Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigt & Co

Auf dieser Seite finden Sie die aktuelle Predigt. Andachten oder den jüngst erschienenen Artikel aus meiner Feder finden Sie unter dem Menüpunkt "Artikel und Andachten".  Die Predigten stehen in der Regel eine Woche als Download zur Verfügung. Diese Seite wird regelmäßig aktualisiert. Ältere Publikationen finden Sie im Archiv.


Ein lebendiges Puzzle - Predigt über  Epheser 4,11-15 am Pfingstmontag  anlässlich einer Taufe


„Und er selbst gab den Heiligen die einen als Apostel, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes. Dadurch soll der Leib Christi erbaut werden, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Menschen, zum vollen Maß der Fülle Christi, damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch das trügerische Würfeln der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen. Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus.  

(Lutherbibel 2017, herausgegeben von de Dt. Bibelgesellschaft Stuttgart)

 

Vor einiger Zeit habe ich mit den Schülern der Grundschule im Religionsunterricht ein Puzzle zusammengesetzt. Aus vielen Einzelteilen sollten die Kinder ein großes Bild entstehen lassen. Bald war die Arbeit getan und wir konnten eine Kirche bewundern. Die Bausteine waren Menschen: große und kleine, junge und alte, mit weißer und schwarzer, gelber und rötlicher Hautfarbe. Sie alle zusammen gefügt haben das Bild einer Kirche ergeben. Was für ein schönes Bild. Es zeigt, dass die Bausteine der Kirche die Menschen sind, die sich zur Gemeinde Jesu zählen. 

 

Der Apostel Paulus malt in seinen Briefen ebenfalls ein Bild von Kirche. Er malt mit seinen Worten. Er stellt die Kirche als einen Leib dar und sagt zu uns:  die Kirche ist der Leib Christi und ihr Christen seid dessen lebendige Glieder. Aber er bleibt nicht allein bei dieser Feststellung stehen. Der Leib Christi hier auf dieser Erde ist noch unvollendet. Der Apostel sagt: er muss seiner Vollendung entgegenwachsen. Die Glieder, die zu ihm gehören, müssen noch fester zusammenwachsen. Der Leib Christi soll sich ausbreiten über die Welt - und darüber hinaus: er soll seinem Haupt entgegenwachsen. 

 

Heute möchte ich mit Ihnen darüber nachdenken, wie das aussehen kann, wenn der Leib Christi wächst, wenn er sich ausbreitet und seinem Haupt, Christus, entgegenwächst. Heute haben wir miterlebt, wie der Leib Christi wächst, wie ein neues Gesicht sich in das Puzzle der Kirche einfügt. Das ist durch die Taufe geschehen. Penelope ist aber weit mehr als nur ein Puzzleteilchen. Sie ist Teil des Ganzen. Sie ist ein lebendiger Stein, einer der sich verändern wird, der wächst, der sich entfaltet mit seinen Begabungen und Fähigkeiten. Und noch etwas: wenn so ein Puzzleteilchen fehlt, ist das ganze Bild unvollkommen. Das zeigt, dass jedes noch kleineTeil wichtig und unverzichtbar ist.  

Pfingsten, so sagen wir, ist der Geburtstag der Kirche. Wenn wir dieses Fest feiern, wenn wir von der Kirche sprechen, haben wir stets die Kirche vor Ort im Blick – zum Beispiel die Dorfkirche, in der wir heute zusammenkommen. Trotzdem gilt auch hier: die Kirche nimmt immer konkret Gestalt an durch die Menschen, die zu ihr gehören, die sich hier versammeln, miteinander singen und beten, einander beistehen und trösten und im Glauben Halt finden. So können wir Paulus auch verstehen, der sagt, dass die Kirche etwas Lebendiges ist: ein Leib. Christi Leib. Die Menschen, die sich zu einer Kirchengemeinde zählen, sind Glieder an diesem Leib. Sie bilden eine Gemeinschaft mit Jesus Christus. Er ist der Mittelpunkt.  

 

Der Leib Christi auf Erden, die Kirche, schreibt Paulus,  soll dem Herrn entgegenwachsen - über die Grenzen von Raum und Zeit, über alles, was Menschen heute voneinander trennt. Der Leib Christi wächst immer dann ein Stück über sich hinaus, wenn Menschen sich gegenseitig unterstützen, sich tragen und ertragen. Die Liebe macht sie dazu fähig. Ich meine die Liebe Christi, die sich mitteilt, die nicht für sich bleibt. Wenn Jesus die Kinder in die Arme schließt, die Hände auflegt und sie segnet, wächst die Kirche. Wenn wir es ihm nachmachen, wächst die Kirche. Wenn wir Rücksicht nehmen auf die Schwachen, dann wächst die Kirche. Wenn wir es schaffen, von Vorurteilen loszulassen, Verletzungen zu verzeihen und aufeinander zugehen, dann wächst die Kirche.  

 

Das Pfingstfest sollte immer wieder Anlass geben, neu über die Kirche nachzudenken, über die Kirche vor Ort und über die Kirche im Allgemeinen, wo sie wächst, aber auch, was dieses Wachstum behindert. So ein Fest sollte auch einmal das Recht geben, von einer Kirche zu träumen, wie wir sie uns wünschen und von den Erwartungen zu sprechen, die wir an unsere Kirche stellen. Wir können das tun. Wir werden nicht auf taube Ohren stoßen. Der Herr der Kirche wird uns hören. Er ist ja mitten unter uns. Er spricht zu uns durch sein Wort. Er kommt in Brot und Wein zu uns und geht mit uns in jedes neue Kirchenjahr, in jeden neuen Tag. Vertrauen wir uns ihm an. Sprechen wir miteinander und zu ihm von unseren Träumen und Wünschen, auch von unseren Enttäuschungen. Lassen wir uns rufen und berufen. Hören wir auf das Wort, das der Herr uns zu sagen hat, antworten wir ihm mit unserem Gebet und durch Werke der Liebe an unserem Nächsten. Halten wir den Kontakt mit den anderen Christen und mit dem Herrn, zum Beispiel durch den Besuch des Gottesdienstes, der Bibelstunden oder anderer Veranstaltungen im Leben seiner Gemeinde. Dann werden wir merken, dass wir nicht allein sind, wir entdecken Gleichgesinnte, finden neue Freunde. So wird der Leib erbaut. Vertrauen wir darauf, dass wir dabei immer wieder die Mitte finden von der wir alles bekommen, was wir brauchen: die nötige Fürsorge, Mut und Kraft zum Dienst am Nächsten. Dann werden wir auch den Mut finden zum Widerstand,  „damit wir nicht mehr“ - wie Paulus schreibt -  „unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch das trügerische Würfeln der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen.“  In der letzten Zeit wurde ja immer wieder öffentlich daran erinnert, dass wir ein christliches Land mit christlich-jüdischen Wurzeln seien. Leider merkt man davon im öffentlichen Leben wenig. Mir machen dabei andere Religionen weniger Sorgen als die Gleichgültigkeit vieler Mitmenschen, die doch irgendwann einmal in ihrem Leben getauft wurden und – wenigstens vorläufig noch – ihre Kirchensteuer bezahlen. Mir macht unsere eigene Gleichgültigkeit viel mehr Angst, durch die wir zulassen, dass beispielsweise der Sonntag immer wieder und immer häufiger zum Werktag degradiert wird oder der christliche Bezug aus dem öffentlichen Bewusstsein klammheimlich ausradiert wird, zum Beispiel indem man aus Weihnachtsmärkten Wintermärkte und aus Ostermärkten Frühlingsfeste macht oder wenn einfallsreiche Tourismusmanager Gipfelkreuze aus Hochglanzbroschüren retuschieren lassen, weil sich möglicherweise die Touristen aus nichtchristlichen Ländern an diesem Anblick stören könnten. Mir macht Angst, dass  die Sorge um ein Verlustgeschäft  größer ist als die Treue zum eigenen Glauben. Deshalb brauchen wir den Geist Christi in unserer Mitte. Wir brauchen ein Pfingstfest in unseren Herzen. Wir brauchen den Heiligen Geist, der die Gleichgültigkeit und die Angst aus unseren Herzen bläst, damit wir den Mund aufmachen und unseren Glauben bekennen. Wir können es getrost tun. Christus hat versprochen, für seine Kirche zu sorgen. Die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwinden, sagt er. Er sorgt für uns, er entlastet, wenn wir meinen, das uns zu viel zugemutet wird, er tröstet, wo wir allein überfordert sind und er vergibt, wo wir Liebe schuldig bleiben. Dafür können wir ihm danken. Auch so wächst die Kirche. Sie wächst durch den Dank, durch das Gebet und durch den Glauben, der sich ausspricht. Amen. 

 ©  Stefan Köttig, Altenstein, 21.5.2018