Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)

Predigten im Jahr 2020.




Predigten im Januar 2020


Die Quadratur des Kreises? Predigt über Jeremia 14,1 - 9 am 2. Sonntag nach Epiphanias 


Dies ist das Wort, das der HERR zu Jeremia sagte über die große Dürre: Juda liegt jämmerlich da, seine Städte verschmachten. Sie sinken trauernd zu Boden, und Jerusalems Wehklage steigt empor. Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter. Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter. Selbst die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst.  Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst. Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!  (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Als Quadratur des Kreises bezeichnet man den Versuch, ein Problem zu lösen, das sich nicht lösen lässt. Daran habe ich gedacht, als ich die Worte des Propheten Jeremia gelesen habe, über die wir heute nachdenken sollen. Wie passt das zu einem Sonntag, der mit seiner Botschaft doch froh stimmen soll? Um es gleich zu bekennen: ich habe das Problem nicht gelöst. Aber vielleicht gehört das heute dazu, das wir diese Gegensätze heute hören und aushalten müssen. Wir hören im Evangelium von einer Hochzeit, an der Jesus als Gast teilgenommen hatte. Man kann mit viel Phantasie die Musik hören, zu der getanzt wird und das Gelächter der Gäste, die vom Wein froh gestimmt sind. Wir ahnen die Erleichterung des Gastgebers, als er mitbekommt, dass auf ein Wort Jesu hin die leeren Krüge wieder randvoll mit besten Wein gefüllt sind. Pure Lebensfreude kommt uns entgegen und wir ahnen, wie es im Reich Gottes sein wird - wie auf einer Hochzeit, nur dass kein Brautpaar, sondern Gott selbst der Gastgeber ist. Im Predigtwort wird das Kontrastprogramm geboten. Ein Bußprediger schildert die Bilder einer Katastrophe. Von einer großen Dürre ist die Rede. Die Städte verwandeln sich in trostlose Orte, an denen die Menschen verdursten, die Reichen ebenso wie die Armen. Die Großen, so heißt es, schicken ihre Diener mit Krügen los, um Wasser aus der Zisterne zu schöpfen. Doch sie kommen mit leeren Krügen zurück. Da geschieht kein Wunder. Brunnen und Zisternen geben keinen Tropfen mehr her. Die Wasserstellen sind ausgetrocknet. Die Erde ist verbrannt. Kein grüner Flecken ist zu sehen. Die Wildesel hecheln nach Luft. Die Hirschkühe lassen ihre Jungen im Stich. Der Tod lässt die Augen erlöschen. Keine Musik, kein Tanz, kein Gelächter ist zu hören, sondern ein langgezogener Klagelaut, in dem Mensch und Tiere einstimmen. Diese Bilder machen mich traurig und ratlos. Es sind Bilder eines sterbenden Landes, die uns der Prophet Jeremia beschreibt.


Diese Schilderungen erinnern mich an Bilder, die mir zur Zeit das Fernsehen jeden Abend ins Haus liefert. Ich sehe zur besten Sendezeit einen Kontinent, der am Verbrennen ist. Besonders haften geblieben ist meiner Erinnerung das Bild  einer Frau, die mit einem T-Shirt einen Koala - Bären aus der Flammenhölle zu retten versucht. Leider vergeblich. Die Verbrennungen waren bereits zu schwer. Das Tier musste eingeschläfert werden. Inzwischen sind schätzungsweise mehr als eine Milliarde Tiere  der Katastrophe zum Opfer gefallen, darunter Kängurus, Koalas, Vögel und Reptilien. Bei diesen biblischen Worten von der großen Dürre sehe ich allerdings nicht nur die Waldbrände auf der anderen Seite der Erdkugel. Ich denke auch an die immer längeren Trockenperioden in unserem Land, an den ausbleibenden Regen, an die sinkenden Pegelstände der Flüsse, die sterbenden, von Schädlingen befallenen Bäume - da wird mir Angst. Und nicht nur mir. Auch vielen anderen Menschen. Vor allem den jungen. Ihre Angst findet Ausdruck in den Protesten, die immer lauter werden und immer dringlicher. Zu Recht, das wird niemand bestreiten.


Wie  geht das Gottesvolk um mit der Not, die uns der Prophet Jeremia schildert? Das Gottesvolk beginnt zu klagen. Es besinnt sich auf seinen Gott und klagt ihm seine Not. „Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer.“  Das Gottesvolk seufzt und spricht von seinen Sünden. Es erkennt in der Dürre und der todbringenden Hitze, den göttlichen Zorn über die Untreue seines Volkes. Israel hat seinen Gott vergessen. Es hat sich anderen Göttern an den Hals geworfen. Deshalb ist sie da, die große Dürre. Gott hat sie geschickt. So sieht ein Leben, so sieht eine Welt aus, die Gott aus ihrem Gedächtnis gestrichen hat. Ein Leben ohne den Gott Israels kann nicht gedeihen, es ist dem Untergang geweiht. Ein Land, das sich von seinem Gott entfernt, wird zur Wüste, weil es sich selbst von der Quelle des Lebens abschneidet.


Doch Israel erinnert sich daran, was diesen Gott auszeichnet, den es vergessen hat: Barmherzigkeit, Liebe, Gnade, Vergebung. Gott ist der Trost und der Nothelfer.  Israel erinnert sich daran, wer diese Quellen wieder zum Sprudeln bringen kann. Jetzt kann nur noch der Gott helfen, der Himmel und Erde geschaffen hat, auf dessen Wort hin die Welt wurde, wie sie einst war: sehr gut. Gut war die Welt, die in Flammen aufgeht, deren Boden von tiefen Furchen durchzogen ist und austrocknet. Gut war die Welt, die jetzt vom Tod heimgesucht wird. Eine Frage stellt Israel seinen Gott. Wo bist du jetzt? Warum bist du nicht bei uns? Wie oft stellen wir auch diese Frage. Wir stellen sie uns meist dann, wenn uns Entsetzen heimsucht, weniger, wenn es uns gut geht. In der Not scheint uns Gott wie ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt, wie einer, der sich davonstiehlt, und die Menschen sich selbst überlässt. Israel ahnt: wenn Gott geht, verlässt uns auch das Leben! Und da beginnt es, zu schreien, zu klagen. „Geh nicht“, ruft es aus, verzweifelt und voll Angst. „Bleib da! Verlass uns nicht!“


Ob sich hier ein Weg zur anderen Geschichte andeutet? Ich meine die aus dem Evangelium, die Geschichte von der Hochzeit? Wo Gott ist, ist das Leben. Wo Gott fehlt ist der Tod! Und wenn wir merken, dass Gott dabei ist, davonzugehen, wie ein unsteter Wanderer? Wenn wir merken, wie sich die große Dürre ausbreitet in unserem Leben? Wenn wir spüren, wie das blühende Leben von uns weicht, weil die Quellen des Lebens versiegen?  Was ist dann zu tun? Ob uns Jeremia das sagen will? Ob uns das Gottesvolke heute daran erinnert? Israel hat eine Klage angestimmt. Ob das heute dran ist? Kein Freudenlied, sondern eine Klage auf Gottes sterbende Schöpfung? Eine Wehklage, weil uns klar wird, dass wir den Zugang zur Quelle verschüttet haben, aus der wir Wasser schöpfen, das uns zum Blühen bringt. Entdecken wir in den Worten und Bildern, die uns der Prophet Jeremia ans Herz legt, nicht auch unsere Gegenwart und unsere Zukunft, unsere Welt, wie sie ohne Gott aussieht und künftig aussehen wird? Es ist die Welt der verbrannten Erde, der klagenden Menschen und der sterbenden Arten. 


Aber dabei soll es nicht bleiben. Israel ist auch nicht bei Klage geblieben. Es schaut auf und wendet sich wieder seinem Gott zu. „Du bist ja doch unter uns!“ Trotzig klingt das und wider alle Erfahrung. Ob Gott sich erweichen lässt? Wir erfahren es in diesem Augenblick nicht. Doch das spielt im Moment keine Rolle. Heute sollen wir darauf schauen, wie Israel mit seiner Not umgeht, mit der Erfahrung der Katastrophe. Das Gottesvolk erkennt seine Schuld und besinnt sich wieder auf seinen Gott, dessen Namen es trägt. Es bekennt seinen Ungehorsam und klammert sich an den, der allein ihm in seiner Not helfen kann. Auf die Klage folgt die Umkehr zu Gott, die Hinwendung zum Vater, dem Schöpfer von Himmel und Erde. Auf die Klage folgt die Buße, die zu einem neuen Leben aufruft und handelt.  Israel besinnt sich auf seinen Gott, nach dessen Namen es genannt ist.


Besinnen wir uns auch auf den Gott, dessen Namen wir tragen? Der Name des menschgewordenen Gottes ist Verheißung und Programm. „Jesus“ heißt frei übersetzt: „Gott rettet“. Gott will nicht den Untergang, nicht das Chaos, nicht die Verzweiflung. Er will Leben und Seligkeit schenken und zwar dem, der sie an und für sich nicht verdient, dem Menschen, also uns.


Deshalb macht sich Gott auf den Weg zu den Menschen. Wo Gott erscheint, pulsiert das Leben. Wo Gott fehlt, liegt es brach und stirbt. Gott will uns das Leben schenken in der Fülle. Dieses Leben in Fülle gibt es nur in der Gemeinschaft mit ihm, mit dem lebendigen Gott, der selbst das Leben in Fülle ist. Erinnern wir uns noch an die Jahreslosung von 2018? Das war das Jahr, in dem sich der Trockensommer in unsere Erinnerung eingebrannt und bis heute seine Spuren hinterlassen hat. Ein Wort aus der Offenbarung hat uns durch dieses Jahr begleitet: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst!“ Das steht im letzten Buch der Bibel. Was für ein Ausblick inmitten der apokalyptischen Bilder des Untergangs. Ein Zuspruch ist das, vielleicht sogar Gottes Antwort auf die Klage, die wir mit dem Prophetenwort zusammen anstimmen. Gott will uns das Leben schenken. Bitten wir ihn um dieses lebendige Wasser, das uns Lebenskraft schenkt, damit wir nicht verschmachten, sondern Kraft schöpfen, damit wir tun können, was zu tun ist: um zu ihn umzukehren, dem Gott der Lebensfreude. Noch ist uns der Platz an der Hochzeitstafel freigehalten. Noch gilt die Einladung. Mit den Bildern unserer Welt vor Augen, mit den Worten des Propheten in den Ohren und mit der Sehnsucht nach Gottes Erbarmen im Herzen, wage ich es, nach der Klage das Lob zu singen, wage ich es, nach Wegen zu suchen, die aus der Katastrophe ins Leben führen. Bei dieser Suche soll mir ein Lied die Richtung weisen, das Ermutigung und Bitte zugleich ist. Vorhin haben wir es gesungen:  „Nimm mich freundlich / in dein Arme und erbarme dich in Gnaden; auf dein Wort komm ich geladen.“ Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 19.1.2020





Mut zum Aufbruch! Predigt über Epheser 3,1 - 7 an Epiphanias

 

Deshalb sage ich, Paulus, der Gefangene Christi Jesu für euch Heiden – ihr habt ja gehört von dem Auftrag der Gnade Gottes, die mir für euch gegeben wurde: Durch Offenbarung ist mir das Geheimnis kundgemacht worden, wie ich zuvor aufs Kürzeste geschrieben habe. Daran könnt ihr, wenn ihr's lest, meine Einsicht in das Geheimnis Christi erkennen. Dies war in früheren Zeiten den Menschenkindern nicht kundgemacht, wie es jetzt offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist; nämlich dass die Heiden Miterben sind und mit zu seinem Leib gehören und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium, dessen Diener ich geworden bin durch die Gabe der Gnade Gottes, die mir nach seiner mächtigen Kraft gegeben wurde. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart) 

 

Aufbrüche bringen Bewegung ins Leben, führen zu Veränderungen. Sie können mühevoll sein und anstrengend. Vor allem, wenn es geistige Aufbrüche sind. Die nötigen uns zum Umdenken: Einstellungen, Meinungen müssen geändert und feste oder festgefahrene Überzeugungen neu überdacht werden. Heute geht es um solche Aufbrüche. Das Evangelium für diesen Feiertag ist eine der bekanntesten und schönsten Aufbruchsgeschichten der Bibel, jedenfalls für mich. Wir erfahren von den drei Sterndeutern aus dem Orient. Hochgelehrte Wissenschaftler waren das, keine Astrologen nach heutigem Verständnis. Diese Weisen machen sich auf den Weg nach Bethlehem. Sie haben den Himmel erforscht. Da ist ihnen ein Stern aufgefallen, der heller strahlte als die übrigen Gestirne. Sie ahnten, dass es mit diesem Stern etwas Besonderes auf sich hatte. Ob er den Anbruch einer neuen Zeit ankündigt? Diese Zeitenwende wurde von vielen Menschen – nicht nur im Heiligen Land – sehnsüchtig erwartet. Sie sollte einen König hervorbringen, dessen Herrschaft die Welt verändern würde. Diesem König der Zeitenwende wollten auch die gelehrten Heiden aus dem Morgenland die Ehre erweisen. Und so machten sie sich auf den Weg. Ihr Ziel war nicht, wie sie erst angenommen hatten, ein Palast in Jerusalem, sondern ein einfacher Stall nahe von Bethlehem. Den König fanden sie nicht auf einem prächtigen Thron, sondern in einer schlichten Futterkrippe.  

 

Die Geschichten rund um Epiphanias erzählen von Menschen im Aufbruch, von Bewegung und Veränderung im Leben und im Denken. Was bringt sie in Bewegung? Was verändert das Denken? Es eine Begegnung. „Erschienen ist die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes“ schreibt der Apostel Paulus an Titus. So knapp lässt sich die Bedeutung von Weihnachten zusammenfassen. Gott ist gnädig und freundlich. Seine Freundlichkeit ist nicht auf einen Kulturkreis beschränkt, er gilt nicht nur den Auserwählten Angehörigen einer bestimmten Religion oder eines Kulturkreises. Gottes Menschen-freundlichkeit lässt sich nicht eingrenzen. Sie ist grenzüberschreitend und international. Und sie fordert die Menschen heraus. Gut möglich, dass deshalb umdenken angesagt ist, bei einigen. Es ist die Begegnung mit dem menschenfreundlichen Gott, die sie ermutigt. 

 

Um Menschen im Aufbruch geht es heute, um Menschen, bei denen sich etwas verändert – im Denken, in der Überzeugung, im Leben. Drei von ihnen möchte ich heute vorstellen. Es sind „alte“ biblische Bekannte: Stephanus, Paulus und Petrus. Beginnen wir mit Paulus. Ein Pharisäer, ein Schriftkundiger und Intellektueller. Jude, aber auch römischer Bürger. Ursprünglich wurde er Saulus genannt oder Scha‘ul, wie man in seiner Heimatsprache gesagt hat. Er taucht bereits als Randfigur in der Weihnachtsgeschichte auf. Wir könnten ihm also auch eine Krippenfigur schnitzen. Die Weihnachtsgeschichte erzählt ja nicht nur vom Kind in der Krippe, von Engeln und Hirten. In der Weihnachtsgeschichte spielt er eine eher unrühmliche Nebenrolle im Zusammenhang mit einer Hinrichtung in Jerusalem, mit der Steinigung des Diakons Stephanus. 

 

Stephanus muss ein flammender Prediger für Christus gewesen sein. Er wird von den Gegnern angeklagt und vor den Toren Jerusalems hingerichtet. Fast wie eine Randnotiz klingt die Bemerkung, dass ein junger Mann namens Saulus die Gewänder der Zeugen dieser Hinrichtung hütete und dass er Gefallen an seinem Tod hatte. Später wird er selbst Jagd auf die Christen machen – bis ihn eine Begegnung von Grund auf verändern wird. Der Auferstandene selbst wird ihn ansprechen. „Saulus, warum verfolgst du mich?“ Diese Begegnung wird ihn nicht nur buchstäblich aus dem Sattel werfen. Saulus wird blind und sehend zugleich. Er verliert für eine Weile sein Augenlicht bis er zur wahren Einsicht kommt:  dass diejenigen, die er bis dahin verfolgt hat, in Wahrheit seine Brüder und Schwestern sind, dass Christus der Herr ist, der die Grenzen überwunden hat, die Grenze des Tode und die Grenzen, unter denen die Menschen bis heute leiden: Grenzen von Kultur und Religion.  

 

Ein anderes Beispiel ist Petrus, der aufbrausende, manchmal schwerfällige, aber treue Gefolgsmann des Herrn, der im entscheidenden Moment versagt und später vom Herrn beauftragt wird, seine Herde zu weiden. Auch ihm wird eine Vision zuteil, die ihm hilft zu verstehen, wer alles zu dieser Herde gehört. Er sieht, wie vom Himmel ein Gefäß mit unreinen Tieren vor ihm heruntergelassen wird und er hört eine Stimme, die ihm befiehlt, die Tiere zu schlachten und zu essen. Als er sich weigert und darauf hinweist, dass diese Tiere unrein seien, wird er getadelt. Er hört, wie eine Stimme zu ihm sagt: „Was Gott rein gemacht hat, nenne du nicht unrein.“ (Apg. 10,15). Diese Vision bereitet ihn vor auf die Begegnung mit einem heidnischen Hauptmann, dessen Haus er als frommer Jude nie betreten hätte. Aber nach diesem Erlebnis wagt er es. Er folgt der Einladung des Hauptmanns und erkennt ihn ihm einen Suchenden, der auf die Verkündigung der Frohen Botschaft gewartet hatte und der sich dankbar und voll Freude mit seiner Familie taufen lässt. So weitet sich der Blick des Petrus: Gottes Volk lässt die Grenzen hinter sich, die wir Menschen immer wieder hochziehen und manchmal verbissen verteidigen: kulturelle Grenzen, nationale und andere. Gottes Volk hat diese Grenzen längst hinter sich gelassen. Vor dem Kind in der Krippe sind eben alle gleich und jeder ist willkommen. 

 

Um Aufbrüche und Bewegungen geht es heute, Aufbrüche auch im Denken. Evangelium, dieses Wort aus der griechischen Sprache bedeutet: Gute Nachricht. Die Gute Nachricht kann zuweilen eine Zumutung und eine Ermutigung zugleich sein. Sie ermutigt uns dazu, dass wir uns bewegen, uns verändern, alte Anschauungen, Denkmuster, Abgrenzungen und Bewertungen hinter uns lassen, damit das Evangelium Raum gewinnt in unserem Leben und damit Gottes Volk wachsen kann. An Weihnachten feiern wir eine Grenzöffnung. Es ist die Grenze zwischen Himmel und Erde. „Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönsten Paradeis, / der Cherub steht nicht mehr herfür / Gott sei Lob, Ehr und Preis!“ haben wir deshalb an Weihnachten gesungen.  Gottes weites Herz öffnet sich der Welt. Seine grenzenlose Liebe erscheint in Jesus Christus. Jesus war ein Freund der Veränderungen und der Bewegung. Er hat das Evangelium in Bewegung gebracht, er hat es zu den Menschen gebracht. Die Geschichten rund ums Weihnachtsfest machen uns Mut zu einem Glauben, der vor Erstarrung bewahrt, der in Bewegung setzt, der zu Aufbrüchen ermutigt. Aufbrüche und Veränderungen im Leben, im Handeln, im Denken, im Glauben. Und der Menschen zusammenführt. 

 

Der katholische Priester und Dichter Lothar Zenetti hat dazu ein Gedicht geschrieben. Es heißt „Die neue Hoffnung“ und ist eine Gegenüberstellung zweier Haltungen, zweier Lebens – und Glaubenshaltungen. Die einen möchten den Schatz ihres Glaubens bewahren, so wie man kostbares Trinkwasser in einem Gefäß abfüllt und verschließt. Sie haben Angst vor dem Verlust, wenn sie sich öffnen. Sie haben Sorge, der Glaube könne wie das Wasser verdunsten, dass man in eine Schale gießt.  Die anderen fürchten die Veränderung und den Verlust nicht, sie sehen die Bereicherung. „Aber merke“, sagen sie: „die Luft ist jetzt feucht! Und so ist es auch mit dem Glauben. Sie weisen hin auf die Veränderung:  „Spürt ihr’s noch nicht? / Glaube liegt in der Luft.“ (Lothar Zenetti, Die neue Hoffnung. Aus: Auf Seiner Spur. Texte gläubiger Zuversicht, Grünewald)  

 

Halten wir unseren Glauben unter Verschluss? Schließen wir uns ein, behalten wir ängstlich für uns, was wir lieben? In einem hermetisch abgeschlossenen Raum lässt es sich aber nicht atmen. Oder teilen wir es, das Wasser des Lebens, des Glaubens? Gießen wir das Wasser in die Schale. Es mag sein, dass sich die Schale leert, das Wasser verdunstet. Doch in Wahrheit verschindet es nicht. Es ändert nur seine Gestalt. Wir müssen nicht Angst vor Veränderungen haben. Auch nicht davor, dass sich Anschauungen und Überzeugungen von Gott und der Welt ändern. Es gehört zum Leben, dass sich etwas ändert und dass aus dieser Veränderung Neues hervorgeht. Glaube liegt in der Luft, die wir zum Atmen brauchen. Wie das Wasser nicht nur die Luft befeuchtet, sondern auch den Boden bewässert, damit neues Leben wachsen kann, so wird auch der Glaube, der es wagt,  Grenzen hinter sich zulassen, seinen Horizont erweitern. Er wird sich dabei nicht verlieren, wohl aber verändern und diese Veränderung wird die Kirche bereichern und neu beleben. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 6.1.2020 





Freudenöl statt Trauer. Predigt über Jesaja 63,1-3.10-11 am 2. Sonntag nach Weihnachten 

Zu den Ritualen beim Jahreswechsel gehören die Ansprachen wichtiger Persönlichkeiten aus Kirche und Politik. Sie schauen zurück auf die letzten zwölf Monate, sie blicken voraus, ziehen Bilanz und erklären uns, warum das  alte Jahr doch nicht so schlecht war, wie viele meinen und warum wir dem neuen gelassen entgegen gehen können. Ehrlich gesagt, ich höre meistens nur mit halben Ohr zu. Heute hören wir auf einen Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja.  Seine Worte sind ursprünglich zwar nicht an uns gerichtet, sondern an die Israeliten. Doch was wir da zu hören bekommen, stimmt mich zuversichtlich. Deshalb lohnt es sich, genau hinzuhören. Der Prophet bringt uns eine Freudenbotschaft, mit der wir ins neue Jahr gehen. Hören wir die Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja für diesen Sonntag. Sie stehen im 61. Kapitel:


Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des HERRN«, ihm zum Preise. … Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt. Denn gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht, so lässt Gott der HERR Gerechtigkeit aufgehen und Ruhm vor allen Völkern. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Der Geist Gottes ist auf mir! Der Herr hat mich gesalbt!" Keinen Zweifel lässt der Prophet daran, wer ihn zu seinen Aussagen ermächtigt hat, wer ihm die Befugnis erteilt hat, so zu reden. Der Prophet sagt, was Gott mit seinem Volk vorhat, welchen Zeiten es entgegen geht. Gott selbst steht hinter seinen Worten. Der Prophet kündet einen heilsamen Wandel an. Er spricht von einem neuen Selbstverständnis seines Volkes und jedes einzelnen, der sich dazu zählen darf. Er bringt gute Nachricht.


Wie gesagt: die Hörer waren zunächst einmal die Israeliten. Die mögen es mir verzeihen, wenn ich jetzt von meinen Großeltern erzähle. Das liegt daran, weil mich ihr Schicksal an das erinnert, was die ersten Hörer des Prophetenwortes auch durchlitten und erfahren hatten: den Verlust der Heimat und die Mühe des Neubeginns. Meine Großeltern hatten nach dem Krieg alles verloren. Sie durften nur mitnehmen, was sie tragen konnten. Unter schwerer Bewachung wurden sie in Viehwaggons gesperrt und aus der alten Heimat in ein Land gebracht, das sie eigentlich gar nicht kannten. Dort sollten sie sich eine neue Existenz aufbauen. So kamen sie aus dem Sudeten - ins Frankenland. Mit ihrer Hände Arbeit haben sie sich hier eine neue Existenz aufgebaut: mein Großvater hat ein Geschäft gegründet und dann ein Haus für sich und seine Familie gekauft. Wenn ich an die Hörer denke, an die unser Prophetenwort gerichtet ist, muss ich aber nicht nur an meine Großeltern denken,  sondern auch an die sogenannten  Trümmer-frauen, also die Frauen, die mit ihren Händen die Trümmer beiseite geräumt haben, die der Krieg hinterlassen hatte. Mit diesen Menschen vor Augen bekomme ich eine Vorstellung davon, wie den Israeliten zumut war, als sie nach Hause kamen, in ein zerstörtes Land, das auf den Wiederaufbau wartete.


Es waren Heimkehrer, an die sich Jesaja gewendet hatte. Die Zeit der Kriegsgefangenschaft lag wohl schon hinter ihnen. Ein Menschenleben lang lebten sie an den Flüssen Babylons mit der Sehnsucht nach Jerusalem im Herzen. Jetzt sind sie zurückgekommen in ein kaputtes Land. Es war die Zeit des Neubeginns, des Neuaufbaus. Die Trümmer mussten beiseite geräumt und die Vergangenheit bewältigt werden. Vielen war weh ums Herz und sicher nicht wenige waren entmutigt. Das alles wieder aufbauen? Den Tempel, die Stadtmauern, die Häuser? Wie soll das gehen? Diese Menschen hörten die Botschaft vom Anbruch einer neuen Zeit, einer heilvollen Zeit. Sie erfahren, dass ihre zerbrochenen Herzen verbunden werden sollen. Auch hören sie vom Tag der Vergeltung hören. Den Gedemütigten soll Genugtuung geboten werden. 


Was zunächst auf Israels Neubeginn gemünzt war, hören wir heute, am Anfang eines neuen Jahres, ja sogar eines neuen Jahrzehntes. Die zwanziger Jahre sind im Anbruch. Wir sollen darin den Wandel zum Guten miterleben, ja, wir sollen ihn mit prägen. Dazu ermutigen uns die Worte des Propheten. Mit welchem Recht aber dürfen auch wir uns angesprochen fühlen? Es liegt wohl an dem Fest, das wir gefeiert haben und an der Zeit, in der wir uns befinden. Auf diesem Tagen liegt immer noch der Glanz weihnachtlicher Freude. Heute ist der zweite Sonntag nach dem Christfest. Wir haben die Geburt Jesu in dieser Welt gefeiert. Gott selbst hat sich auf den Weg gemacht, um bei uns zu wohnen. Das war die Botschaft vom Heiligen Abend. Sie gilt immer noch. Gott selbst hat der Welt sein menschliches Gesicht zugewandt und ihnen seinen Namen offenbart. Es ist ein Name, der Heil und Rettung bringt: Jesus. „Freue dich o Christenheit“ haben wir deshalb gesungen, mehr oder weniger inbrünstig, aber doch voll Hoffnung und Sehnsucht. Jesus ist gekommen, um den Menschen dieser Welt zu bringen, was der Prophet zunächst seinem Volk verheißen hat: Erlösung, Freude, Genugtuung, Friede, ein neues Selbstverständnis. Um seinetwillen dürfen wir die Prophetenworte so annehmen und verstehen, als ob sie auch für uns gesagt seien.


Die gebrochenen Herzen sollen verbunden werden und wer gebunden ist, soll frei werden. Das wird uns heute zugesagt: Befreiung! Erlösung! Wir sollen frei sein. Die Gebundenen sollen los werden von dem, was sie fesselt. Sind wir denn unfrei? Leben wir nicht in einem freien Land? Wer zu schnell mit Ja antwortet, mag sich eine Gegenfrage gefallen lassen: Warum sind dann so viele Menschen unglücklich in diesem Land? Es gibt vielfältige Erfahrungen von Leid und Not, Unfreiheit und Gebundenheit, auch bei uns, auch in unserer Zeit. Es sind die Schatten, die der Tod auf uns wirft und die uns gefangen nehmen. Sterben müssen wir alle. Vor Krankheit ist niemand gefeit. Das Leid des Abschiednehmens bleibt keinem erspart. Es gibt so viele Beispiele dafür, was viele von uns bedrückt und bindet, was gebrochene Menschen aus ihnen macht - trotz medizinischen Fortschritt, trotz Wohlstand, trotz vielerlei Komfort. Manche versuchen, dieses Gefühl mit Medikamenten in den Begriff zu bekommen, Pillen, die die Leistung steigern und dann wieder Pillen, mit denen  man „runterfahren“ kann, manche greifen nicht zur Tablettenschachtel, sondern zum Alkohol oder zur Zigarette und merken gar nicht, wie sie dabei immer tiefer in die Unfreiheit einsinken. Wieder andere suchen ihr Heil in der Esoterik. Sie ertragen nicht den Gedanken, dass der Tod alles abbricht, woran sie hängen. Ob sie die Worte des Propheten an sich heranlassen?Der sagt: „Schaut hin! Eine neue Zeit beginnt. Es ist die Zeit der Befreiung“  Ihr sollt frei werden von dem, was euch bindet.


Ich stelle mir vor, wie die Israeliten diese Worte gehört haben, wie sie dabei auf die Bauruinen geschaut haben und dann auf  sich selbst, zweifelnd, fragend. Sind wirklich wir gemeint? Und dann werden sie gestaunt haben, weil der Prophet zu ihnen gesagt hat: „Ja, ihr seid gemeint.“ Und dann spricht der Prophet von den neuen Kleidern, die wir bekommen. „Keine zerrissenen und fleckige Trauerkleider mehr sollt ihr tragen,“ spricht der Prophet, „keine Lumpen, wie sie Sklaven und Unfreie tragen, sondern Kleider des Heils.“ 


Wir sollen uns alle in einem neuen Licht sehen. Wir sehen uns in dem Licht, das in der Krippe von Bethlehem zum ersten Mal aufleuchtete und das bis heute in unser Leben scheint. Mit diesem Licht findet das Leben seinen Weg zurück zu den Menschen mit den gebrochenen Herzen, den gebundenen, den zerschlagenen und gedemütigten Seelen. Jesus Christus bringt den Menschen diese Freiheit. Er selbst hat es gesagt und wir haben es gehört, im Evangelium am Neujahrstag. (Lk 4,16ff)  Da legt Jesus in der Synagoge seiner Heimatstadt Nazareth genau diese Prophetenworte aus, die wir heute gehört haben. Ein einziger Satz genügt ihm dazu. Er sagt: „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren!“  Vielleicht verstehen wir jetzt auch, warum Jesus so gerne mit den Menschen gegessen und getrunken hat, warum er in manchen Gleichnissen vom nahen Gottesreich das Bild eines Hochzeitsmahls verwendet. Weil das Leben zur Freude wird. Weil er selbst der Grund dieser Freude ist. Ein Lied aus unserem Gesangbuch beschreibt das mit den folgenden Worten: „Jesus ist kommen, / nun springen die Bande, / Stricke des Todes, die reißen entzwei. / Unser Durchbrecher ist nunmehr vorhanden; / er der Sohn Gottes, der machet recht frei, / bringet zu Ehren aus Sünde und schande; / Jesus ist kommen, nun springen die Bande.“(EG 66,2)


Weil die Fesseln gesprengt werden, die uns binden, wandelt sich unser Leben. Es soll wie eine Hochzeitsfeier sein, auf der man fröhlich ist, weil man sich mit Braut und Bräutigam freut, weil die Musik zu spielen beginnt, nach der man tanzen kann. Diese Freude soll die Melodie eures Lebens sein, die Melodie, die den Takt vorgibt. Hören wir diese Melodie des Lebens, der Freude und des Friedens ? Sie hat bereits eingesetzt. Es ist die Melodie der Freude, mit der die Engel Gott gepriesen haben, damals, auf dem Feld bei Hirten. Sie haben den Anbruch der neuen Zeit besungen. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Dieser Friede will bei mir einziehen, will mich versöhnen mit Gott, mit meinen Mitmenschen und vor allem mit mir selbst. Ein neues Selbstverständnis hat Gott den Menschen ermöglicht.


Ein Freudenbote ist unser Prophet. Er  verheißt den Anbruch einer neuen Welt. Wenn wir dem neuen Jahr entgegen gehen, dann in der frohen Erwartung, dass uns das neue Jahr einen Schritt näher zur Vollendung bringt. So wird das Jahr zum Gnadenjahr. Den Weg in diese Welt hat uns der Gottessohn frei gemacht. Ja, er selbst ist zum Weg in dieses befreite Leben geworden. Deshalb haben wir Grund, voll Zuversicht unseren Weg fortzusetzen im neuen Jahr.  Amen.


 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 5.1.2020