Pfarrer Stefan Köttig


Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)
 

Predigten im Monat Dezember 2018

 


Günstige Prognose? Predigt über Jesaja 51,4-6 am Altjahrsabend 

 

„Nur wenige Deutsche erwarten ‚bessere Zeiten‘“ - diese Überschrift konnte ich in der ersten Ausgabe meiner Tageszeitung nach den Weihnachtsfeiertagen lesen. (Fränkischer Tag, 27.12.2018) Die Stimmungslage, so hieß es, sei nach Angaben eines Zukunftsforschers so schlecht wie seit fünf Jahren nicht mehr. Nur 17 Prozent sähen dem kommenden Jahr optimistisch entgegen. Am Ende des kleinen Artikels wurde ich als Leser allerdings darauf hingewiesen, dass die Ergebnisse bei anderen ähnlichen Umfragen nicht ganz so schlecht ausgefallen seien. So ist das mit Umfragen. Eine Portion Skepsis gegenüber den Ergebnissen ist wohl durchaus angebracht. 

 

Mit Prognosen ist das ähnlich. Und das, obwohl mit diesem Begriff die Vorhersage von Ereignissen auf Grund von Fakten oder Erfahrungswerten bezeichnet wird. Den Verlauf einer gut erforschten Krankheit kann man deshalb relativ sicher vorhersagen. Beim Wetterbericht ist das schon anders. Seriöse Meteorologen wagen sich bei Vorhersagen nicht über einen Zeitraum von vier Tagen hinaus. Am Altjahrsabend hören wir einen Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja. Seine Worte sind gewiss keine Prognose für den Verlauf der nächsten 365 Tage. Jesaja spricht von dem, was Gott mit der Welt vorhat. Da habe ich beim Lesen doch Gänsehaut bekommen. Hören wir, welche Botschaft  Gott durch Jesaja im 51. Kapitel an sein Volk richtet: 

 

„Merke auf mich, mein Volk, hört mich, meine Leute! Denn Weisung wird von mir ausgehen, und mein Recht will ich gar bald zum Licht der Völker machen. Denn meine Gerechtigkeit ist nahe, mein Heil tritt hervor, und meine Arme werden die Völker richten. Die Inseln harren auf mich und warten auf meinen Arm. Hebt eure Augen auf gen Himmel und schaut unten auf die Erde! Denn der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie Mücken dahinsterben. Aber mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen.“ 

 

Mein erster Eindruck: Au weia, das sind starke Worte. Ich höre sie an der Schwelle zum neuen Jahr. Deshalb drängt sich die Frage auf: steht das der Welt demnächst bevor, was hier gesagt wird? Hoffentlich nicht! Einige Aussagen aus diesem Abschnitt graben sich bei mir ein und machen mir Angst. Wir hören, dass der Himmel vergehen wird wie ein Rauch, dass die Erde zerfallen wird wie ein Kleid und - das Schlimmste am Ende - dass alle, die auf der Erde wohnen, wie Mücken dahinsterben. Ich denke an die verbrannte Erde im Sommer, die verschmutzte Luft, die trockenen Flüsse. Ich denke an die Berichte von Naturkatastrophen, wie dem Tsunami in Indonesion, den Ausbruch des Ätna auf Sizilien  und  den Massenxodus aus den Hungergebieten dieser Welt. Tragen diese Bilder nicht zu einer Weltuntergangsstimmung bei? Und dann hören wir noch diese Aussagen des Propheten. Da könnte man fragen: Ist es jetzt so weit? Gehen wir dem Untergang entgegen? Wenn wir uns so sehr von diesen Bildern vereinnahmen lassen, vergessen wir den Rahmen, in dem die Worte des Propheten stehen. Am Anfang und um Ende unseres Abschnitts hören wir Aussagen, die Mut machen. Gottes Heil bleibt ewiglich. Damit endet Jesajas Botschaft. Seine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen, wird uns gesagt. Und am Anfang verspricht er: Gott will sein Recht zum Licht der Völker machen. Was für eine Botschaft für alle, die unter den ungerechten Verhältnissen dieser Welt zu leiden haben! 

  

Dieser Abschnitt aus dem Prophetenbuch spricht vom Anbruch einer neuen Zeit, von einer Zeitenwende.  Deshalb sind das Worte, die uns der Zukunft voll Hoffnung entgegensehen lassen. Diese Zeitenwende bringt jedoch nicht der Jahreswechsel. Die Zeitenwende hat längst begonnen. Sie hat mit dem Fest zu tun, das wir feiern - das Christfest. Wir sind immer noch in der Weihnachtszeit, auch, wenn viele ihre Christbäume schon entsorgt und ihre Geschenke umgetauscht haben. Ich glaube, die Weihnachtsgeschichte beschreibt uns, wie Gott in die Tat umsetzten will, was er durch Jesaja angkündigt hat: „Mein Recht will ich zum Licht der Völker machen“  Durch ein Kind soll das Recht Gottes seinen Weg zu den Menschen finden. Durch einen Menschen will Gott seinem Recht Geltung verschaffen. Durch ihn soll die Weisung ausgehen. „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht im Finstern wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ Diese Worte Jesu verbinde ich mit der Ankündigung, dass Gott sein Recht zum Licht der Völker machen will. Gott geht bei der Durchsetzung seines Rechtes nicht den Weg, den die Mächtigen dieser Welt wählen, er setzt nicht auf Gewalt und Stärke. Er geht den Weg der Liebe. Sein Sohn bringt Gottes Recht zu den Menschen, indem er ihnen seine Liebe nahebringt. Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen, sagt er an anderer Stelle. 

 

Ich glaube, diese freudenreiche Zeit, die wir feiern, gibt uns die Erlaubnis, das Prophetenwort neu zu interpretieren. Gewiss: in dem Prophetenwort ist von der Gerechtigkeit Gottes die Rede.  Sie entlarvt, sie richtet, sie scheidet Lüge von der Wahrheit. Gott duldet die Sünde nicht. Es lässt Ungerechtigkeit nicht durchgehen. Er sieht nicht durch die Finger, lässt nicht einfach Fünfe Grade sein. Die von Gott abgewandte Welt entgeht nicht ihrem Urteil. Das Urteil, so erfahren wir in dem Prophetenwort, ist die Vergänglichkeit, die Nichtigkeit. Das Urteil ist der Untergang. Die Welt vergeht mit ihrer Schuld. Das lässt uns seufzen. Das macht uns Angst. Wir sind doch auch ein Teil dieser Welt.  

 

Und doch hat sich etwas geändert. Der Stern von Bethlehem leuchtet in diese vergängliche Welt hinein. Er leuchtet in unser Leben hinein, in unsere Angst, in unser Versagen, in unsere Ohnmacht. Er weist uns den Weg, den Ausweg. Er führt uns zur Krippe. Er führt uns zum Christuskind, das einen schweren Weg vor sich hat. Die Krippe und das Kreuz, so habe ich an Weihnachten gesagt, scheinen aus demselben Holz geschnitzt zu sein. Die Krippe und das Kreuz sind die Wegmarken und die Kennzeichen der Hoffnung, die wir haben. Sie wandeln das Prophetenwort, lassen es zum Evangelium werden, zur frohen Botschaft. „Mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen!“ Gewiss! Mit diesem Ausblick endet das Prophetenwort. Mit diesem Ausblick soll das alte Jahr enden. Mit einem Wort, das Leben und Zuversicht verspricht. Wir nehmen es auf. Es wird uns begleiten. Am Ostersonntag werden wir uns in besonderer Weise daran erinnern. Wenn wir die Auferstehung Jesu feiern. Dann werden wir begreifen, dass er für uns am Kreuz das Gericht auf sich genommen, den Zorn über die Sünde getragen und den Weg in das Leben frei gemacht hat. Am Ostersonntag werden wir die Vollendung dessen feiern, was im Stall von Bethelehm begonnen hat, wir werden feiern, dass der Tod besiegt ist. 

 

“Wenn wir Angst haben in dieser Welt, wenn wir traurig sind, wenn wir nicht mehr weiterwissen, dann wollen wir auf die beiden Zeichen sehen, die Gott uns gibt. Es sind die Zeichen der neuen Zeit, die angebrochen ist. Es sind die Zeichen, die uns zeigen, wie Gott sein Recht durchsetzt. Wir schauen auf die Krippe und wir schauen auf das Kreuz. Wir denken an den Weg, den der Gottessohn gegangen ist. Und wir atmen auf.  Wir erinnern uns an den Lobgesang der Engel in der Heiligen Nacht. Sie preisen Gott, weil der Friede auf Erden Einzug hält. Er ist erschienen in einem Kind, das uns den Frieden bringen wird, nach dem wir uns sehnen.  

 

Wir feiern die Zeitenwende, den Anbruch einer neuen Welt. Der Friede, das Heil,  ist auf dem Weg zu uns. „Als wollte er belohnen, / so richtet er die Welt“ sagt Jochen Klepper in seinem bekannten Adventslied von Gott. Sein Heil bleibt ewiglich. Seine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen, schreibt Jesaja. Sein Heil hält dem Tod stand. Und deshalb gilt, was Jochen Klepper ebenfalls gedichtet hat: „Wer hier dem Sohn vertraute, / kommt dort aus dem Gericht…“ Das ist das Heil, das unvergänglich ist. Gott wirbt um unser Vertrauen. Gott will, dass wir unsere Hoffnung auf ihn setzen, auf das Heil, das er für uns bereithält. Vertrauen wir dem, dessen Geburt wir vor einer Woche gefeiert haben. Um seinetwillen ist unsere Prognose günstig. Amen. 

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 31.12.2018




Wie eine zarte Knospe - der Traum vom Friedensreich. Predigt über Jesaja 11,1-9 am 2. Weihnachtstag 

 Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.  Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften. Da wird der Wolf beim Lamm wohnen und der Panther beim Böcklein lagern. Kalb und Löwe werden miteinander grasen, und ein kleiner Knabe wird sie leiten. Kuh und Bärin werden zusammen weiden, ihre Jungen beieinanderliegen, und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein kleines Kind wird seine Hand ausstrecken zur Höhle der Natter.  Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land ist voll Erkenntnis des HERRN, wie Wasser das Meer bedeckt. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

 

Vorgestern haben wir diese Weissagung aus dem Alten Testament gehört, die auf das Kommen des Erlösers hinweist. In der Christmette ist das gewesen, mitten in der Nacht. Es lohnt sich, noch einmal auf dieses Prophetenwort zu hören, es gewissermaßen bei Tageslicht zu betrachten und darüber nachzudenken, was es uns sagen will. Wir erfahren: da wird einer kommen, der uns den Frieden bringt. Da wird einer kommen, um Land und Leuten neue Hoffnung zu schenken. Mit einem Bild wird das umschrieben: wie ein Zweig aus einem abgeschlagenen Stumpf hervor wächst, wird das Leben wieder sprießen, wird sich die Hoffnung gegen die Verzweiflung durchsetzen, wird der Friede den Streit beenden.  Der Friedefürst, sagt Jesaja, ist wie ein zarter Zweig, der aus einem Stamm hervorgeht. Doch seine Herrschaft wird großartig und unglaublich wohltuend sein. 

 

 Ausführlich wird seine Herrschaft beschrieben. Eine traumhaft schöne Vision vom Leben im Frieden auf Erden hören wir da. Aufgeschrieben worden ist sie in einer ganz und gar unfriedlichen Zeit. Manche haben Zweifel daran, ob diese Vision vom Frieden wirklich von Jesaja stammt, bei dem wir sie nachlesen können. Vielleicht liegt das daran, dass der Prophet seinen Zuhörern sonst nichts Gutes zu erzählen wusste. Meistens hatte er nur harte Worte für sein Volk übrig. Seine Zeitgenossen waren eitel und bequem geworden. Aber diesmal ist es anders. Jesaja beschreibt den Frieden, spricht von gerechten Verhältnissen, von der Versöhnung – nicht nur von Mensch zu Mensch. Die ganze Schöpfung ist einbezogen in diesen Frieden: die Kinder können deshalb ungefährdet am Schlangennest spielen, Lämmer und Panter lagern friedlich bei Schafen und Böcken und sogar die Menschen vertragen sich. Das sind die Früchte der Herrschaft des Friedefürsten. Die Bewohner des Heiligen Landes tragen diese Sehnsucht nach diesem Herrscher bis heute in ihrem Herzen. Vielleicht teilen wir sie mit ihnen. Denn friedlich geht es bis heute nicht zu – im Heiligen Land nicht und im Rest der Welt ebenso wenig. Doch die Sehnsucht bleibt. Sie hat viele dazu gebracht, die Worte des Propheten aufzugreifen, nachzusprechen, in Verse zu schmieden und ihnen eine singbare Melodie unterzulegen. Sicher ist aus dieser Sehnsucht heraus eines unserer schönsten Weihnachtslieder entstanden: „Es ist ein Ros entsprungen / aus einer Wurzel zart, /  wie uns die Alten sungen, /  von Jesse kam die Art / und hat ein Blümlein bracht /  mitten im kalten Winter / wohl zu der halben Nacht.“Auch dieses Lied haben wir in der Heiligen Nacht gesungen. 

 

Für den Dichter unseres Weihnachtsliedes war es klar, wer dieser Friedensbringer sein wird – der, dessen Geburt wir feiern: „Das Blümlein, das ich meine, / davon Jesaja sagt, / hat uns gebracht alleine /  Marie, die reine Magd;/ aus Gottes ew’ gem Rat /  hat sie ein Kind geboren,/  welches uns selig macht…“ Christen denken bei den Prophetenworten also an Jesus Christus. Für uns sind sie Hinweise auf den Gottessohn. Ich nenne dieses Prophetenwort deshalb die „Weihnachtsbotschaft aus dem Alten Testament.“Seine Geburt, mitten im kalten Winter, ist wie ein zartes, doch unaufhaltsames Hervorbrechen einer Knospe, eines Zweiges, das aus einem alten Stamm herauswächst. Diese Worte laden ein, sich den Frieden auszumalen - den Frieden auf Erden, wo bis heute kein Friede herrscht. Halten wir Ausschau nach einem, der wirklich Frieden zu den Menschen bringt – Frieden den Menschen in der Hungerwüste, Frieden, den Kindern auf den Schulhöfen, Frieden den Häftlingen in den Gefängnissen und ihren Aufsehern, Frieden den Kranken auf der Intensivstation des Klinikums und ihren erschöpften Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern, Frieden in den Herzen der Eltern, die ihre Kinder verloren haben, und Frieden in den Herzen der Kinder, die ohne Eltern aufwachsen müssen. 

 

Viele von uns haben den Traum vom Frieden ausgeträumt, der gerade an Weihnachten vermisst und deshalb  sehnsüchtig erwartet wird. Vielen ist das Träumen vergangen, auch in unserem Land. Viele haben ihre Träume vom Frieden begraben. Sie haben zu viel Not miterlebt. Manche sind darüber alt und bitter geworden. Auch viele Junge bleiben mit ihren Träumen und Zukunftshoffnungen auf der Strecke. Sie finden keine Arbeit. Manche lassen den Kopf hängen, werden straffällig oder drogensüchtig oder aggressiv. Was soll da die Vision vom Frieden, von gerechten Verhältnissen und so weiter? 

 

Die Weihnachtsgeschichte aus der Bibel erzählt davon, wie der Friede in die Welt eingezogen ist - in einem Kind, das in einem Stall geboren wurde und dessen Eltern kurze Zeit später aus politischen Gründen von Bethlehem nach Ägypten fliehen mussten. Die Weihnachtsgeschichte erzählt von dem Kind, das in eine Welt hineingeboren wird, in der es zerschossene Häuser und klagende Mütter und verzweifelte Väter gibt. Die Weihnachtsgeschichte der Bibel gaukelt keine heile Welt vor. Ab er sie hält eine großartige Vision für uns bereit. 

 

 Diese Welt soll nicht so bleiben, wie sie ist. Das hören wir heute. Sie wird sich verändern. Weil Gott seine Hand über das Kind hält, weil Gott dafür sorgt, dass der junge Trieb wachsen und blühen kann. Das ist das Versprechen Gottes: Was krank ist wird heil werden. Was verloren scheint, soll gerettet werden. Was sterben will, soll leben dürfen. Weil einer dieser Welt den Frieden bringt, den sie verloren hat. Das höre ich aus der Weihnachtsbotschaft  des Alten Testaments –  aus der Vision des Propheten Jesaja. Er hat gesehen, wie die Welt aussehen wird, wenn die Schatten des Todes und der Angst zurückweichen müssen, wenn sie vergehen. Eine Welt ohne Herodes, eine Welt ohne Mordaufträge und ohne solche, die sie ausführen! Diese Welt wird nicht wiederzuerkennen sein. Weil jetzt der Friedensbringer in ihr lebt.  So eine Vision lässt mich hoffen für uns, für unser Land, für unsere Welt. Weil dieses Heil Gottes so bodenständig ist. Weil der Friede Gottes, der uns da versprochen wird, greifbar und anschaulich ist. Der Friede Gottes bleibt keine Theorie, keine abstrakte Idee. Er wird Wirklichkeit. Der Friede Gottes wird Mensch. Und dieser Mensch verändert die Welt. Er verändert sie so, dass Menschen in dieser Welt gut leben können, dass Wunden heilen können, dass Vertrauen wachsen kann, dass Liebe blühen kann. Das geschieht durch die Liebe, die aus dem Glauben, aus dem Vertrauen hervorwächst. Unter dem Himmel dieses Friedensreiches blühen die Menschen auf, höre ich Jesaja sagen. „Man wird nirgends Sünde tun noch freveln ... denn das Land wird voll Erkenntnis des HERRN sein, wie Wasser das Meer bedeckt.“

 

Von diesem Traum, von dieser Vision, hören wir heute, am 2. Weihnachtstag. Schön, wenn dieser Traum endlich wahr würde! Leider gibt es nach Träumen meist ein schmerzhaftes Erwachen. Dann greift der Alltag unbarmherzig nach uns. Vielleicht ist das morgen bei vielen von uns ebenso. Dann leiden wir wieder unter dem Unfrieden, der den Ton angibt - in unseren Familien, in unserem Land, in unserer Welt. Eine Hoffnung haben wir aber. Wir verbinden sie mit dem Kind, dessen Geburt wir an Weihnachten feiern. Es ist gekommen. Dieses Reich, das Jesaja geschaut hat - es steht vor der Tür. Mit der Geburt des Kindes von Bethlehem ist es bereits angebrochen, ist es Wirklichkeit geworden. Wir gehen darauf zu und glauben, dass er an unserer Seite ist - der Friedefürst dieses Reiches. Lasst uns darauf vertrauen, dass es sich durchsetzen wird – dieses Friedensreich. Ein Anfang ist bereits gemacht worden, damals, im Stall von Bethlehem. Amen.

  

© Pfr. Stefan Köttig, Altenstein 26. 12.2018


Gott schlägt sein Zelt auf! Predigt über Joh.1, 1-5.9-14 

Die Heilige Nacht ist vorbei. Inzwischen ist es Morgen geworden. Von den  Weihnachtstagen nach dem ersten Heiligen Abend erzählt der Evangelist Lukas: „Als die Hirten das Kind in der Krippe gesehen hatten, kehrten sie wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gesehen und gehört hatten...“

Dieser Lobpreis der Hirten war das erste Weihnachtslied, das auf der Welt gesungen wurde. Die Hirten loben Gott um alles, was sie gesehen und gehört hatten.  Das sollen wir auch tun. Gott loben, um alles, was wir gesehen und gehört haben. Dabei denke ich vor allem an die Weihnachtsgeschichte. In diesen Tagen ist sie uns auf so vielfältige Weise verkündet worden: in der Lesung vom Heiligen Abend haben wir sie gehört, als Krippenspiel der Kinder ist sie uns vorgeführt worden, auf Bildern zum Nachdenken begegnet sie uns - und in Liedern, die von der Geburt des Kindes in Bethlehem erzählen. 


In der Christmette habe ich gestern Nacht gesagt, dass Weihnacht das Fest der frohen Lieder ist. Ich sagte, dass Lieder klingende Speichermedien sind. Sie tragen die frohe Botschaft in ihren Melodien durch die Jahrhunderte in unser Herz hinein. Wir haben dann über einen alten Hymnus nachgedacht, den der Apostel Paulus im Brief an Timotheus zitiert hat. Heute möchte ich mit Ihnen erneut auf Worte hören, die ebenfalls aus einem sehr alten Lied stammen, das ebenfalls in der Bibel steht. Bei diesen Liedern ist so, dass man sie zunächst gar nicht als Lied wahrnimmt. Das liegt wohl daran, dass wir sie nicht singen. Es handelt sich um das erste Kapitel im Johannesevangelium. Ich nenne es das Weihnachtslied des Evanglisten Johannes. SeineWorte führen uns in eine ferne Zeit zurück. Weit vor dem ersten Weihnachtsfest setzen sie ein. Sie beginnen tatsächlich von Anfang an - mit der Schöpfung. 

 

„Am Anfang war das Wort, / und das Wort war bei Gott/ und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, / und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben, / und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, / und die Finsternis hat es nicht erfasst. /... / Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, / kam in die Welt. / Er war in der Welt, / und die Welt ist durch ihn geworden, / aber die Welt erkannte ihn nicht. / Er kam in sein Eigentum, / aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. / Allen aber, die ihn aufnahmen, / gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, / allen, die an seinen Namen glauben, / die nicht aus dem Blut, / nicht aus dem Willen des Fleisches, / nicht aus dem Willen  des Mannes, / sondern aus Gott geboren sind. / Und das Wort ist Fleisch geworden. /und hat unter uns gewohnt, / und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, / die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, / voll Gnade und Wahrheit.“ 

 

Das Weihnachtslied aus dem Johannesevangelium, die Lieder, die wir heute und in den nächsten Tagen singen, wollen uns auf diese Frohe Botschaft hinweisen, die die Hirten auf dem Feld von den Engeln erfahren haben: auf die Botschaft, dass das Wort Gottes Fleisch, Mensch geworden ist. Wir sind nicht mehr allein in der Welt. Gott ist mit uns.  

 

Miteinstimmen sollen wir in die frohen Lieder von Gottes Ankunft in der Welt. Und da weiß ich auch schon, dass das einfacher gesagt als getan ist. Weihnachten - das ist auch ein ziemlich problembeladenes Fest, zumindest bei uns in Deutschland.  

 

Vielen sehen dem Weihnachtsfest mit gemischten Gefühlen entgegen, weil ihnen da klar wird, wie einsam sie tatsächlich sind. Andern fällt es schwer, von der Arbeit nach Hause zu gehen und einfach so auf Feiertagsfreude umzuschalten, etwa so wie man ein Fernsehprogramm wechselt. Die Sorgen bleiben. Die Schmerzen einer schweren Krankheit legen ebenfalls keine Weihnachtspause ein - und ebenso wenig die Sorgen um einen lieben Menschen, den es nicht gut geht. Ein leeres Konto bleibt auch über den Feiertagen leer. Die Angst um den Arbeitsplatz vergeht nicht wie Rauch in der Festtagssonne. Kein Wunder, wenn einem die Festfreude vergeht. So einfach ist das nicht, Weihnachten fröhlich, unbeschwert zu feiern. Für viele von uns jedenfalls schon lange nicht mehr. 

 

Das Weihnachtslied aus dem Johannesevangelium kann man auch dann noch singen, wenn einem absolut nicht nach Frohsinn zumut ist. Vielleicht tut es uns gut, einmal ein Weihnachtslied ganz besonderer Art zu hören. Eines wie das aus dem Johannesevangelium. Eines das uns sagt, warum wir auch heute, im Jahr 2018 Grund haben, Weihnachten zu feiern und Gott zu loben - so, wie das die Hirten vor langer Zeit auf dem Feld getan haben. 

 

Das Weihnachtslied aus dem Johannesevangelium sagt: Jesus Christus ist Mensch geworden. Und es verrät uns, dass hier kein gewöhnlicher Mensch geboren ist. Unscheinbar und angreifbar, schutzlos und in Windeln gewickelt kommt der zu uns in die Welt, der die Welt erschaffen hat. Er kommt in sein Eigentum - und keiner merkt’s. Er wird einer von uns, lebt unter uns - und macht die Welt heller, freundlicher. Er schenkt ihr neue Hoffnung. Johannes sagt: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.“  In unsereWelt, mit unseren Sorgen und Freuden, Tiefen und Höhen. In Jesus Christus ist Gott selbst Mensch geworden, um bei den Menschen zu wohnen. Das ist das Geheimnis der Heiligen Nacht. Die Hirten haben’s begriffen. Das Wort wohnte unter uns. Das bedeutet: 

 

 „Gott hat sein Zelt aufgeschlagen unter uns. Es steht allen offen.“  Mit diesem bildhaften Vergleich möchte ich das Geheimnis der Heiligen Nacht beschreiben. Gott hat sein Zelt unter uns aufgeschlagen. Wir sollen eintreten. Es steht uns offen. Das haben die Hirten erfahren, als sie vor dem Kind in der Krippe niederknieten. Deshalb haben sie Gott loben können. Das sagen sie den andern weiter: Gott hat sein Zelt aufgeschlagen in unserer Welt. Er wohnt jetzt bei uns.  

Später, als das Kind in der Krippe zum Mann herangewachsen war, sollten es alle erfahren: Gott hat sein Zelt aufgeschlagen unter euch. Deshalb hat  sich Jesus aus Nazareth aufgemacht, um die Menschen einzuladen. Sie sollen leben in Gottes Nähe. Eintreten sollen sie in das Zelt Gottes. Sie sollten alle ihren Weg und ihren Platz finden in der Nähe Gottes, in der wahres Leben erst möglich ist. Ein Leben ohne Angst. Ein Leben im Frieden, der unsere Vernunft übersteigt. Zu diesem Leben hat Jesus aufgerufen. Ein Leben, das durch Gottes Nähe seinen Namen verdient, durch Gottes Nähe erst möglich wird. 

 

„In ihm war das Leben, / und das Leben war das Licht der Menschen. / Und das Licht leuchtet in der Finsternis...“so beschreibt Johannes den Weg Jesu. Die Menschen sollen ihren Weg finden - heraus aus der Finsternis in das offene Zelt Gottes. „...aber die Finsternis hat es nicht erfasst!“  schreibt Johannes. Im Gegenteil.  „Er kam in sein Eigentum, / aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. / Allen aber, die ihn aufnahmen, / gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, / allen, die an seinen Namen glauben...“ 

 

Das ist die Antwort der Menschen auf Gottes Einladung. Man kann sie annehmen oder ablehnen. Das Weihnachtslied aus dem Johannesevangelium sagt, was Jesus den Menschen schenkt - allen, die ihn aufnahmen, die ihm vertraut haben. Er schenkt ihnen die Macht, Kinder Gottes zu werden. Er schenkt ihnen eine neue Würde. Kinder des einen Gottes, der alles gemacht hat, den Himmel und die Erde.  

 

Kind sein - das bedeutet: schwach sein, angreifbar, wehrlos sein. Kind sein - das bedeutet: angewiesen sein auf den Schutz, auf die Liebe der Eltern, auf Geborgenheit. So wie das Kind in der Krippe schwach war, schutzlos, angewiesen auf seine Eltern. Kind Gottes sein - das bedeutet: das Kind in der Krippe zum Bruder haben und ebenso den Mann aus Nazareth. Einen, der alles erduldet, alles ertragen - und alles überwunden hat: die Angst, die Schuld und schließlich auch den Tod. Kind Gottes sein - das bedeutet - den Auferstandenen zum Bruder zu haben. Einen, der gesagt hat, dass er für uns der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. 

 

Kind Gottes sein - das bedeutet: ein Zuhause zu haben bei Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat. Ein Zuhause bei Gott und eine Zukunft bei Gott. Das wird mir geschenkt an Weihnachten. Die Hirten haben’s begriffen.„...sie kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gesehen und gehört hatten...“lesen wir. Bis zu uns ist die Botschaft vorgedrungen. Wenn das alles, für uns ebenso gilt - dann können wir eigentlich in ihren Lobpreis mit einstimmen. Das wollen wir tun. Gott schenke uns dazu seine Gnade. Amen. 

 

© Pfr. Stefan Köttig, Altenstein 25.12.2018 


Begegnung – Predigt zur Ökumenischen Adventsandacht in Fischbach (Text: Lukas 18,35 – 43)

Wir hören einen Abschnitt aus dem Lukasevangelium im 18. Kapitel:

Es geschah aber, als Jesus (er) in die Nähe von Jericho kam, da saß ein Blinder am Wege und bettelte.  Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. Da verkündeten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorüber.  Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!  Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!  Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn:  Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann.  Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.  Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart) 

„Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ Wie lange muss der Blinde darauf gewartet haben, dass ihm einer diese Frage stellt? Vielleicht ein Leben lang? Tag für Tag sitzt er da am Straßenrand der umtriebigen Stadt Jericho, hört die Stimmen um sich herum, ohne die Menschen sehen zu können, die zu diesen Stimmen dazugehören. Er hört das Klimpern der Münzen, die man in den Becher wirft, den er vor sich aufgestellt hat. Er hat sich daran gewöhnt, dass er von dem leben muss, was für ihn abfällt, im buchstäblichen Sinn, und dass man ansonsten an ihm vorbeigeht. Dass einer stehen bleibt und nach ihm fragt, ihn wahrnimmt, ihn zur Kenntnis nimmt, darauf zu hoffen, hat er aufgegeben. Und dann hört er diese Frage: „Was willst du, dass ich für dich tun soll!“ Da ist doch wirklich einer stehen geblieben. Einer, der für ihn etwas tun kann. Gewiss, der Blinde – in unserem Evangelium hat er keinen Namen, von Markus wissen wir aber, dass man ihn Bartimäus rief, der Blinde musste um diese Frage ringen, beharrlich, hartnäckig. Vielleicht kann man auch sagen: er hat sich diese Frage redlich verdient, hat um sie gerungen. Er hat sich aber nicht in sein Schicksal gefügt. Hat sich nicht in Resignation und Selbstmitleid verloren. Er hat wohl wahrgenommen etwas los war in der Stadt, hat die Aufregung der Menschen gespürt, ihre Unruhe, vielleicht auch ihre Freude. Ich stelle mir vor, wie er einem, der eilig an ihn vorbeihastete buchstäblich am Rockzipfel festgehalten hat. „Was ist da los, warum diese Unruhe?“ Auf seine Frage bekommt er die  Antwort. „Jesus ist in der Stadt. Hier, auf diesem Weg soll er vorbeikommen. Dort vorne ist er schon…“ Da beginnt er zu hoffen und zu schreien, der Blinde. „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Immer wieder und immer lauter. „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“  Er spürt, dass diese Begegnung die Chance ist, auf die er immer gewartet hat. Aber er muss um sie ringen. Er muss nach Jesus rufen. Er muss die Begegnung einfordern. Mit Erfolg. Jesus wird auf ihn aufmerksam.  „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ Diese Frage erlaubt ihm endlich, seinen Herzenswunsch auszusprechen.  „Herr, dass ich sehen kann!“ Und was damit wohl alles gesagt ist! Sehen bedeutet leben, bedeutet, nicht mehr betteln müssen, bedeutet, auf Augenhöhe mit den anderen zu leben. Das ist sein Wunsch. Das will er von Jesus. Und Jesus spricht zu ihm. „Sei sehend!“ sagt er. „Dein Glaube hat dir geholfen!“

Diese Geschichte hören wir im Advent. Es ist die Geschichte einer heilvollen Begegnung, auf die jemand lange warten musste. Wir erfahren, wie Jesus ankommt im Leben eines Menschen und wie dieser Mensch sich durch die Ankunft Jesu verändert. Durch Ankunft und Zuwendung! „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ welche Antwort würden Sie Jesus geben? Jesus will auch in unserem Leben ankommen. In deinem und in meinem. Auch wir tragen eine tiefe Sehnsucht in uns. Es ist die Sehnsucht, dass einer kommt und uns anspricht. Einer wie Jesus. Einer, der uns sagt: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ Und wir haben ihm so viel zu sagen – dass ich wieder gesund werde, dass meine Familie behütet bleibt, dass ich die Arbeitsstelle nicht verliere, dass meine Kinder oder Enkel gute Wege im Leben gehen, dass meine Beziehung nicht in die Brüche geht, meine Ehe, meine Partnerschaft. Wir warten auf den, der kommt und heil machen kann, was in meinem Leben krank, verletzt oder in Unordnung geraten ist. Wir warten darauf, dass einer kommt und uns das Leben schenkt – ein Leben auf Augenhöhe mit dem Erlöser, ein heilvolles Leben. 

 

  Merken wir es, wenn er kommt? Spüren wir es, wenn er vor uns steht? Sind wir achtsam, wie es der blinde Bettler war?  Seine Augen waren blind, er hat die Ankunft dennoch wahrgenommen. Er hat gespürt, dass da um ihn etwas in Bewegung geraten ist. Und er hat gefragt, was da los ist. Beharrlich war er. Dann hat er zu rufen begonnen. Er hat sich den Mund nicht verbieten lassen von den anderen, denen das lästig, unangenehm oder peinlich war. Er hat einfach keine Ruhe gegeben. Er hat um die Begegnung gerungen. Darum geht es  heute – um die Bereitschaft, sich einzulassen auf diese Begegnung. „Wie soll ich dich empfangen und wie begegne ich dir / o aller Welt Verlangen, / ol meiner Seelen Zier!“ Diese Frage aus dem Adventslied wird zu unserer Frage. Wie kann ich dir begegnen? Wie? Der Herr kommt auch heute zu uns. Er spricht uns an in seinem Wort. Hören wir ihn? Das bringt mich zu einer Frage.  Wie wichtig ist uns Gottes Wort, durch das ich angesprochen werde? Welche Worte lassen wir an uns heran? Welche Worte lassen wir in unser Herz?  

 

„Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ fragt Jesus den Blinden – und er stellt auch uns diese Frage, wenn wir sie hören wollen. Er spricht mit ihm. Auch wir können mit ihm sprechen. Das geschieht im Gebet. Das setzt aber die Bereitschaft voraus, mit Gott zu sprechen. Das setzt voraus, sich Zeit zu nehmen für das Gebet, die Meditation, die Stille, in der Gottes Wort zu sprechen beginnt. Es ist dann verschenkte Zeit im wörtlichen Sinn. Die Begegnung mit dem Herrn ist mir so wichtig, dass ich ihm etwas von meiner ach so wertvollen Zeit im Tageslauf schenke. In dieser Zeit öffne ich mich ihm, werde ich bereit für die heilvolle Begegnung.   

 

Die Begegnung mit Gott im Gebet – nicht immer mag sie angenehm sein. Nicht immer fragt der Herr, was er für mich tun kann. Manchmal sagt er mir auch, was ichfür ihn tun soll. Manchmal wird mir klar, was schiefgelaufen ist und was durch meine Schuld aus dem Rufer gelaufen ist.  Das gefällt mir dann möglicherweise gar nicht. Aber auch das will heil werden. Und auch das zu erkennen setzt Sehen voraus, wahrnehmen. Dem Blinden werden die Augen aufgetan – er beginnt die Welt wahrzunehmen, wie sie ist. Und er erkennt, wer Jesus für ihn ist, der, der ihn sehend und heil machen konnte. Im Lukasevangelium wird dieser Prozess „Glaube“ genannt. Glaube hat mit Wahrnehmung zu tun, die aus der Begegnung mit Jesus geboren wird. Und sie hat mit Veränderung zu tun. Der Blinde verlässt sein altes Leben, seine Bettlerexistenz. „Er folgte ihm nach“, schreibt Lukas. „Das Volk, das es sah, lobte Gott“. Am Ende steht das Gotteslob. Es ist die angemessene Haltung der Menschen, die miterlebt haben, wie einer heil geworden ist, wie einem Erbarmen widerfahren ist. Erbarmen, das lehrt uns die Geschichte, hat mit Zuwendung zu tun. Gott wendet sich mir zu. Diese Zuwendung nennen wir Gnade. Mit der werden wir beschenkt. Die angemessene Antwort darauf ist das Gotteslob. Vielleicht ist deshalb der Himmel bei der Geburt Jesu in hellen und lautem Jubel ausgebrochen, weil dies das Ziel Gottes mit der Welt sein soll: dass durch die Begegnung mit ihm der Friede Gottes einzieht, in mein Herz, in mein Leben und am Ende auch in der ganzen Welt. Amen. 

  © Pfarrer Stefan Köttig, 18.12.2018



Es kommt der Gott, der die Fesseln sprengt. Predigt über Jesaja 35,3ff am 2. Advent anlässlich einer Taufe

Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott!. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart)

Schmieden Sie gerne Zukunftspläne? Wie weit möchten Sie da vorausdenken? Mir ist zurzeit ein wenig mulmig, wenn ich an die Zukunft denke. In welche Welt werden die Kinder heranwachsen, für die wir Verantwortung tragen. Werden trockene Sommer wie der letzte für sie zur Normalität? Wie wird die Gesellschaft aussehen, in die sie hineinwachsen? Wird das Land, das ihnen Heimat ist, sich noch an seine christlichen Wurzeln erinnern? Nein, ich habe nicht Angst vor Überfremdung. Ich fürchte das Vergessen. Welche Lieder werden die Erwachsenen von Morgen singen, was wird ihnen Trost und Kraft schenken. Werden sie noch etwas anfangen können mit den Festen, die wir heute feiern, mit Weihnachten und Ostern, mit Pfingsten oder Himmelfahrt? Das Wort aus dem Alten Testament macht mir Mut, wenn ich an Morgen denke und auch an Übermorgen.

 

Das Wort des Propheten Jesaja weist in die Zukunft. In eine nahe Zukunft. Es beschreibt Zukunft mit Gott, der ganz nah bei seinem Volk sein wird. So nah, dass Jesaja sagen kann: „Seht, da ist euer Gott!“ Heute wollen wir uns vom Propheten Jesaja diese gute Nachricht zusprechen lassen. Die gute Nachricht von Gott, der zu den Menschen kommt. Als Christen denken wir dabei an Jesus Christus und an seine Wiederkunft, auf die uns auch der 2. Advent hinweisen will. Wir denken an diesen zweiten Advent, an die Wiederkunft des Gottessohnes, wenn wir auf den Propheten Jesaja hören und uns von ihm sagen lassen: „Seht - da ist euer Gott. Der Gott, der alle Fesseln sprengt ist nahe.“

 

In der Tat, so könnte man die frohe Botschaft des Propheten zusammenfassen: Der Gott, der alle Fesseln sprengt, ist nahe. Welche Fesseln sind da wohl gemeint?  Ich denke da vor allem an die unsichtbaren Fesseln, die soviel von uns tragen und viele am Leben verzweifeln lassen. Ich denke an die Leiden, von denen so viele Menschen geplagt werden. An die vielen Kranken unter uns. Sagt man nicht auch in der Umgangssprache von solchen Menschen: ihre Krankheit hat sie ans Bett oder an den Rollstuhl gefesselt?

 

Ich denke an die Alten, denen jeder Schritt oft Schmerzen bereitet, die schlecht sehen und hören. Das macht einsam. Man kann sich nicht mehr an der Unterhaltung der anderen beteiligen und fühlt sich ausgeschlossen. Viele haben dann das Gefühl, das sie nicht mehr so recht dazugehören, dass sie nicht hineinpassen - in die Welt der Jungen, der Schnellen, der Gesunden. 

 

Wenn ich an diese Menschen denke, dann höre ich einen Trost aus den Prophetenworten. Jesaja sagt: wenn Gott kommt, werden eure Fesseln gesprengt, die Fesseln eurer Gebrechen, eurer Leiden, alles, was euch einsam macht, fällt dann von euch ab.

 

Ich glaube, dass Jesus dies in seinem Leben ebenfalls zum Ausdruck gebracht hat. Ich denke da an die Art und Weise, wie er mit den Kranken seiner Zeit umgegangen ist. Wer zu ihm gekommen ist, dem hat er die unsichtbaren Fesseln abgenommen. Er hat den Tauben die Ohren geöffnet, dem Stummen das Band von der Zunge gelöst und dem Lahmen die Kraft gegeben, aufzustehen, das Bett zu nehmen und nach Hause zu gehen. Ich denke daran, wie Jesus mit den Schwachen umgegangen ist, Mit den Kindern. Die hatten keine Lobby. Jesus nimmt sie in die Arme, segnet sie. Er segnet damit das Schwache, das noch am Anfang steht, das sich noch entfalten, entwickeln muss und Schutz und Fürsorge braucht.

 

Wenn Jesaja sagt: „Sehet, da ist euer Gott“, können wir auf Jesus Christus schauen. Wir hoffen, dass bei seinem 2.Advent, bei seiner Wiederkunft, jeder frei wird von den Fesseln, die ihn quälen und die das Leben schwer machen. Dabei kann ich mir vorstellen, dass nicht nur Krankheiten, körperliche Leiden solche Fesseln sind. Ich denke, dass heute auch viele Menschen von Ängsten gefesselt sind. Ängste, die wir haben, solange wir in dieser Welt leben und vor ihr erschrecken. Wenn wir heute auf das Wort  des Propheten Jesaja hören, der uns das Kommen Gottes ankündigt, dann können wir uns auch von ihm sagen lassen : Seht, da ist euer Gott, der Gott, der dieser Welt die Schrecken nimmt, ist nahe.

 

Der Prophet denkt vor allem an die Wüste, wenn er die Schrecken vor Augen hat, die in der Welt lauern. Für ihn ist die Wüste ein gefährlicher Ort, an dem kein Mensch leben kann und will, wo Gefahren lauern und Dämonen hausen. Wehe dem, der auf Reisen ist und dabei durch die Wüste muss. Er begibt sich in Lebensgefahr.

 

Wir haben bei uns keine Wüsten, wie in Afrika oder auch in Israel. Manchmal aber befürchte ich aber, dass wir unser Land und die ganze Welt bald zur Wüste machen. Ich sehe Bäume, die im Frühjahr einfach nicht mehr grün werden und höre von sterbenden Wäldern. Ich denke an die Flüsse, in denen man heute nicht mehr baden kann, ohne einen Hautausschlag zu bekommen, in denen Fische schwimmen, die von den Chemikalien im Wasser getötet und ungenießbar werden Ich höre von den erhöhten  Raten an Leukämieerkrankungen im Umfeld von Atomkraftwerken. Nicht zuletzt denke ich an die Gewalt, die in unserem Land losbricht und die sich sogar gegen Menschen wendet. Auch so kann ein Land zur Wüste werden.

 

Heute denke ich an die Wüste in den Köpfen der Menschen. Diese Wüste bereitet mir die größten Sorgen. Sie entsteht dann, wenn nur noch eine Meinung gelten darf, die Meinung einer Partei beispielsweise. Sie entsteht dort, wo alles andere als diese eine Meinung ausgerottet, verboten wird, wo Bücher verbrannt werden und ihre Autoren sich verstecken müssen, wo Feindschaft gepredigt wird, wo Steine fliegen und Hetzparolen an Wände gesprüht werden. Dort entsteht die gefährlichste aller Wüsten. Die Wüste im Kopf und in der Seele. Sie macht das Leben öde und trostlos, weil es ein geistloses Leben ist, in dem die Gedanken vertrocknen und in dem sich nur Dämonen wohlfühlen können.

 

Jesaja sagt: wenn Gott kommt, wird die Wüste wieder blühen, wird die Welt ihre Schrecken verlieren. Das macht mir Hoffnung. Jesus hat seine Umwelt zum Blühen gebracht. Er hat den Menschen neue Hoffnung geschenkt. Er hat sie in den Lichtkreis der Liebe Gottes geführt. Dort können Menschen aufblühen, wie Blumen im Licht einer Sonne, die Leben schenkt und es nicht verbrennt. Wenn wir von der Wiederkunft Jesu sprechen, dürfen wir das für die Welt hoffen, in der wir leben: dass er, der Gottessohn, die Schrecken von der Welt nimmt, dass wir leben können, ohne Angst haben zu müssen.

 

Mit dieser Hoffnung können wir leben : mit der Hoffnung auf den nahen Gott, der uns die Fesseln abnimmt, die uns binden und der Welt die Schrecken nimmt. Das kann uns trösten, wenn wir den Mut verlieren, weil so wenig zu sehen ist von dem, was wir hoffen und weil der Tod diese Welt immer noch fest im Griff hat.

 

Dann können uns die Worte des Propheten Jesaja ein Trost sein, wenn er sagt: Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie. Saget den verzagten Herze : Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott!

 

Wenn wir ein Kind taufen, ist das ein Hoffnungszeichen. Gott sagt Ja zu den Schwachen, den Kleinen, den Hilflosen. Er will ihm eine Zukunft schenken. Eine Zukunft an seiner Seite. An der Seite des Gottes, der da kommt und der die Welt wandeln will. Sie wird zu einem guten Ort, zu einer Stätte der Begegnung mit ihm. Gott kann diese Welt zum Blühen bringen. Er will es tun durch uns. Deshalb will er ankommen in unserem Leben.  In diesem Vertrauen können wir Advent feiern und mit den Worten eines alten Adventsliedes beten: "Sei willkommen, o mein Heil / Dir Hosianna, o mein Teil / Richte du auch eine Bahn, / dir in meinem Herzen an.“ (EG 12) Amen.

 © Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 9.12.2018 




Die Esel losbinden. Predigt über Mt. 21,1-11 am 1. Advent 


Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. Das geschah aber, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): 5 »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.« Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe! Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und sprach: Wer ist der? Das Volk aber sprach: Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart)

 

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, / es kommt der Herr der Herrlichkeit!“ Ich glaube, es ist kein Zufall, dass dieses Lied in unserem Gesangbuch mit der Nummer 1 an erster Stelle steht und den Reigen der Lieder eröffnet. Ich selbst kann mir keinen Auftakt zur Adventszeit ohne dieses Lied vorstellen. Und ich bin da gewiss nicht der einzige. Kein Lied wird so häufig und so gerne gesungen, wie das von Georg Weisel aus dem Jahr 1642. Wohl kaum einer von uns denkt daran, dass in der Entstehungszeit dieses Liedes Europa von einem furchtbaren Blutvergießen, Morden und Stechen erschüttert war – dem dreißigjährigen Krieg. Das Lied besingt die Ankunft des Herrn der Herrlichkeit. Jetzt ahnen wir vielleicht etwas von der Sehnsucht der Menschen, die diese Strophen zum ersten Mal gesungen haben. „O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat …“ heißt es da. Es ist die Sehnsucht nach dem Friedensbringer in einer friedlosen Zeit, die aus diesen Zeilen spricht. Einzug in unserem Leben, soll er halten, der Herr der Herrlichkeit, der so ganz anders ist, als die Herrscher dieser Welt.  Ankommen soll er bei uns, um heil zu machen, was krank oder verletzt ist. Darum bitten wir in diesem Lied. Deshalb singen wir in der letzten Strophe auch „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, / meins Herzens Tür dir offen ist …“ Der Herr, der auf einem Esel in Jerusalem eingezogen ist und wie ein König willkommen geheißen wurde, soll auch bei uns einziehen – in unserem Leben und in unserer Zeit. Darauf warten wir, voll Sehnsucht.

 

Auch die Menschen zurzeit Jesu haben auf den Friedenskönig gewartet. Sie erwarteten ihn nicht weniger sehnsüchtig als die vom Krieg gezeichneten Menschen im 17. Jahrhundert oder als wir selbst.  Das Evangelium dieses Sonntags erzählt davon, dass ihr Warten nicht vergeblich war. Der Retter, den sie Messias nennen, ist zu ihnen gekommen. Endlich. Sie feiern seine Ankunft. Wir erfahren, wie er zu ihnen kommt und wie sie ihren Retter empfangen. Auf einem Esel sitzt er - so wie der Friedensbote, von dem der Prophet Sacharja einst gesprochen hat. Es dauert nicht lange, bis sich aus einer Kehle ein Schrei löst, ein Jubelruf, in den immer mehr Menschen. mit einstimmen: „Hosianna, dem Sohne Davids“ rufen die Leute. Hosanna - ursprünglich war das ein Hilferuf an Gott, wenn man in höchster Not ist. Allmählich aber ist er zum Huldigungsruf geworden! Jesus wird wie ein König willkommen geheißen. „Sohn Davids“ nennen ihn die Menschen. Das war ein Ehrentitel, der an den machtvollen und großen König vergangener Zeiten erinnerte. Die Menschen sehen in Jesus den Heilsbringer, den Retter, den Messias, der die Machtfülle und Herrlichkeit des alten Königs David noch überbieten möge. Von ihm erwarten sie sich alles. Und deshalb rufen sie es laut aus: Hosanna - hilf doch! Hilf, doch um Gottes Willen. Die Menschen grüßen Jesus mit einem Jubelruf, in dem sich die Bitte um Hilfe und Zuwendung verbirgt. Voll Freude und voll banger Erwartung empfangen sie ihn. Einen roten Teppich rollen sie vor ihm aus, indem sie ihre Mäntel und Palmzweige vor ihm ausbreiten. Und ebenso legen sie einen unsichtbaren Teppich aus, der aus ihren Hoffnungen, Sehnsüchtigen und Erwartungen gewoben ist.

 

Ob sie das Zeichen verstanden haben, das Jesus mit seinem Einzug setzt? Wie einen König empfangen sie ihn. Aber - erkennen die meisten auch die Zeichen seiner Herrschaft?  Die Zeichen der Herrschaft Jesu sehen anders aus als die Zeichen der irdischen Machthaber. Der Prophet Sacharja spricht von diesem neuen König - lange bevor Jesus seinen Einzug in Jerusalem hält. „Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem. Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft. Er ist demütig und reitet auf einem Esel.“ Die irdischen Könige reiten auf Rössern. Der Heiland sitzt auf einem Esel – dem Reittier der kleinen Leute, aber auch der Propheten. Die irdischen Herrscher tragen Kronen, die mit Edelsteinen geschmückt sind. Der König, der in Jerusalem einzieht, wird eine Dornenkrone tragen. Zepter und Reichsapfel waren die Kennzeichen kaiserlicher Macht. Das Herrschaftszeichen des Friedenskönigs wird das Kreuz sein, an das sie ihn schlagen werden.

 

„Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem. Siehe, dein König kommt zu dir.“ Ja, er kommt. Aber er kommt anders, als du dir das vorstellst, Jerusalem. Er ist demütig. Er bringt Frieden und Gerechtigkeit. Er bringt Gottes Nähe zu dir. Er bringt Frieden und nicht den Krieg. Er bringt Versöhnung und nicht Vergeltung. Er heilt Wunden, die andere geschlagen haben. Der König Jesus kommt zu den Menschen. Ganz nahe ist er ihnen. Zum Greifen nahe! Er kommt, um sie in Gottes Nähe zu führen. So rettet er, so hilft er.

 

Die Szene hat eine Vorgeschichte. Sie erzählt von den Vorbereitungen für den Einzug des Friedenskönigs. Da sollen die Jünger in ein Dorf gehen, um das Reittier zu besorgen. Recht märchenhaft geht das zu. Die Tiere stehen bereit, sie warten nur darauf, losgebunden zu werden. Jesus sagt den Jüngern: „Wenn euch jemand fragt, was ihr da macht, dann sagt einfach: Der Herr bedarf ihrer.“ So einfach ist das. Da gibt es kein Feilschen um einen Preis, keine Diskussion um die Rechtmäßigkeit. Der Herr bedarf ihrer, das muss genügen, wenn einer nachfragt. Der Herr braucht den Esel als Reittier, um zu den Menschen zu kommen. Heute will er zu uns kommen. Was bedarf er, um bei uns anzukommen? Was müssen wir bereitstellen, damit er in unser Leben eintreten kann? Mit dieser Frage gehen wir in ein neues Kirchenjahr. Mit dieser Frage wollen wir im Kirchenvorstand an die Arbeit gehen. Das ist unsere Aufgabe. Wir sollen dem Herrn den Weg bereiten. Wir sollen die Vorarbeit leisten, damit er ankommen kann. Um es mit Worten des Evangeliums zu sagen: Wir sind dazu da, die Esel loszubinden und zum Herrn zu bringen, wir sind dazu da, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass der Herr bei den Menschen ankommen kann. Nicht mehr und nicht weniger. Aber das ist auch schon eine ganze Menge. 

 

Christus will bei uns ankommen. In seiner Kirche will er uns begegnen. In der Verkündigung seines Wortes, im Hören auf sein Wort, in der Feier der Sakramente, vor allem des Heiligen Abendmahls, aber auch im persönlichen Gespräch oder im Gebet. Stellen wir ihm diese Orte zu Verfügung? Sorgen wir dafür, dass Christus auf diesen Wegen ankommen kann bei den Menschen?  Wenn wir Abendmahl feiern, begrüßen wir unseren König mit demselben Ruf, mit dem ihn schon die Menschen in Jerusalem begrüßt haben: „Hochgelobt sei, der da kommt, im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.“ Wir begrüßen den Sohn Gottes, der immer zugleich Herr und Bruder ist. Wir begrüßen ihn in unserer Welt, in der viele Menschen um Hilfe rufen. Erinnern wir uns: Hosanna heißt vor allem: Hilf doch! Wenn wir das rufen, vertrauen wir zugleich darauf, dass unser Rufen gehört wird. Und so wird aus dem Bittruf ein Huldigungsruf. Auch, wenn sich unsre Lippen vielleicht nur leise bewegen. Er kommt und hilft. In diesem Vertrauen wollen wir Advent feiern und ihm den Weg bereiten, wollen wir ihm die Türen und vor allem die Herzen öffnen. Amen.

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 2.12.2018