die Gemeinschaft mit ihm.

„Es ist der Herr!“ Jeder von den Jüngern weiß auf einmal, wer da vor ihnen sitzt, und keiner wagt es, auszusprechen. Vielleicht ist die Angst zu groß, dass durch viele Worte nur zerredet wird, was die Augen sehen und was das Herz vor Freude schneller schlagen lässt: die Entdeckung, dass ihr Leben mit Jesus nicht vergeblich war, dass die Hoffnungen nicht vom Tod zunichte gemacht wurden, dass nichts von dem hinfällig geworden ist, was Jesus den Menschen verkündet hat. „Es ist der Herr!“  Mit dieser Erfahrung kehren die Jünger zurück ins Leben, finden sie den Weg aus der Starre der Trauer hinein in das Leben. Sie erfahren, dass sie nicht allein gelassen werden von ihrem Herrn. Sie wissen ihn in ihrer Nähe. Sie spüren, wie er sich um sie sorgt und wie er für sie sorgt.


Die Geschichte von der Begegnung mit dem Auferstandenen erzählt vom frühen Leben der jungen Kirche. Sie erzählt von den Menschen dieser Kirche. Sie erzählt von denen, die an Jesus glauben, mit Enttäuschungen zu kämpfen haben, sich abmühen und manchmal ohne Erfolg sind. Menschen, wie Petrus, Jakobus, Johannes, Thomas. Menschen, wie du und ich. Menschen, die bis heute von der einen Erfahrung getragen werden, die höher ist als unsere Vernunft. Es ist der Herr! So hat einer der Jünger diese Erfahrung zusammengefasst. Eine Lebenserfahrung,  die dafür gesorgt hat, dass einer Hand voll abgekämpfter, verängstigter und müde gewordener Menschen wieder Kraft und Vertrauen geschenkt hat.


„Es ist der Herr!“ Der Auferstandene kommt auch in unseren Alltag hinein. Er lässt uns nicht allein. Die Welt mag glauben, dass sie zur alten Tagesordnung zurückkehren kann. Sie irrt. Gottes neue Ordnung hält Einzug in diese von Todesahnungen und Todeserfahrungen überschattete Welt. Es ist die Tagesordnung der Liebe, die in Jesus Gestalt angenommen und in seinen Worten ein klares Programm hat. An dieser Tagesordnung sollen wir festhalten. Zu dieser Tagesordnung sollen wir uns immer wieder zurückrufen lassen – vom Herrn selbst, der bei uns ist, der zu uns spricht, in seinem Wort und  der  uns stärkt an seinem Tisch. „Es ist der Herr!“ Leben wir im Vertrauen auf seine Nähe. Sie macht aus dem grauen Alltag einen österlichen Alltag, sie trägt durch den Alltag in das Leben, das uns der Herr schenken will. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 11.4.2021



Bei Gott beschlossene Sache! Predigt über Offenbarung 5,6 – 14 am  Ostermontag


Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Wesen und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande. Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß. Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Wesen und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen, und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen und hast sie unserm Gott zu einem Königreich und zu Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden. Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Wesen und um die Ältesten her, und ihre Zahl war zehntausendmal zehntausend und vieltausendmal tausend; die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Und die vier Wesen sprachen: Amen! Und die Ältesten fielen nieder und beteten an. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Die Weltgeschichte – ein Buch mit Sieben Siegeln. Darin ist aufgeschrieben, was kommen soll. Wer verfügt über die Geschichte, wer ist der Herr über die Zeit, über jeden Tag, der darin verzeichnet ist?  Vielleicht geht es ihnen wie mir: ich habe oft  das Gefühl, dass ich nicht Herr über meine Lebenszeit bin, nicht einmal über die Zeit, die in meinem Kalender so wohl geordnet erscheint. Es gibt so vieles, das sich in den Vordergrund drängt, meine Gedanken beherrscht, meinen  Tagesablauf bestimmt und  sich im Nachhinein dann doch als unwichtig herausstellt. Wenn ich darüber nachdenke, frage ich mich: wer ist eigentlich Herr über mich und meine Zeit, wer bestimmt und lenkt meine  Tage und Stunden, aus denen sich meine Lebensgeschichte zusammensetzt?


Was ich im Kleinen für mich und mein Leben feststelle, kann ich auch im Großen beobachten. Die Weltgeschichte erscheint mir oft als undurchsichtig und beängstigend. Wer hat darin eigentlich das Sagen? Wer lenkt und bestimmt sie? Sind es die gewählten Volksvertreter? Oder sind es nicht doch eher die Vertreter des Kapitals und der Weltwirtschaft? Wer einen Blick in die Geschichte der  Welt wagt, stößt immer wieder auf Menschen, die  den absoluten Anspruch auf die Weltherrschaft und auf die Menschen erhoben haben und den Gang der Geschichte lenken wollten. In den Tagen des Sehers Johannes, war das der römische Kaiser Domitian. Er hat sich von aller Welt als Gott verehren lassen. Wer den Kniefall verweigert hat, ist getötet oder – wie der Prophet Johannes - auf eine einsame Insel verbannt  worden. Bis heute treten solche Menschen immer wieder auf. Menschen, die Anspruch auf uns erheben –  auf unseren Leib, unsere Seele, auf unsere Zeit, auf unser Leben. Es gibt Menschen, die darüber verfügen wollen. Es gibt Menschen, die uns beherrschen wollen. So bleibt die Frage weiter offen - wer verfügt über die Zeit und über die Geschichte, über unsere persönliche und über die der Welt?


Unser Predigtwort verrät die Antwort. Es sagt - wer der Herr ist und entlarvt damit zugleich die falschen Herren mit ihren unrechtmäßigen Besitzansprüchen auf uns, auf unser Leben und auf das Leben der Welt. Was wir hören, lässt hoffen - für uns und unsere Welt. Der Seher Johannes, ich nennen ihn einen Propheten, hat einen Blick in den Himmel werfen dürfen. Er will uns mitteilen, was er gesehen und erlebt hat. Was er erfahren hat, lässt sich kaum in Worte fassen. Gott wäre nicht Gott, wenn er sich mit menschlichen Begriffen beschreiben ließe. Johannes verwendet eine bildhafte und symbolische Sprache aus einer anderen, einer fernen Zeit. Es ist die Bilderwelt des Alten Testaments, die er gebraucht, nicht unsere. Er liefert kein Protokoll ab. Aber er erzählt uns auch kein Märchen! Er malt mit seinen Worten ein Bild von der Welt, in die er hat hineinblicken dürfen. Er vergleicht sie mit einem Thronsaal, ähnlich wie in der prächtigen Residenz  eines Herrschers seiner Zeit, also vor zweitausend Jahren. Wir würden vielleicht andere Bilder verwenden, um Gottes Majestät zu beschreiben. Er sieht einen Hofstaat, versammelt um einen Thron. Gottes Thron. 


Johannes sieht ein Buch mit sieben Siegeln. Es ist Gottes Geschichtsbuch. Es enthält Gottes Plan für die Welt und für alle, die darin vorkommen. Es ist Gottes Zeitplan. Da ist all das eingetragen, was Gott wichtig ist, da steht alles, was ist, was war und was sein soll. Auch unsere Geschichte mit ihren Höhen und Tiefen ist darin aufgezeichnet. Wir alle spielen darin eine Rolle - weil wir in der Welt leben, um die es in diesem Geschichtsbuch Gottes geht und weil wir Gott unendlich wichtig sind. Sieben Siegel trägt dieses Buch. Siegel sind Hoheitszeichen: was in diesem Buch steht, ist beschlossene Sache. Es ist Gottes Sache, weil es Gottes Siegel sind, die an diesem Buch hängen.


Und nun hört der Prophet Johannes eine Frage. „Wer ist würdig, die Siegel aufzubrechen und das Buch zu öffnen?“ Die Antwort ist niederschmetternd. Niemand ist würdig, Gottes Plan mit dieser Welt, den Geschichtsplan aufzurollen und gar auszuführen. Ist die Welt deshalb der Spielplatz von Menschen wie dem machthungrigen Domitian und seinen Nachfolgern? 


Heute dürfen wir mit dem Propheten Johannes einen Blick in den Himmel werfen - und müssen erfahren, dass niemand da ist, der diesen Plan Gottes ausführen kann. Das ist zum Heulen. Dem Seher Johannes kommen deshalb die Tränen. Er weint, bis ihn endlich eine Stimme ruft: „Hör auf zu weinen!“  Einer ist würdig, das Buch zu öffnen, damit seinen Lauf nehmen kann, was Gott verfügt hat. Ein Name wird nicht genannt. Als Löwe und als Lamm wird dieser eine bezeichnet.


Gemeint ist Jesus Christus - als Kind in die Welt hineingeboren, als Messias von den Menschen in Jerusalem freudig begrüßt, als Verbrecher gekreuzigt nach einem Urteil von Pontius Pilatus, als Erlöser auferstanden durch Gottes Kraft. Er ist den Weg ans Kreuz gegangen, um uns zu befreien, um uns auszulösen aus den Fängen des Todes. Im Advent feiern wir die Erwartung des kommenden Retters, an Weihnachten seine Geburt und an Ostern seinen Sieg. Die unseligen Kräfte und Mächte, die gern über uns und unser Leben herrschen wollen, haben ausgespielt! Der Löwe aus Juda hat sie verschlungen, das Lamm hat uns ausgelöst. Das ist alles schon vorweggenommen, als ob es geschehen wäre. Wir sind frei von den Mächten und Gewalten der Finsternis. Wir sind befreit auf Hoffnung. Wir stehen noch mittendrin in der Geschichte. Die Dinge entwickeln sich noch. Aber wir erfahren bereits, wie sie ausgehen. Sie dürfen uns nicht mehr vom Wesentlichen abhalten, von der Liebe zu Gott und von der Liebe zu den Menschen - ich meine die Liebe, die sich Zeit nimmt und die Zeit schenkt, Zeit zum Gebet und Zeit für den Nächsten, Zeit zum Gespräch, Zeit, um zu hören und Zeit, um zu trösten.


Der Himmel ist voll Jubel über diesen Erlöser, den Johannes in der Gestalt eines Löwen und eines Lammes sieht. Weil er  wie ein Löwe   Herr ist  über alles, was es gibt, auf der Erde und im Himmel und unter der Erde. Und weil er zugleich auch das Lamm ist, ein Opferlamm, hingegeben für unsere Schuld, für unsere Versäumnisse. Wir erfahren, dass Jesus beides zugleich ist, Löwe und Lamm. In den Augen der Welt schwach wie ein Lamm. Und in Wahrheit doch stark wie ein Löwe. In den Augen der Welt ein einfacher Mensch. In Wahrheit doch Gottes Sohn, der das Buch mit den Sieben Siegeln öffnen wird. Stimmen wir ein in den österlichen Jubel! Christus ist der Herr in Zeit und Ewigkeit. Das ist die Botschaft, die Hoffnung macht, wenn wir erschrecken vor den angeblichen Herren und Gewalten dieser Welt. Christus ist der Herr in Zeit und Ewigkeit - das ist die Botschaft, die Hoffnung macht! Durch das Kirchenjahr begleitet uns der Schein der Osterkerze, die wir in der Osternacht am Osterfeuer angezündet haben. Sie erinnert uns an Gottes Wirklichlickeit, an den Jubel, der den Himmel erfüllt und dessen Echo wir manchmal hören, wenn wir still werden, wenn wir die Botschaft vom Sieg Jesu in unser Herz hinein lassen. Die Osterkerzen, die wir mit nach Hause nehmen, erzählen uns von dem Licht, das die Nacht erhellt und uns den Weg in das Leben weist. Einen Blick in den Himmel haben wir heute durch das Wort der Offenbarung werfen dürfen. Worauf wir zugehen, ist dort bereits beschlossene Sache. Beschlossen ist das Leben. Beschlossen ist der Sieg der Liebe, die stärker ist als der Tod.  Der Himmel jubelt und wir sollen mit in den Jubel einstimmen. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 5.4.2021


Fürchtet euch nicht! Steht fest! Predigt über 2.Mose 14,8 - 14.19-23.28-30a am Ostersonntag 


Und der HERR verstockte das Herz des Pharao, des Königs von Ägypten, dass er den Israeliten nachjagte. Aber die Israeliten waren mit erhobener Hand ausgezogen. Und die Ägypter jagten ihnen nach, alle Rosse und Wagen des Pharao und seine Reiter und das ganze Heer des Pharao, und holten sie ein, als sie am Meer bei Pi - Hahirot vor Baal - Zefon lagerten. Und als der Pharao nahe herankam, hoben die Israeliten ihre Augen auf, und siehe, die Ägypter zogen hinter ihnen her. Und sie fürchteten sich sehr und schrieen zu dem HERRN und sprachen zu Mose: Waren nicht Gräber in Ägypten, dass du uns wegführen musstest, damit wir in der Wüste sterben? Warum hast du uns das angetan, dass du uns aus Ägypten geführt hast? Haben wir's dir nicht schon in Ägypten gesagt: Lass uns in Ruhe, wir wollen den Ägyptern dienen? Es wäre besser für uns, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben.  Da sprach Mose zum Volk: Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der HERR heute an euch tun wird. Denn wie ihr die Ägypter heute seht, werdet ihr sie niemals wiedersehen. Der HERR wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein. … Da erhob sich der Engel Gottes, der vor dem Heer Israels herzog, und stellte sich hinter sie. Und die Wolkensäule vor ihnen erhob sich und trat hinter sie und kam zwischen das Heer der Ägypter und das Heer Israels. Und dort war die Wolke finster und hier erleuchtete sie die Nacht, und so kamen die Heere die ganze Nacht einander nicht näher.  Als nun Mose seine Hand über das Meer reckte, ließ es der HERR zurückweichen durch einen starken Ostwind die ganze Nacht und machte das Meer trocken, und die Wasser teilten sich. Und die Israeliten gingen hinein mitten ins Meer auf dem Trockenen, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken.  Und die Ägypter folgten und zogen hinein ihnen nach, alle Rosse des Pharao, seine Wagen und Reiter, mitten ins Meer. … Und das Wasser kam wieder und bedeckte Wagen und Reiter, das ganze Heer des Pharao, das ihnen nachgefolgt war ins Meer, sodass nicht einer von ihnen übrig blieb. Aber die Israeliten gingen trocken mitten durchs Meer, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken. So errettete der HERR an jenem Tage Israel aus der Ägypter Hand. Und sie sahen die Ägypter tot am Ufer des Meeres liegen. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Zu meinen Lieblingsbüchern gehört eine Sammlung „Illuminierter Holzschnitte der Lutherbibel von 1534“ - so lautet auch der Buchtitel. Eines der Bilder illustriert die Geschichte von Durchzug der Israeliten durch das Meer, über die wir heute nachdenken. Ein farbenprächtiges Bild. Ich möchte es mit meinen Worten skizzieren. In der Mitte sehen wir Moses mit einem flammend roten Gewand. Wie ein Held positioniert er sich. Mit seinem überdimensionalen Stab stellt er sich den Fluten des Meeres entgegen und teilt sie, wie man mit einem Schwert ein Gewand in zwei Hälften teilt. So kennen wir die Geschichte. So stellen wir uns das Geschehen vor. Das Volk Israel zieht trockenen Fußes auf die sichere Seite, während über den Soldaten des Pharao  mit den Waffen und Streitwagen die Fluten zusammenbrechen. Später, am gegenüberliegenden Ufer, auf der sicheren Seite, wird Miriam, die Schwester des Mose, ihr Tamburin in die Hand nehmen und ein Lied anstimmen, in das die anderen Frauen freudig einstimmen. „Lasst uns dem HERRN singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt….“ Doch das ist dann schon wieder eine andere Geschichte.


Eine Zeitlang hat es so ausgesehen, als ob der Auszug der Israeliten in einer Niederlage endet.Die Soldaten des Pharao waren ihnen auf den Fersen. Sie sollten die Israeliten wieder einfangen, zurückbringen und ihrer wohl harten Strafe entgegenführen. Als sie merkten, dass die Soldaten immer näher kamen, hat te sich Panik und schiere Verzweiflung ihrer bemächtigt. „Sie fürchteten sich…“ lesen wir in der Bibel. Wer könnte das nicht verstehen. Mutlos wurden sie, als sie das Meer vor sich sahen. Der  Fluchtweg  war abgeschnitten. Jetzt war alles verloren! 


Allmählich ahne ich, warum das eine Geschichte für den Ostermorgen ist. Sie erzählt von Menschen in einer ausweglosen Situation. Sie erzählt von ihrer Angst und Verzweiflung, von Panik, die in Wut und Resignation umschlägt. Aber auch von Trost und Rettung hören wir. Das erinnert mich an die Jünger und Jüngerinnen Jesu. Auch die sind an eine Grenze gestoßen und darüber beinahe verzweifelt. Der Tod hatte sie vor vollendete Tatsachen gestellt. Tief eingebrannt in die Seelen und in die Erinnerung waren die Bilder der letzten Tage. Da war die Verhaftung Jesu, der Schauprozess und schließlich die Hinrichtung auf Golgatha. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Noch immer hallte  der Todesschrei Jesu in den Ohren nach und noch immer schmerzte sie die gehässigen Bemerkungen der Gegner, die sich an dem Leiden Jesu weideten. „Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen,“  lästerten sie. Dann aber musste alles schnell gehen. Es kam wegen der anbrechenden Sabbatruhe zur einer hastigen Bestattung des Leichnams Jesu. Schließlich folgte die quälende Zeit der Trauer, der Karsamstag. Das muss eine bittere Erkenntnis gewesen sein: Die Mächtigen bleiben mächtig. Die Ohnmächtigen bleiben hilflos. Nichts wird sich ändern. Blinde bleiben blind. Aussätzige bleiben aussätzig. Tote bleiben tot. 


Kennen wir das nicht auch, dieses Gefühl der Hilflosigkeit im Gegenüber des Todes? Und ebenso das Gefühl der Wut und der Verzweiflung. Das kann doch nicht wahr sein! Das kann doch nicht alles gewesen sein! Ein Mensch, den man lieb hatte, stirbt und die Welt dreht sich weiter, als ob nichts geschehen wäre. Mit diesem gewiss vertrauten Gefühl im Herzen kehren wir zurück zu der Geschichte, die wir im Alten Testament lesen. Wir treten zu den Israeliten ans Meer.  Sie fürchteten sich, erzählt uns die Bibel. Sie sahen, wie die Soldaten aufholten, wie sie immer näher kamen. Sie brachten den nahen Untergang, den Tod. Da begannen die Israeliten zu schreien. Sie klagten an. Sie suchten nach einem Schuldigen. Das war Mose. „Du hast uns das eingebrockt“, riefen sie aus. „Waren nicht auch Gräber in Ägypten? Jetzt müssen wir hier in der Wüste sterben!“ Ach, hätten sie doch nicht auf ihn gehört, auf seine Versprechungen, auf seine Reden von Gott und dem Gelobten Land. Lieber Sklave in Ägypten sein und am Leben, als frei sein und in der Wüste sterben, klagten sie.  


Bis jetzt hören wir eine Karfreitagsgeschichte. Aber sie soll sich in eine Ostergeschichte wandeln, der Zorn soll umschlagen in Freude, die Verzweiflung in Hoffnung. Der Wendepunkt tritt ein in dem Augenblick, da  Mose dem Zorn und der Furcht etwas entgegensetzt, einen Trost, einen Zuspruch. „Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der HERR heute an euch tun wird.“ Das antwortet er dem Volk. So bereitet er sie vor auf den Eingriff Gottes, auf die Rettung, die geschehen soll.


„Fürchtet euch nicht!“ Das werden die Frauen auch hören, am Ostermorgen, als sie das Grab aufsuchen. „Fürchtet euch nicht!“ Das wird der Engel zu ihnen sagen und ihnen helfen, die Zeichen der Zeit zu verstehen. Denn, was die Frauen sehen, können sie nicht begreifen. Sie sehen ein leeres Grab, ohne zu ahnen, was es bedeutet. Es braucht die Deutung des himmlischen Boten. „Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat…“ Erst mit diesen Worten werden sie lernen, die Welt in einem neuen Zusammenhang wahrzunehmen. Das Grab ist leer, nicht, weil man den Leichnam gestohlen hat, sondern weil der von den Toten auferstanden ist, den sie dort gesucht haben. Aus dem leeren Grab, dem Ort der Verzweiflung, wird ein Ort der Hoffnung. Das Kreuz, ein Zeichen des Leidens, wird ein Zeichen des Sieges.  Das Meer der Trauer, so unüberwindbar tief und gefährlich, verliert seinen Schrecken. Gott teilt es. Er bahnt seinem Volk einen Weg aus der Verzweiflung, einen Weg in das Leben. Das ist der Zuspruch, den wir heute hören.  „Fürchtet euch nicht, steht fest und seht …“ wird uns gesagt, wenn wir an das Meer der Trauer, der Ausweglosigkeit und Verzweiflung denken, in dem wir zu versinken drohen. Es wird sich teilen und wir werden hindurch gehen.


 „Fürchtet euch nicht, steht fest…“ dieses Wort ist wie ein Osterbotschaft, wenn die Knie weich werden, wenn die Hoffnung wankt und der Zweifel an der Seele nagt.  „Steht fest!“ Was ist darunter zu verstehen? Vielleicht ein Aufruf zum mutigen Festhalten an den Worten, die uns Mut und Trost schenken, die Menschen schon mehr als zwei Jahrtausenden Mut und Trost geschenkt haben. „Der HERR wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein….“ Das sagt Mose zu seinem Volk und er sagt es heute auch zu uns. Der Herr wird für euch streiten. Diese Worte aus dem Alten Testament aber machen mir am Ostern Mut, wenn ich mich hilflos fühle, wenn der Zweifel an mir nagt und ich mir nicht mehr sicher bin, was ich noch glauben soll. Steht fest, wird mir heute gesagt! Der Herr wird für euch streiten. Dann, wenn ich aus eigener Kraft nicht mehr weiterkann, wird er da sein und mir den Weg ins Leben bahnen.


Ich vertraue darauf, dass wir nicht uns selbst überlassen sind. Ich glaube fest daran, dass er uns in Jesus Christus den Guten Hirten geschickt hat, der uns vorangeht und uns den Weg ans Ziel führen wird, so wie Mose seinem Volk vorangegangen ist. Wir sind noch unterwegs, gewiss. Aber wir gehen unseren Weg nicht allein. Wir gehen dem Ziel entgegen, an dem wir, wie Miriam und nach ihr viele andere ein Lied singen werden, das Lied unserer Befreiung, das Lied unserer Rettung. Unser Lied wird wohl nicht den Untergang von Ross und Reiter im Meer besingen,  wohl aber den Sieg über die Angst und den Tod. Und so wie Miriam und die Frauen mit ihrem Lied den Sieg besungen haben, können wir einstimmen, in den Lobgesang auf Gottes endgültigen Sieg, wie ihn unsere Osterlieder schon vorwegnehmen. „Fürchtet euch nicht…“ Lassen wir uns von diesen Worten ansprechen, die den Israeliten den Weg durch das Meer und den Frauen den Weg zum leeren Grab gewiesen haben, damit wir einstimmen können  in den Jubelruf, der seit dem ersten Osterfest über der Welt liegt: „Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja.“ Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 4.2.2021


Wenn die Steine von den Gräbern springen. Predigt über Matthäus 28,1-10 in der Osternacht in Hafenpreppach am 3.4.2021


Wenn in den Medien von einem Erdbeben berichtet wird, ist das eine Katastrophennachricht. Wir sehen dann Bilder der Zerstörung und des Leids. In unserem Evangelium ist auch von einem Erdbeben die Rede. Aber es hat andere Folgen. Zwei Frauen stehen im Epizentrum dieser Erschütterung, Maria und Maria Magdalena. Dieses Beben stellt ihr Leben auf den Kopf. Doch keine Katastrophe kommt über sie. Es ist ein Segen, was sie erleben. Die Bibel spricht zwar von einem Erdbeben. Ich denke aber, es war wohl das Beben in der Seele, das sie von Grund auf verändert hat. Es waren nicht Erdplatten, die sich aneinander gerieben oder übereinander geschoben haben. Wohl haben sich Steine bewegt. Aber es sind keine Häuser eingestürzt, sondern Grabsteine. Genauer gesagt: ein Stein wurde beiseite geschoben: der Stein über den sich die Frauen an dem frühen Morgen den Kopf zerbrochen haben. „Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“ fragten sie sich, als sie auf dem Weg zum Grab waren, um den Leichnam Jesu zu salben. Matthäus berichtet, wie ein Engel vom Himmel kam, den Stein zur Seite rollte und sich darauf setzte.  


Das österliche Beben unterscheidet sich von den Naturkatastrophen der alten, vergänglichen Welt. Es bringt keine Vernichtung, sondern Veränderung. Es verschüttet niemanden. Es legt Zugänge und Wege frei. Ein Grab wird aufgesprengt. Was darin gefangen war, wird befreit. Was für eine Botschaft für Menschen, die heute leiden. Was für eine Botschaft für uns alle, die wir unter der Macht des Todes zu leiden haben. Die Macht des Todes spüren wir an jedem Tag in unserem Leben, wenn etwas zu Ende geht, wenn wir Abschied nehmen müssen von einem Menschen, den wir lieb hatten und der gestorben ist, oder wenn wir selbst krank werden oder alt und gebrechlich. Wir spüren, wie uns die Lebenskräfte verlassen. Manche werden einsam. Auch das gehört zu den Schatten, die der Tod auf unser Leben wirft. Du bist endlich, flüstert der Tod, du wirst sterben,  du muss alles loslassen, was dir lieb und wert ist. Und dann geschieht dieses Erdbeben. Es zerstört nicht, es befreit. Nichts wird mehr so sein,  wie es wahr. Das erfahren die Frauen am Ostermorgen. Sie sehen das offene Grab und ahnen, das hier etwas unerhörtes geschehen ist. Die Macht des Todes, seine Endgültigkeit, ist zerbrochen. Der Weg aus dem Grab ist frei. Der Weg ins Leben ist frei. 


Maria von Magdala und die andere Maria sind die ersten Zeugen dieses Geschehens. Sie bekommen von dem Engel einen Auftrag. Sie sollen hingehen und erzählen, dass Gott eingegriffen hat in das Geschehen der Welt. Auch uns sollen sie davon erzählen. Vor allem, wenn wir nach Gott fragen. Und wie oft kommt uns nicht diese Frage in den Sinn, wenn etwas Schlimmes geschehen ist: Wo war Gott? Warum hat er nicht geholfen, die Katastrophe nicht abgewendet. Die Frage können wir nicht beantworten. Aber wir können uns erinnern, an dieses Erdbeben am ersten Ostermorgen. Da hat Gott eingegriffen in die Welt. Und das feiern wir heute. Gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen, sagt man im Volksmund. Das stimmt nun nicht mehr. Ein „Kräutlein“, eine zarte Pflanze ist gewachsen. Sie wächst durch die Trümmer der Angst, der Verzweiflung, der Vernichtung. Unscheinbar ist die Pflanze, das Kraut, das dem Tod stand hält. Ich meine die zarte Pflanze der Hoffnung und des Gottvertrauens. Sie wird genährt durch die Gute Nachricht von dem Sieg Jesu über den Tod, die wir weitertragen. Ich meine die Botschaft der Hoffnung, die wir jetzt haben. Jesus ist der Erstling von denen, die auferstanden sind, sagt die Schrift. Wir sollen ihm folgen. Der Weg dazu ist frei. Der Stein ist beiseite gerollt. Was wir an Ostern feiern ist die Auferstehung Jesu und zugleich auch unsere Zukunft, das Leben. Voll Freude und noch ergriffen von Furcht gehen die Frauen nach Hause. Unterwegs treffen sie Jesus. „Fürchtet euch nicht…“ sagt er zu ihnen und wiederholt den Auftrag, hinzugehen und die gute Nachricht weiterzugeben, an den Jüngern und über die Jüngern dann hinein in die Welt zu tragen.  Auch wir sind aufgerufen, uns auf den Weg zu machen. Jesus sendet uns zu den Menschen mit dieser guten Nachricht. Es ist keine rückwärts gewandte Botschaft, sondern eine, die nach vorn, die auf Zukunft und Leben gerichtet ist. „Fürchtet euch nicht!“ Das sollen wir den Menschen sagen, die noch in dieser Furcht gefangen sind. Erinnern wir uns daran, immer wieder, wenn die Furcht nach uns greift, wenn wir es mit der Angst zu tun bekommen. „Fürchtet euch nicht!“ Das gilt. Was damals geschehen ist, lässt sich nicht mehr ungeschehen machen. Der Weg ins Leben ist frei. Wagen wir es, ihn zu gehen. Jesus wartet auf uns, er kommt uns auf dem Weg entgegen. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 3.4.2021