Pfarrer Stefan Köttig

Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)
 

Predigt & Co

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 Glauben heißt vertrauensvoll aufschauen. Predigt über Johannes 3, 14 - 21 am Sonntag Reminiszere


Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.  Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er hat nicht geglaubt an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind. 


Manchmal können sie sich hinziehen, die Stunden in der Nacht. Das ist dann der Fall, wenn man nicht einschlafen kann. Wenn einen Sorgen die Ruhe rauben. Wenn das Kind krank ist und weint. Wenn man selbst Schmerzen hat. Oder wenn einen Fragen durch den Kopf gehen. Fragen, auf die man keine Antwort findet. Ich glaube, bei Nikodemus waren es diese Fragen, die dafür gesorgt haben, dass ihn der Schlaf mied. Nikodemus war ein Schriftgelehrter. Die Bibel, der Glaube an den Gott Israels, die Gottesdienste im Tempel - darum drehte sich alles in seinem Leben. Aufmerksam war er und einfühlsam. Deshalb hat er auch mit Interesse den Weg des jungen Wanderpredigers aus Nazareth verfolgt, seine Reden gehört, seine Taten bewundert. Sollte Gott wirklich ihn als Messias auserkoren haben? Vieles hat seiner Meinung nach dafür gesprochen - und etliches dagegen. Unsicher wurde er, weil so viele seiner geschätzten Kollegen schlecht auf diesen jungen Rabbi zu sprechen waren. Sie hielten ihn für alles mögliche, nur nicht für den Messias. Sollten sie Recht haben und er im Unrecht sein? Nikodemus hat sich zurück gehalten. Er wartete auf eine Gelegenheit, um einmal in Ruhe seine Fragen mit Jesus besprechen zu können. Und endlich war es so weit. Jesus war in Jerusalem. Die ganze Stadt sprach über ihn. Er soll die Händler am Tempel aufgemischt haben, ihre Tische umgeworfen und sie mit einer Peitsche vom Gotteshaus fortgetrieben haben. 


Ich stelle mir vor, wie er sich in der Dunkelheit durch die Straßen schleicht, hinaus zum Ölberg. Dort hat sich Jesus gerne zurückgezogen, um zu übernachten. Er muss nicht lange suchen. Er sieht das Lagerfeuer und die Jünger, die sich daran wärmen oder schlafen. Und etwas abseits - diese Gestalt muss Jesus sein. Er scheint, als ob er auf ihn gewartet hat. So kommen sie ins Gespräch und Nikodemus kann sich so vieles von der Seele reden - zum Beispiel, wie das zu verstehen sei, dass niemand in das Reich Gottes kommen könne, wenn er nicht zuvor wiedergeboren würde. Im Verlauf dieses Gesprächs wird ihm kl, mit welchem Auftrag Jesus zu den Menschen kommt, was es mit dem Gericht auf sich hat, von dem Jesus spricht. Vor allem aber wird ihm deutlich, wie Gott die Menschen retten will.


Es scheint kein leichtes und vor allem auch kein angenehmes Gespräch zu sein, das Nikodemus mit Jesus führt. Er erfährt die Wahrheit, die schwer zu ertragen ist. Es wird ein Gericht über die Menschen geben. Jesus wird über sie richten. Wie leicht uns doch diese Worte Sonntag für Sonntag im Glaubensbekenntnis über die Lippen gehen: Jesus wird kommen, um zu richten die Lebenden und die Toten. Warum wir nach dem ersten 

Erschrecken aufatmen dürfen, erfahren wir in diesem Gespräch. Wenn jetzt vom Gericht die Rede ist, geht es nicht um Vergeltung es geht um Rettung. Nicht Zorn, nicht Rache sind ausschlaggebend. Es ist die Liebe, die sich Geltung verschaffen will. Und deshalb dürfen Gericht und Rettung, Hoffnung und Heil in einem  Atemzug genannt werden, denn „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde…“ Ich stelle mir vor, wie Nikodemus Jesus zuhört und wie sich eine Frage auf seinen Lippen abzeichnet. „Wie wird der Sohn die Menschen retten? Und was ist denn damit gemeint, dass der Menschensohn erhöht werden soll, damit die Menschen gerettet werden können.“ Um das besser verstehen zu können, erinnert ihn Jesus an eine Geschichte der Bibel. Als die Israeliten auf dem Weg durch die Wüste waren, starben viele durch den Biss giftiger Schlangen, die in Scharen über sie herfielen. In ihrer Not und Todesangst wandten sich viele an Mose, ihren Anführer. „Hilf uns! Wir sterben!“ Doch Mose war ratlos. In seiner Not wandte er sich an Gott und erhielt folgenden Auftrag. Er solle eine Schlange aus Kupfer anfertigen, sie auf einen Stab binden und diesen hochhalten. Jeder, der zu dieser Schlange aufsieht, soll gerettet werden und nicht sterben. Und so geschah es. Jeder, der gebissen wurde und auf dieses Zeichen der Rettung sah, wurde gesund. 


Mit dieser Geschichte erfahren wir, wie Glaube und wie Rettung aus dem Gericht geschieht, wie Gott die Menschen vor dem Untergang bewahren will - durch gläubiges Aufsehen, durch Hinschauen. Die Israeliten mussten nichts anderes tun, als auf dieses Zeichen zu schauen und darauf zu vertrauen, dass dieses Hinschauen genügt, dass von diesem Zeichen die Rettung kommt, von diesem und von keinem anderen. Warum Jesus wohl auf diese Geschichte  hinweist? Sie soll eine Hilfe sein, um zu verstehen, welche Bedeutung de Weg Jesu ans Kreuz für uns hat. So wie die Schlange an einen Stab gebunden und hochgehoben wird und so wie jeder, der auf diese Kupferschlange schaut gerettet wird, so wird Jesus ans Kreuz gebunden und hoch aufgerichtet. Und jeder der auf ihn schaut und diesem Zeichen vertraut, der soll gerettet werden. Mehr wird nicht verlangt. Hinschauen und Vertrauen, das ist Glaube. Wegschauen und Misstrauen ist Unglaube.


Vertrauen wir darauf, dass im Kreuz das Heil und die Rettung zu finden ist? Glaube bedeutet, auf das Kreuz zu schauen, angetrieben von der Sehnsucht nach Rettung, so wie einst die Israeliten auf die Schlange geschaut haben, angetrieben von der Sehnsucht nach Schutz vor dem tödlichen Gift. So geschieht Rettung, so wird das Gericht vollzogen.


Eine schwere Kost bietet Jesus dem Nikodemus an. Ob sie ihm die Nacht über im Magen liegen wird, wie ein schwer verdauliches Abendbrot? Ich stelle mir vor, wie erst einen Staunen und dann ein Lächeln sich auf dem Gesicht des alten Mannes niederlässt. Das Gericht, von dem Jesus spricht, ist kein Strafverfahren, wie wir uns das meist vorstellen. Es ist vielmehr ein Prozess, ein aktuelles Geschehen, an dem ich beteiligt bin. Jesus sagt von sich, dass er das Licht der Welt sei. Wo er ist, das ist das Heil, da ist Leben, da ist Rettung. Außerhalb dieses Lichtkreises herrscht die Dunkelheit. Dort lauert der Tod, der Untergang. Es liegt an mir selbst, ob ich im Licht lebe oder nicht, ob ich der Einladung folge, die ausgesprochen wird, oder ob ich mich lieber im Zwielicht oder in der Finsternis aufhalte. Ich bin eingeladen, mein Leben im Lichtkreis der Liebe Gottes zu leben. Und ich bin aufgefordert, dieses Licht zu hüten, es weiter zu geben an andere.  Mit anderen Worten: ich bin aufgefordert so zu leben, wie es Jesus uns gesagt hat. Ich bin aufgefordert, in der Liebe zu leben, in der Liebe zu Gott, zu den Menschen aber auch zu mir selbst, zur Schöpfung. Ich bin aufgefordert, weil Gott der Gott des Lebens ist. Es liegt an mir, ob ich das Licht wähle oder die Finsternis. Und deshalb spricht nicht Gott das Urteil über mich. Es liegt an mir, ob ich das Licht oder die Finsternis wähle.


Mit welchen Gedanken Nikodemus wohl nach Hause gehen wird. Ob er die restlichen Stunden der Nacht schlafen kann oder ob dieses Gespräch weiter nachklingt. Er wird sich zu Jesus halten, allerdings bedeckt und im verborgenen. Die Angst vor den Feinden war zu groß. Und doch wird er sich entschieden haben, Nikodemus. Er wird sich für das Licht entschieden haben, für das Leben, für Jesus. Ich gestehe, dass dies ein Wunsch ist, den ich für Nikodemus im Herzen tragen, aber nicht nur für ihn, sondern auch für mich, für die Kinder, die getauft werden, die Jugendlichen die heranwachsen, die Erwachsenen, die im Alltag ihre Entscheidungen treffen. Mich begleitet dieser Gedanke, diese Einladung, die ich aus den Worten Jesu heraus höre - ich bin eingeladen, in den Lichtkreis seiner Liebe einzutreten, im Schein dieses Lichtes zu leben, geprägt und erfüllt und angeleitet von dem, was er getan und gesagt hat. Ich habe ein Zeichen, zu dem ich immer wieder aufschauen kann, wenn ich nach Orientierung suche, wenn ich nicht weiter weiß. Ich schaue auf das Kreuz. Es ist der Wegweiser in ein gutes Leben, es führt mich aus der Verlorenheit in der Finsternis, aus den Verflechtungen von Schuld, aus der Gottesferne zurück in das Leben, hinein in die Gemeinschaft mit Gott. Und nicht nur mich, sondern auch die, die mit mir gehen, die mir anvertraut sind, die auf mich hören, die mir folgen. Schauen wir auf das Kreuz. Es ist das Zeichen für das Leben. Vertrauen wir diesem Zeichen. Amen.

Pfarrer Stefan Köttig, 17.3.2019