Gott nahe zu sein ist mein Glück.   Psalm 73,28


 


Rogate! Betet! Mit Gott im Gespräch bleiben! Predigt über den Wochenspruch zum Sonntag Rogate 

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet! (Psalm 66,20) Mit diesem Wort endet ein langes Gebet der Bibel. Es begleitet uns als Wochenspruch auf unserem Weg hin zu den beiden großen Festen, die demnächst anstehen: Christi Himmelfahrt und Pfingsten. Rogate! Betet! So heißt dieser Sonntag vor Himmelfahrt. Auch die mittlere Glocke unserer Kirche trägt diesen Namen. Dreimal am Tag läutet sie zum Gebet. Sie erinnert uns daran, dass wir nicht abgewiesen werden, wenn wir mit unserem Gebet zu Gott kommen. Der Wochenspruch liest sich wie ein erleichterter Stoßseufzer nach einer guten Erfahrung: „Gott sei Dank! Meine Gebete verhallen nicht ungehört.“ Der biblische Beter hat diese Erfahrung gemacht und er will sie mit uns teilen.
Ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Aufruf zum Gebet in den Herausforderungen des Alltags leicht in Vergessenheit gerät. Die Betriebsamkeit der Woche wird zum Sog, der mich fortreißt. So erlebe ich die täglichen Herausforderungen, die Probleme, die zu bewältigenden Aufgaben, die mich von Sonntag bis Samstag beanspruchen. Je weiter die Woche fort schreitet, um so dringender, um so einnehmender erscheinen sie. Die Zeit zum Gebet, von Anfang an mühsam ausgespart, schmilzt dahin wie Eis in der Sonne.


Es sind immer wieder einschneidende Ereignisse, die mich  daran erinnern, dass die Zeit zum Gebet nicht vergeudet ist. Nicht umsonst hat auch Martin Luther einmal das Gebet neben dem Predigtamt als höchstes Amt in der Christenheit bezeichnet. Ein anderer frommer Mann, der Ordensgründer Franz von Sales hat einen Rat gegeben, den sicher viele als Zumutung empfinden: „Nimm dir täglich eine Stunde Zeit zum Gebet, außer wenn du in Eile bist, dann nimm dir zwei!“  Was für eine Provokation doch in den Worten liegt. Zwei Stunden, wenn man doch eh kaum Zeit hat! Ich selbst habe das ausprobiert, natürlich nicht wörtlich. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich keine Zeit einspare, wenn ich nicht Zeit zum Gebet ausspare. Im Gegenteil. Es fehlt mir nichts für die andere Arbeit, keine Minute.. Es ist also eine Frage der Priorität. Was ist mir wirklich wichtig? Wofür habe ich Zeit und wofür nicht.
Vielleicht müssen wir einfach nur einmal ehrlich sein. Vielleicht hätten wir ja die Zeit, wir wollen sie uns nur nicht nehmen. Vielleicht haben wir es aber auch einfach nur verlernt, das Beten. Das zuzugeben, ist keine Schande. Sogar die Jünger waren sich nicht zu schade, Jesus um Rat zu fragen: Lehre uns beten. Als Antwort haben sie das Vaterunser bekommen. So viele Dinge und Tätigkeiten bringen wir in unserem Terminkalender unter, weil wir sie mögen, weil sie uns Freude machen, weil sie uns interessieren und weil wir davon in die Pflicht genommen werden. Wir haben geschäftliche Meetings, inzwischen auch häufig online per Computer, wir haben einen Zeitplan, wirr wissen genau, wann wir Auto waschen, zum Wertstoffhof fahren, Joggen, Shoppen oder anderes tun. Wann finden wir Zeit zum Gebet? Eine Hilfe ist mir der Sonntag mit dem Gottesdienst. Ein ganzer Tag im Kalender ist dafür freigehalten, dass Leib und Seele zur Ruhe kommen können. Eine Stunde dieses arbeitsfreien Tages möchte ich Gott schenken, das ist die Zeit, in der ich Gottesdienst feiere und in der Zeit ist, um mit Gott ins Gespräch zu kommen.


Ich bin dankbar für die Aus-Zeiten, die mir das Kirchenjahr schenkt,  ich bin dankbar, für jeden Feiertag und für jeden Gottesdienst, an dem ich Gelegenheit habe, in Ruhe Gott zu danken. Ich vertraue darauf, dass er auch mein Gebet nicht verwirft und auch von mir seine Güte nicht wendet. Ich möchte mir die Worte des Wochenspruchs leihen, sie zu meinem persönlichen Glaubensbekenntnis und zu meinem Gotteslob machen. Der Blick in die Geschichte des Gottesvolkes hilft mir dabei, wenn die täglichen Herausforderungen, die traurigen Erfahrungen, die Mühen und Sorgen des Alltags mein Gotteslob einfrieren möchten. Es ist schon so: in den täglichen Geschäften scheinen wir Gott zu vergessen. Manchmal könnte man aber auch meinen, dass Gott uns vergessen hat. Dieser Eindruck entsteht vielleicht, wenn Anfechtungen, Misserfolge, Streit, Ärger, Enttäuschungen oder persönlicher Kummer auf mir lasten. Dann fällt es schwer, Gott zu loben und mit seiner Nähe wirklich zu rechnen,
Wer allerdings den ganzen Psalm für sich liest, wird aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Der Glaube Israels bewährt sich vor allem in den dunklen Stunden. Gott hat seinem Volk die Anfechtungen nicht erspart: „Du hast uns geprüft und geläutert, wie das Silber geläutert wird;  du hast uns in den Turm werfen lassen, du hast Menschen über unser Haupt kommen lasse, wir sind in Feuer und Wasser geraten. Aber du hast uns herausgeführt und uns erquickt…“  Im Rückblick erkennt Israel, gerade in den kritischen und schweren Situationen unseres Lebens hat Gott uns nicht allein gelassen. Er hat uns die Not nicht erspart, sagen die Beter. Diese Not aber hat uns geläutert, sie hat uns daran erinnert, dass Gott bei uns bist und uns hilft.


Muss es wirklich erst so weit kommen, dass wir Notzeiten brauchen, um uns an den zu erinnern, der unser Leben trägt und hält? Not lehrt beten, sagt der Volksmund. Ich kann das nicht so recht glauben. Es wohl eher so, dass beten in der Not hilft. Beten bewahrt mich davor, von der Not niedergedrückt zu werden. Die Erfahrung gemeinsam bestandener Not allerdings hat die Israeliten zusammen geführt, hat sie ihre Feste dankbar feiern lassen. Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet!  Das ist das frohe und dankbare Glaubensbekenntnis eines geprüften Volkes, dass sich von seinem Gott nicht verlassen weiß.
Bald feiern wir Christi Himmelfahrt. Ein fröhliches Fest ist das. Es erinnert uns daran, dass wir einen Fürsprecher bei Gott haben, der für uns eintritt. Zugleich löst Christus ein Versprechen ein. Vor seinem Abschied sagt der Auferstandene zu seinen Jüngern: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Welt.“  Er sagt ihnen damit: ihr könnt mich zwar nicht mehr sehen und doch bin ich bei euch! Christus geht zu seinem Vater und lässt uns doch nicht als Waisen zurück. Er ist bei uns in der Kraft des Heiligen Geistes. Er hört unser Gebet und er will uns helfen, dass sich unser Glaube im alltäglichen Leben bewährt.


Bitten wir ihn um ein waches Herz, einen fröhlichen Glauben und ein feines Gespür für seine Nähe. Nehmen wir uns die Stunde Zeit, die uns am Sonntag geschenkt wird, um Gott zu loben, um auf sein Wort zu hören und um die Gemeinschaft mit ihm zu feiern. So laden wir den allmächtigen Gott ein in unser Leben. Und er kommt und hilft uns auf. Dann können wir mit dem Psalmbeter zusammen bekennen: Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet!  Amen.
© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 22.5.2022
 




Neue Lieder. Predigt über Kolosser 3,12 - 17 am Sonntag Kantate

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Christi, zu dem ihr berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar. Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn. (Lutherbibel 2017,Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

Singt Gott dankbar in eurem Herzen!“ Was für ein Aufruf, gerade in unserer Zeit. Nach zwei Jahren Pandemie und unter dem Eindruck des Krieges in der Ukraine erwartet man anderes. Kein Lob, eher eine Klage. Wie ein Widerspruch klingt da dieser Aufruf zum Lob. Der Wochenspruch schlägt in dieselbe Kerbe. Aber er weist auch darauf hin, warum wir Grund haben, Lob - und nicht Klagelieder anzustimmen: „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder,“ wird uns gesagt. Und wirklich, leben wir nicht in einer wundervollen Welt? Ich meine eine Welt, in der Wunder geschehen. Gott selbst ist es, der das größte Wunder in dieser Welt vollbracht hat. Er hat Jesus von den Toten auferweckt. Dieses Wunder kann allerdings nur mit dem Herzen wahrgenommen werden. Das Leid, die Angst, die Not wird dadurch nicht verharmlost. Die Tränen des Mitgefühls und der Trauer, die uns in die Augen steigen, die Wut und der Zorn, der uns befällt, wenn wir das Unrecht sehen, das anderen angetan wird, die Ohnmacht, die wir fühlen, wenn wir nichts tun, nicht helfen können, das soll nicht einfach abgetan werden. Das ist da. Das bleibt auch Teil unserer Wirklichkeit. Aber es ist nicht die ganze Realität. Nicht nur der Tod schafft Fakten. Auch Gott. Gott tut Wunder. Die Welt ist wundervoll und wir haben deshalb Grund, um ihm Loblieder zu singen.
Wir sind mitten in der Osterzeit. Wir hören die vielen Zeugnisse des Glaubens, die uns davon erzählen, wie die Hoffnung zu den Hoffnungslosen zurück gekehrt ist. Der Grabstein ist beiseite gerollt. Der Weg ins Leben ist frei. Christus ist den Jüngern erschienen. Er  zeigt ihnen seine Wundmale. Da begreifen sie es, er hat den Tod wirklich überwunden. Er kommt und gibt ihnen einen Auftrag. Sie sollen die gute Nachricht vom Leben  hineintragen in die Welt, in das neue Leben, das den Tod überwunden hat. Ich meine die Botschaft vom Leben, in dem Gott alles in allem sein wird, in dem der Tod nicht mehr sein wird, in dem Gott selbst die Tränen von den Gesichtern der Weinenden abwischen wird. Das ist die Zeit, in der Gott uns antworten wird auf die Fragen, die uns umtreiben, die Fragen, warum dieses Leid in der Welt sein muss, warum sich so oft die Stärkeren gegen die Schwächeren durchsetzen, warum so oft das Unrecht zu siegen scheint. Weil wir in der Osterzeit leben, dürfen wir uns festhalten an dem Bekenntnis, das seit zweitausend Jahren durch die Welt geht: „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja, lobt Gott den Herrn dafür.“ Und wir dürfen und sollen es immer und immer wiederholen und in die Dunkelheit dieser Zeit hineinrufen.
Die Osterbotschaft ist die Grundmelodie, die durch unsere Herzen zieht, die unser Denken und Reden und Singen prägt und die uns zum Dank führt. „Dankt Gott dem Vater“ sagt uns der Apostel. Wir wissen nicht, ob der Brief an die Kolosser wirklich von Paulus stammt oder von einem seiner Schüler. Aber das spielt keine Rolle. Es gibt genügend Beispiele dafür, die uns den Apostel als Vorbild zeigen, von dem man lernen kann, wie das geht, wie man Gott loben kann, wo andere nur noch klagen. Paulus, das ist der Apostel, der im Gefängnis sitzt, den Tod vor Augen, der oft für seine Überzeugung geschlagen wurde, einer der trotz allem oder allem zum Trotz an der Guten Nachricht festhält, eine Nachricht, die ihn singen lässt, auch im Gefängnis, auch in der Not.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Ich meine, es ist was dran, wenn man sagt, dass Lachen ansteckend sei. Wenn Menschen aus vollen Herzen lachen, geschieht es, dass der Funke überspringt und wir mitlachen müssen, einfach so. Ich wünschte mir, dass auch das Osterlachen ansteckend ist, das aus der Osterfreude hervorgeht. Mit den Worten Paul Gerhardts möchte ich sagen: „Die Welt ist mir ein Lachen mit ihrem großen Zorn, sie zürnt und kann nichts machen, all Arbeit ist verloren. Die Trübsal trübt mir nicht, mein Herz und Angesicht, das Unglück ist mein Glück, die Nacht mein Sonnenblick…“ Als Paul Gerhardt diese Worte gedichtet hat, war nicht die Zeit zum Lachen. Europa war ausgeblutet und erschöpft. Schon bald dreißig Jahre dauerte nun der Krieg. Was als Glaubenskrieg zwischen Protestanten und Katholiken begann,  wurde schließlich ein Morden und Kämpfen aller gegen alle. Dieser Krieg hatte Gewalt, Not, Pest und Angst im Gepäck. Dennoch konnte Paul Gerhardt schreiben und sicher auch singen: „Die Welt ist mir ein Lachen…“ Es ist der Glaube, der ihn das Lachen lehrt, der ihn daran erinnert, dass der Stein längst vom Grab gerollt war.
Können wir einstimmen in diese Worte, ist uns die Welt  ein Lachen, trotz Pandemie und Krieg und Angst? Ich halte daran fest: wir leben in einer wundervollen Welt. Und ich denke dabei nicht nur an die schönen Sonnenaufgänge oder das liebliche Bild der erwachenden Natur im Frühling, wenn ich das sage. Ich denke an die vielen Zeichen, die uns Mut machen, auch in unseren Tagen. Haben wir schon vergessen, wie das war, als die Pandemie ausbrach? Es gab ja nicht nur den lächerlichen und peinlichen Kampf ums Klopapier oder die umstrittenen Demonstrationen gegen die Anticorona - Maßnahmen. Es gab ja auch die vielen Zeichen der Solidarität und des Mitgefühls, die Menschen damals Mut gemacht hatten. Es wurden Kerzen in die Fenster gestellt, auf Balkonen gegen die Angst angesungen, für Menschen, die isoliert waren, wurde eingekauft und vieles mehr. Und auch in diesen Tagen erleben wir, wie viele Menschen ihre Herzen und ihre Türen öffnen, um Flüchtlinge aus der Ukraine aufzunehmen, um ihnen Schutz und Heimat zu bieten. Gewiss, es gab und gibt auch die Schatten, das Misstrauen, das Leid. Aber ebenso auch die Hilfe, Aktionen, die von einzelnen oder größeren Verbänden organisiert werden, es gibt die Zeichen der Menschlichkeit, der Nähe. Auch heute. Und deshalb ist die Welt wundervoll. Weil es die vielen Zeichen der Menschlichkeit gibt, die mir zeigen, wie Gott in dieser Welt am Werk ist. Er berührt die Herzen der Menschen. So sorgt er dafür, dass diese Worte nicht nur auf dem Papier und im Gesangbuch stehen, sondern dass lebendig werden werden und sich singen lassen: „Die Welt ist mir ein Lachen…“
Kantate! Singt und dankt dem Herrn, mit Psalmen und mit anderen Liedern. Ein Virus ist ansteckend und macht krank. Lachen ist ansteckend und weckt Freude. Freude ist ansteckend und trägt die Hoffnung in die Welt. Wir sollen als Christen Hoffnungsträger sein. Man soll aus unseren Liedern und Worten hören und an unseren Taten sehen, was wir glauben. Man soll! Aber geschieht es auch?Mir fällt das bekannte Zitat des Religionskritikers Nietzsche ein, der in einem Pfarrhaus aufgewachsen ist: „Die Christen müssten mir erlöster aussehen. Bessere Lieder müssten sie mir singen, wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte.“ Er gehört zu denen, die etwas anderes erlebt haben. Er hat erlebt, dass das äußere Verhalten leider häufig nicht übereinstimmt mit dem, was die Christenmenschen sagen und singen und was in den Kirchen gepredigt wird. Aber da ist ein Wort Jesu, das mich an der Hoffnung festhalten lässt. Den erschrockenen und verunsicherten Jüngern hat er es gesagt und ihnen Mut gemacht: „Friede sei mit euch!“ Dieser Friede findet seinen Weg zu uns. Durch die Botschaft, die wir an Ostern hören, durch die Lieder die wir singen.  „Der Friede Christi, zu dem ihr berufen seid, regiere in eurem Herzen. Seid dafür dankbar,“ schreibt der Apostel. Es ist der Auferstandene, der in mir Wohnung nehmen will und der mich lehrt, die neue Lieder zu singen, Lieder der Hoffnung, Lieder, gegen die Angst, Lieder des Lebens. So lange sie gesungen werden hat das Leben eine Chance und ebenso der Glaube. Also, stimmen wir in sie ein. Amen.
© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 15.5.2022


Was uns loben, klagen und hoffen lässt. Predigt über 1.Mo. 1,1-4a.26-31a.2,1-4am Sonntag Jubilate 

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. … Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht. … Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte. Dies ist die Geschichte von Himmel und Erde, da sie geschaffen wurden.  (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Wussten Sie, dass die Bibel mit einem Lied beginnt? Ja, Sie haben richtig gehört. Gleich auf den ersten Seiten ist es zu finden, ein Lobpreis auf Gottes Schöpfung. Wir haben nicht das ganze Lied gehört, nur einen Ausschnitt aus  seinem Anfang, der Mitte und dem Ende. Priester haben es gedichtet und damit versucht, ihren Zeitgenossen eine Antwort auf Fragen zu geben, die sie umgetrieben haben. Das waren die Israeliten in der sprichwörtlich gewordenen babylonischen Gefangenschaft, von der wir schon öfters gehört haben. Nach einem verlorenen Krieg wurden viele von ihnen zu Zwangsarbeit in das Land der Sieger deportiert, vor allem Angehörige der Oberschicht. Es dauerte nicht lange, da begann deren Glaube an den eigenen Gott zu bröckeln. „Warum hat unser Gott zugelassen, dass wir den Krieg verloren haben und der Tempel zerstört wurde“, fragten sie sich. War der Gott Israels den babylonischen Göttern etwa unterlegen? Oder hat sich Gott von seinem Volk abgewandt? Das Lied von der Schöpfung aber sollte den Menschen eine Antwort auf die Fragen sie bewegen und sie sollen zum Lob ermutigen, den Glauben stärken. Die Welt ist von Gott geschaffen! Die Erde ist den Menschen anvertraut, also hegt und pflegt sie, sagt uns das Schöpfungslied. Weil Tag und Nacht, Sonne, Mond und Sterne, die  Pflanzen und die Tiere und die Menschen aus Gottes Hand kommen, ist alles gut, was da ist. Sehr gut sogar. Wer das Lied hört, das die Priester anstimmten, soll mit einstimmen, bis heute. Es lobt den Schöpfer, der alles weise geordnet hat.
Um die Schöpfung geht es heute, am Sonntag Jubilate. Es geht heute um die „alte“ Schöpfung und um die „neue“ Kreatur. Von der spricht Paulus, lange, nachdem die Israeliten wieder in ihre Heimat zurückgekehrt waren.  „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden“ lesen wir im Wochenspruch aus dem zweiten Brief an die Korinther.  Der Glaube an Jesus Christus macht uns zur „neuen Kreatur“, zur „neuen Schöpfung“.  Mit der Auferstehung Jesu ist etwas Neues angebrochen, eine neue Schöpfung, eine neue Welt. Wir leben hin auf die neue Welt Gottes. Sie wird die alte überbieten. Wir leben auf das Reich Gottes hin, das in Christus angebrochen ist und das seine Vollendung finden soll. Das ist ein Reich, in dem die Gegensätze versöhnt sein werden, unter denen wir heute noch leiden, das Reich, in dem das Lamm neben dem Löwen weidet, das Kind ungefährdet am Schlangennest spielen kann und die Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet werden, weil kein Krieg mehr geführt wird. Schon in den Herzen der Propheten des Alten Testaments war die Sehnsucht nach diesem Reich gewachsen. Ihre Worte lassen ahnen, wie das wohl sein mag, wenn die „Hütte Gottes“ bei den Menschen aufgerichtet ist, von der Johannes in der Offenbarung spricht. In dieser vergänglichen Welt sollen wir nun Zeichen setzen. Zeichen unseres Glaubens und Zeichen unserer Hoffnung. Zeichen, die auf das Leben hinweisen, auf die Versöhnung und den Frieden, der noch kommen soll.
Im Lied von der alten Schöpfung haben die Menschen deshalb einen Auftrag erhalten. Sie sollen sich die Erde untertan machen. Wer nach den Denkmustern der vergänglichen Welt lebt und handelt, kann diesen Auftrag gründlich missverstehen. Untertanen sind unfrei, müssen gehorchen. Untertanen werden gefügig gemacht, meist unter Androhung von Gewalt. Und so hat man das Wort über die Zeiten auch verstanden. Die Menschen haben sich die Welt untertan gemacht, haben sie sich unterworfen, sie ausgeplündert, sich an ihr bereichert, an den Bodenschätzen, an fremden Kulturen und Völkern, sie haben sich versündigt an Flora und Fauna auf Gottes Erdboden. Wer in Christus ist, wer eine neue Kreatur ist, hat das Alte aber hinter sich gelassen. Wer in Christus zur neuen Kreatur geworden ist, hilft, dass das Leben schon jetzt aufblühen kann. Wer mit Christus lebt, macht sich nicht zum Beherrscher über das Leben der anderen, sondern er wird ein Diener des Lebens. Er handelt nach den Maßstäben, die Christus gesetzt hat. Es sind die Maßstäbe, die im Reich Gottes gelten. Er handelt nach dem Maßstab der Liebe, die Leben schützt und Leben ermöglicht. Wie groß muss deshalb der Schmerz Gottes sein, wenn er sieht, wie die Menschen diesen Auftrag immer wieder missverstehen oder gar ignorieren. Das Lied von der Schöpfung, von dem Auftrag der Menschen, von der Würde der Kreatur und von der Würde der Menschen gibt heute vielmehr Anlass zur Klage als zum Jubel. „Und Gott sah, dass es gut war“, lesen wir am Ende eines jeden Schöpfungstages. Heute denke ich an die Bilder von Charkiw oder Mariupol, an zerschossene Häuser, rollende Panzer, weinende Menschen. Nichts davon ist gut. Der Mensch soll die Erde bewahren und versucht, sich zu unterwerfen, wonach ihm verlangt und was sich nicht unterwerfen lässt, wird zerstört. Wenn man darüber ein Lied schreiben wollte, würde der Kehrvers wohl lauten: Und Gott sah, dass es schlimm war und weinte… Das Lied von der Schöpfung sollte ursprünglich den Menschen die Angst nehmen, ihren Glauben und ihr Vertrauen stärken. Unser Gott hat die Welt erschaffen, sagten die alten Priester. Vergesst das nicht. Fürchtet euch nicht vor den fremden Göttern, ob sie nun Marduk heißen und in Babylon verehrt werden oder andere Namen tragen.
Ein Grund zur Buße und ein Anlass zur Klage ist er uns deshalb geworden, der Lobgesang von der Erschaffung der Welt. Und wie zerrissen müssen wir uns fühlen. Wir wissen, wie wir leben sollen und wir merken, dass wir an diesem Auftrag scheitern. Wir merken, dass wir es nicht hinbekommen, nach den Maßstäben zu leben, die Christus uns ans Herz gelegt hat. Wir erleben, dass zur Zeit eher Pflugscharen zu Schwertern geschmiedet werden, weil uns gar nichts anderes dazu übrig bleibt. Ein Land wird von einem anderen Land brutal überfallen und hat das Recht, sich zu wehren. Wer wollte das in Frage stellen. Wir merken, dass wir unsere Werte in dieser alten Welt durch das Schwert verteidigen müssen und wissen doch zugleich, dass dies im Widerspruch steht zum Gebot der Nächstenliebe. So sehr sind wir eingebunden in die Strukturen und in das Gefüge der alten Welt. Unser Auftrag als Christen aber mag es sein, dass wir in diesen alten Strukturen von Gewalt und Gegengewalt das Wort der Versöhnung hineinsprechen, Zeichen der Liebe setzen und der Hoffnung.
Das Lied von der Schöpfung ist uns ein Ansporn, neu über uns und unsere Bestimmung, über unseren Auftrag nachzudenken. Dabei ist das Loblied auf Gottes Schöpfung bis heute auch ein Trostlied. Vor allem für diejenigen, die wie Israel vor über dreitausend Jahren zu zweifeln beginnen. Macht es noch Sinn, einem Gott zu gehorchen, wenn wir immer wieder scheitern? Sind nicht die Götter dieser Welt doch stärker? Vielleicht ist der Lobgesang auf den ersten Seiten der Bibel aber nicht nur ein Loblied, nicht nur ein Klagegesang, sondern auch ein Protest-Song, mit dem wir immer und immer wieder an das erinnern, was gilt, dass Gott hat uns geschaffen, nach seinem Bild, dass wir in seinem Namen hüten sollen, was auf Erden lebt, dass wir uns nicht fürchten müssen vor den aufgeblähten Götzen, auch denen in unserer Zeit. Sie gehören in die alte Welt. Sie sind vergänglich. Singen wir gegen die Angst an, gegen die Verzweiflung, gegen die Verunsicherung. Die Priester in Babylon ahnten wohl, dass die ewigen Wahrheiten nicht durch gelehrte Vorträge, sondern mit einfachen Liedern ins Gedächtnis und in die Herzen der Menschen geschrieben werden. Singen wir die Glaubensliede von der neuen Welt, auf die wir hoffen. Vertrauen wir der Macht, die in ihren Worten wohnt. Es sind die Lieder, die besingen, was uns hoffen lässt, die von der Macht der Liebe erzählen, die den Stein vom Grab gesprengt hat, damit der erste der neuen Schöpfung auferstehen kann, damit die neue Kreatur, die neue Schöpfung, geboren werden kann und damit ins Rollen kommt, was sich dereinst vollenden wird. Amen.
© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 8.5.2022


Hirte sein. Hirte werden. Predigt über Joh.21,15-19 am Sonntag Miserikordias Domini

„Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus:  Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer! Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm:  Weide meine Schafe! Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er  zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge,  du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hin wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst. Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!“


Es ist sehr früh am Morgen. Die Luft ist klar und noch kalt von der Nacht. Nur die Wellen des Sees schlagen gegen das Boot, das am Ufer liegt. Die Männer sitzen schweigend um das Lagerfeuer. Es spendet wohlige Wärme. Der Geruch gebratener Fische hängt noch in der Luft. Gerade haben sie gefrühstückt. Die ganze Nacht haben sie gefischt und nichts gefangen. Richtig niedergeschlagen waren sie. Bis sie den Fremden gesehen haben. Er stand am Ufer. „Fahrt noch einmal hinaus und werft die Netze zur rechten Seite aus. Dann werdet ihr genug fangen“, hat er zu ihnen über das Wasser gerufen. Ein Rat wider alle Vernunft. Keiner würde das machen, der etwas vom Fischen versteht. Wenn schon in der Nacht keine Fische ins Netz gegangen sind, dann wird das am Morgen auch nichts mehr mit einem guten Fang. Und dennoch tun sie es. Sie werfen die Netze aus und können sie dann gar nicht mehr einholen, so voll sind sie mit zappelnden Fischleibern, die in der Morgensonne silbern glänzen.  Da steigt eine Erinnerung auf. Haben sie so etwas nicht schon einmal erlebt? Hat einst Jesus nicht ebenfalls…? Damals! „Es ist der Herr!“ ruft jetzt einer. Das war der Jünger, den Jesus lieb hatte. Johannes. „Es ist der Herr!“ Da erkennen sie ihn alle. In der Tat. So einen Rat kann schließlich nur einer geben. Einen Rat, wider alle Vernunft, ein Rat, der einem das Glauben lehrt. Petrus springt ins Wasser und schwimmt ans Ufer, dem Herrn entgegen.
Dort brennt schon das Feuer. Schnell sind die Fische gebraten. Gemeinsam essen sie sich satt. Dann sitzen sie schweigend da. Die Jünger wagen kaum zu dem hinzusehen, der ihnen beides zugleich ist, fremd und vertraut. Und ganz besonders einer kann ihm nicht in die Augen schauen. Petrus, der Fels. Oder sollte man ihn anders nennen? Etwa:Petrus, das Großmaul? Oder Petrus, der Angsthase. Oder Petrus, der Verleugner? Obwohl er ihm gegenübersitzt, wagt er es nicht, den Blick zu heben. Da ist etwas, was ihn bedrückt, den Fischer Simon. Da ist die Erinnerung an die eine Nacht im Hofe des Hohenpriesters. „Ich kenne ihn nicht!“ hat Petrus damals gesagt. und um sein Leben gezittert. Jetzt sitzt er dem Herrn gegenüber und kann ihm nicht in die Augen schauen. „Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber als die anderen?“  Ich stelle mir vor, wie Petrus erschrickt. Die Antwort fällt schwer. Die anderen können sie kaum hören. Aber das ist auch nicht nötig. Es genügt, wenn sie der eine hört, für den sie bestimmt ist. „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe“. Das sagt Petrus, der Fels, auf dem Jesus seine Kirche erbauen wollte und der in der Stunde der Bewährung versagt hat.  Nun am Morgen nach Ostern sitzen sie wieder beisammen. Und Jesus stellt Petrus die Frage zum zweiten und dann zum dritten Mal: „Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb.“ Und immer noch will die Antwort nur schwer über die Lippen des Fischers kommen. „Ja, Herr, du weißt es. Du weißt doch, dass ich dich lieb habe.“ Und mit jeder Frage  hört sich die Antwort noch etwas erbärmlicher an als vorher. Auf die Frage folgt aber kein Vorwurf.  Etwa in der Art: „Wenn du mich lieb hast, warum hast du mich dann damals verraten?“ Kein Tadel. Keine Demütigung. Nicht einmal ein ausführliches Schuldbekenntnis verlangt Jesus. Petrus muss sich nicht erniedrigen. Er erhält einen Auftrag. Der Gute Hirte vertraut ihm, dem Versager, die Herde an. Auf jede Frage Jesu folgt die gleiche Antwort des Petrus. Und auf jede Antwort des Apostels der  Auftrag Jesu: „Weide meine Lämmer! Weide meine Schafe! Weide meine Schafe!“ Ist uns nicht allen ein ähnlicher Auftrag gegeben? Sollen wir nicht auch Hirten sein für Menschen, die uns in die Obhut gegeben sind? Menschen, mit denen wir unter einem Dach leben oder mit denen wir zusammen arbeiten. Menschen, für die wir sorgen sollen, die unseren Rat brauchen, unseren Trost, unsere Führung oder Hilfe?
Die Begegnung mit Petrus zeigt uns, wie Jesus also mit uns fehlerhaften und ganz und gar nicht perfekten Menschen umgeht. Er nimmt sie an und sendet sie erneut aus mit einem Auftrag. Er wendet sich nicht ab. Er sendet sie aus in ein neues Leben. Da spürt Petrus, wie die Last von ihm fällt. Die Last der Schuld, die ihn bedrückt. Dieses ständige Wissen, im entscheidenden Augenblick versagt zu haben, den besten Freund im Stich gelassen zu haben, liegt wie ein Schatten auf seinem Leben. Aber dieser Schatten weicht jetzt zurück. Es kann wieder hell werden im Leben des Petrus. Er weiss, dass ihm verziehen ist. Er ist mit Jesus im Reinen und er ist mit sich selbst im Reinen. Und er erhält eine Lebensaufgabe. Er soll sich auf den Weg machen in ein neues, versöhntes Leben das seine Kraft schöpft aus der Begnadigung. Jesus ermöglicht Petrus einen neuen Anfang. Und er vertraut ihm die Herde an. Er vertraut ihm die Menschen an, denen er von Jesus erzählen, die er zum Glauben an Jesus führen soll. „Weide meine Schafe!“ Das bedeutet: sorge für sie. Lass sie nicht im Stich. Steh ihnen bei. Tröste sie, wenn sie traurig sind. Stärke und ermutige sie, wenn sie schwach werden. Lass sie nicht allein, wenn sie einsam sind. Zeige ihnen den Weg zur Wahrheit und zum Leben.
Am Ufer des Sees wird Petrus von Jesus ein neues Leben geschenkt. Es ist ein Leben aus der Gnade. Deshalb ist die Geschichte eine Ostergeschichte. Nicht nur, weil sie von der Begegnung mit dem Auferstandenen berichtet. Sie wird zur Ostergeschichte, weil sie davon erzählt, wie Leben möglich wird und wie Schuld verarbeitet und überwunden wird. Durch Vergebung, durch einen Neuanfang. Das macht mir Hoffnung. Was den Menschen vielleicht nicht gelingt, dieses Wunder kann der Auferstandene vollbringen, er kann vergeben, er kann begnadigen und er kann Menschen zu einer neuen Lebensaufgabe führen. Gelassenheit und Vertrauen lehrt mich die Geschichte, vor allem, wenn ich auf mein Leben schaue, auf meine Glaubenstreue, auf meine Stärken und Schwächen und wenn mir klar wird, das ich nicht immer so gelebt habe, wie ich hätte leben sollen, dass ich Fehler gemacht habe, falsche Entscheidungen getroffen, den falschen Leuten vertraut habe und so weiter. Vielleicht gehört das zum Leben dazu, diese Erfahrung. Sie bleibt wohl keinem erspart, die Erfahrung, dass man Schuld auf sich lädt, dass man untreu wird, entweder sich selbst und manchmal auch anderen gegenüber. Und dann sitzt man da und kann nur bedrückt zu Boden blicken. Wie soll man damit nur klar kommen.
Die Geschichte lehrt mich, dass es nicht darauf ankommt, wie stark mein Glaube, sondern wie groß Gottes Liebe ist, groß und kräftig genug, um mich durch mein Leben hindurch zu tragen, um mich auszuhalten und mir einen neuen Anfang zu ermöglichen. Nicht auf meine Treue zu Gott kommt es an, sondern auf seine Treue zu mir. Er lässt mich nicht im Stich, wenn es um mich dunkel wird.  So sagt es Jesus zu Petrus: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hin wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst...“
Geheimnisvoll ist diese Wort und vielleicht beängstigend. Ein Hinweis auf den Tod des Apostels soll dieses Wort sein, sagen die Gelehrten. Für mich ist es zunächst ein Fingerzeig. Das Wort beschreibt den Weg, den ein Mensch gehen muss, um weise zu werden. Am Anfang ist der Mensch von sich selbst überzeugt, voller Tatkraft. Er gürtet sich selbst. Er schnürt sein Bündel, wann er will. Er ist sein eigener Herr, unabhängig, lässt sich nichts sagen. So einer war Petrus, früher, vor dem Karfreitag, durch und durch von sich überzeugt. Der weise Mensch lebt aus dem Vertrauen auf Gottes Gnade. Er muss das Urteil nicht mehr fürchten, das andere über ihn und sein Leben sprechen. Er birgt sich in der Obhut des guten Hirten, der ihn ins Leben trägt. Deshalb kann der neue Mensch, der begnadigte Mensch, seinen Weg weitergehen, voll Hoffnung und Freude und Selbstachtung. Er lebt von seiner Liebe, aus der Vergebung und Neuanfang kommen. Mich macht diese Geschichte demütig. Sie bewahrt mich auch, schnell zu urteilen über andere, von denen ich enttäuscht sein müsste.
Petrus hat die Erfahrung machen dürfen, dass ihm der Gute Hirte vertraut, trotz allem. Petrus hat den Auftrag bekommen, diese Erfahrung weiterzugeben. Und vielleicht dürfen wir sie mit ihm teilen, früher oder später, die Erfahrung, wie das ist, versöhnt mit Gott in dieser Welt leben zu dürfen, mit dem guten Ziel vor Augen, dem ewigen Leben bei Gott. Es ist befreiend. Wer so lebt, kann auch versöhnt zurückschauen auf sein bisheriges Leben, auf den Weg, der zurückliegt mit seinen Höhen und Tiefen, mit den Erfolgen und Enttäuschungen. Wer so lebt, kann auch annehmen, was in seinem Leben nicht gut war. Er kann sich dem Guten Hirten anvertrauen und um Wegweisung bitten. Wer so lebt, muss nicht vollkommen sein. Wer so lebt, lebt in der Obhut des Guten Hirten. In der Taufe  ist uns versprochen worden, dass  Jesus uns dieser Guter Hirte sein will. Einer, der für uns da ist. Amen.
© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 1.5.2022


Die guten Kleider. Predigt über Kolosser 2,12 – 15 am Sonntag Quasimodogeniti 
In meiner Kindheit war der Sonntag nicht unbedingt mein Lieblingswochentag. Das lag am Sonntagsgewand. Am Sonntag war die gute Hose Vorschrift und ebenso ein frisches sauberes Hemd. Der Sonntagshemdkragen hat immer etwas gekratzt. Und die gute Hose war unbequem. Sie durfte auf keinen Fall schmutzig werden. Am Sonntag war schließlich Kirchgang angesagt und manchmal auch ein Verwandtenbesuch. Irgendwann ist es aber dann doch geschehen. Das Hemd hatte am Abend einen Fleck und die Hose gelegentlich ein kleines Loch und ich konnte  abends meiner Mutter nicht erklären, wie der Fleck auf das Hemd und das Loch in die Hose gekommen waren. Sie waren halt einfach auf einmal da.
Am  Sonntag nach Ostern muss ich  an die Sonntagsgewänder meiner Kindheit denken, weil er  weißer Sonntag genannt wird.  In der frühen Kirche wurden die Erwachsenen in der Osternacht getauft. Eine Woche lang haben sie ihre weiße Taufgewänder in den Gottesdiensten getragen und erst am Sonntag nach Ostern gegen die übliche Kleidung ausgetauscht. Die Taufkleider symbolisieren das neue Leben, das uns durch die Taufe mit Christus geschenkt wird. Aber auch die sprichwörtlich „weiße Weste“ unserer Seele, mit der wir in dieses Leben  hineingeboren werden, zieht mit der Zeit die Flecken an, wie ein weißes Hemd die Soßenspritzer. Wenn wir gefragt würden, wie sie denn da hingekommen seien, müssten wir wohl beschämt zu Boden blicken und die Antwort schuldig bleiben. Das liegt daran, dass wir immer wieder mal, salopp gesagt, Mist bauen, etwas verbocken, den Karren in den Dreck fahren. Das geschieht nicht immer mit Absicht. In den meisten Fällen passiert es einfach. Es müssen nicht immer Kapitalverbrechen sein, die zur Katastrophe führen. Es genügen schon die kleinen hässlichen Dinge, die das Leben schwer machen. Da sagen wir mal ein unbedachtes Wort und schon haben wir jemanden tief gekränkt. Wir schätzen uns falsch ein, trinken ein Glas mehr als uns gut tut und bauen einen Unfall. Vielleicht nur ein Blechschaden, aber doch mit einer Menge Ärger und einem hohen Bußgeld. Aus einem harmlosen Flirt wird mehr, es kommt zum sprichwörtlichen Fehltritt und eine Beziehung geht in die Brüche, Freunde entfremden sich, der Blick wird eisig, man wechselt auf die andere Straßenseite, wenn man sich begegnet oder  man legt wortlos auf, wenn der andere anruft. So kommen die Flecken auf die weiße Weste unserer Seele, die großen und die kleinen, und mit der Zeit läppert sich da etwas zusammen. Natürlich kann man sich dann einreden, dass das alles ja gar nicht so schlimm ist, das machen die andern doch auch, da gibt es Schlimmeres. Trotzdem, wenn wir ehrlich sind, sind wir nicht so recht zufrieden mit uns selbst, wir spüren, dass da etwas nicht mehr stimmt, in uns und mit uns und mit unserem Leben. Es fehlt uns dann der innere Frieden und ein wenig sehnen wir uns zurück nach der Zeit mit der lupenreinen Weste. Ach, wenn man doch nur die Zeit zurückdrehen könnte. Nochmal von vorne anfangen und dann ohne diese Fehler und Fehltritte. Aber das geht eben nicht. Die Flecken bleiben, sie fressen sich hinein in den Stoff des Lebens und werden ein Teil von uns selbst. So werden wir einmal hintreten vor unseren Schöpfer. Eigentlich sind das keine schönen Aussichten. Heute erfahren wir, wie wir weiterleben können, mit diesen Flecken, mit der Schuld, ohne sie zu verharmlosen, aber auch, ohne an ihnen zu zerbrechen.
Dazu hören wir auf einen Abschnitt aus dem Brief an die Gemeinde in Kolossä. Das war eine Stadt in Kleinasien, einem Gebiet, das heute zur Türkei gehört. Heidenchristen lebten dort, also getaufte Heiden. Es wird heute bezweifelt, ob Paulus wirklich der Verfasser dieses Briefes ist. Dieses Schreiben unterscheidet sich in Stil und Inhalt von seinen anderen Briefen. Aber das spielt jetzt eher eine untergeordnete Rolle. Es geht darum, was den Christenmenschen hilft, mit dieser Erfahrung umzugehen, dass die weiße Lebensweste Flecken bekommt, dass wir Schuld auf uns laden, größere und weniger große, Schuld, die uns bedrückt, die uns zu schaffen macht. Wir erfahren, warum wir trotzdem an der Hoffnung festhalten können, dass am Ende alles Gut wird mit unserem Leben und mit uns selbst. Das hat mit unserer Taufe zu tun und mit dem, was wir an Ostern gefeiert haben. 
Im 2. Kapitel lesen wir:

Mit ihm (Jesus Christus) seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden … , und hat uns vergeben alle Sünden. Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Die Taufe! Das ist mehr als nur eine festliche Familienfeier in der Kirche mit anschließendem Kaffeetrinken. In der Taufe wird der Lebens - und Glaubensweg der Christen abgebildet, wenn auch heute nur sehr schüchtern und andeutungsweise. In der Taufe wird unser Weg vorweg genommen, unser Tod und unsere Auferstehung. Das möchten wir vielleicht gerne ausblenden. Gerade, wenn wir Kinder zur Taufe bringen, sprechen wir nicht gerne vom Tod. Aber wir taufen unsere Kinder in eine vom Tod überschattete Welt hinein. In einem neueren Tauflied heißt es: „Kampf und Krieg zerreißt die Welt, einer drückt den andern nieder. Dabei zählen Macht und Geld, Klugheit und gesunde Glieder. Mut und Freiheit, das sind Gaben, die wir bitter nötig haben.“ (EG 576) Kampf und Krieg erleben wir im Augenblick hautnah durch die tragischen Fernsehbilder vom Krieg in der Ukraine, keine zwei Flugstunden von uns entfernt. Kampf und Krieg erfahren wir aber auch in immer wieder in unserem Umfeld. Es geht nicht immer friedlich zu in unserem Leben, im Miteinander in den Familien, im Alltag. Es herrscht Konkurrenzdenken und gegenseitiges Ausbooten. Es geht darum, vorne dran zu sein, besser zu sein, Sieger zu sein.
Bei den Kolossen war es die Angst vor unsichtbaren Mächten, die sich der Christen bemächtigt hat. Sie fürchteten den Einfluss der Sterne, von Engelwesen oder anderen Kräften und glaubte, sich vor ihnen schützen zu müssen, zum Beispiel, indem sie streng fasteten oder sich kasteiten. Heute bestimmen andere Kräfte unser Leben. Macht und Geld werden zum Symbol für alles, worauf sich das Leben in diesem Land sich zu gründen scheint.  Wie groß die Furcht der Verantwortlichen in unserem Land doch ist, dass dieser Krieg uns wirtschaftlich in den Abgrund reißt. Sie scheint uns zu lähmen, diese Furcht. Mich beschämt es aber auch, wenn ich daran denke, welche Sorgen uns umtreiben und welche Sorgen sich beispielsweise auf die Herzen der Menschen von Mariupol legen. „Mut und Freiheit das sind Gaben, die wir bitter nötig haben…“ singen wir im Tauflied. Mut und Freiheit sind die Gaben, die Gott uns schenken will, die Ausrüstung für unseren Weg in das Leben. Gott hat durch die Christus alle Mächte, die unser Leben einschränken, entmachtet, schreibt der Verfasser unseres Briefes. Wie man früher die Besiegten in einem Triumphzug vor sich hergetrieben hat, so werden sie öffentlich zur Schau gestellt, lesen wir in diesem Brief. Jeder soll sehen, dass sie keine Macht mehr haben!
Mut und Freiheit, das sind Gaben, die wir bitter nötig haben. Diese Liedzeile klingt fast wie ein Seufzer, ein Hilferuf. Gib uns diese Freiheit, Gott. Gib uns den Mut, damit wir frei werden. Und da komme ich zum Ostergeschenk, das uns Gott macht. An Ostern hat er uns die Freiheit geschenkt. Mit dem Stein, der vom Grab gerollt wird, fallen auch die Steine von der Seele, die uns beschweren, fällt die Angst, fällt die Verzweiflung von uns. Was uns gefangen nimmt, was uns belastet, was uns herunterziehen will in die Fänge des Todes, das ist entmachtet. Wir sind frei für ein neues Leben. In der Taufe wird uns dieses Leben zugesprochen. Wir sagen ewiges Leben dazu. Es beginnt nicht erst nach dem Tod, wenn das Herz aufhört zu schlagen. Es beginnt schon jetzt. Wenn das Herz zu schlagen beginnt und wenn sich das Herz dem Namen Jesu öffnet und allem, was  wir mit dem Namen Jesu verbinden, Liebe, Barmherzigkeit, Demut, Hingabe und Vertrauen.
Den Weg in das Leben gehen wir im Vertrauen. Wir trauen nicht unserer eigenen Kraft. Wir trauen Gottes Kraft. Es ist die Kraft, die den Stein vom Grab gesprengt und Jesus ins Leben gerufen hat. Es ist die Kraft, die auch uns ins Leben führt. Der Apostel wirbt in Gottes Namen um unser Vertrauen. Wir sollen wegschauen von dem, was uns Angst macht und hinschauen auf den, in dem das Leben erschienen ist. Mit den Flecken auf unserer ehemals weißen Westen brauchen uns dann nicht mehr zu beschäftigen. Wir werden wie neugeboren, ohne, dass das Rat der Zeit zurückgedreht werden muss. Wie neugeboren werden Menschen, die zu neuer Hoffnung finden, zu neuem Glauben, zu neuem Lebensmut. Die Enttäuschungen und das Leid sind nicht einfach vergessen. Die Tränen sind nicht vergessen. Auch nicht die Schuld, die Flecken, die Widersprüche in meinem Dasein. Mit Christus begraben und auferstanden sein in der Taufe bedeutet, den Schritt in das neue Leben zu wagen, hin zu einer lebendigen Hoffnung, in der nicht mehr gilt, was ich war, sondern was ich bin, ein neugeborenes Kind Gottes.
Fange nie an aufzuhören und höre nie auf, anzufangen. Der gelehrte Heide Cicero hat das einmal gesagt. Das könnte auch das Lebenswort eines Christen sein, der zu dieser lebendigen Hoffnung wieder geboren ist, der wie ein neugeborenes Kind Gottes lebt, er muss sich nicht festlegen lassen – auf alte Fehler, auf sein Versagen, auf begangene Schuld.  Er kann täglich neu anfangen zu leben. Von den ersten Mönchen, die in den ersten Jahrhunderten nach Christus in der ägyptischen Wüste lebten und beteten, wird berichtet: sie machten täglich gute Anfänge und dankten Gott in allem.  Machen wir es ihnen nach. Machen wir einen guten Neuanfang im Gottvertrauen. Vielleicht können wir dann die folgenden Worte eines Osterliedes ebenfalls zu unseren eigenen machen:  Wenn ich des Nachts oft lieg in Not, verschlossen, gleich als wär ich tot, lässt du mir früh die Gnadensonn aufgehn: nach Trauern Freud und Wonn. Halleluja. Amen.
© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 24.4.2022



Vorbilder. Predigt über Jona 2,3-10 am Ostermontag zur Konfirmation in Hafenpreppach.

Heute ist Ostermontag. Wir feiern die Auferstehung Jesu. Und wir feiern  eure Konfirmation. Die beiden Feste verbindet etwas miteinander. Ostern und Konfirmation sind Lebensfeste. Früher haben viele nach ihrer Konfirmation die Schule verlassen und einen Beruf gelernt. So einen krassen Schnitt vollziehen heute nur noch die wenigsten. Wie ich aber schon eingangs gesagt habe, bedeutet die Konfirmation, dass ihr einen gewaltigen Schritt nach vorne macht, hin zu mehr Verantwortung für euer Leben. Da ist es gut, Vorbilder zu haben, an denen man sich orientieren kann.  Gute Vorbilder sind Menschen, die einem im Leben weiterhelfen, die Halt und Orientierung geben. Heute möchte ich euch einen Menschen vorstellen, der zunächst alles andere als vorbildlich zu sein scheint. Es ist ein Mensch aus dem Alten Testament: Jona. Den kennt ihr von früher, von manchen Unterrichtsstunden in der Schule oder aus Familiengottesdiensten. Jona, das ist der mit dem Fisch. Ich lese ein paar Sätze aus einem Gebet vor, das er gesprochen hat, als er an einem Wendepunkt in seinem Leben stand.
„Jona betete ..  Ich rief zu dem HERRN in meiner Angst, und er antwortete mir. Ich schrie … und du hörtest meine Stimme. Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer, dass die Fluten mich umgaben. Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich, dass ich dachte, ich wäre von deinen Augen verstoßen, ich würde deinen heiligen Tempel nicht mehr sehen. … Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den HERRN, und mein Gebet kam zu dir in deinen heiligen Tempel. …  Hilfe ist bei dem HERRN.“ (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart).
Diese Worte sind heute auch als Predigttext für den Ostermontag vorgesehen. Als ich sie durchgelesen habe, dachte ich mir zunächst,  darüber spreche ich nicht. Diese Worte eignen sich nicht für eine Predigt zur Konfirmation. Ich hab meine Meinung geändert. Ich denke nämlich, dass Jona durchaus ein Vorbild für uns ist. Auch, wenn er sich zunächst gar nicht vorbildlich verhalten hat. Jona war ungehorsam. So etwas sehen Eltern, Lehrer und Pfarrer nicht so gern. Aber Gott hat das ausgehalten. Er hat Jona nicht aufgegeben. Jona wurde von Gott angesprochen. Er sollte sich auf den Weg in eine Stadt machen, auf deren Einwohner Gott richtig sauer war. Das war Ninive. Er sollte  den Leuten dort die Leviten lesen, ihnen das göttliche Strafgericht ankündigen. Aber Jona wollte nicht. „ Soll Gott sich doch einen anderen suchen … “, dachte er sich. Und dann ging er schnurstracks in den Hafen und buchte eine Passage auf dem nächstbesten Schiff, das in die entgegengesetzte Richtung fuhr.An Bord ist Jona unter Deck gegangen, hat die Decke über den Kopf gezogen und ist eingeschlafen. Deshalb hat er gar nicht bemerkt, wie ein Sturm aufzog. So schlimm war der, dass sogar den Seeleuten angst und bang wurde. „Wenn es heftig blitzt und kracht, müssen die Götter ganz schön zornig sein“, dachten sie sich. Langer Rede kurzer Sinn, die Seeleute haben Jona über Bord geworfen. Er selbst hatte ihnen eingestanden, dass er vor seinem Gott davon gelaufen war und dass es Gott wohl wegen ihn krachen und blitzen ließ.
Doch das war noch nicht alles. Als die Wasser über ihm zusammenschlugen, kam ein Seeungeheuer. So müssen wir uns das vorstellen. Kein lustiger Walfisch wie aus der Kinderbibel. Aber diesen Monsterfisch hat Gott  nicht zur Strafe geschickt. Er sollte Jona auch nicht fressen, sondern vor dem Ertrinken bewahren. Gott hielt nämlich fest an Jona. Aber was hat das jetzt damit zu tun, dass Jona ein Vorbild für uns sein kann? Auf Jona können wir schauen, weil Gott an ihm festhält. Jona meint zwar, dass er es besser weiß. Er will unbedingt seinen Kopf durchsetzen. Andere könnten dann sagen: Mach doch, was du willst. Aber glaub bloß nicht, dass du zu mir kommen kannst, wenn du dann scheiterst. Im Gegenteil. Gott hat Geduld mit Jona. Und als es dann so richtig eng für ihn wird, lässt er ihn nicht untergehen. Das ist das eine. An so einen Gott dürfen wir glauben. Ein Gott, der uns die Freiheit lässt, eigene Wege zu gehen, eigene Erfahrungen zu machen, auch, wenn wir Fehler machen. Und dann, als der Karren so richtig feststeckt, als er dann doch Angst bekommt, lernen wir von Jona, was wir machen können. Wir dürfen nach Gott schreien. So wie Jona das gemacht hat, als es um ihn dunkel geworden ist. „Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den HERRN, und mein Gebet kam zu dir …,“ sagt er. Gott ist ganz nah bei uns. Er hat Geduld mit uns, sorgt für uns, selbst, wenn wir andere Wege gehen sollen, als die, die Gott uns weist.
Vorbilder sind Menschen, die mir zeigen, was ich tun kann. Wir Christen haben keine Helden als Vorbilder, für die Angst ein Fremdwort ist, die mutig und stark sind, die keine Schwäche zeigen. Im Gegenteil. Wir schauen auf Menschen  wie Jona. Der musste erst noch seinen Weg finden. Jona zeigt uns, was Vertrauen bedeutet- Es bedeutet, sich führen zu lassen. „Als meine Seele verzagte, gedachte ich an den Herrn…“ sagt Jona.
Ich möchte euch das ans Herz legen, wenn ihr eure Wege geht, dass ihr nicht vergesst, an wen ihr euch immer wenden könnt, wer da ist, selbst wenn ihr meint, dass euch das Wasser bis zur Kehle steht, selbst, wenn ihr glaubt, dass ihr in der Patsche sitzt, so wie Jona im Fisch, ihr seid nicht allein. Gott hält an euch fest, er hat viel mit euch vor. Er hat euch beim Namen gerufen, in der Taufe. Und er hat ein gutes Ziel vor Augen. Da komme ich schon wieder zum Osterfest. Das Ziel, das Gott für uns alle vor Augen hat, ist das Leben.
Jona sollte eine Bote des Lebens werden. Deshalb bringt ihn der Fisch ans Land und spuckt ihn aus. Jetzt folgt Jona dem Auftrag Gottes. Er geht in die Stadt und überbringt den Menschen die Botschaft Gottes. Und die Menschen hören ihm zu. Sie lassen sich von seinen Worten berühren. Sie kehren um, lassen von dem ab, was Gott so erzürnt hat und werden verschont. Eigentlich eine gute Nachricht, oder? Aber Jona ist enttäuscht. Dafür die ganze Mühe? Dass am Ende nichts geschieht? Aber das stimmt eigentlich nicht. Es ist ja etwas geschehen, nur etwas ganz anderes, als Jona dacht hatte. Jona hat ein großes Strafgericht erwartet, ein Spektakel, das ausbleibt. Erlebt hat er Bewahrung und Vergebung. Er hat es an sich selbst erfahren und er sieht es an der Stadt, die verschont wird. Um das besser verstehen zu können, spricht Gott ein letztes Mal zu ihm. „Sollte diese große Stadt mit den vielen Menschen darin mir nicht leidtun?“ Jona soll darüber nachdenken, was Gott gesagt hat. Damit schließt das Buch. Es bleibt offen, zu welchem Ergebnis er kommt. Auch euer Leben ist eine Geschichte mit offenen Ausgang. Sie ist auch ein offenes Buch. Es liegt an euch, welche Entscheidung ihr treffen werdet, wie ihr euer Leben führen wollt, was darin wichtig ist oder unwichtig und welchen Vorbildern ihr folgt.
Wir hören die Geschichte von Jona an Ostern. Wir feiern die Auferstehung Jesu. Deshalb möchte ich euch auch Jesus als Vorbild ans Herz legen. Jona und Jesus erinnern uns daran, an welchen Gott wir glauben. Ein Gott, der das Leben liebt, unser Leben und das Leben der vielen anderen Menschen. Gott hat nicht nur Jona angesprochen. Er hat auch uns angesprochen. Das ist in der Taufe geschehen. Wir sollen in seinem Namen den Menschen von unserem Glauben erzählen. Aber dazu müssen wir auch hören, hinhören auf das, was Gott uns sagt. Es braucht Vertrauen, Gottvertrauen. Gott will uns an ein gutes Ziel führen, das ist das Leben mit ihm. Lassen wir uns von ihm führen? Vertrauen wir seinem Wort? Hören wir hin, wenn er uns anspricht? Und folgen wir ihn? Ich weiß, das sind eine Menge fragen, die ich stelle. Schauen wir auf die Vorbilder, die uns ans Herz gelegt werden, schauen wir auf Jona und auf Jesus. Das Gebet des Jona schließt mit einer Einsicht, die gut tut, die Mut macht, Lebensmut: „Hilfe ist bei dem Herrn.“ Dieses Wort führt mich direkt zu Jesus, denn Jesus heißt frei übersetzt „Gott rettet.“ Ich wünsche euch, dass ihr das nie vergesst, dass ihr das in eurem Herzen bewahrt, „Hilfe ist bei dem Herrn.“  Es gibt keinen Ort und keine Stunde, an denen Gott nicht auf euch wartet, der Gott, zu dem wir Vater sagen dürfen. Ich wünsche euch, dass ihr das in eurem Leben erfahren dürft. Ich wünsche euch, dass es nicht erst dunkel werden muss, um sich an Gott zu erinnern, so wie Jona. Hilfe ist bei dem Herrn. Eine bessere, tiefere und weisere Erfahrung gibt es nicht.  Hilfe ist bei dem Herrn, der uns liebt und der an uns festhält. Und deshalb tut es uns gut, wenn wir auch an ihm festhalten. Amen.
© Pfarrer Stefan Köttig, 18.4.2022


Wenn Steine reden könnten. Eine Predigt in der Osternacht.

Wenn ein Stein sprechen könnte, was würde er uns heute erzählen? Ich meine nicht irgendeinen Stein, sondern einen ganz bestimmten. Er liegt außerhalb von Jerusalem in einem Garten. Und er hat etwas erlebt, was die Welt noch nicht gesehen hat und wohl in dieser Weise auch nicht mehr sehen wird. Es ist der Stein, den jemand mit viel Mühe vor ein Grab gewälzt hatte. Lassen wir ihn zu Wort kommen, diesen Stein. Vielleicht würde er so beginnen: Ich habe keinen Namen. Ich weiß auch nicht, wie alt ich bin oder wie ich hierher gekommen bin. Ich war schon immer da, in dieser Gegend. Die Landschaft und ich, wir gehören zusammen. Ich spüre die Hitze der Sonne nicht, die im Sommer tagsüber gnadenlos herunterbrennt. Mich stört auch die Kälte nicht in der Nacht. Und der Regen macht mir nichts aus, der  Früh - und der Spätregen, beide langersehnt und kostbar.
Meine Aufgabe war nicht gerade angenehm. Ich sollte eine Höhle verschließen, die sich ein vornehmer Ratsherr, in einen Fels hatte hauen lassen. Sie sollte sein Grab werden. Bei unseren Temperaturen ist es schon wichtig, dass dieses Grab dann auch gut verschlossen wird, sie wissen schon, der Geruch und so. Aber die Höhle hat schließlich nicht den frommen Ratsherren aufgenommen. Ich glaube, er hieß Josef, ja genau, Josef von Arimathäa. Vielmehr hat man einen anderen dort hineingelegt, in aller Eile. Einen, den man zuvor ans Kreuz geschlagen hatte. Jesus war sein Name. Ja genau, der aus Nazareth. Weil es Abend wurde und der Sabbat im Anbruch war, haben ihn zwei Männer hastig in das Grab gelegt. Josef von Arimathäa und Nikodemus. Dieser hatte Myrrhe und Aloe mitgebracht und zwar eine ganze Menge. Die beiden Männer haben den Leichnam schweigend in Leinentücher gewickelt und immer wieder etwas von den kostbaren Duftharzen zwischen die Tücher gegeben. Endlich waren sie fertig. Was haben die gekeucht, als sie mich vor den Höhleneingang rollten. Die beiden Frauen haben sie gar nicht beachtet. Die saßen dem Grab gegenüber und weinten um diesen Mann aus Nazareth, den die einen für den Messias gehalten haben und die anderen für einen Aufrührer.
Dieser Jesus konnte es nicht lassen, gut zu sein zu den Menschen. Und er konnte es nicht lassen, die zu kritisieren, die das gar nicht vertragen können, dass einer die Wahrheit sagt und tut. Er hatte einigen von den Einflussreichen immer wieder in die Suppe gespuckt. Er hat sie entlarvt, hat ihre Oberflächlichkeiten und ihre Widersprüche aufgedeckt. Das konnten sie nicht ertragen. Da haben sie ihn aus dem Weg geräumt. Ein paar falsche Anklagen und eine aufgestachelte Menge hatten gereicht, um ihn mundtot zu machen, um ihn einen qualvollen Tod sterben zu lassen. Aber so ist das nun mal in dieser Welt, wenn man an den richtigen Stellen sitzt, die richtigen Hebel bewegt, dann kann man sich die Unliebsamen und Unbequemen vom Hals schaffen. Solche wie diesen Jesus aus Nazareth. Ach, wie gut, dass ich ein Stein bin und kein Mensch. Wie gut, dass ich keine Gefühle habe und keinen Mund. Ich könnte sonst schreien!
Ich war schon immer ein Stein und ich bin stolz darauf. Steine werden gebraucht in dieser Welt. Man baut Häuser damit, Paläste und Tempel. Dazu werden wir von Handwerkern bearbeitet und in Form gebracht. Ich beneide meine Geschwister auf dem Tempelberg. Sie sind zu einem Gotteshaus geworden. Und dann gibt es Steine wie mich und die braucht man auch. Ich bin ein Grabstein. Ich trenne die Toten von den Lebenden. Ich schaffe Fakten. Harte und unerbittliche. Wer einmal im Grab liegt, gut verschlossen von mir, mit dem ist es aus und vorbei. Das wissen die, die auf der anderen Seite stehen und weinen. So ist es in dieser Welt, für die ich stehe. Es wird geklagt, gelitten und gestorben und dann bin ich da und mach den Deckel drauf. Aus und vorbei. Das ist der Lauf der Welt. Wie gut, dass ich kein Mensch bin, sondern ein Stein. Ich werde auch noch da sein, wenn die Menschen, die ich einschließe, zu Staub zerfallen sind. Ich stehe da, verschließe ihre Gräber. Ein Ordnungshüter bin ich. Ich achte darauf, dass alles so bleibt, wie es ist. Nichts kann mich bewegen. So war das bis in jener Nacht, in der mich etwas buchstäblich umgehauen hat.
Ich weiß gar nicht, was da  genau geschehen ist. Ich habe nur eine Kraft gespürt, unheimlich, unglaublich. Gegen dieses Macht bin ich ein Leichtgewicht. Diese Kraft hat mich beiseite geschoben. Einfach so, als ob ich eine Feder wäre. Weil ich keine Augen habe, kann ich gar nicht sagen, wie das genau geschehen ist. Ich kann nur wiedergeben, was ich erfahren,  was ich erlebt habe. Da war Freude. So mächtig und gewaltig, dass sogar ich diese Freude gespürt habe. Ich wusste zwar, dass man zum Steine erweichen weinen kann. Aber das man sich auch zum Steine erweichen freuen kann, das musste ich noch lernen. Diese unglaubliche und unsagbare Freude hat mich einfach beiseite gerollt. Mich, den Stein. Was hab ich mich da geschämt. Und dann bin ich auch noch gesehen worden.
Da waren wieder die Frauen vom Vorabend. Die sind zum Grab gekommen, als die Nacht in den Tag übergangen ist. Normalerweise wären sie an mir gescheitert. Ich wäre die unüberwindbare Hürde gewesen. Ich und der Tod. Aber das war ich nicht mehr. Ich war nicht mehr dort, wo ich hätte sein sollen. Wie gesagt, da war eine Kraft, die hat mich beiseite geschoben und die alte Ordnung ausgehebelt, für die ich bisher gestanden habe. Jetzt ist nichts mehr so, wie es einmal war. Im Abseits liegend habe ich ein Wunder miterlebt und zum ersten Mal bedauert, dass ich kein Mensch bin. Ich habe miterlebt, wie die Hoffnung ins Herz zurückkehrt, wie diese Steine erweichende Freude sich einnistet in die Herzen, wie aus Weinen Lachen wird und wie Menschen neuen Kraft bekommen, neue Lebenskraft und neuen Lebensmut. Wie das geschehen ist? Durch ein Wort, eine Botschaft, die diese Frauen gehört haben. Da waren Boten, himmlische Mächte, die mit den Frauen gesprochen haben. Ich habe zwar keine Ohren, aber ich weiß dennoch, was sie gesagt haben, diese Himmelsboten: „Ihr sucht Jesus. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden. Seht, das Grab ist leer, wo er gelegen hat.“ Unglaublich. Aber wahr! Und da habe ich verstanden, was in dieser Nacht geschehen ist. Da ist jemand entmachtet worden, für den ich bisher gearbeitet habe - der Tod. Die Fakten, die er bisher geschaffen hat und die ich zentnerschwer besiegelt habe, die sind außer Kraft gesetzt worden. Es sind neue Fakten geschaffen worden. Es sind die Fakten der Liebe, die den Tod überwunden hat.
Die Frauen sind die ersten, die es mitbekommen haben, dass Gott neue Fakten geschaffen hat in dieser Welt. Gott hat Fakten geschaffen, indem er Jesus auferweckt hat. Er hat ihn nicht wiederbelebt, sondern er hat ihn auferweckt. Er hat ihn in ein neues Leben hinein auferweckt. Und in diesem neuen Leben soll all das gelten, was dieser Jesus auf Erden gesagt und getan hat. Es soll die Liebe gelten, das Recht und die Barmherzigkeit, alles, worüber die Mächtigen in dieser Welt lachen oder was sie sich zurecht biegen. Und noch etwas: mit dieser Auferweckung ist eine neue Hoffnung in dieses Leben hineingewachsen, so wie sich manchmal eine zarte Pflanze zwischen Steinen wie mich hindurchzwängt. Wer nur mit den Augen sieht, die er im Kopf trägt, seiht nur das Grab und die Steine davor. Wer mit den Augen des Herzens sieht, erkennt das Wunder, das geschehen ist und spürt, wie sich die Hoffnung ihren Weg in das Herz bahnt. Und dann gehen die Augen auf und die Menschen sehen den Pfad, klein und unscheinbar vielleicht, aber doch klar zu erkennen. Es ist der Pfad, der ins Leben führt, ins wahre Leben, wo Steine keine Gräber mehr verschließen. Dieser Pfad heißt Glaube. Und wer ihm folgt, den können auch Steine wie ich nichts mehr anhaben. Das habe ich erlebt, in dieser Nacht. Eigentlich wäre ich jetzt auch lieber ein Mensch und kein Grabstein, weil die Menschen ein Herz haben, in dem seit jener Nacht eine starke Hoffnung wohnt. Amen.
© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 16.4.2022



Jesus weint - Gedanken zur Todesstunde Jesu 

Wir leben in einer tränenreichen Zeit. Viele Bilder von weinenden Menschen begleiten mich durch diese Tage. Ich denke an die Abschiedsszene eines jungen Vaters, der in die Knie geht und weinend sein Kind umarmt. Er wird in den Krieg ziehen.  Ob sie sich jemals wiedersehen? Ich denke an die ältere Frau aus Butscha, die vor einem Kamerateam in Tränen ausbricht. Ihren Sohn hat sie gerade notdürftig begraben. 27 Jahre ist er geworden. Er wurde erschossen. Einer von vielen. Und dann sind da die vielen Tränen, die nachts geweint werden, auch in unserem Land, das dem Krieg noch so fern scheint. Auch wir müssen immer wieder Abschied nehmen von Menschen, die uns lieb und teuer sind und die der Tod uns genommen hat, durch einen Unfall, oder nach langem Leiden und manche auch nach langem erfüllten Leben. Das Leid, und die Angst, die Schatten, die der Tod wirft, legen sich auf uns und treiben uns Tränen in die Augen.
Unsere Tränen graben sich ein und hinterlassen Spuren auf dem Antlitz des Menschensohnes, das wir heute betrachten. Wir sehen Christus, den Gekreuzigten. Es handelt sich um einen Bildausschnitt vom sogenannten Pestkreuz aus der Kirche San Marcello al Corso aus Rom. Vor zwei Jahren, nachdem die Corona - Pandemie die Welt bereits fest im Griff hatte, ließ es Papst Franziskus in den Vatikan bringen, um davor auf dem für die Öffentlichkeit gesperrten Petersplatz zu beten. Das war am 27. März 2020. Der Senderbeauftragte der Bayrischen Bischöfe, Monsignore Erwin Albrecht, beschreibt die Atmosphäre, in der dieses Gebet vor den Augen der Welt stattgefunden hat, mit den folgenden Worten:
„Der Himmel fiel aus allen Wolken. … Alles nass! In den Pfützen auf dem Petersplatz spiegelten sich unzählige Lampen. Und während aus den Wolken die Regentropfen wie die gesammelten Tränen der ganzen Menschenwelt unaufhörlich auf den Platz nieder prasselten, war da ein weißer Punkt, ein Mensch, der sich davon berühren ließ, der sich allein und ohne Schirm … über den nassen Platz bewegte, ohne Gepäck und doch beladen mit den Sorgen, die die Menschheit in diesen Stunden verbanden. … Eindrucksvoll schafften es die Kamerakollegen, das Gesicht des Gekreuzigten immer wieder ins Bild zu setzen. Auf diesen Christus am Kreuz sollte die Welt an diesem Abend schauen. Er war da mitten in der Leere. Von seiner Dornenkrone tropfte ihm das Wasser auf Nase, Wangen, Kinn und Brust Es hätten auch Schweiß, Tränen und Blut sein können. …“
2020. Die Bilder die uns vor zwei Jahren bewegt hatten, sahen anders aus als die Bilder, die uns heute Angst machen. Aber sie sind ihnen in ihrer Bedrohlichkeit sehr ähnlich. Damals war es der schweigsame nächtliche Zug einer Militärkolonne in Bergamo, mit der die Toten aus der Stadt zum Friedhof transportiert wurden, der sich uns einprägte. Das Bild wurde zum Symbol dieser Zeit. Heute denken wir an andere Militärkolonnen, die sich nur wenige Flugstunden von hier entfernt durch ein Land schieben. Sie bringen die Toten nicht aus der Stadt, sie transportieren den Tod zu den Menschen. Mit diesen Bildern von 2020 und 2022 in Herz und Sinn schaue ich heute auf dieses Bild vor mir. Ich sehe die ausgemergelten Gesichtszüge eines vom Leid geschlagenen Menschen. Die Wangenknochen treten hervor, die Augen halb geöffnet, als ob sie schon in eine andere Welt blicken, die Gesichtszüge scharfkantig. Blutspuren rinnen über die Stirn oberhalb der Augebrauen. Einen Moment lang staune ich, weil mir dieses Gesicht so gar nicht fremd erscheint. Und dann fällt mir ein, wie oft ich schon in dieses Gesicht gesehen habe. Immer dann, wenn ich vor das Lager eines Sterbenden oder gerade Verstorbenen trat.
Dieses römische Kreuz aus dem 14. Jahrhundert wurde 1522, also genau vor fünfhundert Jahren, durch Stadt getragen, als die Pest wütete, bis die Pestepidemie abgeklungen war. Man hat diesem Kreuz heilsame Kräfte zugeschrieben und es deshalb verehrt. Heute leben wir in einer Zeit, in der Menschen am Kreuz eher Anstoß nehmen, statt es zu verehren. Sie fühlen sich durch den Anblick des Gekreuzigten gestört, verunsichert oder auch abgestoßen. Es stimmt, dass das Kreuz uns all die schrecklichen Dinge vor Augen hält die auf dieser Welt geschehen, Kriege, Krankheiten, Epidemien. Das Kreuz Jesu erinnert uns daran, dass die Ursache vieler Tränen beim Menschen liegt. Das Leid, das mit dem aktuellen Krieg über Menschen kommt, ist von Menschen verursacht worden. Aber es gibt gewiss es auch Katastrophen, die als Schicksalsschläge über uns hereingebrochen sind. Das Kreuz erinnert uns daran, dass wir nicht in einer heilen Welt leben, was auch immer Leid verursachen mag. Das Kreuz ist ein Zeichen für beides, für das Leid und die Hoffnung, die wir in dieser Welt haben. Das Kreuz erinnert uns an den Tod, den Christus auf sich genommen hat, an sein Leid, auch an seine Fragen. Stellvertretend dafür sei die Klage des Psalmbeters genannt, die Jesus mit ans Kreuz nimmt. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Das Kreuz ist das Zeichen größter Verlassenheit und Einsamkeit, wie sie nur der Tod über einen Menschen bringen kann. An diesem Kreuz aber hören wir noch andere Worte Jesu. Eines davon lautet: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Am Kreuz geschieht die heilsame Wende, geschieht bereits der Übergang von der Verzweiflung ins Vertrauen. „Es ist vollbracht!“ Mit diesen Worten stirbt Jesu hinein in die Hand Gottes, die ihn auffängt. Was wohl vollbracht ist? Vielleicht, dass mit dem Tod Jesu die Tür wieder aufgestoßen wurde, die bis dahin verschlossen war, der Zugang zu Gott, zugemüllt von menschlicher Schuld, menschlichem Hochmut und menschlichem Versagen, wieder frei gelegt ist. Der Tod verliert seinen letzten Schrecken, seine Endgültigkeit, er wird zum Übergang, zum Eingang ins Leben. Wir fallen in Gottes Hand, wenn wir sterben. Wir stürzen nicht ins Bodenlose.
Das Kreuz ist deshalb ein Zeichen des Trostes. Am Kreuz begegnet uns Gott. Ein Gott mit uns, ein Gott, der unsere Not mit uns teilt. Ein Gott, der in seiner Menschlichkeit unsere Tränen weint. Tränen der Verzweiflung, der Trauer ebenso wie Tränen des Zorns oder der Enttäuschung. Wir glauben an einen Gott, der Mensch geworden ist, um uns nahe zu sein, unsere Schwäche, unsere Ängste und unsere Tränen mit uns zu teilen. Deshalb hat man in der Zeit der größten Not das alte Pestkreuz durch die Straßen der Stadt getragen. Um denen, die an der Pest litten das Zeichen zu zeigen, das Hoffnung und Trost schenkt, selbst wenn menschliche Möglichkeiten der Hilfe an ihre Grenzen stoßen. Auf  das Kreuz schauen wir, wenn auch der Blick von Tränen verschleiert, wenn auch das Herz müde ist und die Seele sich ausgebrannt anfühlt. Das Kreuz erinnert uns daran, dass die Welt niemals gottverlassen ist, auch, wenn uns der Tod etwas anderes einflüstern möchte. Deshalb treten wir unter das Kreuz, wenn wir in unserer Not nicht wissen, wohin mit unseren Tränen, mit unserer Angst, mit unserer Fragen. Wir gehen hin zu dem, der unsere Tränen geweint und unsere Not auf sich genommen hat. Bei ihm finden wir den Frieden, den wir uns selbst nicht geben können. Amen.
© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 15.4.2022


Tut dies zu meinem Gedächtnis. Gedanken zum Gründonnerstagabend in Altenstein
Heute habe ich bei einer Andacht in einem der sozialen Netzwerken folgende Frage gehört: „Was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass du morgen sterben musst!“  Das ist eine Gänsehautfrage. Kann ich das wirklich beantworten? Weiß ich wirklich, was ich tun würde? ich kann es nur vermuten. Von meinem Gefühl her würde ich die Nähe meines Bruders suchen. Ich würde nicht allein sein wollen. Ich würde dort sein wollen, wo ich mich geborgen fühle. Das ist das eine, das ich tun würde. Vielleicht würde ich auch noch versuchen, meine Angelegenheit zu regeln, einen letzten Willen zu verfassen oder Dinge zu regeln, die ich geregelt haben wollte. Ganz sicher aber würde ich wohl am Ende die Nähe Gottes im Gebet suchen. Die letzten Stunden meines Lebens würde ich jedenfalls nicht mit unnützen Dingen verplempern wollen. Aber, wer weiß schon, wann die letzten Stunden anbrechen?
Während ich so darüber nachdenke, wird mir klar, dass Jesus das auch getan hat, was mir gerade so durch den Kopf gegangen ist. Allerdings war das bei Jesus keine theoretische Angelegenheit. Bei ihm war es ganz gewiss, dass der Tod bevorstand. Ein gewaltsamer und äußerst brutales Ende würde ihn erwarten. Jesus wusste das. Und deshalb hat er die letzten Stunden seines Lebens nicht allein sein wollen. Er wollte sie mit den Menschen verbringen, die seinem Herzen nahe standen, die für ihn sein Zuhause waren, seine Familie, die Menschen, bei denen er sich geborgen fühlte. Deshalb hat er mit ihnen ein letztes Abendmahl gefeiert. Und später, im Garten Gethsemane, hat er die Menschen beiseite genommen, die ihm besonders wichtig waren: Petrus, Johannes und Jakobus. „Bleibt hier bei mir und wacht mit mir, wacht und betet“, bat er sie. Jesus wollte in den letzten Stunden seines Lebens nicht allein sein. Das verbindet ihn mit den meisten von uns.
Heute habe ich in unserer regionalen Tageszeitung einen großen Bericht über die Arbeit von Hospizbegleitern aus unserer Region gelesen. Ehrenamtliche Mitarbeiter werden geschult, um Sterbende in den letzten Tagen und Stunden ihres Lebens beizustehen. Ich kenne einige dieser Mitarbeiter von meinen Besuchen im Krankenhaus. Ich bin ihnen unendlich dankbar für ihren Dienst. Sie haben Zeit, setzen sich ans Bett, reden oder schweigen mit den Kranken. Es spielt keine Rolle, ob sie eine halbe oder eine ganze Stunde oder noch länger dableiben. Ich denke, das ist das wichtigste und großartigste Geschenk, das man einen Menschen machen kann, dass man für ihn Zeit hat.  Zeit braucht die Seele, um zu spüren, was gerade dran ist, ob der Kranke sprechen will oder schweigen. Manche Kranke können oder wollen zwar nicht mehr reden, aber sie sind dennoch dankbar, wenn jemand da ist. Sie spüren die Nähe und die tut ihnen gut.
Jesus wollte auch nicht allein sein. Deshalb bat er seine engsten Freunde, bei ihnen zu bleiben. Sie haben ihm diese Bitte nur mangelhaft erfüllen können. Sie sind eingeschlafen.  Als dann die Soldaten kamen, war die Angst zu groß. Sie sind geflohen und haben Jesus im Stich gelassen. Alle. Auch Petrus, der kurz zuvor noch vollmundig versprochen hatte, mit seinem Herrn, wenn es sein muss, in den Tod zu gehen.
Jesus spürt das nahe Ende und will nicht allein sein. Er will die letzte Zeit mit seinen Freunden verbringen. Sie feiern das Passmahl. Die Jünger ahnen noch nicht, dass es ein Abschiedsmahl ist. Als Jesus das Brot bricht und den Kelch reicht, spricht er von seinem Weg und von seiner Bestimmung. „Dieses Brot ist mein Leib, der für euch gebrochen wird. Dieser Kelch ist das neue Testament in meinem Blut, vergossen zur Vergebung der Sünden.“ So regelt er seinen Nachlass. „Tut dies zu meinem Gedächtnis…“ trägt er ihnen auf. Wann immer wir Abendmahl feiern, wann immer wir in seinem Namen das Brot brechen, folgen wir seinem Auftrag. Und wir vertrauen darauf, dass er da ist.
Wir machen das übrigens oft auch im Alltag so. Am Todestag eines lieben Menschen besuchen wir den Friedhof, legen Blumen an das Grab. Oder wir treffen uns und essen miteinander. Und dann erinnern wir uns an den Verstorbenen. Wir erzählen uns Geschichten und erinnern uns. „Weißt du noch, als Mutter damals…“ Oder „Kannst du dich noch erinnern, was Vater immer gemacht hat, wenn…“ Es sind Erinnerungen, wehmütige zuweilen, die den Verstorbenen in die Mitte hereinholen. Das tun wir zu ihrem Gedächtnis. Beim Abendmahl geht das über solche Erinnerungen hinaus. Wir vertrauen auf die Verheißung, die der Herr uns gegeben hat. Er sagt, dass er dort sein will, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind. Deshalb ist das Abendmahl nicht nur ein Gedächtnismahl oder ein Erinnerungsmahl. Wir vertrauen darauf, dass Christus wirklich unter uns ist, unter Brot und Wein, unter den Gaben, die wir austeilen, aber auch in seinem Wort. Wir müssen das nicht verstehen. Es genügt, wenn wir seinem Wort und seiner Verheißung vertrauen. Er ist da und berührt unsere Herzen. Und er tröstet uns.
Wenn wir heute an den letzten Abend denken, den Jesus mit seinen Jüngern verbracht hat, ist das nicht nur eine Rückschau. Es ist mehr.  Es ist ein vertrauensvolles Aufschauen. Jesus ist da. Er ist in seinen Worten gegenwärtig und in dem, was er uns aufträgt. „Tut dies zu meinem Gedächtnis…“ sagt er und meint damit gewiss auch ein bestimmtes Verhalten, nicht nur ein sich Erinnern. Das Johannesevangelium erzählt von einem beeindruckenden Zeichen. Ich verstehe es als Fortsetzung des Heiligen Abendmahls. Es zeigt uns, welches Verhalten aus der Gemeinschaft mit Jesus hervorgeht. Jesus wäscht den Jüngern die Füße. Das war ein niedriger Dienst, den eigentlich nur Sklaven verrichtet haben. Er wollte damit zeigen, dass im Reich Gottes andere Verhältnisse herrschen als in unserer Welt. Es geht um Zuwendung und Liebe und Hingabe, nicht um Hierarchien. Wenn der Sohn Gottes sich nicht zu schade ist, den Jüngern die Füße zu waschen, welche Folgen hat das für mein Leben, für die Prioritäten, die ich setze, für das Verhalten, das ich an den Tag lege, für die Worte die ich spreche? Ich weiß nicht, wie lange ich zu Leben habe und was ich in meinen letzten Stunden genau tun werde. Ich weiß aber schon jetzt, was meinem Leben gut tut. Es tut mir gut, wenn ich seinem Beispiel folge, was ich tue, zu seinem Gedächtnis geschieht. Wir gedenken Jesu, wenn wir einen Sterbenden nicht allein lassen, wir gedenken seiner, wenn wir mit den Weinenden weinen, mit den Lachenden lachen, wenn wir die Hände falten und gegen die Angst anbeten, wenn wir von unserem Glauben erzählen, manchmal vielleicht auch stockend und stotternd und nach Worten ringend  und wenn wir am unser Leben in Gottes Hand legen, am Abend des Tages, erst recht aber am Abend des Lebens, am Abend der Welt. Wir können das nur, weil Jesus es bereits für uns getan hat, weil er alle Einsamkeit, alle Not, alle Angst und alle Verzweiflung auf sich geladen und ausgestanden hat. Und weil er da ist und uns seine Nähe schenkt, weil er da ist und uns hilft, dies alles in seinem Namen zu tun, was wir zu seinem Gedächtnis tun sollen. Amen.
Pfr. Stefan Köttig, Altenstein, 14.4.2022


Jesus setzt ein Zeichen! Predigt zur Konfirmation in Altenstein

Palmsonntag. Die Kirche ist festlich geschmückt. Wir feiern Konfirmation - nach zwei Jahren endlich wieder am Palmsonntag, wie das früher hier üblich war. Im Evangelium für diesen Sonntag hörten wir, wie Jesus in Jerusalem eingezogen ist. Wir sehen in unseren Gedanken wie er. auf einem Esel durch die Straßen der Stadt reitet. Die Menschen winken ihm mit Palmzweigen zu. Daher der Name „Palmsonntag.“ Wie einen König begrüßen sie ihn. Jubelrufe sind von allen Seiten zu hören: „Hochgelobt sei der da kommt, im Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“ Kaum zu glauben, wie schnell die Stimmung umschlägt. Ein paar Tage später rufen die Leute nicht weniger laut das „Kreuzige, Kreuzige!“ und fordern von Pilatus den Tod Jesu.
Wir feiern ein fröhliches Fest in einer ernsten Zeit. Mit dem fröhlichen Fest meine ich eure Konfirmation. Zu der ernsten Zeit brauche ich nicht viel zu sagen. Ein Blick in die Zeitung oder in die Fernsehnachrichten genügt, dann werden wir daran erinnert, dass wir nicht in einer heilen Welt leben. Wie nahe doch Freude und Angst liegen. Dabei haben wir es ja immer noch gut. Zugegeben, der Krieg, der sich nur wenige Flugstunden von uns entfernt abspielt,  der macht uns schon Angst. So etwas haben wir alle noch nicht erlebt. Ich nicht, eure Eltern nicht und die Großeltern vielleicht noch aus ihrer Kinderzeit. Meine Mutter hat mir früher von ihrer Konfirmation erzählt. Da mussten alle mit Luftangriffen während des Gottesdienstes rechnen. Dieser letzte Krieg in Europa ist 1945 zu Ende gegangen, vor siebenundsiebzig Jahren. Wir hoffen und beten, dass der Krieg in der Ukraine auch bald vorbei ist. Aber er ist im Augenblick noch gegenwärtig, in den Bildern, die uns gezeigt werden und die sich einnisten in unsere Gedanken und manchmal auch in unsere Träume. In euren Fürbittvorschlägen zum Vorstellungsgottesdienst habt ihr zwei Ereignisse immer wieder erwähnt, die euch beschäftigen, dieser Krieg und die Pandemie, die uns immer noch beschäftigt. Das Evangelium, das wir gehört haben, sagt uns aber, was uns hoffen lässt, gerade in dieser Zeit. Jetzt denke ich an das Zeichen, das Jesus mit diesem Einzug gesetzt hat. Wenn wir auf dieses Zeichen schauen und es zu Herzen nehmen, wissen wir, warum wir uns auch in ernsten Zeiten freuen dürfen.
Jesus reitet auf einem Esel in die Stadt. Das war ein deutliches Zeichen. Der Esel war nicht nur das Reittier der kleinen Leute. Es war auch das Reittier der Propheten, so nennt man Menschen, die im Auftrag Gottes unterwegs waren mit guten und manchmal auch mit schlechten Nachrichten. Sie sollten in seinem Namen sprechen, mahnen  und auch trösten. Einer dieser Propheten hieß Sacharja. Er richtete an die Menschen in Jerusalem ein Wort, das uns aufhorchen lässt: „Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.“  Wenn Jesus auf einem Esel in die Stadt reitet, erinnert er an dieses Prophetenwort. Jetzt  erfüllt es sich. Jesus kommt nicht hoch zu Ross, wie die Könige oder die Feldherren. Er kommt als Friedensbote im Auftrag Gottes. Mir macht das Mut. Wir hören das Friedensangebot Gottes in einer vom Krieg überschatteten Welt. Es gilt uns allen. Sind wir aber bereit, es anzunehmen? Was würde das für Folgen haben, für uns, für unser Leben und für die Welt?
Wenn Jesus auf einem Esel reitet, zeigt er uns, worauf es ankommt, auf Bescheidenheit und Liebe. Wir sollen Gott lieben, unsere Mitmenschen und uns selbst, das ist das höchste aller Gebote. Dieses Gebot legt uns Jesus ans Herz. Wir sollen der Liebe eine Chance geben. In dieser Zeit scheint es, als ob die Worte Jesu nur etwas für Naive und Tagträumer seien. Im Alltag herrschen andere Gesetze. Man kann auch als Christen in vielen Angelegenheiten unterschiedlicher Meinung sein. An dieser Stelle geht es nicht darum, zu sagen, dass das eine richtig und das andere falsch ist. Es geht darum, auf das eigene Gewissen zu hören. Das Gewissen aber braucht eine Orientierungshilfe. Ich glaube, es ist richtig, sich bei seinen Gewissensentscheidungen an Jesus zu orientieren, an seinen Worten und auch an seinem Verhalten. Es ist hilfreich, sich zu überlegen, wie Jesus wohl handeln würde, was er wohl sagen würde. Deshalb lohnt sich der Blick in die Bibel. Daher haben wir so oft die Geschichten der Bibel gelesen und betrachtet. Sie weist uns auf Jesus hin. Er setzte sein Vertrauen auf den Gott, der die Menschen liebt, ohne Wenn und Aber. Dieses Liebe gab ihm Kraft und Mut, auf die Dinge zu verzichten, die Menschen beeindrucken. Deshalb setzt er nicht auf Macht, nicht auf Stärke und Gewalt, sondern auf Liebe und Barmherzigkeit. Das wollte er den Menschen zeigen, indem  er auf einem Esel und nicht auf einem stolzen Ross in die Stadt Jerusalem hinein ritt.
Wir hören die Geschichte von Jesus in der Passionszeit. Bald ist Karfreitag. Da sehen wir, wie Jesus, der Friedensbringer, ans Kreuz geschlagen wird. Es scheint so, als ob sich bis heute immer die anderen durchsetzen, diejenigen, die lieber auf Waffen vertrauen, auf Macht und Stärke. Was haben sie sich lustig gemacht über diesen Tagträumer, die Zeitgenossen Jesu, die zugeschaut haben, wie er ans Kreuz geschlagen wurde. Sie haben gesagt: „Schaut, wohin ihn sein Weg geführt hat. Ans Kreuz. Andern hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen…“ Und die Jünger waren verstört und verunsichert. Aber dann war da dieses seltsame Erlebnis, frühmorgens, am dritten Tag nach der Hinrichtung. Da haben sich die Frauen aufgemacht, um das das Grab Jesu zu besuchen. Sie wollten den  Leichnam Jesu salben. Ab er sie fanden ihn nicht. Sie sahen ein leeres Grab vor sich. Auf einmal stand da ein Engel vor ihnen mit einer Botschaft, die die  Mächtigen Lügen straft: „Der, den ihr hier sucht, ist nicht hier. Er ist auferstanden. Er lebt!“  Jesus lebt. Gott hat ihn auferweckt. Damit hat Gott sich zu allem bekannt, was Jesus gesagt und gelehrt hat.
Auch, wenn wir in einer Welt leben, in der es immer den Anschein hat, als ob nur der im Vorteil ist, der stärker ist,  der die besseren Waffen hat oder mehr Geld auf dem Konto. Der Schein trügt. Wenn wir Ostern feiern, feiern wir auch, dass sich am Ende das Gute durchsetzen wird, das, was Jesus uns gelehrt hat. Darum haben wir Grund, auch in ernsten Zeiten an der Hoffnung festzuhalten, weil wir wissen, dass am Ende das Gute siegt, dass am Ende die Liebe siegt.  Ich möchte euch das ans Herz legen, dass ihr die Worte Jesu im Herzen bewahrt. Es sind Worte, die euch den Weg in ein gutes Leben weisen, es sind Worte, die sich am Ende durchsetzen. Ich möchte euch dazu ermutigen, dass ihr euch daran orientiert, was Jesus gesagt und getan hat, wenn ihr in eurem Leben Entscheidungen zu treffen habt. Habt Vertrauen, der Auferstandene wird euch nahe sein und euch nicht allein lassen, er wird euch helfen und den Weg in ein gutes Leben zeigen. Vielleicht fragt ihr euch, warum ich mir da so sicher bin? Weil Jesus es uns versprochen hat. Und er hat für uns gebetet. Das war kurz vor seiner Verhaftung. Er hat für uns gebetet, damit wir am Glauben festhalten, damit wir  seine Worte wie einen Schatz im Herzen tragen, den er uns anvertraut hat. Er betete zu seinem Vater: „ Die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast.“
Jesus hat auch für uns gebetet. Jesus wusste damals, dass das Ende nahe war und das Kreuz auf ihn wartete. Später werden wir euch ein Kreuz überreichen, auf dem euer Konfirmationsspruch steht. Dieses Kreuz soll euch an diesen Tag erinnern. Es soll ein Erinnerungszeichen sein und ein Zeichen der Hoffnung. Ostern hat diesem Kreuz eine neue Bedeutung gegeben. Die Auferstehung Jesu hat aus dem Kreuz gutes Vorzeichen gemacht für euer Leben. Es ist ein Plus Zeichen, ein positives Vorzeichen für euer Leben. Und anders als bei der Pandemie bedeutet jetzt Positiv wirklich Positiv. Das Kreuz erinnert daran, dass das Gute sich am Ende durchsetzt, weil Jesus am Kreuz alles überwunden hat, was uns herunterzieht. Vertraut also auf diesen Herrn, der für uns gebetet hat. Er ist da, wenn wir nach ihm rufen, wenn wir zu ihm beten und ihn um Wegweisung bitten. Und er wird uns den Weg in ein gutes Leben führen. Er ist gerade deswegen zu uns in diese Welt gekommen, damit wir den Mut haben, seinem Beispiel zu folgen und im Glauben zu leben.
© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 10.4.2022