Gott nahe zu sein ist mein Glück.   Psalm 73,28



Bodenständig sein und himmelwärts glauben - zum Fest Christi Himmelfahrt 

Eineinhalb Wochen vor Pfingsten ist Christi Himmelfahrt. In unserer Gemeinde verlassen wir an diesem Tag das Gotteshaus, um einen Gottesdienst im Grünen zu feiern. Der Himmel ist dann unser Kirchendach. Manchmal sehen wir wahrscheinlich genauso skeptisch und fragend nach oben, wie das wohl die Jünger Jesu einst getan haben. Allerdings aus anderen Beweggründen. „Hoffentlich regnet es nicht“, sagen wir, wenn sich Wolken vor die Sonne schieben. Den Jüngern war das Wetter wahrscheinlich egal, als sie nach oben sahen.  Was sie gerade erlebt haben, ging über ihren Verstand. Es ist ja auch schwer zu begreifen, was  der Evangelist Lukas in nur zwei Sätzen beschreibt: „Jesus führte die Jünger hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie. Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.“  Wo ist Jesus jetzt? fragen wir uns wie einst die Jünger. Die hatten aber nicht lange Zeit, darüber nachzudenken.  Da waren auf einmal zwei Männer, in weißen Gewändern. „Ihr Männer von Galiläa...“ sagen die zu den Jüngern „...was steht ihr da und seht gen Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.“

Als Einladung zu einem bodenständigen Christsein deute ich diese Worte. „Schaut nicht in den Himmel.“ sagen die Engel. „ Geht nach Hause! Lebt euren Glauben glaubhaft und glaubwürdig. Und seid geduldig. Er wird wieder kommen.“
Da gingen sie heim, die Jünger. Zurück nach Jerusalem. Zurück in ihre Häuser, zurück zu ihren Familien, zurück in ihren Alltag. Sie waren keineswegs traurig. Fröhlich waren sie. Er wird wiederkommen! Das wissen sie jetzt. Die Engel haben es ihnen gesagt. Vielleicht erinnern sie sich auch an ein Versprechen, das Jesus ihnen zum Abschied gegeben hatte. „Ich bin bei euch, alle Tage!“ In der Tat. Er ist bei uns, alle Tage, bis ans Ende aller Zeiten. Es ist nicht der Fortgang Jesu, den wir feiern. Es ist vielmehr das Bei – uns – sein. Der Himmel, in den Jesus aufgefahren ist, ist  nicht ein ferner Ort über uns. Der Himmel ist dort, wo Menschen dem Auferstandenen vertrauen. Er kommt zu uns, er spricht uns an in seinem Wort. Er stärkt unseren Glauben durch die Gaben von seinem Tisch, durch Brot und Wein. Er ruft uns beim Namen in der Taufe. Er hört uns zu, wenn wir uns an ihn wenden im Gebet. Seit Christi Himmelfahrt gibt es  keinen Raum mehr, in dem Jesus nicht zu finden ist. Wir kommen also nicht erst in den Himmel. Wir sind schon mitten drin. Der Auferstandene bringt den Himmel zu uns, in unser Herz, in unser Leben.


Des Christen Handwerk ist beten - zum Sonntag Rogate

Der Sonntag vor Christi Himmelfahrt heißt Rogate! Betet! In früheren Zeiten haben sich die Väter und Mütter diesen Aufruf zu Herzen genommen. Sie haben ihren Sonntagsstaat angezogen und das Gebetbuch in die Hand genommen. Singend und betend sind sie so über die Felder gezogen. Flurprozessionen nannte man. Bittgänge waren es. Die Väter und Mütter haben so die Natur in die Obhut Gottes gegeben. In manchen Gemeinden gab es sogar einen Hagelfeiertag. Da ruhte die Arbeit. Man ging zur Kirche, um Gottes Schutz vor Blitz - und Hagelschlag, vor Sturm und anderem Schaden zu erflehen. Aus gegebenen Anlass. Erinnerungen und Erfahrungen wurden früher nicht digital auf Festplatten oder USB Sticks gespeichert. Erinnerungen wurden aufbewahrt und weitergegeben im Brauchtum, in Gebeten, Gesängen und Gedenktagen. Es war die Erinnerung an „verhagelte“ Ernten, an Unwetter, an Feuer durch Blitzschläge und an Brandkatastrophen, es war die Erfahrung, wie unsicher die eigene Existenz ist, wie sehr man doch angewiesen ist auf göttlichen Schutz - und Beistand. Die haben unsere Väter und Mütter das Beten gelehrt. Sie wussten, wie anfällig und schutzbedürftig alles ist, was in diesen Tagen heranwächst, was grünt und blüht, jede Pflanze, jeder Trieb, jede Blüte, aber auch der Mensch, Haus und Hof. Diese Bittgänge gibt es heute nur noch vereinzelt. Als ob wir heute keinen Schutz nötig hätten.  Wir können zwar Frosteinbrüche und Unwetter zielsicher vorhersagen und den Verlauf einer Sturmfront mit Hilfe unserer Wetterapps abschätzen. Die Folgen eines Sturms können sie nicht abwenden. Unsere Väter und Mütter im Glauben vertrauten dem Handwerk des Christen. Das ist das Gebet.  „Eines Christen Handwerk ist beten. Wie ein Schuster einen Schuh macht, und ein Schneider einen Rock, also soll ein Christ beten“ sagte einst der Reformator Martin Luther. Unsere Väter und Mütter wussten noch, warum dieses Handwerk so wichtig war. Sie haben bei ihren Bittgängen, mit ihren Gebeten und in ihren Gottesdiensten die  Welt und Gott  zusammengebracht, sie haben sich selbst mit ihren Nöten und Ängsten in Gottes Hand gelegt. Sie haben es getan, indem sie die Hände gefaltet und gebetet haben. Sie hatten Gottvertrauen. Sie haben geglaubt. Des Christen Handwerk ist das Beten. Glaube und Gottvertrauen sind notwendende Voraussetzung für die Ausübung des Handwerks der Christen. Die Väter und Mütter haben ihr Handwerk noch verstanden. Haben wir es inzwischen verlernt?



Das neue Lied - Zum Sonntag Kantate

„Wes Brot ich ess, des Lied ich sing!“ Diese Redensart hinterlässt einen bitteren Geschmack auf meiner Zunge. Sie soll aus der Zeit der Minnesänger stammen. Die zogen im Mittelalter von Burg zu Burg, um mit Gesang und Musik ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie waren angewiesen auf die Gunst ihrer Herrschaft. Deshalb stimmten sie Loblieder an, die dem Geldgeber schmeicheln sollten, ob sie der Wahrheit entsprachen, war zweitrangig. Es ist das alte Lied der Unfreiheit, der Unterwerfung, der Angst der Schwachen vor den Mächtigen, das sie sangen. Auch, wenn es in schmeichelhafte Melodien gekleidet war. Ich frage mich, ob wir nicht auch jeden Tag in dieses alte Lied einstimmen? Es wird angeordnet und kommt nicht aus freiem Herzen. Der Wochenspruch aus dem 98. Psalm zum Sonntag Kantate ruft dazu auf, ein anderes, ein ganz und gar neues Lied anzustimmen. Es ist das Lied der Freiheit, das wir singen sollen, das Lied der Freude, das Lied des Lebens. „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ Dieses neue Lied schmeichelt nicht  den Mächtigen. Es lässt uns staunen. Gott tut Wunder! Das größte Wunder haben wir an Ostern gefeiert - die Auferstehung Jesu, seinen Sieg über den Tod. Das neue Lied ist ein Freiheitslied. Wir besingen die Befreiung aus der Gewaltherrschaft des Todes. Die ganze Schöpfung soll von ihm befreit werden. Deshalb darf sie auch mit uns zusammen einstimmen in das Lob: „Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. Die Ströme sollen in die Hände klatschen und alle Berge seien fröhlich vor dem Herrn; denn er kommt, das Erdreich zu richten….“ (Ps.98,7f) Gott wird gerechte Verhältnisse herstellen. Er wird dafür sorgen, dass wahres Leben möglich wird, alles Leid, alle Ungerechtigkeit, alle Not, alle Verhältnisse, die mich heute noch verleiten, einen Diener zu machen und in das alte Lied der Unfreiheit einzustimmen, werden überwunden sein. Jetzt schon können wir mit der Melodie des neuen Liedes vertraut werden, können uns in die Melodie des Lebens einsingen. Sie klingt an in den vielen alten und neuen Chorälen, die die Auferstehung und das Leben preisen. Es sind Lieder des neuen Lebens, zu dem wir bestimmt sind, es sind die Liebeslieder auf den Gott des Lebens, der uns die Freiheit schenkt.



Der Friede setzt sich durch - Zum Sonntag Jubilate

Der dritte Sonntag nach Ostern hat den lateinischen Namen Jubilate, also „jubelt“.  Mit einem Aufruf zum Jubel beginnt der 66. Psalm: „Jubelt Gott zu, alle Länder!  Stimmt an den Lobgesang auf seine Herrlichkeit!“ Ehrlich gesagt, mir will heute kein Jubel über die Lippen kommen. Im Gegenteil. Mir ist eher zum Heulen zumute. Die Preise steigen, das tägliche Leben wird immer teurer. Viele haben Angst, dass sie bald ihre Stromrechnung und die Heizkosten nicht mehr bezahlen können. Dazu kommt dieser furchtbare Krieg in der Ukraine. Wir sehen die Bilder von zerschossenen Häusern, von Toten, die auf der Straße liegen und von Menschen, die um sie weinen. Nein, jetzt ist nicht die Zeit zum Jubeln. Ich sehne mich nach einem Wort, das mich tröstet, das mir in diesen Tagen Mut macht. Aber, vielleicht wurde dieses Wort ja längst gesprochen. Ich denke an eine Ostergeschichte der Bibel. Die Jünger waren nach dem Tod Jesu am Kreuz verstört und verängstigt. Sie hatten sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Die Türen und Fenster im Haus hielten sie fest verschlossen. Die Stimmung in der Stadt war aufgeheizt. Es war gefährlich, als Anhänger von Jesus erkannt zu werden. „Bloß nicht auffallen“, dachten sie sich deshalb. Da hörten sie eine vertraute Stimme, die sagte: „Friede sei mit euch!“ Es war der Auferstandene, der in ihre Mitte trat und ihnen den Frieden zurückgebracht hatte, der irgendwo unter den Trümmern ihres alten Lebens verschüttet war. Die Begegnung mit ihm hat ihnen neuen Mut gemacht, ihnen neue Hoffnung geschenkt und den Glauben gefestigt. Sie haben ihr Versteck verlassen, um den Menschen die Osterbotschaft weiterzugeben: „Der Herr ist auferstanden!“  Seitdem geht sie um die Welt. Ich denke daran, dass auch in diesem Jahr Ostern gefeiert wurde, hier bei uns und in Kiew und an den anderen Orten der Welt, an denen gekämpft und gelitten  wird. Ich glaube, das Wort des Auferstandenen, das den Jüngern wieder Mut gemacht hat, findet seinen Weg auch in unsere Herzen: „Friede sei mit euch!“ Der Friede, der hier gemeint ist, lässt sich nicht unterkriegen. Nicht von Menschen aus Fleisch und Blut, mögen sie noch so mächtig sein und auch nicht vom Tod selbst. Das haben wir an Ostern gefeiert. Das feiern wir immer noch. Der Friede Gottes wird sich am Ende durchsetzen und mit dem Frieden auch das Leben in Fülle. Er mag wohl etwas leiser ausfallen, unser Jubel. Aber Grund dazu haben wir doch. 



Dem Wunder die Hand hinhalten

„Da hilft nur noch beten!“ Dieser Satz ist mir durch den Kopf gegangen, als ich in der letzten Woche morgens beim beim Aufstehen im Radio die Nachrichten vom Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine gehört habe. Nach dem Schreck hat sich ein Wechselbad der Gefühle eingestellt, ein Hin und Her zwischen Angst und Verzweiflung und Mitleid. Fragen begleiten mich seitdem. Setzt sich am Ende doch immer nur der Stärkere durch? Verstehen Machtmenschen keine andere Sprache als die der Gewalt und der Vergeltung? In diesen Tagen muss ich an Menschen aus der Ukraine denken, die ich vor einigen Jahren näher kennenlernen durfte. Es handelte sich dabei um junge Leute, Mitglieder eines Jugendchores aus Odessa, die auf Konzertreise in Deutschland waren. Was wohl aus ihnen geworden ist? Und wie es ihnen jetzt gehen mag? Ich möchte mir nicht vorstellen, dass sie eine Waffe in der Hand halten oder auf der Flucht sind und um ihr Leben fürchten. Was kann ich nur tun für sie und für die vielen anderen, die  ich zwar nicht persönlich kenne, aber deren Schicksal mir dennoch an die Nieren geht? Ich kann für sie beten. Beten ist für  mich  nicht Ausdruck von Hilflosigkeit oder Resignation, sondern des Vertrauens. Ein Gedicht von Hilde Domin ermutigt mich zum Beten in dieser Zeit. Sie schreibt: „Nicht müde werden, sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten!“ Wenn ich bete, halte ich dem Wunder die Hand hin. Das Gebet bewahrt mich davor, zu resignieren, aufzugeben, müde zu werden. Es hilft mir, geduldig mit dem Wunder zu rechnen, dass sich am Ende doch die Liebe gegen den Hass und der Friede gegen die Gewalt durchsetzen und dass Despoten nicht alles ungestraft tun dürfen. Wenn ich bete, halte ich dem Gott des Friedens meine leere Hand hin, meine Angst, meine Hilflosigkeit. Ich vertraue darauf, dass ich von ihm  empfange, was meine Seele in dieser Zeit braucht, Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Vögel, die jetzt frühmorgens wieder zu singen beginnen und so den anbrechenden Tag begrüßen, bestärken mich darin und ebenso ein Wort, mit dem der Prophet Jesaja seinem von Kriegsfurcht gebeutelten Volk einmal Mut gemacht hat: „Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind.“