Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück. Psalm 73,28 



Eine Einladung -  zum 2. Sonntag nach Trinitatis

„Stellen Sie sich vor, sie sind alle gekommen!“ sagte die alte Dame. Sie war gerührt und fröhlich zugleich. „Alle fünf Enkel und sogar die beiden Urenkel. Groß sind sie geworden. Die gehen jetzt schon in den Kindergarten!“ Die Einladung auszusprechen hatte sie große Überwindung gekostet. Wie lange hatte sie darauf gewartet, dass ihre Kinder oder Enkel sie besuchen kommen. Vergeblich „Warum kommt nur keiner?“ klagte sie immer wieder. „Die tun ja schon so, als ob ich tot wäre…“ Die Frau hat mir leidgetan. Deshalb habe ich ihr einen Vorschlag gemacht. „Warten Sie nicht, bis die Jungen zu Ihnen kommen! Machen Sie den Anfang! Laden Sie alle einmal zu sich ein! Einfach so. Auf gut Glück!“ Kaum hatte ich meinen Rat ausgesprochen, war mir unwohl. Was, wenn keiner kommt? Wenn sie alle eine Ausrede vorschieben? Wäre das nicht eine bittere Erkenntnis für die Frau, wenn ihr so klar würde, dass sie wirklich allein ist? Wie erleichtert ich doch war, dass der Versuch geglückt ist. Die alte Dame hat sich mit viel Mühe von jedem einzelnen ihrer Enkel die Telefonnummer herausgesucht und sie angerufen. „Was waren die überrascht, als sie meine Stimme gehört haben“, sagte sie mir und musste lachen.  „Und was meinen Sie, was die zu mir gesagt haben? Klar doch, Oma, wir kommen! Ohne zu zögern! Und das, obwohl ich drei von ihnen schon einige Jahre nicht mehr gesehen habe.“ Die alte Frau blickt verträumt zum Fenster. Es ist, als ob sie jetzt nur noch zu sich selbst spricht.  „Wie die sich verändert haben … Was war das für ein schöner  Nachmittag…“ Jetzt seufzt sie. „Gesagt haben sie, sie wollten mich bald wieder besuchen. Hoffentlich tun sie es auch … ich bin froh, dass ich sie alle angerufen habe …“ Manchmal lohnt es sich, eine Einladung auszusprechen, auch, wenn es zunächst so aussieht, als ob sie erfolglos bleiben würde. Und noch viel mehr lohnt es sich, so eine Einladung anzunehmen.  Am Sonntag hören wir eine besondere  Einladung.  Jesus spricht sie aus: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11,28)  Die Mühseligen und Beladenen sind eingeladen. Alle, die eine Last mit sich herumtragen - äußerlich oder inwendig, am Leib, in der Seele, im Herzen. Eingeladen sind alle, denen nichts leicht von der Hand geht, denen nichts geschenkt wird, die sich alles schwer erarbeiten müssen. Eingeladen sind alle, an die sonst niemand denkt, die Einsamen, die Verlassenen, die Unscheinbaren. Eingeladen sind alle, die eine Sehnsucht in sich spüren, die Sehnsucht nach einem erfüllten, sinnvollen, guten Leben, wie immer das auch bei jedem aussehen mag. „Ich will euch erquicken“ sagt Jesus. Das heißt: „Ich will euch schenken, wonach ihr euch sehnt!“  Bei ihm dürfen wir aufatmen und zur Ruhe kommen, neue Kraft schöpfen, Lebenskraft. Dazu gehört auch die Freude, die im Leben manchmal abhanden gekommen ist und die sich einstellt, wenn man spürt, dass man willkommen ist bei dem, der die Einladung ausgesprochen hat.



Nicht nur Nettiquette - Zum 1. Sonntag nach Trinitatis

„Wer euch hört, der hört mich und wer euch verachtet, der verachtet mich!“ Dieses Wort beschließt nach Meinung vieler Ausleger eine Rede, mit der Jesus die Jünger aussendet. Sie sollen zu den Menschen gehen, um ihnen in seinem Auftrag die Botschaft vom nahen Reich Gottes zu überbringen. Ob ihnen bewusst war, welche Verantwortung sie damit haben?  Sie sollen zum Mund Jesu werden. Jesus will durch sie sprechen. „Wer euch hört, der hört mich!“  Was für eine Aufwertung ihrer Person. Jesus stellt sich hinter seine Jünger. Er ermutigt sie, aus der Deckung zu gehen, in seinem Namen zu sprechen, davon erzählen, was sie selbst gesehen und erfahren haben. Ob dieser Auftrag auch uns gilt? Ich denke schon. Wir sind aufgerufen, in der Nachfolge Jesu zu leben und unseren Glauben öffentlich zu vertreten, an den Orten, an denen wir leben und mit Hilfe der Medien, die uns zur Verfügung stehen. Wer allerdings die Worte Jesu im Mund führt, soll auch selbst danach leben. Das soll man schon daran merken, wie die heutigen Jünger und Jüngerinnen Jesu leben und vor allem, wie sie miteinander kommunizieren. Achten wir  also auf unseren Wortschatz! Wie reden wir miteinander und wie reden wir übereinander - vor allem, wenn es darum geht, die Botschaft Jesu weiterzusagen, die Gute Nachricht von der Liebe Gottes zu uns Menschen. Es geht dabei nicht um eine oberflächliche „Nettiquette“. Es geht um Respekt, Wertschätzung und Menschenwürde. Diese Werte gehen vor allem in den sogenannten „sozialen“ Netzwerken häufig dadurch verloren, dass häufig zuerst gepostet und erst später nachgedacht wird (wenn überhaupt). So finden Kommentare und Bemerkungen ihren Weg ins Netz und damit an die Öffentlichkeit, die dort eigentlich nichts verloren haben. Schnelle Reaktion und aktuelle Präsenz, kontroverse Aussprache und Diskussion sind zwar wünschenswert und dienen der Meinungsbildung. Manchmal wäre es aber doch nicht so verkehrt, eine alte Regel zu beherzigen, die noch aus „vordigitaler“ Zeit stammt:  vor der Veröffentlichung erstmal eine Nacht darüber zu schlafen. „Wer euch hört, der hört mich!“ sagt Jesus. Eine Leitfrage könnte sein: Könnte Jesus das unterschreiben, was  ich meine, in seinem Namen sagen zu müssen?




Evangelische Gedanken zum katholischen Fest - Fronleichnam

Die Straße zum Marktplatz ist durch einen Polizeiwagen abgesperrt. Dort, wo sonst die Obst - und Gemüsehändler ihre Stände haben, ist ein Altar aufgebaut. Aus einem kleinen, provisorischen Lautsprecher an einer Straßenlaterne perlen blecherne Stimmen - rhythmisches Gemurmel das mit einem kräftigen Amen beschlossen wird. Fronleichnamsprozession in der Stadt. Eine Hand voll Menschen steht da und wartet darauf, dass die Schar betender und singender Menschen endlich ankommt.„Schau mal, da sind sie!“ sagt ein junger Mann zu seinem Sohn. Er hebt ihn hoch und setzt ihn auf seine Schultern, damit er von dort oben alles besser sehen kann.. „Mann“ sagt der Junge aufgeregt und beginnt zu winken. „Mann!“  Er meint den Geistlichen, der die Prozession anführt. Würdevoll schreitet er unter dem Baldachin, dem Himmel, der von den Honoratioren der Stadt getragen wird. Eine Ehre ist das, so nahe dem Allerheiligsten zu sein. Gemeint ist natürlich nicht der Priester, sondern Jesus Christus, dessen Gegenwart in der Hostie verehrt wird. Bald ist die letzte Station erreicht. Hinter dem Altar sind Bänke aufgestellt. Fronleichnam ist ein sinnliches Fest. Nach dem Gottesdienst wird gefeiert, mit Bier und Bratwurst, Kaffee und selbst gebackenen Kuchen. Frömmigkeit will gelebt werden. Glaube will gefeiert werden. Deshalb mag ich Fronleichnam, obwohl ich nicht katholisch bin. Bei diesem Fest wird gefeiert, was Leib und Seele stärkt und zusammenhält. Es geht es um etwas höchst Lebendiges und wesentlich Leibhaftes. Es geht um den auferstandenen Herrn und die Art und Weise seiner Vergegenwärtigung, es geht um die  Erfahrung seiner Gegenwart im Sakrament des Heiligen Abendmahls, der Eucharistie. „Fron - Leichnam “ bedeutet - sehr frei übersetzt - Leib des Herrn. Gefeiert und verehrt wird  seit dem Mittelalter an diesem Tag die Gegenwart Christi in unserer Welt. Gefeiert wird, dass er sein Versprechen wahr macht, das er den Jüngern zum Abschied gegeben hat: „Ich bin bei euch, alle Tage, bis ans Ende der Welt.“ In den englischsprachigen Ländern wird dieser Feiertag einfach nur „Corpus Christi“ genannt, zu deutsch Leib Christi. Fronleichnam ist ein katholischer Feiertag! Wenn es bei Fronleichnam um die Demonstration einer bestimmten Lehre vom Abendmahl geht, genauer gesagt, wenn es um die Darstellung einer bestimmten Vorstellung geht, wie wir uns die Gegenwart Jesu in den Elementen, in Brot und Wein,  bei der Feier seines Mahles konkret vorzustellen haben, dann ist Fronleichnam ein Fest, bei dem wir, die „Protestanten“ , draußen bleiben müssen, wie der Hund vor der Metzgerei. Allerdings habe ich meine Zweifel, ob das der Sinn von Fronleichnam ist. Es geht um gelebten Glauben. Vielleicht denke ich da zu „evangelisch“? Achtung:  „evangelisch“ ist  ein abgeleitetes Adjektiv. Keine konfessionelle Abgrenzung. Ich denke evangelisch, also vom Evangelium her, von den heiligen und heilsamen Geschichten um Jesus Christus. Ich erlaube mir deshalb , Fronleichnam evangelisch zu deuten. Ich glaube, es geht bei diesem Fest darum, die innige Gemeinschaft mit dem Auferstandenen zu feiern. Und zwar öffentlich zu feiern. Es geht um Christus, der uns beim Abendmahl in den Elementen von Brot und Wein begegnet und der kein Wort darüber verloren hat, wie genau nun diese Gegenwart zustande kommt. „Er hat ein Gedächtnis seiner Wunder gestiftet, der gnädige und barmherzige Herr!“ sagt der Psalmbeter  (Psalm 111,4) Wir denken bei diesen Worten  an die Einsetzung des Heiligen Abendmahls am Gründonnerstag. Bei seinem letzten Mahl setzt Jesus Brot und Wein in Beziehung zu seinem Leiden und Sterben. Er bricht das Brot und reicht es seinen Jüngern. Dann segnet er den Kelch und gibt ihn ebenfalls weiter. Alle sollen begreifen:  "Was mit mir geschieht,  mein Leiden und Sterben, das geschieht zu eurem Heil!"  Schließlich gibt er seinen Jüngern einen Auftrag. „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Das geschieht, so oft wir von diesem Brot essen und von diesem Kelch trinken und unseren Glauben bezeugen. Es handelt sich in der Feier des Abendmahls, der Eucharistie, um ein sehr inniges Geschehen, um ein Geheimnis des Glaubens und um Pflege der Gemeinschaft mit Christus. Geheimnisse kann man aber nicht erklären. Sonst sind sie keine Geheimnisse mehr.  Ist denn im ehrenden Gedenken nicht ebenfalls der anwesend, an den wir denken? Lob und Anbetung, Ehrfurcht und Demut sind meiner Meinung die angemessenen Haltungen, um sich diesem Geheimnis zu nähern, um die Gegenwart des Auferstandenen zu verehren und zu feiern. Der Mensch wird sich seiner Nichtigkeit gegenüber dem Großen Gott bewusst. Zugleich darf er aufatmen. Der große  Gott, den wir loben, macht sich selbst klein. Er kommt in unsere Welt. Er wird Mensch. Jesus legt sich selbst mit seinem Leben in unsere Hand. Das Stück Brot erinnert uns daran. Und wenn wir uns an ihn erinnern, ist er unter uns, nimmt die Seele ihn auf, wie der Leib das Brot und den Wein. Dafür können wir ihm nur danken. Deshalb ist die Feier des heiligen Abendmahls eine „Eucharistie“ - also eine Danksagung (so lautet die deutsche Umschreibung dieses griechischen Begriffes). Wir sind dankbar, dass wir „sehen und schmecken dürfen, wie freundlich der Herr ist.“ Diese Dankbarkeit darf man zeigen. Dieser Glaube ist nicht für die fromme Nische bestimmt. Er will und soll öffentlich gemacht werden. Fronleichnam ist ein wunderbares Beispiel, wie das geschehen kann.



Gedanken zu Trinitatis

Am Sonntag nach Pfingsten ist das Fest der Heiligen Dreifaltigkeit, Trinitatis. Es ist  das wohl "unbekannteste" oder "unpopulärste" der christlichen Feste. Vielleicht liegt das daran, dass es nicht aus dem Leben der Kirche, sondern aus dem Nachdenken der Theologen über das Wesen Gottes heraus entstanden ist. An Weihnachten feiern wir die Geburt Jesu. Als als Kind in der Krippe begegnet uns Gott. Wir erleben den leidenden Gottessohn in der Passionszeit und fühlen uns ihm verbunden, wenn wir selbst leiden. Wir freuen uns über seine Auferstehung und haben eine lebendige, österliche Hoffnung, wenn wir an die Gräber unserer Verstorbenen treten. Wenn wir immer wieder neue Kraft schöpfen und spüren, wie gut uns die Hoffnung und die Verbundenheit mit den anderen tut, dann ahnen wir etwas von der Kraft des heiligen Geistes. Die  Theologen (vor allem des frühen Mittelalters)  haben nun versucht, wie man das alles „unter einen Hut“ bringen kann und sind auf die Lehre vom Dreieinigen Gott gekommen, die Trinität, die Dreiheit. Das ist schwer zu verstehen, vor allem, weil man ja nicht an drei Götter glauben will.  Mir hilft der Gedanke vom dreiblättrigen Kleeblatt, mit dem eins der heilige Patrick den Iren die Dreifaltigkeit erklärt hat. Es sind drei Blätter und doch eine Pflanze. So ist es mit Gott, wir erfahren ihn so unterschiedlich und es ist doch einer, der uns auf unterschiedliche Weise begegnet. Ich wünsche Ihnen (und natürlich auch mir selbst), dass wir den Reichtum der Liebe Gottes im Alltag erfahren. Dass die Natur den dreieinigen Gott predigt, kann man in dem Bild der Blumen sehen, die ich immer wieder gerne fotografiere …



Heilsame Worte - zum Pfingstfest

„Was feiern wir an Pfingsten?“ Die Frage kommt aus dem Radio, wo gerade Werbung gemacht wird. Sie weckt mein Interesse. Die fröhliche Antwort darauf lautet: „Na, 25 % Preisermäßigung auf jede Sonnenbrille!“ Da hat also eine Optikerkette Pfingsten für sich entdeckt. Ich bin enttäuscht. Allerdings regt mich diese Frage an, darüber nachzudenken was Pfingsten für mich persönlich bedeutet. Gewiss fällt mir zuerst die Geschichte aus der Bibel ein, die ich schon von Kindergottesdienstzeiten her kenne und liebe. (Apostelgeschichte, Kapitel 2). Sie erzählt von eingeschüchterten Menschen, die wieder mutig wurden, von ratlosen Menschen, die sich neu ausgerichtet hatten. Sie erzählt von den Jüngern, die hinaus auf die Straßen und Plätze gegangen sind. Der Heilige Geist kam wie ein Sturmwind auf sie, hat ihre Angst weggeblasen und das Feuer im Herzen, die Begeisterung für den Glauben, neu entfacht. Alle, die ihnen zuhörten, staunten. Sie fragten sich:  „Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache?“ Ich weiß nicht, welches das größere Pfingstwunder ist - dieser neue Impuls, die Angst hinter sich zu lassen, hinauszugehen und zu predigen? Oder die Reaktion der Menschen darauf? Wir feiern an Pfingsten das Geschenk des Heiligen Geistes. Gottes Geist wirkt heilsame Worte. Worte, die verstanden werden. Die Jünger öffnen den Mund und erzählen von ihrem Glauben. Sie sprechen Worte, die  der Seele gut tun. Die Reaktionen der Hörer sind unterschiedlich.Die einen werden nachdenklich, die anderen machen sich lustig. Die einen fragen betroffen: „Was soll das werden?“ Die anderen winken ab: „Sie sind voll des süßen Weins.“ Trotzdem sind es heilsame Worte, die die Jünger sprechen, weil sie Glauben wecken, Hoffnung stärken, Liebe vertiefen, weil sie auf das heilsame Wort hinweisen, das Mensch geworden ist. Nehmen wir sie auf in den Wort-Schatz unseres Herzens - diese heilsamen Worte des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe.



Zwischenzeit, Zeit zum Hinhören! Zum Sonntag Exaudi

Der sechste Sonntag nach Ostern hat den lateinischen Namen „Exaudi.“ Das heißt „Höre“ und bezieht sich auf Psalm 27, in dem es heißt: „Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe.“ Wir bitten also Gott um Gehör. Umgekehrt fordert Gott das auch von seinem Volk und heute auch von uns. Im Psalm 81,9 heißt es: „Höre, mein Volk, ich will dich ermahnen. Israel, du sollst mich hören!“ Wir befinden uns wie die Jünger in einer Zwischenzeit. Die lebten in der Erwartung. Jesus ist zum Himmel aufgefahren. Das haben wir am Donnerstag gefeiert. Den Jüngern wurde etwas versprochen. „Ihr werdet den Heiligen Geist empfangen“, sagte Jesus zum Abschied. Das ist beim Pfingstfest geschehen. Es hat das Leben der Jünger verändert. Angst und Unsicherheit wurden weggefegt, die Herzen entflammt und die Lippen geöffnet. So wurden die Jünger ausgerüstet, um den Auftrag zu erfüllen, hinauszugehen und das Evangelium zu verkünden. Wir gehen auf Pfingsten zu. Wir bitten um die Gabe des Heiligen Geistes. Den brauchen wir zum Hinhören auf Gottes Stimme und zur Antwort im Gebet. Dass Gott unser Rufen hört, aber auch, dass wir im Lärm der Welt nicht Gottes Stimme überhören, darum wollen wir Gott in dieser Zwischenzeit der Erwartung bitten. Christus ist zum Vater gegangen, wir haben einen Fürsprecher bei Gott. Um seinetwillen wird er weder Herz noch Ohr verschließen.


Aufgefahren in den Himmel? 

Eineinhalb Wochen vor Pfingsten ist Christi Himmelfahrt. In unserer Gemeinde verlassen wir an diesem Tag das Gotteshaus, um einen Gottesdienst im Grünen zu feiern. Der Himmel ist dann unser Kirchendach. Manchmal sehen wir wahrscheinlich genauso skeptisch und fragend nach oben, wie das wohl die Jünger Jesu einst getan haben. Allerdings aus anderen Beweggründen. „Hoffentlich regnet es nicht“, sagen wir, wenn sich Wolken vor die Sonne schieben. Die Jünger hatten andere Sorgen.  Was sie gesehen haben, ging über ihren Verstand. Es ist ja auch schwer zu begreifen, was  der Evangelist Lukas in nur zwei Sätzen beschreibt: „Jesus führte die Jünger hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie. Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.“  Wo ist Jesus hingegangen? fragen wir uns wie einst die Jünger. Mir hilft dabei die Erklärung einer Lehrerin aus der Grundschule. Sie lehrte die Kinder: „Wenn wir sagen, dass Jesus im Himmel ist, müssen wir nicht nach oben schauen. Jesus ist nicht im All, sondern im Über – All!“. Gemeint ist folgendes:  wir sehen ihn nicht – und doch ist er da. Er ist eben überall. Der Himmel, in den Jesus aufgefahren ist, ist  nicht ein ferner Ort über uns. Der Himmel ist dort, wo Menschen dem Auferstandenen vertrauen. Er kommt zu uns, er spricht uns an in seinem Wort. Er stärkt unseren Glauben durch die Gaben von seinem Tisch, durch Brot und Wein. Er ruft uns beim Namen in der Taufe. Er hört uns zu, wenn wir uns an ihn wenden im Gebet. Seit Christi. Himmelfahrt gibt es  keinen Raum mehr, in dem Jesus nicht zu finden ist. Wir kommen also nicht erst in den Himmel. Wir sind schon mitten drin. Der Auferstandene bringt den Himmel zu uns, in unser Herz, in unser Leben. „Der Himmel geht über allen auf, auf alle über, über allen auf!“ singen wir bei unserem Gottesdienst im Grünen. Der Himmel kommt zu uns. Wenn das kein Grund ist, dieses Fest zu feiern! 



Des Christen Handwerk ist beten - zum Sonntag Rogate

Der Sonntag vor Christi Himmelfahrt heißt Rogate! Betet! In früheren Zeiten haben sich die Väter und Mütter diesen Aufruf zu Herzen genommen. Sie haben ihren Sonntagsstaat angezogen und das Gebetbuch in die Hand genommen. Singend und betend sind sie so über die Felder gezogen. Flurprozessionen nannte man. Bittgänge waren es. Die Väter und Mütter haben so die Natur in die Obhut Gottes gegeben. In manchen Gemeinden gab es sogar einen Hagelfeiertag. Da ruhte die Arbeit. Man ging zur Kirche, um Gottes Schutz vor Blitz - und Hagelschlag, vor Sturm und anderem Schaden zu erflehen. Aus gegebenen Anlass. Erinnerungen und Erfahrungen wurden früher nicht digital auf Festplatten oder USB Sticks gespeichert. Erinnerungen wurden aufbewahrt und weitergegeben im Brauchtum, in Gebeten, Gesängen und Gedenktagen. Es war die Erinnerung an „verhagelte“ Ernten, an Unwetter, an Feuer durch Blitzschläge und an Brandkatastrophen, es war die Erfahrung, wie unsicher die eigene Existenz ist, wie sehr man doch angewiesen ist auf göttlichen Schutz - und Beistand. Die haben unsere Väter und Mütter das Beten gelehrt. Sie wussten, wie anfällig und schutzbedürftig alles ist, was in diesen Tagen heranwächst, was grünt und blüht, jede Pflanze, jeder Trieb, jede Blüte, aber auch der Mensch, Haus und Hof. Diese Bittgänge gibt es heute nur noch vereinzelt. Als ob wir heute keinen Schutz nötig hätten.  Wir können zwar Frosteinbrüche und Unwetter zielsicher vorhersagen und den Verlauf einer Sturmfront mit Hilfe unserer Wetterapps abschätzen. Die Folgen eines Sturms können sie nicht abwenden. Unsere Väter und Mütter im Glauben vertrauten dem Handwerk des Christen. Das ist das Gebet.  „Eines Christen Handwerk ist beten. Wie ein Schuster einen Schuh macht, und ein Schneider einen Rock, also soll ein Christ beten“ sagte einst der Reformator Martin Luther. Unsere Väter und Mütter wussten noch, warum dieses Handwerk so wichtig war. Sie haben bei ihren Bittgängen, mit ihren Gebeten und in ihren Gottesdiensten die  Welt und Gott  zusammengebracht, sie haben sich selbst mit ihren Nöten und Ängsten in Gottes Hand gelegt. Sie haben es getan, indem sie die Hände gefaltet und gebetet haben. Sie hatten Gottvertrauen. Sie haben geglaubt. Des Christen Handwerk ist das Beten. Glaube und Gottvertrauen sind notwendende Voraussetzung für die Ausübung des Handwerks der Christen. Die Väter und Mütter haben ihr Handwerk noch verstanden. Haben wir es inzwischen verlernt?

7.5.2021


Aufruf zum Ungehorsam? Zum Sonntag Kantate!

Der Wochenspruch aus dem 98. Psalm zum Sonntag Kantate ruft dazu auf, ein Lied anzustimmen. „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ In diesen Tagen kling das wie ein Aufruf zum Ungehorsam. Immer noch gilt: „Der Gemeindegesang ist untersagt.“ Ja, es stimmt schon, das Coronavirus hat uns alle fest im Griff. Es reitet gerne auf Aerosolwölkchen und sucht sich seinen Weg von Mund zu Mund, wird aus und leicht wieder eingeatmet. Davor soll uns die Maske schützen, die wir tragen. Deshalb sind unsere Gottesdienste schon eine ganze Weile eine recht schweigsame Angelegenheit. Was löst dieser Aufruf da in uns aus? Ein Aufbegehren? Hoffentlich nicht, denn so ist der Wochenspruch auch nicht gemeint. Gott tut Wunder, sagt der Psalmbeter und darüber sollen wir ihn loben. Wir haben auch Grund dazu, trotz allem. Das größte Wunder haben wir an Ostern gefeiert - die Auferstehung Jesu, seinen Sieg über den Tod. Das neue Lied ist ein Freiheitslied. Wir besingen die Befreiung aus der Gewaltherrschaft des Todes. Und wie stark sein Einfluss ist, spüren wir seit einem Jahr ganz besonders intensiv. Wie wohltuend der Gedanke doch ist, dass seine Macht gebrochen ist. Die ganze Schöpfung soll von ihm befreit werden. Deshalb darf sie auch mit uns zusammen einstimmen in das Lob: „Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. Die Ströme sollen in die Hände klatschen und alle Berge seien fröhlich vor dem Herrn; denn er kommt, das Erdreich zu richten….“ (Ps.98,7f) Gott wird uns aus dem Klammergriff des Todes retten. Er wird dafür sorgen, dass wahres Leben möglich wird. Alles Leid, alle Ungerechtigkeit, alle Not, alle Verhältnisse, die mir heute noch Angst machen, werden überwunden sein. Jetzt schon können wir mit der Melodie des neuen Liedes vertraut werden, können uns auf die Melodie des Lebens einstimmen. Sie klingt an in den vielen alten und neuen Chorälen, die die Auferstehung und das Leben preisen. Es sind Lieder des neuen Lebens, zu dem wir bestimmt sind, es sind die Liebeslieder auf den Gott des Lebens, der uns die Freiheit schenkt. Wenn wir sie zur Zeit noch nicht laut singen dürfen, können wir sie immerhin summen. Und ihre Melodie schwingt in unseren Herzen und trägt die Hoffnung hinein in unser Leben.

30.4.2021


Begeisterung für das Leben - zum Sonntag Jubilate

Der 3. Sonntag in der Osterzeit heißt Jubilate! Zu deutsch: Jubelt. So beginnt der 66. Psalm. Martin Luther hat ihn mit folgenden Worten übersetzt: „Jauchzet Gott, alle Lande! Lobsinget zur Ehre seines Namens. Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke!“ Wie gut mir dieser Aufruf tut. Gerade in dieser Zeit, die so von Angst geprägt ist. Der Psalm lenkt meinen Blick auf die Schönheit dieser Welt.  Ich glaube, das uns durch die Pandemie der Blick dafür verstellt wurde. Aber es gibt sie noch, die Wunder der Natur, die Spuren der Hoffnung und der Freude. Auch in unserem Alltag. Ich zum Beispiel freue mich jeden Morgen am Gesang, mit dem die Vögel den neuen Tag begrüßen. Ich liebe das frische Grün der Bäume und den Geruch des blühenden Flieders.  Und dann kann ich den Psalmbeter auf einmal verstehen, wenn er uns auffordert: „Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke!“ Durch die neue Woche begleitet uns ein Wort des Apostel Paulus. Er schreibt von einer neuen Schöpfung Gottes und er meint uns damit: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen. Siehe, Neues ist geworden.“ Da ist etwas neues im Anbruch und wir sollen ein Teil dieses Neuen sein. Die erwachende und erblühende Natur wird zum Fingerzeig auf das neue Leben, das Gott für uns bereit hält. Den Anbruch dieses neuen Lebens haben wir an Ostern mit der Auferstehung Jesu gefeiert. Die alte Welt mit ihren Bedrohungen und Ängsten mag uns immer noch erschrecken. Das stimmt. Und doch haben wir Zeichen, die uns froh stimmen. Zeichen des Lebens. Gott ist stärker als der Tod. Gott ist stärker als die Angst, die mich im Griff hat. Deshalb:Jauchzet Gott alle Lande. Lobsinget zur Ehre seines Namens. Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke!“                                                          23.4.2021


Gute Hirten und ihre Hirtenstäbe - zum 2. Sonntag nach Ostern (Miserikordias Domini, Hirtensonntag)

„Ich bin der gute Hirte“ sagt Jesus im Johannesevangelium. Er will den Gläubigen damit Mut machen. Er ist für sie da, wie ein guter Hirte für seine Herde. Er lässt sie nicht aus den Augen. Er sorgt für sie. Morgen werden wir im Gottesdienst das Gleichnis Jesu vom guten Hirten hören und gemeinsam den Psalm 23 beten: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln…“ Dabei denken wir an Jesus, unseren guten Hirten. Nach Ostern bekommt Petrus vom Auferstandenen einen Auftrag: „Weide meine Herde!““ Dreimal sagt Jesus das zu ihm, so wichtig ist ihm das. Ich glaube, dieser Auftrag gilt nicht nur dem Apostel, sondern auch allen Menschen, die Verantwortung für andere übernehmen. Eltern sollen gute Hirten sein für ihre Kinder, Lehrer für ihre Schüler und Schülerinnen, Ausbilder in den Betrieben für ihre Auszubildenden und natürlich auch die Geistlichen. Sie sollen gute Hirten für ihre Gemeinden sein. Sie werden ja nicht umsonst Pastoren genannt. Pastor ist das lateinische Wort für Hirte. Einer davon war der Altensteiner Pfarrer Conrad Feustling. 1552 kam er in das Bergdorf. 43 Jahre hat er hier als Prediger und Seelsorger gewirkt. Wo genau er begraben wurde, wissen wir nicht mehr. Sein prächtiger Grabstein ist aber in unserer Kirche zu bestaunen. Dort sehen wir Conrad Feustling, wie er die Bibel in der Hand hält. Ich stelle mir vor, dass sie sein Hirtenstab war, mit dem er die Gemeinde geführt hat. Aus ihr hat er sich Rat geholt, bei ihr hat er Halt und Trost gefunden.  Manchmal hat er sich wohl auch daran festgehalten, immer dann, wenn ihm sein Dienst schwergefallen ist und das muss ziemlich häufig gewesen sein. Seuchen, ein früher Tod, Krieg, Hunger und soziales Elend waren für die Menschen im 16. Jahrhundert eine alltägliche Erfahrung. Ich denke, wir können von Conrad Feustling lernen. Seit über einem Jahr hat die Welt unter den Auswirkungen einer Pandemie zu leiden. Da möchte ich es ebenso machen, wie er. Ich halte mich fest an Gottes Wort. Vor allem an dem Zuspruch Jesu, der uns aus der Bibel entgegenkommt und der uns durch die neue Woche begleitet: „Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme. Und ich kenne sie und sie folgen mir und ich gebe ihnen das ewige Leben.“  Ich weiß, da ist jemand an meiner Seite, der auf mich Acht gibt, damit ich nicht unter die Räder komme oder mich verirre, wenn mein Lebensweg unübersichtlich wird. Er macht mir Mut, wenn mir die Angst vor dem unsichtbaren Virus zu schaffen macht, das unser Leben so einschränkt. Ich weiß, da ist jemand, der mich hört, wenn ich nach ihm rufe. Ihm will ich vertrauen. Er wird mich gut durch diese Zeit führen.



Berührende Geschichten - Gedanken zum Sonntag nach Ostern (Quasimodogeniti)

Wie die neugeborenen Kinder sollen wir sein. „Wie die neugeborenen Kinder seid begierigen nach der vernünftigen, lauteren Milch!“ Das schreibt der Apostel Petrus. Wenn sie gestillt sind, schlafen die kleinen Kinder satt und zufrieden ein an der Brust der Mutter. Sie spüren die Nähe, Vertrautheit, Geborgenheit. Das tut ihnen gut. Das brauchen sie ebenso, wie die Milch. Nähe, Berührung, das Gefühl der Geborgenheit, für mich gehört das zum Glauben dazu. Die Ostergeschichten bestärken mich darin. Sie erzählen von Begegnungen mit dem Auferstandenen. Es sind manchmal buchstäblich berührende Geschichten. Thomas darf sogar seinen Finger in die offen Wunde legen, damit er glauben kann. Der Glaube lebt von der Nähe, die aus der Gemeinschaft  mit dem Auferstandenen wächst. Wenn ich müde werde, wenn mein Glaube schwach und mutlos wird, dann helfen mir diese Geschichten, die wir in dieser Zeit hören. Sie erzählen von den Begegnungen mit dem Auferstandenen. Sie beleben meinen Glauben. Ich spüre, wie die Kraft und die Hoffnung zurückkehrt, vielleicht, weil mich der Auferstandene selbst durch sie berührt. Ich spüre, wie durch sie das Leben seinen Weg zu mir findet. Lassen wir uns von der Botschaft berühren, die seit Ostern um die Welt geht. Gott wendet sich uns in Jesus Christus zu. Es ist ein Gott, der dem Müden neue Kraft schenkt, dass sie sich wie neugeboren fühlen.

10.4.2021


Die heilsame Zeit des Übergangs - Warum die Osternacht so wichtig ist

Zwischen Karsamstag und Ostersonntag liegt die Osternacht. Das ist die heilsame Zeit des Übergangs, in der sich schließlich durch den Tränenschleier hindurch das Licht der Osterkerze einen Weg bahnt, in der aus Weinen Lachen wird. "Der Herr ist auferstanden"... , rufen wir uns in dieser Nacht uns zur und antworten mit dem folgenden Bekenntnis: "Er ist wahrhaftig auferstanden.Halleluja. " Dann  schmücken wir den Altar, zünden die Kerzen an, während die Glocken nach dem langen Schweigen wieder zu läuten beginnen. Wir erinnern uns an die Taufe, in der uns das Leben zugesprochen wurde, das den Tod überwinden wird und feiern das Heilige Abendmahl, die Eucharistie. Christus, der den Tod besiegt hat, ist dann unter uns - im Geist und konkret in erfahrbar in der Feier des Heiligen Mahls. Das glauben wir. Im letzten Buch der Bibel spricht Christus: „Ich war tot und siehe, ich bin lebendig und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle!“ Das ist der Wochenspruch, der uns durch die österliche Woche begleitet, die in dieser Nacht anbricht. Jetzt wissen wir, wo er war,  als man ihn in aller Eile bestattet hat. Er hat die Herrschaft angetreten. Sie ist grenzenlos. Sie reicht über den Tod hinaus.  Die Nacht vom Karsamstag hinein in den Ostermorgen kann sich hinziehen, wie das bei durchwachten Nächten oft der Fall ist. Ich denke, das ist natürlich. Es braucht seine Zeit, bis die Botschaft von Ostern, bis das Licht der Osterkerze sich einen Weg bahnt durch die Dunkelheit. Es braucht auch für gläubige Christen Zeit, den Schmerz, die Trauer um einen lieben Menschen zu verarbeiten. Es braucht seine Zeit, bis die Botschaft der Hoffnung ihren Weg findet, durch die Dunkelheit des Nichtwissens, des Zweifels, der Tränen in das Herz findet, bis aus dem Weinen ein Lachen wird. Die Osternacht gibt uns diese Zeit, die Stunden bis zum Anbruch des dritten Tages, bis zum Bewusstwerden der Hoffnung, die wir haben. Geben wir uns diese Zeit. Lassen wir die Osterfreude in uns heranreifen, wie das Korn, das aus der Erde zum Leben hervorbricht.

3.4.2021


Zum Karfreitag

Der Altar ist abgeräumt. Schmucklos sieht er aus. Keiner Kerzen, keine Altarbibel. Was dem Glauben Glanz und Festlichkeit verleiht, ist verschwunden. Trostlos wirkt der Ort, um den wir uns zur Eucharistie versammeln, das Abendmahl feiern. Am Karfreitag denken wir an den Tod Jesu am Kreuz. Trostlos fühlen wir uns auch, wenn der Tod zuschlägt, wenn uns genommen wird, was was wir lieben, woran unser Herz hängt. Zwei Worte Jesu am Kreuz sind mir in dieser Karwoche  wichtig geworden. Sie helfen mir, wenn ich vor dem Tod erschrecke, der so viele unterschiedliche Gesichter hat. Jesus ruft verzweifelt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Dieses Gefühl des Ausgeliefertseins, der Hilflosigkeit, der Unsicherheit oder des Zweifels, wenn mich die Schatten des Todes berühren - ich darf es zur Sprache bringen. Ich darf zur Sprache bringen, dass meine Glaube an seine Grenzen stößt, dass ich nicht auf alles eine Antwort habe, auch nicht als Glaubender. Jesus erlaubt mir, nach dem Warum zu fragen. Und dann ist da noch das andere Wort: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“. Da ist es wieder, das Vertrauen. Es kehrt zurück zu mir, wenn ich mich daran erinnern lasse, dass  ich nicht allein bin, dass ich getragen werde, wenn mich auch alle Kräfte des Lebens und des Glaubens verlassen. Da ist eine gute Hand, die mich auffängt. Es ist Gottes Hand, aus der ich alles empfange: das Leben, es kommt von ihm und kehrt zu ihm zurück. Wenn ich sterbe, bin ich nicht allein. In der Taufe wurde ich dieser Hand Gottes anvertraut. Sie trägt mich, auch wenn ich sie nicht sehe. Sie hält mich, wenn ich allen Halt verliere. Sie führt mich in die Auferstehung. Von der Hoffnung und der Freude, vom Trost trennen mich drei Tage. Und auch in denen bin ich nicht allein.



Jesusbilder und wie wir damit umgehen - zum Palmsonntag

Mit dem Palmsonntag beginnt die Karwoche, auch Heilige Woche genannt. Die letzten Stationen auf dem Leidensweg Jesu werden betrachtet – der Einzug in Jerusalem, das letzte Abendmahl, die Verhaftung im Garten Gethsemane, die Verurteilung, die Kreuzigung, Jesu Tod und Grablegung. Der Palmsonntag ist stark vom Jubelruf der Menge bestimmt. „Hosianna“ rufen sie Jesus zu und winken begeistert mit Palmzweigen. Das war ein Siegeszeichen. Andere werfen ihre Mäntel über die Straße, auf der Jesus entlang reitet. So heißt man Sieger willkommen. Die Menschen sehen in Jesus ihren Retter. Hosianna, der Jubelruf, ist im Kern ein Bittruf. Wörtlich übersetzt bedeutet es: „Hilf doch!“ Die Menschen hoffen, dass Jesus in Jerusalem einzieht, um zu helfen. Sie sehnen sich nach einem der die Macht ergreift, die verhassten Römer zum Teufel jagt, das Reich Gottes auf Erden aufrichtet. Was für ein Irrtum! Die Menschen wollen die Zeichen nicht sehen, die Jesus setzt – durch die Wahl des Reittiers zum Beispiel. Auf einem Esel reiten nicht nur die kleinen Leute. Auch der gerechte Richter und erst recht der messianische Friedenskönig, der erwartet wird.„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer!“ Der Prophet Sacharja zeichnet ein anderes Bild von diesem König. Er ist „arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.“ (Sacharja 9,9) Vielleicht hat sich deshalb schnell das Blatt gewendet, als die Menschen begriffen haben, dass sich Jesus nicht vereinnahmen lässt, auch nicht von ihrer Begeisterung, dass sich Jesus nicht instrumentalisieren lässt. Der Palmsonntag mit seiner Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem lässt uns unsere Vorstellungen von Jesus hinterfragen. Wen sehen wir in dem Mann aus Nazareth, der bescheiden auf einem Esel in die Stadt hinein reitet? Was erwarten wir von ihm? Vor allem aber, wie verhalten wir uns, wenn er unsere Vorstellungen nicht zufrieden stellt? Wenden wir uns dann ebenfalls enttäuscht ab?


Schaffe mir Recht - Gedanken zum 5. Sonntag in der Passionszeit, Sonntag Judika

Ein Mann steht fassungslos vor den Trümmern seines Hauses. Ein Erdrutsch hat es weggefegt. Und nicht nur seines. Eine ganze Siedlung ist buchstäblich von der Erdoberfläche verschwunden. Etliche Menschen liegen begraben unter Schutt und Steinen. Mit jeder Stunde schwindet die Hoffnung auf Rettung. Und das alles nur, weil gepfuscht wurde. Ein Häuserblock wurde an einem Ort hochgezogen, der dafür ungeeignet ist. Das wurde ermöglicht, weil zuvor an einem anderem Ort zu einer anderen Stunde ein Geldumschlag diskret über den Tisch geschoben wurde. Jetzt ziehen die Verantwortlichen den Kopf geschickt aus der Schlinge. Sie schieben die Schuld auf andere.  „Das ist ungerecht!“ denkt sich der Mann, der seine Familie verloren hat. „Gibt es niemand, der für Gerechtigkeit sorgt?“  Vielleicht spricht ihm der Beter des 43. Psalms aus der Seele.  „Gott, schaffe mir Recht … und errette mich von den falschen und bösen Leuten!“ betet er. Von den Menschen erwartet er keine Gerechtigkeit mehr. Manchmal scheint es so zu sein, dass es bis heute eine unheilige Allianz solcher „bösen und falschen“ Leute gibt, die an den Hebeln der Macht sitzen und sie nach Lust und Laune zu ihren Gunsten bedienen. Der Beter des Psalms wendet sich in seiner Ohnmacht an Gott. Sein drängender Ruf nach Gerechtigkeit ist im lateinischen Namen des kommenden Sonntags enthalten: „Judika“ heißt er. Das bedeutet „schaffe (mir) Recht“ und bezieht sich auf den eben genannten Psalm.  Dieser Sonntag erlaubt uns die Klage, erlaubt uns den Hilferuf, gerade, wenn wir uns ausgenutzt, ausgebootet, übergangen oder über den Tisch gezogen fühlen. Ich vertraue darauf, dass Gott längst reagiert hat. Jesus Christus ist die Antwort auf unseren Hilferuf. Die Mächtigen haben sich lustig gemacht über ihn, sie haben sich über ihn geärgert.  Zugleich haben sie ihn gefürchtet. Deshalb wurde er verraten, verhaftet und schließlich nach einem fragwürdigen Prozess ans Kreuz geschlagen. Wenn wir seinem Beispiel folgen, scheint es so, als ob wir ebenfalls auf der Verliererseite stehen. Wir glauben aber, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat.  Am Ende wird sich das Leben gegen den Tod, das Recht gegen das Unrecht, die Liebe gegen den Hass durchsetzen. Am Ende wird Gott auch uns Recht verschaffen. Es braucht eine große Portion Gottvertrauen, im Leid daran festzuhalten. Der Psalmbeter hat sie aufgebracht. Deshalb konnte er sich sagen lassen: „Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichtes Hilfe und mein Gott ist.“



Sterben um zu leben! Gedanken zum 4.Sonntag in der Passionszeit -  Lätare

Lätare! Freut euch! Was für ein Name für den 4. Sonntag in der Fastenzeit. Seltsam! In den Wochen vor Ostern denken wir an den Leidensweg Jesu. Wir fasten, wir üben Verzicht. Da vergeht einem das Lachen. Dennoch hören wir am kommenden Sonntag den Aufruf: Freut euch. Dieser Widerspruch wird noch verstärkt, wenn wir jetzt über das Wort aus dem Johannesevangelium nachdenken, das uns als Wochenspruch und Leitgedanke durch die nächsten sieben Tage begleiten soll: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Jesus spricht vom Geheimnis seiner Passion, warum es gut ist, dass er diesen schweren Weg für uns geht. Um das begreiflich zu machen, zeigt Jesus den Jüngern ein winziges Weizenkorn, als ob er sagen wollte: „Wenn ich dieses kleine Körnchen in der Hand halte, fest umschlossen in der Faust verberge, ist es wertlos. Ich muss es in die Erde fallen lassen. Es muss sich verwandeln, seine alte, vertraute Gestalt muss sich auflösen, ganz und gar verschwinden, damit etwas Neues wachsen kann. So ist das mit mir und mit meinem Weg. Ihr müsst mich loslassen, damit ich meine Aufgabe erfüllen kann – euch zu erlösen aus der Hoffnungslosigkeit und Angst, die der Tod mit sich bringt!“ Was für eine Herausforderung. Nicht nur für die Jünger. Auch für uns. Einen Menschen loslassen, wenn das Ende nahe ist! Wie schwer! Ich kann die Jünger gut verstehen, dass sie das nicht hören wollten. Wir wollen nicht hergeben, nicht loslassen, was wir lieb haben, weil wir das Schicksal des Weizenkorns fürchten. Wir schauen dabei nur auf das Vergehen der alten Gestalt und übersehen das Geheimnis des Wandels, wir übersehen, dass das alte aufgeht ins neue Leben. „Wer leben will wie Gott auf dieser Erde,  muss sterben wie ein Weizenkorn, muss sterben, um zu leben“ heißt es in einem Lied aus unserem Gesangbuch. Wir müssen sterben wie ein Weizenkorn, in der Tat. Aber sterben wie ein Weizenkorn bedeutet nicht vergehen in der Erde, für immer und ewig, sondern aufgehen in Gott, für immer und ewig. Wenn das Weizenkorn stirbt, bringt es viel Frucht, sagt Jesus. Die Frucht seines Leidens ist das neue Leben, das aus dem Tod hervorgeht, das ewige Leben, zu dem wir bestimmt sind, an dem wir Anteil bekommen sollen, das Leben mit Gott. Loslassen tut zwar immer noch weh. Das Körnchen Hoffnung, das uns Jesus mit seinem Wort ins Herz legt, wird uns helfen, dass aus dem Schmerz Hoffnung wird und aus der Hoffnung Freude über das Leben, das Gott uns am Ende schenken will.