Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück. Psalm 73,28 


Drei Minuten Andacht - Gedanken, Impulse zum Sonn - und Feiertag, aber auch zum Alltag

Gott die Wunden zeigen - zum 19.Sonntag nach Trinitatis

„Da schau hin, das ist meine Wunde“, scheint der Mann zu sagen. Sein Finger weist auf die Pestbeule auf dem Oberschenkel. Der Mann ist Rochus von Montpellier. Am 16. August 1379 ist er gestorben. Pestkranke hat er gepflegt und sich dabei angesteckt. An diesem Mann und sein Schicksal muss ich denken, wenn ich den Wochenspruch aus dem Buch des Propheten Jeremia höre: „Heile du mich, Herr, so werde ich heil. Hilf du mir, so ist mir geholfen!“  Wir sind eingeladen, Gott unsere Wunden hinzuhalten, mit der Bitte um Heilung. So, wie Rochus auf seine äußere Wunde weist, dürfen wir Gott unsere äußeren und inneren Verletzungen zeigen und rufen: „Heile du mich, Herr, dann werde ich heil.“ Das Schicksal des Volksheiligen zeigt mir, dass Heilung nicht immer Genesung bedeutet. Als Rochus selbst an der Pest erkrankte, zog er sich zurück in die Einsamkeit. Der Legende nach soll ihn ein Engel gesund gepflegt und ein Hund täglich mit Brot versorgt haben. Er hat erfahren, dass Gott ihn nicht sich selbst überlässt. Vielleicht hat ihn die Erinnerung daran davor bewahrt, später bitter zu werden. Seine Geschichte geht nicht gut aus. Als er wieder zu Kräften kam, war er durch die Krankheit so entstellt, dass niemand ihn mehr erkannt hatte. Deshalb wurde er als Spion verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Dumm gelaufen, würden wir heute sagen. Nicht so Rochus. Er erträgt die fünfjährige Kerkerhaft demütig, einer, der in den Widrigkeiten des Lebens die bewahrende und tragende Zuwendung Gottes erfahren hatte.



Geschwisterliche Wortwahl als Zeichen der Liebe - zum 18.Sonntag nach Trinitatis

Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Mitmenschen liebe.“ (1.Johannes 4,21) Noch deutlicher, als es im Wochenspruch zusammengefasst wird, kann man es doch eigentlich nicht sagen. Nächstenliebe und Gottesliebe gehören zusammen. Wer den Wochenspruch in der Bibel nachschlägt, liest allerdings „Bruder“ statt Mitmensch. In älteren Auslegungen wird immer wieder gesagt, dass im Neuen Testament der Begriff „Bruder“ die „Schwester“ mit einschließen würde. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Frauen sich heute damit zufrieden geben, einfach nur „mit gemeint“ zu sein. Deshalb erlaube ich mir diesen „sprachlichen“ Eingriff in den Bibeltext, weil er meiner Meinung nach wiedergibt, was der Wochenspruch tatsächlich sagen möchte: ohne Liebe zum Mitmenschen wird der Glaube unglaubwürdig. Zur Liebe gehört meiner Meinung nach auch ein sensibler Umgang mit der Sprache. Zur Liebe gehört die Rücksichtnahme, die danach fragt, ob man zum Beispiel durch die eigene Wortwahl den Mitmenschen in seiner Würde verletzt. Auch, wenn man das im Grund niemals vorhatte, kann es doch geschehen. Die aktuelle Diskussion um die Verwendung von Begriffen, die früher zum üblichen Sprachgebrauch gehörten und inzwischen als „problematisch“ angesehen werden, halte ich keineswegs für überzogen, eher für ein Zeichen wachsender Sensibilisierung unserer Gesellschaft. Möge Gott uns Wege weisen zu einem liebevollen Umgang miteinander, der auch eine achtsame Wortwahl mit einschließt.



Erntedank feiern - gerade jetzt!

Oktober! Ich denke bei diesem Monatsnamen an bunt gefärbte Blätter, die von den Bäumen fallen und auf dem Boden einen raschelnden Laubteppich bilden, an Kinder, die jauchzend ihre Drachen steigen lassen, an Kastanien, die im Garten vor dem Pfarrhaus liegen und an das Erntedankfest. Wir feiern es am ersten Oktobersonntag. Da riecht es in der Kirche nicht nur nach Kerzenwachs, sondern auch nach Kartoffeln und Äpfeln. Die sind vorne an den Altarstufen aufgebaut, neben Kürbissen und einigen Obstkisten, die bis zum Rand gefüllt sind mit Nüssen, Rüben oder anderen Köstlichkeiten aus den Gärten. Dazu passen die Zeilen aus einem Erntedankgedicht, das der Dichter und Pfarrer Arno Pötzsch geschrieben hat:  „Er hat mit seiner Güte auch täglich mich gespeist, erquickt mein matt Gemüte, erfrischt mein’n Leib und Geist. Darum will ich ihm danken mit allem, was ich hab’, ihm, der mir ohne Schranken aus Liebe alles gab.“ In diesem Jahr ist der Glaube an die schrankenlose Liebe Gottes ins Wanken gekommen. Schuld daran ist das Corona Virus. Es hat nicht nur unser Leben stark eingeschränkt, sondern auch die Lebensqualität vieler Menschen gemindert. Vor allem Alte, Kranke und Behinderte sind durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie noch einsamer geworden, als sie es vorher schon waren. Viele Familien hat der erzwungenen Hausunterricht der eigenen Kinder oder die verordnete Heimarbeit, das Home-Office, in erhebliche Schwierigkeiten gebracht. Nicht wenige Existenzen sind durch die vorübergehende Zwangsschließung vieler Geschäfte und Gaststätten, Kinos, Konzertsäle und Theater gefährdet. Der „Corona-Schock“ dieses Jahres hat allerdings andere Probleme in den Hintergrund gedrängt, die  nicht weniger beängstigend sind. Da ist der fortschreitende Klimawandel, die anhaltende Trockenheit des Bodens, das Wald - und Artensterben und vieles mehr, das sich auf unser Leben und das der nachfolgenden Generationen auswirkt.  Warum mir dennoch in diesem Jahr ein froher Dank über die Lippen kommt, verrät das Bild. Ich habe es vor einigen Jahren nach einem Erntedankgottesdienst aufgenommen. Es zeigt einen Laib Brot mit dem Christuszeichen. Daneben sehen wir die aufgeschlagene Altarbibel - und darunter liegt, als „Spickzettel für den Gottesdienst“  der Wortlaut des apostolischen Glaubensbekenntnisses. Das sind die Gaben, für die ich dankbar bin: das Brot für den Leib, die Bibel für die Seele und die Gemeinschaft mit anderen Christen. 

Ein Wort aus dem Johannesevangelium fällt mir dazu ein: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten…“ (Johannes 6,35)          Das sagt Jesus zu seinen Jüngern. Er sagt es auch zu uns.  Die Gemeinschaft mit ihm, den Auferstandenen, gibt unserem Leben  Trost, Kraft und Zuversicht. Gott lässt uns nicht allein in dieser Welt. Er sorgt für uns.Darauf vertraue ich und deshalb kann ich auch in diesem Jahr Erntedank feiern.




Von den Kernsätzen des Glaubens und der Faktenlage -zum 16. Sonntag nach Trinitatis

Fakten. Fakten. Fakten. Mit der dreimaligen Wiederholung dieses Begriffs hatte vor geraumer Zeit einmal ein Magazin für sich Werbung gemacht. Fakten schaffen die Wirklichkeit. Fakten sind unumstößlich. Entschieden wird „nach Faktenlage“, heißt es oft. Doch, was sind Fakten? Sind das nur die Tatsachen, die mit den wissenschaftlichen Standards, vornehmlich den naturwissenschaftlichen, vereinbar sind?  Von Gottes heilsamen Fakten spricht auch der Wochenspruch aus dem 2. Brief des Apostels Paulus an Timotheus:  „Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.“ Für mich ist das ein Kernsatz des Glaubens. Ein Satz, der Vertrauen wachsen lässt. Ein Gegen - Satz zu den vielen Behauptungen, Vermutungen und Thesen, die uns Angst machen. Gott hat seine helfende Hand auch nach uns ausgestreckt.  Er wird Sorge dafür tragen, dass dieses unvergängliche Leben seinen Weg zu uns findet - durch das Evangelium. Beweisen lässt sich das nicht. Nur glauben und hoffen. Aber genau das kennzeichnet unser Leben als Christen. Es wird getragen vom Vertrauen und belebt durch die Hoffnung.


Weg von der Klage, hin zum Lob - zum 14. Sonntag nach Trinitatis

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“ Dazu ruft uns der Psalmbeter im Wochenspruch auf. (Psalm 103) Im Psalm wird Gottes Barmherzigkeit besungen. Wir erfahren, warum wir Grund haben, Gott zu loben:  er vergibt „alle deine Sünden … und heilt alle deine Gebrechen.“ Barmherzigkeit, Milde, Nachsicht lässt Gott walten. Barmherzigkeit ist ein Wesenszug Gottes. Was zeichnet uns hingegen aus. Wir sind mit so vielem unzufrieden – mit uns selbst, mit unseren Lebensumständen, mit unseren Mitmenschen -  manchmal auch aus gutem Grund. Manchmal geschieht uns Unrecht. Manchmal werden wir krank. Manchmal widerfährt uns Schlimmes und wir haben Grund, darüber zu klagen. Deshalb haben wir es nicht so mit dem Loben. Vielleicht macht ja Kritisieren auch mehr Spaß - vor allem, wenn wir andere und anderes unter die Lupe nehmen, begutachten und bemängeln. Allerdings übersehen wir viel zu häufig das Gute vor unseren Augen, weil wir unser Augenmerk auf das Negative hin schulen. Bitten wir Gott darum, dass er unser Herz berührt und uns die Augen öffnet, damit wir seine Spuren in unserem Leben wieder wahrnehmen und seine Wohltaten an uns erkennen. Vielleicht erleben wir das Wunder, dass sich Misstrauen in Vertrauen, Klage in Lob, Bitterkeit in Barmherzigkeit wandeln. Dann werden wir auch von Herzen sagen: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“ Und es wird sich gut anfühlen.


Die Liebe und die Zeichen der Zeit - zum 13. Sonntag nach Trinitatis

Die Zeichen der Zeit sind eindeutig: es herbstelt. Morgens braucht die Sonne länger, bis sie die Nebel auflöst. Der Wind frischt auf und lädt die Kinder ein, ihre Drachen steigen zu lassen. Der Wind frischt auf. Wir sind dankbar für die warmen Wohnstuben, abends. Um die Monate zu zählen, die dem Jahr noch bleiben, genügen die Finger einer Hand. Im Sonntagsgottesdienst hören wir einen Wochenspruch, der ans Ende des Kirchenjahres erinnert: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern (und Schwestern), das habt ihr mir getan!“ Diese Wort stammt aus dem Matthäusevangelium. Im November, wenn das Kirchenjahr fast zu Ende ist, werden wir den ganzen Abschnitt hören. Er handelt vom Endgericht, weist daraufhin, wovon Gott sein Urteil über die Menschen am jüngsten Tag abhängig macht. Gute Karten wird haben, wer sein Herz nicht vor den Bedürfnissen und Nöten der Schwächsten unter uns verschlossen hat. „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters“ wird ihnen gesagt werden, „ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt“ Und wie im Herbst der Wind mich schon frösteln lässt, so ist es auch mit diesen Worten. Sie sorgen für Gänsehaut auf der Seele, lösen eine heilsame Unruhe aus. Wie halte ich es mit denen, die meine Hilfe brauchen - den Hungrigen und Durstigen, den Gefangenen, den Einsamen, den Fremden? Halte ich mir ihre Not vom Leib? Oder lasse ich mich ansprechen? Der Wochenspruch - ein Spruch gegen die Selbstzufriedenheit. Die Zeichen der Zeit sind eindeutig. Der Jahreslauf in der Natur erinnert mich daran. Die Uhr tickt.


Gott wirft nichts weg - zum 12. Sonntag nach Trinitatis

Da hat ein Sturm ganze Arbeit geleistet. Ein dicker Ast liegt abgebrochen am Boden. Ich muss bei diesem Bild an den Wochenspruch denken, den wir am 12. Sonntag nach Trinitatis hören. „Das geknickte Rohr wird Gott nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ Das ist ein Trostwort. Jesaja hat es einst ausgesprochen. Ein Trostwort für sein Volk in der babylonischen Gefangenschaft.  Gott wirft nichts weg, sagt Jesaja. Er hat ein Herz für alle, die wie ein Rohr vom Sturm geknickt sind oder deren Lebensmut am erlöschen ist, wie der Docht einer Kerze im Wind. Welches Schicksal den wohl Baum erwartet? Wird er gefällt, zersägt und zu Brennholz verarbeitet? Ich denke an ein Gleichnis, das Jesus erzählt hat. Da hatte einer einen Garten mit einem Feigenbaum. Der wollte und wollte keine Frucht bringen. Deshalb sollte er gefällt werden. Doch der Gärtner bat den Grundbesitzer um eine Schonfrist von einem Jahr. Er will ihn umgraben und düngen. Erst, wenn das nichts bringt, dann soll er ihn fällen. So ist Gott, denke ich mir und muss schmunzeln. Gott erinnert mich irgendwie an meine Oma. Die hat auch nichts weggeworfen. „Das ist doch noch gut, das kann man doch noch gebrauchen“ hat sie gesagt und den Krug mit dem abgebrochenen Henkel ins Regal gestellt, die Löcher in den Socken gestopft und aus zerrissenen Hemden Putzlappen gemacht. Ob Gott auch so von uns denkt? Zu schade zum Wegwerfen! Gott kann uns noch brauchen. Er hat noch etwas vor mit uns. Er hat  ein Herz für  uns, auch, wenn Leib und unsere Seele im Lauf des Lebens durch Dellen und Brüchen ramponiert sind.


Beunruhigende Hausgenossen! Zum 11. Sonntag nach Trinitatis

Zwei seltsame Steinfiguren. Bei meinem Besuch in Danzig vor drei Jahren hab ich sie entdeckt und fotografiert. Wen oder was sie wohl darstellen? Ich weiß es nicht. Als ich aber das Evangelium gelesen habe, über das am Sonntag zu predigen ist, musste ich sofort an die beiden „Gestalten“ denken. Das könnten sie sein - der Zöllner und der Pharisäer! Die beiden Männer sind zum Beten in den Tempel gegangen. Der Zöllner weiß, dass er im Haus Gottes eigentlich nichts verloren hat. Sein Gebet ist kurz und verschämt: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Der Pharisäer listet wortreich auf, was er alles Gutes getan hat und gönnt sich eine abfällige Haltung über den Zöllner: „Danke, Gott, dass ich nicht so bin wie der da neben mir!“ Mich beunruhigt dieses Gleichnis, das uns Jesus ans Herz legt. Ich denke, dass ich sie beide in mir entdecke: den Pharisäer, der gerne den Kopf schüttelt über andere und insgeheim mordsmäßig von sich überzeugt ist. Aber auch den Zöllner, der immer wieder merkt, was er alles verbockt hat und dem als Gebet deshalb nur eine seufzender Ruf nach Erbarmen über die Lippen kommt. Wie gut, dass Jesus mir in dem Gleichnis auch sagt, an welchem Gebet Gott seine Freude hat und zu welcher Lebenshaltung mich das ermutigen soll. Ich will mir das Gebet des Zöllners zu eigen machen und darauf vertrauen, dass Gott mir schenkt, worum ich bitte: Gott, sei mir Sünder gnädig. Nicht, weil ich es verdient habe, sondern, weil er mich liebt.


Mariä Himmelfahrt - Evangelische Gedanken zu einem katholischen Fest

Mariä Himmelfahrt. Warum ich diesen Feiertag mag, obwohl ich evangelisch bin, kann ich nicht wirklich erklären. Nein - ein heimlicher Marienverehrer bin ich deshalb noch lange nicht. Zwar glaube ich, was ich in jedem Gottesdienst bekenne: an Jesus Christus, geboren von der Jungfrau Maria. Darin aber erschöpft sich auch schon meine „Marienverehrung“. Maria ist etwas Besonderes, weil sie die Mutter des Herrn ist. Ich bewundere ihren Glauben, ihr Vertrauen zu ihrem Sohn. „Was er euch sagt, das tut!“ flüstert sie den Dienern auf der Hochzeitsfeier zu Kana zu, bei der ihr Sohn Wasser in Wein verwandelt hat. „Was er euch sagt, das tut!“  Wenn wir uns doch diesen Rat mehr zu Herzen nehmen würden! Ich bewundere ihre liebevolle Geduld. Als sie bei einer Pilgerreise den zwölfjährigen Jesus unterwegs „verloren“ und mit wachsender Panik  drei Tage lang wie eine Nadel im Heuhafen Jerusalems gesucht und endlich gefunden hatte, hören wir aus ihrem Mund nur einen sehr moderaten Vorwurf: „Mein Sohn, warum hast du uns das angetan. Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht!“ Schließlich bewundere ich Maria um ihre Glaubensstärke. Sie hat ausgehalten, unter dem Kreuz, sie hat sich den Anblick nicht erspart, vor dem die Jünger geflohen sind, sie hat am Ende ihren toten Sohn auf den Schoß genommen und beweint. Pieta nennt man diese Darstellungen in der Kunst. Wie nah ist sie da den vielen Müttern, die um ihre Kinder trauern! Aber das ist immer noch keine Antwort darauf, warum ich diesen Feiertag mitten im August so mag. Eine theologische Erklärung habe ich nicht dafür. Vielleicht, liegt es daran, dass er mitten in einer Jahreszeit liegt, dich ich so liebe. Dieser Feiertag riecht nach Kräuterbuschen und Sommerblumen, nach Leben in Fülle. Der August entfaltet in den Mittagsstunden noch einmal seine hochsommerliche Kraft, aber die Schatten werden abends länger und der Wind bläst die Hitze weg. Dann bin ich dankbar für die Strickjacke. Die brauche ich, weil ich  im Garten sitzen möchte, um die Sternschnuppen zu zählen. Perseiden sagen die Wissenschaftler dazu, Laurentiustränen nennt sie der Volksmund in Erinnerung an den Heiligen, der die Armen als Schatz der Kirche bezeichnet hat. Die Spinnen weben jetzt fleißig ihre Netze, werfen sie über Gartenhecken und Mauervorsprünge, hauchdünn sind sie und doch stark genug, um sie aufzufangen, diese Himmelstränen, damit sie einen Platz haben, wo sie funkeln und glitzern können, wie frische Tautropfen in der Morgensonne. Was für eine schöner Tag. Was für eine schöne Zeit.



Mit den Pfunden wuchern - zum 9. Sonntag nach Trinitatis      

„Junge, du hast Talent, du  bist nur zu faul zum üben...“ sagte mein Klavierlehrer zu mir, als ich noch ein Bub war. Er hatte Recht. Ich hatte einfach keine Lust auf Fingerübungen, auf Beethovens „Für Elise“ und Schumanns „Fröhlichen Landmann.“ Dass ich keine Lust hatte, wollte ich nicht zugeben. Da war es einfacher, den Kopf hängen zu lassen und zu sagen: „Ich kann das nicht!“  Wer weiß, was aus mir geworden wäre, wenn ich auf meinen Lehrer gehört hätte? Im Sonntagsevangelium geht es um anvertraute Talente. Da handelt es sich allerdings nicht um musische Begabung, sondern um materielles Vermögen, um eine Menge Geld. Da werden wir dann hellhörig. Bei Geld hört nämlich der Spaß auf. Wenigstens für die meisten von uns. Vielleicht können viele von uns den Mann verstehen, der seine Angestellten nach Erfolg und Leistung belohnt. Weil er verreisen musste, hat er ihnen sein Vermögen anvertraut. Der Erste bekam fünf Zentner Silber, der andere zwei und der dritte einen. Wahrscheinlich kannte der Chef seine Mitarbeiter und hatte das Geld nach ihren Fähigkeiten und Begabungen verteilt. Nach der Rückkehr des Chefs sollte die Abrechnung sein.  Die beiden „Knechte“, die ihren Einsatz geschickt auf zehn und vier Zentner verdoppelt hatten, wurde über den grünen Klee gelobt und belohnt. Einen Mordsanpfiff samt fristloser Kündigung erhielt der dritte. Dabei hatte er doch gar nichts getan. Und genau das war sein Fehler. Er hatte den Zentner Silber einfach vergraben. Das ist natürlich keine gewinnbringende Anlage. Vielleicht hatte er sich folgendes gedacht: „Der Chef geht auf Reisen und ich soll seine Arbeit machen? Kommt nicht in die Tüte! Wenn ich mich verspekuliere, dann bin ich erledigt!“ Er wollte einfach keine Verantwortung übernehmen. O Mann war da der Chef sauer. Man muss „mit den Pfunden wuchern“ - diese Redensart bezieht sich auf unser Gleichnis. Was man hat, muss man einsetzen, möglichst gewinnbringend.  Phantasie, Köpfchen, Geschick, eben alles, was einem der Herrgott an Fähigkeiten geschenkt hat, soll man auch gebrauchen. Das Evangelium macht Mut, auch mal was zu riskieren. Nur wer wagt, gewinnt! Gott hat jedem Talente gegeben, die man im Leben einsetzen soll. Jetzt spreche ich wieder von unseren Begabungen, nicht vom Kontostand. Unsere Talente und Begabungen sind der wahre Reichtum, den ich mehren soll. Deshalb ist das Evangelium ein gut gemeinter aber durchaus kräftiger Tritt in den Allerwertesten für alle die den Hintern nicht hochkriegen. Du kannst etwas, also trau dich! Setz deine Gaben ein, vergrab sie nicht, lass sie nicht vermodern. Auch der Wochenspruch schlägt in diese Kerbe: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen. Und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern!“ „Was hast du aus den Gaben gemacht, die ich dir gegeben habe?“ Irgendwann einmal wird Gott uns das fragen. Bitten wir ihn darum, dass wir die Begabungen, die er uns ins Herz gelegt hat, unsere Fähigkeiten und Talente  erkennen, annehmen und gebrauchen – zu unserem Heil und zu Gottes Lob.



Eigentlich war das mal ein Engel, der andächtig auf seine Kerze schaut.  Er hat mich durch meine Kindheit begleitet. Von der Glasvitrine im Wohnzimmerschrank meiner Eltern aus hat er miterlebt, wie ich größer und älter wurde. Sicher wurde er gelegentlich aus der Vitrine genommen und abgestaubt. Dabei muss es geschehen sein - der Absturz, verbunden mit dem Verlust der Flügel. Jetzt erinnern nur noch die beiden Bruchstellen am Rücken daran, dass der Kerzenträger einmal ein himmlisches Wesen war.  Inzwischen steht der kleine Ex-Engel in meinem eigenen Wohnzimmerschrank. Er hütet dort weiter das Licht, das mich an meine glückliche Kindheit erinnert. An diesen Engel denke ich, wenn ich den Spruch für die neue Woche aus dem Epheserbrief höre: „Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“  Die Figur und das Bibelwort sagen mir, wie wichtig es ist, das Licht zu hüten,  ob mit oder ohne Flügel am Rücken. Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit sind die Früchte, die das Licht reifen lässt. Die Lichtquelle ist der menschenfreundliche Gott. In Jesus Christus ist er selbst zum Licht der Welt geworden. Die Welt sehnt sich nach diesen Früchten. Die Welt sehnt sich nach Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.



In der Kirche Zuhause sein  - Gedanken zu einem Wochenspruch

Woran erkennt man die Kirche? Ich meine nicht das Gebäude, sondern die Menschen, die sich darin versammeln. Worin unterscheidet sich ein Gottesdienst von einer Vereinsversammlung. Da werden ja auch manchmal Reden geschwungen und Lieder gesungen – mehr oder weniger wohlklingend. Martin Luther schreibt: "Es weiß gottlob ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei, nämlich die heiligen Gläubigen und ‚die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören". Auch in der Apostelgeschichte werden Merkmale beschrieben, die darauf hinweisen, dass Christen vor Ort sind. Lukas schreibt von den ersten Christen: „Sie blieben beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“ (Apg. 2,42) Beständigkeit, also Glaubenstreue zur biblischen Lehre, Gemeinschaft statt Vereinzelung, die Feier des Heiligen Abendmahls und das Gebet sind die Pfeiler, auf denen sich eine christliche Gemeinschaft gründet. Dennoch fehlt hier etwas Wichtiges, damit Glaubenstreue nicht in Fanatismus umschlägt, Gottesdienst nicht in Ritualen erstickt, Gemeinschaft belebt und nicht beengt und ein Gebet nicht zwanghaft wird: das Gefühl, hier zu Hause zu sein. „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gotteshausgenossen“ - der Wochenspruch aus dem Epheserbrief erinnert uns daran, dass die Kirche unser geistliches Zuhause ist und es auch sein soll.  Die Kirche wird aber erst dann wirklich unser Zuhause, wenn wir uns in dieser Glaubensgemeinschaft wohl fühlen. Ich rede jetzt nicht einer oberflächlichen Wohlfühlkirche das Wort. 

Im Gegenteil: Kirche kann auch ein Ort sein, an dem Konflikte ausgetragen werden, an dem diskutiert und um der Wahrheit willen gerungen, vielleicht manchmal auch gelitten wird. Es kommt aber darauf an, ich welchem Geist das geschieht. Es kommt darauf an, ob ich im Anderen immer noch meinen Nächsten erkenne, den ich – wie Jesus uns ans Herz legt - lieben soll wie mich selbst. Also: Auseinandersetzung ja – Ausgrenzung nein. Unterscheidung ja, Diskriminierung nein. Mein Großvater hat immer gesagt: „Wo es mir gut geht dort bin ich Zuhause!“ Ist die Kirche, ist die Gemeinde ein Ort, an dem es Menschen gut geht? Bitten wir Gott um seine Hilfe, damit uns das gelingt damit die Kirche für uns Menschen bei aller Unterschiedlichkeit beides sei: ein Ort, an dem es uns gut geht, weil wir hier Gottes Freundlichkeit durch die Menschen erfahren, die sich in seinem Namen versammeln.  Dann wird die Kirche zum Ort, an dem sich die Seele Zuhause fühlt, eine Gemeinschaft, in der wir uns wohlfühlen können. Eine Wohlfühlkirche im besten Sinn.



Angesehen bei Gott - zum 6. Sonntag nach Trinitatis

„Vielleicht hätte mir ich doch besser eine schicke Krawatte umbinden sollen“, denke ich mir. Aber jetzt ist es zu spät. Jetzt sitze ich da, im Vorzimmer und warte. Zusammen mit zwei anderen Kandidaten. Die sind gut gestylt, tragen Markenklamotten und Designerbrillen. Die Zeit, in der eine lockere Kleiderordnung chic war, scheint vorbei zu sein. Ob diese Jungen ihre Nervosität nur geschickt verbergen? Oder bin ich wirklich der einzige, der  aufgeregt und unsicher ist. Ganz lässig sitzen sie da und wischen über ihre Smartphones.  Ich kann ihre Blicke noch spüren, mit denen sie mich vorhin taxiert haben. Die haben Bände gesprochen: „Du hast keine Chance gegen uns!“ Sie haben wahrscheinlich Recht, denke ich mir. Eigentlich bin ich zu alt für diese Bewerbungsspielchen. Ich kann nichts dafür, dass ich arbeitslos bin und fühle mich doch schuldig. Gekündigt wegen Geschäftsaufgabe! Und noch sieben Jahre bis zur Rente! Wie soll ich die nur überstehen? Was habe ich den anderen voraus, womit kann ich punkten? Mit Lebenserfahrung? Ob so etwas zählt? „Der könnte mein Sohn sein“, schoß es mir durch den Kopf, als mir vorhin der Personalchef die Hand gegeben und mich zu den anderen Kandidaten ins Vorzimmer begleitet hatte. Jetzt würde ein gutes Wort helfen, eines, das aufbaut, die Angst verscheucht, das  mein Selbstwertgefühl stärkt und mir Mut macht. So ein Wort hatte der Prophet Jesaja im Auftrag Gottes gesprochen. Wir hören es als Wochenspruch am 6.Sonntag nach Trinitatis. „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ Die Israeliten hörten es einst in einer Situation, in der sie ganz unten waren - als Kriegsgefangene, ohne Heimat, ohne Hoffnung. Ich habe dich erlöst - befreit, sagt Gott in diesem Wort zu seinem Volk. „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen.“ Das sagt er auch zu mir.  Gott kennt meinen Namen. Er muss nicht erst in meine Personalakte schauen, um zu wissen, wen er vor sich hat. Er weiß, wie es um mich steht. Und er verspricht mir ein Leben nach seinen Vorstellungen, ein Leben in Würde. „Du bist in meinen Augen wertgeachtet. Du bist herrlich. Ich habe dich lieb“ sagt Gott zu seinem Verlierer - Volk - fast in einem Atemzug mit dem Zuspruch von eben. Gott hat mich bei meinem Namen gerufen - in der Taufe! Diese erlösende Zusage Gottes gilt deshalb für jeden von uns. Daran erinnert uns der Taufgedächtnissonntag. In der Taufe sagt Gott mir am Anfang meines Lebens, wonach ich mich im Grunde immer sehne, selbst im Alter, wenn die Haare grau werden und der Gang gebeugt, wenn ich den  aktuellen Bewertungskriterien nicht mehr Stand halte, wenn ich in den Augen derer  nichts mehr gelte, die heute das Sagen haben. Ich möchte angesehen sein. Ich sehne mich danach, wahrgenommen zu werden, anerkannt zu werden. Und das werde ich auch. Ich bin in Gottes Augen wertgeachtet. Ich bin herrlich. Ich bin geliebt. Vielleicht hebt das die Kränkung nicht auf, wenn ich trotzdem nach dem Vorstellungsgespräch eine Absage erhalte, wenn ich merke, dass ich nicht mehr mitkomme mit den anderen, den jüngeren, dass ich auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr zu vermitteln bin. Das Wort erinnert mich daran, dass Gott andere Maßstäbe anlegt, als die Menschen. Sein Maßstab heißt Liebe. Die hat Gestalt angenommen in einem schwachen, angreifbaren Menschen. Einem, der in den Augen vieler auch gescheitert ist. Ich spreche von Jesus Christus. Der garantiert mit seinem Leben dafür, dass Gott nichts zurück nimmt von dem, was er dem Menschen am Anfang seines Lebensweges versprochen hat, was er mir versprochen hat: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst. Du bist wertgeachtet in meinen Augen.



Sich beschenken lassen. Einfach so - Gedanken zum 5. Sonntag nach Trinitatis

Lassen Sie sich gerne beschenken?“ Als ich diese Frage in einer Gesprächsgruppe gestellt habe, herrschte zunächst betretene Stille. Eine ältere Frau meldete sich zuerst zu Wort. „Nein!“ Sie schüttelte energisch den Kopf. „Nein, ich lasse mich nicht gerne beschenken. Es fällt mir schwer, etwas anzunehmen. Einfach so. Umsonst.“ Sie war nicht allein. Viele möchten sich nichts schenken lassen, ohne selbst etwas dafür zu geben. Es ist ihnen peinlich. „Ich will niemanden etwas schuldig bleiben…“ erklärte die ältere Frau. Sie konnte auf ein schweres und arbeitsreiches Leben zurückschauen. Sie hat in diesem Leben gelernt: Ansehen und Geltung will verdient werden. Der Wochenspruch lehrt uns etwas anderes. Er spricht von einem unverdienten Geschenk an uns. „Aus Gnaden seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es.“ Das steht im Gegensatz zu einem auf Erfolg durch Leistung getrimmten Leben. Gott wendet sich den Mensch zu, um sie zu retten. Lassen wir uns beschenken, vertrauen wir, lassen wir uns lieben von dem Gott, der uns retten will, einfach so, weil er uns liebt. Vielleicht ist das auch eine Form des Glaubens, sich von Gott beschenken zu lassen, einfach so, um der Liebe willen.


Biblischer Verwandtenbesuch - zum Festtag Mariä Heimsuchung 

Am 2. Juli finden wir im Evangelischen Feiertagskalender einen Eintrag, unter dem sich heute viele nichts mehr vorstellen können: „Mariä Heimsuchung“. Gemeint ist der Besuch der Maria bei ihrer Verwandten Elisabeth. Da hat die junge Maria vom Erzengel Gabriel erfahren, dass sie schwanger ist. Wie soll sie nur mit dieser Nachricht fertig werden? Wem kann sie sich anvertrauen? Da fällt ihr Elisabeth ein. Die ist alt. Die hat Lebenserfahrung. Und die ist ebenfalls schwanger. Die weiß, was zu tun ist. Die Ikone in Kloster Kirchberg zeigt die Begegnung der beiden Frauen.  „Wie geschieht mir das, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt…“ ruft Elisabeth voll Freude aus. Zärtlich nimmt sie Maria in den Arm, so dass sich die Wangen berühren. Erst nach dieser Begegnung wird Maria ihren Lobgesang anstimmen. Ob es diese Begegnung war, die den letzten Zweifel ausgeräumt hat? Nach dieser Begegnung singt Maria ein Loblied auf Gottes Macht und Stärke. Die Christenheit stimmt darin ein, jeden Abend, wenn in den Klöstern und Kommunitäten das Magnificat gesungen wird: „Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes, denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen…“ (Die Geschichte steht im Lukasevangelium, Kapitel 1,Verse 39-56) Übrigens - eine Bauernregel bietet zum Siebenschläfertag die folgende Alternative an: „Mariä Heimsuch wird’s bestellt, / wie’s Wetter vierzig Tag sich hält“ Schaun wir mal, ob’ stimmt.




Ein frei Geständnis - zum Gedenktag der Augsburgischen Konfession am 25.Juni

„Es gilt ein frei Geständnis, in dieser unsrer Zeit, ein offenes Bekenntnis, bei allem Widerstreit…“ (EG 136,4) Diese Zeilen gehören zu einem Lied, das ich an Pfingsten gesungen habe. Es heißt: „O komm, du Geist der Wahrheit.“ Ich mag den Text und die Melodie. Gerade heute muss ich daran denken. Am 25. Juni erinnern wir uns an den Tag, an dem evangelische Fürsten und Reichsstädte ihr Glaubensbekenntnis in Augsburg vor Kaiser Karl V. vorgelesen haben. Das war 1530. Der Kanzler des sächsischen Kurfürsten muss eine laute Stimme gehabt haben, denn die Menschen, die sich vor den geöffneten Fenstern des Bischofspalasts versammelt hatten, sollten alles hören können. Das „Augsburger Bekenntnis“ gilt bis heute. Auch ich musste dazu Stellung nehmen vor meiner Ordination zum Pfarrer. Dieser Tag dient aber nicht nur der Rückschau auf ein historisches Ereignis. Er erinnert mich daran, dass ich mich immer wieder mit meinem Glauben auseinandersetzen muss. Um auszusprechen, was mir am Herzen liegt, was mir wichtig ist, woran ich glaube, braucht es manchmal eine gehörige Portion Mut. Den hatten wohl auch die „Väter“ des Augsburger Bekenntnisses nötig. Der Kaiser war ihnen nicht wohlgesonnen. Deshalb singe ich dieses Lied mit der Bitte um den Heiligen Geist. Er möge mir die Augen öffnen, damit ich sehe, was um mich herum geschieht und es wage, vom Glauben her dazu Stellung zu beziehen, er möge mir die Lippen öffnen, damit ich weiß, was ich sagen soll und er möge mein Herz weit machen, damit mir klar wird, wie ich es sagen soll - mein persönliche Bekenntnis im Alltag. Wie gesagt: es gilt ein frei Geständnis! 


Mitten im Jahr und mitten im Leben - zu Johanni am 24. Juni

„Das ist sicher Johannes der Täufer“ dachte ich mir, als ich diese Figur vor einigen Jahren in einer Kirche fotografiert habe. (Das Bild sehen Sie in der Spalte mit dem Wochenspruch.) Die Haltung der Hand und der ausgestreckte Zeigefinger bestätigen meine Vermutung. Ein wenig tut er mir leid. Es muss ziemlich unbequem sein, den ganzen Tag in dieser Haltung dazustehen. Aber das ist wohl sein Auftrag. Er soll uns an etwas wichtiges erinnern. Vor allem heute, am Johannis-Tag. Wir denken an die Geburt des Täufers. Dieser Tag liegt mir heute mehr am Herzen als früher. Ob das am Alter liegt? „Johanni" liegt ziemlich genau in der Jahresmitte. Jetzt pulsiert das Leben. „Die Bäume stehen voller Laub, das Erdreich decket seinen Staub mit einem grünen Kleide…“(EG 503,2) singen wir mit Paul Gerhardt. Und doch trägt das blühende Leben in sich bereits die Ahnung der Vergänglichkeit. Die Tage werden kürzer, die Schatten länger, wenn auch unmerklich. Wenn wir aber in der Hitze des Tages an unsere Sterblichkeit erinnert werden und darüber erschrecken, zeigt uns Johannes, wo wir hinschauen dürfen. Er lenkt unseren Blick auf Christus. Wenn die Tage am kürzesten und die Nächte am längsten sind, „mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht….“ (EG 30,1)  wird der Herr geboren und mit ihm das Licht, das uns den Weg in das Leben weist, in dem es nichts mehr geben wird, was Finsternis über uns bringt.. Schon jetzt aber, mitten im Jahr und mitten im Leben dürfen wir  für uns gelten lassen, was Christus, das Licht der Welt, allen versprochen hat, die ihm vertrauen: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird das Licht des Lebens haben!“ (Joh.8,12) Daran erinnert uns dieser Festtag, mitten im Jahr. Schauen wir also auf Christus. Und freuen wir uns am Leben mit ihm.


Eine klingende Einladung! Zum 2. Sonntag nach Trinitatis

„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“ Diese Worte aus dem Matthäusevangelium stehen auf einer der Glocken unserer Kirche. Es ist die kleinste von den dreien. Jesus sagt: „Kommt her zu mir!“ Wer ist angesprochen? Ich denke, das sind wir alle, ohne Ausnahme. Alle, denen etwas auf der Seele liegt, die enttäuscht sind, verbittert, traurig oder einsam. Die kleine Glocke erinnert an diese Einladung Jesu. Sie kommt von Herzen, von seinem Herzen. Sie kommt von einem, der unser Seufzen hört, der unseren Kummer versteht, bei dem wir die Last abladen können. Die Glocke weist mit ihrem Klang hin auf ihn. Christus sagt: „Kommt her zu mir!“ Er wartet auf uns. Gewiss nicht nur in der Kirche, aber sicher auch dort. Ein Besuch lohnt sich.


Kann Jesus das unterschreiben? Zum 1. Sonntag nach Trinitatis 

„Wer euch hört, der hört mich und wer euch verachtet, der verachtet mich!“ Mit diesem Wort sendet Jesus die Jünger aus, um das Reich Gottes zu verkünden. Die Jünger sollen wissen, dass sie in seinem Namen sprechen. Dieses Wort begleitet uns als Leitspruch durch die neue Woche. 

Jesus traut uns viel zu. Wir sind aufgerufen, das Evangelium, „die Sache Jesu“ öffentlich zu vertreten - und zwar an den Orten, an denen wir leben und mit Hilfe der Medien, die uns zur Verfügung stehen.  Wer aber im Namen des Herrn auftritt, soll auch selbst so leben und lehren, wie der Herr gelebt und gelehrt hat. (Frei nach 1. Johannes 2,6) Eine Leitfrage könnte sein: Könnte Jesus das unterschreiben, was  ich meine, in seinem Namen sagen oder schreiben zu müssen? Im Zweifelsfall könnte die Mahnung des spätrömischen Philosophen Boethius (+524/26) hilfreich sein: „Wenn du geschwiegen hättest, wärest du Philosoph geblieben.“


Die Geheimnisse Gottes anbeten, nicht erforschen. Gedanken zum Dreifaltikgeitssonntag

Eine Woche nach Pfingsten feiern wir das Fest der Heiligen Dreifaltigkeit, kurz„Trinitatis“. Wir bekennen uns im Gottesdienst an jedem Sonntag zu Gott dem Vater, der die Welt erschaffen hat, zu seinem Sohn Jesus Christus, der sie erlöst hat und zum Heiligen Geist, der unsere Herzen berührt und Glauben möglich macht. Bevor ich mir aber weiter den Kopf zerbreche, wie das mit der Dreifaltigkeit zu verstehen sei, folge ich lieber dem Rat von Luthers Weggefährten Philipp Melanchthon. Der  hat einmal geschrieben: „Die Geheimnisse der Gottheit sollten wir lieber anbeten als sie zu erforschen…“ Das will ich tun und mich Gottes Schöpfung erfreuen, die mich immer wieder auf diesen geheimnis - und liebevollen Gott hinweist.


Der Heilige Geist in unserer Kirche? Zum Pfingstsonntag

Als Jesus getauft wurde, tat sich der Himmel auf und der Heilige Geist kam wie  eine Taube auf ihn herab.(Mt.3,16). Deshalb habe ich mich heute auf die Suche nach einer Taube in unserer Hafenpreppacher Kirche gemacht - vergeblich, zunächst.  Verborgen im Kronleuchter, dessen Kerzen zu besondern Anlässen und an hohen Feiertagen im Gottesdienst angezündet werden, breitet ein gefiedertes Wesen seine Schwingen aus. Vielleicht doch eine Taube? Folgt man dem Propheten Jesaja und der kirchlichen Tradition sind die Gaben des Geistes: Weisheit, Rat, Verstand, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit und Gottesfurcht. Damit kann es sich bei dem Tier in dem Kronleuchter nicht um den Heiligen Geist handeln. Hier fallen gelegentlich nur heiße Wachstropfen auf uns herunter. Somit müssen wir uns damit begnügen, dass der Heilige Geist sich jeglicher Darstellung entzieht und sich nur im Herzen wahrnehmen lässt. Diese frohmachende Wahrnehmung wünsche ich allen an diesem Pfingstfest!



Exaudi - Höre! Zum 6.Sonntag nach Ostern

Wie gerne suche ich tagsüber die Kirche auf. Ich setzte mich für einen Moment in eine Bank und schweige und lausche. Was es da nicht alles zu hören gibt. Das Auto, das draußen vorbeifährt. Kinder, die in der Nachbarschaft miteinander spielen, das Knacken der Holzbänke. Ich lausche und höre. Vielleicht folge ich damit dem Aufruf des kommenden Sonntags. Exaudi heißt dieser Sonntag, zu deutsch: Höre! Das bezieht sich auf ein Psalmwort: „Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe!“ Da ist Gott gemeint. Wir bitten Gott, er möge doch hören, wenn wir beten. Umgekehrt wird auch der Mensch aufgefordert, zu hören, wenn Gott spricht. „Rede Herr, denn dein Knecht hört!“ Das sagt der junge Samuel, als Gott ihn im Tempel ruft. Mir tut die Stille im Gotteshaus gut. Sie hilft mir, hörfähig zu werden.  Ich glaube, Gott spricht mit leiser Stimme. Er brüllt einen nicht die Ohren voll. Der Prophet Elia hat das so erlebt. Am Berg Horeb sollte er sich auf eine Begegnung mit Gott vorbereiten. Und Gott kommt.Aber er war nicht im Sturmwind, der sich erhob, er war weder im Feuer nach dem Sturm, noch im Erdbeben, das auf dem Sturm folgte.Schließlich konnte Elia ein sanftes Säuseln wahrnehmen, vielleicht den Hauch einer Stimme? Die Übersetzung von Buber-Rosenzweig  nennt das, was Elia wahrgenommen hat „eine Stimme verschwebenden Schweigens.“  „Als Elia das hörte“, lesen wir in der Bibel, „verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel.“ Elia hatte verstanden. Gott will die Menschen nicht überwältigen und auch nicht in Grund und Boden reden. Gott spricht mit leiser Stimme. Deswegen tut es der Seele gut, wenn sie  sich darauf einstellt, wenn sie die Stille sucht und lauscht und wartet, geduldig und doch gewiss, dass beides geschieht: dass Gott hört und auch, dass ich  seine sanfte Stimme wahrnehme. Exaudi! Höre! Geben wir  der Seele die Chance, dass sie hören kann, wenn Gott zu ihr sprechen möchte. Schenken wir uns die Zeit. Hören wir auf die sanfte Stimme, mit der Gott uns ruft.




Rogate! Betet! Die Glocken von Altenstein ermutigen zum Gebet!

Bald ist es soweit, bald sollen sie läuten, die neuen Glocken. Wie lange haben wir darauf gewartet. Ich bin neulich gefragt worden: Jetzt, wo sie da sind, warum sie denn erst in die Kirche gestellt werden? Man hätte sie doch gleich nach der Lieferung in den Glockenturm bringen können. Aber Glocken sind nicht nur Gebrauchs-gegenstände. Es sind Instrumente. Sie haben eine Aufgabe. Wenn sie läuten, sollen sie das zur Ehre Gottes tun und zur Stärkung unseres Glaubens, zum Trost, zur Mahnung und zur Ermutigung. Deshalb wollen wir Gott um seinen Segen bitten. Auf den Glocken stehen Bibelworte. Die sagen etwas aus über ihre Funktion, ihren Dienst. „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erde Friede bei den Menschen seines Wohlgefallens!“ Das Wort aus dem Weihnachtsevangelium ist auf der Großen Glocke zu lesen. Das haben die Engel in der Heiligen Nacht gesungen, voll Freude über die Geburt Jesu in Bethlehem. In ihren Lobruf stimmen wir jeden Sonntag ein, wenn wir das Gloria anstimmen. Zum Gebet ermutigt uns die mittlere Glocke. „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet“. Auch ein Lobruf. Er steht im 66.Psalm. Wir hören ihn auch als Wochenspruch am Sonntag Rogate. Wir stoßen nicht auf taube Ohren. Daran erinnert uns künftig die Glocke mit ihrem Läuten. Und schließlich ist da noch die kleine Glocke aus dem Jahr 1922. Sie legt uns den Heilandsruf ans Herz: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken!“ Wenn die Glocken läuten, allein oder zu dritt, weisen sie uns auf etwas hin: Schutz, Zuflucht, Trost, Ermutigung und Stärkung finden wir bei Gott - nicht nur in der Kirche sondern auch im Alltag. Dafür danken wir Gott in diesem Gottesdienst. Wie gut, dass wir jetzt wieder auch durch das Läuten daran erinnert werden, wie nahe uns Gott im Alltag kommen will.



Kantate!“ „Singt“

Der 4. Sonntag nach Ostern fordert uns dazu auf und ebenso der Beter des 98.Psalms: „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ Singet! Wie soll das gehen, mit so einem Stück Stoff vor dem Mund? An diesem Sonntag werden wir nach langer Zeit wieder Gottesdienst feiern - allerdings unter besonderen Auflagen. Abstand statt Nähe, mit einem Schutz vor Mund und Nase und mit eingeschränktem Gesang. Steht das nicht im Widerspruch zu dieser Aufforderung? „Singet dem Herrn ein neues Lied?“ Doch - wo steht eigentlich geschrieben, dass unsere Lieder stets laut und immer fröhlich sein müssen? Vielleicht ist das jetzt die Zeit, in der wir nicht mit lauter Stimme singen, sondern verhaltener und leiser. Mir wird in diesen Tagen immer mehr bewusst, was wir verloren haben durch die Einschränkungen.  Das macht mich traurig. Vielleicht hat das neue Lied dieser Tage getragenere Töne als sonst. „Merke auf mein Seufzen …“ heißt es in einem anderen Psalm. Gott hört auch mein Seufzen und nimmt es als Lied an. Eines aber soll nicht unter den Tisch fallen. Im 98.Psalm wird auch gesagt, warum wir Gott ein neues Lied singen sollen. „Denn er tut Wunder“ . Das größte Wunder aller Zeiten haben wir an Ostern gefeiert - die Auferstehung Jesu. Das ist die Botschaft des neuen Liedes. Sie findet ihren Weg zu den Menschen, denen die Todesangst die Hand vor den Mund gelegt hat. Sie findet ihren Weg zu den Jüngern. Und durch die Jünger auch zu uns:  Der Herr ist auferstanden. Er lebt und wir sollen auch leben. Es mag ja sein, dass dieses neue Lied etwas dumpfer klingt, wenn man eine Stoffmaske vor dem Mund trägt. Die Botschaft ändert sich nicht. Das Leben findet seinen Weg auch zu uns. Wir haben Grund, ein neues Lied zu singen. Ein Lied der Hoffnung und des Lebens.






Jubilate - Jauchzt dem Herrn!

Der 3. Sonntag in der Osterzeit heißt Jubilate! Zu deutsch: Jubelt. So beginnt der 66. Psalm. Martin Luther hat ihn mit folgenden Worten übersetzt: „Jauchzet Gott, alle Lande! Lobsinget zur Ehre seines Namens. Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke!“ Wie gut mir dieser Aufruf tut. Gerade in dieser Zeit, die so von Angst geprägt ist. Der Psalm lenkt meinen Blick auf die Schönheit dieser Welt.
Ich glaube, das uns in den letzten Wochen der Blick dafür durch die  Furcht vor dem Corona-Virus und seinen Folgen verstellt wurde. Aber es gibt sie noch, die Wunder der Natur, die Spuren der Hoffnung und der Freude. Auch in unserem Alltag. Ich zum Beispiel freue mich jeden Morgen am Gesang, mit dem die Vögel den neuen Tag begrüßen. Ich liebe das frische Grün der Bäume und den Geruch des blühenden Flieders.  Und dann kann ich den Psalmbeter auf einmalverstehen, wenn er uns auffordert: „Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke!“ Durch die neue Woche begleitet uns ein Wort des Apostel Paulus. Er schreibt von einer neuen Schöpfung Gottes und er meint uns damit: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen. Siehe, Neues ist geworden.“ Da ist etwas neues im Anbruch und wir sollen ein Teil dieses Neuen sein. Die erwachende und erblühende Natur wird zum Fingerzeig auf das neue Leben, das Gott für uns bereit hält. Den Anbruch dieses neuen Lebens haben wir an Ostern mit der Auferstehung Jesu gefeiert. Die alte Welt mit ihren Bedrohungen und Ängsten mag uns immer noch erschrecken. Das stimmt. Und doch haben wir Zeichen, die uns froh stimmen. Zeichen des Lebens. Gott ist stärker als der Tod. Gott ist stärker als die Angst, die mich im Griff hat. Deshalb:Jauchzet Gott alle Lande. Lobsinget zur Ehre seines Namens. Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke!“


Zum "Hirtensonntag"                     

(Sonntag Misericordias Domini)

„Ich bin der Gute Hirte!“ Das sagt Jesus im Evangelium am 2. Sonntag nach Ostern. Deshalb wird dieser Sonntag auch „Hirtensonntag“ genannt. Ein guter Hirte sorgt für seine Herde, er wendet Schaden von ihr ab, er achtet auf jedes einzelne seiner Tiere. So ist Gott, wie ein fürsorglicher Hirte. Diese Glaubenserfahrung hat das Gottesvolk immer wieder gemacht. Und wir teilen sie mit Israel. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln!“ Wie oft haben wir den 23.Psalm in dieser Kirche schon gebetet. Nach Ostern gibt der Auferstandene seinem Apostel Petrus einen Auftrag: „Weide meine Herde!“ Dreimal sagt er das, so wichtig ist ihm dieser Auftrag. Er gilt bis heute. Er gilt allen, die wie Petrus Verantwortung für  andere Menschen tragen. Einer davon war der Altensteiner Pfarrer Conrad Feustling. 1552 kam er als junger Mann als Seelsorger an diesen Ort. 43 Jahre hat er hier gewirkt. Wo genau er begraben wurde, wissen wir nicht mehr. Sein Grabstein ist zur Erinnerung an ihn hier in unserer Kirche in die Wand eingelassen. Conrad Feustling hält die Bibel in der Hand. Ich stelle mir vor, dass sie sein Hirtenstab war, mit dem er die Gemeinde geführt hat. Manchmal hat er sich auch daran festgehalten. Immer dann, wenn ihm sein Dienst schwer gefallen ist. Seuchen, ein früher Tod, Krieg, Hunger und soziales Elend war für die Menschen im 16. Jahrhundert eine alltägliche Erfahrung. Heute hat die ganze Welt unter den Auswirkungen einer Pandemie zu leiden. Da möchte ich es wie Conrad Feustling machen. Ich halte mich fest an Gottes Wort. Vor allem an dem Zuspruch Jesu, der uns durch die neue Woche begleitet: „Ich bin der Gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme. Und ich kenne sie und sie folgen mir und ich gebe ihnen das ewige Leben.“  Ich weiß, da ist jemand an meiner Seite, der auf mich Acht gibt und dafür sorgt, dass ich mich nicht verirre, wenn der Weg unübersichtlich wird.


Abschied von den alten Glocken
Eigentlich wollten wir uns am Sonntag nach Ostern in einem feierlichen Gottesdienst von unseren Glocken verabschieden. Am kommenden Montag werden sie demontiert und - wenn Gott will - werden zu Pfingsten die neugegossenen Glocken von dieser Stelle läuten. Es werden dann die „vierten“ Glocken sein, die hier in einem neuen Glockenstuhl ihre Heimat finden.  Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Gemeinde von ihren Glocken verabschieden musste. 1909 wurde die Kirche gebaut und sowohl im ersten als auch im zweiten Weltkrieg mussten zwei von drei Glocken hergeben werden. 1922 wurden zum zweiten und 1949 zum dritten Mal neue Glocken in diesem Kirchturm gebracht. Auch wenn ihre Lebensdauer von vornherein nur auf siebzig Jahre ausgelegt war, sind die Glocken den Altensteinern doch ans Herz gewachsen. Ein Menschenleben lang haben sie ihren Dienst getan, haben zu frohen und traurigen Anlässen geläutet, haben zum Gottesdienst gerufen, Pfarrer mit ihren Familien begrüßt und verabschiedet. Nein, diesmal werden sie nicht abgenommen, weil Krieg ist, sondern weil sie ausgedient haben. Trotzdem nehmen wir in einer kritischen Zeit von ihnen Abschied. Ein Virus hat das öffentliche Leben in unserem Land lahmgelegt. Deshalb können wir uns nicht in einem Gottesdienst verabschieden, wie sie das verdient hätten, unsere Glocken.  Wir werden aber mit großer Dankbarkeit und wohl auch mit  Wehmut dem letzten Geläut lauschen. Gewiss werden wir es nicht nur in unseren Tonarchiven, sondern vor allem auch in unseren Herzen bewahren. Und wir wünschen uns, dass die neuen Glocken dann über Jahrhunderte hinweg ausschließlich in Friedenszeiten zur Ehre Gottes läuten werden


Die Osterpredigt eines Mauerblümchens

Ostern 2020 - wie wird uns  dieses Fest in Erinnerung bleiben? Woran werden wir denken? An geschlossene Kirchen? An abgesagte Gottesdienste? An Kontaktverbote, Quarantäne und Ausgangsbeschränkungen? Ich werde an eine kleine Pflanze denken. Die habe ich am Karfreitag bei strahlend schönem Wetter und frühsommerlichen Temperaturen während meines Spazierganges rund um die Altensteiner Burg entdeckt. Mutig hält sie ihr gelbes Blütenköpfchen in die Sonne. An einem langen grünen Stängel wächst sie aus eine Mauerritze hervor und setzt einen Farbtupfer in die steingraubraune Umgebung. Das Bild tut mir gut. Das Leben ist nicht aufzuhalten, denke ich mir. Man kann es nicht einsperren. Es findet immer einen Weg ans Licht. Die Pflanze erzählt mir von Ostern. Hat man nicht auch versucht, Jesus aus der Welt zu schaffen, ihn zu töten und sein Grab zu versiegeln, damit die Welt ihn möglichst schnell vergisst? Diese Rechnung ist nicht aufgegangen. Das haben die drei Frauen erfahren, die frühmorgens zum Grab gekommen sind. Voll Trauer und Sorge war ihr Herz. „Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“ Diese Frage hat sie beschäftigt. Da sehen sie, dass der Zugang zum Grab längst offen und der Stein beiseite gerollt war. Und sie hören eine Botschaft, die ihr Leben von Grund auf verändert. „Ihr sucht Jesus? Er ist nicht hier, er ist auferstanden!“ Engel sind es, die sie darauf hinweisen. Das Leben lässt sich nicht in eine Grabhöhle einsperren und ebensowenig die Liebe Gottes zu uns Menschen. Wie tief doch die Sehnsucht nach diesem Leben in seiner Fülle und nach dieser Liebe uns verwurzelt ist! Gott hat sie uns ins Herz gelegt. Sie ist mindestens ebenso so stark wie die Sehnsucht der Pflanze nach der Sonne. Dieses Leben in seiner Fülle ist nicht aufzuhalten und ebensowenig die Liebe Gottes. In der Auferstehung Jesu hat sie den Sieg über den Tod errungen und über alles, was uns in diesem Leben Angst macht und unser Leben einschränkt.  Ich bin mir sicher: sie  wird auch in diesem Jahr Farbtupfer der Hoffnung in unser Leben setzen.


Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes und von der Freude am Leben erfülltes Osterfest