Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigt & Co

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Bewährungsfelder des Glaubens.Predigt über Phil.2,1-4 am 7.Sonntag nach Trinitatis 15.7.2018) anlässlich eines Vereinsjubiläums (Sportverein) 

„Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit,  so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“ (Lutherbibel 2017, hg.v.d.Deutschen Bibelgesellschaft, Stuttgart) 

 

Diese Worte des Apostels sind für mich Denkanstöße. Sie regen mich an, einer Frage nachzugehen: Wie geht es bei uns zu - in unserer Kirche, in unserer Gemeinde, in unseren Vereinen, aber auch in den Familien? Passt unser Verhalten zusammen mit den Vorstellungen des Apostels, wie „christliches Leben“aussehen sollte? In unserem Abschnitt ist von„herzlicher Liebe und Barmherzigkeit“die Rede, von „Demut“ und „Gemeinschaft des Geistes.“ Die Worte sind im Ton der Ermahnung gehalten - oder besser gesagt: im Ton der Ermutigung. Paulus will nicht mit erhobenen Zeigefinger dastehen! Er will seinen Lesern und Hörern Mut machen. Sie sollen ein menschenwürdiges Leben führen. Ein Leben, das seine Ausstrahlungskraft und Würde durch Jesus Christus erhält. Er ist die Mitte, der Mittelpunkt im Leben der Christen.  Er will Gemeinschaft mit uns haben. Und er  ist der tragende Grund unserer Gemeinde. Vielleicht ging es den Philippern im Alltag so wie uns auch: Wir stoßen schnell an unsere Grenzen – wenn es um Liebe geht oder um Barmherzigkeit oder gar um Demut. Immer wieder müssen wir daran erinnert werden, dass der Glaube Weichen stellt für die Wege, die wir gehen, für die Entscheidungen, die wir treffen, für das Leben, das wir führen. Es gibt Spannungen zwischen Theorie und Praxis - auch im Leben der Christen.  

 

„Seid eines Sinnes“ sagt Paulus. Er will keineswegs die Gleichschaltung aller Christen im Denken. Christen müssen nicht immer einer Meinung sein. Es geht um die Ausrichtung auf das Wesentliche - auf  Jesus Christus. Eines Sinnes zu sein – das verstehe ich als Herausforderung: „Richtet eure Sinne und Gedanken auf Jesus Christus aus!“Wenn ihr in euren Gemeinden, in euren Vereinen oder Verbänden zusammen seid und um eine Entscheidung ringt, wenn unterschiedliche Meinungen und Ansichten aufeinander prallen, dann schaut auf Jesus und überlegt euch, wie er gehandelt oder entschieden hätte. Christus ist der Grund, der Fels, auf dem wir unser Leben aufbauen. Deshalb kann Paulus voller Hoffnung sagen: „...ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird's auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.“

 

Der Auferstandene, der Vollbringer und Vollender unseres Glaubens, ist unter uns. Auch heute. Er will Gemeinschaft mit uns haben und er will Gemeinschaft mit uns herstellen. Deshalb  ist er gegenwärtig in den Versammlungen, er spricht zu uns durch das Wort der Propheten und Apostel, er stärkt uns durch sein Sakrament, er tröstet und richtet uns auf, er ermutigt uns, in seinem Sinn zu leben und zu handeln. Auf ihn  hin sollen wir unsere Gedanken, Wünsche, Pläne und Ziele ausrichten. Er ist das Zentrum, die Mitte. Wer Christus als den Auferstandenen erlebt, im Gottesdienst, in der Gemeinschaft der Heiligen, der begnadigten Sünder, wer die Werke der Barmherzigkeit an sich erfährt, wer sich in Liebe angenommen und versöhnt fühlt, bleibt nicht der alte. Er verändert sich. Christus hält bei ihm Einzug - in sein Herz, in seine Sinne, in sein ganzes Leben. 

 

Was hat das alles zu tun mit uns und unserem Alltag, dort wo das Leben sich abspielt, wo unser Herz schlägt – zum  Beispiel im Verein, den wir angehören, für den wir uns engagieren, in den wir Zeit und manchmal auch Geld investieren. Das könnte man jetzt fragen. Was hat das zu tun mit unserer Arbeit im Betrieb oder mit unserem Familienleben? Die Worte des Apostels dienen nicht nur der Erbauung in der Stunde am Sonntag, in der wir Gottesdienst feiern. Sie wollen umgesetzt werden im Alltag. Deshalb haben seine Worte eine ganze Menge mit unserem Leben im Alltag zu tun. Mir ist das erst jetzt, bei der WM an einem Beispiel klar geworden. Ich denke daran, wie sich die schwedische Nationalmannschaft und ihr Trainer hinter einen ihrer Spieler gestellt haben: Jimmy Durmaz. Der in Schweden geborene türkischstämmige Spieler war durch sein Foul dafür verantwortlich, das Toni Kroos in der buchstäblich letzten Minute das Siegestor für Deutschland geschossen hat. Gehässige Kommentare, von denen das Wort „Verräter“ noch das gelindeste war, ergossen sich danach über den Spieler – vor allem in den sogenannten sozialen Netzwerken. In einem öffentlichen Video haben er und seine  Mannschaft ein klares Zeichen gesetzt und uns ein Beispiel gegeben, wie das gemeint ist, wenn Paulus sagt: „Habt Liebe untereinander“ oder „in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst…“ Sie haben ihren Kameraden den Rücken gestärkt, der sich in einer Stellungnahme zur Wehr gesetzt hat. Sie haben buchstäblich hinter ihm gestanden und nicht den Kopf eingezogen, nach dem Motto: geht mich nichts an, ist ja auch seine Schuld, hätte er besser gespielt. Ob uns das helfen könnte, in der unsäglichen Debatte um Mesud Ösil oder Ilkay Gündogan wegen ihres Auftritts bei dem türkischen Staatspräsidenten? Zugegeben: ich habe diesen Auftritt auch weder verstanden noch gebilligt. Die beiden haben auch zu Recht dafür Kritik eingesteckt. Auch würde es wohl helfen, wenn Ösil sich erklären würde. Aber es geht hier um unser Verhalten, wie wir als Christen mit dieser Sache umgehen – mit unserer Empörung, mit unserer Enttäuschung, auch mit unserem Zorn. Ich denke, es geht nicht zusammen mit dem Aufruf zur Liebe, zur Barmherzigkeit, wenn man sich jetzt auf das Fehlverhalten eines einzelnen einschießt und ihn als Sündbock für viele Missstände hernimmt.  Respekt, Liebe, Toleranz, Bereitschaft zu Vergebung, Mut zum Neuanfang – die Handlungsfelder, auf denen sich die Worte des Apostels in die Tat umsetzen lassen, liegen nicht nur im kirchlichen Umfeld, sind nicht nur geschrieben für besinnliche Worte im Gottesdienst oder in der Kirchengemeinde. Christliche Werte müssen sich dort bewähren, wo sich unser Leben abspielt – in der Familie, am Arbeitsplatz, aber auch im Verein, auf dem Fußballplatz oder nach dem Spiel in der Kneipe beim Bier. Im Sommerinterview des ZDF hat am vergangenen Sonntag unser Bundespräsident Frank Walter Steinmeyer eine Verrohung der Sprache beklagt und sich dabei vor allem auf das Verhalten und die Redekultur der Politiker bezogen. Diese Verrohung der Sprache nehme ich aber auch im Alltag war – in der Schule, im öffentlichen Leben oder auf der Straße. Wir haben Grund genug, unser Verhalten, das doch Gemeinschaft ermöglichen sollte, immer wieder kritisch zu hinterfragen und an den Worten der Schrift, an den Ermahnungen der Apostel, zu bemessen. „Habt Liebe untereinander!“" sagt Paulus und lenkt unseren Blick auf den, der uns die Liebe vorgelebt hat, auf Jesus Christus, der auch ein Freund deutlicher Worte war und sich dennoch als Anwalt der Liebe Gottes dafür eingesetzt hat, dass den Menschen ein Leben im Sinne Gottes ermöglicht wird und das bedeutet: ein Leben in der Liebe, die dem anderen die Luft zum Atmen lässt. Lasst euch von ihm anleiten. Wenn ich das tue, gelingt es mir nicht mehr, ungeprüft Urteile nachzusprechen über andere, über Menschen, die meistens auf der Straße oder an Stammtischen gefällt wurden. Wahrscheinlich fällt es mir dann auch nicht mehr so leicht, einfach wegzusehen und so zu tun, als ob mich das alles nichts angehen würde: wenn zum Beispiel die Würde von Menschen mit Füßen getreten wird. Das geschieht nicht nur, wenn jemand handgreiflich wird. Die Würde wird auch durch Worte oder Pfiffe verletzt, durch sogenanntes nonverbales Verhalten, das heißt: durch Abwendung und Nichtbeachtung – wenn jemand für mich Luft ist. 

 

Die Apostelworte wollen uns zum Nachdenken darüber anregen, wie das Leben bei den Christen aussehen könnte oder sollte, dort, wo sich das Leben abspielt. Wir leben von der Mitte her, die unserem Leben Sinn und Halt schenken will, von Jesus Christus, der unter uns ist und der uns um unserer selbst willen liebt. Er wird uns Kraft schenken, wenn wir den Kopf hängen lassen möchten, weil das eben alles nicht so einfach ist mit der Liebe und der Barmherzigkeit und der Demut. Er macht uns Mut, täglich neue Anfänge zu wagen zu einem Leben, das Spuren hinterlässt - vor allem bei uns selbst und dort, wo wir miteinander  leben – sei es in einer Gemeinde, in der Familie oder in einem Verein. Amen. 

 ©  Stefan Köttig, Altenstein, 15.7.2018