Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück. Psalm 73,28 



Gute Hirten und ihre Hirtenstäbe - zum 2. Sonntag nach Ostern (Miserikordias Domini, Hirtensonntag)

„Ich bin der gute Hirte“ sagt Jesus im Johannesevangelium. Er will den Gläubigen damit Mut machen. Er ist für sie da, wie ein guter Hirte für seine Herde. Er lässt sie nicht aus den Augen. Er sorgt für sie. Morgen werden wir im Gottesdienst das Gleichnis Jesu vom guten Hirten hören und gemeinsam den Psalm 23 beten: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln…“ Dabei denken wir an Jesus, unseren guten Hirten. Nach Ostern bekommt Petrus vom Auferstandenen einen Auftrag: „Weide meine Herde!““ Dreimal sagt Jesus das zu ihm, so wichtig ist ihm das. Ich glaube, dieser Auftrag gilt nicht nur dem Apostel, sondern auch allen Menschen, die Verantwortung für andere übernehmen. Eltern sollen gute Hirten sein für ihre Kinder, Lehrer für ihre Schüler und Schülerinnen, Ausbilder in den Betrieben für ihre Auszubildenden und natürlich auch die Geistlichen. Sie sollen gute Hirten für ihre Gemeinden sein. Sie werden ja nicht umsonst Pastoren genannt. Pastor ist das lateinische Wort für Hirte. Einer davon war der Altensteiner Pfarrer Conrad Feustling. 1552 kam er in das Bergdorf. 43 Jahre hat er hier als Prediger und Seelsorger gewirkt. Wo genau er begraben wurde, wissen wir nicht mehr. Sein prächtiger Grabstein ist aber in unserer Kirche zu bestaunen. Dort sehen wir Conrad Feustling, wie er die Bibel in der Hand hält. Ich stelle mir vor, dass sie sein Hirtenstab war, mit dem er die Gemeinde geführt hat. Aus ihr hat er sich Rat geholt, bei ihr hat er Halt und Trost gefunden.  Manchmal hat er sich wohl auch daran festgehalten, immer dann, wenn ihm sein Dienst schwergefallen ist und das muss ziemlich häufig gewesen sein. Seuchen, ein früher Tod, Krieg, Hunger und soziales Elend waren für die Menschen im 16. Jahrhundert eine alltägliche Erfahrung. Ich denke, wir können von Conrad Feustling lernen. Seit über einem Jahr hat die Welt unter den Auswirkungen einer Pandemie zu leiden. Da möchte ich es ebenso machen, wie er. Ich halte mich fest an Gottes Wort. Vor allem an dem Zuspruch Jesu, der uns aus der Bibel entgegenkommt und der uns durch die neue Woche begleitet: „Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme. Und ich kenne sie und sie folgen mir und ich gebe ihnen das ewige Leben.“  Ich weiß, da ist jemand an meiner Seite, der auf mich Acht gibt, damit ich nicht unter die Räder komme oder mich verirre, wenn mein Lebensweg unübersichtlich wird. Er macht mir Mut, wenn mir die Angst vor dem unsichtbaren Virus zu schaffen macht, das unser Leben so einschränkt. Ich weiß, da ist jemand, der mich hört, wenn ich nach ihm rufe. Ihm will ich vertrauen. Er wird mich gut durch diese Zeit führen.



Berührende Geschichten - Gedanken zum Sonntag nach Ostern (Quasimodogeniti)

Wie die neugeborenen Kinder sollen wir sein. „Wie die neugeborenen Kinder seid begierigen nach der vernünftigen, lauteren Milch!“ Das schreibt der Apostel Petrus. Wenn sie gestillt sind, schlafen die kleinen Kinder satt und zufrieden ein an der Brust der Mutter. Sie spüren die Nähe, Vertrautheit, Geborgenheit. Das tut ihnen gut. Das brauchen sie ebenso, wie die Milch. Nähe, Berührung, das Gefühl der Geborgenheit, für mich gehört das zum Glauben dazu. Die Ostergeschichten bestärken mich darin. Sie erzählen von Begegnungen mit dem Auferstandenen. Es sind manchmal buchstäblich berührende Geschichten. Thomas darf sogar seinen Finger in die offen Wunde legen, damit er glauben kann. Der Glaube lebt von der Nähe, die aus der Gemeinschaft  mit dem Auferstandenen wächst. Wenn ich müde werde, wenn mein Glaube schwach und mutlos wird, dann helfen mir diese Geschichten, die wir in dieser Zeit hören. Sie erzählen von den Begegnungen mit dem Auferstandenen. Sie beleben meinen Glauben. Ich spüre, wie die Kraft und die Hoffnung zurückkehrt, vielleicht, weil mich der Auferstandene selbst durch sie berührt. Ich spüre, wie durch sie das Leben seinen Weg zu mir findet. Lassen wir uns von der Botschaft berühren, die seit Ostern um die Welt geht. Gott wendet sich uns in Jesus Christus zu. Es ist ein Gott, der dem Müden neue Kraft schenkt, dass sie sich wie neugeboren fühlen.

10.4.2021


Die heilsame Zeit des Übergangs - Warum die Osternacht so wichtig ist

Zwischen Karsamstag und Ostersonntag liegt die Osternacht. Das ist die heilsame Zeit des Übergangs, in der sich schließlich durch den Tränenschleier hindurch das Licht der Osterkerze einen Weg bahnt, in der aus Weinen Lachen wird. "Der Herr ist auferstanden"... , rufen wir uns in dieser Nacht uns zur und antworten mit dem folgenden Bekenntnis: "Er ist wahrhaftig auferstanden.Halleluja. " Dann  schmücken wir den Altar, zünden die Kerzen an, während die Glocken nach dem langen Schweigen wieder zu läuten beginnen. Wir erinnern uns an die Taufe, in der uns das Leben zugesprochen wurde, das den Tod überwinden wird und feiern das Heilige Abendmahl, die Eucharistie. Christus, der den Tod besiegt hat, ist dann unter uns - im Geist und konkret in erfahrbar in der Feier des Heiligen Mahls. Das glauben wir. Im letzten Buch der Bibel spricht Christus: „Ich war tot und siehe, ich bin lebendig und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle!“ Das ist der Wochenspruch, der uns durch die österliche Woche begleitet, die in dieser Nacht anbricht. Jetzt wissen wir, wo er war,  als man ihn in aller Eile bestattet hat. Er hat die Herrschaft angetreten. Sie ist grenzenlos. Sie reicht über den Tod hinaus.  Die Nacht vom Karsamstag hinein in den Ostermorgen kann sich hinziehen, wie das bei durchwachten Nächten oft der Fall ist. Ich denke, das ist natürlich. Es braucht seine Zeit, bis die Botschaft von Ostern, bis das Licht der Osterkerze sich einen Weg bahnt durch die Dunkelheit. Es braucht auch für gläubige Christen Zeit, den Schmerz, die Trauer um einen lieben Menschen zu verarbeiten. Es braucht seine Zeit, bis die Botschaft der Hoffnung ihren Weg findet, durch die Dunkelheit des Nichtwissens, des Zweifels, der Tränen in das Herz findet, bis aus dem Weinen ein Lachen wird. Die Osternacht gibt uns diese Zeit, die Stunden bis zum Anbruch des dritten Tages, bis zum Bewusstwerden der Hoffnung, die wir haben. Geben wir uns diese Zeit. Lassen wir die Osterfreude in uns heranreifen, wie das Korn, das aus der Erde zum Leben hervorbricht.

3.4.2021


Zum Karfreitag

Der Altar ist abgeräumt. Schmucklos sieht er aus. Keiner Kerzen, keine Altarbibel. Was dem Glauben Glanz und Festlichkeit verleiht, ist verschwunden. Trostlos wirkt der Ort, um den wir uns zur Eucharistie versammeln, das Abendmahl feiern. Am Karfreitag denken wir an den Tod Jesu am Kreuz. Trostlos fühlen wir uns auch, wenn der Tod zuschlägt, wenn uns genommen wird, was was wir lieben, woran unser Herz hängt. Zwei Worte Jesu am Kreuz sind mir in dieser Karwoche  wichtig geworden. Sie helfen mir, wenn ich vor dem Tod erschrecke, der so viele unterschiedliche Gesichter hat. Jesus ruft verzweifelt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Dieses Gefühl des Ausgeliefertseins, der Hilflosigkeit, der Unsicherheit oder des Zweifels, wenn mich die Schatten des Todes berühren - ich darf es zur Sprache bringen. Ich darf zur Sprache bringen, dass meine Glaube an seine Grenzen stößt, dass ich nicht auf alles eine Antwort habe, auch nicht als Glaubender. Jesus erlaubt mir, nach dem Warum zu fragen. Und dann ist da noch das andere Wort: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“. Da ist es wieder, das Vertrauen. Es kehrt zurück zu mir, wenn ich mich daran erinnern lasse, dass  ich nicht allein bin, dass ich getragen werde, wenn mich auch alle Kräfte des Lebens und des Glaubens verlassen. Da ist eine gute Hand, die mich auffängt. Es ist Gottes Hand, aus der ich alles empfange: das Leben, es kommt von ihm und kehrt zu ihm zurück. Wenn ich sterbe, bin ich nicht allein. In der Taufe wurde ich dieser Hand Gottes anvertraut. Sie trägt mich, auch wenn ich sie nicht sehe. Sie hält mich, wenn ich allen Halt verliere. Sie führt mich in die Auferstehung. Von der Hoffnung und der Freude, vom Trost trennen mich drei Tage. Und auch in denen bin ich nicht allein.



Jesusbilder und wie wir damit umgehen - zum Palmsonntag

Mit dem Palmsonntag beginnt die Karwoche, auch Heilige Woche genannt. Die letzten Stationen auf dem Leidensweg Jesu werden betrachtet – der Einzug in Jerusalem, das letzte Abendmahl, die Verhaftung im Garten Gethsemane, die Verurteilung, die Kreuzigung, Jesu Tod und Grablegung. Der Palmsonntag ist stark vom Jubelruf der Menge bestimmt. „Hosianna“ rufen sie Jesus zu und winken begeistert mit Palmzweigen. Das war ein Siegeszeichen. Andere werfen ihre Mäntel über die Straße, auf der Jesus entlang reitet. So heißt man Sieger willkommen. Die Menschen sehen in Jesus ihren Retter. Hosianna, der Jubelruf, ist im Kern ein Bittruf. Wörtlich übersetzt bedeutet es: „Hilf doch!“ Die Menschen hoffen, dass Jesus in Jerusalem einzieht, um zu helfen. Sie sehnen sich nach einem der die Macht ergreift, die verhassten Römer zum Teufel jagt, das Reich Gottes auf Erden aufrichtet. Was für ein Irrtum! Die Menschen wollen die Zeichen nicht sehen, die Jesus setzt – durch die Wahl des Reittiers zum Beispiel. Auf einem Esel reiten nicht nur die kleinen Leute. Auch der gerechte Richter und erst recht der messianische Friedenskönig, der erwartet wird.„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer!“ Der Prophet Sacharja zeichnet ein anderes Bild von diesem König. Er ist „arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.“ (Sacharja 9,9) Vielleicht hat sich deshalb schnell das Blatt gewendet, als die Menschen begriffen haben, dass sich Jesus nicht vereinnahmen lässt, auch nicht von ihrer Begeisterung, dass sich Jesus nicht instrumentalisieren lässt. Der Palmsonntag mit seiner Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem lässt uns unsere Vorstellungen von Jesus hinterfragen. Wen sehen wir in dem Mann aus Nazareth, der bescheiden auf einem Esel in die Stadt hinein reitet? Was erwarten wir von ihm? Vor allem aber, wie verhalten wir uns, wenn er unsere Vorstellungen nicht zufrieden stellt? Wenden wir uns dann ebenfalls enttäuscht ab?


Schaffe mir Recht - Gedanken zum 5. Sonntag in der Passionszeit, Sonntag Judika

Ein Mann steht fassungslos vor den Trümmern seines Hauses. Ein Erdrutsch hat es weggefegt. Und nicht nur seines. Eine ganze Siedlung ist buchstäblich von der Erdoberfläche verschwunden. Etliche Menschen liegen begraben unter Schutt und Steinen. Mit jeder Stunde schwindet die Hoffnung auf Rettung. Und das alles nur, weil gepfuscht wurde. Ein Häuserblock wurde an einem Ort hochgezogen, der dafür ungeeignet ist. Das wurde ermöglicht, weil zuvor an einem anderem Ort zu einer anderen Stunde ein Geldumschlag diskret über den Tisch geschoben wurde. Jetzt ziehen die Verantwortlichen den Kopf geschickt aus der Schlinge. Sie schieben die Schuld auf andere.  „Das ist ungerecht!“ denkt sich der Mann, der seine Familie verloren hat. „Gibt es niemand, der für Gerechtigkeit sorgt?“  Vielleicht spricht ihm der Beter des 43. Psalms aus der Seele.  „Gott, schaffe mir Recht … und errette mich von den falschen und bösen Leuten!“ betet er. Von den Menschen erwartet er keine Gerechtigkeit mehr. Manchmal scheint es so zu sein, dass es bis heute eine unheilige Allianz solcher „bösen und falschen“ Leute gibt, die an den Hebeln der Macht sitzen und sie nach Lust und Laune zu ihren Gunsten bedienen. Der Beter des Psalms wendet sich in seiner Ohnmacht an Gott. Sein drängender Ruf nach Gerechtigkeit ist im lateinischen Namen des kommenden Sonntags enthalten: „Judika“ heißt er. Das bedeutet „schaffe (mir) Recht“ und bezieht sich auf den eben genannten Psalm.  Dieser Sonntag erlaubt uns die Klage, erlaubt uns den Hilferuf, gerade, wenn wir uns ausgenutzt, ausgebootet, übergangen oder über den Tisch gezogen fühlen. Ich vertraue darauf, dass Gott längst reagiert hat. Jesus Christus ist die Antwort auf unseren Hilferuf. Die Mächtigen haben sich lustig gemacht über ihn, sie haben sich über ihn geärgert.  Zugleich haben sie ihn gefürchtet. Deshalb wurde er verraten, verhaftet und schließlich nach einem fragwürdigen Prozess ans Kreuz geschlagen. Wenn wir seinem Beispiel folgen, scheint es so, als ob wir ebenfalls auf der Verliererseite stehen. Wir glauben aber, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat.  Am Ende wird sich das Leben gegen den Tod, das Recht gegen das Unrecht, die Liebe gegen den Hass durchsetzen. Am Ende wird Gott auch uns Recht verschaffen. Es braucht eine große Portion Gottvertrauen, im Leid daran festzuhalten. Der Psalmbeter hat sie aufgebracht. Deshalb konnte er sich sagen lassen: „Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichtes Hilfe und mein Gott ist.“



Sterben um zu leben! Gedanken zum 4.Sonntag in der Passionszeit -  Lätare

Lätare! Freut euch! Was für ein Name für den 4. Sonntag in der Fastenzeit. Seltsam! In den Wochen vor Ostern denken wir an den Leidensweg Jesu. Wir fasten, wir üben Verzicht. Da vergeht einem das Lachen. Dennoch hören wir am kommenden Sonntag den Aufruf: Freut euch. Dieser Widerspruch wird noch verstärkt, wenn wir jetzt über das Wort aus dem Johannesevangelium nachdenken, das uns als Wochenspruch und Leitgedanke durch die nächsten sieben Tage begleiten soll: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Jesus spricht vom Geheimnis seiner Passion, warum es gut ist, dass er diesen schweren Weg für uns geht. Um das begreiflich zu machen, zeigt Jesus den Jüngern ein winziges Weizenkorn, als ob er sagen wollte: „Wenn ich dieses kleine Körnchen in der Hand halte, fest umschlossen in der Faust verberge, ist es wertlos. Ich muss es in die Erde fallen lassen. Es muss sich verwandeln, seine alte, vertraute Gestalt muss sich auflösen, ganz und gar verschwinden, damit etwas Neues wachsen kann. So ist das mit mir und mit meinem Weg. Ihr müsst mich loslassen, damit ich meine Aufgabe erfüllen kann – euch zu erlösen aus der Hoffnungslosigkeit und Angst, die der Tod mit sich bringt!“ Was für eine Herausforderung. Nicht nur für die Jünger. Auch für uns. Einen Menschen loslassen, wenn das Ende nahe ist! Wie schwer! Ich kann die Jünger gut verstehen, dass sie das nicht hören wollten. Wir wollen nicht hergeben, nicht loslassen, was wir lieb haben, weil wir das Schicksal des Weizenkorns fürchten. Wir schauen dabei nur auf das Vergehen der alten Gestalt und übersehen das Geheimnis des Wandels, wir übersehen, dass das alte aufgeht ins neue Leben. „Wer leben will wie Gott auf dieser Erde,  muss sterben wie ein Weizenkorn, muss sterben, um zu leben“ heißt es in einem Lied aus unserem Gesangbuch. Wir müssen sterben wie ein Weizenkorn, in der Tat. Aber sterben wie ein Weizenkorn bedeutet nicht vergehen in der Erde, für immer und ewig, sondern aufgehen in Gott, für immer und ewig. Wenn das Weizenkorn stirbt, bringt es viel Frucht, sagt Jesus. Die Frucht seines Leidens ist das neue Leben, das aus dem Tod hervorgeht, das ewige Leben, zu dem wir bestimmt sind, an dem wir Anteil bekommen sollen, das Leben mit Gott. Loslassen tut zwar immer noch weh. Das Körnchen Hoffnung, das uns Jesus mit seinem Wort ins Herz legt, wird uns helfen, dass aus dem Schmerz Hoffnung wird und aus der Hoffnung Freude über das Leben, das Gott uns am Ende schenken will.