Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück. Psalm 73,28 


 


 

Aktuelle Predigt

Um Antwort wird gebeten - Predigt über Lukas 14,16-34 zur Konfirmation in Altenstein 


Ein Piepston und ein paar Sätze genügen – schon war seine Stimmung im Eimer. Der Pieps kam von seinem Mobiltelefon und machte ihn auf den Eingang einer WhatsApp - Nachricht aufmerksam. Auf dem Display war ein sogenanntes Emoji zu sehen, allerdings ein trauriges Smiley mit einer Träne im Auge. Darunter stand der folgende Text:  „Sorry. Aber ich kann jetzt doch nicht zu deiner Feier kommen!“ Mehr steht da nicht. Aber das genügte schon, um ihn traurig und wütend zugleich zu  machen. Da hatte man jetzt wegen dieser dämlichen Corona-Auflagen solange nicht feiern dürfen. Sogar die Konfirmation wurde deswegen verschoben. Klar, das war schade, aber verständlich. Er hätte all die Freunde und Verwandten nicht einladen dürfen, die ihm am Herzen lagen, Oma und Opa, den Patenonkel aus Norddeutschland. Jetzt endlich konnte die Feier steigen. Da wollte er sie dabei haben, seine  beiden besten Freunde. Aber waren sie das, beste Freunde? Er las noch einmal die Nachricht. „Sorry. Aber ich kann jetzt doch nicht zu deiner Feier kommen!“ Zweimal derselbe Wortlaut. Haben die sich abgesprochen? Sie hätten doch sagen können, das sie keine Lust haben. Stattdessen lügen sie einem ins Gesicht. Das wars mit der Freundschaft, dachte er sich. Die beiden sind bei mir voll abgeschrieben.


 Dass Menschen nicht aufrichtig sind, muss man leider immer wieder einmal erfahren. Besonders weh tut das, wenn Freunde so etwas mit einem machen oder Menschen, die man mag. Wer also so etwas  schon einmal erlebt hat, kann auch die Reaktion des Hausherrn aus unserem Gleichnis verstehen, das wir vorhin im Evangelium gehört haben.  


Wenn Jesus Geschichten erzählt, sind die mitten aus dem Leben gegriffen. Und das Gleichnis von der Einladung und den Gästen, die nicht kommen, ist so ein Beispiel dafür. Mann o Mann war der Gastgeber sauer. „Keiner der Männer, die eingeladen waren, wird mein Abendmahl schmecken…“ sagt er am Ende der Geschichte. Ehrlich gesagt, hab ich deshalb ein wenig mit mir gerungen, ob ich das heute erzähle. Da schwingt so ein drohender Unterton mit. Jesus erzählt die Geschichte aber nicht mit erhobenen Zeigefinger.  Über diesem Gleichnis , ja, über dem ganzen Sonntag steht ein Wort, das vielmehr Mut macht und das Thema vorgibt. Im Wochenspruch hören wir Jesus sagen: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“ 


Darum geht es heute, um  eine Einladung. Das feiern wir heute mit eurer Konfirmation. Wir sind eingeladen zum Leben mit Gott. Deshalb ist Jesus in die Welt gekommen, um uns die Einladung Gottes zu überbringen. Auch ihr seid eingeladen zu einem Leben mit Gott. Am Anfang eures Lebens ist die Einladung bereits ausgesprochen worden. Das war bei der Taufe.   Wenn wir eine Einladung bekommen, überlegen wir uns, ob wir sie annehmen. Das war der Sinn der Konfirmandenzeit. Wir haben darüber nachgedacht, was es bedeutet, Christ zu sein, die Einladung Gottes anzunehmen. Heute gebt ihr die Antwort. Ich wünsche mir sehr, dass sie aus vollem Herzen und tiefer Überzeugung kommt, nicht nur, weil wir sie eingeübt haben. Wir sind eingeladen zu einem Leben mit Gott. Ich weiß, wenn das ein Pfarrer sagt, klingt  das immer so fromm, dass man vielleicht zurückschreckt. Ob Jesus das geahnt hat? Ob er deshalb von einem Festmahl spricht, wo die Menschen fröhlich beisammen sitzen und ausgelassen miteinander feiern. So sieht ein Leben mit Gott aus. Es macht Spaß, es macht Freude, es ist genussvoll und es ist alles andere als langweilig.


Ja, hinter dem Hausherrn in unserer Geschichte steht Gott. Er ist der Gastgeber, der zum Festmahl einlädt. Die Gäste sind Menschen wie du und ich. Wir sind persönlich eingeladen. Es geht um ein persönliches Fest, bei dem der Gastgeber die Menschen um sich haben will, die ihm am Herzen liegen, so wie ihr sicher gerne heute mit den Menschen feiert, die euch wichtig sind. Gott will uns um sich haben, dich und um mich. Ist das nicht großartig? Der Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, will unbedingt, dass du kommst.


Wollen wir mit Gott an einem Tisch sitzen? Wollen wir mit ihm leben, wollen wir uns auf ihn einlassen? Die Einladung anzunehmen, bedeutet schließlich auch, mit dem Gastgeber in Beziehung zu treten. Gott will uns nicht nur für die Dauer einer Mahlzeit in seiner Nähe haben, er will mit uns in Kontakt bleiben. Aber er zwingt uns seine Gemeinschaft nicht auf. Er stellt es uns frei. Wir sind willkommen, aber wir werden nicht gezwungen. Wer nicht kommen will, ist selbst schuld. Das ist der Wermutstropfen in der Geschichte. Der Platz wird schnell wieder besetzt und zwar mit Menschen, die in den Augen der Geladenen nichts gelten, mit denen sie sich freiwillig wohl auch nie an einen Tisch setzen würden. Bei Lukas sind das die Armen, die mit zahlreichen Gebrechen belasteten Menschen, kurzum  Menschen, die nichts mitbringen können als einen leeren Magen und eine durstige Kehle und leere Hände. 


Wir hören heute aber keine Drohung. Gott  hebt nicht den Zeigefinger. Er sagt nicht, wehe, wenn du nicht kommst. Er sagt höchstens: Schade. Und er ist wohl auch eher traurig als zornig. Wenn ich Jesus recht verstehe, passt der Zorn nicht zu Gott. Eher die Geduld, die Liebe, die Ausdauer mit der er immer wieder Boten aussendet, um die Einladung auszusprechen. Immer wieder hören wir diese Botschaft, die uns froh stimmt, verbunden mit einer dringenden Bitte. Ach, komm doch! Mir liegt so viel daran, dass du da bist. Das sagt Gott zu dir, zu jedem von uns. Komm, nimm Platz an meinem Tisch, es wäre schade, wenn du fehlst.


Die Gäste, die in unserer Geschichte nicht gekommen sind, haben sich selbst bestraft. Es ist ihnen in der Tat etwas entgangen, das wahre Leben, das seinen Namen verdient. Gemeinschaft mit Gott haben bedeutet, am wahren Leben teilhaben, am Leben in Hülle und Fülle. Wer nicht kommt, verpasst das Leben. Wie dieses Leben aussieht, das hat uns Jesus immer wieder gezeigt. Durch ihn haben die Menschen Gottes Freundlichkeit erleben können. Durch ihn haben die Menschen erfahren, an welchen Gott sie glauben dürfen. An einen Gott, der uns in seiner Nähe haben will, unabhängig davon, ob wir gesund oder krank sind,  Glückspilze oder Pechvögel. Deshalb ist Jesus zu den Menschen gegangen, die in den Augen der Schriftgelehrten, der Frommen und der Erfolgreichen nichts gelten, die wenig ansehen haben. Deshalb hat er den Aussätzigen die Hand aufgelegt und sie gesund gemacht. Deshalb hat er mit denen, die wir heute Outlaws nennen würden, gegessen und getrunken. Sie sollten spüren, wie wichtig sie in den Augen Gottes sind. Sie sollten sich selbst neu wertschätzen, weil Gott sie wertschätzt. Wonach halten wir Ausschau im Leben? Wonach sehnen wir uns. Ist es nicht genau diese Anerkennung, diese Liebe und Wertschätzung?  Sehnen wir uns nicht alle danach, ein glückliches Leben zu führen? Ich denke, glücklich kann sich der schätzen, der weiß, dass er geliebt wird, dass er in den Augen eines anderen wertvoll und wichtig ist. Wir sind Gott so wichtig, dass er uns in seiner Nähe haben will.  Einen Vorgeschmack von diesem Leben bekommen wir, wenn wir an seinen Tisch treten. Dort ist noch ein Platz frei für mich und dich. „Kommt, es ist alles bereit“, sagt Gott zu uns. Gott wartet. Wie könnte eure Antwort aussehen? Es genügt ein kurzes Gebet. Vielleicht ein einziger kurzer Satz: „Ja, guter Gott, ich komme gerne.“


Ich wünsche euch von Herzen, dass ihr die Einladung Gottes an euch annehmt. Ihr werdet merken, die Gemeinschaft mit dem Gott, den uns Jesus ans Herz legt, wird euch durchs Leben tragen, sie wird euch halten, wenn ihr wankt, sie wird euch ermutigen, wenn ihr unsicher seid und sie wird euch helfen, den Weg zu gehen, der in ein gutes Leben führt.  Ihr wisst jetzt, wo euere Platz ist. Am Tisch Gottes. Auf der Seite des Lebens. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein,13.6.2021

Sonntagspredigt
Zum Download anklicken
Um Antwort wird gebeten - Lukas 14,16-34 -Konfirmation 2021.pdf (40.56KB)
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Hilfe findet man bei Gott! Predigt über Jona 1-2 am 1. Sonntag nach Trinitatis


Heute möchte ich Ihnen von Jona erzählt. Sie wissen schon, das ist der, den ein Walfisch verschlungen hat. Wenn von ihm die Rede ist, fällt mir eine Anekdote ein, die in meiner Studentenzeit einer unserer Professoren in seiner Vorlesung zum Besten gegeben hat. Der Professor erzählte, wie ein Landpfarrer auf der Schwäbischen Alb von einem seiner Schäfchen nach der Bibelstunde gefragt wurde, ob sich denn die Geschichte wirklich so zugetragen habe, wie sie in der Bibel geschrieben steht. Die Frage ist berechtigt. Eigentlich ist es doch biologisch gar nicht möglich, von einem Fisch verschlungen und nach drei Tagen unversehrt wieder ausgespuckt zu werden. Der Pfarrer wollte von diesem Einwand nichts wissen. Er antwortete  in breiter schwäbischer Mundart: Wenns so in der Schrift steht, wird’s wohl auch so gewesen sein, dass der Fisch den Jona gefressen hat. Aber umgekehrt wärs mir auch lieber.“ Um diesen Jona geht es heute und um sein Schicksal. Die meisten von uns kennen seine Geschichte von Kindesbeinen an. Wir haben sie im Kindergottesdienst gehört und in der Schule vertieft und später vielleicht auch in mancher Bibelstunde nach allen Regeln der Kunst betrachtet. Weil unser Predigtabschnit heute recht lang ist, ganze zwei Kapitel, werde ich die Geschichte mit meinen Worten nacherzählen. Vielleicht bekommen Sie Lust, später alles nachzulesen. Die Geschichte beginnt mit einem Auftrag, den Jona von Gott erhält: „Mach dich auf! Geh nach Ninive, in die große Stadt und rede ihr ins Gewissen! Ich bin sauer auf diese Stadt. Ihre Bosheit stinkt zum Himmel!“ Ich stelle mir vor, wie Jona bei diesen Worten blass wird. „Das ist nicht mein Tag“, wird er sich gedacht haben. Mit den Überbringern schlechter Nachrichten ist man zu seinen Lebzeiten meist nicht zimperlich umgegangen. „Nein“, denkt sich Jona, „den Job soll ein anderer erledigen“. Jona haut ab. Er sucht sich ein Schiff, das ihn möglichst weit weg bringt. Ein Handelsschiff will gerade nach Tarschisch ablegen, das liegt in Südspanien. Das wählt er aus. Er bezahlt die Überfahrt und verkriecht sich im Innern des Schiffes. Hauptsache fort von hier. Hauptsache weg von Gott.


Als sie auf hoher See waren, zieht ein Unwetter auf und das Schiff gerät in Seenot.  Da werfen die Seeleute die Ladung über Bord, damit das Boot leichter wird. Vergeblich. Jona bekommt davon gar nichts mit. Er liegt im Bauch des Schiffes und schläft. Das weckt Erinnerungen an eine andere Geschichte der Bibel. Ich denke an Jesus, der mit seinen Jüngern im Boot über den  See Genezareth fuhr und schlief, obwohl der Wind und die Wellen das Schiff hin und her warfen. „Kümmert es dich gar nicht, dass wir untergehen“ Mit diesen Worten weckten die Jünger ihren Herrn und staunten nicht schlecht, als Jesus dem Wind und den Wellen gebot und sich der Sturm legte. Bei Jona geht die Geschichte anders aus. Er schläft tief und fest, als ihn kräftige Hände wachrütteln. Sie gehören dem Kapitän. „Wie kannst du nur schlafen“, fragt er vorwurfsvoll. „Steh auf! Bete zu deinem Gott, vielleicht kann der uns helfen!“  Es ist schlecht bestellt um das Schiff und die Mannschaft. Die Seeleute fürchten sich und das will etwas heißen. Die sind Stürme und heftigen Seegang gewohnt. „Auf irgendjemanden müssen die Götter ziemlich wüteten sein“, denken sie sich. Sie werfen das Los. So wollen sie herausbekommen, wer sie in diese missliche Lage gebracht hat. Das Los fällt auf Jona. Da bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als seine Geschichte von Anfang an zu erzählen. Sie  erfahren von seinem Auftrag und von seiner Flucht. „Was sollen wir nur mit dir machen“, fragen sie da und bekommen von Jona gleich eine Antwort: „Werft mich ins Meer, dann habt ihr Ruhe.“  Doch so einfach geben die Seeleute nicht auf. Sie versuchen zuerst, mit eigenen Kräften ans Land zu rudern. Da  sie aber gegen den Wind und die Strömung nicht ankommen, fügen sie sich. Sie rufen den Gott Jonas an und bitten um Vergebung für das, was sie gleich tun werden. Sie packen Jona und werfen ihn ins Meer. In dem Moment, als er untergeht, ebbt der Sturm ab. Furcht ergreift sie jetzt. Das muss ein mächtiger Gott sein, dieser Gott der Hebräer, denken sie sich Sie  beschließen, ihm Opfer zu bringen, wenn sie wohlbehalten an Land kommen. Mit so einem Gott legt man sich nicht an. Wer weiß, wie weit sein Arm reicht?


Aber Jona ertrinkt nicht, „… der Herr ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen…“ lesen wir im zweiten Kapitel. Nun denken wir vielleicht an die vielen Bilder zu dieser Geschichte, in denen häufig ein Walfisch dargestellt wird. Tatsächlich müssen wir uns wohl eher ein furchterregendes Ungeheuer vorstellen, so wie den biblische Leviathan, ein Fabelwesen, das  die Mächte des Chaos und des Untergangs abbildet. Dieses Ungeheuer verschluckt Jona. Der Ort, an dem er sich jetzt befindet, ist kein Ort der Rettung oder Bewahrung, sondern des Todes und der Angst. Es ist der Ort, an dem Menschen ohne Hoffnung vergessen werden und verloren sind. So darf man sich die Unterwelt vorstellen oder die Hölle. Die Evangelisten verwenden dieses Bild von Jona im Bauch des Fisches, um den Ort zu beschreiben, an den Jesus sich aufgehalten hat in der Zeit nach seinem Tod und vor seiner Auferstehung.. So wie Jona im Bauch des Fisches war, ist Jesus hinabgestiegen in das Reich des Todes. Wie in einem Grab ist Jona gefangen. Drei Tage lang. Eine Ewigkeit für alle, die ohne Hoffnung sind. Dunkel ist es im Leib des Fisches und unheimlich. Fern sind die Menschen, die er liebt, fern ist das Leben, unerreichbar. Hier im Innern des Fisches herrschen Einsamkeit und Verzweiflung. An diesem furchtbaren Ort, in diesem Gefängnis der Dunkelheit und der Isolation wendet sich Jona an Gott. Er betet: „Als ich in Not war, schrie ich laut. Ich rief zum Herrn und er antwortete mir. Aus dem Innern des Totenreichs rief ich um Hilfe. Da hast du mein lautes Schreien gehört.“ (Jona 2,3 - Basisbibel) Es ist ein Lied, das zwischen Klage und Dank, zwischen Angst und Lob hin - und herpendelt. Es ist die Erfahrung, die Menschen auf ihrem Weg machen, Erfahrungen, die auch dem Frommen nicht erspart bleiben. Es ist die Erfahrung der Einsamkeit, der Angst, der Not. Und es ist der Moment des Erkennens, mitten in der Not geborgen zu sein bei Gott. Ich glaube, wir müssen nicht von einem Fisch verschlungen werden, um an diesen Ort zu kommen. Manchmal verwandelt sich unser Leben zu einer Stätte der Finsternis, fühlen wir uns einsam und verlassen, wird es dunkel um uns.


Jona hebt den Blick zu Gott und findet zu einem Bekenntnis: „Ja, wer sich an Nichtigkeiten klammert, verliert seinen einzigen Halt im Leben. Ich aber will dir mit lauter Stimme danken … Hilfe findet sich beim Herrn.“ (Jona 29f, Basisbibel). Vielleicht hat es die Zeit in der Dunkelheit gebraucht, die Zeit im Innern des Fisches, um zu dieser Einsicht zu kommen: „Hilfe findet sich beim Herrn.“ Ob er das den Menschen in Ninive zu sagen hat? „ Klammert euch nicht an Nichtigkeiten. Hilfe findet sich beim Herrn!“ Hat ihn Gott deshalb angesprochen? Musste er selbst erst noch lernen, dass die Hilfe beim Herrn zu finden ist? „Hilfe findet sich beim Herrn“ bekennt Jona und sieht wieder Land und Licht für sein Leben. Am Ende befiehlt Gott dem Fisch, Noah wieder an Land auszuspucken. Auch die Mächte der Unterwelt, die Elemente und Gewalten, die im Grunde auf Zerstörung aus sind, müssen Gott gehorchen, müssen seinem Ziel dienen und das heißt Rettung.


Als Jona an den Strand gespült wird und erschöpft an Land watet, endet unser Predigtabschnitt. Wie es mit ihm und seinem Auftrag weitergeht, müssen wir selbst nachlesen. Wir werden erfahren, dass Jona in Ninive auf offene Ohren und bußfertige Herzen stößt. Der König der Stadt ließ ein Fasten für Mensch und Tier ausrufen, alle kleideten sich in Sack und Asche, in der Hoffnung, damit das drohende Unheil abzuwenden. Sie hatten Erfolg. Gott hatte Mitleid mit ihnen und das Unheil blieb aus. Mit Erstaunen werden wir hören, dass Jona darüber keineswegs froh ist. Er hat ein Strafgericht erwartet. Das ist ausgeblieben. Das macht ihn verdrossen. Deshalb stellt Gott ihm eine Frage. „Warum soll ich keine Mitleid haben mit den Menschen, die ich geschaffen habe?“ 


Diese Frage Gottes soll uns begleiten und erinnern, immer dann, wenn wir auf Recht pochen, immer dann, wenn wir sagen, genug ist genug, immer dann, wenn das Maß unserer Meinung nach voll ist. Gottes Mitleid stellt alles in Frage stellt, auch unsere Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit. Aus  Mitleid hat Gott eine Stadt verschont, die den Untergang verdient hat. Aus Mitleid ist er selbst Mensch geworden. Aus Mitleid und Liebe ist er zu uns gekommen, zu Menschen, die wie Jona verdrossen und verbittert oder einfach nur frustriert sind. Sie sollen lernen, wo sie Hilfe finden und ihren Frieden, wenn sie das Leben verdrossen werden lässt. Hilfe findet man bei dem Gott, der Mitleid hat und der uns liebt. Und Frieden findet man, wenn man den Blick aufhebt und mit diesem Gott zu sprechen beginnt, so wie Jona im Bauch des Fisches. „Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den Herrn und mein Gebet kam zu dir…“ (Jona 2,8, Lutherbibel 2017) Gott will unser Leben verwandeln. Aus dem Ort des Todes soll ein Ort des Lebens werden. Deshalb ist Gott selbst Mensch geworden, dieser Gott, deshalb hat er die Orte aufgesucht, an denen die Menschen leben,  das Mitleid und die Liebe Gottes haben ein Gesicht bekommen und Hand und Fuß und einen Namen, Jesus, von dem erzählt wird, dass ihn die Menschen jammerten, wenn sie müde und erschöpft und niedergeschlagen waren. Sie jammerten ihn und er gab ihnen zu essen, damit sie neue Kraft finden. Wie gesagt, Hilfe findet man bei Gott und ebenso das Leben in Fülle. Aber manchmal braucht es einen weiten Weg, um zu diesem Leben zu finden. Bei Jona ist die Geschichte offen. Wir wissen nicht, ob er sich dem Mitleid Gottes geöffnet hat. Auch unsere Geschichte ist noch offen. Wir sind angesprochen von dem Gott des Mitleids und der Liebe. Wir sind angesprochen von seinem Wort. Es soll unser Herz berühren, damit es sich öffnen kann, damit sein Liebe uns retten kann. Wagen wir es und stimmen wir ein in die Worte des Jona: „Hilfe findet man allein bei Gott.“ Hilfe und Mitleid. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 6.6.2021



Zwiegespräch in der Nacht. Predigt über Joannes.3,1-8 am Trinitatissonntag


Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Die Nacht – eine besondere Zeit. Meistens wird sie verschlafen, aus gutem Grund. Unsere Augen sind nicht für die Dunkelheit geschaffen.   Wenn die Schatten länger werden, suchen wir den Schutz und die Geborgenheit des Hauses. Wir fürchten die Gefahren, die im Dunkeln lauern. Eine schlaflose Nacht kann sich hinziehen. Wer krank im Bett liegt, kann ein Lied davon singen. Aber man muss nicht immer nur Schmerzen haben. Auch Kummer oder Ärger können die Nachtruhe rauben und dafür sorgen, dass man sich im Bett hin – und herdreht, ohne Ruhe zu finden. Manchmal aber kann die Stille der Nacht auch hilfreich sein, um in Ruhe nachzudenken, oder um ein wichtiges Gespräch zu führen. Eines, das keine Unterbrechung und keine Ablenkung duldet. 


Das Evangelium erzählt heute von dem nächtlichen Gespräch eines Mannes mit Jesus. Er heißt Nikodemus, ein Pharisäer und zugleich auch ein „Oberer von den Juden“, wie die Schrift sagt. Der alte Mann aus dem Johannesevangelium sucht das Gespräch mit Jesus. Er sucht es im Schutz der Dunkelheit. Nikodemus ist es gewohnt, Antworten auf die Fragen des Lebens zu suchen und zu finden. Als Pharisäer studiert er dazu die Heiligen Schriften. Und wenn er allein nicht weiter kommt, dann findet er die Antworten gemeinsam mit den anderen Schriftgelehrten in der Diskussion. Da opfert man gerne ein paar Stunden Schlaf. Gott der Herr, da ist sich Nikodemus sicher, wird ihm die Mühe und die schlaflose Nacht vergelten, ihm hoch anrechnen.


Nikodemus möchte Klarheit gewinnen. Schließlich ist er ein Lehrer des Volkes. Er möchte seinem Namen Ehre machen. Der griechische Name „Nikodemus“ heißt sinngemäß „Sieger in der Volksversammlung“. Vielleicht ist Nikodemus einer, der es gewohnt ist, bei einem Streitgespräch den Sieg davon zu tragen. Und Streitgespräche werden wohl zurzeit häufig geführt in Jerusalem. Es ist die Zeit des Passahfestes. Aber es ist kein gewöhnliches Fest. Die Stimmung kocht. Die Pharisäer - Kollegen toben. Sie stoßen sich an einem Mann aus dem Volk, der von sich Reden macht. Wasser soll er zu Wein verwandelt haben, auf einer Hochzeit. Und eben hat er sich etwas Ungeheuerliches geleistet. Er ist in den Tempel gegangen, hat die Tische der Händler und Geldwechsler umgestoßen und sie davongejagt. Die anderen Pharisäer möchten diesen Jesus aus Nazareth zur Strecke bringen. Nikodemus möchte gerne mehr erfahren über diesen Jesus. Warum tust du das? will er wissen. Wer bist du, Jesus? Deshalb macht er sich auf den Weg. Er will mit diesen Jesus sprechen. Er will Klarheit gewinnen – und vielleicht auch in der Diskussion den Pharisäerkollegen voraus sein, als Sieger in der Gelehrtenrunde. Ihr redet nur über Jesus. Ich habe mit ihm geredet – könnte er dann sagen. So trifft er Jesus, der wahrscheinlich im Garten Gethsemane  übernachtet hat.


„Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen ...“ sagt Nikodemus, der Schriftgelehrte, Pharisäer.  Er richtet sich auf eine Diskussion unter Schriftgelehrten ein, auf Augenhöhe gewissermaßen. Ob er erstaunt war, über das, was Jesus ihm darauf antwortet? Der kommt gleich zur Sache: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ 


Jesus sieht in die Herzen der Menschen. Er weiß, was Nikodemus beschäftigt. Es ist die Frage nach dem Reich Gottes. Wann richtet Gott endlich sein Reich auf unter den Menschen. Wenn sich alle nach seinen Geboten richten? Mit der Antwort, die Jesus gibt, ist er deshalb gar nicht einverstanden.  „Du kannst gar nichts tun, um zu diesem Leben zu finden, nach dem du Ausschau hältst, ein Leben in Gottes Reich.. Du kannst nur etwas mit dir selbst geschehen lassen. Du musst neu geboren werden. Du musst in das Leben, nach dem du Verlangen hast, neu hineingeboren werden!  


Wen wundert’s, dass der Verstandesmensch Nikodemus verständnislos mit dem Kopf schüttelt: „Wie kann ein alter Mensch neu geboren werden. Soll ich wieder zurück kriechen in den Mutterleib?“


Von neuem geboren werden! Neu werden! Das bedeutet, den Vorgang der Geburt umzukehren. Es bedeutet eine völlige Neuausrichtung. Nichts von sich und alles von Gott zu erwarten, bedeutet es. Das mutet Jesus dem Nikodemus zu. Gottes Geist wird das tun. Er wird die Augen öffnen, um das Leben wahrzunehmen, das mit Jesus in diese von der Vergänglichkeit überschattete Welt Einzug gehalten hat: ein Leben, das vom Tod nicht mehr bezwungen werden kann. Zu diesem Leben finden wir nicht aus eigener Kraft. Dieses Leben muss uns geschenkt werden. Es braucht den Geist Gottes, es braucht den Anstoß von oben, damit etwas Neues wird, damit in mir etwas neu wird, damit mein Leben nicht mehr von der Angst bestimmt wird, sondern von der Liebe, vom Glauben, von der Hoffnung. Das und noch viel mehr verbirgt sich wohl hinter dem Wort Jesu von der Wiedergeburt - gesprochen im Schutz der Dunkelheit, mitten in der Nacht.


Eine Zumutung ist dieses Wort und eine Herausforderung. Ich stelle mir vor, wie Nikodemus nach Hause geschlichen ist. Die Worte Jesu haben ihn nicht mehr losgelassen. Sie habenWirkung gezeigt, haben gearbeitet an ihm und in ihm. Auch, wenn er sie zunächst nicht verstanden hat, der vom Leben gezeichnete, alte Mann. Der Evangelist Johannes verrät uns, wie es weitergegangen ist mit Nikodemus. Später wird er wieder auftreten. Vor den eigenen Leuten wird er Jesus in Schutz nehmen. „Richtet denn unser Gesetz einen Menschen, ehe man ihn verhört und erkannt hat, was er tut?“ wird er sie fragen, als sie dabei waren, eine unheilige Allianz gegen Jesus zu schmieden. Und schließlich wird er seine Zurückhaltung ganz aufgeben. Dann wird er wieder zu diesem Jesus gehen. Allerdings nicht, um mit ihm zu sprechen, sondern um den Frauen etwas zu bringen, die seinen Leichnam salben wollten: Myrrhe gemischt mit Aloe. Mit dieser etwas unscheinbaren Tat wird er sich zu diesem Jesus bekennen. Mit einem Werk der Barmherzigkeit an dem, von dem sich Gott scheinbar abgewendet hat. Und er wird es tun ohne Angst um seinen guten Ruf zu haben.


„Ich habe mich ein Leben lang bemüht, ein guter Mensch zu sein!“  So eine Lebensbilanz könnte Nikodemus ziehen und mit ihm viele andere auch. Hin - und hergerissen von den Stürmen und Bedrängnissen des Lebens versuchen sie, einen einigermaßen geradlinigen Weg zu gehen. Gottes Wort hören, es lieben und darauf achten, dass es gehalten wird. Nikodemus hat das versucht.  Und viele tun es ihm nach bis heute. Nikodemus hat das nicht zufrieden gestellt. Er hat gemerkt, wie schnell er dabei an seine Grenzen stößt. 


Um ans Ziel zu kommen, um zum Leben zu finden,  braucht es das Entscheidende. Und dieses Entscheidende kommt vom Gott selbst. Es braucht Gottes Kraft, die aus mir einen neuen Menschen macht, die mich so sein lässt, wie Gott mich eigentlich haben will, zu seinem Ebenbild, zum Bilde Gottes. Das Alter spielt dabei keine Rolle. Jesus sagt: durch Wasser und Geist werdet ihr neu geboren. Gottes Geist lässt sich nicht kanalisieren, einschränken oder regulieren. Gottes Geist ist wie der Wind. Er bläst und weht wie und wo er will. Du hörst sein Rauschen - aber, du weißt nicht, woher er kommt und wohin er will. Gewiss hören wir deshalb diese Worte kurz nach dem Pfingstfest.


Die Worte Jesu muten uns viel zu. Sie sagen uns: „Was du suchst, kannst du dir nur schenken lassen, das Leben, nach dem du dich sehnst!“  Eine Verheißung, eine Hoffnung schöpfe ich aus diesen Worten: „Das Leben soll dir geschenkt werden!“ Das Leben, nach dem du Sehnsucht hast, soll dir geschenkt werden von dem, der selbst der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Das Leben, das noch aussteht und auf das wir zugehen. Das Leben, nach dem Nikodemus Ausschau gehalten hat und nach dem wir uns auch sehnen. Es soll uns geschenkt werden. Das Leben beginnt dort, wo Gottes lebensschaffender Geist am Werk ist. Um diesen Geist Gottes wollen wir bitten. Er weht, wo er will. Er soll auch uns mit seiner Kraft erfüllen, der Kraft zu glauben und der Kraft zu lieben, damit wir „neu“, damit wir bereit werden für das Leben in Gottes Reich. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Trinitatis,30.5.2021



Die Sprache des Herzens lernen. Predigt über 1. Mose 11,1-9 am Pfingstsonntag 


Am achten Tag erschuf Gott die Dialekte. Und fast alle Menschen waren glücklich. Der Berliner sagte: „Ick hab nen knorke Dialekt, det kannste mir gloobn, wa.“ Der Hanseate sagte: „Moin moin, an der Waterkant snackt man am besten!“ Der Kölner sagte: „Et kütt wie et kütt. Mer muss och jünne künne,“ was so viel heißt wie, muss auch gönnen können. Der Hesse sagte: „Babbel net,  an die Hesse kommt keiner ran!” Der Sachse sagte: „Sgladschd glei, mein guudser, abor geen Beifall!” Allein für den Franken war leider kein Dialekt mehr übrig. Darüber war er sehr traurig. Schließlich sagte Gott zu ihm: „Des machd doch nix, no reddsd etzerdla hald a suu wie iech …“.


Vielleicht sagen Sie jetzt: „Herr Pfarrer, des Gschichtla steht fei ned in der Bibel!“ Und da haben Sie Recht! Ich hab sie aus dem Internet, woher auch sonst. Dort hat sie wohl ein Zeitgenosse eingestellt. Und der hat sie sich gewiss auch nicht ausgedacht, sondern von irgendjemand anderem gehört und dann aufgeschrieben. So werden Geschichten weitergegeben, indem man sie sich erst erzählt und später aufschreibt, um sie nicht zu vergessen. Manchmal werden sie dabei auch ein wenig verändert, variiert. Auch ich hab das gemacht. Viele biblische Geschichten fanden so ihren Weg zu uns. Die Menschen haben sie sich zuerst erzählt und dann aufgeschrieben, damit sie nicht vergessen werden. Auf die Art und Weise hat man früher Wissen weitergeben. Sachverhalte hat man sich so  erklärt oder Ortsnamen gedeutet, durch Geschichten, durch Sagen und Erzählungen.


 Unsere Anekdote von der Entstehung der Dialekte würde sich gut in den Reigen der Geschichten einfügen, die wir auf den ersten Seiten der Heiligen Schrift finden. Dort steht die Urgeschichte. Sie verrät uns warum der Mensch so ist, wie er ist und warum er das Paradies verloren hat. Wir lesen von den Folgen des Ungehorsams des ersten Menschenpaares, nachdem sie von dem verbotenen Baum in der Mitte des Garten Edens gegessen hatten. Vom  Neid hören wir, den Kain dazu gebracht hatte, seinen Bruder Abel zu erschlagen. Wir lesen, wie Noah mit den Tieren in die Arche ging und ahnen, dass die Sünde nicht untergegangen ist in der Sintflut, die Gott über die Welt brachte. Heute hören wir vom Turmbau zu Babel. Damit endet die Urgeschichte und eine neue Epoche beginnt, die Zeit der Väter Israels, die Zeit Abrahams, Isaaks und Jakobs. Diese Geschichte erklärt uns, wie die vielen Sprachen entstanden sind und warum wir einander nicht mehr verstehen. Anders als die Anekdote von der Entstehung der Dialekte finden wir diese Geschichte wirklich in der Bibel und zwar  im 1. Buch Mose im 11. Kapitel:


Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde. Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! So zerstreute sie der HERR von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Die Menschen wollen sich einen Namen machen. Und wie schafft man das am besten? Richtig, durch ein Prestigeobjekt. Das sind Vorhaben, die man nicht unbedingt zum Leben braucht und die eigentlich nur einen Zweck haben: man will dadurch Aufmerksamkeit auf sich ziehen, man möchte Bewunderung oder Anerkennung ernten oder von Problemen ablenken. „Wir wollen einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht“, sagen die Menschen. Ob ihnen bewusst war, dass sie dabei eine Grenze überschreiten? In den Himmel soll sich die Spitze des Turmes bohren! Was für ein Vorhaben! Der Himmel ist eine bildhafte Umschreibung für den Bereich Gottes. Die Menschen wollen also in einen Bereich vordringen, der ihnen verwehrt ist. Bis heute wollen sich die Menschen solche Denkmäler setzen, mit denen sie ihre Macht und ihr Ansehen zementieren. Vor allem Regierungen lieben Prestigeobjekte. Sie müssen heute keine Türme bauen, ein Fußballstadion in der Wüste tut’s in unserer Zeit beispielsweise auch. Nicht Stein, Erdharz und Mörtel brauchen die Menschen. Sie brauchen Geld und Macht, um sich Denkmäler ihres Größenwahns zu bauen und gewiss auch eine Portion Skrupellosigkeit. Prestigeobjekte werden meistens auf Kosten der kleinen Leute verwirklicht. Und oft dienen sie dem Zweck, von anderen Missständen abzulenken. Zum Beispiel von der Not der kleinen Leute, die  sich für  diese Projekte den Rücken krumm machen und manchmal auch mit ihrem Leben dafür bezahlen. „Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen….“, sagen die Menschen. Sie spucken in die Hände und beginnen damit, das Projekt durchzuziehen.


Ein altes Sprichwort sagt: „Gott lässt die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Er bricht ihnen gelegentlich die Spitzen ab.“ Die Geschichte vom Turmbau zu Babel erzählt, lässt ahnen, wie das geschieht. Es ist eine ironische Geschichte, die kein gutes Haar übrig lässt an der Idee der Bauherrn von Babel. Was ihnen so großartig erscheint, ist in Wahrheit recht kümmerlich. Gott wohnt so weit droben, dass er vom Himmel herabfahren muss, um das ach so imposante Bauwerk zu sehen. So klein, so gering ist das, was in den Augen der Menschen erhaben und mächtig scheint. Doch Gott  sieht, dass die Menschen wieder einmal dabei sind, sich selbst ins Unglück zu stürzen. Es ist so wie damals im Paradies, als Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis gepflückt hat. Wenn sie jetzt nur nicht auch noch vom Baum des Lebens isst, dachte sich Gott und hat eingegriffen. Und nun geschieht es wieder. Der Mensch will sein wie Gott. Ein Wort genügt, um das zu verhindern. Er verwirrt ihre Sprache. Sie verstehen sich nicht mehr. Sie werden sie in alle Richtungen verstreut. Zurück bleibt eine Bauruine. 


Die Geschichte vom Turmbau zu Babel hören wir heute, am Pfingstsonntag. Sie erzählt davon, wie gern die Menschen nach den Sternen greifen, um sich einen Namen zu machen. Das Erwachen ist bitter.  Gott „rasiert uns die Spitzen.“ Doch das ist keine Strafe, es geschieht viel mehr zu unserem eigenen Schutz. Er verwirrt die Sprache. Die Menschen verstehen einander nicht mehr.  Um wieder zusammenzufinden  müssen wir erst mühsam lernen, uns zu verständigen. Dabei geht es nicht nur darum, Grammatik und Vokabeln einer Sprache zu lernen. Es geht darum, dass wir lernen, einander zu verstehen. Zum Verstehen gehört immer auch die Wertschätzung des anderen und seiner Kultur. Um einander wirklich zu verstehen brauchen wir Gottes Geist, der unsere Herzen in Brand setzt.


Jetzt ahnen wir auch, warum wir die Geschichte vom Turmbau zu Babel gerade an Pfingsten hören. Hier wird das Gegenprogramm in Gang gesetzt. Das Programm der Verständigung und zugleich auch Heilung dessen, was unheilbar zerrissen scheint. So wie Gott die Sprachen einst verwirrt hat, erleben wir jetzt das Wunder der Heilung. Vom Heiligen Geist erfüllt gehen die Apostel aus der Deckung, verlassen das schützende Haus, in dem sie sich verborgen hatten und beginnen zu sprechen. Und die Menschen, die sie hören, wundern sich. Sie sagen: „Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.“ Für einen Moment wenigstens wird die Barriere aufgehoben. 


Gott bringt wieder zurecht, was seit dem Turmbau in Unordnung geraten ist. Die Geschichte zeigt an, dass eine neue Zeit in Anbruch ist. Was zerrissen und zerstreut ist, soll heil und ganz werden. Dass es allerdings nicht in einem Ruck und auf einem Schlag geht, erzählt uns die Apostelgeschichte. Da sind einige, die staunen, weil sie die Apostel predigen hören und sie auch in ihrer eigenen Sprache verstehen. Andere runzeln die Stirn und spotten über die Apostel. „Sie sind voll süßen Weins!“ Sie verstehen nichts. Sie verstehen die Sprache nicht, in der die Apostel sprechen. Es ist die Sprache des Glaubens, der im Herzen wohnt, es ist die Sprache, die im Reich Gottes gesprochen wird, die Sprache der Liebe, der Begeisterung, der Hoffnung. Gott selbst will uns helfen, diese Sprache zu lernen und zu sprechen. Durch sie wird Verständigung und Leben wieder möglich. In der Sprache des Herzens geht es nicht um Prestige, es geht um die Liebe.  Jesus sagt: „Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist’s der mich liebt…“  Mit einem Gebot hat er  zusammengefasst, was den Kern der Sprache des Herzens ausmacht: „Dies Gebot habe ich euch gegeben, dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe.“ 


Da stehen wir nun wie die Leue in Jerusalem. „Was soll das werden“, fragen sich die, als sie die Apostel nicht nur in ihrer eigenen Sprache reden hören, sondern auch noch verstehen, was sie sagen. Die aktuelle Lage im Heiligen Land, aber auch bei uns selbst, zeigt uns, wie weit wir noch davon entfernt sind, zueinander in der Sprache des Herzens zu sprechen, in der Sprache der Liebe, die den anderen wertschätzt. Aber auch in unserem eigenen Leben stoßen wir immer wieder an unsere Grenzen. Wo Menschen nicht mehr miteinander sprechen, wo die Sprache des Herzens verstummt, wo die Wertschätzung des anderen verkümmert, da setzt die Vereinzelung und Verwirrung ein, die Entfremdung. Die Menschen entfernen sich voneinander. Sie werden verstreut, vielleicht nicht in alle Lande wie in Babel. Manchmal leben Menschen innerlich meilenweit voneinander entfernt, obwohl sie im selben Haus oder am selben Ort wohnen. Sie verstehen einander nicht mehr. Deshalb brauchen wir die Sprache des Herzens, die Sprache er Liebe, die im Reich Gottes gesprochen wird. Gott will sie uns lehren, damit wir zusammenfinden.


Lassen wir uns nicht entmutigen. Lassen wir uns immer wieder neu ermutigen und anstoßen, wie sich die Apostel haben ermutigen und anstoßen lassen. Die haben ihr Haus, ihr sicheres Nest verlassen, um zu den Menschen zu gehen und ihnen zu sagen, was sie glauben. Dazu werden wir heute auch ermutigt. Hinauszugehen, Farbe zu bekennen, den anderen zu sagen, was wir glauben, was uns Mut macht, was uns hoffen lässt. Vielleicht werden die, die uns hören die Stirne runzeln oder spotten. Vielleicht aber werden sie uns verstehen und sich freuen, weil sie verstehen. Da war dann Gottes heilender und heiliger Geist am Werk. Und das geschieht auch heut immer wieder. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, 23.5.2021,Altenstein


Wasser, das uns Leben schenkt. Predigt über Joh.7, 37-39 am Sonntag Exaudi 


Aber am letzten, dem höchsten Tag des Festes trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


„O ja, ein Schluck Wasser wäre jetzt eine Wohltat!“ Vielleicht hat der eine oder die andere das gedacht, als die Stimme des Mannes auf dem Platz vor dem Tempel zu hören war: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!“ Das muss ein Wasserverkäufer gewesen sein. Dergleichen hat es viele gegeben. Die sind mit ihren Wasserschläuchen durch die Menge gegangen und haben ihre „Ware“ mit ähnlichen Worten angepriesen. Aber die Festbesucher haben  den Mann falsch verstanden. Denn der hat nichts zu verkaufen. Der hat nur etwas zu verschenken. Vergeblich suchen sie bei ihm nach den Wasserbehältern und Trinkgefäßen.  


„Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!“ ruft Jesus zu den Leuten, die in die Heilige Stadt gekommen sind, um das Laubhüttenfest zu feiern.  Das Laubhüttenfest war eines der drei höchsten Feste Israels. Es wurde im Herbst gefeiert. Eine Woche hat es gedauert. In diesen Tagen lebten die Frommen in einfachen Laubhütten und gedachten so der bescheidenen Lebensweise ihrer Väter, die vierzig Jahre durch die Wüste gezogen sind.  „Sieben Tage sollt ihr in Hütten wohnen, damit eure kommenden Generationen wissen, dass ich die Israeliten in Hütten wohnen ließ, als ich sie aus Ägypten herausführte“ lesen wir im 3.Buch Mose (Lev 23,42f). Auf diese Weise dankten sie Gott für das Land, das er ihnen geschenkt hatte. Und wenn auch nicht gerade Milch und Honig darin floß, so bot die Ernte dieses Jahres doch Grund genug, dem Allmächtigen dafür zu preisen. Ein fröhliches Fest war das Laubhüttenfest, damals wie heute. Aber es ist nicht nur ein dankbarer Rückblick in Israels Geschichte, sondern gleichfalls ein sehnsüchtiges Ausschau halten nach der Heilszeit, in der  Gott  seinem Volk den Durst nach Frieden und einem erfüllten gesegneten Leben endlich stillen würde. Wir sind noch nicht am Ziel. Wir haben noch nicht unsere feste Bleibe. Wir sind noch unterwegs.  Wer in Laubhütten lebt, wenn auch nur für ein paar Tage, erinnert sich an diesen Lebensumstand. Das würde uns auch guttun. Wir sind noch unterwegs. Um den Durst der Seele geht es heute und darum, wie er gestillt werden kann. „Meine Seele dürstet  nach Gott, nach dem lebendigen Gott...“  verrät uns der Beter des 43. Psalms. Wenn uns die Worte aus der Seele sprechen, dann sind wir bei Jesus an den Richtigen geraten. „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!“ ruft er uns zu.


Das Laubhüttenfest, auf dem Jesus auftritt, hat den Juden die Möglichkeit gegeben, ihre Sehnsucht nach Gott zum Ausdruck zu bringen und vielleicht auch den Durst nach Gott zu stillen, wenigstens vorübergehend. Sie sind nach Jerusalem gepilgert, haben die großen Taten ihres Gottes gefeiert, haben ihm Opfer gebracht und sich geborgen gefühlt. Im Schatten des Tempels haben sie sich ihrem Gott besonders nahe gefühlt. In verschiedenen zeichenhaften Handlungen haben die Israeliten ihre Sehnsucht nach Gott zum Ausdruck gebracht. Eine davon war das tägliche Wasserschöpfen am Morgen, das besonders am letzten Tag sehr feierlich war. Aus dem Teich Siloah schöpften die Priester in der Frühe das Wasser und trugen es dann in einer feierlichen Prozession zum Tempel. Dort wurde es aus einer goldenen Kanne in die Opferschalen des Altars gegossen. Auf diese Art und Weise erinnerte sich das Gottesvolk an den  Felsen, aus dem Wasser gesprudelt ist und der die Israeliten in der Wüste vor dem Verdursten gerettet hat. Mit diesem Ritus verband sich auch die Bitte um den für die Ernte des kommenden Jahres nötigen Regen. Und erst recht wurde so die Sehnsucht nach der Zeit zum Ausdruck gebracht, in der Gott Wasser auf das Durstige und Ströme auf das dürre Land regnen lassen wird, in der endlich der Messias wiederkommen und die Gläubigen aus ihrer Not erretten wird. An diesem Feiertag, vielleicht sogar während dieser Zeremonie, spricht Jesus seine Einladung aus: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke.“  Kommt zu mir, sagt Jesus. Ich bin die Quelle. Ich bin es, der euren Lebensdurst stillen kann.


Auch zu uns spricht Jesus: ich bin es, der eure Sehnsucht stillt, eure Wünsche nach Geborgenheit und Liebe, nach einem tieferen Lebenssinn, nach all dem, was euer Herz im Geheimen und Innersten seiner Regungen ersehnt. „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!“ sagt Jesus. Jedem gilt diese Einladung. Jesus verbindet seine Einladung mit einem Versprechen, einer Verheißung. „Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ An Jesus zu glauben bedeutet, ich erkenne, dass ich alles bei ihm finde und von ihm bekomme, was ich mir vom Leben erhoffe.  Dieses Leben in der Gemeinschaft mit Jesus wird mich verändern. „Ströme lebendigen Wassers“ werden von mir ausgehen. „Lebendiges Wasser“ werde ich sein. Lebendiges Wasser war fließendes Wasser im Unterschied zu dem stehenden Wasser, das aus der Zisterne geschöpft wird. Lebendiges Wasser werde ich sein, eines, das belebt, kein abgestandenes, das krank macht. Ich werde wie frisches Wasser sein, klar und rein, das  dürres Land in einen blühenden Garten verwandelt. Wer zu Jesus kommt und trinkt, wer an ihn glaubt und mit ihm lebt, wird sich verändern und das wird eine Wohltat sein für die Welt. Für die vielen durstigen Zeitgenossen wird er selbst zum blühenden Garten, zur Oase, zum Ort, an dem sie ihren Durst stillen können, an dem sie  eine Antwort bekommen, auf ihre ungestillte Sehnsucht nach Leben, nach Liebe, nach Vertrauen, nach Gott. Ich denke an die Menschen, die mir regnet sind und die vom lebendigen Wasser getrunken haben. Es war eine Wohltat, bei ihnen zu sein, mit ihnen zu sprechen. Ich konnte so viel von ihnen lernen, was meinen eigenen Glauben gestärkt und mich gefördert hat. Ich glaube, da habe ich begriffen, was es wohl bedeutet, wenn Jesus sagt, dass Ströme lebendigen Wassers von den Menschen ausgehen werden, die an ihn glauben.


Ein Lied, das in unserem neuen Liederbuch steht, beschreibt diese Veränderung, beschreibt wie es ist, wenn man von dem lebendigen Wasser trinkt und was dann mit einem geschieht:


„Alle meine Quellen entspringen in dir, in dir, mein guter Gott. Du bist das Wasser das mich tränkt und meine Sehnsucht stillt. Du bist die Kraft, die Leben schenkt, eine Quelle, welche nie versiegt. Du bist der Geist, der in uns lebt, der uns reinigt, der uns heilt und hilft. Du bist das Wort, das mit uns geht, das uns trägt und uns die Richtung weist. Ströme von lebendigem Wasser brechen hervor.“ (Aus: Kommt, atmet auf, Sr. Leonore Heinzl, OFM)  


„Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke“ sagt Jesus. Wir hören dieses Wort eine Woche vor dem Pfingstfest. Das Fest des Heiligen Geistes erinnert uns immer wieder  daran, wie Gott die Verheißung seines Sohnes an uns wahr macht. Er kommt zu uns, damit wir aufblühen können im Leben, durch das Wasser der Taufe, durch das Brot des Lebens und den Kelch des Heils, durch die Gaben, die wir von seinem Tisch bekommen, durch jedes Wort, das in seinem Namen und in seinem Geist gesprochen wird. Um den lebendigen, den erfrischenden Geist des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe wollen wir deshalb bitten. Es ist der Geist, der unser Leben verwandelt und es zur Oase macht, wie frisches, lebendiges Wasser die Wüste verwandelt. Wir wollen den Gottessohn um das Wasser des Lebens bitten, um den Geist, um seine Zuwendung und Hilfe, damit wir aufblühen und Zeichen der Hoffnung setzten in dieser Welt. Mögen wir alle aus dieser Quelle schöpfen, mögen wir alle reichlich von dem Wasser des Lebens trinken, damit wir diese Erfahrung in unserem Leben auch machen: alle unsere Quellen entspringen in ihm, dem lebendigen Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist, um uns das lebendige Wasser zu schenken. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein,16.5.2021



Augen im Kopf und Augen des Herzens. Predigt über Epheser 1,18 am Fest Christi Himmelfahrt 


„Hast du früher andere Augen gehabt, Papa?“ Der Junge sah seinen Vater neugierig ins Gesicht. „Nein“, antwortete der Vater erstaunt. „Ich hatte schon immer diese Augen, immer blau, warum fragst du mich das?“ „Na Papa, du hast doch gesagt, du siehst jetzt vieles mit anderen Augen. Das bedeutet doch, das du jetzt neue Augen hast. Von wem hast du die denn bekommen?“ So entstehen Missverständnisse. Natürlich hat der Vater keine neuen Augen bekommen. Es sieht die Welt immer noch durch die Augen, die er von Geburt an hatte, wenn auch vielleicht aufgrund des Alters etwas weniger scharf. Doch dafür gibt es ja Brillen…“ Etwas mit anderen Augen zu sehen ist also eine Redewendung. Wir bringen damit zum Ausdruck, dass wir unsere Meinung geändert haben, dass wir Sachverhalte anders einschätzen als vorher. Und manchmal bedeutet es auch, dass man Menschen anders wahrnimmt als zuvor. So war das mit Herrn N. , dem Nachbarn. Der Vater sieht ihn jetzt mit anderen Augen. Herr N. macht es einem nicht leicht. Er ist nicht gerade die Freundlichkeit in Person. Man sieht ihn stets mit einem mürrischen Gesichtsausdruck herumlaufen. „Der geht sicher zum Lachen in den Keller“, sagen die Leute im Haus und schütteln den Kopf über ihn. Auch der Vater hat das gemacht. Bis er  etwas über Herrn N. Erfahren hat. „Der N. war früher ganz anders“, erfuhr der Vater in der Arbeitspause von einem Kollegen, der schon etwas länger im selben Haus wohnte. „Eigentlich war das sogar ein ganz netter Kerl. Aber dann kam der Unfall. Er hat seine Frau und seinen Sohn dabei verloren. Besonders tragisch war, dass er selbst den Unfall verursacht haben soll.“ Dabei machte der Kollege mit der Hand eine Trinkbewegung. „Seitdem ist er so ein griesgrämiger Eigenbrötler geworden,“ fuhr er dann fort. Diese wenigen Sätze haben genügt, um den Nachbarn mit anderen Augen zu sehen. Jetzt sieht der Vater in ihm nicht mehr wie früher den mürrischen, unfreundlichen Zeitgenossen, der nicht einmal hinschaut, wenn man ihn grüßt. Vielmehr sieht er einen gebrochenen Mann vor sich, mit dem er nur Mitleid haben kann.


Mit dem Fest, das wir heute feiern, hat diese Episode zunächst einmal nichts zu tun. Jedenfalls nicht auf dem ersten Blick. Aber es hat etwas zu tun mit einem Bibelwort, über das wir heute nachdenken. Das steht in einem Brief, den der Apostel Paulus an die Gemeinde in Ephesus geschrieben haben soll. Wir wissen nicht so genau, ob der Brief vom Apostel selbst oder von einem seiner Schüler stammt. Manche meinen auch, dass der Brief ursprünglich gar nicht an allein an die Epheser gerichtet war, vielmehr würde es sich um ein Rundschreiben an mehrere Gemeinden in Kleinasien handeln, das liegt auf dem Gebiet der heutigen Türkei. Ich denke, es spielt im Augenblick keine Rolle, wer den Brief bekommen hat. Wichtig ist, was uns der Apostel darüber schreibt, wie man die Welt wahrnehmen kann. Wir erfahren, dass man nicht nur mit den Augen schaut, die wir im Kopf tragen, sondern auch mit dem Herzen. Wir hören und lesen heute eine Segensbitte:


„Gott schenke euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist und wie überschwänglich groß seine Kraft an uns, die wir glauben...“ 


Dieses Wort aus dem Epheserbrief ist eine Hilfe zum Sehen, zum Wahrnehmen, zum Entdecken, zum Erkennen, zum Staunen und zum Sich Freuen!  Und eine Brücke zur Himmelfahrt schlägt dieses Wort ebenfalls. Den Himmel nimmt man mit den Augen des Herzens wahr. An Christi Himmelfahrt denken wir daran, dass Jesus zurück zum Vater gegangen ist. Jesus ist fortgegangen, um bei uns zu sein. Er sorgt dafür, dass wir ihn wahrnehmen. Er schenkt uns die Augen des Herzens, damit wir wahrnehmen, wie nahe er uns ist. Wir ahnen, dass die Welt keineswegs so gottverlassen ist, wie manche meinen. Ich glaube, können eine ganze Menge dazu beitragen, dass die Menschen einen Vorgeschmack vom Himmel bekommen. Wir können durch die Art, wie wir einander wahrnehmen, wie wir miteinander umgehen oder wie wir mit - und übereinander reden dazu beitragen, dass sich die Menschen einen Vorgeschmack davon bekommen, wie es im Himmel zugeht. 


Wenn wir die Menschen mit den Augen des Herzens schauen, schauen wir sie so an, wie Jesus das getan hat, nicht von oben herab. Wir lassen uns nicht von der Fassade beeindrucken, die Menschen aufbauen. Wir lernen, den Menschen ins Herz zu schauen. Wir entdecken, was die Augen im Kopf nicht sehen. Wir spüren die Sehnsucht nach Heil, nach Frieden, nach Vergebung, nach Anerkennung oder nach Trost. Wir schauen mit den Augen des Herzens und erkennen, wozu wir berufen sind, den Mutlosen Mut zu machen, den Hoffnungslosen Hoffnung zu schenken, die Traurigen zu trösten, den Verzweifelten nahe zu sein. Wir haben ihnen etwas anzubieten: Hoffnung, Trost, Liebe. Unser Glaube steht nicht auf tönernen Füßen, sondern auf einem festen Grund. Jesus Christus selbst ist das Fundament unserer Hoffnung, die Botschaft von seiner Auferstehung, an die wir glauben. Da hat dieses Wort von den Augen des Herzens doch etwas mit dem Fest Christi Himmelfahrt zu tun. Wir  sehen, wie der Himmel in unsere Nähe rückt. Er ist dort, wo das Leben im Sinne Gottes wieder möglich ist, das Leben, das Christus uns schenkt. Und wir ahnen, wie Christus heute zu den Menschen kommt. Er ist überall dort, wo Menschen ihn anrufen, auf ihn vertrauen, mit ihm rechnen, in seiner Nachfolge leben und mit den Menschen die Hoffnung teilen, von denen sie leben. Ich glaube, die Jünger haben das begriffen. Der Evangelist Lukas erzählt, als Jesus in Bethanien zum Himmel aufgefahren ist, seien sie fröhlichen Herzens und guten Mutes nach Jerusalem zurückgegangen. Dort haben sie miteinander gelebt, gebetet und gearbeitet. Sie wussten, dass sie nicht alleingelassen sind. Und die Menschen müssen das gespürt haben. Immer mehr sind gekommen und haben sich taufen lassen. Sie wollten dort sein, wo das Leben blüht. Sie wollten bei Christus sein. Christus geht fort, um ganz bei uns zu sein. Das feiern wir am Fest Christi Himmelfahrt. Wir nehmen ihn wahr mit dem Herzen. Vielleicht ist das Herz die Stelle, an der sich der Himmel, in den Jesus gegangen ist und unser Leben einander berühren. Wir wissen, wozu wir berufen sind, zum Leben in der Gemeinschaft mit ihm. Er gibt uns die Kraft zur Liebe, zur Geduld, zum Mitgefühl und öffnet die Lippen, um vom Glauben zu sprechen. Die Worte aus dem Epheserbrief sind eine Hilfe zum Sehen, zum Wahrnehmen, zum Entdecken des Himmels. Und dazu brauchen wir keine Brille. Wir brauchen nur unser Herz und einen fröhlichen Glauben, so wie die Jüngern ihn hatten. Und um den dürfen wir bitten. Gott will ihn uns schenken. Amen.


© Pfarre Stefan Köttig, Altenstein, 13.5.2021



Beten heißt anklopfen bei Gott, beharrlich und vertrauensvoll. Predigt über Lk.11,5-13 am Sonntag Rogate


Jesus sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf. Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch, und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange? Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten! (Luthertext 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft)


Vom Vorrecht der Freunde erzählt Jesus in einer Geschichte aus dem Alltag. Wir erfahren: Freunde dürfen auf die Nerven gehen. Sie dürfen stören. Sie dürfen unbequem sein. Sie dürfen einem die Ruhe rauben. Hartnäckig dürfen sie sein und Einwände beiseite schieben. Etwa: „Mach mir keine Unruhe! Geh mir nicht auf die Nerven!“ So ist es in der Geschichte, die uns Jesus erzählt. Sie handelt von einem Mann, der in einer Notlage ist – und von diesem Vorrecht guter Freunde Gebrauch macht. Die Vorgeschichte ist kurz erzählt. Da bekommt jemand Besuch. Ganz überraschend. So etwas haben wir auch schon einmal erlebt. Es pocht an der Tür und schon häufen sich die Probleme. Ich habe nichts anzubieten! Die Speisekammer ist leer. In einem Land, in dem die Gastfreundschaft heilig ist, ist das eine Katastrophe. Wie gut, dass er einen Freund in der Nähe hat. Bei einem anderen würde er es wohl nicht mehr wagen, zu dieser Stunde noch anzuklopfen. Deshalb macht er sich auf den Weg.


 Ich stelle mir vor, dass es ihn schon Überwindung kostet das Haus zu verlassen. Schließlich gibt er sich eine Blöße, wenn er zu dieser Stunde um etwas bitten muss.  Mit der Bitte um die drei Brote sind eine Reihe von unausgesprochenen Geständnissen verbunden. Er gesteht einen Mangel ein. Es ist nicht genug zum Essen da. Er hat nicht daran gedacht, vorzusorgen. Er ist jetzt ganz auf die Gunst seines Freundes angewiesen. Um Hilfe zu bitten, kostet Überwindung. Außer Atem erreicht der Bittsteller das Haus seines Freundes und hämmert an die Tür. „Mach auf! Hilf mir!“ Mit jedem Schlag gegen die Haustür wird der Ruf etwas lauter, drängender. Keine Antwort von drinnen, zunächst. Hartnäckig muss er schon sein, unser Störenfried. Aber die Not lässt ihn beharrlich bleiben, bringt ihn dazu, immer wieder an das Tor zu schlagen. „Mach auf! Lieber Freund, mach auf!“ Und es dauert seine Zeit, bis er eine unwirsche aber vertraute Stimme aus dem Inneren des Hauses hört. „Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon verriegelt. Ich lieg im Bett! Und die Kinder schlafen schon!“ 


Die Häuser in der Heimat Jesu waren nicht groß. Meist bestanden sie nur aus einem einzigen Raum mit einer Feuerstelle und einer einzigen Schlafstatt. Einmal verriegelt, ist die Tür die Nacht über zugeblieben. Es kostet einiges an Mühe, den Riegel wieder zurückzuschieben. Und es verursacht Lärm. Kein Wunder, dass man den Bittsteller lieber erst einmal abwimmeln möchte. Jesus sagt über den Freund des Ruhestörers: „Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf!“


Unverschämt ist der Bittsteller! In der Tat. Er darf aber auch unverschämt sein. Die Notlage verzeiht das und ebenso die Freundschaft. Es geht um drei Brote. Es geht um die Gastfreundschaft. Es geht um Notwendiges. Also um etwas, das die Not wendet. Es geht darum, dass man seinen Gästen etwas vorsetzen kann, damit sie sich stärken können. Und es geht darum, dass man sich nicht vor den hungrigen Gästen blamiert und das Gesicht verliert. 


Jesus erzählt eine Geschichte, wie wir sie heute auch noch erleben können. Jesus will uns damit zum Beten ermutigen. Beten hat in dieser Geschichte mit Bitten zu tun, obwohl das nur eine Weise des Betens ist. Beten ist mehr als nur um etwas zu bitten. Auch Lobpreis, Dank und Anbetung gehören zum Gebet. Die Bitte allerdings ist ein wichtiger Aspekt des Betens, deshalb halten wir auch im Gottesdienst Fürbitte. Heute erfahren wir, wie Beten in unserem Leben aussehen kann. Beten bedeutet, sich aufzumachen, obwohl es schon spät ist, mit seinem Anliegen bei Gott anzuklopfen, zu jeder Zeit, beten bedeutet auch, hartnäckig bei der Sache zu bleiben und wenn sich zunächst nichts rührt, nicht zu verzagen, sondern noch lauter zu klopfen, noch dringender zu beten. Beten und Bitten kann und darf hartnäckig sein.


Allerdings gibt es auch einen wichtigen Unterschiede zu unserer Geschichte. Sie ist schließlich sie nur ein Vergleich. Vergleiche hinken bekanntlich. Die einen mehr, die anderen weniger. Der Freund in der Geschichte hilft, damit das Pochen an der Tür aufhört, damit wieder Ruhe ist und noch ein paar Stunden Schlaf für ihn herausspringen. Deshalb macht er die Tür auf, versorgt den Störenfried mit einem Fresspaket und kriecht, vielleicht etwas verärgert wegen der Störung, wieder unter die Bettdecke. 


Wer betet, klopft aber nicht bei einem launischen Freund an. Das ist der Unterschied. Der Störenfried in der Nacht muss immer damit rechnen, dass er abgewiesen wird, dass die Freundschaft doch nicht so tief und fest ist, dass dem Freund anderes wichtiger ist, die Nachtruhe zum Beispiel. Gott hilft gerne! Wenn Gott hilft, dann gewiss nicht, um von uns seine Ruhe zu haben. Gott hilft, weil er uns liebt. Er wartet auf unser Gebet, gerade auf das dringende. Bei Gott gibt es keine ungelegenen Zeiten. 

 

Jesus will uns mit dieser Geschichte Mut machen, am Gebet festzuhalten, hartnäckig festzuhalten. Wenn wir beten, stehen wir vor der Tür und klopfen an. Wir klopfen bei Gott an und wir tun es mit guten Gewissen. Was uns unter den Nägeln brennt, sollen wir vorbringen und darauf vertrauen, dass wir gehört werden. „Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan!“. Also, bittet, so wird euch gegeben! Mit leeren Händen und bangen Herzen stehen wir da und vertrauen darauf, dass Gott sie uns füllt , die Hände mit Brot und die Herzen mit  Liebe. 


Jesus erzählt im Gleichnis von der Liebe Gottes und knüpft dabei wieder an menschliche Erfahrungen an. „Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete? Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete? Der Skorpion! Sein Stich kann äußerst schmerzhaft und manchmal auch tödlich sein. Die Schlange! Gott hat Feindschaft gesetzt zwischen ihr und den Menschen. Gefährliche Hausgenossen heute, wie zu Jesu Zeiten. Wer würde seinen Kindern so etwas antun und ihnen einen Skorpion  oder eine Schlange vorsetzen? Lebensmittel sind Mittel, die zum Leben helfen. Wer würde ihnen stattdessen Mittel reichen, die den Tod bringen?  Die Antwort ist eindeutig: niemand würde so etwas tun. Die Kinder wissen das. Deswegen gehen sie zum Vater, bitten um den Fisch und um das Ei, damit sie satt werden. 


Die Liebe der Menschen stößt schnell an ihre Grenzen. Sie reicht oft nur aus für die eigenen Kinder oder die besten Freunde. Die Liebe Gottes ist grenzenlos. Sie gilt allen Menschen. Er liebt sie ohne Vorbehalte.  Jesus sagt „Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!“


Jesus spricht von der Gabe des Heiligen Geistes. Viele Umschreibungen gibt es für den Heiligen Geist: Beistand, Tröster, Kraft aus der Höhe. Dies sind zugleich auch Umschreibungen für die Lebensmittel, die die Seele braucht, Herzenswärme, wenn die Liebe kalt wird, Trost, in der Trauer, Mut in der Angst, Beistand, wenn man sich einsam fühlt. Woher weiß der Freund in der Nacht, an wen er sich wenden kann? Es ist das Vertrauen. Sein Herz weiß einfach: „mein Freund wird mich nicht enttäuschen.“ Woher wissen wir, dass wir uns an Gott wenden können? Es ist das feste Vertrauen, die Zuversicht, bei Gott auf offene Ohren zu stoßen. Sie wohnt in unseren Herzen und sie ist ein Geschenk von Gott. Das wirkt der Heilige Geist in unseren Herzen. Er macht uns Mut, dass wir uns an ihn wenden können. An Pfingsten bitten wir um den Heiligen Geist, den Tröster, den Beistand, den Mutmacher des Glaubens. Wir wissen dabei, dass wir nicht vergeblich bitten.


Malen wir uns einmal aus, wie die Geschichte im Evangelium weitergeht. Mit seinen Broten geht der Beschenkte nach Hause. Er teilt es mit seinen Gästen, die zu ihm gekommen sind. Wir sollen die Gaben teilen, von denen wir leben. Das Brot des Lebens sollen wir teilen. Und ebenso dieses vertrauensvolle Wissen um einen Gott, der ein offenes Ohr und ein offenes Herz hat. Davon leben wir. Geben wir unser Wissen weiter, teilen wir unseren Glauben und unsere Hoffnung von der wir leben. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, 9.5.2021, Altenstein



Singt! Predigt über Lukas 19,37 - 40 am Sonntag Kantate 


Und als (Jesus) er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe! Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Der vierte Sonntag nach Ostern fordert zum Singen auf, zum Lob Gottes.  Kantate bedeutet „Singt!“ Ich denke bei diesem Aufruf gerne an meine Großmutter, für die das Gesangbuch eine Art geistliche Hausapotheke war. Ich sehe sie vor mir, wie sie in ihrer kleinen Küche steht, mit den vielen Töpfen am Herd hantiert und dabei hat sie gesungen. Sogenannte Küchenlieder aber auch sehr viele Kirchenlieder. Die Lieder, die sie auswendig konnte, gaben ihr Kraft, Trost und Halt und Antwort auf Fragen des Glaubens in ihrem arbeitsreichen und nicht immer einfachen Leben. Meine Großmutter hat den 1.Weltkrieg als Kind und die Weimarer Republik, das Dritte Reich und den 2. Weltkrieg miterlebt und nach dem Krieg den Wiederaufbau unseres Landes. Durch diese Zeiten, in denen ihr Glaube oft in Frage gestellt wurde, haben sie die Lieder aus dem Gesangbuch getragen. 


Als ich selbst in der Schule und in der Gemeinde Unterricht zu geben hatte, war es mir wichtig, mit Kindern und Jugendlichen zu singen, wenigstens vor den Corona-Beschränkungen. Im Konfirmandenunterricht war das mit dem Singen allerdings dann doch eher eine einseitige Angelegenheit. Um so erstaunter war ich, wenn ich dieselben Konfirmanden und Konfirmandinnen, bei unseren Ausflügen im Bus in den hinteren Reihen laut und fröhlich  und inbrünstig habe singen hören. Die meisten Lieder konnten sie sogar auswendig. Diese Lieder standen allerdings nicht im Gesangbuch sondern oben auf den aktuellen Hitlisten, den Charts. Und sie handelten von all dem, was grade dran war im Leben der jungen Menschen,  das war eben nicht so sehr Bibel, Gott und Jesus, sondern eher Freundschaft, Liebe, Frust, Enttäuschung und so weiter. Kantate! Singt! In der Bibel heißt es: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ (Lukas 6,45)  Das heißt: Was einen bewegt, was grade dran ist, davon spricht oder singt man auch.  So ist es bei den Konfirmanden und erst Recht auch bei den Jüngern gewesen. Die haben zu singen begonnen. Laut und voll Begeisterung konnte man sie hören: „Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn!“ Das war übrigens auch aus einem Lied. Es handelt sich um eine Zeile aus dem 118.Psalm, dem Gesangbuch der Jünger. Die singen das Lied auf dem Weg nach Jerusalem. Was hat die Jünger dazu gebracht hat? Und warum haben sich die Pharisäer und Schriftgelehrten darüber aufgeregt? 


„Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über!“ Ich glaube, die Jünger konnten nicht still bleiben. Ihr Herz war voll Freude. Sie hatten das ersehnte Ziel vor Augen. Drei Jahre waren sie mit ihrem Herrn unterwegs. Sie konnten miterleben, wie er Kranke geheilt und Tote zurück ins Leben geholt hat. Mit ihren eigenen Augen haben sie gesehen, wie er tausende von Menschen satt gemacht hat mit nur fünf Broten und zwei Fischen. Sie haben gesehen, wie er über den See lief, einfach so. Sie haben miterlebt, wie er den Sturm gestillt und das Schiff vor dem Kentern und sie selbst vor dem Ertrinken bewahrt hat. Und sie haben gehört, was er gesagt hat. Seine Worte haben den Menschen gut getan, haben die Sehnsucht nach dem Reich Gottes genährt und Hoffnung geweckt, dass Gott bald eingreifen und sein Volk retten wird. Und jetzt ist Jesus mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem! Vielleicht werden jetzt die Mächtigen vom Thron gestürzt und die Niedrigen erhöht, wie es die Schrift verheißt? Der Gedanke daran ließ ihr Herz schneller schlagen. Sagt nicht der Prophet Sacharja: „Freue dich, Tochter Zion, jauchze laut, du Tochter Jerusalem, siehe, dein König kommt zu dir?“ (Sacharja 9,9) Wird dieser Friedenskönig nicht auf einem Esel in die Stadt reiten? Gewiss, so wird es sein. Jetzt ist die Stunde der Wahrheit gekommen. Jetzt wird Jesus die Herrschaft antreten.  Jesus wird jetzt zum König gesalbt. Das werden sich die Jünger gedacht haben. Deshalb haben sie sich gefreut. Darum konnten und wollten sie nicht schweigen. Die Pharisäer aber nehmen daran Anstoß. Ich denke mir, sie verstehen die Zeichen, die Jesus mit seinem Einzug setzt. Sie kennen die Bibel. Ist es Ärger oder die Angst vor den römischen Besatzern, die sie so aufbringt? „Weise deine Jünger zurecht“, sagen sie zu Jesus. Sie singen sich noch um Kopf und Kragen! Oder besser gesagt: sie singen dich noch um Kopf und Kragen. Und in der Tat. Es ist auch gefährlich, was sie singen. Sie preisen die Ankunft des neuen Königs. Das wird den Mächtigen in Jerusalem nicht gefallen.


„Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“ Dieser Lobruf erinnert an den Gesang der Engel in der Heiligen Nacht. Damals, bei der Geburt des Kindes in Bethlehem, war der Himmel erfüllt vom Gesang der Engel. „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Frieden bei den Menschen seines Wohlgefallens…“ haben sie gesungen. Die Hirten haben zugehört und sich dann aufgemacht zu dem Stall, um das Wunder zu sehen und das Kind anzubeten, das jetzt erwachsen ist und die Herrschaft antreten wird. Die Jünger jubeln. Sie sind auf der Zielgeraden. Aber sie ahnen nicht, wo genau Jesus seinen Thron besteigen wird. Der Weg führt ihn nicht zum Tempelberg, er wird nicht zum König gesalbt, sondern gekreuzigt. Das Volk wird seinem neuen Herrscher auch nicht zujubeln. Im Gegenteil. Es wir ihm den Tod an den Hals wünschen. „Ans Kreuz mit ihm,“ werden sie rufen. Hinauf auf eine andere Anhöhe wird ihn sein Weg führen, nach Golgatha, zur Schädelstätte.  Mehrmals hat Jesus von seinem Leiden und Sterben, von seinem Weg in den Tod und von seiner Auferstehung gesprochen, zuletzt kurz vor dem Einzug nach Jerusalem. „Der Menschensohn muss leiden und sterben und am dritten Tag auferstehen…“ Immer wieder hat er ihnen das gesagt. Sie haben ihn nicht verstanden. Erst nach Ostern wurde ihnen klar, was gemeint war und dann werden sie vielleicht auch erkannt haben, was sie wirklich mit ihren Worten besungen hatten, als sie auf dem Weg nach Jerusalem waren. „Friede im Himmel und Ehre in der Höhe!“ Was auf der Erde noch errungen werden muss, ist im Himmel längst geschehen. Bei Gott gibt es kein Gestern und kein Morgen, bei Gott gibt es nur den ewigen Tag. Jesus tritt die Herrschaft an, gewiss, doch nicht so, wie sie sich das im Augenblick vorstellen.


Wenn wir Loblieder singen, stimmen wir ein in diesen ewigen Lobgesang, nehmen wir etwas vorweg von dem, was noch aussteht, spüren und schmecken wir, wie freundlich der Herr ist, ahnen wir, wie es wohl sein mag, wenn wir erlöst sind. Wir wissen oder ahnen, was noch kommt und freuen uns darauf, auch, wenn uns die Realität des Todes immer wieder vor Augen stellt, wie weit wir vom Ziel noch entfernt sind. „Weise deine Jünger zurecht“, sagen die Pharisäer und Jesus schüttelt den Kopf. Obwohl ihm sicher klar ist, welchen Weg er zu gehen hat, lässt er die Jünger singen und jubeln. Sie haben Grund dazu. Jesus wird die Herrschaft antreten. „Wenn sie nicht singen, werden die Steine schreien!“ Das antwortet Jesus den Pharisäern. Gottes Herrschaft lässt sich nicht aufhalten. Was im Himmel beschlossene Sache ist, wird sich auf Erden noch durchsetzen müssen. Doch es wird kommen, gewiss.


Kantate! Singt die Lieder eures Glaubens, die Lieder von Freude und Leid, Trost und Hoffnung, singt mit lauter Stimme, wie einst die Jünger. Sie gehen mit gutem Beispiel voran. Ihr Glaube, ihre Freude, ihre Hoffnung öffnet ihnen den Mund. Und wir sollen es ihnen gleich tun. „Ich singe dir mit Herz und Mund, Herr, meines Herzens Lust, ich sing und mach auf Erden kund, was mir von dir bewusst…“ sagt Paul Gerhardt in seinem Lied. Er ist einer von vielen, die sich in den Zug der Jünger eingereiht und mit seinen Liedern ihr Lob an uns weitergegeben hat. Lassen wir uns von ihnen ermutigen. Machen wir auf Erden kund, was wir glauben und hoffen. Ich denke, das ist unser Auftrag. Wenn wir es nicht tun, werden die Steine schreien. Die Lieder helfen uns, dass wir nicht vergessen, was uns von ihm bewusst ist, was uns freut und tröstet, was uns Mut macht und Kraft schenkt. Wir sind nicht allein, sagen uns die Lieder des Glaubens. Sie erzählen von dem, was andere vor uns erlebt haben. Sie erzählen von ihren Erfahrungen, die sie gemacht haben und an uns weitergeben und mit uns teilen. Er selbst, der Herr, wird mit uns auf dem Weg sein, so wie er bei den Jüngern dabei war und sie in Schutz genommen hat. Wenn wir uns zum Gottesdienst versammeln, ist er in unserer Mitte. Wenn wir in seinem Namen das Brot brechen, gibt er uns die Kraft. Wenn wir zu ihm sprechen, hört er unser Gebet und wenn wir nach ihm Ausschau halten, wird er uns spüren lassen, dass er da ist. Von ihm erzählen die Lieder und von seiner Herrschaft, die er längst angetreten hat. Möge  die Freude der Jünger ihren Weg zu uns finden, möge sie unsere Herzen berühren, gerade jetzt, in dieser schweigsamen Zeit. Möge sie uns die Lippen öffnen, damit wir das neue Lied singen. Ein Lied, das Mut macht, ein Lied vom Leben, das kommt, es will unsere Herzen berühren. Das Lied des Lebens und das Leben selbst bahnt sich seinen Weg zu uns. Es lässt sich nicht aufhalten. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, 2.5.2021, Altenstein


Wie ein Fisch im Wasser. Predigt über Apostelgeschichte 17,22-34 am Sonntag Jubilate 2021


Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt. Denn ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt. Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darinnen ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt. Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, dass sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts. Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht. Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun. Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er richten will den Erdkreis mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat. Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiterhören. So ging Paulus weg aus ihrer Mitte. Einige Männer aber schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


„Da hatte ich mein Aha - Erlebnis!“ Das sagt man, wenn einem etwas schlagartig klar wird, wenn einem ein Licht aufgeht und sich Zusammenhänge erschließen, die vorher verborgen waren. Ich möchte ich Ihnen heute von einem Aha – Erlebnis erzählen, das ich vor längerer Zeit bei einer Meditationswoche im Kloster hatte. Auslöser war  ein Satz aus der Rede, die der Apostel Paulus vor den Athenern gehalten hat. Ich meine das bekannte Wort, mit dem Paulus die Athener von der Allgegenwart seines Gottes überzeugen wollte. Er sagt ihnen:  „Denn in ihm leben, weben und sind wir ...“ 


Wie oft habe ich diesen Satz schon gehört – und innerlich beiseite gelegt, weil er mich nicht erreicht hat. Ein geduldiges Wort. Es hat auf mich gewartet. Als es mein Herz erreicht hat, war das wunderbar. Es war, wie wenn ein Vorhang sich hebt. Auf einmal habe ich die Welt in einem völlig neuen Zusammenhang gesehen und angefangen, meinen persönlichen Glauben noch einmal neu durchzubuchstabieren, auf dieses Wort hin: „Denn in ihm leben, weben und sind wir ...“  


Später hat mir ein Gedicht von Jochen Klepper geholfen, die gewonnene Einsicht zu vertiefen. Es beschreibt die andere Seite des Wortes, wie es denn wäre, wenn ich nicht in ihm leben, weben und sein könnte.


„Ohne Gott bin ich ein Fisch am Strand, / Ohne Gott ein Tropfen in der Glut, / Ohne Gott bin ich ein Gras im Sand / Und ein Vogel, dessen Schwinge ruht. / Wenn mich Gott bei meinem Namen ruft, / Bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft.“


Ein Fisch braucht das Wasser, ein Vogel die Luft und ich als Christenmensch? Ich brauche Gott. Gott ist mein Element, „denn in ihm lebe, webe und bin ich ...“   Wenn ich atme, atmet Gott in mir. Wenn ich lache, lacht Gott in mir und wenn ich weine, weint Gott in mir. Wenn etwas stirbt in mir, stirbt etwas in Gott hinein. Und wenn ich auflebe, dann nur deshalb, weil mir Gott dazu die Kraft gibt.


 Zugegeben, das ist jetzt meine persönliche Deutung, andere mögen das anders sehen. Das ist mir aber egal. Ich halte daran fest: Gott will mir das Element sein, in dem ich lebe.  Gott, das ist mir klar geworden, ist nicht in einem fernen Himmel, zu dem ich aufschaue und den ich hin und wieder vergesse, wenn mich der Alltag einholt. Gott hat seinen Wohnsitz aus dem Himmel verlegt. Er wohnt nicht, wie Paulus selbst sagt, „in Tempeln, die mit Händen gemacht sind.“ Ich finde ihn in meinem Herzen. Da ist er mir näher als mein Atem und mein Herzschlag. Es gibt keinen Bereich mehr, der nicht von ihm durchdrungen und erfüllt wäre. Deshalb wird Gott zur Grundlage meines Lebens, meines Denkens und Fühlens. In der Tat, das ist dann kein ferner, kein unnahbarer Gott mehr, an den ich glaube. Vielmehr einer, der sich mit mir verbinden möchte. Deshalb spricht er mich an. „Wenn mich Gott bei meinem Namen ruft, / Bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft.“ Gott hat mich bei meinem Namen gerufen. Das ist in der Taufe geschehen, daran glaube ich fest. 


Der Abschnitt mit diesem Bibelwort, das mich so berührt, steht in einer längeren Rede, die Paulus den Athener gehalten hat. Sie sind aufmerksam auf ihn geworden und neugierig. „Können wir erfahren, was das für eine Lehre ist, die du lehrst?“ Die Athener, so heißt es, „hatten nichts anders im Sinn, als etwas Neues zu sagen oder zu hören.“ Allerdings musste ihnen das dann auch gefallen. Sonst werden sie sauer. Paulus hat das zu spüren bekommen. Es hat ihnen nicht gefallen, was er gesagt hat. Im Gegenteil. Es hat ihren Verstand beleidigt – und auf den waren sie doch so stolz. Von einem Toten hat er ihnen erzählt, den Gott wieder auferweckt hat: Jesus von Nazareth. Wer glaubt denn an so etwas! Einige habe Paulus ausgelacht. Andere haben freundlich abgewunken: wir wollen dich später noch einmal hören, sagten sie. Das war etwa so ernst gemeint, wie wenn man heute zu einem Stellenbewerber sagt: „Vielen Dank, sie hören von uns!" 


Paulus wendet sich an die Athener, nachdem er sich die Stadt in Ruhe angeschaut hat, die Straßen und Plätze, die Tempel mit ihren Altären und Götterbildern. Was er gesehen hat, wollte ihm keine Ruhe lassen. Deshalb hat er den Mund aufgemacht. Er spricht von seinem Glauben, von seiner Hoffnung, von der Zuversicht die er hat und die er den anderen gerne weitergeben möchte. „Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt...“ sagt er. Die Gottesfurcht der Athener will er gar nicht in Frage stellen oder abwerten. Die zahlreichen Standbilder der Götter und Halbgötter, mit denen die Athener ihre Stadt ausschmücken und auf die sie stolz sind, sprechen für sich. Und doch lassen sie Paulus ergrimmen. Da ist zum einen das Gebot seines Gottes, das jedes Bildnis noch Gleichnis verbietet. Vielleicht spielt aber auch noch etwas anderes eine viel ausschlaggebendere Rolle. Es ist das Verständnis von Gott, das sich in diesen Bildern ausdrückt. Verwechseln die Athener nicht Gottesfurcht mit Gottesangst? 


Wie viele von ihnen fühlen sich als Spielball göttlicher Launen? Sollen die Opfer auf den Altären nicht in erster Linie die Götter gnädig stimmen, sie beeinflussen oder besänftigen? Und warum hat man einem unbekannten Gott einen Altar gebaut? Vielleicht rechnete man einfach mit der Möglichkeit, dass es irgendwo unter diesem Himmel einen Gott gibt, der noch mächtiger ist, als die, die man schon kennt und den man besänftigen muss?  Steht hinter allen Götterbildern und Altären nicht die Angst, einer unbekannten Macht ausgeliefert zu sein?  Einer Macht, die sich jeder Wahrscheinlichkeitsrechnung entzieht und für die wir keinen Namen ausmachen können?


Ich denke, da sind wir alle mehr oder weniger wie die Athener. In diesem Punkt wenigstens. Diesen Schatten der Lebensangst kennen wir auch, obwohl wir ihn immer wieder gerne verdrängen möchten. Wir feiern die Errungenschaften der Technik, fliegen ins Weltall, überqueren in wenigen Stunden mit Überschallgeschwindigkeit den Atlantik – und lesen doch heimlich das Horoskop in der Tageszeitung. Wir sind moderne aufgeschlossene Menschen, die mit ausgefeilten Teleskopen in die Tiefen des Weltalls schauen, die Kometenbahnen genau berechnen können und greifen zum Pendel oder zu anderen fragwürdigen Mitteln,  wenn wir Antworten auf Fragen suchen, die wir uns nicht erklären können. Erst recht fühlen wir uns schutzlos, wenn wir an die Grenzen unserer Machbarkeiten und Möglichkeiten stoßen, wenn wir an die äußerste Grenze gestoßen werden, an unsere Endlichkeit, an unser Sterben, dann fühlen wir uns unendlich einsam und alleingelassen. 


„Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt...“  sagt Paulus, um seine Hörer hinzuführen zu einer neuen Sicht der Welt und des Lebens und des Glaubens. Eine Weltsicht und eine Gottessicht, die nicht so sehr von der Angst als vom Vertrauen und von der Freude bestimmt ist. Es ist die Freude über einen Gott, der nicht fern ist, sondern nah, ein Gott, dem wir nicht ausgeliefert sind auf Gedeih und Verderb, sondern dem wir anvertraut sind im Leben und im Sterben. Paulus erzählt ihnen von Jesus Christus, in dem dieser Gott Mensch geworden ist, um den Menschen einen Weg aus der Angst in die Freude zu bahnen. Kein abstrakter Gott ist das. Einer der da ist. Einer, der die Menschen anspricht, die Schwachen, die Kleinen, die Kranken, die Ängstlichen, einer, der ihnen die Hand auflegt, um zu segnen, einer, der das Brot mit ihnen teilt. 


Wir sind von Gott umgeben / auch hier in Raum und Zeit/ und werden in ihm leben / und sein in Ewigkeit.“ Wie oft haben ich dieses Lied bei Trauergottesdiensten gesungen. Vielleicht, weil es diese Erkenntnis spiegelt, die ich in meinem Aha-Erlebnis hatte. Es gibt keinen Ort, an dem Gott nicht ist. Dieses Wort weist hin auf den Gott, in dem wir leben und weben und sind, der uns auffängt, wenn wir sterben und dafür sorgt, dass wir uns nicht verlieren. Dieser allgegenwärtige Gott aber macht sich immer wieder konkret erfahrbar, spürbar für unsere Sinne – deshalb können wir beim Heiligen Abendmahl schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist, deshalb taufen wir mit Wasser, dem Element, das zum Leben notwendig ist, deshalb legen wir die Hand zum Segen auf, damit wir spüren können, wie nah uns Gott ist. Deshalb hören wir Sonntag für Sonntag das Evangelium. Es ist die Gute Nachricht, dass Gott uns bei unsern Namen ruft, uns persönlich anspricht, jeden einzelnen von uns. Das lässt uns aufatmen, wenn uns die Welt Angst macht.   Zum Leben in der Gemeinschaft mit Gott sind wir befreit, zum Leben, das die Angst nicht vergessen aber vielleicht überwunden hat, wenigstens im Ansatz. Paulus sagt mir: dein Gott ist ein Gott, der nicht fern ist,  sondern ganz nahe. Da habe ich tatsächlich Grund, in den Jubel dieses Sonntags einzustimmen. Jubilate Deo heißt  „Lobt Gott“. Lobt Gott, in dem und mit dem wir leben, wie ein Fisch im Wasser, wie ein Vogel in den Lüften und wie ein Mensch unter Menschen. Amen. 

© Pfarrer Stefan Köttig, 25.4.2021



Guter Hirt und schlechte Hirten. Predigt über Hesekiel 34,1-2(3-9)10-16.31 am Sonntag Miserikordias Domini


Und des HERRN Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? …  So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. Ich will sie aus den Völkern herausführen und aus den Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und wo immer sie wohnen im Lande. Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR. Lutherbibel 2917, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart


Heute ist Hirtensonntag. Das Bild vom guten Hirten spricht uns an, weil wir alle in uns die Sehnsucht spüren nach einem Hirten, der auf uns Acht gibt, der uns beschützt und dafür sorgt, dass wir nicht in unser Unglück rennen. Wir gut, dass uns die Bibel Gott als Guten Hirten seines Volkes vorstellt. Wie gut, dass Jesus sich als Guter Hirte bezeichnet hat. Der Gute Hirte ist für seine Herde da. Der gute Hirte sorgt für die Herde, für jeden einzelnen daraus. Ich denke an die Momente im Leben, an die Zeiten, in denen ich Ausschau halte  nach einem Guten Hirten, nach einem, der mich trägt, mich hält. Es gibt im Leben Zeiten, in denen ich nur noch getragen, gehalten, umsorgt und beschützt werden will. Wie wunderbar ist das doch, wenn ich dann sagen kann: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln…“ 


In der Bibel begegnet uns das Bild vom Hirten an vielen Stellen, sowohl im Alten wie im Neuen Testament. Allerdings war da kein Platz für Hirtenromantik. Ein Hirte konnte durchaus in lebensgefährliche Situationen geraten. Das wird uns deutlich, wenn wir hören, wie der Hirtenjunge David König Saul davon überzeugen konnte, ihn gegen den mächtigen Philister Goliath kämpfen zu lassen. Saul dachte, der schmächtige Junge sei viel zu schwach für so einen groben Klotz, vor dem selbst seine tapfersten Soldaten Respekt hatten. Der kann ja nicht einmal ein Schwert heben! Da antwortete ihm David: „Ich hütete die Schafe meines Vaters; und kam dann ein Löwe oder ein Bär und trug ein Schaf weg von der Herde, so lief ich ihm nach, schlug auf ihn ein und errettete es aus seinem Maul. Wenn er aber auf mich losging, ergriff ich ihn bei seinem Bart und schlug ihn tot. So hat dein Knecht den Löwen und den Bären erschlagen….“(1.Sam.17,34ff)  Wenn also David mit Löwen und Bären kämpft, wird er es auch mit einem Soldaten aufnehmen können. Wir wissen, wie die Geschichte ausging.


 In Israel wurde der König als Hirte seines Volkes bezeichnet. Das Gottesvolk war sich einig: David war ein guter Hirte. Er hat Kriege geführt und Siege errungen und ein mächtiges Reich geschaffen. Doch da gibt es auch die andere Seite von ihm , die weniger schöne Mit der ehelichen Treue hat er es nicht so ernst genommen, jedenfalls dann nicht, wenn ihm die Frau eines anderen gefallen hatte. Ich denke da an die Affäre mit Bathseba, aus der ein Kind hervorgegangen ist und an die hinterhältige Art, wie David ihren Ehemann ausgeschaltet hat. In Erinnerung geblieben sind allerdings die Siege, nicht so sehr die Fehltritte Davids. Als Israels Ruhm vergangen war, hat man sich wieder nach so einem Hirten gesehnt, nach einem neuen König David, der dem Volk wieder zum Ruhm, zur Ehre, zur Anerkennung verhilft und die Feinde für erlittene Schmach bestraft. Wie gesagt: David war ein guter Hirte in den Augen seines Volkes,. Und dennoch: die Grenzen zwischen gut und schlecht sind fließend, jedenfalls bei den Hirten aus Fleisch und Blut.


Deshalb ist heute nicht nur von den guten Hirten die Rede. Wir hören auch von schlechten Hirten, mit denen Gott ins Gericht geht. Gott ist enttäuscht von den Hirten, die er berufen hat. Sie sind ihrem Auftrag nicht gerecht geworden. Deshalb greift Gott ein. „Wie ein Hirt sich um die Tiere seiner Herde kümmert ... so kümmere ich mich um meine Schafe und hole sie zurück ... und bringe sie in ihr Land…“ sagt der Prophet im Auftrag Gottes. Gott liegen die Menschen am Herzen. Deswegen kann und will Gott nicht schweigen, wenn Menschen das Amt der Fürsorge missbrauchen, das Gott ihnen anvertraut hat, das Hirtenamt „Weh den Hirten Israels, die nur sich selbst weiden. Müssen die Hirten nicht die Herde weiden?“ 


Gott, der gute Hirte, geht mit den schlechten Hirten ins Gericht.  Er meint die Menschen, die an sich selbst denken, an ihren eigenen Vorteil und die das Vertrauen missbrauchen, das in sie gesetzt wurde. Gott meint die Menschen, die Verantwortung für andere haben und sie dabei im Stich lassen, sie unterdrücken, ausbeuten oder missbrauchen. Die schlechten Hirten sind Menschen die verantwortungslos umgehen mit den anderen, den schwächeren, den hilflosen, die in ihre Obhut gegeben sind: Kinder, Schüler, Auszubildende. Gott bezieht Stellung gegen Korruption und Amtsmissbrauch und entzieht diesen Hirten das Mandat, den Auftrag und das Recht, in seinem Namen zu sprechen und über andere zu herrschen. 


Herden ohne gute Hirten hat es immer schon gegeben, bis heute. Herden, die von ihren Hirten im Stich gelassen oder verraten oder schlecht behandelt worden sind. Heute nimmt Gott die schlechten Hirten ins Visier. Er selbst ergreift die Initiative. Wenn die Menschen-Hirten nichts taugen, dann will Gott selbst die Herde weiden. Es wird niemanden überraschen, wenn ich bei dieser Hirten - Schelte  mit Scham zunächst an die „schlechten Hirten“ in der Kirche denke, an die Skandalberichte über sexuellen Missbrauch Schutzbefohlener durch Geistliche in beiden Konfessionen. Vorhin sagte ich, dass auch die Könige als Hirten des Volkes angesehen wurden. Und deshalb würde ich mir wünschen, dass sie auch die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft, kurz gesagt, unsere Politiker dieses Prophetenwort zu Herzen nehmen würden. Vielleicht würde es ihnen ganz gut tun, sich angesprochen zu fühlen und das eigene Handeln zu hinterfragen, vielleicht mit Hilfe dieses Prophetenwortes.


Von der Fürsorge Gottes erfahren wir und wie man sie erleben und erfahren kann. Gott kommt und kümmert sich selbst um die Menschen, die wie eine verstoßene, verängstigte und versprengte Herde sind. „Die verloren gegangenen Tiere will ich suchen, die vertriebenen zurückbringen, die verletzten verbinden, die schwachen kräftigen, die fetten und starken behüten. Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen, wie es recht ist....“ lässt Gott die Menschen wissen. 


Gott kommt und kümmert sich und wieder sind es Menschen, durch die er sein Werk ausführt. Die Fürsorge wird sichtbar in Jesus Christus, der sich selbst als Guter Hirte bezeichnet. Die Fürsorge Gottes wird sichtbar in Jesus Christus, dem Guten Hirten, der für die Herde sein Leben lässt – und so zum Weg, zur Wahrheit und zum Leben wird. Wir sind eingeladen  unter dem Schutz und Schirm dieses guten Hirten zu leben und uns an ihm auszurichten. Jesus Christus ist der Maßstab, an dem wir uns zu orientieren haben, vor allem dann, wenn wir selbst Verantwortung für andere übernehmen. Wir können Hirten sein und getrost ans Werk gehen, in dem Vertrauen, dass wir selbst umsorgt und behütet sind. Allerdings hören wir auch die Mahnung. Wenn wir merken, dass wir uns von unserem Auftrag entfernen, wollen wir uns rufen und zurechtbringen lassen. 


Die Mahnung, die wir heute hören, gilt nicht den anderen. Sie gilt uns. Weil wir alle Hirten sind, weil jeder von uns Verantwortung für andere trägt, für den Partner, mit dem er lebt, für die Kinder, die ihm anvertraut sind, für Schüler, die von ihm unterrichtet und aufs Leben vorbereitet werden wollen , für die Angestellten im eigenen Betrieb oder einfach für den Menschen, mit dem ich Seite an Seite lebe und um den sich sonst niemand kümmert. Jeder von uns ist aufgerufen, ein guter Hirte für andere zu sein. Und jeder von uns kann sich rufen lassen. Wir brauchen die Verantwortung nicht zu scheuen. Auch wir, die Hirten, liegen dem am Herzen, der zu uns sagt:  „Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein.“ Im Vertrauen darauf, dass er auf uns schaut, wollen wir unserer Berufung folgen und gute Hirten sein für die Menschen, mit denen wir leben.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 18.4.2021


Es ist der Herr! Predigt über Johannes 21, 1 – 14 am Sonntag Quasimodogeniti


Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so: Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische. Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: »Es ist der Herr«, da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen. Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht. Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt's ihnen, desgleichen auch den Fisch. Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Wie vergesslich die Welt doch ist. Nur wenige Tage nach der Hinrichtung Jesu geht in Jerusalem  alles wieder seinen gewohnten Gang, als ob nichts geschehen wäre. Die Geldwechsler bauen ihre Tische im Schatten des Tempels auf. Die Händler bieten dort ihre Waren feil. Die Luft in der Heiligen Stadt ist voller Stimmen, lärmend, streitend, singend, lachend  – und draußen vor dem Tor verwittern die Kreuze an der Schädelstätte. Nichts erinnert mehr an das Spektakel der letzten Tage, Pilatus hat diesen Jesus längst vergessen. Die Soldaten, die mit Jesus ihren Spaß hatten, haben vielleicht schon den Marschbefehl bekommen und machen sich fertig zum Einsatz in einem anderen Krisengebiet des römischen Imperiums und die Schriftgelehrten sind erleichtert. Sie hoffen, dass jetzt Ruhe einkehrt, wo der Störenfried aus Nazareth endlich beseitigt ist. Die Freunde Jesu aber, seine Anhänger, die Jünger, sind nach Hause gegangen, zu ihren Familien, zurück an den See Genezareth, der im Johannesevangelium „See Tiberias“ genannt wird, nach der Stadt an seinem Südwestufer.


„Ich will fischen gehen!“ sagt Petrus. Das hat er gelernt. Diesen Beruf will er wieder aufgreifen. Fischen gehen. Etwas tun. Die Ärmel hochkrempeln. Nur nicht ins Grübeln kommen. Das ist jetzt das Richtige. Die vertrauten Handgriffe sitzen noch. Gelernt ist gelernt. „Wir kommen mit“, sagen die andern: Thomas, der Zwilling genannt wird und Nathanael, aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und noch zwei andere, deren Namen uns vom Evangelisten nicht verraten werden. Sie machen sich ans Werk.  Die Jünger kehren zurück in den Alltag, aus dem sie vor langer Zeit durch Jesus herausgerufen wurden. Leise gleiten die Fischerboote ins Wasser. Nachts werfen sie die Netze aus, jeder weiß, was zu tun ist. Schweigsam gehen sie ihrer Arbeit nach. Allein sind sie jetzt, allein auf dem See, allein mit ihren Gedanken, mit den Erinnerungen an das, was gewesen ist und was im Gedächtnis der Welt bereits zu verblassen beginnt: die Zeit mit Jesus. Vor langer Zeit haben sie die Netze und die Boote am Ufer liegen lassen und sind mit Jesus durchs Land gezogen. Jetzt denken sie zurück an diese Jahre, an seine Worte und Taten und an seinen grausamen Tod am Kreuz. Der Mann fällt ihnen gar nicht auf, der am Ufer steht und zu ihnen herüberblickt. Sie sind viel zu sehr beschäftigt. Sie merken nicht, wie Jesus in ihren von Trauer, Trostlosigkeit und Enttäuschungen überschatteten Alltag eintritt.


Die Geschichte von der Begegnung mit dem Auferstandenen am See Tiberias finden wir im Anhang zum Johannesevangelium. Als ob einer noch eine Geschichte nachgetragen hat, die so wichtig war, dass man sie auf keinen Fall vergessen durfte. Sie erzählt davon, wie aus dem grauen Alltag ein nachösterlicher Alltag wird. Die Geschichte erzählt vom Alltag der  jungen Kirche – also von den Menschen, die an diesen Jesus glauben, die sich abmühen, die Enttäuschungen hinnehmen müssen, kaum Erfolge wahrnehmen und doch erleben, wie für sie gesorgt wird, wie der Auferstandene Licht bringt in ihren Alltag.


Im Augenblick merken die Jünger noch nichts davon. Sie sind einfach zu müde. „Meine Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ Die Antwort ist kurz. „Nein!“ Mehr möchten sie dazu nicht sagen. Nein, sie haben nichts gefangen in dieser Nacht. Aber der Fremde spricht weiter. „Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas fangen!“ Ein Rat wider alle Vernunft. Jetzt, im Morgengrauen! Wenn die Nacht erfolglos war, wird der neue Versuch sicher auch scheitern. Jedes Kind, das an den Ufern des Sees aufwächst, weiß das. Und dennoch gehorchen die Jünger. Auf einmal haben sie alle Hände voll zu tun – und so sehr sie sich auch mühen, sie können die Netze nur mit Mühe einholen. Sie sind voll mit Fischen. 153 an der Zahl, sagt der Evangelist, als ob er nachgezählt hätte.


„Es ist der Herr!“ Ein Aufschrei hören wir jetzt, ein Schrei, in dem Freude und Erschrecken zugleich mitschwingen. Dem Jünger, den Jesus liebte, gehen als ersten die Augen auf. Jetzt kommt die Erinnerung. Ist es nicht wie damals, als Jesus Petrus berufen hatte? Die ganze Nacht hatten sie vergeblich gefischt, bis zum Morgen. Da ist ihnen Jesus begegnet. Auf seinem Rat hin haben sie die Netze nochmals ausgeworfen – und sind reichlich belohnt worden für ihre Mühen. „Geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch!“ hat Petrus damals zu Jesus gesagt und als Antwort einen Auftrag bekommen. „Du sollst Menschen fischen, du sollst sie für Gott gewinnen. Der Auftrag gilt immer noch. Vielleicht will Johannes das mit der seltsamen Zahl sagen. Dazu gibt es verschiedene Erklärungen. Die einen sagen, das sei die Zahl der Fülle. Andere sagen, 153 Fischarten seien damals bekannt gewesen. Wenn man sich jetzt an den Auftrag erinnert, den Jesus Petrus gegeben hat, bekommt dieser konkrete Hinweis auf die 153 Fische eine besondere Bedeutung. Der Auftrag gilt immer noch. Menschenfischer sollen sie sein, Petrus und die anderen. Das Evangelium sollen sie hinaustragen in alle Welt. Auch der Hinweis, dass das Netz trotz der Menge nicht reißt, bekommt eine tiefere Bedeutung.  Die Verbindung mit Jesus hält. Sie trägt. Nichts kann sie zerreißen, nicht einmal der Tod.


Die Welt ist nach Ostern wieder zur Tagesordnung übergegangen. Als ob nichts geschehen wäre. Und die Jünger haben sich davon entmutigen lassen. Der Traum, die Hoffnung von Gottes nahem Reich war am verblassen – und alles schien vergeblich. Aber Gott ist nicht zur Tagesordnung übergegangen. Er hat Jesus von den Toten auferweckt. Der Auferstandene sucht die Jünger auf. Aus dem Alltag, auf dem die Schatten der Furcht und des Todes liegen, wird ein nachösterlicher Alltag, der von der Freude über den Sieg Jesu, über den Sieg des Lebens getragen wird. Vielleicht wird Petrus das in diesem Augenblick bewusst. Er greift sich seine Kleider und springt vom Boot ins Wasser, um die letzten Meter ans Ufer zu schwimmen, hin zu dem, der zum Sinn, zur Mitte und zum Inhalt seines Apostellebens gewesen ist. Schließlich kommen auch die anderen Jünger an. Sie ziehen die Boote ans Land. Sie sehen ein Lagerfeuer. Fische liegen darauf. Und Brote. Ein vertrautes Bild. Und wieder eine Erinnerung. Brote und Fische. So wie damals, als Jesus die 5000 Menschen gespeist hat. Wie konnten wir das nur vergessen, mögen sie sich gedacht haben. Waren die Worte des Herrn nicht eindeutig: „Ich bin das Brot des Lebens?“ Jesus lädt ein zu Tisch. Bis heute. Wo in seinem Namen das Brot gebrochen wird, ist er da, wird er selbst für uns zum Brot des Lebens. Wo in seinem Namen das Brot gebrochen wird, feiern wir die Gemeinschaft mit ihm.

„Es ist der Herr!“ Jeder von den Jüngern weiß auf einmal, wer da vor ihnen sitzt, und keiner wagt es, auszusprechen. Vielleicht ist die Angst zu groß, dass durch viele Worte nur zerredet wird, was die Augen sehen und was das Herz vor Freude schneller schlagen lässt: die Entdeckung, dass ihr Leben mit Jesus nicht vergeblich war, dass die Hoffnungen nicht vom Tod zunichte gemacht wurden, dass nichts von dem hinfällig geworden ist, was Jesus den Menschen verkündet hat. „Es ist der Herr!“  Mit dieser Erfahrung kehren die Jünger zurück ins Leben, finden sie den Weg aus der Starre der Trauer hinein in das Leben. Sie erfahren, dass sie nicht allein gelassen werden von ihrem Herrn. Sie wissen ihn in ihrer Nähe. Sie spüren, wie er sich um sie sorgt und wie er für sie sorgt.


Die Geschichte von der Begegnung mit dem Auferstandenen erzählt vom frühen Leben der jungen Kirche. Sie erzählt von den Menschen dieser Kirche. Sie erzählt von denen, die an Jesus glauben, mit Enttäuschungen zu kämpfen haben, sich abmühen und manchmal ohne Erfolg sind. Menschen, wie Petrus, Jakobus, Johannes, Thomas. Menschen, wie du und ich. Menschen, die bis heute von der einen Erfahrung getragen werden, die höher ist als unsere Vernunft. Es ist der Herr! So hat einer der Jünger diese Erfahrung zusammengefasst. Eine Lebenserfahrung,  die dafür gesorgt hat, dass einer Hand voll abgekämpfter, verängstigter und müde gewordener Menschen wieder Kraft und Vertrauen geschenkt hat.


„Es ist der Herr!“ Der Auferstandene kommt auch in unseren Alltag hinein. Er lässt uns nicht allein. Die Welt mag glauben, dass sie zur alten Tagesordnung zurückkehren kann. Sie irrt. Gottes neue Ordnung hält Einzug in diese von Todesahnungen und Todeserfahrungen überschattete Welt. Es ist die Tagesordnung der Liebe, die in Jesus Gestalt angenommen und in seinen Worten ein klares Programm hat. An dieser Tagesordnung sollen wir festhalten. Zu dieser Tagesordnung sollen wir uns immer wieder zurückrufen lassen – vom Herrn selbst, der bei uns ist, der zu uns spricht, in seinem Wort und  der  uns stärkt an seinem Tisch. „Es ist der Herr!“ Leben wir im Vertrauen auf seine Nähe. Sie macht aus dem grauen Alltag einen österlichen Alltag, sie trägt durch den Alltag in das Leben, das uns der Herr schenken will. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 11.4.2021



Bei Gott beschlossene Sache! Predigt über Offenbarung 5,6 – 14 am  Ostermontag


Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Wesen und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande. Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß. Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Wesen und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen, und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen und hast sie unserm Gott zu einem Königreich und zu Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden. Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Wesen und um die Ältesten her, und ihre Zahl war zehntausendmal zehntausend und vieltausendmal tausend; die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Und die vier Wesen sprachen: Amen! Und die Ältesten fielen nieder und beteten an. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Die Weltgeschichte – ein Buch mit Sieben Siegeln. Darin ist aufgeschrieben, was kommen soll. Wer verfügt über die Geschichte, wer ist der Herr über die Zeit, über jeden Tag, der darin verzeichnet ist?  Vielleicht geht es ihnen wie mir: ich habe oft  das Gefühl, dass ich nicht Herr über meine Lebenszeit bin, nicht einmal über die Zeit, die in meinem Kalender so wohl geordnet erscheint. Es gibt so vieles, das sich in den Vordergrund drängt, meine Gedanken beherrscht, meinen  Tagesablauf bestimmt und  sich im Nachhinein dann doch als unwichtig herausstellt. Wenn ich darüber nachdenke, frage ich mich: wer ist eigentlich Herr über mich und meine Zeit, wer bestimmt und lenkt meine  Tage und Stunden, aus denen sich meine Lebensgeschichte zusammensetzt?


Was ich im Kleinen für mich und mein Leben feststelle, kann ich auch im Großen beobachten. Die Weltgeschichte erscheint mir oft als undurchsichtig und beängstigend. Wer hat darin eigentlich das Sagen? Wer lenkt und bestimmt sie? Sind es die gewählten Volksvertreter? Oder sind es nicht doch eher die Vertreter des Kapitals und der Weltwirtschaft? Wer einen Blick in die Geschichte der  Welt wagt, stößt immer wieder auf Menschen, die  den absoluten Anspruch auf die Weltherrschaft und auf die Menschen erhoben haben und den Gang der Geschichte lenken wollten. In den Tagen des Sehers Johannes, war das der römische Kaiser Domitian. Er hat sich von aller Welt als Gott verehren lassen. Wer den Kniefall verweigert hat, ist getötet oder – wie der Prophet Johannes - auf eine einsame Insel verbannt  worden. Bis heute treten solche Menschen immer wieder auf. Menschen, die Anspruch auf uns erheben –  auf unseren Leib, unsere Seele, auf unsere Zeit, auf unser Leben. Es gibt Menschen, die darüber verfügen wollen. Es gibt Menschen, die uns beherrschen wollen. So bleibt die Frage weiter offen - wer verfügt über die Zeit und über die Geschichte, über unsere persönliche und über die der Welt?


Unser Predigtwort verrät die Antwort. Es sagt - wer der Herr ist und entlarvt damit zugleich die falschen Herren mit ihren unrechtmäßigen Besitzansprüchen auf uns, auf unser Leben und auf das Leben der Welt. Was wir hören, lässt hoffen - für uns und unsere Welt. Der Seher Johannes, ich nennen ihn einen Propheten, hat einen Blick in den Himmel werfen dürfen. Er will uns mitteilen, was er gesehen und erlebt hat. Was er erfahren hat, lässt sich kaum in Worte fassen. Gott wäre nicht Gott, wenn er sich mit menschlichen Begriffen beschreiben ließe. Johannes verwendet eine bildhafte und symbolische Sprache aus einer anderen, einer fernen Zeit. Es ist die Bilderwelt des Alten Testaments, die er gebraucht, nicht unsere. Er liefert kein Protokoll ab. Aber er erzählt uns auch kein Märchen! Er malt mit seinen Worten ein Bild von der Welt, in die er hat hineinblicken dürfen. Er vergleicht sie mit einem Thronsaal, ähnlich wie in der prächtigen Residenz  eines Herrschers seiner Zeit, also vor zweitausend Jahren. Wir würden vielleicht andere Bilder verwenden, um Gottes Majestät zu beschreiben. Er sieht einen Hofstaat, versammelt um einen Thron. Gottes Thron. 


Johannes sieht ein Buch mit sieben Siegeln. Es ist Gottes Geschichtsbuch. Es enthält Gottes Plan für die Welt und für alle, die darin vorkommen. Es ist Gottes Zeitplan. Da ist all das eingetragen, was Gott wichtig ist, da steht alles, was ist, was war und was sein soll. Auch unsere Geschichte mit ihren Höhen und Tiefen ist darin aufgezeichnet. Wir alle spielen darin eine Rolle - weil wir in der Welt leben, um die es in diesem Geschichtsbuch Gottes geht und weil wir Gott unendlich wichtig sind. Sieben Siegel trägt dieses Buch. Siegel sind Hoheitszeichen: was in diesem Buch steht, ist beschlossene Sache. Es ist Gottes Sache, weil es Gottes Siegel sind, die an diesem Buch hängen.


Und nun hört der Prophet Johannes eine Frage. „Wer ist würdig, die Siegel aufzubrechen und das Buch zu öffnen?“ Die Antwort ist niederschmetternd. Niemand ist würdig, Gottes Plan mit dieser Welt, den Geschichtsplan aufzurollen und gar auszuführen. Ist die Welt deshalb der Spielplatz von Menschen wie dem machthungrigen Domitian und seinen Nachfolgern? 


Heute dürfen wir mit dem Propheten Johannes einen Blick in den Himmel werfen - und müssen erfahren, dass niemand da ist, der diesen Plan Gottes ausführen kann. Das ist zum Heulen. Dem Seher Johannes kommen deshalb die Tränen. Er weint, bis ihn endlich eine Stimme ruft: „Hör auf zu weinen!“  Einer ist würdig, das Buch zu öffnen, damit seinen Lauf nehmen kann, was Gott verfügt hat. Ein Name wird nicht genannt. Als Löwe und als Lamm wird dieser eine bezeichnet.


Gemeint ist Jesus Christus - als Kind in die Welt hineingeboren, als Messias von den Menschen in Jerusalem freudig begrüßt, als Verbrecher gekreuzigt nach einem Urteil von Pontius Pilatus, als Erlöser auferstanden durch Gottes Kraft. Er ist den Weg ans Kreuz gegangen, um uns zu befreien, um uns auszulösen aus den Fängen des Todes. Im Advent feiern wir die Erwartung des kommenden Retters, an Weihnachten seine Geburt und an Ostern seinen Sieg. Die unseligen Kräfte und Mächte, die gern über uns und unser Leben herrschen wollen, haben ausgespielt! Der Löwe aus Juda hat sie verschlungen, das Lamm hat uns ausgelöst. Das ist alles schon vorweggenommen, als ob es geschehen wäre. Wir sind frei von den Mächten und Gewalten der Finsternis. Wir sind befreit auf Hoffnung. Wir stehen noch mittendrin in der Geschichte. Die Dinge entwickeln sich noch. Aber wir erfahren bereits, wie sie ausgehen. Sie dürfen uns nicht mehr vom Wesentlichen abhalten, von der Liebe zu Gott und von der Liebe zu den Menschen - ich meine die Liebe, die sich Zeit nimmt und die Zeit schenkt, Zeit zum Gebet und Zeit für den Nächsten, Zeit zum Gespräch, Zeit, um zu hören und Zeit, um zu trösten.


Der Himmel ist voll Jubel über diesen Erlöser, den Johannes in der Gestalt eines Löwen und eines Lammes sieht. Weil er  wie ein Löwe   Herr ist  über alles, was es gibt, auf der Erde und im Himmel und unter der Erde. Und weil er zugleich auch das Lamm ist, ein Opferlamm, hingegeben für unsere Schuld, für unsere Versäumnisse. Wir erfahren, dass Jesus beides zugleich ist, Löwe und Lamm. In den Augen der Welt schwach wie ein Lamm. Und in Wahrheit doch stark wie ein Löwe. In den Augen der Welt ein einfacher Mensch. In Wahrheit doch Gottes Sohn, der das Buch mit den Sieben Siegeln öffnen wird. Stimmen wir ein in den österlichen Jubel! Christus ist der Herr in Zeit und Ewigkeit. Das ist die Botschaft, die Hoffnung macht, wenn wir erschrecken vor den angeblichen Herren und Gewalten dieser Welt. Christus ist der Herr in Zeit und Ewigkeit - das ist die Botschaft, die Hoffnung macht! Durch das Kirchenjahr begleitet uns der Schein der Osterkerze, die wir in der Osternacht am Osterfeuer angezündet haben. Sie erinnert uns an Gottes Wirklichlickeit, an den Jubel, der den Himmel erfüllt und dessen Echo wir manchmal hören, wenn wir still werden, wenn wir die Botschaft vom Sieg Jesu in unser Herz hinein lassen. Die Osterkerzen, die wir mit nach Hause nehmen, erzählen uns von dem Licht, das die Nacht erhellt und uns den Weg in das Leben weist. Einen Blick in den Himmel haben wir heute durch das Wort der Offenbarung werfen dürfen. Worauf wir zugehen, ist dort bereits beschlossene Sache. Beschlossen ist das Leben. Beschlossen ist der Sieg der Liebe, die stärker ist als der Tod.  Der Himmel jubelt und wir sollen mit in den Jubel einstimmen. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 5.4.2021


Fürchtet euch nicht! Steht fest! Predigt über 2.Mose 14,8 - 14.19-23.28-30a am Ostersonntag 


Und der HERR verstockte das Herz des Pharao, des Königs von Ägypten, dass er den Israeliten nachjagte. Aber die Israeliten waren mit erhobener Hand ausgezogen. Und die Ägypter jagten ihnen nach, alle Rosse und Wagen des Pharao und seine Reiter und das ganze Heer des Pharao, und holten sie ein, als sie am Meer bei Pi - Hahirot vor Baal - Zefon lagerten. Und als der Pharao nahe herankam, hoben die Israeliten ihre Augen auf, und siehe, die Ägypter zogen hinter ihnen her. Und sie fürchteten sich sehr und schrieen zu dem HERRN und sprachen zu Mose: Waren nicht Gräber in Ägypten, dass du uns wegführen musstest, damit wir in der Wüste sterben? Warum hast du uns das angetan, dass du uns aus Ägypten geführt hast? Haben wir's dir nicht schon in Ägypten gesagt: Lass uns in Ruhe, wir wollen den Ägyptern dienen? Es wäre besser für uns, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben.  Da sprach Mose zum Volk: Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der HERR heute an euch tun wird. Denn wie ihr die Ägypter heute seht, werdet ihr sie niemals wiedersehen. Der HERR wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein. … Da erhob sich der Engel Gottes, der vor dem Heer Israels herzog, und stellte sich hinter sie. Und die Wolkensäule vor ihnen erhob sich und trat hinter sie und kam zwischen das Heer der Ägypter und das Heer Israels. Und dort war die Wolke finster und hier erleuchtete sie die Nacht, und so kamen die Heere die ganze Nacht einander nicht näher.  Als nun Mose seine Hand über das Meer reckte, ließ es der HERR zurückweichen durch einen starken Ostwind die ganze Nacht und machte das Meer trocken, und die Wasser teilten sich. Und die Israeliten gingen hinein mitten ins Meer auf dem Trockenen, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken.  Und die Ägypter folgten und zogen hinein ihnen nach, alle Rosse des Pharao, seine Wagen und Reiter, mitten ins Meer. … Und das Wasser kam wieder und bedeckte Wagen und Reiter, das ganze Heer des Pharao, das ihnen nachgefolgt war ins Meer, sodass nicht einer von ihnen übrig blieb. Aber die Israeliten gingen trocken mitten durchs Meer, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken. So errettete der HERR an jenem Tage Israel aus der Ägypter Hand. Und sie sahen die Ägypter tot am Ufer des Meeres liegen. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Zu meinen Lieblingsbüchern gehört eine Sammlung „Illuminierter Holzschnitte der Lutherbibel von 1534“ - so lautet auch der Buchtitel. Eines der Bilder illustriert die Geschichte von Durchzug der Israeliten durch das Meer, über die wir heute nachdenken. Ein farbenprächtiges Bild. Ich möchte es mit meinen Worten skizzieren. In der Mitte sehen wir Moses mit einem flammend roten Gewand. Wie ein Held positioniert er sich. Mit seinem überdimensionalen Stab stellt er sich den Fluten des Meeres entgegen und teilt sie, wie man mit einem Schwert ein Gewand in zwei Hälften teilt. So kennen wir die Geschichte. So stellen wir uns das Geschehen vor. Das Volk Israel zieht trockenen Fußes auf die sichere Seite, während über den Soldaten des Pharao  mit den Waffen und Streitwagen die Fluten zusammenbrechen. Später, am gegenüberliegenden Ufer, auf der sicheren Seite, wird Miriam, die Schwester des Mose, ihr Tamburin in die Hand nehmen und ein Lied anstimmen, in das die anderen Frauen freudig einstimmen. „Lasst uns dem HERRN singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt….“ Doch das ist dann schon wieder eine andere Geschichte.


Eine Zeitlang hat es so ausgesehen, als ob der Auszug der Israeliten in einer Niederlage endet.Die Soldaten des Pharao waren ihnen auf den Fersen. Sie sollten die Israeliten wieder einfangen, zurückbringen und ihrer wohl harten Strafe entgegenführen. Als sie merkten, dass die Soldaten immer näher kamen, hat te sich Panik und schiere Verzweiflung ihrer bemächtigt. „Sie fürchteten sich…“ lesen wir in der Bibel. Wer könnte das nicht verstehen. Mutlos wurden sie, als sie das Meer vor sich sahen. Der  Fluchtweg  war abgeschnitten. Jetzt war alles verloren! 


Allmählich ahne ich, warum das eine Geschichte für den Ostermorgen ist. Sie erzählt von Menschen in einer ausweglosen Situation. Sie erzählt von ihrer Angst und Verzweiflung, von Panik, die in Wut und Resignation umschlägt. Aber auch von Trost und Rettung hören wir. Das erinnert mich an die Jünger und Jüngerinnen Jesu. Auch die sind an eine Grenze gestoßen und darüber beinahe verzweifelt. Der Tod hatte sie vor vollendete Tatsachen gestellt. Tief eingebrannt in die Seelen und in die Erinnerung waren die Bilder der letzten Tage. Da war die Verhaftung Jesu, der Schauprozess und schließlich die Hinrichtung auf Golgatha. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Noch immer hallte  der Todesschrei Jesu in den Ohren nach und noch immer schmerzte sie die gehässigen Bemerkungen der Gegner, die sich an dem Leiden Jesu weideten. „Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen,“  lästerten sie. Dann aber musste alles schnell gehen. Es kam wegen der anbrechenden Sabbatruhe zur einer hastigen Bestattung des Leichnams Jesu. Schließlich folgte die quälende Zeit der Trauer, der Karsamstag. Das muss eine bittere Erkenntnis gewesen sein: Die Mächtigen bleiben mächtig. Die Ohnmächtigen bleiben hilflos. Nichts wird sich ändern. Blinde bleiben blind. Aussätzige bleiben aussätzig. Tote bleiben tot. 


Kennen wir das nicht auch, dieses Gefühl der Hilflosigkeit im Gegenüber des Todes? Und ebenso das Gefühl der Wut und der Verzweiflung. Das kann doch nicht wahr sein! Das kann doch nicht alles gewesen sein! Ein Mensch, den man lieb hatte, stirbt und die Welt dreht sich weiter, als ob nichts geschehen wäre. Mit diesem gewiss vertrauten Gefühl im Herzen kehren wir zurück zu der Geschichte, die wir im Alten Testament lesen. Wir treten zu den Israeliten ans Meer.  Sie fürchteten sich, erzählt uns die Bibel. Sie sahen, wie die Soldaten aufholten, wie sie immer näher kamen. Sie brachten den nahen Untergang, den Tod. Da begannen die Israeliten zu schreien. Sie klagten an. Sie suchten nach einem Schuldigen. Das war Mose. „Du hast uns das eingebrockt“, riefen sie aus. „Waren nicht auch Gräber in Ägypten? Jetzt müssen wir hier in der Wüste sterben!“ Ach, hätten sie doch nicht auf ihn gehört, auf seine Versprechungen, auf seine Reden von Gott und dem Gelobten Land. Lieber Sklave in Ägypten sein und am Leben, als frei sein und in der Wüste sterben, klagten sie.  


Bis jetzt hören wir eine Karfreitagsgeschichte. Aber sie soll sich in eine Ostergeschichte wandeln, der Zorn soll umschlagen in Freude, die Verzweiflung in Hoffnung. Der Wendepunkt tritt ein in dem Augenblick, da  Mose dem Zorn und der Furcht etwas entgegensetzt, einen Trost, einen Zuspruch. „Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der HERR heute an euch tun wird.“ Das antwortet er dem Volk. So bereitet er sie vor auf den Eingriff Gottes, auf die Rettung, die geschehen soll.


„Fürchtet euch nicht!“ Das werden die Frauen auch hören, am Ostermorgen, als sie das Grab aufsuchen. „Fürchtet euch nicht!“ Das wird der Engel zu ihnen sagen und ihnen helfen, die Zeichen der Zeit zu verstehen. Denn, was die Frauen sehen, können sie nicht begreifen. Sie sehen ein leeres Grab, ohne zu ahnen, was es bedeutet. Es braucht die Deutung des himmlischen Boten. „Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat…“ Erst mit diesen Worten werden sie lernen, die Welt in einem neuen Zusammenhang wahrzunehmen. Das Grab ist leer, nicht, weil man den Leichnam gestohlen hat, sondern weil der von den Toten auferstanden ist, den sie dort gesucht haben. Aus dem leeren Grab, dem Ort der Verzweiflung, wird ein Ort der Hoffnung. Das Kreuz, ein Zeichen des Leidens, wird ein Zeichen des Sieges.  Das Meer der Trauer, so unüberwindbar tief und gefährlich, verliert seinen Schrecken. Gott teilt es. Er bahnt seinem Volk einen Weg aus der Verzweiflung, einen Weg in das Leben. Das ist der Zuspruch, den wir heute hören.  „Fürchtet euch nicht, steht fest und seht …“ wird uns gesagt, wenn wir an das Meer der Trauer, der Ausweglosigkeit und Verzweiflung denken, in dem wir zu versinken drohen. Es wird sich teilen und wir werden hindurch gehen.


 „Fürchtet euch nicht, steht fest…“ dieses Wort ist wie ein Osterbotschaft, wenn die Knie weich werden, wenn die Hoffnung wankt und der Zweifel an der Seele nagt.  „Steht fest!“ Was ist darunter zu verstehen? Vielleicht ein Aufruf zum mutigen Festhalten an den Worten, die uns Mut und Trost schenken, die Menschen schon mehr als zwei Jahrtausenden Mut und Trost geschenkt haben. „Der HERR wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein….“ Das sagt Mose zu seinem Volk und er sagt es heute auch zu uns. Der Herr wird für euch streiten. Diese Worte aus dem Alten Testament aber machen mir am Ostern Mut, wenn ich mich hilflos fühle, wenn der Zweifel an mir nagt und ich mir nicht mehr sicher bin, was ich noch glauben soll. Steht fest, wird mir heute gesagt! Der Herr wird für euch streiten. Dann, wenn ich aus eigener Kraft nicht mehr weiterkann, wird er da sein und mir den Weg ins Leben bahnen.


Ich vertraue darauf, dass wir nicht uns selbst überlassen sind. Ich glaube fest daran, dass er uns in Jesus Christus den Guten Hirten geschickt hat, der uns vorangeht und uns den Weg ans Ziel führen wird, so wie Mose seinem Volk vorangegangen ist. Wir sind noch unterwegs, gewiss. Aber wir gehen unseren Weg nicht allein. Wir gehen dem Ziel entgegen, an dem wir, wie Miriam und nach ihr viele andere ein Lied singen werden, das Lied unserer Befreiung, das Lied unserer Rettung. Unser Lied wird wohl nicht den Untergang von Ross und Reiter im Meer besingen,  wohl aber den Sieg über die Angst und den Tod. Und so wie Miriam und die Frauen mit ihrem Lied den Sieg besungen haben, können wir einstimmen, in den Lobgesang auf Gottes endgültigen Sieg, wie ihn unsere Osterlieder schon vorwegnehmen. „Fürchtet euch nicht…“ Lassen wir uns von diesen Worten ansprechen, die den Israeliten den Weg durch das Meer und den Frauen den Weg zum leeren Grab gewiesen haben, damit wir einstimmen können  in den Jubelruf, der seit dem ersten Osterfest über der Welt liegt: „Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja.“ Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 4.2.2021


Wenn die Steine von den Gräbern springen. Predigt über Matthäus 28,1-10 in der Osternacht in Hafenpreppach am 3.4.2021


Wenn in den Medien von einem Erdbeben berichtet wird, ist das eine Katastrophennachricht. Wir sehen dann Bilder der Zerstörung und des Leids. In unserem Evangelium ist auch von einem Erdbeben die Rede. Aber es hat andere Folgen. Zwei Frauen stehen im Epizentrum dieser Erschütterung, Maria und Maria Magdalena. Dieses Beben stellt ihr Leben auf den Kopf. Doch keine Katastrophe kommt über sie. Es ist ein Segen, was sie erleben. Die Bibel spricht zwar von einem Erdbeben. Ich denke aber, es war wohl das Beben in der Seele, das sie von Grund auf verändert hat. Es waren nicht Erdplatten, die sich aneinander gerieben oder übereinander geschoben haben. Wohl haben sich Steine bewegt. Aber es sind keine Häuser eingestürzt, sondern Grabsteine. Genauer gesagt: ein Stein wurde beiseite geschoben: der Stein über den sich die Frauen an dem frühen Morgen den Kopf zerbrochen haben. „Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“ fragten sie sich, als sie auf dem Weg zum Grab waren, um den Leichnam Jesu zu salben. Matthäus berichtet, wie ein Engel vom Himmel kam, den Stein zur Seite rollte und sich darauf setzte.  


Das österliche Beben unterscheidet sich von den Naturkatastrophen der alten, vergänglichen Welt. Es bringt keine Vernichtung, sondern Veränderung. Es verschüttet niemanden. Es legt Zugänge und Wege frei. Ein Grab wird aufgesprengt. Was darin gefangen war, wird befreit. Was für eine Botschaft für Menschen, die heute leiden. Was für eine Botschaft für uns alle, die wir unter der Macht des Todes zu leiden haben. Die Macht des Todes spüren wir an jedem Tag in unserem Leben, wenn etwas zu Ende geht, wenn wir Abschied nehmen müssen von einem Menschen, den wir lieb hatten und der gestorben ist, oder wenn wir selbst krank werden oder alt und gebrechlich. Wir spüren, wie uns die Lebenskräfte verlassen. Manche werden einsam. Auch das gehört zu den Schatten, die der Tod auf unser Leben wirft. Du bist endlich, flüstert der Tod, du wirst sterben,  du muss alles loslassen, was dir lieb und wert ist. Und dann geschieht dieses Erdbeben. Es zerstört nicht, es befreit. Nichts wird mehr so sein,  wie es wahr. Das erfahren die Frauen am Ostermorgen. Sie sehen das offene Grab und ahnen, das hier etwas unerhörtes geschehen ist. Die Macht des Todes, seine Endgültigkeit, ist zerbrochen. Der Weg aus dem Grab ist frei. Der Weg ins Leben ist frei. 


Maria von Magdala und die andere Maria sind die ersten Zeugen dieses Geschehens. Sie bekommen von dem Engel einen Auftrag. Sie sollen hingehen und erzählen, dass Gott eingegriffen hat in das Geschehen der Welt. Auch uns sollen sie davon erzählen. Vor allem, wenn wir nach Gott fragen. Und wie oft kommt uns nicht diese Frage in den Sinn, wenn etwas Schlimmes geschehen ist: Wo war Gott? Warum hat er nicht geholfen, die Katastrophe nicht abgewendet. Die Frage können wir nicht beantworten. Aber wir können uns erinnern, an dieses Erdbeben am ersten Ostermorgen. Da hat Gott eingegriffen in die Welt. Und das feiern wir heute. Gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen, sagt man im Volksmund. Das stimmt nun nicht mehr. Ein „Kräutlein“, eine zarte Pflanze ist gewachsen. Sie wächst durch die Trümmer der Angst, der Verzweiflung, der Vernichtung. Unscheinbar ist die Pflanze, das Kraut, das dem Tod stand hält. Ich meine die zarte Pflanze der Hoffnung und des Gottvertrauens. Sie wird genährt durch die Gute Nachricht von dem Sieg Jesu über den Tod, die wir weitertragen. Ich meine die Botschaft der Hoffnung, die wir jetzt haben. Jesus ist der Erstling von denen, die auferstanden sind, sagt die Schrift. Wir sollen ihm folgen. Der Weg dazu ist frei. Der Stein ist beiseite gerollt. Was wir an Ostern feiern ist die Auferstehung Jesu und zugleich auch unsere Zukunft, das Leben. Voll Freude und noch ergriffen von Furcht gehen die Frauen nach Hause. Unterwegs treffen sie Jesus. „Fürchtet euch nicht…“ sagt er zu ihnen und wiederholt den Auftrag, hinzugehen und die gute Nachricht weiterzugeben, an den Jüngern und über die Jüngern dann hinein in die Welt zu tragen.  Auch wir sind aufgerufen, uns auf den Weg zu machen. Jesus sendet uns zu den Menschen mit dieser guten Nachricht. Es ist keine rückwärts gewandte Botschaft, sondern eine, die nach vorn, die auf Zukunft und Leben gerichtet ist. „Fürchtet euch nicht!“ Das sollen wir den Menschen sagen, die noch in dieser Furcht gefangen sind. Erinnern wir uns daran, immer wieder, wenn die Furcht nach uns greift, wenn wir es mit der Angst zu tun bekommen. „Fürchtet euch nicht!“ Das gilt. Was damals geschehen ist, lässt sich nicht mehr ungeschehen machen. Der Weg ins Leben ist frei. Wagen wir es, ihn zu gehen. Jesus wartet auf uns, er kommt uns auf dem Weg entgegen. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 3.4.2021