Pfarrer Stefan Köttig
Allein Gott in der Höh sei Ehr!

Predigten im Jahr 2020.



Juli 2020

Die Netze auswerfen. Trotz allem! Predigt über Lukas 5,1-11 am 5.Sonntag nach Trinitatis

Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth. Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Der Evangelist erzählt seinen Zuhörern eine Geschichte von den Anfängen der Kirche. Klein, bescheiden ging’s zu. Eine Hand voll Menschen um Jesus.  Mehr Anhänger hat’s nicht gegeben. Einfache Männer sind sie gewesen - müde, abgearbeitet und enttäuscht von  den Misserfolgen. Die sind die ersten, die Jesus in Dienst nimmt. Ein paar Fischer vom See Genezareth. Die ganze Nacht haben sie sich um die Ohren geschlagen. Vergeblich. So rudern sie ans Ufer zurück, ziehen die Boote ans Land und waschen ihre Netze. Hoffentlich haben sie morgen mehr Erfolg. Schließlich müssen Familien ernährt und Steuern bezahlt werden. Und woher das Geld nehmen und nicht stehlen? Aber: so ist das Leben. Das muss man nehmen, wie’s kommt. Mal hat man Glück. Dann gehen die Fische ins Netz. Mal hat man Pech. Dann bleiben die Netze leer. Fische fangen kann zur Glücksache werden. Wer weiß das besser als Petrus oder die Söhne des Zebedäus.


So nebenbei bekommen sie etwas mit von der Unruhe um sie herum. Der Wanderprediger ist wieder im Lande. Jesus. Ein Zimmermann aus Nazareth. Wo immer er auftaucht, scharen sich die Menschen um ihn. „Rabbi, sprich zu uns!“ Immer wieder die eine Bitte. „Sprich zu uns!“  Da ist die Sehnsucht nach einem Wort das Mut macht. Petrus ist nicht der einzige, der enttäuscht ist und müde. Das Land ist voll von Menschen, die den Mut verloren haben und nicht mehr so recht weiterwissen. Männer und Frauen, Junge und Alte. Krank die einen, verbittert die andern oder ratlos. „Sprich zu uns. Sag uns ein Gotteswort, das Mut macht, das Leben schenkt!“  Jetzt sind es schon so viele, dass die Jünger sich Sorgen machen. Jesus wird bedrängt. Da sieht  Jesus die Boote am Ufer liegen. Er steigt in eines davon einfach ein. Es gehört Simon, den Jesus  Petrus nennen wird. „Fahr mich hinaus, nur ein kleines Stück weg vom Ufer!“ bittet er ihn. Und Petrus gehorcht. Wenn’s weiter nichts ist. Ein kleiner Liebesdienst für einen guten Prediger. Alle sollen ihn schließlich hören können. Was soll’s. Der Tag ist sowieso schon gelaufen.  Während er das Ruder hält, hört er Jesus zu. Mit halben Ohr vielleicht nur. Schließlich macht sich die harte Arbeit bemerkbar. Petrus ist müde geworden. Die Augen werden schwer. 


Ob es ihn Mühe gekostet hat, höflich zu bleiben? Er hört kein Dankeschön. Jesus sagt nicht: Fahr mich zurück ans Ufer. Er sagt: Fahr hinaus auf den See, dorthin, wo er am tiefsten ist. Und werft eure Netze zum Fang aus! Hat der eine Ahnung vom Fischfang. Jetzt am helllichten Tag. Zum Fische fangen muss es dunkel und still sein. Die Netze müssen ausgeworfen werden. Nicht nur eines, mehrere Netze. Solche mit weiten und solche mit engen Maschen. Dann müssen die Fische durch Ruderschläge in das Netzwerk getrieben werden - wo sie sich verfangen. Erst dann können die Netze ins Boot gezogen werden. Eine Mordsarbeit ist das. Und darauf hat Petrus nun absolut keine Lust. Vor allem, wenn die Aussicht auf Erfolg gleich null ist.    „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen ...!“ Da spricht einer aus Erfahrung. Es hat ja doch keinen Zweck, Herr, aber, weil du es bist, will ich die Netze auswerfen... 


So ist es gewesen, erzählt uns Lukas. So hat die Kirche begonnen. Mit mutlosen Menschen und ganz und gar ohne Erfolg. Eine Handvoll Fischer, die sich die Mühe gemacht haben, wider besseres Wissen und auf ein Wort Jesu hin die Ruder ins Wasser zu tauchen, auf den See hinauszufahren und die Netze auszuwerfen. Vielleicht geht’s uns ja genauso. Der Mut, das Engagement von früher - alles ist fort. Zu viele Enttäuschung hat’s gegeben. Zu viele Bruchlandungen. Herz und Verstand  habe ich eingesetzt, Mühe und Kraft investiert. Träume haben mich angetrieben. Etwas verändern. Etwas gut, etwas besser machen als die Älteren. Und dann die Ernüchterung, der Misserfolg. Die Enttäuschung. Es bleibt ein bitterer Geschmack der Niederlage, des Versagens, der vergeblichen Mühe bleibt in einem zurück, macht müde und treibt die Hoffnung aus.


Weitermachen. Trotz allem. Auch, wenn’s schwer fällt.  Die Enttäuschungen und die Misserfolge beiseite schieben. Nicht aufgeben. Das sagt der Evangelist Lukas seiner Gemeinde. Die hatte wohl Trost nötig - so wie wir auch. Lukas erzählt ihnen, wie das früher war. Mit Menschen wie  Petrus. Einer, der gesagt hat: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.“ Petrus und seine Jünger erleben ein Wunder. Sie erfahren, dass ihre Mühe nicht vergeblich ist. Dass es nicht vergeblich ist, auf das Wort dieses Herrn zu hören. Auch, wenn sie mutlos sind. Auch, wenn die Vernunft, die Erfahrung etwas anderes lehrt. Die Netze füllen sich mit zappelnden Fischleibern. Immer mehr werden’s. Sie können die Netze nicht mehr allein ins Boot hieven. Sie scheinen fast zu zerreißen. Die Gefährten im anderen Boot müssen kommen und helfen. Es ist kaum zu glauben. Mitten am Tag. Und so viele Fische, dass die Boote beinahe untergehen. Kein Anglerlatein ist’s, sondern ein Wunder. Zum Vertrauen macht die Geschichte uns Mut. Dem Wort vertrauen. Dem Wort Jesu vertrauen - auch, wenn der Glaube auf recht wackligen Füßen steht, auch, wenn das Herz verzagt ist, auch, wenn ich mir gar nichts mehr zutrauen möchte. Vertrauen. Dem Wort Jesu vertrauen. Denkt an Petrus, sagt uns der Evangelist. 


Dem gehen die Augen auf. Am Ufer sieht er Jesus vor sich und erkennt den Gottessohn. Das zwingt ihn in die Knie. Ein Bekenntnis kommt über seine Lippen, das andern schwer fällt: „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.“ Petrus spürt Gottes Gegenwart im Juden Jesus aus Nazareth. So viel Gottesnähe, so viel Heiligkeit, ist kaum zu ertragen. Wenn ein Mensch in Gottes Nähe gerät, denkt, fühlt, glaubt Petrus, das ist wie wenn ein trockenes, dürres Holzstück zu nah an eine Flamme gerät - es fängt Feuer und verbrennt. Deshalb: Geh weg von mir! Such dir einen anderen. Einen, der es wert ist. Ich bin zu schwach für dich, ich weiß nicht, ob ich das aushalten kann. Dieses Leben in deiner Nähe. Immer wieder das Ungewisse wagen, wider alle Vernunft, auf dein Wort hin.


Jesus lässt sich nicht abweisen. Er ruft Simon Petrus in seine Nähe, in seine Gemeinschaft. Er bekommt einen Auftrag. „Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.“ Ein seltsames Wort und ein seltsamer Beruf. Menschen fangen! Normalerweise schreckt dieses Bild ab. Wer Menschen fängt, sperrt sie ein. Nimmt ihnen die Freiheit. Sklavenhändler haben früher Menschen gefangen, sie ihrer Freiheit beraubt. Und Sektierer tun es heute, machen Menschen abhängig und gefügig. Menschen fangen, ein gefährliches Wort. Weil es in unserer Geschichte von Jesus kommt, wird es ein Lebenswort. Zum Leben soll er sie führen, die Menschen. Das Netz, das der Menschenfänger Petrus auswerfen soll, ist aus Liebe gemacht, es zieht Menschen aus der Verlorenheit hinein in das Leben. Zum Vertrauen ermutigt Jesus. Vertrauen sollen wir auf den, der die Wahrheit und das Leben ist. Da können die Mutlosen neuen Mut schöpfen, die Schwachen neue Kraft, wenn sie ihren Weg finden in die Nähe des einen, der die Wahrheit und das Leben ist. Das ist ein Auftrag, der Erfolg verspricht. Denkt an die vollen Netze, sagt Lukas. Auch uns sagt er es, heute. Denkt an den mutlosen Petrus, der es gewagt hat. Er hat die Netze ausgeworfen. Obwohl er der Meinung war, dass es  ja doch keinen Sinn hat. Prallvoll waren die Netze. Prallvoll. Petrus sind die Augen aufgegangen. Er hat erkannt, dass es sich lohnt, dem Wort des Herrn zu vertrauen. Und wir sollen es auch wagen. Auf das Wort des Herrn zu vertrauen.


Eine Geschichte gegen die Mutlosigkeit ist diese Jüngerberufung. Petrus hat ein Wunder erlebt. Die vollen Netze. Er hat sie kaum ans Land ziehen können. Es lohnt sich, auf das Wort des Herrn zu hören. Es lohnt sich, nicht aufzugeben. Selbst, wenn man bis an die eigenen Grenzen geführt wird. Petrus hat erfahren, dass er nicht allein ist. Der, auf dessen Wort er die Netze auswirft, ist in der Nähe. Petrus hat ein Wunder erlebt. Und wir werden es auch erleben. Vielleicht geschehen sie im Verborgenen, diese Wunder. Dass ein taubes Ohr sich öffnet und hartes Herz weich wird, dass Menschen den alten, eingefahrenen Weg verlassen, wieder neuen Mut schöpfen, einen Sinn im Leben entdecken, dankbar werden. Kleine Wunder. Bescheidener als die vollen Netze. Aber doch Wunder, die dafür sorgen, dass es sich leben lässt in dieser Welt, trotz allem. 


Ein Wort Jesu gibt uns Lukas mit auf dem Weg. Ein Wort, das aus der Mutlosigkeit befreit und uns zum Leben führt. Ein Wort, das uns begleiten soll, in unserem Alltag. Jesus sagt es zu Petrus. Fürchte dich nicht!   Mit diesem Wort können die Jünger in ihr neues Leben aufbrechen. Sie bringen die Boote ans Land, verlassen alles und folgen ihm nach. Sie gehen ihren Weg nicht allein. Wagen wir’s - und gehen wir ihnen nach auf dem Weg des Vertrauens. Werfen wir die Netze aus. Geht nicht gibts nicht. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, 12.7.2020, Altenstein


Vom Gottesdienst im Alltag. Predigt über Röm.12,17-21 am 4. Sonntag nach Trinitatis 


Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22). Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.                                                      

(Lutherbibel 2017,Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


„Unser Leben sei ein Fest, Jesu Geist in unser Mitte, Jesu Werk in unseren Händen. Jesu Geist in unseren Werken, unser Leben sei ein Fest an diesem Morgen und jedem Tag.“ Dieses Lied ist mir bei der Predigtvorbereitung über die Lippen gekommen. Es begleitet mich schon ein ganzes Leben lang. Vielleicht erinnern Sie sich: ich habe schon einmal über dieses Lied gepredigt. Unser Leben sei ein Fest! Das Leben soll durchdrungen sein vom Geist Jesu.  Seine Gegenwart macht das Leben zum Fest und den Alltag zum Feiertag. Er will sein Werk in dieser Zeit fortsetzen durch uns. Diese Botschaft höre ich aus dem Lied. Jesu Geist will sich auswirken in unseren Händen und in unseren Werken und das an jedem Morgen, an Abend und an jedem Tag. So wird das Leben zum Gottesdienst. Darum geht es heute. Um unser Leben. Und um den Gottesdienst in unserem Alltag.


Nicht nur die eine Stunde am Sonntagmorgen in der Kirche ist Gottesdienst, das ganze Leben soll ein Gottesdienst sein. Dieser Gedanke bekommt in diesem Jahr eine besondere Note. Von Mitte März bis Mai haben wir keinen Gottesdienst in der Kirche feiern dürfen. Ausgefallen ist er dennoch nicht. Viele alternativen Wege wurden gefunden, um miteinander zu singen und zu beten, als Hausgemeinschaft, allein im stillen Kämmerlein, aber doch wissend um die Verbindung mit den Christen in der Welt im Gebet oder digital, vor dem Bildschirm oder Computer. Doch das ist nicht die einzige Weise, Gott zu loben und zu preisen. Heute werden wir daran erinnert, dass unser ganzes Leben ein Gottesdienst sein soll. Wir sollen Gott die Ehre geben mit unseren Worten, die wir wechseln, mit dem, was wir tun und lassen, so will der Auferstandene unseren Alltag durchdringen und heiligen. In diesem Sinn wage ich zu sagen: es soll keinen Unterschied zwischen Sonn - und Alltag geben. Weil unser Leben ein Gottesdienst sein soll, ein Dienst, mit dem Gott gepriesen wird. Wir feiern Gott durch unsere Worte, durch unsere Gedanken, durch unsere Werke, „an jedem Morgen, an jedem Abend und jeden Tag.“


Damit wir Gottesdienste in dieser Kirche feiern können und damit wir im Gemeindehaus zusammen sein können, mussten wir ein Hygienekonzept  für die Nutzung in den Gebäuden erstellen. Darin wird aufgelistet, woran man sich halten soll, um den Schutz vor Infektionen einigermaßen zu gewährleisten. Vielleicht könnte man die folgenden Regeln aus dem Römberbrief als Hygienekonzept für den Gottesdienst im Alltag verstehen. Die legt uns der Apostel Paulus ans Herz. Verstehen wir sie nicht als Gesetze, unter denen wir stöhnen, sondern als Gestaltungshilfen für den Gottesdienst im Alltag. Allerdings dienen sie nicht dazu, um sich abzugrenzen, sondern um Jesu Geist in unsere Mitte hineinzutragen. Das mag der Unterschied sein. Zwei davon möchte ich näher betrachten: „Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“  Die andere Regel lautet: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!“


Mit den Menschen Frieden halten! Leicht gesagt und schwer umzusetzen. Setzt euch ein für den Frieden in euren Häusern und an euren Orten. Setzt euch ein für Versöhnung, damit wirkliches Leben möglich wird. Wie sieht dieser Frieden eigentlich aus, zu dem wir aufgerufen werden? Bei der Geburt Jesu sangen die Engel: „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Frieden und den Menschen ein Wohlgefallen!“ Wir stimmen in unserem Gottesdienst ein in das Gloria der Engel. Anschaulich geworden ist der Friede im Kind von Bethlehem, vor dem Hirten und die Könige anbetend in die Knie sanken. Vielleicht beginnt dort der Friede zu wachsen, wo Menschen nicht mehr auf das schauen, was sie trennt, sondern was sie verbindet - der Glaube an Christus. Vielleicht beginnt dort der Friede zu wachsen, wo die Worte übergehen ins Staunen und Schweigen, in die Anbetung. Vielleicht ist der Friede dort zu spüren, wo sich die Menschen berühren lassen von der Menschenliebe und Freundlichkeit Gottes. Dort ist das wahre Leben zu finden, das Leben zu dem wir bestimmt sind.


 „Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“  Wie schön und wie schwer! Vielleicht weiß der Apostel, dass auch Christen damit oft ihre Not haben, zu diesem Frieden zu finden. Macht der Apostel nicht selbst schon eine kleinen Einschränkung? „Ist’s möglich...“ sagt er und fügt hinzu: „soviel an euch liegt!“ Gibt er damit nicht zu, dass es Momente geben kann, wo es unmöglich wird, mit jemanden im Frieden zu leben?Am Anfang des sonntäglichen Gottesdienstes steht in der Regel das Sündenbekenntnis. Vielleicht verbirgt sich das Sündenbekenntnis beim Gottesdienst im Alltag hinter dieser kleinen und oft überlesenen Formulierung: „soviel es an euch liegt.“ Liegt es vielleicht an mir, dass ich keinen Frieden halten kann? Was kann ich also tun, damit Frieden möglich wird? Vielleicht gibt der Apostel mit dem folgenden Rat die Antwort:


„Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: Die Rache ist mein; ich will vergelten spricht der Herr.“  Paulus spricht vom Gericht. Viele stößt dieses Wort ab. Der Gedanke an einen Gott der Rache erschreckt uns.  „Gebt Raum dem Zorn Gottes!“ Dieses Wort vom Zorn Gottes macht Angst, weil es uns einen fremden, unbekannten Gott vor Augen stellt, einen Gott, der zum Gericht erscheint.  Ich möchte dann dem Rat Martin Luthers folgen, den Blick abwenden von dem, was mich schreckt und hinschauen auf den Gekreuzigten, um zu spüren, wie Gott richtet: „...Als wollte er belohnen, / so richtet er die Welt. / Der sich den Erdkreis baute, / der lässt den Sündern nicht. / Wer hier dem Sohn vertraute, / kommt dort aus dem Gericht...“ Dieses Lied von Jochen Klepper singen wir in der Adventszeit. (EG 16,5) Gottvertrauen lindert das Erschrecken und lässt das Herz weit werden. Es ist die am eigenen Leib und an der Seele erfahrenen Barmherzigkeit, die den Schrecken nimmt. Gottes Zorn gilt der Sünde, den Kräften, die das Leben verneinen und die Seele gefangen hält. Wir überlassen das Gericht Gott und vertrauen auf seine Barmherzigkeit. Das setzt eine große Bereitschaft zur Demut voraus. Was ich für mich erhoffe, darf ich dem Nächsten nicht verwehren: Barmherzigkeit. Ich muss mich wohl ein Leben lang in diese Demut einüben, vielleicht, indem ich über diese kleine Formulierung nachdenke: „soviel es an euch liegt.“ Wie ich dem Frieden Raum geben kann und wie Gottes Barmherzigkeit mich verändert, verrät mir die andere Weisung des Apostels.


„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!“ Ein bekannter Schweizer Theologe, Karl Barth, hat einmal gesagt, wie Christen vergelten sollten. Nicht Gleiches mit Gleichem, sondern Gleiches mit Ungleichem. Hass mit Liebe beispielsweise. Wenn Paulus sagt, dass man auf diese Weise seinen Feind glühende Kohlen aufs Haupt schüttet, meint er nicht eine tiefere, spitzfindige Form der Rache. Sondern er lenkt unsere Gedanken hin auf Christus, der Anfang, Mitte und Ziel unseres Denkens und Handelns sein soll. Wenn ich die Berichte der vier Evangelisten lese, wird mir deutlich  was der Apostel Paulus meint, wenn er von der Liebe und vom Frieden schreibt. Beides hat Gestalt angenommen in Jesus Christus. Jesus Christus ist die Mensch gewordene Liebe Gottes. Liebe aus Fleisch und Blut, die Hass mit Liebe und Schuld mit Vergebung beantwortet. Wir sind berufen, in der Nachfolge Jesu zu leben und zu handeln. Heißen wir Jesu Geist in unserer Mitte willkommen. Lassen wir Jesu Werk durch  unsere Händen fließen. Folgen wir  den Spuren seiner Liebe. Sie führt uns in die Gemeinschaft mit Gott, der den Menschen das Leben schenken will, in dem wahrer Frieden möglich wird. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, 5.7.2020, Altenstein


Juni 2020


Was für ein Gott! Predigt über Micha 7,18-20 am 3. Sonntag nach Trinitatis


Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Staunen und tiefe Dankbarkeit spüre ich den Worten des Propheten ab, über die wir heute nachdenken. Wir finden sie am Ende des Buches Micha. Sie sind ein staunender Hymnus auf Gottes Barmherzigkeit. Wir hören ein Loblied der Gnade und Treue. Ganz anders hat dieses Buch begonnen. Ganz anderes hat Micha dort von Gott gesprochen. Zornige Worte hören wir am Anfang. Da standen Wehe - Rufe über die Völker und über Jerusalem. Zion soll um der Sünde seines Volkes willen wie ein Acker gepflügt und die Heilige Stadt wie ein öder Steinhaufen werden. Nichts soll bleiben wie es ist. Der Tempel wird zu einer Höhe wilden Gestrüpps, ein Ort für wilde Tiere, kein Lebensraum für Menschen. Das ist kein Ort der Gnade mehr, vielmehr eine Stätte des Todes. Und so, wie es angekündigt wurde, geschah es auch. Die Großmacht Babylon fiel über das Gottesvolk her, der Tempel wurde zerstört, das Volk verschleppt. Wem wird da nicht angst und bang, wenn er das hört. Wer erschrickt nicht vor einem Gott, der so mit seinem Volk umgeht? Ein Gott, der das Gericht tatsächlich vollzieht, das er ankündigen lässt.


Das ist die eine Erfahrung, die das Gottesvolk in seiner Geschichte gemacht hat. Die Erfahrung des Gerichts. Das Gottesvolk  erfährt schmerzhaft, dass sich Gott von ihm zurückzieht. Wie fern ihm da Gott ist. Wenn Gott fehlt, verkümmert das Leben, wird es zum Trümmerhaufen, wuchert das Leid wie Unkraut, das Leben wird im Keim erstickt. Ist uns diese Erfahrung fremd? Kennen wir nicht auch das Gefühl der abgrundtiefen Einsamkeit und Verlassenheit? Erleben wir nicht auch immer wieder, wie sich blühendes Leben in eine Wüste verwandelt und wir vor einem Trümmerhaufen stehen? Eine von Liebe erfüllte Gemeinschaft, eine Ehe oder eine Beziehung verkümmert, wird hohl und brüchig. Menschen, die sich  einmal geliebt haben, werden sich fremd. Kollegen, mit denen wir gerne zusammen gearbeitet haben, wenden sich auf einmal gegen uns. Vertrauen schlägt um in Misstrauen, Liebe in Hass. Und dann erleben wir die Vergänglichkeit wie einen Fluch, der auf uns lastet. Der Leib wird alt und schwach. Wir nehmen das wahr und erschrecken. Wir merken, wie das Leben von uns weicht.  Manche fühlen sich dann wertlos, hilflos und manchmal auch unendlich einsam. Wenn ich nicht mehr arbeiten kann, wozu bin ich dann noch gut? Ich kenne viele alte Menschen, die sich das fragen. Und dazu kommt in diesem Erleben die andere Frage: Wo ist Gott? „Was habe ich getan, warum werde ich so gestraft?“ Wie oft höre ich diese fragende Klage aus dem Mund von kraftlosen und ausgezehrten Menschen am Ende ihres Lebens, die jegliche Hoffnung verloren haben. Kann man diese Erfahrung der Sterblichkeit nicht auf als Erfahrung des Gerichts verstehen? Viele sehen es so. Sie sind nicht allein. Auch der Beter des 90. Psalms schreibt: „Das macht dein Zorn, dass wir so vergehen, und dein Grimm, dass wir so plötzlich dahin müssen. Denn unsre Missetaten stellst du vor dich, unsre unerkannte Sünde ins Licht vor deinem Angesicht. Darum fahren alle unsre Tage dahin durch deinen Zorn, wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschwätz.“ (Psalm 90,7f)


Das ist aber nicht die einzige Erfahrung, die das Volk mit seinem Gott macht.  Gottlob! Neben und vor die Erfahrung des Gerichts tritt die Erfahrung von Gnade und Vergebung, von Zuwendung und Hilfe. Heute hören wir, wie der Prophet Micha darüber ins Staunen kommt und mit der das Buch endet. „Wo ist solch ein Gott, wie du bist…“ fragt sich Micha. Ich denke, diese Frage begleitet ihn sein Leben lang, durch die Höhen und Tiefen, die ihn Gott geführt hat. Wo ist so ein Gott, wie du bist? Man könnte auch sagen: wer ist so, wie du bist, Gott? Diese Frage begegnet uns schon im Namen des Propheten. Michaja - oder in der Kurzform: Micha - heißt nichts anderes als: Wer ist wie Gott? Der Prophet selbst wird mit seinem ganzen Leben zu einer einzigen Frage nach Gott. Eine Frage, die kein Mensch beantworten kann.  Gott lässt sich nicht erklären und verstehen. Aber erfahren lässt er sich - im Gericht aber auch in der gnädigen Zuwendung. Über diese Erfahrung kommt der Prophet ins Staunen und schließlich ins Lob. Am Ende steht nicht die Klage, das Leben versandet nicht in Bitterkeit. Es vollendet sich im dankbaren Staunen.


Micha erinnert sein Volk und sich selbst daran, dass Gott nicht nur straft und richtet. Er weist dabei auf zwei zentrale Personen der Bibel hin: Jakob und Abraham. Gott hält Jakob die Treue. Jakob ist ein Schlitzohr. Wir kennen seine Geschichte. Den Bruder hat er um sein Recht gebracht. Den blinden Vater hat er am Sterbebett betrogen, hat ihm Segensworte abgerungen, die eigentlich dem Bruder zugestanden wären. Fliehen musste er deshalb, um der Rache des Bruders zu entgehen, der ihn am liebsten tot sehen wollte. In der Fremde hat er sein Glück gemacht. Doch auch da hat er seinen Gönner und Schwiegervater Laban mit einem Trick über den Tisch gezogen. Am Ende seines Weges ringt Jakob mit einem Engel und er ringt zugleich mit Gott. Am Ende erkennt Jakob, dass ihm Gott über all seinen Irrungen und Wirkungen dennoch die Treue gehalten hat. Keinen leichten, sondern einen krummen und komplizierten Weg hat Gott ihn gehen lassen. Gott hat ihn ertragen, Gott hat seine Betrügereien und Trickserein zugelassen, hat sie ertragen. Nicht, weil er sie billigte, sondern weil er wusste, wohin der Weg Jakob führen sollte. Zurück zum Bruder. Zurück zur Versöhnung, zur Vergebung, zurück zu Gott.


„Wo ist so ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und Treue hält?“ Hoffentlich teilen wir nicht nur die Erfahrung des Gerichts, sondern auch der Gnade, der Zuwendung und Barmherzigkeit. Martin Luther in den Stunden der Anfechtung, in den Stunden des Ringes mit Gott, diesen Satz auf seinen Schreibtisch geschrieben: „Ich bin getauft!“ Die Taufe ist ein Zeichen der Liebe, der Zuwendung und der Treue Gottes. Ich bin nicht allein auf meinem Weg. Ich bin getauft. Gott hat Ja zu mir gesagt. Und er wird mich nicht allein lassen. „Gott wird Jakob die Treue halten“ schreibt Micha. Und mir wird er sie auch halten! Das darf ich dem Bibelwort hinzufügen. Um der Taufe willen darf ich das. Gott wird uns die Treue halten. Deshalb können wir unsere Wege gehen, auch, wenn wir manchmal nicht so recht wissen, wohin sie uns führen. Wir gehen sie nicht allein. Ihr Ziel ist Gott, der uns begleitet auf unserem Weg.


„Wo ist so ein Gott, wie du bist", staunt Micha am Ende. Es ist ein Gott, der Abraham Gnade erweist. Gnade! Mit diesem großen Wort ist ein Geschenk gemeint, ein unverdientes Geschenk. Gott wendet sich uns zu, um uns zu beschenken. Abraham hatte ein reiches und erfülltes Leben. Doch er war nicht wirklich glücklich. Da war etwas, das noch fehlte - ein Nachkomme. Die Freude an eigenen Kindern und alles, was mit Kindersegen verbunden ist, das ist Abraham und seiner Frau Sarah versagt geblieben. Ich denke mir, das hat sich angefühlt wie ein schmerzhafter Dorn im Fleisch. Erst im hohen Alter wurde ihm der Sohn Isaak geschenkt. Und dann verlangt Gott von ihm ein großes Opfer. Er soll seinen Sohn wieder hergeben. Ob Abraham gehorchen wird? Ob er bereit ist, wieder herzugeben, was Gott ihm geschenkt hat? „Abraham glaubte und das rechnete Gott ihm zur Gerechtigkeit an“, lesen wir in der Bibel. (1.Mose 15,6) Vielleicht sollte man sagen: Abraham vertraute Gott. Es ist ein Vertrauen, das am Ende nicht enttäuscht wird. Abraham durfte seinen Sohn behalten. Auf dem langen und gewiss nicht einfachen Weg durchs Leben stellt uns Gott gewiss immer wieder einmal die Vertrauensfrage. Die mag bei jedem anders aussehen.  Vertraust du mir, wenn deine Kräfte zu Ende gehen? Vertraust du mir, deinem Gott? Vertraust du mir, obwohl du mich nicht verstehst? Vertraust du mir, wenn sich dein Leben in eine Wüste verwandelt, in einen Steinhaufen? Abraham glaubte. Abraham vertraute und wurde nicht enttäuscht. Darüber staunt Micha. Am Ende steht nicht das Gericht, am Ende steht die Gnade, am Ende mündet unser Weg in das Leben in Fülle, in das Leben bei Gott.


Mit einer festen Zuversicht endet das Prophetenwort. „Gott wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle Sünden in die Tiefe des Meeres werfen!“ Heute sind wir eingeladen, mit Micha zu staunen, dankbar zu staunen. „Wo ist solch ein Gott, wie du bist?“ fragt der Prophet. Vielleicht sind wir noch nicht so weit. Vielleicht sind wir noch auf dem Weg durch Wüste. Vielleicht ringen wir noch mit Gott, wie einst Jakob. Dann dürfen wir die Worte des Propheten als Verheißung, als Versprechen annehmen. Auch wir werden noch staunen, dankbar und voll Freude. Ich möchte die Frage des Propheten heute verbinden mit einer anderen, von Glauben und Dankbarkeit erfüllten Frage. Die Frage des Propheten erinnert mich an eine Zeile aus unserem Gesangbuch. Ich verstehe sie als Antwort und Echo auf die Frage des Propheten: „Wo ist solch ein Herr zu finden, der was Jesus tat, mir tut: mich erkauft von Tod und Sünden, mit dem eigenen teuren Blut? Sollt ich dem nicht angehören, der sein Leben für mich gab, sollt ich ihm nicht Treue schwören, Treue bis in Tod und Grab.“ Wo ist so ein Gott zu finden, der die Sünde vergibt? Ich schaue aufs Kreuz und ahne: dort, dort ist er zu finden. Dort ist der barmherzige, der gnädige, der treue Gott. Er breitet die Arme aus, um mich aufzufangen. Diesem Gott will ich vertrauen. Ihm will ich mich anvertrauen, wie Jakob und Abraham und wie Micha will ich darüber staunen, wie gnädig Gott ist. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 28.6.2020


Ein Herz und eine Seele - eine Utopie? Predigt über Apostelgeschichte 4,32 - 37 am 1. Sonntag nach Trinitatis 

Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte. Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig,  der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen 

(Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Wir haben Mitte Juni! Die ersten heißen Sommertage liegen hinter uns. Es ist Halbzeit im Jahr des Herrn 2020. Bald ist Johannis. Danach werden die Schatten wieder länger und die Tage kürzer. Ob wir deshalb einen ersten Rückblick wagen dürfen? Woran denken wir, wenn wir zurückschauen? Sind es die Ausgangsbeschränkung und Reisverbote, die uns in den Sinn kommen? Denken wir an ausgefallene Gottesdienste zu Ostern und verschobene Konfirmationen? An Kontaktverbote, Stoffmasken und Abstandsregeln? Wenn ich zurückschaue, denke ich vor allem an die Menschen, die in dieser Zeit abends auf die Balkone traten und sich die Angst von der Seele sangen. Haften geblieben in meiner Erinnerung ist der Bericht aus Spanien, wo hilfsbereite Nachbarn einer alleinstehenden Frau zum 80. Geburtstag eine Torte gebacken und ihr dann ein „Ständchen“ im Treppenhaus gesungen haben. Sie sollte den Tag nicht ganz und gar allein verbringen. Berührt hat mich auch die Geschichte einer jungen Frau, die ihr Friseurgeschäft zumachen musste. Sie erhielt von ihrem Vermieter einen Brief. Keine Mahnung, keine Kündigung hielt sie in Händen. Es war ein Brief, der ihr Mut gemacht hatte. Der Vermieter schrieb er, dass er für die nächsten Monate auf die Miete verzichten würde. Nicht wenige Besucher haben in den letzten Monaten ähnliches gemacht, Zeichen der Menschlichkeit und der Hilfsbereitschaft gesetzt, Musikfreunde haben auf die Rückerstattung ihrer teuren Konzertkarten verzichtet, um auf diese Weise die Veranstalter und Künstler zu unterstützen, Familien haben ihren Sonntagsbraten im Stammlokal bestellt, abgeholt und daheim gegessen. So war das im letzten Halbjahr: Kontakte wurde zwar eingeschränkt, aber Gemeinschaft wurde gestärkt in den letzten Monaten. 


Zugegeben - diese Welle der Hilfsbereitschaft ebbt jetzt wieder ab. Es waren Momentaufnahmen der Mitmenschlichkeit, an die ich mich erinnere. Vergessen wir sie nicht, wenn wir unsere erste Bilanz ziehen. Als ich den Predigtabschnitt gelesen habe, sind mir diese Beispiele wieder eingefallen. In der Apostelgeschichte lesen wir, dass die Menge der Gläubigen ein Herz und eine Seele war.  Vielleicht waren wir das auch, wenigstens für die Dauer eines Liedes auf dem Balkon.


Die Apostelgeschichte führt uns zurück zu den Anfängen der Kirche, in die Zeit der ersten Gemeinde in Jerusalem. Keiner der Gläubigen, so erfahren wir, hatte einen Mangel. Die Apostel sorgten dafür, dass jeder bekam, was er zum Leben nötig hatte. Große Gnade war bei ihnen, schreibt Lukas. Unter dem Begriff „Gnade“ verstehe ich die unverdiente Zuwendung Gottes. Gott beschenkt die Menschen in Fülle. Ihn hält kein Kontaktverbot ab, er berührt ihre Herzen. Das hat die Gläubigen verändert. Deshalb waren sie ein Herz und eine Seele. Gott hat sie zusammengebracht. Deshalb blieben sie, so lesen wir, beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet. (Apg.2,42) Dort haben sie Gottes Zuwendung erfahren und spüren können, wie der Mangel gestillt wurde. Die Botschaft von der Auferstehung hat ihre Herzen weit gemacht und mit Freude erfüllt. Weil sie die Zuwendung Gottes erfahren haben, waren sie bereit, alles zu teilen. Der Apostel Paulus schreibt, wie die erfahrene Zuwendung Gottes das Leben der Christen verändert , wie sie achtsamer und einfühlsamer für die Nöte und Bedürfnisse der anderen werden. Er schreibt: „Wenn ein Glied leidet, dann leiden alle mit!“ (1.Korinther 12,26)  Ich verstehe seine Worte als Kommentar zu unserem Abschnitt. Deshalb teilen die Christen ihren Besitz miteinander. Sie tun es nicht, weil es eine Verordnung darüber von oben geben hat. Sie helfen einander, weil sie helfen wollen, weil sie wollen, dass es allen gut geht.  Wenn sich ein Glied freut, freuen sich die anderen mit. Sie teilen ohne Zwang. Sie teilen gerne. Liebe und Freiwilligkeit sind die Voraussetzungen dafür, dass ein Segen auf der Gabe liegt, die sie geben. Deshalb gehen sie hin, verkaufen ihre Äcker und Häuser und legen den Aposteln das Geld zu Füßen, einfach, weil sie es so wollen.


Einer von ihnen war Barnabas. Er verkauft seinen Acker und gibt den Aposteln des Geld für die Armen. Dieser Barnabas wurde später selbst ein Apostel und Wegbegleiter des Paulus. Allerdings haben sich die Wege der beiden Männer nach einiger Zeit wieder getrennt, Wir erfahren, dass es zu einem heftigen Streit gekommen ist. „Sie kamen scharf aneinander…“ lesen wir in der Apostelgeschichte weiter hinten. Da waren sie also nicht mehr ein Herz und eine Seele. Und auch in der Jerusalemer Gemeinde hat sich bald ein Riss aufgetan. Nicht alle wollten ihr Hab und Gut teilen. Eine Ehepaar, Hannanias und Saphira zum Beispiel. Die verkauften zwar ihren Acker, behielten aber einen Teil des Geldes für sich zurück. Warum sie das getan haben, erfahren wir nicht. 


Der Abschnitt aus der Apostelgeschichte mit der Gütergemeinschaft der Christen scheint deshalb eine Utopie zu sein. Schon die ersten Christen scheinen es nicht geschafft zu haben, dauerhaft dabei zu bleiben. Utopie - das Wort kommt aus dem Griechischen. Utopie heißt  wörtlich: „kein Ort“ und bezeichnet eine Idee, die sich in dieser Form wohl kaum verwirklichen lässt, jedenfalls nicht unter den Bedingungen, die in dieser Welt des Rechnens und Misstrauens herrschen. Doch es gibt sie, die Mitmenschlichkeit, die Anteilnahme, die Fürsorge. Es gibt sie, wenigstens im Ansatz, die Bereitschaft zum Teilen. Wir haben es ja auch erfahren.  Was am Anfang gelungen ist, was in der Apostelgeschichte als Lebensmodell der ersten Gemeinde beschrieben wird, wird gewiss einmal kommen, wird sich durchsetzen, spätestens im Reich Gottes. Da wird es so sein, dass niemand Mangel leiden wird, dass der Streit überwunden und die Gnade groß sein wird. 


Die erste Gemeinde hat uns vorgelebt, wie es einmal sein wird, wenn alle ein Herz und eine Seele sind, weil Gott die Risse für immer geheilt, weil er die Wunden verbunden und die Tränen getrocknet  und unser Misstrauen überwunden hat. Wo heute das Evangelium verkündet wird, wo die Botschaft der Apostel geglaubt und bekannt wird, wo das Brot gebrochen und das Gebet gesprochen wird, da wird auch die Hoffnung und die Sehnsucht nach dieser Gemeinschaft in uns ein gepflanzt, in der alle ein Herz und eine Seele sein werden und in der niemand Mangel leidet. Und manchmal beginnt diese zarte Pflanze der Hoffnung zu blühen, schon heute, in unserer Zeit. Sie erinnert mich dann an das zarte  Mauerblümchen, das sich zwischen Pflastersteine der Sonne entgegenstreckt. Es ist die Liebe, die Menschen dazu ermutigt, es ist die Gnade, die sie stark macht. So wird aus dieser Utopie Wirklichkeit, wenn auch nur für einen vergänglichen Moment. Aber doch einer, der in der Erinnerung und im Herzen gespeichert wird. Er weist uns darauf hin, dass noch etwas aussteht, etwas, das größer ist als wir: Gottes Reich, dessen Nähe Christus verkündet hat. Gottes Herrschaft wirft ihren Glanz in diese Zeit hinein,  wir spüren ihn wie einen ersten  warmen Sonnenstrahl am Morgen,  wir spüren ihn, wenn Menschen einander das Brot brechen und ihr Herz öffnen. Und dann wird das, was uns utopisch erscheint, wirklich erfahrbar,  es wird Realität in unserem Leben. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 14.6.2020



Eine Schildkröte, ein Bild und der Heilige Geist. Predigt über Johannes 29,19-23 am Pfingstmontag

Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen. Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.  Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


In der Bibel begegnen uns eine Reihe von Tieren. Bereits in der Schöpfungsgeschichte schleicht sich die Schlange an Eva heran, um sie zu verführen. Der Prophet Jesaja spricht von der Zeit im Reich Gottes, in der Wolf und Lamm beieinander weiden werden und am Jordan kommt der Heilige Geist in Gestalt einer Taube auf den Herrn herab. Christus wird als Lamm Gottes verehrt und in manchen Bildern der christlichen Kunst wird er auch als Pelikan dargestellt, der mit seinem Blut seine Jungen nährt. 


In der Hafenpreppacher Kirche begegnet uns ein Tier, das wir in der Bibel nicht finden: die Schildkröte. Da staunen Sie, was? Ich hab es auch nicht erst glauben wollen. Vor Jahren aber hat mich ein Gemeindeglied darauf aufmerksam gemacht, dass der Rahmen des  Christusbildes, das unter der Empore hängt, eine Schildkröte darstellen soll. Vielleicht schauen Sie es sich einmal genauer an nach dem Gottesdienst oder unter der Woche, die Kirche ist ja tagsüber geöffnet. Ehrlich gesagt, ich musste mehrmals hinschauen. Es braucht schon viel Phantasie, um Schwanz und Kopf, Füße und Panzer zu erkennen. Ich denke an meine Kindheit. Freunde von mir hatten eine Schildkröte. Die war schon recht alt und wollte wohl, dass wir sie in Ruhe lassen. Manchmal haben wir sie mit einem Grashalm geneckt. Dann hat sie entweder kurzen Prozess gemacht und den Grashalm gefressen oder sie hat sich genervt in ihren Panzer zurückgezogen. Der Panzer schützt sie vor ihren Feinden. Er macht sie aber auch recht unbeweglich. Und so machen es viele, wenn sie nicht weiter wissen oder wenn sie Angst haben. Sie ziehen sich zurück. Nur nicht auffallen. Sie gehen in Deckung. Das mag ein Schutz sein. Zunächst einmal. Eine Hilfe ist es nicht. Sie bleiben ja mit ihrer Angst, mit ihren Fragen allein.


Und da komme ich allmählich zu unserem Abschnitt aus dem Johannesevangelium Er führt uns zurück in die Osterwoche. Am Ostertag haben sich die Jünger im Haus verbarrikadiert. Die Stimmung in Jerusalem war explosiv. Sie hatten Angst vor den Juden, gemeint sind jetzt wohl die Priester und Schriftgelehrten, die Meinungsmacher, die das Volk aufgewiegelt haben. Die Jünger hatten Angst, dass sie bald die nächsten sein würden, die man verprügelt, ins Gefängnis steckt oder ans Kreuz nagelt.


Aber da geschieht das Wunder. Die Angst muss der Freude weichen. Aus Furcht wird Mut. Christus tritt in ihre Mitte. Weder die Angst, noch die verschlossenen Türen können ihn aufhalten. „Friede sei mit euch!“ Als sie die vertraute Stimme hören, als der Gruß ihre Herzen berührte, da wendet sich die Stimmung. Die Jünger wurden froh, als sie ihren Herrn sahen. Ich denke, sie sahen ihn nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Herzen. Es ist die Gegenwart des Herrn, die ihnen die Angst nimmt.  Wir denken über diese Geschichte am Pfingstfest nach. Das ist das Fest des Heiligen Geistes. Vielleicht kann man sagen: das ist das Fest der Gegenwart des Herrn, der bis heute in der Mitte seiner Kirche weilt, um sie zu stärken, um ihnen das Wort zu sagen, das die Angst nimmt. Das Wort heißt Friede. Friede sei mit euch, sagt der Herr und meint den Frieden, der über alle Vernunft geht und die Herzen froh macht, weil er den Tod besiegt weiß.


Damit sie aus der Deckung gehen können, rüstet sie der Herr aus. Er gibt ihnen Anteil an seiner Macht. Er bläst sie an und sagt: „Nehmt hin den Heiligen Geist!“ Wir hören das in sensiblen Zeiten. Jesus bläst die Jünger an. Was für eine Provokation in unseren Ohren. Wir tragen Mundschutz, weil wir gelernt haben, dass selbst im flachen Atem noch eine Unmenge an Aerosolen unsere Münder verlässt und sich um uns herum verteilt. Jesus trägt keinen Mundschutz. Was er abgibt, macht nicht krank, sondern heil. Da soll etwas von ihm auf die Jünger übergehen, etwas von seiner Macht und Herrlichkeit. „Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten!“ Wir hören diese Worte häufig im Zusammenhang mit der Beichtfeier. Was für ein Geschenk uns der Herr damit macht. Im Matthäusevangelium sagt Jesus in diesem Zusammenhang zu Petrus: „Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben…“ (Mt.18,18)

  

Gewiss ist in der Geschichte der Kirche mit diesem Wort viel Missbrauch getrieben worden. Es hat oft die Angst verstärkt, statt Furcht zu nehmen. Die kirchlichen Obrigkeiten, denen das Amt der Schlüssel anvertraut wurde, haben es oft eingesetzt, um ihre Macht und Einfluss zu sicheren, um Kontrolle auszuüben, aus Eigennutz oder um den Herren dieser Welt einen Gefallen zu tun. Aber nur, weil die Menschen etwas Gutes missbrauchen, wird es nicht schlecht. Dieses „Amt der Schlüssel“, wie die Beichte genannt wird, ist ein Geschenk der Hoffnung, ein Zeichen dafür, wie Christus in unserer Mitte wirken will. Um es mit Worten aus Luthers Kleinen Katechismus zu sagen: Der Herr will uns Leben und Seligkeit schenken. Wo die Furcht groß ist, soll Friede einkehren, wo Misstrauen ist, soll Vertrauen wachsen, wo Schuld ist soll Vergebung möglich sein. So will Gottes Reich in den Herzen der Menschen ankommen. Wir haben den Auftrag, es der Welt anzukündigen. Christus will sein Werk unter uns fortsetzen.


Die Jünger haben sich senden lassen. Nun wandelt sich die Ostergeschichte. Sie wird zur Pfingstgeschichte. Sie erzählt davon, wie Christus in unseren Alltag hineinwirken will, wie Christus heute unter uns gegenwärtig ist, in einer Zeit, in der viele Angst haben. Das Virus, die Pandemie und ihre Auswirkungen sind ja noch nicht vorbei. Die Gefahr ist immer noch da und die Furcht ist groß. Und wenn es nicht das Corona-Virus ist, das uns einschränkt, dann ist es etwas anderes. Der Tod ist einfallsreich, wenn es darum geht, Schatten auf unser Leben zu werfen. Aber in diese Furcht hinein kommt Christus. Keine Kontaktbeschränkungen, keine verschlossenen Türen können ihn aufhalten. Und er sagt uns ein Wort, das uns Mut macht und die Türen öffnet. „Friede sei mit euch!“ Gott will uns diesen Frieden schenken. Und wir sollen ihn weitergeben, den Frieden. Wir sind nicht allein. Christus ist bei uns. Vertrauen wir seiner heilsamen und hilfreichen Gegenwart, die Vergebung und das Leben bringt. Gehen wir hinaus, tragen wir die Botschaft vom Frieden Gottes zu den Menschen, die noch hinter verschlossenen Türen sitzen. Die Zeit der Pandemie hat uns gelehrt, wie viele Möglichkeiten wir haben, das Evangelium selbst hinter die Türen zu bringen, die fest verschlossen sind.


Ob nun der Bilderrahmen unseres Hafenpreppacher Bildes wirklich eine Schildkröte darstellt  oder ob es einfach nur barocke Schnörkel sind, weiß ich immer noch nicht. Die Schildkröte braucht wohl ihren Panzer. Er ist ihr von Gott geben, damit sie überleben kann. Wir brauchen den Auferstandenen in unserer Mitte. Wir leben von seiner Gegenwart und Nähe. Sie verwandelt uns, sie macht uns froh und schenkt uns Vertrauen. Sie sendet uns aus, damit wir die Botschaft vom Leben zu den Menschen tragen, die in Furcht sind. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 1.6.2020



Mai 2020


Keine Angst vor Veränderung. Predigt über Apostelgeschichte 2,1-18 am Pfingstsonntag in Altenstein (31.5.2020)


Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab. Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache?  Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden. Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?  Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins. Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte!  Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages; sondern das ist's, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist :(Joel 3,1-5): »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen. Und ich will Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden, Blut und Feuer und Rauchdampf; die Sonne soll in Finsternis verwandelt werden und der Mond in Blut, ehe der große und herrliche Tag des Herrn kommt. Und es soll geschehen: Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden. Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.


Wir feiern Pfingsten. Wenn man die Menschen auf der Straße fragt, ob sie etwas über dieses Fest sagen können, werden wohl viele passen. Was es mit dem Pfingstwunder auf sich hat, erfahren wir aus der  Bibel. Ich möchte diesen langen Abschnitt aus der Bibel jetzt nicht vorlesen, sondern interpretierend nacherzählen. Wer sich dann für das Original interessiert, kann den Abschnitt im 2. Kapitel der Apostelgeschichte im Neuen Testament nachlesen. Er führt uns zurück in die Urgemeinde. Wir sehen die Jünger: noch hin – und hergerissen zwischen Lachen und Weinen, Angst und Freude. Gerade einmal sieben Wochen sind vergangen, seit dem schrecklichen Erlebnis auf Golgatha. In dieser Zeit erfahren sie Unglaubliches.  Sie erfahren, dass Jesus lebt. Sie begegnen dem Auferstandenen. Sie sprechen mit ihm.  Und er gibt ihnen einen Auftrag. Sie sollen die Botschaft vom Reich Gottes in die Welt hinaustragen. Sie sollen in Jerusalem damit beginnen. Dann verlässt sie der Auferstandene. Er geht zurück zum Vater, damit er sein Versprechen wahr machen kann, dass er ihnen gegeben hat: damit er bei ihnen sein kann alle Tage, bis ans Ende der Welt, unsichtbar und überall, wo Menschen sich in seinem Namen versammeln.

Und nun stehen sie da und sollen die Botschaft Jesu verkündigen. Ich kann mir vorstellen, wie verloren und hilflos sich die Jünger in Jerusalem vorgekommen sind. Die Welt ist inzwischen wieder zur Tagesordnung übergegangen und das Gottesvolk feiert ein Fest: das Wochenfest, das Pfingstfest. Sieben Wochen nach dem „Ostern der Juden“, wie Luther zum Passafest gesagt hat. Zum Beginn der Weizenernte erinnerten sich die Israeliten daran, dass Gott seinem Volk das Gesetz anvertraut hat, zu treuen Händen. Das Gesetz zeigt ihnen den Weg in ein gutes Leben. Dafür danken sie ihm.

Am Festtag, als sie nun alle beisammen waren, geschieht das Wunder das wir heute feiern. Über dem Haus der Jünger tut sich etwas. Da sind schwere, dunkle Wolken. Ein gewaltiges Brausen ist zu hören. Ein Sturm zieht auf. Feuerzungen fallen vom Himmel. Wie Flammen tanzen sie auf den Häuptern der Jünger. So bildhaft wird das Pfingstwunder beschrieben. So wird es dargestellt. Die Apostelgeschichte erzählt, wie die Jünger begeistert, wie sie entflammt werden. Eine unbeschreibliche Kraft erfüllt sie und öffnet ihnen Herz und Mund. Nun wagen sie es. Sie sprechen von Jesus Christus, dem Retter. Der Geist setzt ihre Herzen in Brand. Das wollen die Feuerzungen über den Häuptern darstellen, die wir auch auf vielen Bildern sehen können. Die Jünger sind begeistert. Der Heilige Geist tut ihre Lippen auf und öffnet die Ohren der Hörer. Jeder versteht, was gesagt wird.

So schildert die Bibel Menschen, die von Gottes Geist ergriffen werden. Menschen, die sich verändern. Sie tun den Mund auf und sprechen davon, was ihnen heilig ist. Und die andern hören ihnen zu. Ich frage mich, was die Zuhörer wohl von diesem Tag, von diesem Spektakel mit nach Hause genommen haben? Von dem Schauspiel der Nähe Gottes, das sei miterleben durften. Ist der Funke übergesprungen? Waren sie auch begeistert? Hat ein Funken Glaube genügt, um die Herzen ebenfalls in Brand zu setzen, um die Lippen zu öffnen, um einzustimmen ins Gotteslob? Oder haben sie nur ein Achselzucken übrig dafür gehabt? Nicht mehr als ein spöttisches Lächeln? Die Schrift spricht von den Reaktionen. „Alle entsetzten sich und wurden ratlos und sprachen zueinander: was soll das werden? Andere hatten ihren Spott und sprachen: sie sind voll von süßen Wein.“

Was soll das werden? Wo soll das nur hinführen, wenn die Menschen von Gott berauscht sind, erfüllt, begeistert? So etwas hat Folgen. Schwache werden mutig. Schüchterne und Eingeschüchterte treten an die Öffentlichkeit und wagen ein deutliches Bekenntnis und manchmal auch  Widerspruch, wenn er nötig ist.So ist die Kirche entstanden: die Gemeinschaft der Heiligen, der Leib Christi. Auch das feiern wir am Pfingstfest - die Geburtsstunde der Kirche. In ihr ist Christus gegenwärtig, dort finden Menschen ein Zuhause, dort können sie bleiben, beständig in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet. Mit diesen Begriffen beschreibt die Apostelgeschichte, worauf die Kirche sich gründet. Kirche ist dort, wo Menschen Gemeinschaft pflegen, wo miteinander Gottesdienst gefeiert und füreinander gebetet wird.

Die Kirche lebt. Die Kirche ist mehr als nur ein Haus aus Steinen. Die Kirche ist eine lebendige Gemeinschaft. Das habe ich in den letzten Wochen erfahren. Die Gotteshauser waren leer. Die Gottesdienste waren ebenso verboten wie andere öffentliche Versammlungen. Es gab Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote. Aber der Geist Gottes lässt sich den Mund nicht verbieten. Er hat sich andere Wege gesucht, um zu den Menschen zu finden.  Online Gottesdienste wurden angeboten, zusätzlich zu den Fernsehgottesdiensten. Predigten wurden verschickt oder ausgetragen und in die Briefkästen gesteckt. Manche haben mir gesagt, dass sie in diesen Wochen weitaus mehr Gottesdienste gesehen haben, als sonst.

 Dass sich die Kirche von den Menschen zurückgezogen hätte, wie manche sagen, dass sie abgetaucht oder geschwiegen hätte, habe ich jedenfalls nicht erlebt. Man darf allerdings bei Kirche nicht nur auf die Amtsträger schauen.Die Lebensäußerungen der Kirche beschränkt sich nicht auf das, was die Offiziellen sagen oder tun. Kirche wird dort erfahrbar, wo das Evangelium sich Gehör verschafft, wo Glaube gelebt wird. Zeichen davon konnte ich auch bei uns wahrnehmen. Zeichen, die Mut machen. Auch unser Gotteshaus wurde besucht. Die Einträge im Gästebuch und die brennenden Kerzen waren ein Hinweis darauf. An den Osterfeiertagen brannte den ganzen Tag die Osterkerze und die zur Mitnahme bereit gelegten Osterkerzen wurden mitgenommen. Über die Einträge im Gästebuch haben sich Besucher mitgeteilt. Die Gebete, die in dieser Zeit und an diesem Ort laut oder leise gesprochen wurden, sind gehört worden. Daran habe ich keine Zweifel. Gewiss, ein „Gottesdienst live“ in der Kirche ist mir persönlich zwar lieber als ein virtueller im Internet oder am Bildschirm. Aber ich war und bin zugleich auch dankbar für die vielen Wege, auf denen das Evangelium in den letzten Wochen zu den Menschen gekommen ist. Ich bin in dieser Zeit daran erinnert worden, dass das Wort gilt, das Jesus einmal dem Petrus gegeben hat: die Gemeinde Jesu kann nicht nicht von den Pforten der Hölle überwunden. Und sie kann auch nicht von einem Virus zu Fall gebracht werden.

Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes, der Leben schafft. Er hat den Jüngern Mut gemacht, den Mund aufzutun, zu reden, zu singen, zu beten und Gemeinschaft zu wagen. Die Jünger haben sich nicht mehr abschrecken lassen von Misserfolgen und Widerspruch, den es auch in den ersten Tagen gegeben hat. Die Christen haben den Mut gehabt, die Botschaft des Lebens und der Liebe einer Kultur der Angst und des Todes entgegenzusetzen, die bis heute versucht, Menschen in ihren Bann zu ziehen. Das ist auch heute unser Auftrag: Mut zu machen, Trost zu spenden, die Kultur der Liebe und der Hoffnung zu pflegen.

Die Christen sind beständig, beharrlich geblieben. Die Kraft dazu haben sie von Gott bekommen. Er hat Menschen zusammengeführt und in der Tat auch immer Neues entstehen lassen. Pfingsten erinnert uns daran: Gott sorgt für seine Kirche. Er will seinen Lebensgeist ausgießen auf die Menschen und sie segnen. Er will Neues schaffen - auch in der Kirche. Vertrauen wir dem Herrn der Kirche, dass er für sie sorgt. Lassen wir uns vom Geist Gottes bewegen. Dann finden wir auch wieder den Mut, unseren Glauben nicht nur deutlicher und beharrlicher, sondern auch fröhlicher und damit einladender in der Welt zu vertreten. Bitten wir heute, zu Pfingsten, Gott um seinen Heiligen Geist. Er wird seine Verheißung wahrmachen. Die Menschen werden merken, dass es sich lohnt, in und bei der Kirche zu bleiben. Sie werden sagen können: „Ich gehöre zum Herrn“ und sie werden - um ein Wort aus dem Alten Testament aufzunehmen - sein, wie Gras zwischen Wassern und Weiden an den Wasserbächen. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 31.5.2020






Das Gesetz im Herz! Predigt über Jeremia 31,31-34 am Sonntag Exaudi 

Wie lange dieses kleine Virus noch unseren Alltag bestimmen wird?  Das Leben in Corona Zeiten bedeutet: Einkaufen mit der Maske vor dem Gesicht, lange Schlangen an der Kasse wegen des nötigen Sicherheitsabstands, Freibadbesuch nur nach Voranmeldung, wenn überhaupt, und Biergartenaufenthalt nur bis 20.00 Uhr im kleinen Kreis. Vielen gehen diese Einschränkungen allmählich auf die Nerven. In vielen brennt die Sehnsucht nach dem alten Leben, wie es früher war. Ob es je wieder so sein wird? Es waren schließlich auch keine heilen Zeiten, vor dem sogenannten Lock-Down, gewiss nicht. Aber wenigstens die Angst saß einem nicht ständig im Nacken. Und solch schwerwiegende Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte von oben gab es auch nicht, wie wir sie erlebt haben. Und danach sehnen wir uns: nach Begegnung, nach Freiheit, nach einem Leben ohne Fremdbestimmung, ohne Regulierung von oben - wie weit ich Abstand halten muss, mit wem ich an einem Tisch sitzen und Geburtstag feiern darf. Von so einer Zeit spricht wohl auch der Prophet Jeremia. Es ist eine Zeit, die noch aussteht. Es ist eine Zeit, auf die man sich freuen darf.  Die Grundlage dafür wird ein Bund sein, ein neuer Bund, den Gott mit seinem Volk eingehen will. Das Verhältnis zum Gottesvolk soll auf ein neues Fundament gestellt werden, soll eine tragfähige Grundlage bekommen. Deshalb wendet sich der Prophet im Auftrag Gottes mit den folgenden Worten an sein Volk:


Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Eine neue, heilvolle Zeit wird dem Volk Israel versprochen. Eine Zeit des Neuanfangs. Einen neuen Bund will Gott mit seinem Volk schließen. Das Alte soll nicht mehr zwischen ihnen stehen, das sich zwischen Gott und sein Volk gedrängt hat: die Entfremdung, die Untreue, die Wortbrüche und Gottes Enttäuschung, sein Zorn. Die neue Zeit soll von einem neuen Vertrauensverhältnis zwischen Gott und seinem Volk geprägt sein. Gott will sein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben - gemeint sind die Kinder Israels, gemeint ist Gottes Volk. Gottes Wille und seine Gebote werden dem Volk in Fleisch und Blut übergehen. Die Gesetze bekommen eine neue Wertigkeit, ein neues Gewicht im Glauben und im Leben der Menschen. 


Mit Gesetzen und Geboten ist das so eine Sache. Sie haben in der Regel einen negativen, einen zwanghaften Beigeschmack. Wie ein Schatten liegt auf den Gesetzen die Androhung der Strafe für Verstöße dagegen. Wir kennen das auch in unserem Alltag. Jeder von uns akzeptiert die Straßenverkehrsordnung. Nicht immer halten wir uns daran. Wenn die Tachonadel die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit auf der Straße überschreitet, dann kann das teuer werden.  Jeder weiß das. Aber wenn die Zeit drängt, dann hofft man doch, dass schon nicht ausgerechnet heute die Radarfalle auf der Straße aufgestellt wird, auf der wir fahren. Trotzdem wissen wir, wenn wir aufs Gaspedal treten: was wir jetzt tun, ist unrecht. Und deshalb begleitet uns das schlechte Gewissen auf unserem Weg und wir wissen, dass wir es eigentlich nicht verdient haben, ungeschoren davonzukommen.


Vielen Geboten gehorcht man also in der Regel nicht freudig, sondern eher zähneknirschend. Man weiß, dass sie sinnvoll sind. Man hält sich aber vor allem deshalb dran, weil man nicht bestraft werden will. Auch mit den Zehn Geboten der Bibel ist das so eine Sache. Auch die sind sinnvoll. Sie helfen zu einem guten Leben. Sie schützen Leben, hüten Beziehungen, regulieren Verhältnisse: den Umgang mit Gott, mit den Eltern, mit dem Nächsten, mit dem Ehepartner. Aber es sind Gebote.  Wenn man sie umgeht oder bricht, hat man ein schlechtes Gewissen. Trotzdem geschieht’s. Wird mich Gott dafür strafen? In der neuen Zeit, von der Jeremia spricht, werden wir das Gesetz und die Gebote anders erfahren. Da will Gott sein Gesetz in das Herz und in den Sinn der Menschen schreiben. Das Gesetz ist keine Macht, die von außen an mich herangetragen wird, die mehr oder weniger drohend über mir schwebt wie ein Schwert und mir buchstäblich etwas auferlegt. Sie werden zur Quelle, aus der das Leben seine Kraft und Energie schöpft.


Wie sieht das neue Gesetz eigentlich aus, das Gott in mein Herz legt? Wie hört es sich an,  das Gesetz, das mir Gott in den Sinn schreibt? Der Ton macht die Musik. Vielleicht klingen die Gebote aus dem neuen Gesetz wie die Seligpreisungen Jesu. Ich persönlich meine, der Unterschied zu den „alten“ Geboten und Gesetzen besteht darin, dass hier nicht gesagt wird: du sollst nicht, du darfst nicht oder du musst…. Sondern es wird gesagt: selig ist, wer dies oder jenes macht. Es sind nicht Forderung sondern Folgerungen, die sich ergeben, wenn das Herz des Menschen mit dem Gesetz Gottes harmoniert. Der Ton macht die Musik. Jesus sagt nicht: Du musst Sanftmütig sein, damit du das Erdreich besitzt, du musst Frieden stiften, damit du ein Kind Gottes wirst oder du musst reinen Herzens sein, damit du Gott schauen kannst. Sondern er sagt: Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen, glücklich preisen können sich die Friedfertigen, denn sie werden Kinder Gottes heißen, selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen. Was für ein Unterschied. Aus dem Einklang mit Gottes Willen entsteht neues und unvergängliches Leben. Ich denke, so sieht das aus, wenn Gottes Gebote in mein Herz geschrieben, wenn Gottes Wille mir in Fleisch und Blut übergegangen ist. Dann werden ich wahrlich Kinder Gottes sein und alles andere geht daraus hervor.  Die Seligpreisungen sind die Maßstäbe, die im Reich Gottes gelten, wenn sich Gottes Reich, wenn sich das Himmelreich durchsetzt und die alten Gebote ablöst. Sie beschreiben das Leben im Reich Gottes, in dem die Menschen von Gottes Willen erfüllt sind, in dem längst geschehen ist, was Jeremia von dieser Zeit des Heils schreibt: wenn Gottes Gesetz ins Herz der Menschen geschrieben ist, wenn Gottes Wille in Fleisch und Blut, in Geist und Sinn übergegangen ist. Ach ja, möchte man seufzen, wann wird das nur sein? Jeremia beschreibt eine Zeit, die noch aussteht, die noch kommen soll. Eine Zeit, nach der wir uns zu Recht sehnen. Es ist die Zeit des Lebens in der Fülle des Heils.


Jesus sagt: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe. Kehrt um, denn Gottes Reich ist im Anbruch.“ Kehrt um zu Gott, damit geschehen kann, was Jeremia angekündigt hat. Es wird eine Zeit sein, sagt Gott, in der sich die Menschen nicht mehr in gegenseitigen Belehrungen und durch Besserwisserei übertrumpfen wollen, in der es auch keine Bevormundung mehr gibt. „Es wird eine Zeit sein, in der nicht mehr einer zum andern sagen wird. ‚Erkenne den Herrn‘, sondern indem sie mich alle erkennen, beide, klein und groß“ sagt Gott durch Jeremia. Gott erkennen, das bedeutet, ihn zu sehen, wie er wirklich ist. Gott ist einer, den ich  liebe und ehre, weil ich erfahre, wie er wirklich ist: gnädig und barmherzig. „…denn ich will ihnen ihrer Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken“ spricht der Herr.  Die Menschen erkennen Gott, wie er ist, weil die Sünde nicht mehr zwischen ihnen steht, die den Blick auf Gott verstellt, die Angst und Misstrauen ins Herz sät, die ein schlechtes Gewissen macht, die Quelle vergiftet, aus der ich schöpfe.


In einer Woche ist Pfingsten. Das ist das Fest des Heiligen Geistes. Gott sendet seinen Tröster und Beistand, der ermahnt und ermutigt. Er sendet ihn zu den Jüngern. Die Pfingstgeschichte erzählt davon, wie sich für einen Moment lang das einstellt, was wir ersehnen. Einen Moment lang verstehen sich alle. Die Jünger beginnen zu predigen und die Menschen verstehen, was sie sagen, jeder in seiner Sprache.  Diese neue Zeit ist im Anbruch, so wie der neue Tag sich mit dem Morgenlicht ankündigt, so wie die Vögel im Morgengrauen den neuen Tag begrüßen, so spüren wir die Hoffnung, die Sehnsucht, das Verlangen nach dieser Zeit. Wir sehnen sie herbei. Es ist die Zeit, in der wir Gottes Willen verstehen und seinen Geboten von Herzen folgen, weil sie ein Teil von uns sind und wir von ihnen. Eine Zeit, nach der wir Sehnsucht haben. „Komm, heiliger Geist“ werden wir an Pfingsten singen. „Komm und erfülle die Herzen deiner Gläubigen“ damit wir eins werden mit Gottes Willen, damit sie kommen kann, diese Zeit der Freude und der Versöhnung. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 24.5.2020



Der Himmel ist näher als du denkst! Predigt über Johanns 17,20 – 26 an Christi Himmelfahrt

„Gen Himmel aufgefahren ist, Halleluja, der Ehrenkönig Jesu Christ. Halleluja!“ Vielleicht ist uns bei diesem Lied vorhin das Halleluja schwerer über die Lippen gekommen als sonst. Schließlich singen wir unter erschwerten Bedingungen, mit einem Stofftuch vor Mund und Nase. Und dennoch singen wir unsere Lieder, dieses und auch noch andere.  Und vielleicht kommt das Halleluja dennoch aus vollem Herzen, wenn uns bewusst wird, wie nah wir dem Himmel sind. Ich meine den Himmel, in den Jesus eingegangen ist. Die Eingangspforte in den Himmel ist nicht irgendwo über uns. Auch steht nicht Petrus davor mit einem großen Schlüssel. Der Himmel, in den Jesus aufgefahren ist, um die Tore weit zu öffnen für uns, ist näher als wir glauben. Darüber möchte ich heute mit Ihnen nachdenken. Ich beginne mit einer Frage:


Wo ist Jesus denn jetzt? Der Abschnitt aus dem Johannesevangelium, über den wir heute miteinander nachdenken, hilft uns bei der Suche nach einer Antwort. Er führt uns zunächst einmal zurück in die Zeit vor den Karfreitag. Da hält Jesus eine Abschiedsrede. Mir ihr bereitet Jesus die Jünger auf sein Leiden und Sterben vor. „Habt keine Angst!“ sagt Jesus. „Ich  habe die Welt überwunden!“ Und noch etwas erfahren wir. Wenn Jesus zum Vater geht, lässt er uns nicht als Waisen zurück. Er sendet uns den Beistand, den Tröster, den Ermutiger, den Heiligen Geist. Der soll uns helfen, nach vorn zu schauen, den Weg zu finden. Den Weg zum Himmel. Den Weg zu Jesus. Der Himmel ist dort, wo Jesus ist. Und dort, wo Jesus ist, ist der Himmel. Und der Himmel ist näher als du denkst, weil Jesus, der Auferstandene dir näher ist, als du dir vorstellen kannst. Zu dieser Überzeugung komme ich, wenn ich die Worte aus dem Gebet höre, das Jesus am Ende seiner Abschiedsreden spricht. Jesus betet nicht nur für die Jünger, sondern auch für uns,  für alle, die durch das Zeugnis der Jünger zum Glauben kommen. Er sagt:


„Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst. Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet war. Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.“ (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Wo ist der Himmel? Der Himmel ist näher, als wir meinen, weil Jesus selbst näher ist, als wir meinen. Er ist dort, wo Menschen in Liebe einander verbunden sind. Um es gleich zu sagen: er ist nicht nur dort. Aber er ist vor allem auch dort, wo Menschen sich lieb haben. Wir finden den Eingang zum Himmel bei dem Paar auf der Parkbank! Da sitzen die beiden,  in sich versunken, Händchen haltend. Es kümmert sie überhaupt nicht, wenn andere an ihnen vorübergehen, die einen lächelnd, die anderen belustigt. Sie sitzen da und sind sich genug. Die Zeit ist für sie stehen geblieben. Es gibt nur sie und nichts als sie. Der Himmel ist bei dem Kind, das in sich versunken im Sandkasten sitzt und singt und spielt und mit sich und der Welt im Frieden ist. Der Himmel ist bei dem alten Menschen, der auf ein langes Leben zurückschaut, wehmütig vielleicht, weil viele Wegbegleiter nicht mehr da sind und doch dankbar, weil vieles gut war im Leben, das er geführt hat. Der Himmel ist bei dem Sterbenden, der in Frieden gehen kann, weil er unabhängig vom Lebensalter das wichtigste erfahren hat, was man in dieser Welt erfahren kann: Liebe zu bekommen und Liebe weiterzugeben. Liebe. Himmel und Liebe und Gott gehören zusammen. Vielleicht sagt Johannes deshalb auch: Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. (1.Joh.4,16)


Dass wir den Weg in diesen Himmel finden, darum betet Jesus in dem Gebet vor seiner Verhaftung. Er betet für die Menschen, die zum Glauben an ihn finden, den Gottessohn, der fleischgewordenen Liebe Gott zu den Menschen. Jetzt erweitere ich meine Liste an himmlischen Begriffen. Gott und Himmel und Liebe und Jesus gehören zusammen. 


Der Himmel ist Herzenssache, so wie die Liebe. Jesus hat uns die Liebe vorgelebt, die aus zweien eins macht. Er selbst hat aus dieser Liebe gelebt, aus der Liebe zum Vater die Kraft geschöpft, um sie weiterzugeben an die Menschen, die Liebe, die heilt, die versöhnt, die Grenzen überwindet, die den Tod überwindet. Es ist die Liebe, die von sich wegschaut, die den andern im Blick und im Herz hat. Wo ist der Himmel? Dort, wo Menschen mit dieser großen Liebe in Berührung kommen, die in Jesus Mensch geworden ist. Der Himmel ist dort, wo Gottes Liebe das Herz der Menschen erreicht  und sie verändert, sie verwandelt, sie für das Geheimnis der Liebe öffnet. Der Himmel ist dort, wo die Menschen wieder beginnen, so zu  werden, wie Gott sie ursprünglich geschaffen, wie er sie gemeint hat - als Geschöpfe, die lieben und die geliebt werden. Wo Streit ist, fällt die Tür ins Schloss, ist der Weg in den Himmel verschlossen. Wir alle haben das irgendwie schon einmal erfahren. Wo Hass oder Streit oder Misstrauen ist, ist wahres Leben nicht möglich. Wo Liebe gelebt wird, öffnet sich das Tor zum Himmel.  Mir kommt dabei ein Lied unserer Tage in den Sinn, dass diese Verwandlung beschreibt. Wir werden es zwar heute nicht singen – aber zitieren möchte ich daraus:


„Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen, und neu beginnen, ganz neu, / wo Menschen  sich verschenken, / die Liebe bedenken, / und neu beginnen, ganz neu, / wo Menschen sich verbünden, den Hass überwinden / und neu beginnen, / ganz neu, / da berühren sich Himmel und Erde, / dass Frieden werde unter uns, / da berühren sich Himmel und Erde, / dass Frieden werde unter uns.“ (Kommt, atmet auf, 075)


Die Liebe ist das Eingangstor in den Himmel. Ich meine die Liebe, die in Jesus Christus Gestalt angenommen hat und die mein Herz berührt und meine Seele rettet. Wer sich von dieser Liebe berühren lässt, der verändert sich, wird neu, ganz neu. Vor zwei Wochen war Jubliate. Da hat uns ein Wort des Apostels Paulus durch die Woche begleitet: „Ist jemand in Christus, / dann ist er eine neue Kreatur, / das Alte ist vergangen, / siehe, es ist alles neu geworden.“ Da haben wir einen neuen Blick für Gottes Schöpfung bekommen und eine Ahnung davon, wie die aufblühende Natur, die doch vergänglich ist, schon jetzt hinweist auf das Unvergängliche, die Neue Schöpfung. Die Liebe gehört zur neuen Schöpfung. Der Himmel ist dort, wo Menschen zur neuen Schöpfung werden. Das geschieht durch die Liebe. Die Liebe ist dieser Weg zurück in den Himmel. Die Liebe, die den anderen sucht und findet, die sich berühren und verändern lässt. Ich spreche von der Liebe Gottes, die Gestalt angenommen hat in Jesus von Nazareth. Diese Liebe kann Grenzen überwinden, kann Wunden heilen, die Menschen sich zufügen, kann Leben schenken, schon jetzt kann das geschehen, in dieser Welt, wenn auch nur sehr verhalten und verborgen. Diese Liebe öffnet das Tor zum Himmel. Wir sind dazu berufen, in dieser Liebe zu leben.  Wenn wir ihr nachspüren, sind wir bereits auf dem Weg. Dann sind wir auf dem Weg in den Himmel. In der Tat – der Himmel ist näher als wir meinen. Am letzten Sonntag habe ich gesagt, wir leben nicht in der Corona Zeit, sondern in der Osterzeit. Heute sage ich: wir leben in einer Zeit, in der uns der Himmel nahe kommt. In einer himmlischen Zeit. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 21.5.2020







Wasser und Hoffnung schöpfen. Predigt über Jesaja 12,1 – 6 am Sonntag Kantate

„Kantate!“ „Singt“ Der 4. Sonntag nach Ostern fordert uns dazu auf und ebenso der Beter des 98.Psalms: „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ Singet! Wie soll das gehen, mit so einem Stück Stoff vor dem Mund? An diesem Sonntag werden wir nach langer Zeit wieder Gottesdienst feiern - allerdings unter besonderen Auflagen. Abstand statt Nähe, mit einem Schutz vor Mund und Nase und mit eingeschränktem Gesang. Steht das nicht im Widerspruch zu dieser Aufforderung? „Singet dem Herrn ein neues Lied?“ Doch - wo steht eigentlich geschrieben, dass unsere Lieder stets laut und immer fröhlich sein müssen? Vielleicht ist das jetzt die Zeit, in der wir nicht mit lauter Stimme singen, sondern verhaltener und leiser. Mir wird in diesen Tagen immer mehr bewusst, was wir verloren haben durch die Einschränkungen.  Das macht mich traurig. Vielleicht hat das neue Lied dieser Tage getragenere Töne als sonst. „Merke auf mein Seufzen …“ heißt es in einem anderen Psalm. Gott hört auch mein Seufzen und nimmt es als Lied an. Eines aber soll nicht unter den Tisch fallen. Im 98.Psalm wird auch gesagt, warum wir Gott ein neues Lied singen sollen. „Denn er tut Wunder“ . Das größte Wunder aller Zeiten haben wir an Ostern gefeiert - die Auferstehung Jesu. Das ist die Botschaft des neuen Liedes. Sie findet ihren Weg zu den Menschen, denen die Todesangst die Hand vor den Mund gelegt hat. Sie findet ihren Weg zu den Jüngern. Und durch die Jünger auch zu uns:  Der Herr ist auferstanden. Er lebt und wir sollen auch leben. Es mag ja sein, dass dieses neue Lied etwas dumpfer klingt, wenn man eine Stoffmaske vor dem Mund trägt. Die Botschaft ändert sich nicht. Das Leben findet seinen Weg auch zu uns. Wir haben Grund, ein neues Lied zu singen. Ein Lied der Hoffnung und des Lebens.

So ein Lied der Hoffnung finden wir auch im Alten Testament. Vielleicht kann man ja sagen, dass das österliche Lied der Hoffnung dort schon vorbereitete wurde. Im Buch des Prophet Jesaja im 12. Kapitel können wir es nachlesen:

Ich danke dir, HERR! Du bist zornig gewesen über mich. Möge dein Zorn sich abkehren, dass du mich tröstest.  Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil. Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Brunnen des Heils. Und ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem HERRN, rufet an seinen Namen! Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündiget, wie sein Name so hoch ist! Lobsinget dem HERRN, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen! Jauchze und rühme, die du wohnst auf Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir! (Lutherbibel 2017,Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

Da erzählt einer in einem Lied von seiner Begegnung mit Gott. Die war zunächst alles andere als erbaulich. Ich danke dir, HERR, dass du bist zornig gewesen über mich. Da hat einer erfahren: Gott steht nicht über den Dingen. Er interessiert sich für mich. Ja, auch das hat der Prophet erfahren. Er schreibt: Gott hat mir gezürnt. Doch dabei bleibt er nicht stehen. Dem Eingeständnis folgt die Erfahrung der Vergebung. Der Zorn hat sich gewendet. Und  aus der Vergebung wächst der Trost. Gott hat mich wieder getröstet. Vielleicht regt mich das an zum Nachdenken. Hab ich auch schon einmal so etwas erlebt? Schwingt dieser Dreiklang von gefühlten Zorn, Versöhnung und Trost auch in meinem Leben hinein?

Ich danke dir, Herr! sagt oder singt da einer. Er singt ein Loblied auf Gottes Geduld. Gott lässt mich nicht fallen. Auch nicht in der Zeit, da ich mich von ihm entfernt habe. Es mag ja sein, dass ich von Gott innerlich abdrifte. Aber Gott wende sich nicht ab von mir. Gott will mir zum Leben hindurch helfen. Am Ende wartet der Trost auf mich, wartet der Gott, der mich in die Arme schließt. Ein geduldiger Gott ist es, an den wir glauben. Er gibt uns Zeit. Zeit zur Besinnung. Zeit zur Umkehr. Er wartet auf mich, bis ich meinen Weg finde zu ihm. Das Lied macht mir Mut, am Glauben festzuhalten, selbst wenn ich meine, dass Gott meilenweit von mir entfernt ist. Für den Beter war es der Weg durch eine bittere Lebenserfahrung hinein in den Trost des Glaubens, der Weg aus der Gottesferne in die Gottesnähe hinein. Am Ende kann er sagen: Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht ….

Wir hören dieses Wort in der Osterzeit.  Wir hören von einer guten Perspektive für unser Leben, wo immer wir uns im Augenblick auch befinden. „Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen. …“ lesen wir bei Jesaja. Wie gut mir dieses Wort tut, gerade in dieser Zeit. Es werden wieder Tage kommen, an denen ich mit Freuden Wasser schöpfen kann, an denen es mir gut geht und ich dankbar zurück schaue, wie einer, der die Wüste hinter sich gelassen hat.

Der Psalmbeter denkt bei diesen Worten sicher an das Laubhüttenfest. Da schöpften die Israeliten aus einer Quelle vor den Toren der Heiligen Stadt das Wasser und trugen es in einer feierlichen Prozession in den Tempel, um es vor dem Altar auszugießen. Gott ist die Quelle des Heils, so leibhaftig sollte man das sehen und erfahren. Gott ist das Wasser, das uns am Leben erhält.  Gott, der zürnende und tröstende, der leidenschaftliche und fürsorgliche Gott will für mich so wichtig sein wie das Wasser, das ich zum Leben brauche, das Wasser, das die Wüste zum blühen bringt, das Wasser, das mir das Leben schenkt, das mir Kraft gibt, schwere Zeiten zu ertragen. Für mich ist das ein Bild für den Glauben, das Vertrauen auf den Gott, der mich tröstet, der meine Stärke ist und mein Lied  und meine Rettung! Der Brunnen des Heils – ich denke bei diesem Bild an die frohe Botschaft, an das Evangelium von Jesus Christus, durch den ich erfahre, wie nahe mir Gott ist.. Im Johannesevangelium nimmt Jesus das Bild auf und bezieht es auf sich selbst. Er sagt: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigenWassers fließen….“ Jesus wird zur Quelle des Heils und zum Heilsbrunnen, aus dem wir schöpfen Gnade um Gnade. Das macht mir heute Mut. Gerne will ich aus den Brunnen des Heils schöpfen, Vertrauen will ich schöpfen, Glauben und Hoffnung für mich und mein Leben, vor allem, wenn ich müde und niedergeschlagen bin. Kantate! Der Sonntag lädt dazu ein, sich einzulassen auf diesen Gott, der mir in und durch Jesus Christus ganz nahe sein will. Vielleicht gehe ich im Augenblick durch eine Durststrecke des Glaubens, gerade in diesen Zeiten der Einschränkungen. Dann vertraue ich darauf, dass Gott mich zum frischen Wasser führen wird und dass dies jetzt nur eine Etappe ist auf dem Weg.

Gott schenke uns allen die Erfahrung seiner Nähe. Eine Nähe, die uns zum Leben führt. Sie will das Herz öffnen. Vielleicht öffnet sie auch die Lippen zum dankbaren Lob. Wenn es von Herzen kommt, darf es auch falsch klingen, solange es sich nicht falsch anfühlt, ist das nicht weiter schlimm.  Gott wird’s  freuen. Da bin ich mir sicher. Unser Lied kommt bei ihm an. Ein Stück Stoff kann es nicht aufhalten. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 10.5.2020


Verbunden mit Christus … Predigt über Joh.15,1- 8 am Sonntag Jubilate 


Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner.  Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


„Vergiss das nicht: du und ich -  wir gehören zusammen!“ Menschen sagen das zuweilen als Trost beim Abschied:  „was auch immer kommen mag – wir gehören zusammen.“ Manchmal soll ein kleines Erinnerungsstück diese Zusage unterstreichen: ein Medaillon zum Beispiel, das man um den Hals tragenkann, vielleicht mit einem Bild oder mit einer Haarlocke darin. Das erinnert an den Menschen, dem ich mich verbunden fühle und der mir auf diese Weise nahe ist. Auch Jesus legt seinen Jüngern ein Bild ans Herz, um sie daran zu erinnern: ihr und ich, wir gehören zusammen. Worte des Trostes und der Verheißung legt er den Jüngern ans Herz: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben!“ sagte Jesus zu seinen Jüngern. So wie die Rebe mit dem Weinstock verbunden ist, so sind wir miteinander verbunden. Denkt daran, immer wenn ihr einen Weinstock seht. Denkt daran, wie nahe ich euch bin. Heute sagt Jesus das auch zu uns. Ihr und ich - wir gehören zusammen. Wenn das kein Grund ist zur Freude. 


Jesus spricht in Bildern und Gleichnissen. Deshalb ist es nicht immer einfach, ihn auf Anhieb zu verstehen. Auch die  Jünger haben nicht immer alles gleich verstanden - obwohl  ihnen die Bilder vertraut waren, die  Jesus in seinen Gleichnissen verwendet.  Der Vergleich mit dem Weinstock war ihnen bekannt. Wenn in der Bibel vom Weinstock die Rede ist, war bis dahin immer das Gottesvolk gemeint. Die Psalmen und die Propheten sprechen vom Weinstock, wenn sie Israel damit meinen. „Du bist mein Weinstock!“  hat Gott vor langer Zeit zu Israel  gesagt und gemeint: Du gehörst mir. Du bedeutest mir sehr viel. Ein Weinstock ist etwas Besonderes, etwas Edles. Und dieser Weinstock Israel hat seine unverwechselbare Geschichte.  Gott selbst hat seinen Weinstock aus Ägypten geholt und ins Heilige Land gepflanzt, damit er dort wachsen und gedeihen kann. Später erinnert der Beter des 80. Psalms Gott daran, wie er für seinen Weinstock einst gesorgt hat:  „...Du hast... hast ihn lassen einwurzeln, dass er das Land erfüllt hat. Berge sind mit seinem Schatten bedeckt und mit seinen Reben die Zedern Gottes. Du hast seine Ranken ausgebreitet bis an das Meer und seine Zweige bis an den Strom...“. So mächtig, so großartig ist dieser Weinstock unter der Obhut Gottes gediehen. Aber: da hat es auch Zerstörung gegeben und Wildwuchs! Wilde Tiere, Feinde fallen ein und machen sich über den Weinstock her. „Gott Zebaoth, wende dich doch! Schaue vom Himmel und sieh darein, nimm dich dieses Weinstocks an...“ fleht der Beter deshalb zu Gott. Der den Weinstock gepflanzt hat, soll nun auch für ihn sorgen. 


Und noch etwas ist geschehen. Wildwuchs im Garten Gottes! Der Weinstock Israel entwickelt ein Eigenleben, das Gott kränkt. Gepflanzt in gutem Boden, gehegt und gepflegt, vergisst der Weinstock, wer ihn gepflanzt hat und streckt seine Ranken und Triebe fremden Göttern entgegen. Die Propheten können ein Lied davon singen. Sie singen ihr Klagelied im Auftrag des Allerhöchsten. „Ich ... hatte dich gepflanzt als einen edlen Weinstock, ein ganz echtes Gewächs. Wie bist du mir denn geworden zu einem schlechten, wilden Weinstock!“ heißt es bei Jeremia, als das Gottesvolk mit seinen Königen den fremden Göttern Altäre gebaut hat. So wandert das Bild vom Weinstock aus der liebevollen Besitzerklärung Gottes in die Klage, in die Anklage. Der Weinstock hat vergessen, wer ihn gepflanzt hat! Deshalb die Mahnung Jesu. Vergesst nicht, was es bedeutet, eine Rebe zu sein. 


Vielleicht denken die Jünger an diese Leidens - und Liebesgeschichte Gottes mit seinem Weinstock Israel, wenn sie nun Jesus sagen hören. „Ich bin der wahre Weinstock, mein Vater ist der Weingärtner und ihr seid die Reben!“ Ein enges Verhältnis ist damit ausgesprochen. Gott - Jesus - die Jünger, sie gehören zusammen. Das sollen die Jünger im Herzen bewahren, vor allem dann, wenn sich andere über den Weinstock hermachen, ihn niedertreten und seine Wurzeln aus der Erde reißen wollen. „Ich bin der wahre  Weinstock, mein Vater ist der Weingärtner und ihr seid die Reben!“ Die Jünger sollen es nicht vergessen, zu wem sie gehören – wenn es gilt, Farbe zu bekennen. Später, wenn sie allein sind, wenn Jesus zu seinem Vater gegangen ist, dann sollen sie sich daran erinnern. Und wie man sich an einen Menschen erinnert, wenn man sein Medaillon in der Hand hält, so sollen sie sich an die Worte Jesu erinnern, wenn sie einen Weinstock mit seinen Reben sehen.


Jesus sagt den Jüngern dieses Wort vom Weinstock kurz vor seiner Verhaftung. Da sind sie wieder, die dunklen Stunden der Passion! Ausführlich werden sie uns geschildert in den Erzählungen der Evangelisten. Wir sehen Bilder des Leidens, Bilder der Angst, Bilder des Todes. Mit dem Wort vom Weinstock werden die Jünger auf diese dunklen Stunden vorbereitet. Da kann kommen was mag, ihr und ich, wir gehören zusammen!  Das sagt Jesus den Jüngern, obwohl sie es im Augenblick nicht verstehen und im Trubel der Ereignisse vergessen. Wenn die Soldaten kommen, werden sie fliehen und sich verstecken. Aus Furcht vor den aufgehetzten Menschen, vor dem Pöbel, vor Denunziation und Verhaftung werden sie untertauchen. Sie wollen nicht sterben wie Jesus. Alleingelassen fühlen sie sich. Ausgeliefert und hilflos. Dann sollen sie erfahren,  dass die Verbindung sie trägt. Aber bis dahin ist es ein weiter Weg. Lange werden die Jünger brauchen, bis sie begreifen, was Jesus damit meint, wenn er sagt: ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Da muss erst der dritte Tag anbrechen. Da müssen die Frauen erst ein leeres Grab finden. Da muss der Auferstandene selbst erst durch die verschlossenen Türen treten. Erst allmählich werden sie spüren, was es bedeutet, eine Rebe zu sein am Weinstock, den der Vater gepflanzt hat. 


Allmählich bekommen die Jünger etwas von dem Leben zu spüren, das ihnen zuströmt, ein Leben ohne Furcht, ein Leben, in dem sich niemand verstecken muss, ein Leben, frei von der Angst zu versagen, frei von der Furcht, frei von Todesängsten, die Menschen ausstehen müssen. Diese Lebensahnung, die ihnen neuen Mut, neue Hoffnung schenkt - sie kommt von dem Weinstock, von Christus, mit dem sie verbunden sind.


„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben!“ sagt Jesus - ihr und ich, wir gehören zusammen und zusammen gehören wir Gott.  Vielleicht denken wir daran, wenn uns die Sorgen zu mächtig erscheinen - gerade in diesen Tagen  der Einschränkung, der Bedrohung. Wie hilflos wir uns doch fühlen, einem Virus ausgeliefert, das wir nicht sehen und dessen Macht über uns wir Tag für Tag spüren können. Wie sehr wir uns doch nach anderen Tagen sehnen, nach Gemeinschaft, die trägt. Wir hören das in Zeiten, in der unsere Freiheit stark eingeschränkt ist, in der Berührungen verboten sind und Nähe krank machen kann. Kontaktverbot - ob das einmal das Unwort des Jahres 2020 sein wird? Wie tröstlich ist doch der Gedanke, dass wir mit Christus verbunden sind, eine Verbindung, die durch keine Krankheit eingeschränkt werden kann. Eine Verbindung, die trägt, die offen ist für die Zukunft.


 „Man sollte nicht ängstlich fragen: was wird und kann noch kommen? Sondern sagen: Ich bin gespannt, was Gott jetzt noch mit mir vorhat.“  Dieses Wort von Selma Lagerlöff können wir uns zueigen machen. Wer sich verbunden weiß mit dem Auferstandenen, kann gespannt sein, auf das, was noch aussteht. Wer sich verbunden weiß mit dem Auferstandenen, braucht sich nicht zu sorgen, ob er auch alles ertragen und bewältigen kann, was ihm im Leben noch abverlangt wird. Er muss nicht von sich aus die Frucht bringen. Er bekommt alles, was er braucht vom Weinstock. Die Kraft zum Glaubenszeugnis, den Mut, zum Bekenntnis, die Liebe, die sich dem Nächsten zuwendet – das alles strömt mir zu, wenn ich in der Verbindung mit Christus lebe, wenn ich Rebe bin am Weinstock. Wer sich als Rebe vom Weinstock getragen weiß, kann sich freuen auf das,  was Gott mit ihm vor hat. Er will uns das Leben schenken, das der Tod nicht mehr überschatten kann. Dafür bürgt der Auferstandene. Gelassen und im Vertrauen wollen wir leben als Reben, die vom Weinstock getragen werden - wir bekommen alle Kraft, die wir brauchen von dem, der uns trägt und hält. Zu ihm bekennen wir uns, wenn wir mit Worten eines Liedes beten und bekennen: „Du bist meines Lebens Leben, meiner Seele Trieb und Kraft, wie der Weinstock seinen Reben zuströmt Kraft und Lebenssaft.“ (EG 406) Amen. 


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 3.5.2020



 

April 2020

Leben in der Nachfolge des Guten Hirten. Predigt über 1. Petrus 2,21 - 25 am Sonntag Miserikordias Domini (26.4.2020)

Christus hat für euch gelitten hat und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

Stau auf der Bundesstraße. Ich bremse ab. Mein Herz klopft. Ist was passiert? Ein Unfall? Vorne sehe ich ein Feuerwehrauto quer auf der Fahrbahn stehen, Ein Mann in Warnweste winkt den Verkehr an dem Fahrzeug vorbei. In Schrittgeschwindigkeit geht es weiter. Die endgültige Entwarnung kommt durch einen Blick aus dem Seitenfenster. Keine Unfallstelle. Im Gegenteil. Eine große Herde von wohl über hundert Schafen zieht friedlich über die Weide. Sie hat mit ihrem Hirten die dicht befahrene Straße überquert. Dazu wurde kurzfristig der Verkehr angehalten. Jetzt haben endlich die letzten Tiere sicher die andere Straßenseite erreicht. Gemächlich ziehen sie ihres Weges. Den Hirten sehe ich und den Hund. Er läuft neben der Herde her. Er sorgt bellend dafür, dass keines der Schafe ausschert. Wie brav sie alle hinter ihrem Hirten herlaufen! Ob der Verfasser des Petrusbriefs bei seinen Worten ein ähnliches Bild im Sinn gehabt hat? Er schreibt von einem „Guten Hirten“, dem wir nachfolgen sollen. Und wir erfahren, warum dieser Hirte für uns gut ist. Er hat den Kopf hingehalten für seine Herde.  So lesen wir also: „Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen…!“

Wir hören diese Worte am Sonntag Miserikordias Domini. Der Name leitet sich von einem Psalmvers ab: „Die Erde ist voll der Güte des Herrn! Misericordias Domini plena est terra!“ Im Bild vom Guten Hirten wird uns vor Augen gestellt, wie sie aussieht, die göttliche Barmherzigkeit. Sie hat Gestalt angenommen in Jesus Christu. Gott hat ein Herzensanliegen. Er macht sich auf den Weg, wie sich ein Hirte aufmacht, um die Schafe zu suchen, die sich verirrt haben. Seine Liebe zu den Menschen treibt ihn an. Er sucht die, die sich verirrt haben, er sucht die schuldbeladenen, die vom Weg abgekommen sind, er sucht die unfreien und unzufriedenen, er sucht, was krank ist und verloren scheint, er sucht dich und mich. Er sucht - um zu heilen und zu retten, zu schützen und zu behüten.  Davon erzählt auch der Apostel. Wir sind eingeladen, unser Leben unter dem Schutz des Guten Hirten zu führen.

Der Verfasser des 1. Petrusbriefs schreibt diese Einladung den Christen, die es schwer haben im Leben. Seine Worte sind eingebettet in eine Reihe von Ermahnungen. Er wendet sich an die Sklaven, vor allem an diejenigen, die unter den „wunderlichen“ Herren und ihren schlechten Eigenschaften zu leiden haben, er schreibt den Eheleuten, vor allem denen, die es nicht leicht haben miteinander, er schreibt es der ganzen Gemeinde aus jungen und alten Menschen, er schreibt es uns. Er schreibt von Christus, in dem Gottes Barmherzigkeit Gestalt angenommen hat. Wenige Worte genügen ihm, um das Leben Jesu zusammenzufassen, um zu beschreiben, wie der Gute Hirte sein Hirtenamt ausgeübt hat. Er sagt: kein Betrug fand sich in seinem Mund. Er hat nicht Gleiches mit Gleichem vergolten: nicht Schmähwort mit Schmähwort, nicht Drohung mit Drohung, nicht Unrecht mit Vergeltung. Christus kommt zu den Menschen. Er kommt und er liebt. Er beantwortet Schuld mit Liebe und stellt sein Leben Gott anheim. So zerbricht er den Teufelskreis der Gewalt. Überall da, wo der Gute Hirte am Werkt ist, wird die Welt menschlicher, lebenswürdiger, können Menschen aufatmen, neue anfangen, kann Vertrauen neu wachsen. So übt er sein Hirtenamt aus, der Herr. Bis heute ist das so. Mit einem Auftrag wendet sich der Auferstandene an Petrus: „Weide meine Herde!“ Dreimal sagt er das. So wichtig ist ihm dieser Auftrag. „Weide meine Herde!“ Dieser Auftrag gilt bis heute. Er gilt allen, die wie Petrus Verantwortung für Menschen übernommen haben. Christus will sein Werk fortsetzen. Er will die Herde weiden, bis heute. Er will es durch uns tun. Wir brauchen dabei keine Angst haben, dass wir an dieser Aufgabe scheitern könnten. Wir sind arme und fehlerhafte Menschen. Und doch will Christus durch uns Gutes tun. 

Christus nimmt uns an. Sogar mit unserem Unvermögen. Sogar dann, wenn es uns nicht gelingen will, seinen Fußtapfen zu folgen, wenn es nicht gelingen will mit dem Leben in der Nachfolge. In den wenigen Worten, die der Apostel dafür braucht, sagt er, wie Jesus unser Versagen beantwortet: Christus hat für uns gelitten, er hat unsere Sünde hinaufgetragen an seinem Leib auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Das meint nichts anderes als: Christus hat unser Scheitern auf sich genommen. Christus geht den Weg der Liebe. Er nimmt unser Versagen auf sich und stiftet Frieden mit Gott. So wird er zum Guten Hirten. Indem er uns nachgeht und sucht, indem er vergibt und uns zu neuen Anfängen im Leben und in der Liebe Mut macht. 


„Ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen“ schreibt der Apostel. Unter der Obhut des Guten Hirten sollen wir leben. Unter seine Obhut dürfen wir wirken. Die Christen haben es auch nach den Worten des Apostels nicht einfacher gehabt in ihrer heidnischen Umwelt. Und wir haben es auch nicht leicht.  Aber wir haben eine große Hoffnung, Die trägt uns, wenn andere schon den Halt verlieren. Petrus hat uns einen Weg gezeigt, den wir gehen können in dieser Welt, um mit den Enttäuschungen und Bedrückungen zurecht zu kommen. Der Apostel ruft uns heute in Erinnerung, dass Gott sich auf den Weg gemacht hat, um uns zu suchen und dass er uns gefunden hat. Vergessen sollen wir nicht: dass die Mensch gewordene Barmherzigkeit Gottes sich von keiner Macht der Welt hat aufhalten lassen auf ihrem Weg zu uns. Behütet und geborgen in der Barmherzigkeit Gottes sollen wir den Fußtapfen Jesu folgen und leben in dieser Welt. 

Das Vorbild - Jesus - ist nicht unerreichbar fern. Er selbst tritt uns zur Seite und schenkt uns Kraft und Mut, damit wir seinen Spuren folgen: damit wir nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, Beleidigung nicht mit Beleidigung, Schläge nicht mit Schlägen beantworten. Er will uns Mut machen, der Welt ein neues Gesicht zu geben – durch Barmherzigkeit und Güte, durch Verzeihen und durch Liebe. Wäre das nicht wunderbar, wenn andere das einmal über uns sagen könnten – dass wir Menschen waren, die wirklich menschlich gelebt haben? Wäre das nicht wunderbar, wenn wir durch Güte und Herzenswärme den Teufelskreis aus Misstrauen und die Angst in dieser Welt durchbrechen würden, wenn wir in der Nachfolge des Guten Hirten leben und lieben würden, mit viel Hoffnung im Herzen und in dem Wissen, dass wir selbst bei diesem Guten Hirten geborgen sind? So würde die Welt durch uns einen Vorgeschmack auf das Leben bekommen, das noch aussteht. Das Leben, für das Christus einsteht - bis heute. Das Leben, das heil werden lässt, was verwundet ist und in dem ans Ziel kommt, was jetzt noch verirrt und unvollkommen ist.

 „Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen.... Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“ Lasst uns in diesem Vertrauen und mit diesem guten Bild vor Augen leben, handeln und glauben. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 26.4.2020



Wie Neugeboren! Predigt über Jesaja 40, 26-31 am 1.Sonntag nach Ostern (Quasimodogeniti) 

Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.  Text: Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

„Ich fühl mich wie neugeboren!“ sagt er. Dabei dehnt und streckt er sich genüsslich. Was ein paar Stunden Schlaf ausmachen! Nach der langen und anstrengenden Reise war er so müde, dass er sich am Ende kaum auf den Beinen halten konnte. Jetzt aber sieht die Welt wieder ganz anders aus. Er spürt, wie die Lebensfreude wieder da ist.  Schnell trinkt er noch einen Schluck Kaffee. Die Semmel nimmt er mit ins Büro. Ein fröhliches Lied vor sich hin pfeifend macht er sich an die Arbeit. Ich kenne diese Form der Erschöpfung. Wenn ich lange auf den Beinen war, macht sich die Müdigkeit nicht nur körperlich bemerkbar. Ich fühle mich dann auch niedergeschlagen und zu nichts zu gebrauchen. Ich bin müde und matt. Dann will ich nur noch meine Ruhe und schlafen. Aber danach ist es auch wieder gut. Mit der Erholung kehrt die Lebensfreude zu mir zurück.

Nicht immer helfen ein paar Stunden Schlaf. Diese Erfahrung hat eine Frau machen müssen, an die ich jetzt denke. Blass sieht sie aus. Sie liegt im Krankenhaus. Neben ihrem Bett steht der Ständer mit einer Infusionsflasche. Die Frau „hängt am Tropf“. Eine Weile schauen wir zu, wie die Flüssigkeit aus der Flasche durch den Schlauch in ihre Venen rinnt. Dann beginnt sie, zu erzählen. Sie sagt, was sie ausgelaugt hat und warum sie so entsetzlich müde war.  Die letzten Wochen hatten extrem an ihren Kräften gezehrt. Jeden Tag hatte sie ihren Mann im Krankenhaus besucht, Stunden an seinem Bett verbracht, den Schweiß von der Stirn gewischt, seine Hand gehalten, ihn gefüttert, das Kissen ausgeschüttelt. Wenn die Kinder gekommen sind, hatte sie Ihren eigenen Schmerz verborgen, die Tapfere gespielt, hatte die anderen getröstet, statt sich trösten zu lassen, und hatte  Mut gemacht, Trost gespendet, obwohl sie selbst Trost und Ermutigung gebraucht hätte. Alle hatten sie dafür bewundert. „Was für eine starke Frau“, dachten sie sich. In den Arm genommen hat sie niemand. Dieser seelische Marathonlauf hatte ihr die Kräfte geraubt. Kein Wunder, dass sie zusammengebrochen war, auf offener Straße, kurz nach der Beerdigung ihres Mannes. Die Tage, die sie dann selbst im Krankenhaus lag, waren ein Segen. Endlich Ruhe. Und endlich konnte sie über ihren Kummer sprechen, der auf ihr lastete, konnte sie davon sprechen, wie erschöpft ihr Leib und  wie müde ihre Seele tatsächlich geworden waren, müde und matt.

Körperliche Anstrengung, Stress, Enttäuschungen, Kummer machen die Seele müde, laugen sie aus. Und ebenso die Erfahrung von Misserfolgen und erst recht von existenzieller Not. Vielen geht es in diesen Tagen auch so. Die erzwungene Schließung der Geschäfte, der öffentliche „Shutdown“, ist für viele kaum zu verkraften - nicht nur nervlich, sondern auch fianziell. Da nistet sich schnell ein Gedanke ein, den man nicht loswird. „Warum passiert mir das?“ Oder „Womit habe ich diesen Schicksalsschlag nur verdient?“ Ob die Israeliten ihre Existenzkrise auch so erlebt haben, damals, als Kriegsgefangene im fernen Babylon? Einen langen und entbehrungsreichen Weg hatten sie hinter sich, fortgeführt von der Heimat in ein feindliches Land mit fremden Menschen, die eine unbekannten Sprache gesprochen und unheimliche Götter verehrt haben. Schlimme, bedrückende Bilder haben sie im Marschgepäck von Zuhause mitgenommen, haben sich eingebrannt in die Erinnerungen, die Bilder einer zerstörten Stadt und eines brennenden Tempels. Und eine Frage hat sie begleitet. „Wo ist unser Gott? Hat er uns vergessen? Straft er uns?“ Solche Fragen können den Glauben die Kraft rauben und das Gottvertrauen zunichte machten. Da hören sie, wie einer aus ihren Reihen hervortritt, wie er den Mund aufmacht und zu sprechen beginnt. Wir kennen seinen Namen nicht. Seine Worte aber können wir nachlesen im Buch Jesaja. Er spricht im Namen des Gottes, von dem sein Volk dachte, er habe es vergessen:

„Hebt eure Augen in die Höhe und seht!“  sagt der Prophet. „Schaut euch um. Seht die Sonne und den Mond und die Sterne. Wer hat das alles erschaffen?“  Auf die Antwort werden sie wohl selbst kommen, die Israeliten und wir vielleicht auch: es ist Gott, den wir als Schöpfer der Himmel und der Erde bekennen! Jeder einzelne Stern ist von seiner Hand geschaffen. Er kennt sie alle mit Namen. Wirklich alle? Einen Namen zu kennen bedeutet Nähe. Wenn ich jemanden mit Namen ansprechen kann, überwinde ich Anonymität. Ich kann ihn ansprechen. Da wird aus einem unbekannten Namenlosen ein Mensch mit einer Geschichte, mit Wünschen, Hoffnungen und manchmal auch Enttäuschungen. Dieser mächtige Schöpfer wendet sich nun auch mir selbst persönlich zu. Er ruft mich beim Namen. Er spricht mich an. Das geschieht in der Taufe. Was für ein großes Wunder ist das: der die Sonne und den Mond und die Sterne geschaffen hat, der hat auch mich geschaffen. Er kennt mich. In seiner Hand bin ich geborgen, da kann kommen, was will. So ein Wort macht mir Mut, schenkt mir neue Kraft und Trost und Geborgenheit. 

 Der Sonntag nach Ostern hat einen seltsamen lateinischen Namen. „Quasimodogeniti.“ So beginnt ein Aufruf des Apostels im 1. Petrusbrief. „Wie die neugeborenen Kinder…“ sollen wir werden. Die kleinen Kinder verlangen nach der Milch der Mutter. Wenn sie hungrig sind, schreien und weinen sie solange, bis sie gestillt werden. Unsere Seele hat auch Hunger nach Liebe und Zuwendung. Wir brauchen nicht nur materielle Sicherheit. Wir brauchen auch ein gutes Wort und Zärtlichkeit. Wir brauchen die Zuwendung von einem, der unseren Namen kennt und ihn liebevoll ausspricht. Unsere Seele lebt vom Evangelium, von der Guten Nachricht. Es ist die Nachricht von diesem Gott, der die Gestirne am Himmel kennt und uns beim Namen ruft, weil er uns liebt. Er wird Mensch, um sich ganz persönlich den Menschen zuzuwenden. Und er will sie ins Leben führen. Das ist die Botschaft, die wir an Ostern gehört haben:  dass Christus den Tod überwunden hat. Er lebt und wir sollen auch leben. Der Tod will uns mürbe machen. Und nicht nur der Tod. Denn der Tod hat Gehilfen. Die sorgen dafür, dass wir mürbe werden, indem sie tagaus tagein an unseren Kräften nagen. Enttäuschungen, Angst, Trauer sind Erfüllungsgehilfen des Todes. Zuwendung und Hilfe sind Boten des Evangeliums, helfen zum Leben.  Das Evangelium will die Medizin sein, die Kraftquelle, die uns aufleben lässt. Gott wird die Tränen von unseren Gesichtern abwischen. Das wird gewiss so sein! Habt nur Vertrauen!


Vertrauen zu Gott will der Prophet aus dem Alten Testament heute in uns wecken. Der wusste noch nichts von einer Taufe. Aber eines war ihm klar: Wenn wir müde und matt werden, soll wir den Blick zum Himmel heben und wissen: wir sind ein Teil dieser Schöpfung, die Gott am Herzen liegt. Gott verliert uns nicht aus dem Auge. Also: „Vertraut eurem Gott!“  Vertraut eurem Gott, wenn ihr das Gefühl habt, dass die Kraft eures Glaubens zu erlöschen droht. Vertraut, denn: „er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.“ Der den Himmel und die Erde geschaffen hat, hält dein Leben in seinen Händen. Der den Himmel und die Erde geschaffen hat, wird für dich sorgen.

Wie die neugeborenen Kinder sollen wir sein. Wenn ein Kind von der Mutter oder vom Vater aufgehoben und getragen wird, wenn es die Nähe spürt, wird es ruhig und schläft ein. Nähe, Berührung - das gehört zum Glauben dazu. Auch der Auferstandene berührt die Jünger und lässt sich berühren, damit sie glauben können. Thomas darf sogar seinen Finger in die offen Wunde legen, damit er glauben kann. Der Glaube lebt von der Nähe, die aus der Gemeinschaft  mit dem Auferstandenen wächst. Wenn ich müde werde, wenn mein Glaube schwach und mutlos wird, dann helfen mir diese Geschichten, die wir in dieser Zeit hören. Sie erzählen von den Begegnungen mit dem Auferstandenen. Ich spüre, wie die Kraft und die Hoffnung zurückkehrt, vielleicht, weil mich der Auferstandene selbst durch sie berührt. Ich spüre, wie durch sie das Leben seinen Weg zu mir findet. Lassen wir uns von der Botschaft berühren, die seit Ostern um die Welt geht. Gott wendet sich uns zu. Es ist ein Gott, der dem Müden neue Kraft schenkt, dass sie sich wie neugeboren fühlen. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, 19.4.2020






Zwei Himmlische Bilder mit einer Botschaft - Osterpredigt 2020


Zwei Ikonen möchte ich heute mit Ihnen betrachten. Es sind bekannte Darstellungen des Ostergeschehens. Diese Ikonen hängen bei mir daheim als Reproduktion an der Wand meines Esszimmers. Da habe ich sie immer vor Augen. Sie sind kunsthistorisch nicht besonders wertvoll. Aber woran misst man denn schon den Wert? In der orthodoxen Christenheit spielen Ikonen eine wichtige Rolle. In jedem frommen Haus befindet sich ein Herrgottswinkel mit einer Marien - oder Heiligenikone und manchmal begnügt man sich auch mit einem ausgeschnittenen Bild oder einer Postkarte. Niemand will sie als Kunstwerk oder Kapitalanlage sehen. Die Darstellung ist es, die sie für den Betrachter unglaublich wertvoll macht. Ikonen sind nicht einfach nur gemalte religiöse Bilder. Sie deuten ein Geschehen und sie geben wieder, was sie zeigen. Es sind gewissermaßen kleine Fenster in den Himmel, die Gott uns da aufmacht. Sie tragen die Heilsgeschichte in unsere Gegenwart.


Schauen wir also an diesem Osterfest durch zwei solcher Himmelsfenster. Tauchen wir hinein in die Geschichte des Heiles, die uns und unseren Seelen durch diese Ikonen erzählt werden. Die erste Ikone haben Sie vielleicht selbst schon einmal betrachten dürfen. Sie zeigt ein ziemlich oft dargestelltes Motiv der Auferstehung. Für mich ist sie zugleich eine Auslegung des Wochenspruchs für die Osterwoche aus der Offenbarung des Johannes: „Christus spricht: Ich war tot und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle“ (Offenbarung 1,18) 

 


„Die Auferstehung“  - in griechischen Buchstaben steht diese Wort auf der Osterikone, die Sie hier betrachten können. Sie zeigt in satten und strahlenden Farben, was es für uns und die Welt bedeutet, dass Christus den Tod überwunden hat. Mein Blick fällt zunächst auf zwei Steinplatten, die am Boden liegen. Ob es die Grabplatten sind, mit denen die beiden Sarkophage in der Mitte des Bildes verschlossen waren? Andere Betrachter sehen darin die Tore zum Reich des Todes, die Christus aus den Angeln gehoben hat. Sie liegen ihm zu Füßen.  Der Auferstandene steht auf ihnen. Er setzt seine Füße darauf, wie ein Herrscher einst seinen Fuß auf den Nacken des Unterlegenen stellte. Christus ist von einer Mandorla umgeben. So nennt man den mandelförmigen Heiligenschein. Die blaue von goldenen Strahlen durchwirkte Farbe weist auf den Himmel hin, auf Gottes Herrschaftsbereich, den der Auferstandene jetzt ausweitet. Er trägt ihn hinein in die Regionen, die bis dahin der Tod noch fest im Griff hatte. Wir sehen wie ein Mann und eine Frau von Christus aus ihren Gräbern herausgezogen werden.  Es sind wohl Adam und Eva. Sie stehen für die dem Tod ausgelieferte Menschheit. Die beiden Gräber erinnern uns daran, dass wir mitten im Leben vom Tod umgeben sind und dass unser Leben vergänglich ist. Auf einmal verstehe ich den Wochenspruch  aus der Offenbarung des Johannes. Da sagt Christus: „Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle!“  (Offenbarung 1,18) Die Ikone zeigt uns, wie Christus den Schlüssel umdreht und die Tür aufstößt, durch die wir ins Leben finden. Es ist ein Bild des Übergangs, das wir sehen. Wir sehen die Welt, in der wir leben. Es ist eine Welt der Furcht, die so viele Gesichter hat. Viele plagt die Existenzangst, andere ertragen kaum noch die Einsamkeit, die durch Kontaktsperre oder häusliche Isolation entsteht. Schließich sind da die Fragen, wie es weitergeht mit mir, mit meinen Lieben. Da ist die Sorge um unsere Kranken, die wir nicht besuchen dürfen und die Trauer um unsere Verstorbenen. Das legt sich wie ein Schatten auf uns. Doch diese Welt ist im Begriff, sich zu verändern.  Die Spuren der Vergänglichkeit und des Todes entdecken wir auch auf dem Bild. Sie liegen um die Gräber verstreut auf dem Boden in der Gestalt von Knochen.    Die Gläubigen mit den Heiligenscheinen links und rechts vom Auferstandenen  treten schon in dieser Zeit als Zeugen der großen und heilsamen Veränderung auf, die jetzt geschieht.  Links sehen wir zwei Könige, wahrscheinlich David und  Salomo, sowie den Täufer Johannes. Der weist hin auf Christus, als ob er sagen würde: „Schaut her. Da ist der Herr, der vom Tod errettet. Er kommt, um uns ins Leben zu führen.“ In den drei Menschen auf der anderen Seite vermute ich die Apostel und Propheten, die staunend wahrnehmen, dass nun eintrifft, was sie einst verkündigt haben: Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium“ (2.Timotheus 1,10) Die Ikone ist ein bildgewordenes Evangelium. Es erschließt uns uns neue Perspektiven der Hoffnung. Mögen dieses Bild mit seiner Botschaft uns begleiten auf dem Weg durch die Krise, in der wir uns befinden. Die Ikone  zeigt uns was auf uns zukommt: das Leben in seiner Fülle. An welchem Ort entdecken wir uns wieder?


Wenden wir uns jetzt der anderen Ikone zu. Sie führt uns in die biblische Wirklichkeit des Ostermorgens und erzählt uns eine vertraute biblische Geschichte. Es ist die Begegnung von Maria aus Magdala mit Jesus am Ostermorgen. Wir können sie beim Evangelisten Johannes nachlesen (Kapitel 20,11-18) Maria hat sich auf den Weg zum Grab gemacht, um den Leichnam ihres geliebten Herrn zu betrauern. Doch sie findet ihn nicht. Jetzt ist sie noch einsamer. Bitterlich weint sie deshalb. Zweimal wird sie in unserer Geschichte „gestört“. Beim erstmal sind es zwei Engel, die sie fragen: Warum weinst du?“ Die Antwort ist schnell gegeben .“Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben!“ beklagt sich Maria und lässt offen, wen sie damit gemeint  hat. Es war ihr sicher nicht bewusst, dass es Engel waren, die mit ihr gesprochen haben, himmlische Boten also, die sie auf eine Begegnung vorbereiten sollten. Zu sehr ist sie mit ihrem Schmerz um den Verlust beschäftig. Da hört sie erneut eine Stimme. „Frau, warum weinst du? Wen suchst du?“  Diesmal muss sie sich umdrehen. Hinter ihr steht ein Mann. Und wieder erkennt sie ihn nicht. Schuld daran ist nicht nur der Tränenschleier, der sich auf ihre Augen gelegt hat. Es ist die alte Welt, die sie fest im Griff hat. Die Welt mit ihren Gesetzen der Vergänglichkeit. Wer rechnet denn damit, dass jemand von den Toten aufersteht? So etwas geht über ihre und ebenso über unsere Vorstellungskraft. Auch die Jünger haben den Auferstandenen deshalb zuerst nicht erkannt. Es ist Jesus, der den Schleier hebt, den verstellten Blick frei macht für die neue, die österliche Wirklichkeit, die sich ihren Weg bahnt zu uns Menschen. Auch bei den Jüngern wird das so sein: eine vertraute Geste, der freundliche Ton der Stimme - und der Schleier fällt. „Brannte nicht unser Herz…“ werden die Emmausjünger im Rückblick sagen. „Warum haben wir ihn denn nicht erkannt?“ Die Antwort kann nur der Auferstandene selbst geben. Es liegt wohl daran, dass die Auferstehung eine neue Wirklichkeit mit sich bringt. Jesus ist derselbe und er ist es nicht. Er ist der, der den Tod überwunden hat.  Aber so weit ist Maria noch lange nicht, dass sie das erkennt. Im Augenblick aber nimmt die Trauer den Blick der  Maria gefangen. Deshalb hält sie den Mann vor ihr für den Gärtner. „Hast du meinen Herrn weggetragen?“ will sie von ihm wissen. „Wenn ja, sag mir, wo er liegt, damit ich ihn holen kann!“  Erst als sie ihren Namen hört, gehen ihr die Augen auf. „Maria!“ Da erkennt sie ihn. Es ist der vertraute Klang seiner Stimme, der ihr den Blick frei macht. Diesen Moment hat die Ikone eingefangen. An diesem Moment des Erkennens lässt sie uns teilhaben Maria, deren Gesicht noch naß von Tränen ist, fällt auf die Knie. Sie möchte ihren Herrn umarmen. Die Hand mit den Wundmalen, die wir sehen, weist sie zurück. „Rühre mich nicht an!“ Was für eine Wort in dieser Zeit. 

Wir hören es heute anders als vielleicht beim letzten Osterfest. Wir sind „gebrannte“ Kinder. Wir leben in einer Zeit, in der Nähe durch den heimtückischen Virus Krankheit und Tod bringen kann. Deshalb wird uns immer wieder gesagt: „Halten Sie Abstand voneinander!“ Wenn Jesus zu Maria sagt, dass sie ihn nicht anrühren solle, meint er etwas anderes. „Halt Maria! Klammer dich nicht fest an dem, was vergangen ist.“ Ob Jesus ihr das sagen will?  Vielleicht ahnen wir die Antwort, wenn wir das Bild näher anschauen, wenn wir in das Grab schauen. Es ist nämlich ganz und gar nicht leer. Da sehen wir im Grab einen in Tücher gewickelten Körper. Ob das der Leichnam Jesu ist? Wie passt das dann mit der Botschaft vom leeren Grab zusammen? Vielleicht will uns das Bild auf etwas aufmerksam machen. Das Leiden, der Tod sind zwar überwunden, aber durch die Auferstehung nicht rückgängig gemacht. Die Zeit des irdischen Jesus ist ein für allemal vorbei. Die Auferstehung ist kein Happy End einer schönen Geschichte, die im Himmel fortgesetzt wird. Der in Tüchern gehüllte Leib im Hintergrund erinnert uns an die Herrschaft des Todes, auch in unserer Zeit. Der in Tücher gewickelte Leib, das ist mag der Jesus „nach dem Fleisch“. Der irdische Jesus, der menschliche. Paulus sagt von ihm, dass es unerheblich ist, ob wir ihn gekannt haben. Wichtig ist der Glaube an Christus, der den Tod überwunden hat. Es ist der andere Jesus, der uns entgegen kommt im Osterfest. Es ist der Jesus, der Wundmal an seinem Leib trägt. Es ist der Jesus, der unsere Schuld ans Kreuz getragen und unsere Not ausgestanden hat. Vor Maria steht der andere Jesus, nicht der, den sie einst „nach dem Fleisch“ gekannt hat, sondern der Christus, der Auferstandene. Er hat uns den Weg aus dieser alten in ein neues, anderes Leben eröffnet. Dieses neue Leben strahlt bereits in die alte vergängliche Welt hinein. Vielleicht   überwiegt deshalb auf den Ikonen der Goldton. Er überstrahlt die Welt mit ihren Gräbern, Bäumen, Pflanzen und Menschen und lässt sie uns in einem neuen Licht erscheinen. Es ist das Licht, des neuen Himmels und der neuen Erde, der neuen Schöpfung, die jetzt im Anbruch ist. Davon erzählt auch die Osterkerze in unserer Kirche. Sie erinnert uns mit ihrem Licht daran, was uns tröstet, wenn uns das Leben in der alten Welt schwer fällt. Maria soll den Jüngern erzählen, was sie erlebt hat. Sie soll erzählen, was jetzt geschieht: dass der Herr auferstanden ist und seine Herrschaft antreten wird. Diese Botschaft hören wir an diesem Osterfest und auch wir sollen sie weitergeben. „Rühre mich nicht an!“ Sagt der Auferstandene. Schau nicht ins Grab, lass dich nicht einfangen von dem, was vergänglich ist. Schau nach vorn. Schau ins Leben. Schau auf Christus. Maria kann dieses Wort annehmen. Sie weiß, es wird die Zeit kommen, in der Berührung wieder möglich wird. Es ist die Zeit, in der Gott selbst ihre Tränen abwischen wird. Diese Zeit ist im Anbruch. Das feiern wir vor allem in diesen Tagen. Das darf uns berühren. Das macht uns froh. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 12.4.2020



Versöhnung. Predigt über 2.Korinther 5,19 - 21 am  Karfreitag

Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.  (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Drei Wochen Ausgangsbeschränkung liegen bereits hinter uns! Und das noch bei schönem Wetter! Wenn das keine Konflikte unter den Menschen gibt! Viele denken so. Sie haben nicht unrecht. Vor allem, wenn die Familie groß und der Wohnraum klein ist, den sie sich teilen muss, wenn man sich nicht aus dem Weg gehen kann, wenn man einander „auf der Pelle hockt“. Nicht jeder hat schließlich einen Garten oder einen anderen Zufluchtsort, der ihn aufnimmt, ein eigenes Zimmer oder einen Hobbykeller. Oft dauert es nicht lange, bis es unter den Mitbewohnern so richtig kracht. Viele machen sich Sorgen deshalb. So ein Streit kann eskalieren. Je nach Temperament können Wortgefechte in Handgreiflichkeiten übergehen. Wenn die Fetzen fliegen, gibt es blaue Flecken, blutige Nasen und verletzte Seelen. Und es kann lange dauern, bis die Wunden heilen - vor allem die Wunden, die man der Seele zugefügt hat. Ob dann noch Versöhnung möglich ist? Versöhnung bedeutet ja, dass die Beziehung wieder in Ordnung kommt, die durch einen Konflikt in die Brüche gegangen ist.  Kann ich einem Menschen jemals wieder so ungezwungen und vertrauensvoll wie vorher gegenübertreten, der mir weh getan, der mich angeschrieen, beleidigt oder sogar geschlagen hat? „Lasst euch versöhnen!“ Wie mag so ein Aufruf bei Menschen ankommen, die sich gerade heftig streiten? Vielleicht sind sie so sehr damit beschäftigt, dass ihnen gar nicht auffällt, dass Paulus unseren Blick nach oben lenkt. Er sagt, dass wir uns mit Gott versöhnen sollen. Befinden wir uns also mit Gott im Streit? Ist das unser aktueller Status - befinden wir uns in einem schwerwiegenden Konflikt mit Gott? Und sind unsere eigenen Streitereien am Ende gar Auswüchse dieses einen großen Konflikts? Ist die Versöhnung untereinander erst dann wirklich möglich, wenn wir mit Gott versöhnt sind, wenn dieser Konflikt bereinigt ist?

Bleiben wir zunächst noch beim Menschen. Was bedeutet eigentlich Versöhnung unter Menschen. Wenn man dem Duden folgt, versöhne ich mich, wenn ich Frieden schließe mit meinem Kontrahenten. „Versöhnen" ist ein Verb, grammatikalisch korrekt gesagt ein schwaches Verb. Es beschreibt eine Tätigkeit - und ich behaupte: sich zu versöhnen ist eine äußerst anstrengende Angelegenheit und manchmal wohl fast unmöglich. Was mich überrascht hat, ist die Herkunft dieses Wortes. Es stammt aus dem mittelhochdeutschen Wort „versuenen“. Das wiederum hat mit Sühne zu tun. Sühne  leisten steht für Wiedergutmachung. Es setzt eine Tat voraus.  Wer sich versöhnen will, muss aktiv werden. Einer, der schuldig geworden ist, muss seine Schuld zugeben und einen Ausgleich anbieten. Das ist die Voraussetzung, dass seine Tat gesühnt wird. Es ist also nicht mit einem halbherzigen „Sorry“ getan, wenn ich mich versöhnen will, wenn ich wirklich die Hand reichen möchte. Damit ich glaubwürdig bin, muss ich meine eigene Schuld anerkennen und ich muss einen Weg finden, sie zu bereinigen, ich muss zum anderen, dem ich weh getan habe, einen Zugang finden, einen Weg zu seinem Herz. Und der andere muss mir diesen Zugang gewähren. Es gehören also zwei zur Sühne: der, der sie leistet und der, der die Leistung entgegennimmt.

Wir leben in einer konfliktreichen Zeit, in der es an allen Orten und Enden der Welt knistert und kracht, in der Beziehungen in die Brüche gehen, wir leben in keiner unversehrten Welt. Vor allem eine Beziehung hat im Lauf der Menschheitsgeschichte einen schwerwiegenden Schaden genommen - unsere Beziehung zu Gott. Viele zweifeln an seiner Existenz. Wenn es denn einen Gott gibt, wie kann er so viel Leid zulassen? Ein tiefes Misstrauen zu Gott steht hinter dieser Frage und offenbart den Bruch zwischen Gott und den Menschen, den Vertrauensbruch. Die Bibel beschreibt diesen Bruch mit der Geschichte des Sündenfalls. Adam und Eva, die Menschen, essen von der verbotenen Frucht. Sie merken, dass sie nackt sind und verstecken sich vor Gott. Sie fallen aus der Geborgenheit, in der sie bis dahin gelebt haben. Allein, dass sie sich vor Gott verstecken, dass sie sich ihrer Nacktheit schämen, ist ein Zeichen dafür, dass sie Gott nicht mehr vertrauen. Sie werden des Paradieses verwiesen. Ein Engel bewacht fortan den  Zugang. Das zeigt den tiefen Bruch zwischen Gott und dem Menschen.

Vielleicht ahnen wir jetzt, welche großartige, weltumfassende Aussage in diesem Satz ausgesprochen wird: „Gott versöhnte die Welt mit  ihm selbst.“ Die Welt - da sind wir, die Nachkommen Adams und Evas, die Menschen. Welt - in diesen vier Buchstaben finden wir uns wieder mit allem, was uns ausmacht. Wir Menschen in unserem Zuhause, mit unseren Launen und Eifersüchteleien, mit unserem Misstrauen, mit der Sehnsucht und mit der Enttäuschung, mit dem Frust und mit der Freude und der großen Ungeduld und dem geringen Durchhaltevermögen, wenn es darum geht, friedlich miteinander auszukommen, wenigstens eine Zeitlang.  Die Bibel nennt die Menschen Sünder. Sie schaffen es nicht, gut zu sein. Es mag  vielleicht für eine Weile gelingen, aber nicht dauerhaft. Der Moment, an dem wir an unsere Grenzen stoßen, kommt schneller als uns lieb ist. Jedenfalls bei uns „Durchschnittsmenschen“ ist das so. Es mag einige wenige geben, die anders sind. Den meisten gelingt es nicht. Deswegen hat Gott die Sache mit der Versöhnung selbst in die Hand genommen. Er ist selbst Mensch geworden. „Gott war in Christus“ schreibt Paulus. „Er versöhnte die Welt mit ihm selbst.“  Er wird Mensch, um uns die Brücke zu bauen, über die wir gehen können, die uns in die Versöhnung führt. Der Weg heißt Liebe. Durch Liebe können die Wunden heilen, kann aus Misstrauen wieder Vertrauen werden. Liebe und Leiden schließen einander nicht aus. Das zeigt der Leidensweg Jesu, der ein Weg der Liebe ist. Gott ist den Weg der Versöhnung in Jesus Christus gegangen, damit wir zum Frieden finden. 

Lasst euch versöhnen mit Gott, schreibt uns Paulus. Jesus hat uns gezeigt, wie Gottes Versöhnung seinen Weg zu uns findet, wie sie in unseren Herzen ankommt. „Friede sei mit euch“,  sagt der Auferstandene den zu Tode erschrockenen Jüngern. Dieser Satz öffnet den Weg in die Versöhnung. Er lässt die Angst und das Misstrauen so durchlässig werden wie die verschlossenen Türen, durch die der Auferstandene zu den Jüngern kommt. „Friede sei mit dir“ - das ist das Passwort für ein versöhntes Leben. Diesen Frieden hat Christus uns durch seinen Weg ans Kreuz ermöglicht. Am Kreuz bleibt alle Schuld, alles Versagen, alle Verletzungen und alle Bitterkeit haften, am Kreuz wurde ausgestanden, was uns trennt von Gott. Am Kreuz wurde der Streit ausgefochten, wurde der Tod erlitten und seine Endgültigkeit überwunden. 

Lasst euch versöhnen mit Gott! Lassen wir uns auf diesen Ruf ein. Es ist kein Befehl. Es ist eine Einladung. Lassen wir uns ein auf Jesus Christus, durch den die Versöhnung mit Gott möglich geworden ist - und auch die Versöhnung mit uns selbst. Das Kreuz ist ein Zeichen dafür, dass es Gott ernst ist mit uns. Es soll nichts mehr stehen zwischen uns und der Liebe Gottes. Lassen wir den Frieden ankommen, der uns durch den Auferstandenen zugesprochen wird, lassen wir seine Liebe ankommen,  die in Christus anschaulich wird. Es ist die Liebe, die Schuld überwindet und Frieden stiftet und Leben schenkt an Orten, an denen der Tod seine Herrschaft ausübt. Eine Liebe, die sich durchsetzen wird. Auf Karfreitag folgt Ostern. Wir liegen nicht mehr im Streit mit Gott. Aus Misstrauen folgt Versöhnung. Lassen wir Gottes Liebe bei uns ankommen und  in uns wirksam werden. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 10.4.2020



Ein Recht auf Verschwendung? Predigt über Markus 14,3-9 am Palmsonntag in Altenstein und Hafenpreppach (9.4.2017)


Mit dem Palmsonntag beginnt die heilige Woche. Heute denken wir vor allem an den Einzug Jesu in Jerusalem. Wie ein Sieger wird er dort vom Volk begrüßt. Die Leute winken mit Palmzweigen. Daher der Name des Sonntags. Die Schriftgelehrten nehmen Anstoß an diesen Sympathiekundgebungen. Auch die Priester sind verärgert und besorgt. Ob Pilatus die Unruhe im Volk wahrnimmt? Wie wird er sich verhalten? Bald wird sich das Blatt wenden, die Stimmung wird kippen, die öffentliche Meinung wird sich gegen Jesus wenden. Aber darüber wollen wir heute nicht nachdenken. Heute interessiert uns eine andere Geschichte. Sie führt uns hinaus aus der heiligen Stadt, an einen Ort, der etwa drei Kilometer südöstlich von Jerusalem liegt. Unser Ziel ist Bethanien. Die Geschichte, über die wir heute nachdenken, führt uns ins Haus Simons mit einem wenig schmeichelhaften Beinamen: der Aussätzige. Obwohl er der Gastgeber war, spielt auch er nur eine Nebenrolle in unserer Geschichte, gerade einmal, dass er erwähnt wird. Es geht heute vielmehr um die Tat einer Frau. Und es geht darum, wie höchst unterschiedlich die Männer in der Geschichte diese Tat bewerten - die Jünger und Jesus. Hören wir also auf die Geschichte von der Salbung Jesu in Bethanien. Sie ist aufgeschrieben beim Evangelisten Markus im 14. Kapitel:


Und als er (Jesus) in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat. 

(Lutherbibel 2017 herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft)


Jesus, der Gastgeber Simon und die Jünger waren gerade zu Tisch beim Abendessen. Wenn sie der Sitte ihrer römischen Herrscher folgten, dann wurde halb liegend gegessen. Dabei wurde diskutiert, zu fortgeschrittener Stunde und nach etlichen Bechern Wein glitt die Unterhaltung gerne mal in den nicht jugendfreien Bereich ab. Dann wurden Witze erzählt, derbe Zoten gerissen und es wurde gelacht. Aber dazu ist es in unserer Geschichte nicht gekommen. Die Tischgesellschaft wird gesprengt von einer Frau. Ihr Name wird uns von Markus nicht verraten, nur, dass sie  bei den Männern wegen ihres Verhaltens in Ungnade fällt. Ich stelle mir vor, wie sie alle aufschauen, als sie den Raum betritt.  Überrascht. Verärgert. Neugierig. Was will die den hier? Wie kann sie es wagen, so einfach hereinzuplatzen? Was sie wohl vorhat? Ist sie eine Bittstellerin? Bringt sie ein Geschenk? Ein Alabastergefäß hat sie bei sich.  Die Frau geht zu Jesus, öffnet rasch das Gefäß und gießt mit einem Mal den Inhalt auf das Haupt des Gastes, auf Jesus. Ein Skandal! Nicht, weil das Öl nun über den Kopf und das Gesicht läuft, auf auf die Kleidung tropft und Spuren auf den Polstern hinterlässt.  


„Verschwendung!“ schimpfen die Männer. Das Öl war sehr teuer. Dreihundert Silbergroschen soll der Inhalt der Flasche wert gewesen sein. Dafür muss ein Tagelöhner ein ganzes Jahr arbeiten. Wahrscheinlich handelt es sich um Öl aus indischer Narde. Importware also und deshalb teuer. Gut verschlossen bot sich dieses Öl als Kapitalanlage an. Und selbst, wenn man es nicht weiterverkauft sondern gebraucht, dann nimmt man davon nur ein paar Tropfen oder verdünnt es mit Wasser, kurz: Nardenöl verwendet man sparsam. Was für eine Vergeudung also, dass die Frau es restlos über Jesus ausgegossen hat. „Man hätte es verkaufen und das Geld für Arme verwenden können“, erbosten sich die Jünger. Ach ja! Wie Recht sich doch haben! Die Armen nicht vergessen, Gutes tun, sich einsetzen dafür, dass die Welt etwas erträglicher wird, dass die Lebensqualität benachteiligter Menschen gehoben wird - wer würde es wagen, diesem sozialen Argument zu widersprechen? Niemand, außer Jesus vielleicht. Der nimmt die Frau in Schutz. „Arme habt ihr allezeit bei euch. Für die könnt ihr jeden Tag sorgen. Mich aber habt ihr nicht mehr lange bei euch!“ 


Durch diese Worte fällt der Schatten einer bösen Vorahnung auf die Geschichte. Will Jesus sich von den Jüngern trennen? Die Sorge wird verstärkt und die Stimmung endgültig verdorben, als Jesus sagt: „Die Frau hat etwas Gutes getan. Sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis!“ Einen Toten mit Salben einzureiben war ein letzter Akt der Liebe, der Wertschätzung und des Abschieds. So wurde der Tote für das Begräbnis und für die Ewigkeit zugerüstet. Am dritten Tag nach seiner Hinrichtung werden sich die Frauen in aller Herrgottsfrühe auf den Weg zum Grab machen, um den Leichnam Jesu zu salben. Dafür war ja am Karfreitag wegen des anbrechenden Sabbats keine Zeit mehr. Ihr Herz wird dann voll Trauer sein. „Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür“, werden sich die Frauen dragen. Und wie werden die Jünger staunen, wenn dieselben Frauen später zu ihnen gerannt kommen,  atemlos, wenn  mit der Fassung ringen und von der Begegnung mit dem Engel am leeren Grab erzählen. Aber heute, an diesem Abend, ärgern sich die Jünger. Sie ärgern sich über diese andere Frau, über ihre Verschwendung, über ihre Anmaßung. Und vielleicht nehmen sie auch Anstoß daran, wie Jesus diese Handlung deutet: als vorweggenommenes Begräbnisritual. Und dann auch noch das: ein Beispiel sollen sie sich an dieser Frau nehmen. „Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat…“ sagt Jesus. Da steht eine Frage im Raum. Warum handelt sie vorbildlich? Hat die Frau geahnt hat, was Jesus bevorsteht? Hat sie in Jesus einen besonderen, einen außergewöhnlichen, einen von Gott erwählten Menschen gesehen und dies durch die Salbung zum Ausdruck gebracht? So sagen es manche Ausleger.


 Ich möchte eine andere Deutung wagen. Ich will vom Recht auf Verschwendung und  auf Vergeudung der Liebe wegen sprechen. Not macht erfinderisch, sagen wir. Aber Liebe macht verschwenderisch. Es gibt Situationen und Umstände, in denen  wir verschwenderisch sein sollen oder sogar müssen. Herzensangelegenheiten gehören dazu. Daran erinnert uns die Handlung der Frau. Sie gießt unerhört teures Öl über Jesus aus. Nicht nur ein paar Tropfen. Sondern den ganzen Inhalt. So bringt sie ihre Liebe, ihre Verehrung, ihre Wertschätzung zum Ausdruck. Sie zeigt, welche Bedeutung Jesus für sie hat. Er ist es ihr wert, dass sie das ganze Öl für ihn vergeudet, dass sie nichts davon zurück hält, für andere Gelegenheiten. So sehr liebt sie und verehrt sie ihn. Ob die Jünger das Geld wirklich so sinnvoll angelegt hätten, wie sie sagten, wissen wir nicht. Die Liebe rechtfertigt es, dass man etwas Ungeheures, etwas Verschwenderisches tun darf. Das fällt mir heute ein, wenn ich die Szene vor mir sehe. Sie sagt mir: man darf einem Menschen etwas schenken, um ihm zu zeigen, wie sehr man ihn liebt. Und man soll sich das nicht für später aufheben. „Später“ kann zu spät sein. Dem Menschen, der einen besonderen Platz in meinem  Herzens einnimmt, darf ich, soll ich, muss ich zeigen, wieviel er mir wert ist, wie sehr er mir am Herzen liegt. Ich darf und ich soll es tun. Einfach so. Er oder sie soll es hören und vor allem auch spüren: du bist mir unendlich viel wert. Das gehört zum Leben und zum Lieben dazu. Man darf das tun, weil Gott es schließlich auch getan hat. Er hat uns etwas unendlich kostbares geschenkt, er hat das Leben seines Sohnes hingegeben, er hat es am Kreuz vergeudet, um uns zu retten, damit wir einen Halt und eine Hoffnung haben, wenn andere den Halt verlieren und die Hoffnung aufgeben, wenn die Schatten des Todes auf uns fallen, wenn wir leiden und sterben. 


Wie kostbar dieses Leben doch ist, das in Jesus erschienen ist: unendlich viel mehr ist es wert als 300 Silbergroschen. Ein Leben, das dahin gegeben wird  - aus Liebe, aus reiner, unverfälschter Liebe zu den Menschen. Ob die Frau das geahnt hat? Wir werden nie erfahren, was sie  wirklich dazu gebracht hat, dieses Gefäß zu öffnen und über Jesus auszugießen. Nicht immer ist impulsives Handeln sinnvoll. In diesem Fall, so stelle ich mir das vor, war der Heilige Geist Gottes der Impulsgeber und hat es mit einem heilsamen Sinn erfüllt. Er hat sie angetrieben, er hat ihr Herz in Flammen gesetzt, ihr den Mut gemacht zu dieser unerhörten Handlung. Sie hat etwas getan, was wir eigentlich auch tun müssten, Tag für Tag: dem Herrn zu danken für den Weg, den er in der Karwoche angetreten hat. Ein Weg in das Leid, ein Weg ans Kreuz und zugleich auch ein Weg in das Leben. Wie können wir ihm das heute zeigen? Vielleicht, indem wir leben, wie er gelebt hat, indem wir lieben, wie er geliebt hat, indem wir uns ihm anvertrauen, so wie sich die Frau ihm schließlich mit ihrem Handeln anvertraut hat. Vielleicht soll uns diese Geschichte daran erinnern. Gerade heute, gerade in einer Zeit, in der Bilanzen, Kostenschätzungen und Wertberechnungen den Stellenwert heiliger Schriften beanspruchen. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 5.4.2020



März 2020

Predigt zu den beiden Christusdarstellungen in unserer Altensteiner Kirche (Passionsandacht)

„Was für ein Anblick!“ Dieses wuchtige Sandsteinkreuz vorne beim Altar zieht die Blicke auf sich. Da ist der Gekreuzigte. Seine Arme sind weit ausgebreitet. Das Haupt neigt sich zur Seite. Ein Bild des Todes, des Leides, der Vergänglichkeit. Überwältigend, übermächtig groß. Und doch tröstet mich diese Darstellung. Man muss sie näher betrachten. Man muss sich näher heranwagen. Dann entdeckt man das Tröstliche. Sanft neigt sich das Haupt des Gekreuzigten. Die Augen scheinen geschlossen, als ob eine sanfte Hand sie geschlossen hat, nach dem letzten Seufzer aus dem Mund des Sterbenden, nachdem er sein „Es ist vollbracht!“ geflüstert und sein Leben in die Hände des Vaters befohlen hat.   

 

Der Stamm und der Querbalken des Kreuzes gehen in eine Form über, die mich an ein Kleeblatt erinnert. Ist das ein zarter Hinweis auf die Dreifaltigkeit? Ein Hinweis darauf, dass hier kein Abbruch, sondern ein Übergang, ein Wandel vollzogen wird? Der große, der allmächtige, der ewige Gott macht sich klein, schwach, verletzbar? Kein fröhlicher Wechsel, wie er an Weihnachten besungen wird ist das: „Er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein!“ (EG 27,5) Sondern ein tragischer und zugleich heilsamer, wie er im 1. Petrusbrief beschrieben wird: „Er trug unsere Sünden selbst hinauf an seinem Leibe auf das Holz, dass wir, der Sünde gestorben, der Gerechtigkeit leben.“ (1.Petrus 2,24)   Die angedeutete Blüten - oder Kleeblattform mag auch ein Hinweis auf das Leben sein, das am Stamm des Kreuzes zu blühen beginnt, das neue, das österliche Leben, das Leben, in dem Gott die Tränen abwischen wird von unseren Augen. (Offenbarung 21,4)  

 

Es nimmt mich ein, dieses Bild und es fängt mich auf. Wie oft habe ich es schon betrachtet, von meinem Platz aus, vorne, auf der ersten Bank und manchmal auch, wenn ich an der Altarstufe stehe. Tiefer Frieden geht von diesem Gekreuzigten aus. Es ist der Friede, den ich mir selbst nicht geben kann, es ist der Friede, nach dem ich Sehnsucht habe - immer wieder, wohl mein Leben lang. Wie viele Menschen haben unter diesem Gekreuzigten gestanden? Immer wieder geht mir diese Frage durch den Kopf. Wie viele haben hier Trost gesucht und Frieden gefunden, unter den weit ausgebreiteten Armen?  Ja, Trost geht von diesem Kreuz aus. Ich sehe den, der die Welt überwunden hat und mit der Welt alles, was mir darin oft den Frieden raubt, was das Glauben und Hoffen schwer macht: die Angst, die Trauer, das Erschrecken über den Tod, die Tränen des Abschieds. „Vater, in deine Hände lege ich voll Vertrauen mein Leben, in deine Hände befehle ich meinen Geist!“ (Lukas 23,46) Das höre ich den Auferstandenen seufzen oder vielleicht auch nur flüstern. Wenn ich vor dem Altar stehe, fällt das Haupt zur Seite. Und es scheint, als ob es mir etwas zuflüstern möchte. „Schau hin…“ höre ich den Gekreuzigten sagen, „… das ist nicht das einzige Bildnis, das du hier von mir findest.“  

 

Tatsächlich. Mein Blick folgt der Richtung, in die mich das zur Seite geneigte Haupt weist. Und so begegne ich ihm wieder. Den anderen Christus.  Im Vergleich mit dem übergroßen Kreuz fällt er kaum auf. Er zeigt die andere Wirklichkeit, die österliche. Ich sehe die Statue des Auferstandenen, die über der Werksakristei steht. Die ist viel älter als das Kreuz im Altarraum. Das wurde zum Bau der Kirche 1909 erschaffen. Die Holzfigur hingegen ist eine Handschnitzerei aus dem 16. Jahrhundert. Sie ist aus der „alten" in die „neue Kirche“ mit umgezogen ist. Die alte Kirche gibt es nicht mehr. Sie wurde abgerissen. Der Auferstandene steht aber da und hebt die eine Hand zum Segen. Die andere ist geballt. Sie hielt einst eine Siegesfahne. Leider ist die verloren gegangen. Sie weist Christus aus als den, der den letzten Feind längst überwunden hat, den Tod. "Ich war tot“ sagt dieser Jesus. „Ich war tot und siehe ich lebe und ich habe die Schlüssel des Todes und der Hölle!“ (Offb.1,18)  In der Offenbarung finden wir dieses Wort aufgeschrieben. Wir hören es als Wochenspruch in der Osterwoche. Aufmerksam und mit erhobenem Haupt blickt mich dieser Jesus an. Einen Auftrag gibt er uns weiter. „Geht hin in alle Welt. Lehret alle Völker!“ (Mt.28,19) Es ist, als ob er am Ende des Gottesdienstes neben mir steht und die Menschen hinaus sendet, zurück in den Alltag. Dort sollen sie leben, was sie glauben. Dort sollen sie es den anderen sagen, Leid und Tod sind nicht das Letze, unsere Tränen werden trocknen, unser Mund wird voll Lachens sein, am Ende der Zeit. Das ist keine vage Hoffnung. Im Kreuz, im Sterben und Auferstehen Jesu ist sie begründet. Manchmal scheint das Leid, der Tod, die Trauer so wuchtig, so überdimensional, wie das Kreuz in unserer Kirche. So groß, dass der Auferstandene daneben gar nicht wahrgenommen wird.  Und dass selbst die Hoffnungszeichen am Kreuz übersehen werden. Aber sie sind da, die Zeichen des Lebens. Und er selbst steht neben uns - an den Sterbebetten, an den offenen und frisch zugeschütteten Gräbern und dort, wo Menschen leben und manchmal auch leiden. Es geht uns nur häufig so wie den Jüngern. Wir erkennen ihn nicht. Erst, als er sie angesprochen hat, gingen den Jüngern die Augen auf. Und wir? Lassen wir uns ansprechen? Seine Worte öffnen uns die Augen für das neue Leben, das uns in ihm begegnet. „Sei getrost!“ sagt er, „Was dich bedrückt, was dich ängstigt, was so überaus mächtig erscheint, das ist längst überstanden.“ Wie gut, dass wir immer wieder daran erinnert werden - nicht nur, wenn wir in dieses Haus kommen, um zu singen und zu beten, sondern auch zu anderen Zeiten und an anderen Orten, überall dort, wo wir unseren Glauben leben. Wann immer uns aber danach ist, dürfen wir hierherkommen, in unser Gotteshaus, an den Ort, wo unser Glaube ein Dach über den Kopf und unser Herz ein Zuhause hat. Wir dürfen hierherkommen, um unseren Glauben zu stärken, um den Trost zu finden, nach dem wir uns sehnen und den wir uns selbst nicht gegeben können. Was haben wir doch für Schätze in unserer Kirche. Vielleicht nicht von großem materiellen Wert und doch unbezahlbar. Sie erzählen von der Passion und von der Auferstehung Jesu. Sie erzählen vom Leben und von der Hoffnung die wir haben. Nicht nur in der Passionszeit, sondern das ganze Jahr über. Hören wir hin auf ihre Geschichte. Amen. 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein,31.3.2020 


Bleiben Sie Zuhause? Predigt über Hebräer 13,12 - 14 am Sonntag Judika 


„Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 


„Bleiben Sie Zuhause!“ Seit geraumer Zeit wird uns dieser Aufruf ans Herz gelegt. Daheim bleiben! Nur nicht ohne triftigen Grund die Wohnung verlassen! Nur nicht unter Menschen gehen! Und wenn es denn sein muss, dann Abstand einhalten, mindestens eineinhalb Meter, eher mehr als weniger. Sogar viele Nachrichtensender blenden in ihre Fernsehbilder links oder rechts oben diesen Merksatz ein. Das sieht dann so aus: „#Wir bleiben Zuhause!“ Es ist  ja auch vernünftig, in der gegenwärtigen Situation jedenfalls. Das Risiko einer Infektion durch das Corona Virus ist zur Zeit sehr groß. Da klingt es wie ein trotziger Widerspruch, wenn uns der Verfasser des Hebräerbriefs auffordert, hinauszugehen. Ist das ein Aufruf zum Ungehorsam? Sollen wir etwa ein Bußgeld riskieren und unsere Gesundheit aufs Spiel setzen und die unserer Mitmenschen? Gewiss ist das nicht gemeint. Es heißt ja schließlich: „Lasst uns zu ihm hinausgehen vor das Lager!“ Gemeint ist Jesus Christus.


Um das besser zu verstehen, müssen wir die Adressaten in den Blick bekommen, an die unser Brief ursprünglich gerichtet war. Viele Ausleger vermuten, dass wir dem Hebräerbrief einem hochgebildeten Christen-menschen jüdischer Abstammung zu verdanken haben. Er muss bestens vertraut mit den Schriften des Alten Testaments gewesen sein und geübt in ihrer Auslegung. Der Brief ist nicht an eine bestimmte Gemeinde gerichtet. Er gilt vielmehr den Christen, die nicht mehr so recht wissen, was sie noch glauben sollen. Viele von ihnen haben sich aus der Gemeinde zurückgezogen, vom Glauben abgewendet. Heute würden wir sagen: sie sind aus der Kirche ausgetreten. Rückzug ist auch eine Art von Hinausgehen. Doch das ist genauso wenig gemeint, wie das andere, die Wohnung ohne triftigen Grund zu verlassen. Gemeint ist ein Standortwechsel des Glaubens. Wir sind aufgefordert, darüber nachzudenken, wo wir im Glauben stehen und wo Christus wohl zu finden ist. Für den Verfasser unseres Briefs ist es klar. Nicht mehr im Lager, nicht mehr in der Stadt, nicht mehr im Tempel findet man Christus, findet man das wahre Leben. Sondern draußen. Vor dem Lager. Vor der Stadt. Bei Christus, dem Gekreuzigten. Wir hören also den Aufruf, unter das Kreuz zu treten. Und das bedeutet, das sichere Lager zu verlassen. 


Das Lager! Der  Begriff erinnert an Zeiten, in denen das Gottesvolk noch unterwegs war. Das Ziel war das Gelobte Land. Das Gottesvolk hat in Zelten gelebt. Das Lager - das darf man sich als Zeltstadt vorstellen. Auch Gott hatte man ein Zelt im Lager aufgebaut und zu einem Teil des Lagerlebens gemacht. Sein Zelt wurde Zelt der Begegnung genannt. Dort war Gott zu finden. Luther nannte es die „Stiftshütte“. Im Lager gab es feste Regeln. Im Lager gab es Sicherheit. Da war das Feuer, an dem man sich wärmen konnte. Das Lager wurde bewacht. Außerhalb des Lagers war der Aufenthalt gefährlich, vor allem in der  Nacht. Es gab wilde Tiere und es gab Menschen, die Böses im Sinn hatten, Räuberbanden und Sklavenhändler. Später hat man sich feste Städte gebaut, mit wehrhaften Mauern und sicheren Toren. Die haben das Lager ersetzt. Jerusalem, die hochgebaute Stadt, hat das Lager ersetzt und der Tempel die Stiftshütte. Die Regeln sind geblieben. Gott war ein Teil des Lebens in der Stadt, im Tempel war er zu finden, dort wurde geopfert, gebetet, dort spielt sich das Leben ab.


Die Christen, an die unser Schreiben zunächst gerichtet war, machten nun eine neue Erfahrung. Es war die Erfahrung, nicht mehr dazuzugehören. Da waren Anfeindungen, Misstrauen und Verfolgungen. Und da war der schleichende Zweifel, ob das den alles stimmt, was man gelehrt wurde. Anfeindungen und Zweifel kann  den standfestesten Christen erschüttern. So wird aus dem Aufruf, das Lager zu verlassen die Aufforderung, das alte Leben zu verlassen, alte Sicherheiten aufzugeben. „Lasst uns zu ihm hinausgehen! Lasst uns zu dem gehen, der aus dem Lager hinausgeworfen wurde und den man vor dem Lager getötet hat. Dort ist unser Platz. Dort gehören wir hin.“ Diesen Rat gibt der Verfasser des Hebräerbriefs den im Glauben müde gewordenen Christen.


„Lasst uns hinausgehen!“ Dort, wo die Christen hingehen sollen, ist es nicht schön. Es ist sogar eklig.  Dort riecht es nach Tod und Verwesung. In Jerusalem wurden vor der Stadt die Kadaverreste der Tiere verbrannt, die im Tempel geopfert wurden. Dorthin sollen sie gehen, an einen Ort, an dem man die Nase rümpft, an dem man an die Vergänglichkeit erinnert wird, an dem das Kreuz steht. Draußen, vor der Stadt ist es aufgerichtet worden. Dort hat man nicht nur die Kadaver der Opfertiere entsorgt. Dort hat man auch die Verurteilten ans Kreuz geschlagen, um sie einen langen und oft qualvollen Tod sterben zu lassen. So, wie ihr Herr ihn gestorben ist. Eigentlich sind diese wenigen Worte aus dem Hebräerbrief nur schwer zu ertragen. Wir hören sie heute, am Sonntag Judika. Das ist der zweite Sonntag, an dem wir Zuhause bleiben und nicht in die Kirche gehen sollen. Er führt uns recht nahe hin zum Höhepunkt oder sollte man sagen zum Tiefpunkt der Passion am Karfreitag.


Das Kreuz, draußen vor der Stadt, ist ein Zeichen des Heils geworden. Es wird zum Zeichen dafür, dass Gottes Herrschaft grenzenlos ist. Sie erreicht auch die Orte und Stätten, an denen des Grauen herrscht und die wir meiden. Dorthin ist Jesus gegangen, um das Volk zu heiligen, lesen wir im Brief an die Hebräer.  Heiligen bedeutet, etwas in den Besitz Gottes zu übergeben, es Gott zu weihen. An einem trostlosen Ort wird die Heiligung vollzogen, geschieht die Übergabe an den Gott des Lebens, geschieht der Besitzwechsel aus der Macht des Todes an die Macht des Lebens. Das Kreuz wird zum Zeichen dieser Herrschaft Gottes über Leid und Tod. Und bis heute trägt es Hoffnung an die Orte der Hoffnungslosigkeit, des Todes, der Verzweiflung. Unser christlicher Glaube kann der Hoffnungslosigkeit etwas entgegen setzen. Es ist die Botschaft vom Kreuz, an der wir uns festhalten, damit uns die Verzweiflung nicht wegfegt. Die Botschaft lautet: dort ist Gott zu finden, dort, wo die Not am größten ist - auf den Intensivstationen, in den Leichenhallen mit den aufgebahrten Särgen, an den Kranken - und  an den Sterbebetten. Es gibt keinen Ort, an dem Gott nicht zu finden ist.


Heute hören wir den Aufruf, dass wir hinaus gehen sollen vor das Lager. Und noch etwas hören wir: dass wir mit Christus die Schmach tragen sollen! Um das zu verstehen, müssen wir darauf schauen, wie Christus behandelt wurde und wie er gestorben ist - als Versager, ausgelacht, gequält und ohne Hoffnung. Alles, was beim Menschen Eindruck hinterlässt, hat man ihm genommen. Nichts ist ihm geblieben. Nichts als der Schrei am Kreuz, der Ruf nach Gott. Es ist diese Schmach der Sprachlosigkeit, die wir auf uns nehmen sollen. Es ist der Verzicht auf Argumente, auf schöne Worte und Erklärungen, auf alles, was Menschen beeindrucken könnte. Nichts bleibt uns. Nur das Kreuz und was es uns sagt: dass Gott uns in dieser Sprachlosigkeit und Verzweiflung nicht allein lässt, dass Gottes Herrschaftsbereich nicht am Grab endet. Nichts haben wir mehr, wenn wir schwach sind, nichts als unser Vertrauen auf Gottes Nähe. Keine Sicherheit bleibt uns, nur die Liebe, nur unser Gebet, nur unsere Hoffnung, nur unser Kreuz, an dem wir uns festhalten. Wenn uns das bewusst wird, dann haben wir das Lager verlassen.


Lasst uns hinausgehen und seine Schmach tragen, seine Hilflosigkeit, seine Schwäche, den Spott und die Schande! Wie können wir das tun, ohne darunter zu zerbrechen? Vielleicht, weil uns die Hoffnung einen Blick über das Grab hinaus werfen lässt? „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die Zukünftige suchen wir!“ Das wird uns gesagt, als Begründung angefügt, als Erklärung, warum wir hinausgehen und die Schmach tragen können. „Wir haben keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir!“ Da gibt es Hoffnung über den Tod hinaus! Mit diesen Worten und in dieser Hoffnung begleiten wir in der Regel unsere Toten auf ihrem letzten Weg von der Leichenhalle auf dem Friedhof zum Grab. Dieses Wort erinnert uns daran, dass das Lager, die Stadt, in der wir unser Leben verbringen, eben keinen Schutz bieten und der Aufenthalt dort schon gar nicht von Dauer ist. Am Ende leben wir immer noch unstet, wie vor langer Zeit unsere Väter und Mütter. Wir  leben in Zelten. Doch wir haben etwas, das uns Mut macht. Es ist die Hoffnung auf die zukünftige Stadt, die ewige Stadt, in der Gott die Tränen von unseren Augen abwischen und in der kein Leid und keine Wehklage mehr sein wird. Wir verlassen das Lager, aber mit einem guten Ziel vor Augen. Die große Herausforderung - auch ohne Corona - Virus - besteht wohl darin, in dieser Spannung zu leben, sie zu ertragen, dieses Wissen, dass es keine Sicherheit gibt, dass unser Leben endlich und verletzlich ist. Wir können damit umgehen, wenn wir auf das Zeichen schauen, das vor allem an den Orten des Todes vom wahren Leben erzählt und von der Hoffnung, die wir bei aller Verletzbarkeit haben. Wir haben das Kreuz, das Zeichen, das Mut macht an den Orten, die nach Tod riechen, die Hoffnung nicht fahren zu lassen. Es ist ein Wegweiser, das Kreuz. Es weist uns den Weg, den wir gehen sollen, wenn wir das Lager verlassen. Es weist uns den Weg in das Leben, das uns von dem geschenkt wird, der am Kreuz den Tod überwunden hat. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, 29.3.2020, Altenstein



(K)ein Grund zur Freude in dieser Zeit? Predigt über Jesaja 66,10 -14 am Sonntag Lätare 


Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden. Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart


Das haben wir alle wohl schon einmal miterlebt: ein kleines Kind schreit sich die Seele aus dem Leib, weil es Hunger hat. Endlich kommt die Mutter und beugt sich über das Bettchen. Behutsam nimmt sie ihr Baby in die Arme und legt es an ihre Brust. Sofort wird es still. Es saugt behaglich und schmatzt und fühlt sich wohl dabei. Der Schmerz, der Hunger, was auch immer die Tränen hervor gebracht hat, ist vergessen. Die Mutter wiegt es  nach dem Stillen eine Weile, streicht dem Kind liebevoll über den Rücken und summt ein Lied dabei. So schläft es zufrieden ein, das Köpfchen ruht in der Halsbeuge der Mutter. Die Welt ist wieder in Ordnung. 


Mutter und Kind. Ein Bild der Geborgenheit. Menschen aus aller Herren Länder, aus allen Kulturkreisen und Kontinenten kennen es, wärmt es das Herz. Ein intimes und inniges Bild der Verbundenheit sehen wir vor uns. Dieses Bild nimmt der Prophet Jesaja hinein in seinen Zuspruch an das Volk von Jerusalem. „Freuet euch!“ ruft er aus. „Seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt!“ Das Leben, nachdem ihr hungert, ist zu ihr zurückgekehrt. Es blüht wieder auf in der Stadt, die so viel hat erleiden müssen, die die Erinnerung an Bilder der Zerstörung und des Leidens im Herzen bewahrt hat. Diese Zeit ist vorbei. Das Leben ist zurück. Die Krise ist überwunden. 


Wie ich die Menschen beneide um diesen Zuspruch. Wie sehr ich mich nach einem ähnlichen guten Wort sehne! Und gewiss nicht nur ich, wohl auch noch viele andere, sicher auch Sie. Wie hat sich unser Leben doch in den letzten Tagen verändert. Ein kleines Virus hat unser Leben auf den Kopf gestellt, die Wirtschaft lahm gelegt, tausende von Menschen befallen, mancher trägt es vielleicht sogar in sich, ohne es noch zu wissen. Man kann es nicht riechen, man kann es nicht sehen, fühlen oder schmecken - und es ist doch da und verfügt schon über unser Leben. Das macht vielen Angst. Wie gut würde jetzt ein Zeichen der Zuwendung tun - eine Umarmung, die mir zeigt, dass ich nicht allein bin oder ein ermutigender Händedruck. Wie gut würde Nähe tun, wie sie das Kind an der Brust der Mutter empfindet. Doch genau das alles müssen wir bleiben lassen. Aus Liebe zum Nächsten sollen wir auf Nähe verzichten, aus Freundschaft und Verantwortung heraus zum Freund und zur Freundin auf Distanz gehen - was für eine paradoxe Situation, in der wir dieses Wort aus dem Alten Testament hören. Da sehnt man sich nach dem Trost, den man in den Armen der Mutter einmal gefunden hat. Gibt es eine innigere Nähe als die einer stillenden Mutter zu ihrem Kind?


Dieses Bild wird uns vor Augen gestellt, verbunden mit dem Aufruf zur Freude. „Freut euch mit Jerusalem!“ Worüber sollen sich die Israeliten eigentlich freuen? Vielleicht ahnen wir es, wenn wir auf die Worte des Propheten hören: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen und euer Gebein soll grünen wir Gras…“ 


Gott will uns trösten! Er tröstet, wie eine Mutter tröstet! Ich denke bei diesen Worten daran, wie mich meine eigene Mutter getröstet hat, als ich noch klein war. Ich denke daran, wie sie mich in die Arme genommen und an sich gedrückt hat, wie sie mir zärtlich übers Haar gestrichen und dabei Koseworte ins Ohr geflüstert hat. Da bin ich zur Ruhe gekommen, da sind meine Kummer und meine Tränen schnell versiegt. Trost spenden hat eine persönliche Note, ist immer mit Zuneigung verbunden und hilft besonders, wenn es von einer körperlichen Geste begleitet wird. Die Art der Zuwendung, hat sich geändert, als ich größer und älter und erwachsen wurde. Und doch war da eine Erinnerung, war das etwas, was von Anfang an da war - wenn wir uns umarmt haben, wenn wir uns nahe waren. Es war der Trost, es war die diese Erinnerung da, dieses Wissen um die innige Verbindung von den ersten Tagen meines Lebens an. Gott sagt: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Er tröstet, indem er sich den Menschen persönlich zuwendet und neues Leben schenkt. Wie gut, dass Gott dabei kein Virus fürchten muss.


Die Israeliten konnten sehen, welche Folgen die Zuwendung Gottes für sie hat. Sie haben erfahren, wie Leben aus diesem Trost entstanden ist, wie die erstorbene Stadt Jerusalem zu neuem Leben erwacht ist, wie die eingerissenen Mauern wieder hochgezogen und der zerstörte Tempel wieder aufgebaut wurde, wie das Leben zurück gekehrt ist, mit all den Festen und Feiern, den Gottesdiensten, die so lange nicht mehr gegeben hat. Freuet euch, hören wir heute Jesaja sagen, freut euch, weil Gott euch tröstet, weil das Leben zu euch zurückkehrt.


Als Christen glauben wir, dass Gott sich der ganzen Welt persönlich zugewandt hat, nahe gekommen ist, dass er Mensch geworden ist. Im Augenblick leiden wir unter dem Gegenteil von Nähe. In Augenblick kommt das Leben zum erliegen. Im Augenblick wird uns Nähe verboten. Da können wir nur die Augen aufheben, sehnsuchtsvoll, und mit dem Lieddichter Friedrich Spee aus dem Gesangbuch die Frage stellen: „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm tröst uns hier im Jammertal…“ (EG 7) Wir glauben, dass Gott die Frage nach dem Trost längst beantwortet hat. In Jesus Christus ist der lang ersehnte Trost Gottes zu den Menschen gekommen, persönlich und in einer unüberbietbaren Weise.  Der Menschensohn hat den Menschen Worte des Lebens zugesprochen und ihnen mit seiner Hinwendung manche Last von der Seele genommen, die sie beschwert und am Leben gehindert hat. Seinen Jüngern spricht er beim Abschied vor seiner Verhaftung einen Trost zu, an dem wir uns festhalten dürfen: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“ (Joh. 14,19) Diese Hoffnung auf Leben und auf Zukunft ahnen wir auch in den Worten des Propheten Jesaja. „Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen und euer Gebein soll grünen wir Gras…“


Freuet euch! Dieses Wort hören wir in einer schweren Zeit, in der wir mit Einschränkungen zu leben haben, wie viele von uns sie noch nie erlebt haben. „Ihr habt nun Traurigkeit. Aber euer Herz wird sich freuen und eure Freude soll niemand von euch nehmen!“ (Joh.16,22) Dieses Versprechen hat Jesus seinen Jüngern beim Abschied gegeben. Euer Herz wird sich freuen, weil nicht ein Virus, nicht die Isolation, nicht die Angst und schließlich auch nicht der Tod das letzte Wort und die letzte Macht über uns haben, sondern das Leben. Dieses Leben ist in Christus erschienen. An diesem Leben sollen wir teilhaben. „Lätare“ heißt dieser vierte Sonntag in der Passionszeit. „Freut euch!" Warum? Weil wir nicht dem Tod entgegen gehen. Wir gehen österlichen Zeiten entgegen. Diese Botschaft sagt mir heute das Wort aus dem Prophetenbuch. Möge es seine Wirkung entfalten. Möge die Hoffnung und nicht die Traurigkeit unseren Alltag prägen.  Möge uns diese Hoffnung durch die Zeit tragen, bis wir einander wieder in die Arme schließen können. Amen.


 

© Pfarrer Stefan Köttig, 22.3.2020, Altenstein






Wenn die Furchen krumm werden. Predigt am Sonntag Okuli 


Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart


Mit dieser harschen Abfuhr habe die drei Männer sicher nicht gerechnet. Im Gegenteil. Sie hatten etwas anderes erwartet: ein Zeichen der Freude  über die Absicht, Jesus nachzufolgen, vielleicht, ein herzliches Schulterklopfen, eine Umarmung als Willkommensgruß. Stattdessen hören sie Worte, die man auch als Zurückweisung verstehen könnte. Eines davon begleitet uns als Wochenspruch: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes!“ 


Ein starkes Wort wirft Jesus ihnen da an den Kopf.  Was ist da eigentlich passiert? Der Evangelist Lukas erzählt von drei Männern, die zu Jesus gekommen sind. Der erste sagte zu ihm: „Ich will dir folgen, wohin du gehst!“ Sicher hatte er schon viel von Jesus gehört, vielleicht war er auch  zum Augenzeugen eines Wunders geworden. Das hatte ihn wohl beeindruckt. An der Seite dieses Mannes, an der Seite Jesu, würde er gerne leben. Aber dann muss er sich diese Worte anhören: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege!“  Das Leben, das Jesus führt, ist unstet. Es ist ein Leben auf der Straße, schutzlos, angreifbar, obdachlos. Überleg dir gut, ob du das eintauschen willst gegen das sichere Heim, das warme Herdfeuer im Winter, die Geborgenheit in der Familie. Ob er sich’s dann nochmal überlegt hat, der Mann?


Ein anderer wird von Jesus selbst aufgefordert, mitzukommen. Er möchte das auch gerne tun, will zuvor aber seinen Vater beerdigen, der gestorben ist. Gehört das nicht zu den selbstverständlichen Pflichten eines Kindes? Dafür hätte doch wohl jeder Verständnis. Jeder, außer Jesus. Der sagt: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes.“ Noch so eine kalte Wort -  Dusche! Jesus nachzufolgen bedeutet nicht nur, die sichere Existenz gegen ein Wanderleben einzutauschen. Nachfolge heißt auch bereit zu sein, sofort aufzubrechen, alles hinter sich zu lassen. Die Welt, die Familie, die Freunde sind für ihn gestorben. „Lass die Toten ihre Toten begraben!“ Die Sache Jesu duldet keinen Aufschub. 


Ein Dritter schließlich möchte sich ebenfalls in die Schar der Jünger einreihen. Aber nicht sofort. Zuvor will er sich noch  von seiner Familie verabschieden. Der muss sich sagen lassen, dass er wohl nicht für dieses Leben in der Nachfolge taugt. Wie gesagt: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes!“


Wie genau ein Pflug zur Zeit Jesu ausgesehen hat, lässt sich nicht so genau sagen. Er war wohl noch bescheidener als der Pflug, aus dem letzten Jahrhundert, den man in Ebern anschauen kann, wenn man von der Eiswiese zum Marktplatz durch die Passage geht. Dort sind alte landwirtschaftliche Geräte ausgestellt. Die Arbeit mit so einem Pflug war sicher eine schweißtreibende und anstrengende Arbeit. Er wurde von Ochsen gezogen. Der Bauer musste darauf achten, dass die Furchen gerade bleiben und der Pflug nicht an einem Hindernis hängen bleibt. Wer mit dem Pflug arbeitet, muss also  nach vorne schauen, bei der Sache sein. Und so ist es auch mit der Nachfolge: man muss ganz dabei sein. 


Ehrlich gesagt erschreckt mich dieses Jesuswort. Sind wir nicht durch die Taufe ebenfalls in die Nachfolge gerufen? Müssen wir deshalb alles aufgeben? Darf es nichts anderes geben neben Jesus, keine Familie, keine anderen Kontakte, keine Beziehungen, kein Privatleben? Es überrascht mich nicht, dass viele, die Jesus nachfolgen wollten, nach so einer Ansage den Kopf eingezogen haben und enttäuscht nach Hause gegangen sind. 


Mich regt dieser absolute Anspruch heute an, einmal darüber nachzudenken, was mir wirklich wichtig ist in meinem Leben - und welche Rolle der Glaube darin spielt. Der christliche Glaube lebt aus der Beziehung zu Jesus Christus. Wie sieht meine Beziehung aus? Genügt es mir, ein bisschen fromm zu sein, reicht mir ein Wohlfühlglaube in der frommen Nische für die Sonn - und Feiertage? Welche Bedeutung hat der Glaube an Jesus für mein Leben im Alltag, für meine Entscheidungen, die ich treffe, für meinen Umgang mit den Mitmenschen? Lasse ich ihn Anteil haben an dem, was ich denke und fühle? Rechne ich fest mit ihm, wenn ich eine Entscheidung treffe. Vertraue ich ihm? Vertraue ich ihm mein Leben an und alles, was mir wichtig ist?


Lange habe ich selbst mit diesem absoluten Anspruch gehadert, den Jesus mit diesen Worten wohl an mich stellt. Und doch tut es mir gut zu wissen: es gibt auch nur einen, der diese radikalen Forderungen der Nachfolge an mich stellen darf.  Kein Vaterland, kein Volk, kein Vorgesetzter, keine Partei, auch kein Wortführer des Glaubens oder des öffentlichen Lebens, kein Bischof und keine Partei darf diesen absoluten Anspruch an mich und mein Leben stellen. Nur einer darf dies tun. Das ist  Gott, der in Jesus Christus selbst ein schwacher und angreifbarer Mensch geworden ist.  Wir hören diese Rufe in die Nachfolge in der Passionszeit, in der wir den Leidensweg Jesu bedenken. Jesus hat das Kreuz für mich das Kreuz getragen - und mit dem Kreuz auch meine Unzulänglichkeiten, meine Schwächen, mein Unvermögen und mein Erschrecken darüber, wie krumm die Furchen sind, die ich tagtäglich ziehe, wenn ich die Hand an den Pflug lege und dann halt doch immer wieder zurücksehe, wenn ich spüre, wie sehr ich doch an diese Welt gebunden bin und an alles, was zu dieser Welt gehört: Beruf, Freunde, Familie und vieles mehr.


Was mich am Ende geschickt macht für das Reich Gottes, was mich tauglich macht, sind nicht die Furchen, die ich selbst in meinem Leben gezogen habe. Es sind vielmehr die Furchen, die das Kreuz auf den Schultern des Gottessohnes hinterlassen hat, es sind die Furchen, die Christus mit seinem Leiden, seinem Sterben, seinen Sieg  für mich gezogen hat. Das ist es, was mich am Ende gerecht und geschickt und tauglich macht für Gottes Reich. Und darüber bin ich dann wieder von Herzen froh und dankbar. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, 15.3.2020


Frieden mit Gott. Predigt über Römer 5,1 - 5 am Sonntag Reminiszere zur Vorstellung der Konfirmanden 

Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus. Durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“  Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart


Als ich mich auf den Beruf des Pfarrers vorbereitet habe und es am Ende der „Lehrzeit“ im Vikariat um das Dienstzeugnis ging, wurde ich von meinem Vorgesetzten gefragt: „Was können sie gut! Mit welchen Gaben können Sie der Kirche dienen!“ Da war ich etwas überrumpelt und auch ein wenig in meiner Eitelkeit verletzt! Der Kirche dienen! Ein Diener wollte ich eigentlich nicht werden. Ein Diener hat zu gehorchen. Ich war enttäuscht. „Es geht also in der Kirche auch so zu, wie in den weltlichen Betrieben…“ dachte ich mir damals. „Du musst dich gut verkaufen können, um etwas zu erreichen, um vorwärts zu kommen!“ Das lernt man bereits in der Schule. Ich muss immer etwas leisten, etwas gut können, etwas vorweisen, damit ich ankomme, damit ich weiter komme. In der Schule zählen die guten Noten. In der Berufsausbildung, im Studium und dann auch, wenn man einen Job hat,  zählen Leistung und Erfolg. Du musst dich einbringen, sonst bleibst du auf der Strecke.


Wie wohl der Apostel Paulus so ein Bewerbung - oder Beurteilungs-gespräch geführt hätte? Wenn ich mich an seinen Worten aus dem Römerbrief orientiere, dann hätte er es wohl ganz anders begonnen. Er hätte nicht nach dem gefragt, was ich gut kann. Er hätte nicht zuerst auf meine Noten oder meine Beurteilungen geschaut. Er hätte mich wohl zuerst einmal auf das hingewiesen, was mir geschenkt wird - und zwar, noch bevor ich den Mund aufgemacht hätte, um mich gut darzustellen. Unser Predigtabschnitt jedenfalls beginnt mir dem Hinweis auf das, was schon längst geschehen ist. Wir sind gerecht geworden durch den Glauben, schreibt Paulus. Und deshalb können wir ganz entspannt sein. Wir müssen nicht etwas werden. Wir sind schon etwas. Wir sind Kinder Gottes. Seine Liebe und Anerkennung muss ich mir nicht erst verdienen. Und gut verkaufen muss ich mich schon gar nicht. Dass es genügt, so zu sein, wie ich bin, dafür hat Jesus Christus gesorgt. Der hat die Fehler, die Schattenseiten, die Makel, alles, was man nicht gerne in den Lebenslauf reinschreibt, überwunden. Er hat sie nicht vertuscht, die Fehler. Er hat sie auch nicht wegretuschiert, die Schattenseiten. Er hat sie nicht verharmlost, die Sünden. Er hat sie überwunden. Er hat für mich ausgebadet, was mich von Gott trennen könnte, was mich runterzieht. Das ist gemeint, wenn Paulus schreibt, dass wir gerecht geworden sind. An die Stelle von Angst tritt der Friede. „Wir haben Frieden mit Gott!“schreibt Paulus. Das ist unser Beziehungsstatus: wir leben in Frieden mit Gott. Mir schenkt diese Aussage Sicherheit, es stärkt mein Selbstbewusstsein, nimmt mir die Angst, ich könnte zu kurz kommen. Wer im Frieden mit Gott lebt, muss sich auch nicht mehr Gedanken machen, wie er bei den anderen gut dasteht. Der Friede mit Gott macht mutig. Gott macht uns mutig. Er ermutigt uns, den anderen zu sagen und zu zeigen, was wir glauben und was uns froh macht, was uns gelassen sein lässt. Da dürfen wir dann ruhig ins Schwärmen geraten.  „Wir rühmen uns der Hoffnung auf die zukünftige Herrlichkeit...!“ schreibt Paulus den Römern und spricht im selben Atemzug von dem, der der Grund für unsere Hoffnung ist: Jesus Christus, Gottes menschliche Seite.  Sagen wir also den anderen sagen, was uns froh macht. Froh macht uns, dass wir einer guten Zukunft entgegen gehen. Ich meine das Leben, das uns geschenkt wird. Es ist ein Leben in der Liebe Gottes, der uns die Anerkennung schenkt, die uns von anderen oft versagt wird. Deshalb können wir auch manches aushalten. 


Damit wir uns nicht täuschen - jetzt kommt keine Heile - Welt - Geschichte. Das Leben wird nicht einfacher, bloß weil man glaubt. Im Gegenteil. Die Lebensgeschichte von Paulus zeigt, wohin das führen kann, wenn man an einem Glauben festhält, der im Widerspruch steht zu allem, was in dieser Welt gilt - im Widerspruch zum Drängeln nach Vorne und zum ständigen Konkurrenzkampf. Die Welt mit ihren eigenen Gesetzten kann einen auch schon in die Enge treiben. Deshalb schreibt der Apostel von den Bedrängnissen, in die er geraten ist. Angriffe gegen ihn hat’s genug gegeben: Wortattacken und Mordanschläge, Peitschenhiebe und beissenden Spott. Und am Ende wartete die Todeszelle auf ihn. Trotzdem gilt sein Wort: „Wir haben Frieden mit Gott!“ Und dieser Frieden hat den Apostels sogar so weit gebracht, dass er sich sogar im Gefängnis noch freuen konnte. Er hat sich gefreut, dass der Glaube nicht totzukriegen ist, dass er weiterhin verkündigt wird, dass Menschen die gute Nachricht weitergegeben wird: wir haben Frieden mit Gott.


Wenn wir im Frieden mit Gott leben, darauf vertrauen, dass er uns liebt, so, wie wir sind, können wir auch die miese Seite dieser Welt ertragen. Wenn das Leben schwer fällt, wenn die Misserfolge uns niederdrücken, wenn uns die andern auslachen, dann müssen wir das nicht allein aushalten. Wir sind dann dem Herrn ganz nah, der das auch alles  ausgehalten hat. Wir denken an seinen Leidensweg. In den Wochen vor Ostern schauen wir besonders darauf. Wir hören die Passionsgeschichte. Sie erzählt von Jesus, der mit uns leidet und dabei ganz „auf unserer Wellenlänge“ ist. Wenn wir den Weg Jesu nachgehen, begegnen wir ihn, der uns nahe kommt, der das Leben mit uns teilt, der unser Schicksal mit uns teilt, unsere Angst und unsere Erfolglosigkeit. Jesus ist schwach und hilflos. Er ist alles andere als ein Siegertyp. Vielmehr erscheint er als der ewige Verlierer, der den Kürzeren zieht und am Kreuz einen langsamen Tod stirbt. Widerspreche ich mich jetzt? Gewiss nicht. Wir bleiben ja nicht beim Misserfolg, beim Tod Jesu stehen. Wir schauen darüber hinaus. Wir bekennen, er hat den Tod überwunden. Gott hat ihn aus dem Grab geholt, am dritten Tag. Jesus, das ist nicht nur der Gekreuzigte, es ist auch der, den verängstigten Jüngern erscheint und ihnen die Angst nimmt. „Ich bin bei euch, alle Tage!“ Das sagt der Auferstandene seinen Jüngern. Er sagt es auch zu uns. Es gilt, vor allem, wenn wir uns allein fühlen.


Gott schenkt mir etwas, sagt uns Paulus. Er legt mir etwas ins Herz.  „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist“ schreibt der Apostel. Diese Liebe macht mir Mut, am Glauben festzuhalten und ihn weiterzugeben, ihn mit anderen zu teilen. Dieses Geschenk Gottes macht mir Mut, die Menschen mit anderen Augen zu sehen, nicht nach dem zu bewerten, was sie können, nicht zu beurteilen, nicht zu verurteilen. Die Liebe macht mir Mut, im anderen vor allem den Mitmensch zu sehen, der wie ich nichts anderes will, als geliebt zu werden, anerkannt zu werden. Gott hilft mir, die Welt freundlicher, menschlicher zu machen. Mit der Liebe Gottes im Herzen sehe ich die Welt in einem neuen Licht und sicher auch mich selbst. Die Welt ist manchmal schwer zu ertragen, gewiss. Aber es ist nicht  nur eine „böse“ Welt, in der wir leben. Sondern es ist Gottes Welt. Und ich lebe in ihr. Ich mache nicht immer alles richtig. Aber ich vertraue darauf, dass Gott mir hilft, ein gutes Leben in dieser Welt zu führen und sie dadurch ein wenig besser zu machen. Das geschieht, wenn ich ein Leben führe, das sich nicht nur auf Leistung und Erfolg gründet, sondern auch auf Liebe und Menschlichkeit. Dazu macht Jesus mir Mut. Er ist ein wahrer Mensch geworden,  damit wir  wahre Menschen sein können. Wahre Menschen sind wir, wenn wir im Frieden mit uns und miteinander und mit Gott leben, wenn sich in unserem Denken nicht alles nur um gute Quoten, gute Noten, um Likes und Erfolg dreht, sondern vor allem um Anerkennung und Wertschätzung, um Liebe und Vertrauen. Das sind doch die Güter, die das Leben in dieser Welt schön machen. Daran glaube ich - und zu diesem Glauben und zu diesem Leben im Gottvertrauen möchte ich euch alle ermutigen. Amen. 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 8.3.2020


 Februar 2020

Dem Leidensweg nachgehen. Predigt über Lukas 18,31-43 am Sonntag Estomihi 


Jesus nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. Die Jünger aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.

Es geschah aber, als er in die Nähe von Jericho kam, da saß ein Blinder am Wege und bettelte. Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. Da verkündeten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorüber. Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott. (Lutherbibel 2917, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart:


Stellen Sie sich die folgenden Szene vor, morgens am Frühstückstisch. Sie sagt: „Du, es geht mir nicht gut!“  Er antwortet (ohne von seiner Zeitung aufzusehen): „Dann geh zum Arzt!“  Sie sagt: „Du hörst mir einfach nicht zu!“ Er antwortet: „Ich hab gehört, was du gesagt hast.  Du bist  krank.“ Sie sagt: „Nein, ich hab gesagt, es geht mir nicht gut.“  Und nach einer Weile sagt sie:  „Du, ich gehe.“  Er antwortet: „Vergiss nicht wieder den Schlüssel.“  Sie sagt: „Ich bin dann weg.“ Er antwortet: „Tschüß“.


Eine kurze Szene. Eigentlich eine Tragödie unter Menschen. Sie reden nicht miteinander. Sie tauschen nur Worte aus, reden aneinander vorbei. Um miteinander zu reden, braucht es mehr. Die Worte müssen einen weiten Weg zurücklegen vom Mund des einen in das Ohr und von dort in das Herz des anderen. Auf diesem Weg liegen oft viele Hindernisse, die den Zugang blockieren. Die Gleichgültigkeit zum Beispiel. Oder die Achtlosigkeit. Oder die Lieblosigkeit. Oder die Gewohnheit. Die Routine. Man hört, was der oder die andere sagt. Aber man hört nicht zu. Die Worte kommen an, die Botschaft bleibt auf der Strecke. Die Tragödie nimmt ihren Lauf.


Ob es solche tragischen Momente im Leben Jesu ebenfalls gegeben hat?  Augenblicke, in denen Jesus von den Menschen, die ihm am Nahe standen, einfach nicht verstanden wurde? Ich denke, dass es immer wieder solche Momente gegeben hat. Seine Worte haben die Jünger wohl gehört, aber nicht erreicht. Ich denke, dass Jesus darunter gelitten hat. Und dass das auch zum Leidensweg Jesu gehört hat. Es  waren ja nicht irgendwelche Menschen. Es waren seine Weggefährten, die engsten Freunde und Vertrauten! Und gerade die verstehen ihn nicht. „Wir wollen uns auf den Weg nach Jerusalem machen!“ sagt Jesus. Er will sie vorbereiten auf das, was ihn der Heiligen Stadt erwartet. „Dort soll alles geschehen, was die Propheten vom Menschensohn geschrieben haben“ sagt er. „Er soll den Heiden ausgeliefert werden. Man wird seinen Spott mit ihm treiben, ihn misshandeln,  foltern und töten. Aber am dritten Tag wird er auferstehen!“ Doch die Jünger reagieren nicht auf diese Andeutung der bevorstehenden Tragödie. Ob sie nur mit halbem Ohr hinhörten? Sie hörten, dass es nach Jerusalem gehen solle. Gewiss! Schließlich wird bald das Passahfest gefeiert. Da werden sie nicht die einzigen sein, die sich auf den Weg machen in die Heilige Stadt.  Mit drei unterschiedlichen Begriffen unterstreicht der Evangelist Lukas die Tragik in diesem Verhalten der Jünger. Er sagt: sie begriffen nichts, der Sinn der Rede war ihnen verborgen, sie verstanden nicht, was damit gesagt war. Sie merken nicht, dass Jesus von sich selbst spricht, von seinem Weg, von seinem Schicksal.


Jesus sagt: „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.“ Der Weg nach Jerusalem ist mühsam und unheimlich. In zahlreichen Serpentinen führt er die Wanderer durch unwegsames Bergland. Ich denke nicht an gesicherte, gut ausgebaute Straßen, viel mehr an schmale, steinige Pfade. Es ist, als ob dann bereits der Weg einen vorbereiten möchte auf das, was Jesus in Jerusalem erwartet: die Demütigungen,  die Todesangst und das schwere Sterben. Die Jünger ahnen nichts davon. Sie verstehen nicht, dass Jesus von sich und seinem Tod zu ihnen spricht. Vielleicht liegt das daran, weil das nicht in ihr Bild passt, dass sie von ihm haben. Für sie ist Jesus der Herr. Sie sehen die Zeichen und Wunder, die er vor den Augen der Menschen vollbringt und warten wohl insgeheim darauf, dass er endlich das letzte, große, von allen sehnsüchtig erwartete Wunder vollbringt. Vielleicht wird er es in Jerusalem tun - vielleicht wird er dort die Hände zum Himmel erheben und mit Gottes Hilfe die Wende herbeiführen - das Joch der Heiden von den Schultern des Gottesvolkes reißen, die Römer zum Teufel jagen und die Herrschaft Gottes auf Erden errichten. Mit den Worten Jesu von der Schande, vom Leiden und Sterben des Menschensohns können sie nichts anfangen. Das passt nicht in ihr Bild vom Retter der Welt! Jesus geht einen ganz anderen Weg: in die Erniedrigung, in den Tod. Er geht ihn, um die Menschen aus der Gewalt des Todes zu befreien. Das ist schwer zu verstehen. Bis heute. 


„Lasset uns mit Jesus ziehen!“ heißt es in einem Lied zur Passionszeit. Es fordert uns auf, sich diesem Jesus anzuschließen. Er ist seinen Weg im Gehorsam vor Gott gegangen. Der Gottessohn hat auf diesem Weg alles zurückgelassen, was uns Menschen beeindrucken könnte: machtvolle Auftritte, geschliffene Worte und geschliffene Schwerter. Das ist nicht nur für die Jünger eine Zumutung, sondern auch für uns moderne Menschen. Ist Schwäche und Misserfolg nicht gerade in unserer auf Leistung ausgerichteten Gesellschaft eine Todsünde? Möchten wir nicht auch glänzen vor den anderen, möchten wir nicht auch bewundert werden?


Jesus spricht zu den Jüngern von seinem Leidensweg, als sie in Jericho waren. Die Palmenstadt liegt auf dem Weg. Als Jesus in die Stadt kommt, ist alles auf den Beinen. Natürlich will jeder diesen Rabbi sehen, von dem sich soviel erzählt wird. Auch Bartimäus bekommt das mit. Er hört, wie die Menschen an ihm vorbeirennen. Sehen kann er sie nicht. Er ist blind. Als er erfährt, wer da durch die Straßen der Stadt zieht, beginnt er laut zu schreien: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner.“  Bartimäus, der Bettler aus der Gosse kann Jesus nicht sehen. Er nimmt ihn wahr. Er spürt, wer dieser Rabbi aus Nazareth ist. Als er den Menschensohn in seiner Nähe spürt, beginnt er, seine Not, seine Sehnsucht, seinen Jammer hinauszuschreien. „Herr, erbarme dich!“ schreit er.  Der Schrei verhallt nicht ungehört.  Der Menschensohn, der freiwillig in den Tod geht, der Schimpf und Schande auf sich nimmt, der geschwächt, verlacht und am Ende seiner Kräfte am Boden liegen wird, ist wirklich ein Herr, der sich erbarmt. Er bleibt stehen und ruft den Bettler zu sich: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ fragt er den Bettler. Und der antwortet: „Herr, dass ich sehen kann!“ Da spricht Jesus zu ihm: „Sei sehend, dein Glaube hat dir geholfen!“ Keine spektakuläre Handlung, keine übertriebenen Gesten, einfach nur ein Wort genügt: Sei sehend!  Bartimäus hat an diesem Tag ein Wunder erlebt. Ihm sind die Augen aufgegangen. Er hat wirklich wieder sehen können. Nicht nur den Himmel und die Erde und die Häuser und die Menschen. Er hat in dem, der vor ihm steht und mit ihm spricht, den Sohn Gottes erkannt - einer, der nach Jerusalem zieht, um für die Menschen etwas zu tun, was sonst niemand für sie tun kann: um für sie zu sterben, um ihnen so den Weg in das Leben der Auferstehung zu ebnen.


Von Blinden und Sehenden handelt das Evangelium und vielleicht auch von Hören und Verstehen. Es geht um die Jünger und um Bartimäus - und vielleicht auch um uns. Es geht jetzt nicht nur um das Augenlicht, das der Bettler aus Jericho wiederbekommen hat. Es dreht sich jetzt alles um das Begreifen, um Wahrnehmen und Nicht  Wahrnehmen — im Blick auf den Weg und die Person Jesu. Ich denke, die Jünger waren die wirklich Blinden und die Tauben. Sie waren geblendet von dem Bild, das sie sich von Jesus gemacht haben und vielleicht auch von Gott. Und deshalb waren sie auch taub für die Worte, die vom Leiden sprechen. Sie haben sie zwar gehört, aber nicht verstanden. Die Worte Jesu haben die Ohren, aber  nicht das Herz der Jünger erreicht.


Bei Bartimäus war das anders. Er spürt die Nähe Gottes und wird uns zum Vorbild für das, was wir Glauben nennen. Vielleicht muss man ganz unten sein, so wie er. Vielleicht muss man sich seiner leeren Hände und seiner ganzen Hilflosigkeit erst bewusst werden, vielleicht muss man das erst schmerzhaft erkennen, dass nichts anderes mehr hilft, um wie Bartimäus rufen zu können: erbarme dich. Vielleicht sind Menschen wie die Jünger deshalb blind und taub für Jesus, weil sie insgeheim noch ihren eigenen Kräften und Möglichkeiten etwas zutrauen und meinen, so restlos doch nicht auf die Barmherzigkeit eines anderen angewiesen zu sein?


Einstimmen sollen wir in den Ruf des Bartimäus. Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner. In der Sprache der       Evangelisten heißt das: Kyrie eleison. Denken wir daran, wenn wir in den Ruf des Bartimäus einstimmen, wenn wir im Gottesdienst Kyrie eleison singen und Herr, erbarme dich rufen? Wir wenden uns an den Herrn, der  nach Jerusalem gegangen ist. Wir wenden uns an den Herrn, den die eigenen Jünger nicht verstanden haben. Wir wenden uns an den Herrn, der uns hört, wenn wir nach ihm rufen. Ein Herr, der alles für uns getan hat, was wir zum Leben brauchen, zum ewigen Leben. Allerdings bleibt da immer wieder die Frage, ob wir das wirklich wollen – uns zu retten lassen? Retten lassen kann sich aber nur der, der sich selbst nicht mehr zu helfen weiß und der alles aus der Hand legt, um sich ganz und gar anzuvertrauen.


Bitten wir den Herrn heute um die Kraft und das Vertrauen, mit ihm zu gehen - auch wenn uns dieser Weg zunächst durch Schluchten der Angst und an Abgründen vorbei führt, die vielleicht noch gefährlicher sind, als die steilen Berge und die tiefen Täler auf dem Weg von Jericho nach Jerusalem. Bitten wir um das Wunder, Jesus wahrnehmen zu können, wie Bartimäus ihn wahrgenommen hat. Dann wird Jesus  einer, zu dem wir rufen können: Herr, erbarme dich. Und dann wird er uns zum Herrn, den wir auch verstehen können. Einer, der schwach und angreifbar geworden ist, damit wir in unserer Schwachheit nicht allein gelassen bleiben, einer, der uns hört und versteht, weil unser Rufen und Seufzen den Weg in sein Herz findet. Einer, der uns fragt: Was willst du, dass ich dir tun soll. Und dem wir antworten können: dass ich dich sehen und verstehen kann, vor allem in meiner Not. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 23.2.2020



Gott spricht mich an - Predigt zu Hesekiel 2,1-5.8-10,3,1-3) am Sonntag Sexagesimae


Und er (Gott) sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der HERR!« Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist. Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)



„Hast du heute schon die Losung gelesen!“ Richtig aufgeregt ist mein Freund. Ich kann das Leuchten in seinen Augen sehen. Begeistert höre ich ihn weiter sprechen: „Dieses Wort hat mir so gut getan. Ich sehe jetzt vieles klarer.“ Dann erzählt er mir von dem Problem, das ihn schon lange beschäftigt. Ich erfahre, wie er mit sich und Gott gerungen und um eine Antwort gebeten hat. Und dann hat er dieses Bibelwort als Tageslosung gelesen und auf einmal war ihm klar: „Gott hat zu mir gesprochen!“ Ich habe mich für ihn gefreut. Da war es auch nicht so wichtig, dass genau dieses Bibelwort aus dem Losungsbüchlein für mich an diesem Tag eben nur ein biblisches Wort unter vielen war. Ich glaube, das gehört wohl zu den Geheimnissen Gottes, zu den Erfahrungen, die wir immer wieder mit dem Bibelwort machen. Es ist das Geheimnis, wie ein geschriebenes Wort zum Leben erweckt wird, wie es zu sprechen beginnt. Ich denke, das geschieht, wenn Gottes heiliger Geist am Werk ist. Ich selbst habe diese Erfahrung auch schon gemacht. Und deshalb konnte ich mich mit dem Freund von Herzen über diese Erfahrung mit dem Gotteswort freuen.

Vielleicht hat der Prophet Hesekiel etwas Ähnliches erleben dürfen. Er beschreibt, wie Gottes Wort ihn berührt und  auf die Füße gestellt hat. Es hat ihn aus der Passivität herausgeholfen. Hesekiel - in manchen Bibeln steht auch Ezechiel - war ein Priester, der mit vielen seiner Landsleute als Geisel auf Befehl des babylonischen Herrschers Nebukadnezar von Jerusalem nach Babylon verschleppt wurde. Das war im Jahr 597 vor Christus. Zehn Jahre später wird Jerusalem von diesem König endgültig besiegt werden. Manche Forscher behaupten, Hesekiel bedeutet „Gott möge kräftig machen.“ Und vielleicht hat er das auch in seiner Berufung erfahren, dass Gott Kraft schenkt, Kraft und Mut, um in seinem Namen das Wort zu ergreifen. Da war er dann schon fünf Jahre in diesem fremden Land. Der Abschnitt mit unserem Predigwort stammt aus der Berufungsgeschichte, die in den ersten drei Kapiteln des Prophetenbuches nachzulesen ist. Gott spricht den Propheten darin direkt an. „Ich will mit dir reden!“ sagt er zu ihm. Gottes Geist fährt in den niedergeschlagenen Menschen und richtet ihn auf, schenkt ihm Kraft und Mut zu tun, was Gott von ihm verlangt. Er soll im Namen Gottes zu seinem Volk sprechen. Keine angenehmen Worte wird er ihnen ausrichten. „Ein Haus des Widerspruchs“ nennt Gott sein Volk. Widerspenstig ist es. Es hat harte Köpfe und verstockte Herzen. Das sind keine günstigen Voraussetzungen für eine gelingende Predigt.


Da bin ich wieder bei den Losungen und bei meinen Erfahrungen mit der Bibel. Da bin ich bei diesem zweiten Sonntag vor der Passionszeit. Ich nenne ihn den Wort Gottes - Sonntag. Auch, wenn das nicht sein „offizieller“ Name ist. Der lautet „Sexagesimae“ und bereitet uns auf die Passionszeit vor, in der wir den Leidensweg Jesu bedenken, den Leidensweg des menschgewordenen Gotteswortes. In Jesus Christus hat Gottes Wort Hand und Fuß bekommen. In ihm ist es Mensch geworden, durch ihn hat es die Menschen angesprochen, berührt, getröstet und ermahnt. Und auch diesem „fleischgewordenen“ Wort ist widersprochen worden. Am lautesten am Karfreitag. Im Evangelium und in der Epistel wird heute von der Wirkkraft des göttlichen Wortes gesprochen, das verkündet und aufgeschrieben wurde und das uns von Jesus Christus erzählt. Gottes Wort, schreibt der Apostel Paulus, ist wie ein zweischneidiges, durchdringendes Schwert, das zum Richter wird über Gedanken und Sinnen des Herzens. (Heb. 4,12) Im Evangelium wird beschrieben, wie Gottes Wort unter die Menschen verbreitet wird, ausgeworfen wie der Sämann den Samen auswirft, der auf unterschiedlichen Boden fällt. (Lk 8)  Die Geschichte des Propheten Hesekiel beschreibt, wie Gottes Wort in dem Propheten zum Leben erwacht und welche Wirkung es erzielt, was es mit ihm macht.


Der Prophet bekommt eine Schriftrolle. Er soll sie essen. Gottes Wort wird zur Seelenspeise. Wir leben nicht nur vom Brot allein, entgegnet Jesus dem Versucher. Wir leben von einem jeden Wort, dass aus Gottes Mund ausgeht (Mt.4,4)  Und so haben es wohl auch die Propheten erfahren. „Dein Wort ward meine Speise, sooft Ichs empfing …“ kann an anderer Stelle der Prophet Jeremia sagen. (Jeremia 15,16) Und der Beter des 119. Psalms bekennt: „Dein Wort ist meinem Mund süßer als Honig…“ (Psalm 119,103) Haben Sie schon einmal eine Scheibe Brot langsam und genüßlich gegessen, das Brot nicht heruntergeschlungen, sondern bewusst gekaut? Vielleicht haben Sie dann geschmeckt, wie es sich verwandelt, wie es süß  zu schmecken beginnt. Was für eine Erfahrung, was für ein Erlebnis für die Sinne! Deshalb haben wohl auch die Mönche des Mittelalters uns gelehrt, jedes biblische Wort ähnlich langsam und bedächtig in uns aufzunehmen. Nach dem Gebet und der Lektüre haben sie uns empfohlen, jedes einzelne Wort durchzukauen. Gottes Wort wird zum Brot des Lebens, zur Nahrung für die Seele.  „Du Menschenkind….“ sagt Gott deshalb dem Propheten,  „gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe…“  Darum geht es. Wir sollen unser Inneres mit Gottes Wort füllen, Gottes Wort soll zur Nahrung für die Seele werden, wie das Brot zur Speise wird für den Leib. Und wieder denke ich an die Erfahrung mit den Losungen, erinnere ich mich, wie das geschehen kann, dass Gott Wort, sein Trost, seine Ermahnung, sein Zuspruch lebendig wird, wie ich spüre, dass es mich erfüllt, mich meint, mich anspricht. Es ist dann kein Wort mehr, dass irgendwann einmal vor einigen tausend Jahren an irgend einen Menschen gerichtet wurde, sondern es wird zur Nahrung für meine Seele. Diese Wort - Gottes- Erfahrung kann ich mir allerdings nur schenken lassen, darum kann ich nur bitten, wie ich um das tägliche Brot im Vaterunser bete und darauf vertrauen, dass es mir geschenkt wird. Ich kann das nicht erzwingen, nicht herstellen. Ich kann mich aber darauf vorbereiten. Ich denke an die Schule Martin Luthers, an seine Auslegung des dritten Gebots im Kleinen Katechismus. „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir die Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern es heilig halten, gerne hören und lernen.“ Ich soll Gottes Wort also  wertschätzen, mich damit beschäftigen, es immer wieder lesen und warten, bis es mich anspricht.


„Süß wie Honig“ schmeckt dem Propheten dieses Wort, obwohl es keinen erbaulichen Inhalt hat. Die Rolle, die er essen soll, die Worte, die er in sich aufnehmen und an seine Volk weitergeben soll, sind Klage, Weh und Ach. Und doch sind es Worte des Lebens. Sie kommen von Gott. Es sind fürsorgliche Worte, auch, wenn sie bedrohlich klingen. Sie sollen das Volk, dessen Herz für Gott kalt geworden ist, daran erinnern, dass ein Prophet unter ihnen ist, dass Gott immer noch zu seinem Volk spricht, dass er den Kontakt zu seinem Volk nicht abgebrochen hat. Selbst, wenn es also bedrohliche, anklagende Worte sind, sind es doch Worte des Lebens. Sie kommen von der Quelle des Lebens. Sie kommen von dem fürsorglichen Gott, der kein Gefallen daran hat, dass der Sünder umkommt, sondern dass er sich bekehrt und lebt. (Hes.33,11).  „Gott möge kräftig machen“ - mit der Deutung des Propehtennamens könnte man die Wirkungen von Gottes Wort beschreiben. Gottes Wort möge zum Leben kräftig machen, es möge mein Inneres erfüllen und mich stärken, es möge mich auf die Füße stellen, damit ich meinen Auftrag erfülle. Für uns bedeutet das, auf Jesus Christus hinzuweisen, ihn als Gottes Lebenswort den Menschen nahezubringen. Es muss nicht immer ein Vergnügen sein, Gottes Wort zu verkünden. Der Prophet Hesekiel hat das am eigenen Leib erfahren. Weh und Ach und Klage hat er verkündet und Widerspruch geerntet.  Gott selbst hat den Misserfolg in Aussicht gestellt. „Sprich zu ihnen! Sie hören es oder sie lassen es. Doch sie sollen erfahren, dass ein Prophet unter ihnen ist.“ Hesekiel hat sich ansprechen und auf die Füße stellen lassen. Sein Auftrag hat ihn nicht immer mit Freude erfüllt und doch Leben gebracht, weil es Gott zu den Menschen gebracht hat. Vielleicht werden wir heute daran erinnert, dass Gottes Worte nicht immer schön, nicht immer erbaulich sein müssen. Es geht nicht darum, eine Wohlfühlatmosphäre zu erzeugen. Es geht um Wegweisung, es geht um das Leben. 


Hast du heute schon die Losung gelesen? Es geht um die Bereitschaft, sich auf das lebendige Wort Gottes einzulassen, damit zu rechnen, dass Gott mich auf die Füße stellen, dass er mein Inneres erfüllen möchte, es geht darum, sich auf das Gespräch mit Gott einzulassen, damit Gottes Wort in mir seine Wirkung entfalten und mich am Ende zum Leben führen kann. Lassen wir uns darauf ein. Gott will uns auf die Füße stellen. Gott gibt uns mit seinem Wort die Speise, die wir brauchen, dass wir leben können. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 16.2.2020



Wertschätzung. Predigt über Matthäus 20,1-16a am Sonntag Septuagesimae  (9.2.2020)


Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter anzuwerben für seinen Weinberg.  Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere auf dem Markt müßig stehen und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere stehen und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand angeworben. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg. Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. Da kamen, die um die elfte Stunde angeworben waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben. Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin? So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten      sein. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.)


„Ich glaube, ich sehe nicht recht!“ Empört starrt der Mann auf die Münze in seiner Hand. Das soll alles sein? Eine Münze für einen Tag schuften, vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang?! Eine Münze für die Knochenarbeit in den Weinbergen, unter der Gluthitze und beim heißen Südwind, der den Erntehelfern zu schaffen macht. Eine Münze. Das ist nicht gerecht! zischt er den Arbeitgeber an. Nicht unter diesen Bedingungen! Aber der hält seinem zornigen Blick stand. Im Gegenteil. Erstaunt ist er über die Enttäuschung, über den Ärger und den Protest.  Was regst du dich auf… antwortet er. Du bekommst den Lohn, der vereinbart ist. Einen Silbergroschen  für einen Tag Arbeit. Du hast keinen Grund, dich zu beschweren. 


Ja, möchte der Arbeiter antworten und gleich ein Aber an dieses Ja dranhängen. Ja, das war vereinbart. Aber warum gibst du den anderen genauso viel wie uns? Zornig deutet er jetzt auf die Arbeiterkollegen, die etwas verlegen herumstehen und ihren Lohn schnell in Sicherheit bringen. Es stimmt schon. Sie sind später dazu gekommen, die einen mittags, die andern erst kurz vor Feierabend. Erhalten haben sie alle den gleichen Lohn.   „Wir haben länger und härter gearbeitet als die dort“, erregt sich der Beschwerdeführer. „Wir müssten jetzt mehr bekommen. Sonst ist das nicht gerecht.“


Aber was heißt schon gerecht? Der Arbeitsmarkt im heiligen Land unterlag harten Gesetzen. Tagelöhner gab es genug. Frühmorgens wurde angeheuert. Mittags und nachmittags eher selten, eigentlich gar nicht. Wer nicht rechtzeitig da ist oder übrig geblieben ist, ging leer aus:  kein Arbeitslosengeld, nicht einmal Hartz IV, kein Geld, kein Essen. „Du hast keinen Grund, ärgerlich zu sein“ sagt der Winzer jetzt. „Willst du mir vorwerfen, dass ich großzügig bin? Nimm also, was dein ist und geh! Ich will aber diesem letzten dasselbe geben wie dir. Ich kann tun, was ich will, mit dem, was mir gehört? Ob sich der Mann mit dieser Antwort zufrieden gegeben hat? Hat er seine Ohnmacht gespürt, den Ärger runtergeschluckt? Ist er unzufrieden heimgegangen? Was soll man schon anderes machen? Der Winzer sitzt am längeren Hebel? Er hat die Macht und das Geld! Die Arbeiter müssen nehmen, was sie kriegen.


Ich bin sicher, die meisten von uns möchten sich jetzt auf der Seite dieser Arbeiter stellen, die sich beschwert haben. „Ich kann mit meinem Geld machen, was ich will“ – mit so einer Antwort würden wir uns wohl nicht zufrieden geben. Das ist irgendwie unanständig, oder? Soll es wirklich so zugehen im Reich Gottes? Kaum zu glauben – aber Jesus sagt, dass es mit dem Himmelreich ist wie mit dem Besitzer des Weinbergs, der hingeht, die Leute zu unterschiedlichen Zeiten anstellt und dann allen den gleichen Lohn zahlt!


Jesus erzählt die Geschichte von den Arbeitern im Weinberg seinen Jüngern. Die haben ihm kurz vorher eine wichtige Frage gestellt. „Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt; was wird uns dafür gegeben?“ Petrus ist da ganz direkt. Er will wissen, ob es sich gelohnt hat, die sichere Existenz einzutauschen für ein unstetes Wanderleben? (Mt. 19,27) Da antwortet Jesus. „Ja, es wird sich für euch lohnen. Im Reich Gottes werdet ihr auf zwölf Thronen sitzen und über die Stämme Israels richten.“ Der Lohn steht also noch aus. Deshalb will er ihnen eine Warnung nicht verschweigen. „Viele, die die Ersten sind, werden die Letzen und die Letzen werden die Ersten sein.“ Jesus erzählt ihnen das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg – vielleicht, damit sie besser verstehen können, was er meint.


Ich verstehe dieses Gleichnis heute als Mahnung und als Trost zugleich. Angesprochen sind diejenigen, die einmal „Bewohner“ des Gottesreiches sein sollen  – das sind die Apostel und ihre Nachfolger und gewiss auch wir. Es ist nicht so, dass wir besondere Ansprüche geltend machen können gegenüber dem Besitzer des Weinbergs – der doch kein anderer als Gott selbst ist. Im Reich Gottes gibt es keine Zwei – Klassen – Gesellschaft, die unterscheidet in solche, die von Anfang an dabei waren und deshalb Vorrechte haben und solche, die erst später dazu gekommen sind und deshalb mit dem zufrieden sein müssen, was noch übrig ist. Und es ist auch nicht so, dass wir unsere Vorstellungen von dem was gerecht und ungerecht ist einfach auf das Leben im  Gottesreich übertragen können. 


Alles in allem sind wir doch große Rechenkünstler im Alltag. Da stellen wir eine häufige Frage: Was bringt mir mein Einsatz? Lohnt sich die Mühe? Habe ich etwas davon? Diese persönlichen Gewinn – und Verlustrechnungen mögen uns in unserem Alltag bei der Besitzstandswahrung und Gewinnmaximierung helfen. Mit diesen Fragen gehen wir im Alltag an unsere Arbeit heran und beginnen, das scheinbar Wichtige von scheinbar Unwichtigem zu trennen, wir kalkulieren, ob sich die Mühe lohnt, das Engagement für eine Sache, der Einsatz.  Wichtig ist, dass ich nicht zu kurz komme. Wichtig ist, dass ich ernst genommen werde. Wichtig ist, dass meine Arbeit gewürdigt wird. Das lernen die Kinder schon in der Schule. Die Mühe muss sich lohnen.


Was siehst du so scheel drein? fragt der Besitzer des Weinbergs den verärgerten Arbeiter. Finster ist sein Blick, weil er meint, zu kurz gekommen zu sein. Finster blickt er, weil er den anderen den gleichen Lohn nicht gönnt. Finster blickt er drein, weil er sich zurück gesetzt fühlt gegenüber den anderen. Das kennen wir doch auch. So etwas gibt es bis heute im Weinberg des Herrn. Diese verärgerten Blicke, die verstimmte und gekränkte Seele, die sich schlecht behandelt fühlt. Warum gratuliert der Pfarrer dem einem zum Geburtstag persönlich und ich bekomme nur eine Karte? Geht der öfters in den Gottesdienst? Ist meine Arbeit weniger wert? Bin ich weniger wichtig?  Ich denke, hinter diesen Fragen verbirgt sich eine tiefe Angst und ebenso eine starke Sehnsucht: die Angst, am Ende durchzufallen, leer auszugehen, übrig zu bleiben und die Sehnsucht nach Anerkennung, nicht nur meiner Leistung, sondern meiner ganzen Person. Und an dieser Sehnsucht nagt wohl der Neid, dass es andere zu geben scheint, die besser dran sind, als ich, deren Mühen wahrgenommen werden, die gelobt werden, die immer vorne dran sind - und mich selbst an den Rand drängen. Wenn ich mir über diese Gefühle klar werde, kann das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg auch zum Trost werden. Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg sagt, womit wir in jedem Fall rechnen dürfen: mit einem aufmerksamen Gott, einen Gott, der mich wahrnimmt und wertschätzt, auch, wenn meine Leistung nach menschlichem Maßstab gering ist. Gott ist einer, der sich immer wieder auf den Weg macht und Ausschau hält nach denen, die glauben, dass sie zu kurz gekommen sind. Er stellt sie ein. Er gibt ihnen Lohn und Brot. Er gibt ihnen, was sie brauchen, damit sie leben können. 


Das Gleichnis sagt uns, womit wir rechnen dürfen: mit einer aufmerksamen und verschwenderischen Liebe Gottes. Gott handelt nach den Maßstäben der Liebe. Gott füllt mir die Hände, er stillt meine Sehnsucht und nimmt mir die Angst. Er macht sich auf den Weg zu mir, er übersieht mich gewiss nicht, er holt mich in seinen Weinberg, in sein Reich. Er handelt aus Liebe. Die reicht für alle, ohne Grenzen. Gott teilt das Leben aus. Die Geschichte von den Arbeitern im Weinberg will uns zu einer neuen Sicht des Lebens helfen und vielleicht auch zu einer anderen Art zu leben, zu handeln, zu denken und zu rechnen. Wir leben von der Güte, wir schöpfen sie aus dem großen Herzen Gottes. Es ist genug für alle da. Es braucht unter Christen keinen Futterneid.  Weil Gottes Herz groß genug ist. Alle haben darin einen Platz. Weil sich keiner seinen Platz erst erkämpfen und dann darüber wachen muss, können wir großzügig sein. Christen sollen sich einen Luxus leisten. Ich meine den Luxus eines großzügigen, weiten Herzens, das sich mit den anderen freuen kann, mit denen, die später dazu gekommen sind und ebenfalls ihren Platz finden im Herzen Gottes. Ich verliere nichts durch sie. Großzügig und gelassen können und sollen wir leben, weil wir  unsere Lebenskraft aus der Liebe schöpfen, die  Gott an uns austeilt. Vielleicht vergessen wir dann einmal das Rechnen und Kalkulieren und das Aufpassen darauf, ob einer mehr bekommt als ich selbst. Dann wären wir weitergekommen, einen gewaltigen Schritt, hin zum Reich Gottes, für das wir arbeiten und in dem wir unser Zuhause haben.  Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 9.2.2020



Von Schnittstellen und Gnadenorten. Predigt über Offenbarung 1,9-18 am Letzten Sonntag nach Epiphanias


Eine Schnittstelle ist der Teil eines Systems, welcher der Kommunikation dient - dem Austausch von Nachrichten. So habe ich das einmal gelesen.  Heute soll es um  eine besondere Art von Schnittstellen gehen, um geistliche Kontakt -  und Berührungspunkte gehen. Wie sehen wir, wie erleben und deuten wir die Welt? Sind wir Realisten? Sind wir Materialisten? Glauben wir nur an das, was sich beweisen lässt? Glauben wir nur Fakten, die sich einer hieb - und stichfesten Überprüfung unterziehen lassen? Ist alles andere nur Humbug, nur Irreal? Dann sind wir zu bedauern. Wir sehen nur einen Teil der Welt und halten diesen Teil für das Ganze. Unser Glaubensbekenntnis erinnert uns aber daran, dass es neben unser Welt, die wir sehen und in der wir leben, noch eine andere gibt, die uns meist verborgen ist. Wir glauben mit den Worten des Bekenntnisses von Nizäa - Konstantinopel an „Gott, den Vater, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt….“ Die Bibel erzählt uns von Menschen, die in Berührung mit der unsichtbaren Welt gekommen sind. In der Sprache der Frommen werden diese Schnittstellen oder Berührungspunkte Gnadenorte genannt. Das sind Orte, an denen die himmlische und sichtbare Welt füreinander durchlässig werden.


Da war zum Beispiel Jakob, der Schlawiner. Der hatte sich den Zorn seines Bruder Esau zugezogen und musste deshalb ins Ausland fliehen. In der Nacht unter freiem Himmel hatte er einen Traum. Oder war es eine Vision?  Er sieht den Himmel offen. Eine Treppe oder eine Leiter nimmt er wahr, die den Himmel mit der Erde verbindet. Boten erkennt er, die auf und absteigen, Engel nennen wir sie. Vom Himmel weht eine Stimme an sein Ohr. Da weiß er, dass sie von Gott kommt. Eine Zusage und einen Auftrag hört er und mit dem Klang dieser Stimme im Ohr erwacht er.  „Wie heilig ist diese Stätte“ ruft er aus. „Hier ist nichts anderes als Gottes Haus und hier ist die Pforte des Himmels.“ Dann errichtet er ein Steinmal, eine Stele, auf die er Öl gießt - ein Akt der Weihe. Beth El - Haus Gottes nennt er diesen Ort, der so eine Schnittstelle war, zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt. Das steinerne Denkmal sollte alle, die diese Stätte besuchen, auf die Besonderheit dieses Ortes hinweisen.


Im Sonntagsevangelium hören wir von den drei Jüngern, die mit Jesus auf einen Berg steigen. Berge waren schon immer besondere Orte, an denen man den Wohnsitz der Götter vermutet hat. Vielleicht, weil die wolkenverhangenen Gipfel besonders hoher Berge den Blicken der Menschen entzogen waren? Dort oben werden die Jünger Zeugen der Verklärung ihres Herrn. Was für ein poetischer Begriff. Er bezeichnet einen besonderen Vorgang. Auf Jesus legt sich der Glanz der göttlichen Herrlichkeit. Den Jünger wird die Gottheit Jesu offenbart, die sie vielleicht immer schon erahnt haben, wenn Jesus Tote ins Leben zurückruft, Besessene von ihren Dämonen befreit und in Vollmacht lehrt. Und doch - in dieser göttlichen Eindeutigkeit erleben sie ihn zunächst nur auf dem Berg. Nicht allen wird dieser Einblick geschenkt, allein dem engsten Freundeskreis wird das ermöglicht: Petrus, Jakobus und Johannes. Sie sehen Jesus in inniger Verbundenheit mit den Vätern ihres Glaubens, mit Mose und Elia sprechen. Sie hören die Stimme Gottes: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Den sollt ihr hören“ - und fallen überwältigt von Angst und Ehrfurcht zu Boden. Als sie die Augen wieder aufheben, ist der Glanz erloschen, der vertraute Jesus steht vor ihnen. „Fürchtet euch nicht“ Mit diesem Zuspruch holt er sie zurück in die Wirklichkeit. Die Jünger haben zwar keinen Altar und auch kein Steinmal errichtet. Aber Petrus wollte zumindest drei Hütten bauen.  Aber daraus wird nichts. Gnadenorte sind Schnittstellen, Berührungspunkte. Sie sind nicht zum dauerhaften Verbleib gedacht, sie dienen als Orte der Kommunikation, des Austausches: hier ergeht Zuspruch, Auftrag, Ermahnung. Was man hier erfährt, soll sich im Alltag bewähren, soll trösten und zum Glauben helfen. Vor allem dann, wenn der Glaube schwer fällt, wenn die Zweifel stark oder die Angst um das eigene Leben groß ist.


Heute hören wir in der Offenbarung, dass auch Straforte zur Gnadenstätten werden können. Johannes war auf Patmos, einer kleinen griechischen Insel, gewiss kein Urlaubsort und erst recht kein Paradies. Unwirtlich, heiß und eintönig. So stelle ich mir diesen Flecken Erde vor, an dem Johannes eine Vision hat. Gleich im ersten Kapitel erfahren wir von einer seltsamen und überwältigenden Begegnung, die der Seher dort hatte. Sie ist aufgeschrieben im Buch der Offenbarung im 1. Kapitel: 


Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea. Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle… (Luthertext 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft)


Es ist Jesus, den Johannes sieht. Wie den Jüngern auf dem Berg der Verklärung, so begegnet er dem Seher in seiner Göttlichkeit, beängstigend und beeindruckend zugleich. Eine im wahrsten Sinne umwerfende Begegnung. „Als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot…“  schreibt er. Es braucht den Zuspruch, die Aufrichtung, die Berührung, den Kontakt. „Fürchtet euch nicht“ sagt Jesus und rührt die Jünger an, die ebenfalls niederfallen.  „Fürchte dich nicht“ sagt der Auferstandene zu dem Seher und legt seine rechte Hand auf ihn. Was hier erlebt wird, soll den Menschen helfen, den Alltag vom Glauben her zu deuten, ihren Glauben zu leben, das tägliche Leben zu bewältigen, soll aufrichten, nicht umwerfen. 


Der Alltag dieser Frommen ist selbst nach dieser Berührung gewiss nicht einfacher geworden. Jakob musste etliche Jahre bei seinem Onkel Laban hart arbeiten. Die Jünger steigen vom Berg und müssen die Ohnmacht und Hilflosigkeit ihrer Weggefährten erleben. Sie erfahren, dass die anderen Jünger einem jungen, kranken Mann nicht helfen können. Später werden sie mit ansehen müssen, wie ihr Herr verraten und getötet wird und wieder können sie nichts tun. Zu groß ist die Angst, die Hilflosigkeit, das Unvermögen. Ein Menschenleben später fällt  Johannes um seines Glaubens willen beim Kaiser in Ungnade. Er musste wohl damit rechnen, dass er sein Leben auf dieser kleinen Insel beschließt. Jederzeit kann der Kaiser Soldaten mit dem Todesurteil schicken, ein Fieber kann ihn hinraffen, der Tod ist erfinderisch. 


Johannes soll aufschreiben, was er erfahren hat und es an die Gemeinden senden. Die unsichtbare Welt will sich mitteilen. Gott will sich mitteilen. Er will sich uns mitteilen. Deshalb gibt es sie auch heute noch, diese Berührungspunkte, diese heilvollen Begegnungen, die aus gewöhnlichen Orten Gnadenorte machen. Auch in unserem Alltag gibt es Momente, in denen sich der Vorhang ein wenig hebt und wir eine Ahnung von der anderen Seite der Wirklichkeit, von der unsichtbaren Welt, erleben dürfen, von der Macht und Gegenwart Gottes unter uns. Unsere Lieder geben ein Zeugnis davon ab. Vielleicht singen wir eines von ihnen deshalb besonders gerne. Es bringt zum Ausdruck, wonach wir uns sehnen, nach einer Berührung mit dem Göttlichen. Ich denke an das Lied von den Guten Mächten, die uns wunderbar bergen.  „Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet / so lass uns hören jenen vollen Klang / der Welt die unsichtbar sich um uns weitet / all deiner Kinder hohen Lobgesang“ konnte Dietrich Bonhoeffer in Zeiten höchster Bedrängnis und den Tod ahnend schreiben. Er wusste sich umgeben von den guten Mächten, die schon immer da waren, die schon zu Jakobs Zeiten vom Himmel auf die Erde gestiegen sind und die den Hirten auf dem Feld die Botschaft von der Geburt des Erlösers verkündet hatten. Bonhoeffers Worte trösten, ermutigen und stärken bis heute Menschen, vor allem in kritischen Lebenssituationen. So wie die Worte des Sehers Johannes seine Zeitgenossen getröstet, ermahnt, betroffen gemacht und im Glauben gestärkt haben.


Der Seher Johannes hat erfahren, dass auch Verbannungsorte zu Gnadenorten werden können. Und ich habe immer wieder erfahren, wie sich Orte der Trauer zu Stätten der Hoffnung wandeln. Sterbebetten zum Beispiel können zu Orten werden, an denen die Hoffnung auf das Leben und nicht die Angst vor dem Tod spürbar wird. Ich werde nie  die sterbende Frau vergessen, die ich als junger Pfarrer besucht habe. Schon vom Tod gezeichnet und vom Krebs zerfressen lag sie in ihrem Bett. Die ersten Worte, die sie zu mir gesprochen hatte, waren die Worte Bonhoeffers: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, / erwarten wir getrost, was kommen mag …“ Nein, unser Alltag ist nicht grau und eintönig. Er ist geheimnisvoll und hoffnungsvoll. Immer wieder erleben wir es, nicht nur im Angesicht des Todes, sondern auch in Zeiten besonderer Freude und an Tagen, an denen das Leben besonderes Glück für uns bereithält. Es gibt sie, diese Berührungspunkte zwischen Himmel und Erde. Diese Erfahrung ist manchmal überwältigend. Wir fallen dann zwar nicht zu Boden, wie die Jünger oder wie der Seher Johannes, aber vielleicht treten uns die Tränen in die Augen, spüren wir, wie der Friede Einzug hält in unsere Herzen, wie wir berührt werden von der Gegenwart Gottes. Vielleicht geschieht das, wenn uns ein Bibelwort anspricht, wenn es uns auf einmal betrifft, so als ob es für uns aufgeschrieben wäre, obwohl es schon mehrere tausend Jahre alt ist und uns dennoch den Himmel erschließt. 


Wie es wohl den Lesern der Sendschreiben ergangen ist?  Sie hörten ein besonderes Bekenntnis. Ein Wort, das die Angst vor dem Kaiser in Rom wohl gedämpft hat. Ein Wort, das ihn in die Schranken gewiesen hat. Was löst dieses Wort bei uns aus? Es wird uns in wenigen Wochen wieder begegnen - als Wochenspruch für das Osterfest. Mit diesem Wort rückt der Auferstandene die Realität zurecht, setzt er uns über die wahren Machtverhältnisse in Kenntnis: „Ich war tot und siehe, ich bin lebendig, von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle…“


Mit diesen Worten gehen wir nicht nur in die neue Woche. Wir bereiten uns vor auf einen neuen Abschnitt im Kirchenjahr. Das Weihnachtsfest liegt hinter uns. Die Christbäume sind entsorgt, der Alltag hat uns längst wieder eingeholt. Und doch begleitet uns etwas in unseren Sorgen, in den täglichen Ärger, wenn wir im Stau stehen, wenn die Stechuhren klingen, wenn wir hastig Einkäufe erledigen, ängstlich auf Prüfungen lernen oder von Schichtwechsel zu Schichtwechsel vor uns hinleben. Es ist der hohe Lobgesang der Engel, ihr Echo weht immer noch über die Erde, es ist der Glanz der Herrlichkeit Gottes, der auf dem neugeborenen Kind liegt, es ist die Freude des alten Simeon, der das Jesuskind mit seinen Eltern im Tempel sieht, es ist die Erfahrung der Frommen und Gottesfürchtigen, an denen wir teilhaben, von denen uns berichtet wird und es ist die Hoffnung, die unsere Väter und Mütter uns ins Herz gepflanzt haben, die Hoffnung, dass wir dazugehören, dass er, der zu dem Verbannten auf Patmos gesprochen hat, auch uns das Tor zum Leben aufschließen wird. Christus, der die Schlüssel des Todes und der Hölle hat, erschließt  uns den Weg in das Leben, das seinen Namen verdient. Wie es sein wird, dieses Leben, davon bekommen wir immer wieder eine Ahnung. Wir ahnen das Leben, wenn unser Herz leicht wird, wenn wir spüren, wie sich die Liebe in uns ihren Weg bahnt, wenn der Glaube leicht und die Hoffnung so stark wird in uns, dass selbst der Tod resigniert. Nicht immer, nicht jeden Tag erleben wir das. Das macht nichts. Wir haben die Gnadenorte, die uns davon erzählen, von dem, was gilt, die uns erinnern an die Momente, in denen sich Himmel und Erde berühren und in denen unser Leben sich wandelt. Vollenden wird es sich in der Ewigkeit. Amen.


 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein


Januar 2020


Grenzüberschreitungen - Predigt zum Wochenspruch Lukas 13,29 am 3. Sonntag nach Epiphanias anlässlicher zweier Taufen 

„Also neben die setz ich mich auf keinen Fall!“ Verärgert hat sie festgestellt, dass ihre erklärte „Lieblingsfeindin“ ausgerechnet ihren Stammplatz in der Kirche eingenommen hat.  „Das hat sie absichtlich gemacht“, denkt sie sich und muss sich jetzt für den Gottesdienst einen anderen Platz suchen. Es stehen genügend freie Bänke zur Auswahl, nur dieser eine halt nicht mehr. „Sie weiß doch, dass ich immer dort sitze…“ denkt sie sich, während sie missmutig die Bändchen für die Lieder im Gesangbuch einlegt, den Euro für die Kollekte hervorkramt und ebenso den Hustenbonbon, den sie vor Beginn der Predigt in den Mund schiebt. Was die alte Feindschaft ausgelöst hat, weiß sie nicht mehr so recht. Aber das stört sie jetzt auch nicht mehr. Eisige Ablehnung hat sich in ihr festgefressen und sie unerbittlich gemacht. Wenigstens im Blick auf diese eine Person. Die taugt nichts. Und ihr Vater hat auch schon nichts getaugt. Da lässt sie nicht mit sich verhandeln. Heute wird das Abendmahl gefeiert. Wenn sie sich jetzt neben ihre Feindin setzt, müsste sie ihr ja beim Friedensgruß die Hand geben. Das geht gar nicht.


Ob sie wohl aufmerkt, wenn sie den Wochenspruch für diesen Sonntag hören wird?  „Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes“ lesen wir beim Evangelisten Lukas. Das war als Mahnung für jene gedacht, die glaubten, dass nur sie ein Anrecht hätten auf einen Sitzplatz an Gottes Tafel, weil sie einem besonderen Volk angehörten. „Bildet euch bloß nichts darauf ein“, höre ich den Evangelisten sagen.  „An Gottes Tisch werden weitaus mehr Menschen Platz haben, als  ihr euch vorstellen könnt. Von allen Enden der Erde werden sie ins Reich Gottes strömen!“  Anschaulich wird das in der Weihnachtskrippe, die in diesen Tagen noch in vielen Gotteshäusern aufgebaut ist. Da knien einfache jüdische Hirten neben vornehmen heidnischen Sterndeutern. Sie werden eins in der Anbetung des Kindes. Die Unterschiede von Bildung, Herkunft , Glauben oder sozialen Status spielen da keine Rolle mehr. Sollte deshalb nicht die Zusage genügen, dass ein Platz an der Tafel Gottes für mich freigehalten wird? Wer sonst noch neben mir sitzt, kann mir herzlich egal sein. Vielleicht werden die anderen ja nicht weniger überrascht sein, mich dort anzutreffen, jemanden, mit dem sie an diesem Ort absolut nicht gerechnet haben? Wäre also der Gottesdienst in dieser Welt nicht ein „Übungsfeld“, um den Sprung über den eigenen Schatten zu wagen? 


Der Sonntag jedenfalls ermutigt dazu. Nicht nur durch den Wochenspruch. Auch das Evangelium, das wir gehört haben, schlägt in diese Kerbe. Es erzählt davon, wie einer über einen Schatten gesprungen ist, wie er  eine Grenze überschritten hat, die nach Meinung vieler Zeitgenossen wohl unüberwindlich galt. Wir haben gehört, wie ein heidnischer Hauptmann, eine stolzer Römer, ein Besatzer, sich in seiner Not an Jesus wendet, einen Juden, den Angehörigen eines unterworfenen Volkes. Wäre es nicht angemessener und standesgemäßer gewesen, wenn er den Wunderheiler einfach zu sich hätte holen lassen? Nein - der Hauptmann macht sich selbst auf den Weg. Es muss ihm schon viel an seinem Diener liegen, dass er diese Mühen auf sich nimmt. Als Jesus ihm antwortet, dass er zu ihm kommen werde, um den Knecht  gesund zu machen, geschieht etwas ungewöhnliches. „Herr, ich verdiene es nicht, dass du zu mir kommst!“ Das sagt der Hauptmann zu Jesus. „Du musst dir nicht die Mühe machen, zu mir zu kommen…“ Der Hauptmann sieht in Jesus einen Menschen auf Augenhöhe. „Ich denke, bei dir ist es so wie bei mir. Wenn ich einen Befehl gebe, weiß ich, dass meine Untergebenen ihn ausführen. Ein Wort von dir mag also genügen, dann wird mein Knecht gesund.“ Was für ein Vertrauensbeweis. Da staunt sogar Jesus. „So einen Glauben habe ich in ganz Israel nicht gefunden!“ sagt er zu den anderen, zu denen, die ihm nachfolgten, den Jüngern und Jüngerinnen. Vertrauen, Glaube und Liebe sind die Brücken, die wir beschreiten, um Gegensätze und Grenzen zu überwinden.


Heute feiern wir die Taufe von zwei Kindern in unserem Gottesdienst. Mit dem Taufwasser werden Grenzlinien ausgelöscht, die sich tief in unser Bewusstsein eingegraben haben und nicht nur dort, auch in unseren Herzen und in unserem Leben. Es mag ja sein, dass Grenzen an sich nicht schlecht sind. Grenzen sind auch dazu da, um Menschen zu schützen. Meistens aber engen Grenzen unser Leben ein, oft werden Menschen ausgegrenzt oder durch Grenzen eingesperrt. Wir selbst haben das ja in unserem Land lange erlebt, wie Familien durch eine Grenze auseinandergerissen und voneinander getrennt wurden. Als Adam und Eva von der Frucht im Paradies gegessen haben, haben sie sich selbst ausgegrenzt. Sie mussten den Garten Eden verlassen. Ein Engel hat seitdem die Pforte zum Paradies bewacht - bis sie sich wieder geöffnet hat. Diese Grenzöffnung haben wir an Weihnachten gefeiert.„Heut schließt er wieder auf die Tür, zum schönsten Paradeis, / der Cherub steht nicht mehr herfür, / Gott sei Lob Ehr und Preis…“ haben wir an fröhlich gesungen.   Die Grenzen, die durch Adam und Evas Schuld gezogen wurden, sind überwunden worden. Gott hat den Himmel verlassen. Er ist Mensch geworden, um unter uns zu sein, um uns nahe zu sein. Er selbst hat diese Grenze überwunden. Die Grenze zwischen Gott und Mensch, zwischen Himmel und Erde, die Grenze von Tod und Leben. Gottes Liebe überwindet die Grenzen, an die wir bis heute immer wieder stoßen, unter denen wir leiden. In der Taufe spricht Gott jeden persönlich mit Namen an. So wird die unendliche Distanz zwischen Gott und Mensch überwunden. Gott wendet sich dem Menschen zu. Er sagt: du sollst einen Platz haben - schon jetzt in meinem Herzen und dereinst an meinem Tisch in meinem Reich. Du sollst einer von denen sein, die zu mir kommen von Osten und Westen, von Norden und Süden. Das Tischkärtchen mit deinem Namen ist aufgestellt. Das gilt für jeden von uns. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mich freut dieser Gedanke. Was auch immer geschehen wird, welche Wege mich mein Leben auch führen wird, wohin es mich auch immer wieder einmal verschlagen wird, ich habe ein Ziel, einen Ort, an den ich hingehöre, wo fest mit mir gerechnet wird: das ist der Platz an der Tafel Gottes, das ist das Leben in der Nähe Gottes.


Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Sünden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes - was für ein Bild. Ermutigung und Mahnung zugleich. Ich stelle mir vor, wie von allen Seiten, aus allen Himmelsrichtungen die Menschen sich auf den Weg machen, hin zu Gott. Wie groß muss doch diese Tafel sein, damit alle dort ihren Platz finden. Was macht sie dafür würdig? Es ist die Liebe, die in Jesus Christus Gestalt angenommen hat. Sie macht uns himmelstauglich. Die Weihnachtsgeschichte erzählt von dieser Liebe. Sie hat ihren Weg zu uns gefunden. Gott hat uns Zeichen der Hoffnung gegeben hat, damit wir die alten Grenzen hinter uns lassen. Da war ein Stern, heller als die anderen am Himmel. Er hat die Menschen zur Krippe geführt. Hier leuchtet Gottes grenzüberschreitende Liebe auf. Hier können wir uns neu wahrnehmen als Kinder Gottes, als Schwestern und Brüder, als Teil einer großen Familie. Lassen wir uns in Bewegung setzen von der Liebe Gottes. Gehen wir unseren Weg zusammen mit den Menschen, die wie wir unterwegs sind, den Großen und den Kleinen. Wir haben ein gutes Ziel vor Augen. Das Ziel heißt: Familienzusammenführung. Gemeint ist die große Familie Gottes, die sich um den Tisch im Reich Gottes versammeln soll. Die Familie Gottes, in die wir durch die Taufe aufgenommen wurden. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 26.1.2020


Die Quadratur des Kreises? Predigt über Jeremia 14,1 - 9 am 2. Sonntag nach Epiphanias 


Dies ist das Wort, das der HERR zu Jeremia sagte über die große Dürre: Juda liegt jämmerlich da, seine Städte verschmachten. Sie sinken trauernd zu Boden, und Jerusalems Wehklage steigt empor. Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter. Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter. Selbst die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst.  Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst. Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!  (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Als Quadratur des Kreises bezeichnet man den Versuch, ein Problem zu lösen, das sich nicht lösen lässt. Daran habe ich gedacht, als ich die Worte des Propheten Jeremia gelesen habe, über die wir heute nachdenken sollen. Wie passt das zu einem Sonntag, der mit seiner Botschaft doch froh stimmen soll? Um es gleich zu bekennen: ich habe das Problem nicht gelöst. Aber vielleicht gehört das heute dazu, das wir diese Gegensätze heute hören und aushalten müssen. Wir hören im Evangelium von einer Hochzeit, an der Jesus als Gast teilgenommen hatte. Man kann mit viel Phantasie die Musik hören, zu der getanzt wird und das Gelächter der Gäste, die vom Wein froh gestimmt sind. Wir ahnen die Erleichterung des Gastgebers, als er mitbekommt, dass auf ein Wort Jesu hin die leeren Krüge wieder randvoll mit besten Wein gefüllt sind. Pure Lebensfreude kommt uns entgegen und wir ahnen, wie es im Reich Gottes sein wird - wie auf einer Hochzeit, nur dass kein Brautpaar, sondern Gott selbst der Gastgeber ist. Im Predigtwort wird das Kontrastprogramm geboten. Ein Bußprediger schildert die Bilder einer Katastrophe. Von einer großen Dürre ist die Rede. Die Städte verwandeln sich in trostlose Orte, an denen die Menschen verdursten, die Reichen ebenso wie die Armen. Die Großen, so heißt es, schicken ihre Diener mit Krügen los, um Wasser aus der Zisterne zu schöpfen. Doch sie kommen mit leeren Krügen zurück. Da geschieht kein Wunder. Brunnen und Zisternen geben keinen Tropfen mehr her. Die Wasserstellen sind ausgetrocknet. Die Erde ist verbrannt. Kein grüner Flecken ist zu sehen. Die Wildesel hecheln nach Luft. Die Hirschkühe lassen ihre Jungen im Stich. Der Tod lässt die Augen erlöschen. Keine Musik, kein Tanz, kein Gelächter ist zu hören, sondern ein langgezogener Klagelaut, in dem Mensch und Tiere einstimmen. Diese Bilder machen mich traurig und ratlos. Es sind Bilder eines sterbenden Landes, die uns der Prophet Jeremia beschreibt.


Diese Schilderungen erinnern mich an Bilder, die mir zur Zeit das Fernsehen jeden Abend ins Haus liefert. Ich sehe zur besten Sendezeit einen Kontinent, der am Verbrennen ist. Besonders haften geblieben ist meiner Erinnerung das Bild  einer Frau, die mit einem T-Shirt einen Koala - Bären aus der Flammenhölle zu retten versucht. Leider vergeblich. Die Verbrennungen waren bereits zu schwer. Das Tier musste eingeschläfert werden. Inzwischen sind schätzungsweise mehr als eine Milliarde Tiere  der Katastrophe zum Opfer gefallen, darunter Kängurus, Koalas, Vögel und Reptilien. Bei diesen biblischen Worten von der großen Dürre sehe ich allerdings nicht nur die Waldbrände auf der anderen Seite der Erdkugel. Ich denke auch an die immer längeren Trockenperioden in unserem Land, an den ausbleibenden Regen, an die sinkenden Pegelstände der Flüsse, die sterbenden, von Schädlingen befallenen Bäume - da wird mir Angst. Und nicht nur mir. Auch vielen anderen Menschen. Vor allem den jungen. Ihre Angst findet Ausdruck in den Protesten, die immer lauter werden und immer dringlicher. Zu Recht, das wird niemand bestreiten.


Wie  geht das Gottesvolk um mit der Not, die uns der Prophet Jeremia schildert? Das Gottesvolk beginnt zu klagen. Es besinnt sich auf seinen Gott und klagt ihm seine Not. „Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer.“  Das Gottesvolk seufzt und spricht von seinen Sünden. Es erkennt in der Dürre und der todbringenden Hitze, den göttlichen Zorn über die Untreue seines Volkes. Israel hat seinen Gott vergessen. Es hat sich anderen Göttern an den Hals geworfen. Deshalb ist sie da, die große Dürre. Gott hat sie geschickt. So sieht ein Leben, so sieht eine Welt aus, die Gott aus ihrem Gedächtnis gestrichen hat. Ein Leben ohne den Gott Israels kann nicht gedeihen, es ist dem Untergang geweiht. Ein Land, das sich von seinem Gott entfernt, wird zur Wüste, weil es sich selbst von der Quelle des Lebens abschneidet.


Doch Israel erinnert sich daran, was diesen Gott auszeichnet, den es vergessen hat: Barmherzigkeit, Liebe, Gnade, Vergebung. Gott ist der Trost und der Nothelfer.  Israel erinnert sich daran, wer diese Quellen wieder zum Sprudeln bringen kann. Jetzt kann nur noch der Gott helfen, der Himmel und Erde geschaffen hat, auf dessen Wort hin die Welt wurde, wie sie einst war: sehr gut. Gut war die Welt, die in Flammen aufgeht, deren Boden von tiefen Furchen durchzogen ist und austrocknet. Gut war die Welt, die jetzt vom Tod heimgesucht wird. Eine Frage stellt Israel seinen Gott. Wo bist du jetzt? Warum bist du nicht bei uns? Wie oft stellen wir auch diese Frage. Wir stellen sie uns meist dann, wenn uns Entsetzen heimsucht, weniger, wenn es uns gut geht. In der Not scheint uns Gott wie ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt, wie einer, der sich davonstiehlt, und die Menschen sich selbst überlässt. Israel ahnt: wenn Gott geht, verlässt uns auch das Leben! Und da beginnt es, zu schreien, zu klagen. „Geh nicht“, ruft es aus, verzweifelt und voll Angst. „Bleib da! Verlass uns nicht!“


Ob sich hier ein Weg zur anderen Geschichte andeutet? Ich meine die aus dem Evangelium, die Geschichte von der Hochzeit? Wo Gott ist, ist das Leben. Wo Gott fehlt ist der Tod! Und wenn wir merken, dass Gott dabei ist, davonzugehen, wie ein unsteter Wanderer? Wenn wir merken, wie sich die große Dürre ausbreitet in unserem Leben? Wenn wir spüren, wie das blühende Leben von uns weicht, weil die Quellen des Lebens versiegen?  Was ist dann zu tun? Ob uns Jeremia das sagen will? Ob uns das Gottesvolke heute daran erinnert? Israel hat eine Klage angestimmt. Ob das heute dran ist? Kein Freudenlied, sondern eine Klage auf Gottes sterbende Schöpfung? Eine Wehklage, weil uns klar wird, dass wir den Zugang zur Quelle verschüttet haben, aus der wir Wasser schöpfen, das uns zum Blühen bringt. Entdecken wir in den Worten und Bildern, die uns der Prophet Jeremia ans Herz legt, nicht auch unsere Gegenwart und unsere Zukunft, unsere Welt, wie sie ohne Gott aussieht und künftig aussehen wird? Es ist die Welt der verbrannten Erde, der klagenden Menschen und der sterbenden Arten. 


Aber dabei soll es nicht bleiben. Israel ist auch nicht bei Klage geblieben. Es schaut auf und wendet sich wieder seinem Gott zu. „Du bist ja doch unter uns!“ Trotzig klingt das und wider alle Erfahrung. Ob Gott sich erweichen lässt? Wir erfahren es in diesem Augenblick nicht. Doch das spielt im Moment keine Rolle. Heute sollen wir darauf schauen, wie Israel mit seiner Not umgeht, mit der Erfahrung der Katastrophe. Das Gottesvolk erkennt seine Schuld und besinnt sich wieder auf seinen Gott, dessen Namen es trägt. Es bekennt seinen Ungehorsam und klammert sich an den, der allein ihm in seiner Not helfen kann. Auf die Klage folgt die Umkehr zu Gott, die Hinwendung zum Vater, dem Schöpfer von Himmel und Erde. Auf die Klage folgt die Buße, die zu einem neuen Leben aufruft und handelt.  Israel besinnt sich auf seinen Gott, nach dessen Namen es genannt ist.


Besinnen wir uns auch auf den Gott, dessen Namen wir tragen? Der Name des menschgewordenen Gottes ist Verheißung und Programm. „Jesus“ heißt frei übersetzt: „Gott rettet“. Gott will nicht den Untergang, nicht das Chaos, nicht die Verzweiflung. Er will Leben und Seligkeit schenken und zwar dem, der sie an und für sich nicht verdient, dem Menschen, also uns.


Deshalb macht sich Gott auf den Weg zu den Menschen. Wo Gott erscheint, pulsiert das Leben. Wo Gott fehlt, liegt es brach und stirbt. Gott will uns das Leben schenken in der Fülle. Dieses Leben in Fülle gibt es nur in der Gemeinschaft mit ihm, mit dem lebendigen Gott, der selbst das Leben in Fülle ist. Erinnern wir uns noch an die Jahreslosung von 2018? Das war das Jahr, in dem sich der Trockensommer in unsere Erinnerung eingebrannt und bis heute seine Spuren hinterlassen hat. Ein Wort aus der Offenbarung hat uns durch dieses Jahr begleitet: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst!“ Das steht im letzten Buch der Bibel. Was für ein Ausblick inmitten der apokalyptischen Bilder des Untergangs. Ein Zuspruch ist das, vielleicht sogar Gottes Antwort auf die Klage, die wir mit dem Prophetenwort zusammen anstimmen. Gott will uns das Leben schenken. Bitten wir ihn um dieses lebendige Wasser, das uns Lebenskraft schenkt, damit wir nicht verschmachten, sondern Kraft schöpfen, damit wir tun können, was zu tun ist: um zu ihn umzukehren, dem Gott der Lebensfreude. Noch ist uns der Platz an der Hochzeitstafel freigehalten. Noch gilt die Einladung. Mit den Bildern unserer Welt vor Augen, mit den Worten des Propheten in den Ohren und mit der Sehnsucht nach Gottes Erbarmen im Herzen, wage ich es, nach der Klage das Lob zu singen, wage ich es, nach Wegen zu suchen, die aus der Katastrophe ins Leben führen. Bei dieser Suche soll mir ein Lied die Richtung weisen, das Ermutigung und Bitte zugleich ist. Vorhin haben wir es gesungen:  „Nimm mich freundlich / in dein Arme und erbarme dich in Gnaden; auf dein Wort komm ich geladen.“ Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 19.1.2020





Mut zum Aufbruch! Predigt über Epheser 3,1 - 7 an Epiphanias

 

Deshalb sage ich, Paulus, der Gefangene Christi Jesu für euch Heiden – ihr habt ja gehört von dem Auftrag der Gnade Gottes, die mir für euch gegeben wurde: Durch Offenbarung ist mir das Geheimnis kundgemacht worden, wie ich zuvor aufs Kürzeste geschrieben habe. Daran könnt ihr, wenn ihr's lest, meine Einsicht in das Geheimnis Christi erkennen. Dies war in früheren Zeiten den Menschenkindern nicht kundgemacht, wie es jetzt offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist; nämlich dass die Heiden Miterben sind und mit zu seinem Leib gehören und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium, dessen Diener ich geworden bin durch die Gabe der Gnade Gottes, die mir nach seiner mächtigen Kraft gegeben wurde. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart) 

 

Aufbrüche bringen Bewegung ins Leben, führen zu Veränderungen. Sie können mühevoll sein und anstrengend. Vor allem, wenn es geistige Aufbrüche sind. Die nötigen uns zum Umdenken: Einstellungen, Meinungen müssen geändert und feste oder festgefahrene Überzeugungen neu überdacht werden. Heute geht es um solche Aufbrüche. Das Evangelium für diesen Feiertag ist eine der bekanntesten und schönsten Aufbruchsgeschichten der Bibel, jedenfalls für mich. Wir erfahren von den drei Sterndeutern aus dem Orient. Hochgelehrte Wissenschaftler waren das, keine Astrologen nach heutigem Verständnis. Diese Weisen machen sich auf den Weg nach Bethlehem. Sie haben den Himmel erforscht. Da ist ihnen ein Stern aufgefallen, der heller strahlte als die übrigen Gestirne. Sie ahnten, dass es mit diesem Stern etwas Besonderes auf sich hatte. Ob er den Anbruch einer neuen Zeit ankündigt? Diese Zeitenwende wurde von vielen Menschen – nicht nur im Heiligen Land – sehnsüchtig erwartet. Sie sollte einen König hervorbringen, dessen Herrschaft die Welt verändern würde. Diesem König der Zeitenwende wollten auch die gelehrten Heiden aus dem Morgenland die Ehre erweisen. Und so machten sie sich auf den Weg. Ihr Ziel war nicht, wie sie erst angenommen hatten, ein Palast in Jerusalem, sondern ein einfacher Stall nahe von Bethlehem. Den König fanden sie nicht auf einem prächtigen Thron, sondern in einer schlichten Futterkrippe.  

 

Die Geschichten rund um Epiphanias erzählen von Menschen im Aufbruch, von Bewegung und Veränderung im Leben und im Denken. Was bringt sie in Bewegung? Was verändert das Denken? Es eine Begegnung. „Erschienen ist die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes“ schreibt der Apostel Paulus an Titus. So knapp lässt sich die Bedeutung von Weihnachten zusammenfassen. Gott ist gnädig und freundlich. Seine Freundlichkeit ist nicht auf einen Kulturkreis beschränkt, er gilt nicht nur den Auserwählten Angehörigen einer bestimmten Religion oder eines Kulturkreises. Gottes Menschen-freundlichkeit lässt sich nicht eingrenzen. Sie ist grenzüberschreitend und international. Und sie fordert die Menschen heraus. Gut möglich, dass deshalb umdenken angesagt ist, bei einigen. Es ist die Begegnung mit dem menschenfreundlichen Gott, die sie ermutigt. 

 

Um Menschen im Aufbruch geht es heute, um Menschen, bei denen sich etwas verändert – im Denken, in der Überzeugung, im Leben. Drei von ihnen möchte ich heute vorstellen. Es sind „alte“ biblische Bekannte: Stephanus, Paulus und Petrus. Beginnen wir mit Paulus. Ein Pharisäer, ein Schriftkundiger und Intellektueller. Jude, aber auch römischer Bürger. Ursprünglich wurde er Saulus genannt oder Scha‘ul, wie man in seiner Heimatsprache gesagt hat. Er taucht bereits als Randfigur in der Weihnachtsgeschichte auf. Wir könnten ihm also auch eine Krippenfigur schnitzen. Die Weihnachtsgeschichte erzählt ja nicht nur vom Kind in der Krippe, von Engeln und Hirten. In der Weihnachtsgeschichte spielt er eine eher unrühmliche Nebenrolle im Zusammenhang mit einer Hinrichtung in Jerusalem, mit der Steinigung des Diakons Stephanus. 

 

Stephanus muss ein flammender Prediger für Christus gewesen sein. Er wird von den Gegnern angeklagt und vor den Toren Jerusalems hingerichtet. Fast wie eine Randnotiz klingt die Bemerkung, dass ein junger Mann namens Saulus die Gewänder der Zeugen dieser Hinrichtung hütete und dass er Gefallen an seinem Tod hatte. Später wird er selbst Jagd auf die Christen machen – bis ihn eine Begegnung von Grund auf verändern wird. Der Auferstandene selbst wird ihn ansprechen. „Saulus, warum verfolgst du mich?“ Diese Begegnung wird ihn nicht nur buchstäblich aus dem Sattel werfen. Saulus wird blind und sehend zugleich. Er verliert für eine Weile sein Augenlicht bis er zur wahren Einsicht kommt:  dass diejenigen, die er bis dahin verfolgt hat, in Wahrheit seine Brüder und Schwestern sind, dass Christus der Herr ist, der die Grenzen überwunden hat, die Grenze des Tode und die Grenzen, unter denen die Menschen bis heute leiden: Grenzen von Kultur und Religion.  

 

Ein anderes Beispiel ist Petrus, der aufbrausende, manchmal schwerfällige, aber treue Gefolgsmann des Herrn, der im entscheidenden Moment versagt und später vom Herrn beauftragt wird, seine Herde zu weiden. Auch ihm wird eine Vision zuteil, die ihm hilft zu verstehen, wer alles zu dieser Herde gehört. Er sieht, wie vom Himmel ein Gefäß mit unreinen Tieren vor ihm heruntergelassen wird und er hört eine Stimme, die ihm befiehlt, die Tiere zu schlachten und zu essen. Als er sich weigert und darauf hinweist, dass diese Tiere unrein seien, wird er getadelt. Er hört, wie eine Stimme zu ihm sagt: „Was Gott rein gemacht hat, nenne du nicht unrein.“ (Apg. 10,15). Diese Vision bereitet ihn vor auf die Begegnung mit einem heidnischen Hauptmann, dessen Haus er als frommer Jude nie betreten hätte. Aber nach diesem Erlebnis wagt er es. Er folgt der Einladung des Hauptmanns und erkennt ihn ihm einen Suchenden, der auf die Verkündigung der Frohen Botschaft gewartet hatte und der sich dankbar und voll Freude mit seiner Familie taufen lässt. So weitet sich der Blick des Petrus: Gottes Volk lässt die Grenzen hinter sich, die wir Menschen immer wieder hochziehen und manchmal verbissen verteidigen: kulturelle Grenzen, nationale und andere. Gottes Volk hat diese Grenzen längst hinter sich gelassen. Vor dem Kind in der Krippe sind eben alle gleich und jeder ist willkommen. 

 

Um Aufbrüche und Bewegungen geht es heute, Aufbrüche auch im Denken. Evangelium, dieses Wort aus der griechischen Sprache bedeutet: Gute Nachricht. Die Gute Nachricht kann zuweilen eine Zumutung und eine Ermutigung zugleich sein. Sie ermutigt uns dazu, dass wir uns bewegen, uns verändern, alte Anschauungen, Denkmuster, Abgrenzungen und Bewertungen hinter uns lassen, damit das Evangelium Raum gewinnt in unserem Leben und damit Gottes Volk wachsen kann. An Weihnachten feiern wir eine Grenzöffnung. Es ist die Grenze zwischen Himmel und Erde. „Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönsten Paradeis, / der Cherub steht nicht mehr herfür / Gott sei Lob, Ehr und Preis!“ haben wir deshalb an Weihnachten gesungen.  Gottes weites Herz öffnet sich der Welt. Seine grenzenlose Liebe erscheint in Jesus Christus. Jesus war ein Freund der Veränderungen und der Bewegung. Er hat das Evangelium in Bewegung gebracht, er hat es zu den Menschen gebracht. Die Geschichten rund ums Weihnachtsfest machen uns Mut zu einem Glauben, der vor Erstarrung bewahrt, der in Bewegung setzt, der zu Aufbrüchen ermutigt. Aufbrüche und Veränderungen im Leben, im Handeln, im Denken, im Glauben. Und der Menschen zusammenführt. 

 

Der katholische Priester und Dichter Lothar Zenetti hat dazu ein Gedicht geschrieben. Es heißt „Die neue Hoffnung“ und ist eine Gegenüberstellung zweier Haltungen, zweier Lebens – und Glaubenshaltungen. Die einen möchten den Schatz ihres Glaubens bewahren, so wie man kostbares Trinkwasser in einem Gefäß abfüllt und verschließt. Sie haben Angst vor dem Verlust, wenn sie sich öffnen. Sie haben Sorge, der Glaube könne wie das Wasser verdunsten, dass man in eine Schale gießt.  Die anderen fürchten die Veränderung und den Verlust nicht, sie sehen die Bereicherung. „Aber merke“, sagen sie: „die Luft ist jetzt feucht! Und so ist es auch mit dem Glauben. Sie weisen hin auf die Veränderung:  „Spürt ihr’s noch nicht? / Glaube liegt in der Luft.“ (Lothar Zenetti, Die neue Hoffnung. Aus: Auf Seiner Spur. Texte gläubiger Zuversicht, Grünewald)  

 

Halten wir unseren Glauben unter Verschluss? Schließen wir uns ein, behalten wir ängstlich für uns, was wir lieben? In einem hermetisch abgeschlossenen Raum lässt es sich aber nicht atmen. Oder teilen wir es, das Wasser des Lebens, des Glaubens? Gießen wir das Wasser in die Schale. Es mag sein, dass sich die Schale leert, das Wasser verdunstet. Doch in Wahrheit verschindet es nicht. Es ändert nur seine Gestalt. Wir müssen nicht Angst vor Veränderungen haben. Auch nicht davor, dass sich Anschauungen und Überzeugungen von Gott und der Welt ändern. Es gehört zum Leben, dass sich etwas ändert und dass aus dieser Veränderung Neues hervorgeht. Glaube liegt in der Luft, die wir zum Atmen brauchen. Wie das Wasser nicht nur die Luft befeuchtet, sondern auch den Boden bewässert, damit neues Leben wachsen kann, so wird auch der Glaube, der es wagt,  Grenzen hinter sich zulassen, seinen Horizont erweitern. Er wird sich dabei nicht verlieren, wohl aber verändern und diese Veränderung wird die Kirche bereichern und neu beleben. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 6.1.2020 





Freudenöl statt Trauer. Predigt über Jesaja 63,1-3.10-11 am 2. Sonntag nach Weihnachten 

Zu den Ritualen beim Jahreswechsel gehören die Ansprachen wichtiger Persönlichkeiten aus Kirche und Politik. Sie schauen zurück auf die letzten zwölf Monate, sie blicken voraus, ziehen Bilanz und erklären uns, warum das  alte Jahr doch nicht so schlecht war, wie viele meinen und warum wir dem neuen gelassen entgegen gehen können. Ehrlich gesagt, ich höre meistens nur mit halben Ohr zu. Heute hören wir auf einen Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja.  Seine Worte sind ursprünglich zwar nicht an uns gerichtet, sondern an die Israeliten. Doch was wir da zu hören bekommen, stimmt mich zuversichtlich. Deshalb lohnt es sich, genau hinzuhören. Der Prophet bringt uns eine Freudenbotschaft, mit der wir ins neue Jahr gehen. Hören wir die Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja für diesen Sonntag. Sie stehen im 61. Kapitel:


Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des HERRN«, ihm zum Preise. … Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt. Denn gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht, so lässt Gott der HERR Gerechtigkeit aufgehen und Ruhm vor allen Völkern. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Der Geist Gottes ist auf mir! Der Herr hat mich gesalbt!" Keinen Zweifel lässt der Prophet daran, wer ihn zu seinen Aussagen ermächtigt hat, wer ihm die Befugnis erteilt hat, so zu reden. Der Prophet sagt, was Gott mit seinem Volk vorhat, welchen Zeiten es entgegen geht. Gott selbst steht hinter seinen Worten. Der Prophet kündet einen heilsamen Wandel an. Er spricht von einem neuen Selbstverständnis seines Volkes und jedes einzelnen, der sich dazu zählen darf. Er bringt gute Nachricht.


Wie gesagt: die Hörer waren zunächst einmal die Israeliten. Die mögen es mir verzeihen, wenn ich jetzt von meinen Großeltern erzähle. Das liegt daran, weil mich ihr Schicksal an das erinnert, was die ersten Hörer des Prophetenwortes auch durchlitten und erfahren hatten: den Verlust der Heimat und die Mühe des Neubeginns. Meine Großeltern hatten nach dem Krieg alles verloren. Sie durften nur mitnehmen, was sie tragen konnten. Unter schwerer Bewachung wurden sie in Viehwaggons gesperrt und aus der alten Heimat in ein Land gebracht, das sie eigentlich gar nicht kannten. Dort sollten sie sich eine neue Existenz aufbauen. So kamen sie aus dem Sudeten - ins Frankenland. Mit ihrer Hände Arbeit haben sie sich hier eine neue Existenz aufgebaut: mein Großvater hat ein Geschäft gegründet und dann ein Haus für sich und seine Familie gekauft. Wenn ich an die Hörer denke, an die unser Prophetenwort gerichtet ist, muss ich aber nicht nur an meine Großeltern denken,  sondern auch an die sogenannten  Trümmer-frauen, also die Frauen, die mit ihren Händen die Trümmer beiseite geräumt haben, die der Krieg hinterlassen hatte. Mit diesen Menschen vor Augen bekomme ich eine Vorstellung davon, wie den Israeliten zumut war, als sie nach Hause kamen, in ein zerstörtes Land, das auf den Wiederaufbau wartete.


Es waren Heimkehrer, an die sich Jesaja gewendet hatte. Die Zeit der Kriegsgefangenschaft lag wohl schon hinter ihnen. Ein Menschenleben lang lebten sie an den Flüssen Babylons mit der Sehnsucht nach Jerusalem im Herzen. Jetzt sind sie zurückgekommen in ein kaputtes Land. Es war die Zeit des Neubeginns, des Neuaufbaus. Die Trümmer mussten beiseite geräumt und die Vergangenheit bewältigt werden. Vielen war weh ums Herz und sicher nicht wenige waren entmutigt. Das alles wieder aufbauen? Den Tempel, die Stadtmauern, die Häuser? Wie soll das gehen? Diese Menschen hörten die Botschaft vom Anbruch einer neuen Zeit, einer heilvollen Zeit. Sie erfahren, dass ihre zerbrochenen Herzen verbunden werden sollen. Auch hören sie vom Tag der Vergeltung hören. Den Gedemütigten soll Genugtuung geboten werden. 


Was zunächst auf Israels Neubeginn gemünzt war, hören wir heute, am Anfang eines neuen Jahres, ja sogar eines neuen Jahrzehntes. Die zwanziger Jahre sind im Anbruch. Wir sollen darin den Wandel zum Guten miterleben, ja, wir sollen ihn mit prägen. Dazu ermutigen uns die Worte des Propheten. Mit welchem Recht aber dürfen auch wir uns angesprochen fühlen? Es liegt wohl an dem Fest, das wir gefeiert haben und an der Zeit, in der wir uns befinden. Auf diesem Tagen liegt immer noch der Glanz weihnachtlicher Freude. Heute ist der zweite Sonntag nach dem Christfest. Wir haben die Geburt Jesu in dieser Welt gefeiert. Gott selbst hat sich auf den Weg gemacht, um bei uns zu wohnen. Das war die Botschaft vom Heiligen Abend. Sie gilt immer noch. Gott selbst hat der Welt sein menschliches Gesicht zugewandt und ihnen seinen Namen offenbart. Es ist ein Name, der Heil und Rettung bringt: Jesus. „Freue dich o Christenheit“ haben wir deshalb gesungen, mehr oder weniger inbrünstig, aber doch voll Hoffnung und Sehnsucht. Jesus ist gekommen, um den Menschen dieser Welt zu bringen, was der Prophet zunächst seinem Volk verheißen hat: Erlösung, Freude, Genugtuung, Friede, ein neues Selbstverständnis. Um seinetwillen dürfen wir die Prophetenworte so annehmen und verstehen, als ob sie auch für uns gesagt seien.


Die gebrochenen Herzen sollen verbunden werden und wer gebunden ist, soll frei werden. Das wird uns heute zugesagt: Befreiung! Erlösung! Wir sollen frei sein. Die Gebundenen sollen los werden von dem, was sie fesselt. Sind wir denn unfrei? Leben wir nicht in einem freien Land? Wer zu schnell mit Ja antwortet, mag sich eine Gegenfrage gefallen lassen: Warum sind dann so viele Menschen unglücklich in diesem Land? Es gibt vielfältige Erfahrungen von Leid und Not, Unfreiheit und Gebundenheit, auch bei uns, auch in unserer Zeit. Es sind die Schatten, die der Tod auf uns wirft und die uns gefangen nehmen. Sterben müssen wir alle. Vor Krankheit ist niemand gefeit. Das Leid des Abschiednehmens bleibt keinem erspart. Es gibt so viele Beispiele dafür, was viele von uns bedrückt und bindet, was gebrochene Menschen aus ihnen macht - trotz medizinischen Fortschritt, trotz Wohlstand, trotz vielerlei Komfort. Manche versuchen, dieses Gefühl mit Medikamenten in den Begriff zu bekommen, Pillen, die die Leistung steigern und dann wieder Pillen, mit denen  man „runterfahren“ kann, manche greifen nicht zur Tablettenschachtel, sondern zum Alkohol oder zur Zigarette und merken gar nicht, wie sie dabei immer tiefer in die Unfreiheit einsinken. Wieder andere suchen ihr Heil in der Esoterik. Sie ertragen nicht den Gedanken, dass der Tod alles abbricht, woran sie hängen. Ob sie die Worte des Propheten an sich heranlassen?Der sagt: „Schaut hin! Eine neue Zeit beginnt. Es ist die Zeit der Befreiung“  Ihr sollt frei werden von dem, was euch bindet.


Ich stelle mir vor, wie die Israeliten diese Worte gehört haben, wie sie dabei auf die Bauruinen geschaut haben und dann auf  sich selbst, zweifelnd, fragend. Sind wirklich wir gemeint? Und dann werden sie gestaunt haben, weil der Prophet zu ihnen gesagt hat: „Ja, ihr seid gemeint.“ Und dann spricht der Prophet von den neuen Kleidern, die wir bekommen. „Keine zerrissenen und fleckige Trauerkleider mehr sollt ihr tragen,“ spricht der Prophet, „keine Lumpen, wie sie Sklaven und Unfreie tragen, sondern Kleider des Heils.“ 


Wir sollen uns alle in einem neuen Licht sehen. Wir sehen uns in dem Licht, das in der Krippe von Bethlehem zum ersten Mal aufleuchtete und das bis heute in unser Leben scheint. Mit diesem Licht findet das Leben seinen Weg zurück zu den Menschen mit den gebrochenen Herzen, den gebundenen, den zerschlagenen und gedemütigten Seelen. Jesus Christus bringt den Menschen diese Freiheit. Er selbst hat es gesagt und wir haben es gehört, im Evangelium am Neujahrstag. (Lk 4,16ff)  Da legt Jesus in der Synagoge seiner Heimatstadt Nazareth genau diese Prophetenworte aus, die wir heute gehört haben. Ein einziger Satz genügt ihm dazu. Er sagt: „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren!“  Vielleicht verstehen wir jetzt auch, warum Jesus so gerne mit den Menschen gegessen und getrunken hat, warum er in manchen Gleichnissen vom nahen Gottesreich das Bild eines Hochzeitsmahls verwendet. Weil das Leben zur Freude wird. Weil er selbst der Grund dieser Freude ist. Ein Lied aus unserem Gesangbuch beschreibt das mit den folgenden Worten: „Jesus ist kommen, / nun springen die Bande, / Stricke des Todes, die reißen entzwei. / Unser Durchbrecher ist nunmehr vorhanden; / er der Sohn Gottes, der machet recht frei, / bringet zu Ehren aus Sünde und schande; / Jesus ist kommen, nun springen die Bande.“(EG 66,2)


Weil die Fesseln gesprengt werden, die uns binden, wandelt sich unser Leben. Es soll wie eine Hochzeitsfeier sein, auf der man fröhlich ist, weil man sich mit Braut und Bräutigam freut, weil die Musik zu spielen beginnt, nach der man tanzen kann. Diese Freude soll die Melodie eures Lebens sein, die Melodie, die den Takt vorgibt. Hören wir diese Melodie des Lebens, der Freude und des Friedens ? Sie hat bereits eingesetzt. Es ist die Melodie der Freude, mit der die Engel Gott gepriesen haben, damals, auf dem Feld bei Hirten. Sie haben den Anbruch der neuen Zeit besungen. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Dieser Friede will bei mir einziehen, will mich versöhnen mit Gott, mit meinen Mitmenschen und vor allem mit mir selbst. Ein neues Selbstverständnis hat Gott den Menschen ermöglicht.


Ein Freudenbote ist unser Prophet. Er  verheißt den Anbruch einer neuen Welt. Wenn wir dem neuen Jahr entgegen gehen, dann in der frohen Erwartung, dass uns das neue Jahr einen Schritt näher zur Vollendung bringt. So wird das Jahr zum Gnadenjahr. Den Weg in diese Welt hat uns der Gottessohn frei gemacht. Ja, er selbst ist zum Weg in dieses befreite Leben geworden. Deshalb haben wir Grund, voll Zuversicht unseren Weg fortzusetzen im neuen Jahr.  Amen.


 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 5.1.2020