Gott nahe zu sein ist mein Glück.   Psalm 73,28




 

Ein Wort. Fünf Buchstaben. Danke  - Predigt am Erntedankfest 2022

Wie gut dass es sie gibt, die bunten, kleinen, haftbaren Gedächtnisstützen, die selbstklebenden Merkzettel. Wo sie nicht überall hängen! Am Kühlschrank in meiner Küche zum Beispiel oder beim Telefon. Da schaue ich oft genug hin. Kurznachrichten stehen auf diesen Zettelchen, wen ich heute unbedingt anrufen muss oder was dringend zu besorgen ist. Ich bin dankbar für diese „Denk-Hilfen“. Auf einem meiner Zettel steht heute: „Vergiss nicht zu danken!“ So heißt ein Lied aus unserem Gesangbuch: „Vergiss nicht zu danken dem ewigen Herrn, er hat dir viel Gutes getan!“ (EG 602) Wir werden es später noch singen, passend zum Erntedankfest. Dieser Tag ist wie so ein kleiner selbstklebender Zettel auf meinem Terminkalender. Mit dem Danken ist das so eine Sache. Etwas zu kritisieren fällt uns leichter. Manchmal habe ich den Eindruck, eine Beschwerde kommt schneller über die Lippen, als ein Lob oder ein Dank. Das Erntedankfest ermutigt zu einer neuen Lebenseinstellung: Dankbarkeit statt Nörgelei. „Vergiss nicht zu danken dem ewigen Herrn, er hat dir viel Gutes getan“, sagt uns das Lied. Vielleicht nehmen wir uns einmal Zeit, darüber nachzudenken, wieviel Gutes es in unserem Leben gibt. Es wird uns bestimmt genügend einfallen.  
Heute möchte ich darüber nachdenken, wie man das Wort „Danke“ für das tägliche Leben buchstabieren könnte. Ich stelle mir dieses Wort wie einen Schirm vor, unter den man sich stellen kann. Ein Schirm behütet. Er hält mir den Regen vom Leib und manchmal auch die Hitze. Er sorgt dafür, dass ich unbeschadet meinen Weg gehen kann. Ich möchte das Wort Danke durchbuchstabieren und wünsche mir, dass jeder einzelne Buchstabe mein Leben und mein Herz, meine Gedanken und meine Sinne durchdringt, belebt und erneuert und mir zu einer neuen, dankbaren Lebenshaltung verhilft.
Der erste Buchstabe ist das „D“ wie Demut. Ob das jetzt mal wieder so eine typische Pfarrerdenkart ist? Demut, das zieht doch wieder runter. Ein demütiger Mensch senkt den Blick, seufzt und lässt alles still über sich ergehen? Weit gefehlt! So verstehe ich Demut nicht. Ob das nun vom Sprachwissenschaftlichen her stimmt oder nicht, im Begriff Demut steckt der Mut. Es gehört eine Portion Mut zur Demut. Wer demütig ist, setzt sich selbst nicht an die erste Stelle. Ich merke manchmal an mir selbst, dass das nicht so leicht ist. Da ist doch stets die Sorge, nur ja nicht zu kurz zu kommen. Ein Bibelwort begleitet mich seit ein paar Tagen, das dazu passt. Es stammt von dem Apostel Paulus. Es ist ein Rat an seinen Schüler Timotheus. „Ein großer Gewinn ist die Frömmigkeit zusammen mit Genügsamkeit. Denn wir haben nichts in die Welt gebracht, darum können wir auch nichts hinausbringen. Wenn wir aber Nahrung und Kleider haben, so wollen wir uns damit begnügen…“ In diesen Tagen spricht mich das besonders an. Vielleicht haben die vielen Krisen, die unser Leben überschatten, auch etwas Gutes? Haben wir nicht so vieles als selbstverständlich angesehen? Sind wir nicht im Grunde immer davon ausgegangen, dass alles da sein muss, was wir brauchen und zwar unbegrenzt? Die heißen Sommer haben uns gelehrt, wie kostbar das Wasser ist, das in unseren Bächen und Flüssen fließt und ganz tief im Erdboden als Grundwasser für unser Leben sorgt. Wie sorglos sind wir mit dem Wasser umgegangen? Vielleicht wird uns in diesem Jahr etwas deutlicher bewusst, dass neben fließendem kalten und warmen Wasser auch ein gut geheiztes Wohnzimmer nicht selbstverständlich ist? Nur wenige Flugstunden von uns entfernt ist vielen Menschen das Dach über den Kopf weggebombt worden. Sie leben in U Bahnhöfen. Unsere Kinder und Enkel müssen nicht als Soldaten an die Front, Väter dürfen bei ihren Familien bleiben und wenn wir krank sind, gibt es, bei allen Engpässen, über die wir uns aufregen, immer noch genügend gute medizinische Versorgung. Wir nennen das „Lebensstandard“.  Vielleicht haben wir das alles viel zu selbstverständlich angesehen? Danken sagen hat mit Demut zu tun und mit Genügsamkeit. Diese Haltung kann  uns zu einer heiteren Gelassenheit führen, wie sie dem wunderbare Papst Johannes XXIII zugeschrieben wurde. Als er einmal gefragt wurde, ob er denn als Papst gut schlafen könne, antwortete er: „… als ich zum Papst gewählt wurde, bin ich erschrocken vor der Würde dieses Amtes, und ich konnte eine Zeit lang überhaupt nicht mehr schlafen. Einmal bin ich doch kurz eingenickt, da erschien mir ein Engel im Traum und ich erzählte ihm meine Not. Daraufhin sagte der Engel: Giovanni, nimm dich nicht so wichtig. Seitdem kann ich wunderbar schlafen.“ Wie wichtig wir uns oft nehmen. Was regen wir uns auf über Dinge, die eigentlich bedeutungslos sind. Wer wie dieser Papst in der heiteren Gelassenheit lebt und sich geborgen weiß in der Liebe Gottes, findet gewiss leichter zu einer besonderen Lebenshaltung, der Achtsamkeit.  Das ist der zweite Buchstabe im Wort Danke. Unter Achtsamkeit verstehe ich die dankbare und liebevolle Wahrnehmung dessen, was ist und was Gott uns Menschen zur Obhut anvertraut hat, damals im Garten Eden. „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht,“ sagte Gott zum Menschen. Leider hat Adam, der Mensch, das missverstanden und versucht, die Welt zu unterwerfen. Gemeint ist aber die Fürsorge. Mit einem Geschenk, das mir am Herzen liegt, gehe ich sorgfältig um. Ich stelle es auf einem besonderen Platz, achte darauf, dass es nicht beschädigt wird und freue mich, wenn ich es sehe. So soll ich mit allem umgehen, was Gott mir anvertraut hat. Diese behutsame Fürsorge wird von Jesus präzisiert im Gebot der Liebe zu Gott, zum Mitmenschen und zu mir selbst. Das höchste aller Gebote lautet: „Du sollst Gott, denen Herrn, über alle Dinge lieben und deinen Nächsten wie dich selbst!“ In der Geschichte vom barmherzigen Samariter wird dabei entfaltet, wer denn der Nächste ist, es ist der, der unsere Hilfe braucht und unsere Liebe. Vor wenigen Wochen haben wir über dieses Gleichnis schon einmal nachgedacht. Das besondere an diesem Gleichnis ist, dass wir zu einem Wechsel der Perspektive eingeladen werden. Jesus fragt: „Wer wurde zum Mitmenschen für den, der unter die Räuber gefallen ist?“ Stell dir mal vor, du brauchst dringend Hilfe. Wer ist dann dein Nächster? Das ist doch sicher der, der dir hilft. Und so hat es der Samariter gemacht. Ich denke, da wird uns deutlich gesagt, dass wir Gott selbst in der Rolle des barmherzigen Samariters sehen. Wir liegen im Staub, wir brauchen Hilfe und Gott beugt sich in Jesus zu uns herab. Er geht nicht an uns vorbei. Er bleibt stehen und hilft, weil er uns liebt. Weil er uns wahrnimmt in unserer Bedürftigkeit und Not. Ist das nicht auch ein Grund, heute Danke zu sagen? Und motiviert uns das nicht dazu, ebenfalls rücksichtsvoll und mit wachen Blick für die Not und die Bedürftigkeit unseres Mitmenschen zu leben? Wenn wir uns Menschen und unsere Welt mit allem, was sie erfüllt, als Teil einer liebenswerten Schöpfung wahrnehmen, gehen wir anders mit ihr um. Wir lassen sie nicht links liegen. Also, das „A“ wie Achtsamkeit und das „N“ wie Nächstenliebe gehören auf unseren Merkzettel für ein gutes Leben. Was könnte alles zum „K“ gehören, das wir im Wort Danke finden? Da müssen wir uns nur umschauen. Wir sind in der Kirche und wir sind Kirche. Die Kirche ist gebaut aus lebendigen Steinen. Jeder von uns ist ein Teil davon. „Nun seid ihr nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“, dieses Wort aus dem Epheserbrief fällt mir dazu ein. Zur Kirche gehören bedeutet, dass mein Glaube ein Dach über dem Kopf hat. Hier vor Ort ist das die Kirche, in der wir Gottesdienst feiern. Und es ist so viel mehr. Wir gehören zu einer Familie. Die Geschichte und die Gegenwart zeigt uns, dass auch in dieser Familie nicht alles rund läuft. Es wird gestritten, manchmal ist man beleidigt, manchmal knallen die Türen. Aber man hat doch ein Zuhause. Wir gehören zusammen. Wir gehören zu Christus. Es ist das Band des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, die uns verbindet, trägt und hält. Und da ist noch etwas, der gute Ausblick, der hoffen lässt. Ich komme zum E, dem letzten Buchstaben. In unserem Erntedankschlager singen wir in der letzten Strophe: „In Jesus gehörst du zur ewigen Welt, zum Glaubensgehorsam befreit. Er hat dich in seine Gemeinde gestellt und macht dich zum Dienen bereit.“ Der Refrain erinnert uns daran, was das dienen leicht macht. Wir dienen einem Gott, der barmherzig ist, geduldig und gnädig, viel mehr, als ein Vater es kann…“ Was man doch alles in diesem Wort „Danke“ finden kann, wofür man doch dankbar sein kann. Es ist eine ganze Menge. So viele Merkzettel kann man gar nicht schreiben. Aber das müssen wir auch nicht. Im Grunde genügt es, wenn wir dieses Wort im Herzen tragen und uns von diesem Wort bewegen lassen. Danke, Gott, für alles. Amen.
© Pfarrer Stefan Köttig, 2.10.2022