Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)

Predigten im Jahr 2020.


 


 


 März 2020

Bleiben Sie Zuhause? Predigt über Hebräer 13,12 - 14 am Sonntag Judika 


„Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 


„Bleiben Sie Zuhause!“ Seit geraumer Zeit wird uns dieser Aufruf ans Herz gelegt. Daheim bleiben! Nur nicht ohne triftigen Grund die Wohnung verlassen! Nur nicht unter Menschen gehen! Und wenn es denn sein muss, dann Abstand einhalten, mindestens eineinhalb Meter, eher mehr als weniger. Sogar viele Nachrichtensender blenden in ihre Fernsehbilder links oder rechts oben diesen Merksatz ein. Das sieht dann so aus: „#Wir bleiben Zuhause!“ Es ist  ja auch vernünftig, in der gegenwärtigen Situation jedenfalls. Das Risiko einer Infektion durch das Corona Virus ist zur Zeit sehr groß. Da klingt es wie ein trotziger Widerspruch, wenn uns der Verfasser des Hebräerbriefs auffordert, hinauszugehen. Ist das ein Aufruf zum Ungehorsam? Sollen wir etwa ein Bußgeld riskieren und unsere Gesundheit aufs Spiel setzen und die unserer Mitmenschen? Gewiss ist das nicht gemeint. Es heißt ja schließlich: „Lasst uns zu ihm hinausgehen vor das Lager!“ Gemeint ist Jesus Christus.


Um das besser zu verstehen, müssen wir die Adressaten in den Blick bekommen, an die unser Brief ursprünglich gerichtet war. Viele Ausleger vermuten, dass wir dem Hebräerbrief einem hochgebildeten Christen-menschen jüdischer Abstammung zu verdanken haben. Er muss bestens vertraut mit den Schriften des Alten Testaments gewesen sein und geübt in ihrer Auslegung. Der Brief ist nicht an eine bestimmte Gemeinde gerichtet. Er gilt vielmehr den Christen, die nicht mehr so recht wissen, was sie noch glauben sollen. Viele von ihnen haben sich aus der Gemeinde zurückgezogen, vom Glauben abgewendet. Heute würden wir sagen: sie sind aus der Kirche ausgetreten. Rückzug ist auch eine Art von Hinausgehen. Doch das ist genauso wenig gemeint, wie das andere, die Wohnung ohne triftigen Grund zu verlassen. Gemeint ist ein Standortwechsel des Glaubens. Wir sind aufgefordert, darüber nachzudenken, wo wir im Glauben stehen und wo Christus wohl zu finden ist. Für den Verfasser unseres Briefs ist es klar. Nicht mehr im Lager, nicht mehr in der Stadt, nicht mehr im Tempel findet man Christus, findet man das wahre Leben. Sondern draußen. Vor dem Lager. Vor der Stadt. Bei Christus, dem Gekreuzigten. Wir hören also den Aufruf, unter das Kreuz zu treten. Und das bedeutet, das sichere Lager zu verlassen. 


Das Lager! Der  Begriff erinnert an Zeiten, in denen das Gottesvolk noch unterwegs war. Das Ziel war das Gelobte Land. Das Gottesvolk hat in Zelten gelebt. Das Lager - das darf man sich als Zeltstadt vorstellen. Auch Gott hatte man ein Zelt im Lager aufgebaut und zu einem Teil des Lagerlebens gemacht. Sein Zelt wurde Zelt der Begegnung genannt. Dort war Gott zu finden. Luther nannte es die „Stiftshütte“. Im Lager gab es feste Regeln. Im Lager gab es Sicherheit. Da war das Feuer, an dem man sich wärmen konnte. Das Lager wurde bewacht. Außerhalb des Lagers war der Aufenthalt gefährlich, vor allem in der  Nacht. Es gab wilde Tiere und es gab Menschen, die Böses im Sinn hatten, Räuberbanden und Sklavenhändler. Später hat man sich feste Städte gebaut, mit wehrhaften Mauern und sicheren Toren. Die haben das Lager ersetzt. Jerusalem, die hochgebaute Stadt, hat das Lager ersetzt und der Tempel die Stiftshütte. Die Regeln sind geblieben. Gott war ein Teil des Lebens in der Stadt, im Tempel war er zu finden, dort wurde geopfert, gebetet, dort spielt sich das Leben ab.


Die Christen, an die unser Schreiben zunächst gerichtet war, machten nun eine neue Erfahrung. Es war die Erfahrung, nicht mehr dazuzugehören. Da waren Anfeindungen, Misstrauen und Verfolgungen. Und da war der schleichende Zweifel, ob das den alles stimmt, was man gelehrt wurde. Anfeindungen und Zweifel kann  den standfestesten Christen erschüttern. So wird aus dem Aufruf, das Lager zu verlassen die Aufforderung, das alte Leben zu verlassen, alte Sicherheiten aufzugeben. „Lasst uns zu ihm hinausgehen! Lasst uns zu dem gehen, der aus dem Lager hinausgeworfen wurde und den man vor dem Lager getötet hat. Dort ist unser Platz. Dort gehören wir hin.“ Diesen Rat gibt der Verfasser des Hebräerbriefs den im Glauben müde gewordenen Christen.


„Lasst uns hinausgehen!“ Dort, wo die Christen hingehen sollen, ist es nicht schön. Es ist sogar eklig.  Dort riecht es nach Tod und Verwesung. In Jerusalem wurden vor der Stadt die Kadaverreste der Tiere verbrannt, die im Tempel geopfert wurden. Dorthin sollen sie gehen, an einen Ort, an dem man die Nase rümpft, an dem man an die Vergänglichkeit erinnert wird, an dem das Kreuz steht. Draußen, vor der Stadt ist es aufgerichtet worden. Dort hat man nicht nur die Kadaver der Opfertiere entsorgt. Dort hat man auch die Verurteilten ans Kreuz geschlagen, um sie einen langen und oft qualvollen Tod sterben zu lassen. So, wie ihr Herr ihn gestorben ist. Eigentlich sind diese wenigen Worte aus dem Hebräerbrief nur schwer zu ertragen. Wir hören sie heute, am Sonntag Judika. Das ist der zweite Sonntag, an dem wir Zuhause bleiben und nicht in die Kirche gehen sollen. Er führt uns recht nahe hin zum Höhepunkt oder sollte man sagen zum Tiefpunkt der Passion am Karfreitag.


Das Kreuz, draußen vor der Stadt, ist ein Zeichen des Heils geworden. Es wird zum Zeichen dafür, dass Gottes Herrschaft grenzenlos ist. Sie erreicht auch die Orte und Stätten, an denen des Grauen herrscht und die wir meiden. Dorthin ist Jesus gegangen, um das Volk zu heiligen, lesen wir im Brief an die Hebräer.  Heiligen bedeutet, etwas in den Besitz Gottes zu übergeben, es Gott zu weihen. An einem trostlosen Ort wird die Heiligung vollzogen, geschieht die Übergabe an den Gott des Lebens, geschieht der Besitzwechsel aus der Macht des Todes an die Macht des Lebens. Das Kreuz wird zum Zeichen dieser Herrschaft Gottes über Leid und Tod. Und bis heute trägt es Hoffnung an die Orte der Hoffnungslosigkeit, des Todes, der Verzweiflung. Unser christlicher Glaube kann der Hoffnungslosigkeit etwas entgegen setzen. Es ist die Botschaft vom Kreuz, an der wir uns festhalten, damit uns die Verzweiflung nicht wegfegt. Die Botschaft lautet: dort ist Gott zu finden, dort, wo die Not am größten ist - auf den Intensivstationen, in den Leichenhallen mit den aufgebahrten Särgen, an den Kranken - und  an den Sterbebetten. Es gibt keinen Ort, an dem Gott nicht zu finden ist.


Heute hören wir den Aufruf, dass wir hinaus gehen sollen vor das Lager. Und noch etwas hören wir: dass wir mit Christus die Schmach tragen sollen! Um das zu verstehen, müssen wir darauf schauen, wie Christus behandelt wurde und wie er gestorben ist - als Versager, ausgelacht, gequält und ohne Hoffnung. Alles, was beim Menschen Eindruck hinterlässt, hat man ihm genommen. Nichts ist ihm geblieben. Nichts als der Schrei am Kreuz, der Ruf nach Gott. Es ist diese Schmach der Sprachlosigkeit, die wir auf uns nehmen sollen. Es ist der Verzicht auf Argumente, auf schöne Worte und Erklärungen, auf alles, was Menschen beeindrucken könnte. Nichts bleibt uns. Nur das Kreuz und was es uns sagt: dass Gott uns in dieser Sprachlosigkeit und Verzweiflung nicht allein lässt, dass Gottes Herrschaftsbereich nicht am Grab endet. Nichts haben wir mehr, wenn wir schwach sind, nichts als unser Vertrauen auf Gottes Nähe. Keine Sicherheit bleibt uns, nur die Liebe, nur unser Gebet, nur unsere Hoffnung, nur unser Kreuz, an dem wir uns festhalten. Wenn uns das bewusst wird, dann haben wir das Lager verlassen.


Lasst uns hinausgehen und seine Schmach tragen, seine Hilflosigkeit, seine Schwäche, den Spott und die Schande! Wie können wir das tun, ohne darunter zu zerbrechen? Vielleicht, weil uns die Hoffnung einen Blick über das Grab hinaus werfen lässt? „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die Zukünftige suchen wir!“ Das wird uns gesagt, als Begründung angefügt, als Erklärung, warum wir hinausgehen und die Schmach tragen können. „Wir haben keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir!“ Da gibt es Hoffnung über den Tod hinaus! Mit diesen Worten und in dieser Hoffnung begleiten wir in der Regel unsere Toten auf ihrem letzten Weg von der Leichenhalle auf dem Friedhof zum Grab. Dieses Wort erinnert uns daran, dass das Lager, die Stadt, in der wir unser Leben verbringen, eben keinen Schutz bieten und der Aufenthalt dort schon gar nicht von Dauer ist. Am Ende leben wir immer noch unstet, wie vor langer Zeit unsere Väter und Mütter. Wir  leben in Zelten. Doch wir haben etwas, das uns Mut macht. Es ist die Hoffnung auf die zukünftige Stadt, die ewige Stadt, in der Gott die Tränen von unseren Augen abwischen und in der kein Leid und keine Wehklage mehr sein wird. Wir verlassen das Lager, aber mit einem guten Ziel vor Augen. Die große Herausforderung - auch ohne Corona - Virus - besteht wohl darin, in dieser Spannung zu leben, sie zu ertragen, dieses Wissen, dass es keine Sicherheit gibt, dass unser Leben endlich und verletzlich ist. Wir können damit umgehen, wenn wir auf das Zeichen schauen, das vor allem an den Orten des Todes vom wahren Leben erzählt und von der Hoffnung, die wir bei aller Verletzbarkeit haben. Wir haben das Kreuz, das Zeichen, das Mut macht an den Orten, die nach Tod riechen, die Hoffnung nicht fahren zu lassen. Es ist ein Wegweiser, das Kreuz. Es weist uns den Weg, den wir gehen sollen, wenn wir das Lager verlassen. Es weist uns den Weg in das Leben, das uns von dem geschenkt wird, der am Kreuz den Tod überwunden hat. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, 29.3.2020, Altenstein



(K)ein Grund zur Freude in dieser Zeit? Predigt über Jesaja 66,10 -14 am Sonntag Lätare 


Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden. Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart


Das haben wir alle wohl schon einmal miterlebt: ein kleines Kind schreit sich die Seele aus dem Leib, weil es Hunger hat. Endlich kommt die Mutter und beugt sich über das Bettchen. Behutsam nimmt sie ihr Baby in die Arme und legt es an ihre Brust. Sofort wird es still. Es saugt behaglich und schmatzt und fühlt sich wohl dabei. Der Schmerz, der Hunger, was auch immer die Tränen hervor gebracht hat, ist vergessen. Die Mutter wiegt es  nach dem Stillen eine Weile, streicht dem Kind liebevoll über den Rücken und summt ein Lied dabei. So schläft es zufrieden ein, das Köpfchen ruht in der Halsbeuge der Mutter. Die Welt ist wieder in Ordnung. 


Mutter und Kind. Ein Bild der Geborgenheit. Menschen aus aller Herren Länder, aus allen Kulturkreisen und Kontinenten kennen es, wärmt es das Herz. Ein intimes und inniges Bild der Verbundenheit sehen wir vor uns. Dieses Bild nimmt der Prophet Jesaja hinein in seinen Zuspruch an das Volk von Jerusalem. „Freuet euch!“ ruft er aus. „Seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt!“ Das Leben, nachdem ihr hungert, ist zu ihr zurückgekehrt. Es blüht wieder auf in der Stadt, die so viel hat erleiden müssen, die die Erinnerung an Bilder der Zerstörung und des Leidens im Herzen bewahrt hat. Diese Zeit ist vorbei. Das Leben ist zurück. Die Krise ist überwunden. 


Wie ich die Menschen beneide um diesen Zuspruch. Wie sehr ich mich nach einem ähnlichen guten Wort sehne! Und gewiss nicht nur ich, wohl auch noch viele andere, sicher auch Sie. Wie hat sich unser Leben doch in den letzten Tagen verändert. Ein kleines Virus hat unser Leben auf den Kopf gestellt, die Wirtschaft lahm gelegt, tausende von Menschen befallen, mancher trägt es vielleicht sogar in sich, ohne es noch zu wissen. Man kann es nicht riechen, man kann es nicht sehen, fühlen oder schmecken - und es ist doch da und verfügt schon über unser Leben. Das macht vielen Angst. Wie gut würde jetzt ein Zeichen der Zuwendung tun - eine Umarmung, die mir zeigt, dass ich nicht allein bin oder ein ermutigender Händedruck. Wie gut würde Nähe tun, wie sie das Kind an der Brust der Mutter empfindet. Doch genau das alles müssen wir bleiben lassen. Aus Liebe zum Nächsten sollen wir auf Nähe verzichten, aus Freundschaft und Verantwortung heraus zum Freund und zur Freundin auf Distanz gehen - was für eine paradoxe Situation, in der wir dieses Wort aus dem Alten Testament hören. Da sehnt man sich nach dem Trost, den man in den Armen der Mutter einmal gefunden hat. Gibt es eine innigere Nähe als die einer stillenden Mutter zu ihrem Kind?


Dieses Bild wird uns vor Augen gestellt, verbunden mit dem Aufruf zur Freude. „Freut euch mit Jerusalem!“ Worüber sollen sich die Israeliten eigentlich freuen? Vielleicht ahnen wir es, wenn wir auf die Worte des Propheten hören: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen und euer Gebein soll grünen wir Gras…“ 


Gott will uns trösten! Er tröstet, wie eine Mutter tröstet! Ich denke bei diesen Worten daran, wie mich meine eigene Mutter getröstet hat, als ich noch klein war. Ich denke daran, wie sie mich in die Arme genommen und an sich gedrückt hat, wie sie mir zärtlich übers Haar gestrichen und dabei Koseworte ins Ohr geflüstert hat. Da bin ich zur Ruhe gekommen, da sind meine Kummer und meine Tränen schnell versiegt. Trost spenden hat eine persönliche Note, ist immer mit Zuneigung verbunden und hilft besonders, wenn es von einer körperlichen Geste begleitet wird. Die Art der Zuwendung, hat sich geändert, als ich größer und älter und erwachsen wurde. Und doch war da eine Erinnerung, war das etwas, was von Anfang an da war - wenn wir uns umarmt haben, wenn wir uns nahe waren. Es war der Trost, es war die diese Erinnerung da, dieses Wissen um die innige Verbindung von den ersten Tagen meines Lebens an. Gott sagt: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Er tröstet, indem er sich den Menschen persönlich zuwendet und neues Leben schenkt. Wie gut, dass Gott dabei kein Virus fürchten muss.


Die Israeliten konnten sehen, welche Folgen die Zuwendung Gottes für sie hat. Sie haben erfahren, wie Leben aus diesem Trost entstanden ist, wie die erstorbene Stadt Jerusalem zu neuem Leben erwacht ist, wie die eingerissenen Mauern wieder hochgezogen und der zerstörte Tempel wieder aufgebaut wurde, wie das Leben zurück gekehrt ist, mit all den Festen und Feiern, den Gottesdiensten, die so lange nicht mehr gegeben hat. Freuet euch, hören wir heute Jesaja sagen, freut euch, weil Gott euch tröstet, weil das Leben zu euch zurückkehrt.


Als Christen glauben wir, dass Gott sich der ganzen Welt persönlich zugewandt hat, nahe gekommen ist, dass er Mensch geworden ist. Im Augenblick leiden wir unter dem Gegenteil von Nähe. In Augenblick kommt das Leben zum erliegen. Im Augenblick wird uns Nähe verboten. Da können wir nur die Augen aufheben, sehnsuchtsvoll, und mit dem Lieddichter Friedrich Spee aus dem Gesangbuch die Frage stellen: „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm tröst uns hier im Jammertal…“ (EG 7) Wir glauben, dass Gott die Frage nach dem Trost längst beantwortet hat. In Jesus Christus ist der lang ersehnte Trost Gottes zu den Menschen gekommen, persönlich und in einer unüberbietbaren Weise.  Der Menschensohn hat den Menschen Worte des Lebens zugesprochen und ihnen mit seiner Hinwendung manche Last von der Seele genommen, die sie beschwert und am Leben gehindert hat. Seinen Jüngern spricht er beim Abschied vor seiner Verhaftung einen Trost zu, an dem wir uns festhalten dürfen: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“ (Joh. 14,19) Diese Hoffnung auf Leben und auf Zukunft ahnen wir auch in den Worten des Propheten Jesaja. „Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen und euer Gebein soll grünen wir Gras…“


Freuet euch! Dieses Wort hören wir in einer schweren Zeit, in der wir mit Einschränkungen zu leben haben, wie viele von uns sie noch nie erlebt haben. „Ihr habt nun Traurigkeit. Aber euer Herz wird sich freuen und eure Freude soll niemand von euch nehmen!“ (Joh.16,22) Dieses Versprechen hat Jesus seinen Jüngern beim Abschied gegeben. Euer Herz wird sich freuen, weil nicht ein Virus, nicht die Isolation, nicht die Angst und schließlich auch nicht der Tod das letzte Wort und die letzte Macht über uns haben, sondern das Leben. Dieses Leben ist in Christus erschienen. An diesem Leben sollen wir teilhaben. „Lätare“ heißt dieser vierte Sonntag in der Passionszeit. „Freut euch!" Warum? Weil wir nicht dem Tod entgegen gehen. Wir gehen österlichen Zeiten entgegen. Diese Botschaft sagt mir heute das Wort aus dem Prophetenbuch. Möge es seine Wirkung entfalten. Möge die Hoffnung und nicht die Traurigkeit unseren Alltag prägen.  Möge uns diese Hoffnung durch die Zeit tragen, bis wir einander wieder in die Arme schließen können. Amen.


 

© Pfarrer Stefan Köttig, 22.3.2020, Altenstein






Wenn die Furchen krumm werden. Predigt am Sonntag Okuli 


Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart


Mit dieser harschen Abfuhr habe die drei Männer sicher nicht gerechnet. Im Gegenteil. Sie hatten etwas anderes erwartet: ein Zeichen der Freude  über die Absicht, Jesus nachzufolgen, vielleicht, ein herzliches Schulterklopfen, eine Umarmung als Willkommensgruß. Stattdessen hören sie Worte, die man auch als Zurückweisung verstehen könnte. Eines davon begleitet uns als Wochenspruch: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes!“ 


Ein starkes Wort wirft Jesus ihnen da an den Kopf.  Was ist da eigentlich passiert? Der Evangelist Lukas erzählt von drei Männern, die zu Jesus gekommen sind. Der erste sagte zu ihm: „Ich will dir folgen, wohin du gehst!“ Sicher hatte er schon viel von Jesus gehört, vielleicht war er auch  zum Augenzeugen eines Wunders geworden. Das hatte ihn wohl beeindruckt. An der Seite dieses Mannes, an der Seite Jesu, würde er gerne leben. Aber dann muss er sich diese Worte anhören: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege!“  Das Leben, das Jesus führt, ist unstet. Es ist ein Leben auf der Straße, schutzlos, angreifbar, obdachlos. Überleg dir gut, ob du das eintauschen willst gegen das sichere Heim, das warme Herdfeuer im Winter, die Geborgenheit in der Familie. Ob er sich’s dann nochmal überlegt hat, der Mann?


Ein anderer wird von Jesus selbst aufgefordert, mitzukommen. Er möchte das auch gerne tun, will zuvor aber seinen Vater beerdigen, der gestorben ist. Gehört das nicht zu den selbstverständlichen Pflichten eines Kindes? Dafür hätte doch wohl jeder Verständnis. Jeder, außer Jesus. Der sagt: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes.“ Noch so eine kalte Wort -  Dusche! Jesus nachzufolgen bedeutet nicht nur, die sichere Existenz gegen ein Wanderleben einzutauschen. Nachfolge heißt auch bereit zu sein, sofort aufzubrechen, alles hinter sich zu lassen. Die Welt, die Familie, die Freunde sind für ihn gestorben. „Lass die Toten ihre Toten begraben!“ Die Sache Jesu duldet keinen Aufschub. 


Ein Dritter schließlich möchte sich ebenfalls in die Schar der Jünger einreihen. Aber nicht sofort. Zuvor will er sich noch  von seiner Familie verabschieden. Der muss sich sagen lassen, dass er wohl nicht für dieses Leben in der Nachfolge taugt. Wie gesagt: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes!“


Wie genau ein Pflug zur Zeit Jesu ausgesehen hat, lässt sich nicht so genau sagen. Er war wohl noch bescheidener als der Pflug, aus dem letzten Jahrhundert, den man in Ebern anschauen kann, wenn man von der Eiswiese zum Marktplatz durch die Passage geht. Dort sind alte landwirtschaftliche Geräte ausgestellt. Die Arbeit mit so einem Pflug war sicher eine schweißtreibende und anstrengende Arbeit. Er wurde von Ochsen gezogen. Der Bauer musste darauf achten, dass die Furchen gerade bleiben und der Pflug nicht an einem Hindernis hängen bleibt. Wer mit dem Pflug arbeitet, muss also  nach vorne schauen, bei der Sache sein. Und so ist es auch mit der Nachfolge: man muss ganz dabei sein. 


Ehrlich gesagt erschreckt mich dieses Jesuswort. Sind wir nicht durch die Taufe ebenfalls in die Nachfolge gerufen? Müssen wir deshalb alles aufgeben? Darf es nichts anderes geben neben Jesus, keine Familie, keine anderen Kontakte, keine Beziehungen, kein Privatleben? Es überrascht mich nicht, dass viele, die Jesus nachfolgen wollten, nach so einer Ansage den Kopf eingezogen haben und enttäuscht nach Hause gegangen sind. 


Mich regt dieser absolute Anspruch heute an, einmal darüber nachzudenken, was mir wirklich wichtig ist in meinem Leben - und welche Rolle der Glaube darin spielt. Der christliche Glaube lebt aus der Beziehung zu Jesus Christus. Wie sieht meine Beziehung aus? Genügt es mir, ein bisschen fromm zu sein, reicht mir ein Wohlfühlglaube in der frommen Nische für die Sonn - und Feiertage? Welche Bedeutung hat der Glaube an Jesus für mein Leben im Alltag, für meine Entscheidungen, die ich treffe, für meinen Umgang mit den Mitmenschen? Lasse ich ihn Anteil haben an dem, was ich denke und fühle? Rechne ich fest mit ihm, wenn ich eine Entscheidung treffe. Vertraue ich ihm? Vertraue ich ihm mein Leben an und alles, was mir wichtig ist?


Lange habe ich selbst mit diesem absoluten Anspruch gehadert, den Jesus mit diesen Worten wohl an mich stellt. Und doch tut es mir gut zu wissen: es gibt auch nur einen, der diese radikalen Forderungen der Nachfolge an mich stellen darf.  Kein Vaterland, kein Volk, kein Vorgesetzter, keine Partei, auch kein Wortführer des Glaubens oder des öffentlichen Lebens, kein Bischof und keine Partei darf diesen absoluten Anspruch an mich und mein Leben stellen. Nur einer darf dies tun. Das ist  Gott, der in Jesus Christus selbst ein schwacher und angreifbarer Mensch geworden ist.  Wir hören diese Rufe in die Nachfolge in der Passionszeit, in der wir den Leidensweg Jesu bedenken. Jesus hat das Kreuz für mich das Kreuz getragen - und mit dem Kreuz auch meine Unzulänglichkeiten, meine Schwächen, mein Unvermögen und mein Erschrecken darüber, wie krumm die Furchen sind, die ich tagtäglich ziehe, wenn ich die Hand an den Pflug lege und dann halt doch immer wieder zurücksehe, wenn ich spüre, wie sehr ich doch an diese Welt gebunden bin und an alles, was zu dieser Welt gehört: Beruf, Freunde, Familie und vieles mehr.


Was mich am Ende geschickt macht für das Reich Gottes, was mich tauglich macht, sind nicht die Furchen, die ich selbst in meinem Leben gezogen habe. Es sind vielmehr die Furchen, die das Kreuz auf den Schultern des Gottessohnes hinterlassen hat, es sind die Furchen, die Christus mit seinem Leiden, seinem Sterben, seinen Sieg  für mich gezogen hat. Das ist es, was mich am Ende gerecht und geschickt und tauglich macht für Gottes Reich. Und darüber bin ich dann wieder von Herzen froh und dankbar. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, 15.3.2020


Frieden mit Gott. Predigt über Römer 5,1 - 5 am Sonntag Reminiszere zur Vorstellung der Konfirmanden 

Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus. Durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“  Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart


Als ich mich auf den Beruf des Pfarrers vorbereitet habe und es am Ende der „Lehrzeit“ im Vikariat um das Dienstzeugnis ging, wurde ich von meinem Vorgesetzten gefragt: „Was können sie gut! Mit welchen Gaben können Sie der Kirche dienen!“ Da war ich etwas überrumpelt und auch ein wenig in meiner Eitelkeit verletzt! Der Kirche dienen! Ein Diener wollte ich eigentlich nicht werden. Ein Diener hat zu gehorchen. Ich war enttäuscht. „Es geht also in der Kirche auch so zu, wie in den weltlichen Betrieben…“ dachte ich mir damals. „Du musst dich gut verkaufen können, um etwas zu erreichen, um vorwärts zu kommen!“ Das lernt man bereits in der Schule. Ich muss immer etwas leisten, etwas gut können, etwas vorweisen, damit ich ankomme, damit ich weiter komme. In der Schule zählen die guten Noten. In der Berufsausbildung, im Studium und dann auch, wenn man einen Job hat,  zählen Leistung und Erfolg. Du musst dich einbringen, sonst bleibst du auf der Strecke.


Wie wohl der Apostel Paulus so ein Bewerbung - oder Beurteilungs-gespräch geführt hätte? Wenn ich mich an seinen Worten aus dem Römerbrief orientiere, dann hätte er es wohl ganz anders begonnen. Er hätte nicht nach dem gefragt, was ich gut kann. Er hätte nicht zuerst auf meine Noten oder meine Beurteilungen geschaut. Er hätte mich wohl zuerst einmal auf das hingewiesen, was mir geschenkt wird - und zwar, noch bevor ich den Mund aufgemacht hätte, um mich gut darzustellen. Unser Predigtabschnitt jedenfalls beginnt mir dem Hinweis auf das, was schon längst geschehen ist. Wir sind gerecht geworden durch den Glauben, schreibt Paulus. Und deshalb können wir ganz entspannt sein. Wir müssen nicht etwas werden. Wir sind schon etwas. Wir sind Kinder Gottes. Seine Liebe und Anerkennung muss ich mir nicht erst verdienen. Und gut verkaufen muss ich mich schon gar nicht. Dass es genügt, so zu sein, wie ich bin, dafür hat Jesus Christus gesorgt. Der hat die Fehler, die Schattenseiten, die Makel, alles, was man nicht gerne in den Lebenslauf reinschreibt, überwunden. Er hat sie nicht vertuscht, die Fehler. Er hat sie auch nicht wegretuschiert, die Schattenseiten. Er hat sie nicht verharmlost, die Sünden. Er hat sie überwunden. Er hat für mich ausgebadet, was mich von Gott trennen könnte, was mich runterzieht. Das ist gemeint, wenn Paulus schreibt, dass wir gerecht geworden sind. An die Stelle von Angst tritt der Friede. „Wir haben Frieden mit Gott!“schreibt Paulus. Das ist unser Beziehungsstatus: wir leben in Frieden mit Gott. Mir schenkt diese Aussage Sicherheit, es stärkt mein Selbstbewusstsein, nimmt mir die Angst, ich könnte zu kurz kommen. Wer im Frieden mit Gott lebt, muss sich auch nicht mehr Gedanken machen, wie er bei den anderen gut dasteht. Der Friede mit Gott macht mutig. Gott macht uns mutig. Er ermutigt uns, den anderen zu sagen und zu zeigen, was wir glauben und was uns froh macht, was uns gelassen sein lässt. Da dürfen wir dann ruhig ins Schwärmen geraten.  „Wir rühmen uns der Hoffnung auf die zukünftige Herrlichkeit...!“ schreibt Paulus den Römern und spricht im selben Atemzug von dem, der der Grund für unsere Hoffnung ist: Jesus Christus, Gottes menschliche Seite.  Sagen wir also den anderen sagen, was uns froh macht. Froh macht uns, dass wir einer guten Zukunft entgegen gehen. Ich meine das Leben, das uns geschenkt wird. Es ist ein Leben in der Liebe Gottes, der uns die Anerkennung schenkt, die uns von anderen oft versagt wird. Deshalb können wir auch manches aushalten. 


Damit wir uns nicht täuschen - jetzt kommt keine Heile - Welt - Geschichte. Das Leben wird nicht einfacher, bloß weil man glaubt. Im Gegenteil. Die Lebensgeschichte von Paulus zeigt, wohin das führen kann, wenn man an einem Glauben festhält, der im Widerspruch steht zu allem, was in dieser Welt gilt - im Widerspruch zum Drängeln nach Vorne und zum ständigen Konkurrenzkampf. Die Welt mit ihren eigenen Gesetzten kann einen auch schon in die Enge treiben. Deshalb schreibt der Apostel von den Bedrängnissen, in die er geraten ist. Angriffe gegen ihn hat’s genug gegeben: Wortattacken und Mordanschläge, Peitschenhiebe und beissenden Spott. Und am Ende wartete die Todeszelle auf ihn. Trotzdem gilt sein Wort: „Wir haben Frieden mit Gott!“ Und dieser Frieden hat den Apostels sogar so weit gebracht, dass er sich sogar im Gefängnis noch freuen konnte. Er hat sich gefreut, dass der Glaube nicht totzukriegen ist, dass er weiterhin verkündigt wird, dass Menschen die gute Nachricht weitergegeben wird: wir haben Frieden mit Gott.


Wenn wir im Frieden mit Gott leben, darauf vertrauen, dass er uns liebt, so, wie wir sind, können wir auch die miese Seite dieser Welt ertragen. Wenn das Leben schwer fällt, wenn die Misserfolge uns niederdrücken, wenn uns die andern auslachen, dann müssen wir das nicht allein aushalten. Wir sind dann dem Herrn ganz nah, der das auch alles  ausgehalten hat. Wir denken an seinen Leidensweg. In den Wochen vor Ostern schauen wir besonders darauf. Wir hören die Passionsgeschichte. Sie erzählt von Jesus, der mit uns leidet und dabei ganz „auf unserer Wellenlänge“ ist. Wenn wir den Weg Jesu nachgehen, begegnen wir ihn, der uns nahe kommt, der das Leben mit uns teilt, der unser Schicksal mit uns teilt, unsere Angst und unsere Erfolglosigkeit. Jesus ist schwach und hilflos. Er ist alles andere als ein Siegertyp. Vielmehr erscheint er als der ewige Verlierer, der den Kürzeren zieht und am Kreuz einen langsamen Tod stirbt. Widerspreche ich mich jetzt? Gewiss nicht. Wir bleiben ja nicht beim Misserfolg, beim Tod Jesu stehen. Wir schauen darüber hinaus. Wir bekennen, er hat den Tod überwunden. Gott hat ihn aus dem Grab geholt, am dritten Tag. Jesus, das ist nicht nur der Gekreuzigte, es ist auch der, den verängstigten Jüngern erscheint und ihnen die Angst nimmt. „Ich bin bei euch, alle Tage!“ Das sagt der Auferstandene seinen Jüngern. Er sagt es auch zu uns. Es gilt, vor allem, wenn wir uns allein fühlen.


Gott schenkt mir etwas, sagt uns Paulus. Er legt mir etwas ins Herz.  „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist“ schreibt der Apostel. Diese Liebe macht mir Mut, am Glauben festzuhalten und ihn weiterzugeben, ihn mit anderen zu teilen. Dieses Geschenk Gottes macht mir Mut, die Menschen mit anderen Augen zu sehen, nicht nach dem zu bewerten, was sie können, nicht zu beurteilen, nicht zu verurteilen. Die Liebe macht mir Mut, im anderen vor allem den Mitmensch zu sehen, der wie ich nichts anderes will, als geliebt zu werden, anerkannt zu werden. Gott hilft mir, die Welt freundlicher, menschlicher zu machen. Mit der Liebe Gottes im Herzen sehe ich die Welt in einem neuen Licht und sicher auch mich selbst. Die Welt ist manchmal schwer zu ertragen, gewiss. Aber es ist nicht  nur eine „böse“ Welt, in der wir leben. Sondern es ist Gottes Welt. Und ich lebe in ihr. Ich mache nicht immer alles richtig. Aber ich vertraue darauf, dass Gott mir hilft, ein gutes Leben in dieser Welt zu führen und sie dadurch ein wenig besser zu machen. Das geschieht, wenn ich ein Leben führe, das sich nicht nur auf Leistung und Erfolg gründet, sondern auch auf Liebe und Menschlichkeit. Dazu macht Jesus mir Mut. Er ist ein wahrer Mensch geworden,  damit wir  wahre Menschen sein können. Wahre Menschen sind wir, wenn wir im Frieden mit uns und miteinander und mit Gott leben, wenn sich in unserem Denken nicht alles nur um gute Quoten, gute Noten, um Likes und Erfolg dreht, sondern vor allem um Anerkennung und Wertschätzung, um Liebe und Vertrauen. Das sind doch die Güter, die das Leben in dieser Welt schön machen. Daran glaube ich - und zu diesem Glauben und zu diesem Leben im Gottvertrauen möchte ich euch alle ermutigen. Amen. 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 8.3.2020


 Februar 2020

Dem Leidensweg nachgehen. Predigt über Lukas 18,31-43 am Sonntag Estomihi 


Jesus nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. Die Jünger aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.

Es geschah aber, als er in die Nähe von Jericho kam, da saß ein Blinder am Wege und bettelte. Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. Da verkündeten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorüber. Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott. (Lutherbibel 2917, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart:


Stellen Sie sich die folgenden Szene vor, morgens am Frühstückstisch. Sie sagt: „Du, es geht mir nicht gut!“  Er antwortet (ohne von seiner Zeitung aufzusehen): „Dann geh zum Arzt!“  Sie sagt: „Du hörst mir einfach nicht zu!“ Er antwortet: „Ich hab gehört, was du gesagt hast.  Du bist  krank.“ Sie sagt: „Nein, ich hab gesagt, es geht mir nicht gut.“  Und nach einer Weile sagt sie:  „Du, ich gehe.“  Er antwortet: „Vergiss nicht wieder den Schlüssel.“  Sie sagt: „Ich bin dann weg.“ Er antwortet: „Tschüß“.


Eine kurze Szene. Eigentlich eine Tragödie unter Menschen. Sie reden nicht miteinander. Sie tauschen nur Worte aus, reden aneinander vorbei. Um miteinander zu reden, braucht es mehr. Die Worte müssen einen weiten Weg zurücklegen vom Mund des einen in das Ohr und von dort in das Herz des anderen. Auf diesem Weg liegen oft viele Hindernisse, die den Zugang blockieren. Die Gleichgültigkeit zum Beispiel. Oder die Achtlosigkeit. Oder die Lieblosigkeit. Oder die Gewohnheit. Die Routine. Man hört, was der oder die andere sagt. Aber man hört nicht zu. Die Worte kommen an, die Botschaft bleibt auf der Strecke. Die Tragödie nimmt ihren Lauf.


Ob es solche tragischen Momente im Leben Jesu ebenfalls gegeben hat?  Augenblicke, in denen Jesus von den Menschen, die ihm am Nahe standen, einfach nicht verstanden wurde? Ich denke, dass es immer wieder solche Momente gegeben hat. Seine Worte haben die Jünger wohl gehört, aber nicht erreicht. Ich denke, dass Jesus darunter gelitten hat. Und dass das auch zum Leidensweg Jesu gehört hat. Es  waren ja nicht irgendwelche Menschen. Es waren seine Weggefährten, die engsten Freunde und Vertrauten! Und gerade die verstehen ihn nicht. „Wir wollen uns auf den Weg nach Jerusalem machen!“ sagt Jesus. Er will sie vorbereiten auf das, was ihn der Heiligen Stadt erwartet. „Dort soll alles geschehen, was die Propheten vom Menschensohn geschrieben haben“ sagt er. „Er soll den Heiden ausgeliefert werden. Man wird seinen Spott mit ihm treiben, ihn misshandeln,  foltern und töten. Aber am dritten Tag wird er auferstehen!“ Doch die Jünger reagieren nicht auf diese Andeutung der bevorstehenden Tragödie. Ob sie nur mit halbem Ohr hinhörten? Sie hörten, dass es nach Jerusalem gehen solle. Gewiss! Schließlich wird bald das Passahfest gefeiert. Da werden sie nicht die einzigen sein, die sich auf den Weg machen in die Heilige Stadt.  Mit drei unterschiedlichen Begriffen unterstreicht der Evangelist Lukas die Tragik in diesem Verhalten der Jünger. Er sagt: sie begriffen nichts, der Sinn der Rede war ihnen verborgen, sie verstanden nicht, was damit gesagt war. Sie merken nicht, dass Jesus von sich selbst spricht, von seinem Weg, von seinem Schicksal.


Jesus sagt: „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.“ Der Weg nach Jerusalem ist mühsam und unheimlich. In zahlreichen Serpentinen führt er die Wanderer durch unwegsames Bergland. Ich denke nicht an gesicherte, gut ausgebaute Straßen, viel mehr an schmale, steinige Pfade. Es ist, als ob dann bereits der Weg einen vorbereiten möchte auf das, was Jesus in Jerusalem erwartet: die Demütigungen,  die Todesangst und das schwere Sterben. Die Jünger ahnen nichts davon. Sie verstehen nicht, dass Jesus von sich und seinem Tod zu ihnen spricht. Vielleicht liegt das daran, weil das nicht in ihr Bild passt, dass sie von ihm haben. Für sie ist Jesus der Herr. Sie sehen die Zeichen und Wunder, die er vor den Augen der Menschen vollbringt und warten wohl insgeheim darauf, dass er endlich das letzte, große, von allen sehnsüchtig erwartete Wunder vollbringt. Vielleicht wird er es in Jerusalem tun - vielleicht wird er dort die Hände zum Himmel erheben und mit Gottes Hilfe die Wende herbeiführen - das Joch der Heiden von den Schultern des Gottesvolkes reißen, die Römer zum Teufel jagen und die Herrschaft Gottes auf Erden errichten. Mit den Worten Jesu von der Schande, vom Leiden und Sterben des Menschensohns können sie nichts anfangen. Das passt nicht in ihr Bild vom Retter der Welt! Jesus geht einen ganz anderen Weg: in die Erniedrigung, in den Tod. Er geht ihn, um die Menschen aus der Gewalt des Todes zu befreien. Das ist schwer zu verstehen. Bis heute. 


„Lasset uns mit Jesus ziehen!“ heißt es in einem Lied zur Passionszeit. Es fordert uns auf, sich diesem Jesus anzuschließen. Er ist seinen Weg im Gehorsam vor Gott gegangen. Der Gottessohn hat auf diesem Weg alles zurückgelassen, was uns Menschen beeindrucken könnte: machtvolle Auftritte, geschliffene Worte und geschliffene Schwerter. Das ist nicht nur für die Jünger eine Zumutung, sondern auch für uns moderne Menschen. Ist Schwäche und Misserfolg nicht gerade in unserer auf Leistung ausgerichteten Gesellschaft eine Todsünde? Möchten wir nicht auch glänzen vor den anderen, möchten wir nicht auch bewundert werden?


Jesus spricht zu den Jüngern von seinem Leidensweg, als sie in Jericho waren. Die Palmenstadt liegt auf dem Weg. Als Jesus in die Stadt kommt, ist alles auf den Beinen. Natürlich will jeder diesen Rabbi sehen, von dem sich soviel erzählt wird. Auch Bartimäus bekommt das mit. Er hört, wie die Menschen an ihm vorbeirennen. Sehen kann er sie nicht. Er ist blind. Als er erfährt, wer da durch die Straßen der Stadt zieht, beginnt er laut zu schreien: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner.“  Bartimäus, der Bettler aus der Gosse kann Jesus nicht sehen. Er nimmt ihn wahr. Er spürt, wer dieser Rabbi aus Nazareth ist. Als er den Menschensohn in seiner Nähe spürt, beginnt er, seine Not, seine Sehnsucht, seinen Jammer hinauszuschreien. „Herr, erbarme dich!“ schreit er.  Der Schrei verhallt nicht ungehört.  Der Menschensohn, der freiwillig in den Tod geht, der Schimpf und Schande auf sich nimmt, der geschwächt, verlacht und am Ende seiner Kräfte am Boden liegen wird, ist wirklich ein Herr, der sich erbarmt. Er bleibt stehen und ruft den Bettler zu sich: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ fragt er den Bettler. Und der antwortet: „Herr, dass ich sehen kann!“ Da spricht Jesus zu ihm: „Sei sehend, dein Glaube hat dir geholfen!“ Keine spektakuläre Handlung, keine übertriebenen Gesten, einfach nur ein Wort genügt: Sei sehend!  Bartimäus hat an diesem Tag ein Wunder erlebt. Ihm sind die Augen aufgegangen. Er hat wirklich wieder sehen können. Nicht nur den Himmel und die Erde und die Häuser und die Menschen. Er hat in dem, der vor ihm steht und mit ihm spricht, den Sohn Gottes erkannt - einer, der nach Jerusalem zieht, um für die Menschen etwas zu tun, was sonst niemand für sie tun kann: um für sie zu sterben, um ihnen so den Weg in das Leben der Auferstehung zu ebnen.


Von Blinden und Sehenden handelt das Evangelium und vielleicht auch von Hören und Verstehen. Es geht um die Jünger und um Bartimäus - und vielleicht auch um uns. Es geht jetzt nicht nur um das Augenlicht, das der Bettler aus Jericho wiederbekommen hat. Es dreht sich jetzt alles um das Begreifen, um Wahrnehmen und Nicht  Wahrnehmen — im Blick auf den Weg und die Person Jesu. Ich denke, die Jünger waren die wirklich Blinden und die Tauben. Sie waren geblendet von dem Bild, das sie sich von Jesus gemacht haben und vielleicht auch von Gott. Und deshalb waren sie auch taub für die Worte, die vom Leiden sprechen. Sie haben sie zwar gehört, aber nicht verstanden. Die Worte Jesu haben die Ohren, aber  nicht das Herz der Jünger erreicht.


Bei Bartimäus war das anders. Er spürt die Nähe Gottes und wird uns zum Vorbild für das, was wir Glauben nennen. Vielleicht muss man ganz unten sein, so wie er. Vielleicht muss man sich seiner leeren Hände und seiner ganzen Hilflosigkeit erst bewusst werden, vielleicht muss man das erst schmerzhaft erkennen, dass nichts anderes mehr hilft, um wie Bartimäus rufen zu können: erbarme dich. Vielleicht sind Menschen wie die Jünger deshalb blind und taub für Jesus, weil sie insgeheim noch ihren eigenen Kräften und Möglichkeiten etwas zutrauen und meinen, so restlos doch nicht auf die Barmherzigkeit eines anderen angewiesen zu sein?


Einstimmen sollen wir in den Ruf des Bartimäus. Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner. In der Sprache der       Evangelisten heißt das: Kyrie eleison. Denken wir daran, wenn wir in den Ruf des Bartimäus einstimmen, wenn wir im Gottesdienst Kyrie eleison singen und Herr, erbarme dich rufen? Wir wenden uns an den Herrn, der  nach Jerusalem gegangen ist. Wir wenden uns an den Herrn, den die eigenen Jünger nicht verstanden haben. Wir wenden uns an den Herrn, der uns hört, wenn wir nach ihm rufen. Ein Herr, der alles für uns getan hat, was wir zum Leben brauchen, zum ewigen Leben. Allerdings bleibt da immer wieder die Frage, ob wir das wirklich wollen – uns zu retten lassen? Retten lassen kann sich aber nur der, der sich selbst nicht mehr zu helfen weiß und der alles aus der Hand legt, um sich ganz und gar anzuvertrauen.


Bitten wir den Herrn heute um die Kraft und das Vertrauen, mit ihm zu gehen - auch wenn uns dieser Weg zunächst durch Schluchten der Angst und an Abgründen vorbei führt, die vielleicht noch gefährlicher sind, als die steilen Berge und die tiefen Täler auf dem Weg von Jericho nach Jerusalem. Bitten wir um das Wunder, Jesus wahrnehmen zu können, wie Bartimäus ihn wahrgenommen hat. Dann wird Jesus  einer, zu dem wir rufen können: Herr, erbarme dich. Und dann wird er uns zum Herrn, den wir auch verstehen können. Einer, der schwach und angreifbar geworden ist, damit wir in unserer Schwachheit nicht allein gelassen bleiben, einer, der uns hört und versteht, weil unser Rufen und Seufzen den Weg in sein Herz findet. Einer, der uns fragt: Was willst du, dass ich dir tun soll. Und dem wir antworten können: dass ich dich sehen und verstehen kann, vor allem in meiner Not. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 23.2.2020



Gott spricht mich an - Predigt zu Hesekiel 2,1-5.8-10,3,1-3) am Sonntag Sexagesimae


Und er (Gott) sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der HERR!« Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist. Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)



„Hast du heute schon die Losung gelesen!“ Richtig aufgeregt ist mein Freund. Ich kann das Leuchten in seinen Augen sehen. Begeistert höre ich ihn weiter sprechen: „Dieses Wort hat mir so gut getan. Ich sehe jetzt vieles klarer.“ Dann erzählt er mir von dem Problem, das ihn schon lange beschäftigt. Ich erfahre, wie er mit sich und Gott gerungen und um eine Antwort gebeten hat. Und dann hat er dieses Bibelwort als Tageslosung gelesen und auf einmal war ihm klar: „Gott hat zu mir gesprochen!“ Ich habe mich für ihn gefreut. Da war es auch nicht so wichtig, dass genau dieses Bibelwort aus dem Losungsbüchlein für mich an diesem Tag eben nur ein biblisches Wort unter vielen war. Ich glaube, das gehört wohl zu den Geheimnissen Gottes, zu den Erfahrungen, die wir immer wieder mit dem Bibelwort machen. Es ist das Geheimnis, wie ein geschriebenes Wort zum Leben erweckt wird, wie es zu sprechen beginnt. Ich denke, das geschieht, wenn Gottes heiliger Geist am Werk ist. Ich selbst habe diese Erfahrung auch schon gemacht. Und deshalb konnte ich mich mit dem Freund von Herzen über diese Erfahrung mit dem Gotteswort freuen.

Vielleicht hat der Prophet Hesekiel etwas Ähnliches erleben dürfen. Er beschreibt, wie Gottes Wort ihn berührt und  auf die Füße gestellt hat. Es hat ihn aus der Passivität herausgeholfen. Hesekiel - in manchen Bibeln steht auch Ezechiel - war ein Priester, der mit vielen seiner Landsleute als Geisel auf Befehl des babylonischen Herrschers Nebukadnezar von Jerusalem nach Babylon verschleppt wurde. Das war im Jahr 597 vor Christus. Zehn Jahre später wird Jerusalem von diesem König endgültig besiegt werden. Manche Forscher behaupten, Hesekiel bedeutet „Gott möge kräftig machen.“ Und vielleicht hat er das auch in seiner Berufung erfahren, dass Gott Kraft schenkt, Kraft und Mut, um in seinem Namen das Wort zu ergreifen. Da war er dann schon fünf Jahre in diesem fremden Land. Der Abschnitt mit unserem Predigwort stammt aus der Berufungsgeschichte, die in den ersten drei Kapiteln des Prophetenbuches nachzulesen ist. Gott spricht den Propheten darin direkt an. „Ich will mit dir reden!“ sagt er zu ihm. Gottes Geist fährt in den niedergeschlagenen Menschen und richtet ihn auf, schenkt ihm Kraft und Mut zu tun, was Gott von ihm verlangt. Er soll im Namen Gottes zu seinem Volk sprechen. Keine angenehmen Worte wird er ihnen ausrichten. „Ein Haus des Widerspruchs“ nennt Gott sein Volk. Widerspenstig ist es. Es hat harte Köpfe und verstockte Herzen. Das sind keine günstigen Voraussetzungen für eine gelingende Predigt.


Da bin ich wieder bei den Losungen und bei meinen Erfahrungen mit der Bibel. Da bin ich bei diesem zweiten Sonntag vor der Passionszeit. Ich nenne ihn den Wort Gottes - Sonntag. Auch, wenn das nicht sein „offizieller“ Name ist. Der lautet „Sexagesimae“ und bereitet uns auf die Passionszeit vor, in der wir den Leidensweg Jesu bedenken, den Leidensweg des menschgewordenen Gotteswortes. In Jesus Christus hat Gottes Wort Hand und Fuß bekommen. In ihm ist es Mensch geworden, durch ihn hat es die Menschen angesprochen, berührt, getröstet und ermahnt. Und auch diesem „fleischgewordenen“ Wort ist widersprochen worden. Am lautesten am Karfreitag. Im Evangelium und in der Epistel wird heute von der Wirkkraft des göttlichen Wortes gesprochen, das verkündet und aufgeschrieben wurde und das uns von Jesus Christus erzählt. Gottes Wort, schreibt der Apostel Paulus, ist wie ein zweischneidiges, durchdringendes Schwert, das zum Richter wird über Gedanken und Sinnen des Herzens. (Heb. 4,12) Im Evangelium wird beschrieben, wie Gottes Wort unter die Menschen verbreitet wird, ausgeworfen wie der Sämann den Samen auswirft, der auf unterschiedlichen Boden fällt. (Lk 8)  Die Geschichte des Propheten Hesekiel beschreibt, wie Gottes Wort in dem Propheten zum Leben erwacht und welche Wirkung es erzielt, was es mit ihm macht.


Der Prophet bekommt eine Schriftrolle. Er soll sie essen. Gottes Wort wird zur Seelenspeise. Wir leben nicht nur vom Brot allein, entgegnet Jesus dem Versucher. Wir leben von einem jeden Wort, dass aus Gottes Mund ausgeht (Mt.4,4)  Und so haben es wohl auch die Propheten erfahren. „Dein Wort ward meine Speise, sooft Ichs empfing …“ kann an anderer Stelle der Prophet Jeremia sagen. (Jeremia 15,16) Und der Beter des 119. Psalms bekennt: „Dein Wort ist meinem Mund süßer als Honig…“ (Psalm 119,103) Haben Sie schon einmal eine Scheibe Brot langsam und genüßlich gegessen, das Brot nicht heruntergeschlungen, sondern bewusst gekaut? Vielleicht haben Sie dann geschmeckt, wie es sich verwandelt, wie es süß  zu schmecken beginnt. Was für eine Erfahrung, was für ein Erlebnis für die Sinne! Deshalb haben wohl auch die Mönche des Mittelalters uns gelehrt, jedes biblische Wort ähnlich langsam und bedächtig in uns aufzunehmen. Nach dem Gebet und der Lektüre haben sie uns empfohlen, jedes einzelne Wort durchzukauen. Gottes Wort wird zum Brot des Lebens, zur Nahrung für die Seele.  „Du Menschenkind….“ sagt Gott deshalb dem Propheten,  „gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe…“  Darum geht es. Wir sollen unser Inneres mit Gottes Wort füllen, Gottes Wort soll zur Nahrung für die Seele werden, wie das Brot zur Speise wird für den Leib. Und wieder denke ich an die Erfahrung mit den Losungen, erinnere ich mich, wie das geschehen kann, dass Gott Wort, sein Trost, seine Ermahnung, sein Zuspruch lebendig wird, wie ich spüre, dass es mich erfüllt, mich meint, mich anspricht. Es ist dann kein Wort mehr, dass irgendwann einmal vor einigen tausend Jahren an irgend einen Menschen gerichtet wurde, sondern es wird zur Nahrung für meine Seele. Diese Wort - Gottes- Erfahrung kann ich mir allerdings nur schenken lassen, darum kann ich nur bitten, wie ich um das tägliche Brot im Vaterunser bete und darauf vertrauen, dass es mir geschenkt wird. Ich kann das nicht erzwingen, nicht herstellen. Ich kann mich aber darauf vorbereiten. Ich denke an die Schule Martin Luthers, an seine Auslegung des dritten Gebots im Kleinen Katechismus. „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir die Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern es heilig halten, gerne hören und lernen.“ Ich soll Gottes Wort also  wertschätzen, mich damit beschäftigen, es immer wieder lesen und warten, bis es mich anspricht.


„Süß wie Honig“ schmeckt dem Propheten dieses Wort, obwohl es keinen erbaulichen Inhalt hat. Die Rolle, die er essen soll, die Worte, die er in sich aufnehmen und an seine Volk weitergeben soll, sind Klage, Weh und Ach. Und doch sind es Worte des Lebens. Sie kommen von Gott. Es sind fürsorgliche Worte, auch, wenn sie bedrohlich klingen. Sie sollen das Volk, dessen Herz für Gott kalt geworden ist, daran erinnern, dass ein Prophet unter ihnen ist, dass Gott immer noch zu seinem Volk spricht, dass er den Kontakt zu seinem Volk nicht abgebrochen hat. Selbst, wenn es also bedrohliche, anklagende Worte sind, sind es doch Worte des Lebens. Sie kommen von der Quelle des Lebens. Sie kommen von dem fürsorglichen Gott, der kein Gefallen daran hat, dass der Sünder umkommt, sondern dass er sich bekehrt und lebt. (Hes.33,11).  „Gott möge kräftig machen“ - mit der Deutung des Propehtennamens könnte man die Wirkungen von Gottes Wort beschreiben. Gottes Wort möge zum Leben kräftig machen, es möge mein Inneres erfüllen und mich stärken, es möge mich auf die Füße stellen, damit ich meinen Auftrag erfülle. Für uns bedeutet das, auf Jesus Christus hinzuweisen, ihn als Gottes Lebenswort den Menschen nahezubringen. Es muss nicht immer ein Vergnügen sein, Gottes Wort zu verkünden. Der Prophet Hesekiel hat das am eigenen Leib erfahren. Weh und Ach und Klage hat er verkündet und Widerspruch geerntet.  Gott selbst hat den Misserfolg in Aussicht gestellt. „Sprich zu ihnen! Sie hören es oder sie lassen es. Doch sie sollen erfahren, dass ein Prophet unter ihnen ist.“ Hesekiel hat sich ansprechen und auf die Füße stellen lassen. Sein Auftrag hat ihn nicht immer mit Freude erfüllt und doch Leben gebracht, weil es Gott zu den Menschen gebracht hat. Vielleicht werden wir heute daran erinnert, dass Gottes Worte nicht immer schön, nicht immer erbaulich sein müssen. Es geht nicht darum, eine Wohlfühlatmosphäre zu erzeugen. Es geht um Wegweisung, es geht um das Leben. 


Hast du heute schon die Losung gelesen? Es geht um die Bereitschaft, sich auf das lebendige Wort Gottes einzulassen, damit zu rechnen, dass Gott mich auf die Füße stellen, dass er mein Inneres erfüllen möchte, es geht darum, sich auf das Gespräch mit Gott einzulassen, damit Gottes Wort in mir seine Wirkung entfalten und mich am Ende zum Leben führen kann. Lassen wir uns darauf ein. Gott will uns auf die Füße stellen. Gott gibt uns mit seinem Wort die Speise, die wir brauchen, dass wir leben können. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 16.2.2020



Wertschätzung. Predigt über Matthäus 20,1-16a am Sonntag Septuagesimae  (9.2.2020)


Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter anzuwerben für seinen Weinberg.  Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere auf dem Markt müßig stehen und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere stehen und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand angeworben. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg. Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. Da kamen, die um die elfte Stunde angeworben waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben. Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin? So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten      sein. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.)


„Ich glaube, ich sehe nicht recht!“ Empört starrt der Mann auf die Münze in seiner Hand. Das soll alles sein? Eine Münze für einen Tag schuften, vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang?! Eine Münze für die Knochenarbeit in den Weinbergen, unter der Gluthitze und beim heißen Südwind, der den Erntehelfern zu schaffen macht. Eine Münze. Das ist nicht gerecht! zischt er den Arbeitgeber an. Nicht unter diesen Bedingungen! Aber der hält seinem zornigen Blick stand. Im Gegenteil. Erstaunt ist er über die Enttäuschung, über den Ärger und den Protest.  Was regst du dich auf… antwortet er. Du bekommst den Lohn, der vereinbart ist. Einen Silbergroschen  für einen Tag Arbeit. Du hast keinen Grund, dich zu beschweren. 


Ja, möchte der Arbeiter antworten und gleich ein Aber an dieses Ja dranhängen. Ja, das war vereinbart. Aber warum gibst du den anderen genauso viel wie uns? Zornig deutet er jetzt auf die Arbeiterkollegen, die etwas verlegen herumstehen und ihren Lohn schnell in Sicherheit bringen. Es stimmt schon. Sie sind später dazu gekommen, die einen mittags, die andern erst kurz vor Feierabend. Erhalten haben sie alle den gleichen Lohn.   „Wir haben länger und härter gearbeitet als die dort“, erregt sich der Beschwerdeführer. „Wir müssten jetzt mehr bekommen. Sonst ist das nicht gerecht.“


Aber was heißt schon gerecht? Der Arbeitsmarkt im heiligen Land unterlag harten Gesetzen. Tagelöhner gab es genug. Frühmorgens wurde angeheuert. Mittags und nachmittags eher selten, eigentlich gar nicht. Wer nicht rechtzeitig da ist oder übrig geblieben ist, ging leer aus:  kein Arbeitslosengeld, nicht einmal Hartz IV, kein Geld, kein Essen. „Du hast keinen Grund, ärgerlich zu sein“ sagt der Winzer jetzt. „Willst du mir vorwerfen, dass ich großzügig bin? Nimm also, was dein ist und geh! Ich will aber diesem letzten dasselbe geben wie dir. Ich kann tun, was ich will, mit dem, was mir gehört? Ob sich der Mann mit dieser Antwort zufrieden gegeben hat? Hat er seine Ohnmacht gespürt, den Ärger runtergeschluckt? Ist er unzufrieden heimgegangen? Was soll man schon anderes machen? Der Winzer sitzt am längeren Hebel? Er hat die Macht und das Geld! Die Arbeiter müssen nehmen, was sie kriegen.


Ich bin sicher, die meisten von uns möchten sich jetzt auf der Seite dieser Arbeiter stellen, die sich beschwert haben. „Ich kann mit meinem Geld machen, was ich will“ – mit so einer Antwort würden wir uns wohl nicht zufrieden geben. Das ist irgendwie unanständig, oder? Soll es wirklich so zugehen im Reich Gottes? Kaum zu glauben – aber Jesus sagt, dass es mit dem Himmelreich ist wie mit dem Besitzer des Weinbergs, der hingeht, die Leute zu unterschiedlichen Zeiten anstellt und dann allen den gleichen Lohn zahlt!


Jesus erzählt die Geschichte von den Arbeitern im Weinberg seinen Jüngern. Die haben ihm kurz vorher eine wichtige Frage gestellt. „Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt; was wird uns dafür gegeben?“ Petrus ist da ganz direkt. Er will wissen, ob es sich gelohnt hat, die sichere Existenz einzutauschen für ein unstetes Wanderleben? (Mt. 19,27) Da antwortet Jesus. „Ja, es wird sich für euch lohnen. Im Reich Gottes werdet ihr auf zwölf Thronen sitzen und über die Stämme Israels richten.“ Der Lohn steht also noch aus. Deshalb will er ihnen eine Warnung nicht verschweigen. „Viele, die die Ersten sind, werden die Letzen und die Letzen werden die Ersten sein.“ Jesus erzählt ihnen das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg – vielleicht, damit sie besser verstehen können, was er meint.


Ich verstehe dieses Gleichnis heute als Mahnung und als Trost zugleich. Angesprochen sind diejenigen, die einmal „Bewohner“ des Gottesreiches sein sollen  – das sind die Apostel und ihre Nachfolger und gewiss auch wir. Es ist nicht so, dass wir besondere Ansprüche geltend machen können gegenüber dem Besitzer des Weinbergs – der doch kein anderer als Gott selbst ist. Im Reich Gottes gibt es keine Zwei – Klassen – Gesellschaft, die unterscheidet in solche, die von Anfang an dabei waren und deshalb Vorrechte haben und solche, die erst später dazu gekommen sind und deshalb mit dem zufrieden sein müssen, was noch übrig ist. Und es ist auch nicht so, dass wir unsere Vorstellungen von dem was gerecht und ungerecht ist einfach auf das Leben im  Gottesreich übertragen können. 


Alles in allem sind wir doch große Rechenkünstler im Alltag. Da stellen wir eine häufige Frage: Was bringt mir mein Einsatz? Lohnt sich die Mühe? Habe ich etwas davon? Diese persönlichen Gewinn – und Verlustrechnungen mögen uns in unserem Alltag bei der Besitzstandswahrung und Gewinnmaximierung helfen. Mit diesen Fragen gehen wir im Alltag an unsere Arbeit heran und beginnen, das scheinbar Wichtige von scheinbar Unwichtigem zu trennen, wir kalkulieren, ob sich die Mühe lohnt, das Engagement für eine Sache, der Einsatz.  Wichtig ist, dass ich nicht zu kurz komme. Wichtig ist, dass ich ernst genommen werde. Wichtig ist, dass meine Arbeit gewürdigt wird. Das lernen die Kinder schon in der Schule. Die Mühe muss sich lohnen.


Was siehst du so scheel drein? fragt der Besitzer des Weinbergs den verärgerten Arbeiter. Finster ist sein Blick, weil er meint, zu kurz gekommen zu sein. Finster blickt er, weil er den anderen den gleichen Lohn nicht gönnt. Finster blickt er drein, weil er sich zurück gesetzt fühlt gegenüber den anderen. Das kennen wir doch auch. So etwas gibt es bis heute im Weinberg des Herrn. Diese verärgerten Blicke, die verstimmte und gekränkte Seele, die sich schlecht behandelt fühlt. Warum gratuliert der Pfarrer dem einem zum Geburtstag persönlich und ich bekomme nur eine Karte? Geht der öfters in den Gottesdienst? Ist meine Arbeit weniger wert? Bin ich weniger wichtig?  Ich denke, hinter diesen Fragen verbirgt sich eine tiefe Angst und ebenso eine starke Sehnsucht: die Angst, am Ende durchzufallen, leer auszugehen, übrig zu bleiben und die Sehnsucht nach Anerkennung, nicht nur meiner Leistung, sondern meiner ganzen Person. Und an dieser Sehnsucht nagt wohl der Neid, dass es andere zu geben scheint, die besser dran sind, als ich, deren Mühen wahrgenommen werden, die gelobt werden, die immer vorne dran sind - und mich selbst an den Rand drängen. Wenn ich mir über diese Gefühle klar werde, kann das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg auch zum Trost werden. Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg sagt, womit wir in jedem Fall rechnen dürfen: mit einem aufmerksamen Gott, einen Gott, der mich wahrnimmt und wertschätzt, auch, wenn meine Leistung nach menschlichem Maßstab gering ist. Gott ist einer, der sich immer wieder auf den Weg macht und Ausschau hält nach denen, die glauben, dass sie zu kurz gekommen sind. Er stellt sie ein. Er gibt ihnen Lohn und Brot. Er gibt ihnen, was sie brauchen, damit sie leben können. 


Das Gleichnis sagt uns, womit wir rechnen dürfen: mit einer aufmerksamen und verschwenderischen Liebe Gottes. Gott handelt nach den Maßstäben der Liebe. Gott füllt mir die Hände, er stillt meine Sehnsucht und nimmt mir die Angst. Er macht sich auf den Weg zu mir, er übersieht mich gewiss nicht, er holt mich in seinen Weinberg, in sein Reich. Er handelt aus Liebe. Die reicht für alle, ohne Grenzen. Gott teilt das Leben aus. Die Geschichte von den Arbeitern im Weinberg will uns zu einer neuen Sicht des Lebens helfen und vielleicht auch zu einer anderen Art zu leben, zu handeln, zu denken und zu rechnen. Wir leben von der Güte, wir schöpfen sie aus dem großen Herzen Gottes. Es ist genug für alle da. Es braucht unter Christen keinen Futterneid.  Weil Gottes Herz groß genug ist. Alle haben darin einen Platz. Weil sich keiner seinen Platz erst erkämpfen und dann darüber wachen muss, können wir großzügig sein. Christen sollen sich einen Luxus leisten. Ich meine den Luxus eines großzügigen, weiten Herzens, das sich mit den anderen freuen kann, mit denen, die später dazu gekommen sind und ebenfalls ihren Platz finden im Herzen Gottes. Ich verliere nichts durch sie. Großzügig und gelassen können und sollen wir leben, weil wir  unsere Lebenskraft aus der Liebe schöpfen, die  Gott an uns austeilt. Vielleicht vergessen wir dann einmal das Rechnen und Kalkulieren und das Aufpassen darauf, ob einer mehr bekommt als ich selbst. Dann wären wir weitergekommen, einen gewaltigen Schritt, hin zum Reich Gottes, für das wir arbeiten und in dem wir unser Zuhause haben.  Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 9.2.2020



Von Schnittstellen und Gnadenorten. Predigt über Offenbarung 1,9-18 am Letzten Sonntag nach Epiphanias


Eine Schnittstelle ist der Teil eines Systems, welcher der Kommunikation dient - dem Austausch von Nachrichten. So habe ich das einmal gelesen.  Heute soll es um  eine besondere Art von Schnittstellen gehen, um geistliche Kontakt -  und Berührungspunkte gehen. Wie sehen wir, wie erleben und deuten wir die Welt? Sind wir Realisten? Sind wir Materialisten? Glauben wir nur an das, was sich beweisen lässt? Glauben wir nur Fakten, die sich einer hieb - und stichfesten Überprüfung unterziehen lassen? Ist alles andere nur Humbug, nur Irreal? Dann sind wir zu bedauern. Wir sehen nur einen Teil der Welt und halten diesen Teil für das Ganze. Unser Glaubensbekenntnis erinnert uns aber daran, dass es neben unser Welt, die wir sehen und in der wir leben, noch eine andere gibt, die uns meist verborgen ist. Wir glauben mit den Worten des Bekenntnisses von Nizäa - Konstantinopel an „Gott, den Vater, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt….“ Die Bibel erzählt uns von Menschen, die in Berührung mit der unsichtbaren Welt gekommen sind. In der Sprache der Frommen werden diese Schnittstellen oder Berührungspunkte Gnadenorte genannt. Das sind Orte, an denen die himmlische und sichtbare Welt füreinander durchlässig werden.


Da war zum Beispiel Jakob, der Schlawiner. Der hatte sich den Zorn seines Bruder Esau zugezogen und musste deshalb ins Ausland fliehen. In der Nacht unter freiem Himmel hatte er einen Traum. Oder war es eine Vision?  Er sieht den Himmel offen. Eine Treppe oder eine Leiter nimmt er wahr, die den Himmel mit der Erde verbindet. Boten erkennt er, die auf und absteigen, Engel nennen wir sie. Vom Himmel weht eine Stimme an sein Ohr. Da weiß er, dass sie von Gott kommt. Eine Zusage und einen Auftrag hört er und mit dem Klang dieser Stimme im Ohr erwacht er.  „Wie heilig ist diese Stätte“ ruft er aus. „Hier ist nichts anderes als Gottes Haus und hier ist die Pforte des Himmels.“ Dann errichtet er ein Steinmal, eine Stele, auf die er Öl gießt - ein Akt der Weihe. Beth El - Haus Gottes nennt er diesen Ort, der so eine Schnittstelle war, zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt. Das steinerne Denkmal sollte alle, die diese Stätte besuchen, auf die Besonderheit dieses Ortes hinweisen.


Im Sonntagsevangelium hören wir von den drei Jüngern, die mit Jesus auf einen Berg steigen. Berge waren schon immer besondere Orte, an denen man den Wohnsitz der Götter vermutet hat. Vielleicht, weil die wolkenverhangenen Gipfel besonders hoher Berge den Blicken der Menschen entzogen waren? Dort oben werden die Jünger Zeugen der Verklärung ihres Herrn. Was für ein poetischer Begriff. Er bezeichnet einen besonderen Vorgang. Auf Jesus legt sich der Glanz der göttlichen Herrlichkeit. Den Jünger wird die Gottheit Jesu offenbart, die sie vielleicht immer schon erahnt haben, wenn Jesus Tote ins Leben zurückruft, Besessene von ihren Dämonen befreit und in Vollmacht lehrt. Und doch - in dieser göttlichen Eindeutigkeit erleben sie ihn zunächst nur auf dem Berg. Nicht allen wird dieser Einblick geschenkt, allein dem engsten Freundeskreis wird das ermöglicht: Petrus, Jakobus und Johannes. Sie sehen Jesus in inniger Verbundenheit mit den Vätern ihres Glaubens, mit Mose und Elia sprechen. Sie hören die Stimme Gottes: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Den sollt ihr hören“ - und fallen überwältigt von Angst und Ehrfurcht zu Boden. Als sie die Augen wieder aufheben, ist der Glanz erloschen, der vertraute Jesus steht vor ihnen. „Fürchtet euch nicht“ Mit diesem Zuspruch holt er sie zurück in die Wirklichkeit. Die Jünger haben zwar keinen Altar und auch kein Steinmal errichtet. Aber Petrus wollte zumindest drei Hütten bauen.  Aber daraus wird nichts. Gnadenorte sind Schnittstellen, Berührungspunkte. Sie sind nicht zum dauerhaften Verbleib gedacht, sie dienen als Orte der Kommunikation, des Austausches: hier ergeht Zuspruch, Auftrag, Ermahnung. Was man hier erfährt, soll sich im Alltag bewähren, soll trösten und zum Glauben helfen. Vor allem dann, wenn der Glaube schwer fällt, wenn die Zweifel stark oder die Angst um das eigene Leben groß ist.


Heute hören wir in der Offenbarung, dass auch Straforte zur Gnadenstätten werden können. Johannes war auf Patmos, einer kleinen griechischen Insel, gewiss kein Urlaubsort und erst recht kein Paradies. Unwirtlich, heiß und eintönig. So stelle ich mir diesen Flecken Erde vor, an dem Johannes eine Vision hat. Gleich im ersten Kapitel erfahren wir von einer seltsamen und überwältigenden Begegnung, die der Seher dort hatte. Sie ist aufgeschrieben im Buch der Offenbarung im 1. Kapitel: 


Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea. Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle… (Luthertext 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft)


Es ist Jesus, den Johannes sieht. Wie den Jüngern auf dem Berg der Verklärung, so begegnet er dem Seher in seiner Göttlichkeit, beängstigend und beeindruckend zugleich. Eine im wahrsten Sinne umwerfende Begegnung. „Als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot…“  schreibt er. Es braucht den Zuspruch, die Aufrichtung, die Berührung, den Kontakt. „Fürchtet euch nicht“ sagt Jesus und rührt die Jünger an, die ebenfalls niederfallen.  „Fürchte dich nicht“ sagt der Auferstandene zu dem Seher und legt seine rechte Hand auf ihn. Was hier erlebt wird, soll den Menschen helfen, den Alltag vom Glauben her zu deuten, ihren Glauben zu leben, das tägliche Leben zu bewältigen, soll aufrichten, nicht umwerfen. 


Der Alltag dieser Frommen ist selbst nach dieser Berührung gewiss nicht einfacher geworden. Jakob musste etliche Jahre bei seinem Onkel Laban hart arbeiten. Die Jünger steigen vom Berg und müssen die Ohnmacht und Hilflosigkeit ihrer Weggefährten erleben. Sie erfahren, dass die anderen Jünger einem jungen, kranken Mann nicht helfen können. Später werden sie mit ansehen müssen, wie ihr Herr verraten und getötet wird und wieder können sie nichts tun. Zu groß ist die Angst, die Hilflosigkeit, das Unvermögen. Ein Menschenleben später fällt  Johannes um seines Glaubens willen beim Kaiser in Ungnade. Er musste wohl damit rechnen, dass er sein Leben auf dieser kleinen Insel beschließt. Jederzeit kann der Kaiser Soldaten mit dem Todesurteil schicken, ein Fieber kann ihn hinraffen, der Tod ist erfinderisch. 


Johannes soll aufschreiben, was er erfahren hat und es an die Gemeinden senden. Die unsichtbare Welt will sich mitteilen. Gott will sich mitteilen. Er will sich uns mitteilen. Deshalb gibt es sie auch heute noch, diese Berührungspunkte, diese heilvollen Begegnungen, die aus gewöhnlichen Orten Gnadenorte machen. Auch in unserem Alltag gibt es Momente, in denen sich der Vorhang ein wenig hebt und wir eine Ahnung von der anderen Seite der Wirklichkeit, von der unsichtbaren Welt, erleben dürfen, von der Macht und Gegenwart Gottes unter uns. Unsere Lieder geben ein Zeugnis davon ab. Vielleicht singen wir eines von ihnen deshalb besonders gerne. Es bringt zum Ausdruck, wonach wir uns sehnen, nach einer Berührung mit dem Göttlichen. Ich denke an das Lied von den Guten Mächten, die uns wunderbar bergen.  „Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet / so lass uns hören jenen vollen Klang / der Welt die unsichtbar sich um uns weitet / all deiner Kinder hohen Lobgesang“ konnte Dietrich Bonhoeffer in Zeiten höchster Bedrängnis und den Tod ahnend schreiben. Er wusste sich umgeben von den guten Mächten, die schon immer da waren, die schon zu Jakobs Zeiten vom Himmel auf die Erde gestiegen sind und die den Hirten auf dem Feld die Botschaft von der Geburt des Erlösers verkündet hatten. Bonhoeffers Worte trösten, ermutigen und stärken bis heute Menschen, vor allem in kritischen Lebenssituationen. So wie die Worte des Sehers Johannes seine Zeitgenossen getröstet, ermahnt, betroffen gemacht und im Glauben gestärkt haben.


Der Seher Johannes hat erfahren, dass auch Verbannungsorte zu Gnadenorten werden können. Und ich habe immer wieder erfahren, wie sich Orte der Trauer zu Stätten der Hoffnung wandeln. Sterbebetten zum Beispiel können zu Orten werden, an denen die Hoffnung auf das Leben und nicht die Angst vor dem Tod spürbar wird. Ich werde nie  die sterbende Frau vergessen, die ich als junger Pfarrer besucht habe. Schon vom Tod gezeichnet und vom Krebs zerfressen lag sie in ihrem Bett. Die ersten Worte, die sie zu mir gesprochen hatte, waren die Worte Bonhoeffers: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, / erwarten wir getrost, was kommen mag …“ Nein, unser Alltag ist nicht grau und eintönig. Er ist geheimnisvoll und hoffnungsvoll. Immer wieder erleben wir es, nicht nur im Angesicht des Todes, sondern auch in Zeiten besonderer Freude und an Tagen, an denen das Leben besonderes Glück für uns bereithält. Es gibt sie, diese Berührungspunkte zwischen Himmel und Erde. Diese Erfahrung ist manchmal überwältigend. Wir fallen dann zwar nicht zu Boden, wie die Jünger oder wie der Seher Johannes, aber vielleicht treten uns die Tränen in die Augen, spüren wir, wie der Friede Einzug hält in unsere Herzen, wie wir berührt werden von der Gegenwart Gottes. Vielleicht geschieht das, wenn uns ein Bibelwort anspricht, wenn es uns auf einmal betrifft, so als ob es für uns aufgeschrieben wäre, obwohl es schon mehrere tausend Jahre alt ist und uns dennoch den Himmel erschließt. 


Wie es wohl den Lesern der Sendschreiben ergangen ist?  Sie hörten ein besonderes Bekenntnis. Ein Wort, das die Angst vor dem Kaiser in Rom wohl gedämpft hat. Ein Wort, das ihn in die Schranken gewiesen hat. Was löst dieses Wort bei uns aus? Es wird uns in wenigen Wochen wieder begegnen - als Wochenspruch für das Osterfest. Mit diesem Wort rückt der Auferstandene die Realität zurecht, setzt er uns über die wahren Machtverhältnisse in Kenntnis: „Ich war tot und siehe, ich bin lebendig, von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle…“


Mit diesen Worten gehen wir nicht nur in die neue Woche. Wir bereiten uns vor auf einen neuen Abschnitt im Kirchenjahr. Das Weihnachtsfest liegt hinter uns. Die Christbäume sind entsorgt, der Alltag hat uns längst wieder eingeholt. Und doch begleitet uns etwas in unseren Sorgen, in den täglichen Ärger, wenn wir im Stau stehen, wenn die Stechuhren klingen, wenn wir hastig Einkäufe erledigen, ängstlich auf Prüfungen lernen oder von Schichtwechsel zu Schichtwechsel vor uns hinleben. Es ist der hohe Lobgesang der Engel, ihr Echo weht immer noch über die Erde, es ist der Glanz der Herrlichkeit Gottes, der auf dem neugeborenen Kind liegt, es ist die Freude des alten Simeon, der das Jesuskind mit seinen Eltern im Tempel sieht, es ist die Erfahrung der Frommen und Gottesfürchtigen, an denen wir teilhaben, von denen uns berichtet wird und es ist die Hoffnung, die unsere Väter und Mütter uns ins Herz gepflanzt haben, die Hoffnung, dass wir dazugehören, dass er, der zu dem Verbannten auf Patmos gesprochen hat, auch uns das Tor zum Leben aufschließen wird. Christus, der die Schlüssel des Todes und der Hölle hat, erschließt  uns den Weg in das Leben, das seinen Namen verdient. Wie es sein wird, dieses Leben, davon bekommen wir immer wieder eine Ahnung. Wir ahnen das Leben, wenn unser Herz leicht wird, wenn wir spüren, wie sich die Liebe in uns ihren Weg bahnt, wenn der Glaube leicht und die Hoffnung so stark wird in uns, dass selbst der Tod resigniert. Nicht immer, nicht jeden Tag erleben wir das. Das macht nichts. Wir haben die Gnadenorte, die uns davon erzählen, von dem, was gilt, die uns erinnern an die Momente, in denen sich Himmel und Erde berühren und in denen unser Leben sich wandelt. Vollenden wird es sich in der Ewigkeit. Amen.


 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein


Januar 2020


Grenzüberschreitungen - Predigt zum Wochenspruch Lukas 13,29 am 3. Sonntag nach Epiphanias anlässlicher zweier Taufen 

„Also neben die setz ich mich auf keinen Fall!“ Verärgert hat sie festgestellt, dass ihre erklärte „Lieblingsfeindin“ ausgerechnet ihren Stammplatz in der Kirche eingenommen hat.  „Das hat sie absichtlich gemacht“, denkt sie sich und muss sich jetzt für den Gottesdienst einen anderen Platz suchen. Es stehen genügend freie Bänke zur Auswahl, nur dieser eine halt nicht mehr. „Sie weiß doch, dass ich immer dort sitze…“ denkt sie sich, während sie missmutig die Bändchen für die Lieder im Gesangbuch einlegt, den Euro für die Kollekte hervorkramt und ebenso den Hustenbonbon, den sie vor Beginn der Predigt in den Mund schiebt. Was die alte Feindschaft ausgelöst hat, weiß sie nicht mehr so recht. Aber das stört sie jetzt auch nicht mehr. Eisige Ablehnung hat sich in ihr festgefressen und sie unerbittlich gemacht. Wenigstens im Blick auf diese eine Person. Die taugt nichts. Und ihr Vater hat auch schon nichts getaugt. Da lässt sie nicht mit sich verhandeln. Heute wird das Abendmahl gefeiert. Wenn sie sich jetzt neben ihre Feindin setzt, müsste sie ihr ja beim Friedensgruß die Hand geben. Das geht gar nicht.


Ob sie wohl aufmerkt, wenn sie den Wochenspruch für diesen Sonntag hören wird?  „Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes“ lesen wir beim Evangelisten Lukas. Das war als Mahnung für jene gedacht, die glaubten, dass nur sie ein Anrecht hätten auf einen Sitzplatz an Gottes Tafel, weil sie einem besonderen Volk angehörten. „Bildet euch bloß nichts darauf ein“, höre ich den Evangelisten sagen.  „An Gottes Tisch werden weitaus mehr Menschen Platz haben, als  ihr euch vorstellen könnt. Von allen Enden der Erde werden sie ins Reich Gottes strömen!“  Anschaulich wird das in der Weihnachtskrippe, die in diesen Tagen noch in vielen Gotteshäusern aufgebaut ist. Da knien einfache jüdische Hirten neben vornehmen heidnischen Sterndeutern. Sie werden eins in der Anbetung des Kindes. Die Unterschiede von Bildung, Herkunft , Glauben oder sozialen Status spielen da keine Rolle mehr. Sollte deshalb nicht die Zusage genügen, dass ein Platz an der Tafel Gottes für mich freigehalten wird? Wer sonst noch neben mir sitzt, kann mir herzlich egal sein. Vielleicht werden die anderen ja nicht weniger überrascht sein, mich dort anzutreffen, jemanden, mit dem sie an diesem Ort absolut nicht gerechnet haben? Wäre also der Gottesdienst in dieser Welt nicht ein „Übungsfeld“, um den Sprung über den eigenen Schatten zu wagen? 


Der Sonntag jedenfalls ermutigt dazu. Nicht nur durch den Wochenspruch. Auch das Evangelium, das wir gehört haben, schlägt in diese Kerbe. Es erzählt davon, wie einer über einen Schatten gesprungen ist, wie er  eine Grenze überschritten hat, die nach Meinung vieler Zeitgenossen wohl unüberwindlich galt. Wir haben gehört, wie ein heidnischer Hauptmann, eine stolzer Römer, ein Besatzer, sich in seiner Not an Jesus wendet, einen Juden, den Angehörigen eines unterworfenen Volkes. Wäre es nicht angemessener und standesgemäßer gewesen, wenn er den Wunderheiler einfach zu sich hätte holen lassen? Nein - der Hauptmann macht sich selbst auf den Weg. Es muss ihm schon viel an seinem Diener liegen, dass er diese Mühen auf sich nimmt. Als Jesus ihm antwortet, dass er zu ihm kommen werde, um den Knecht  gesund zu machen, geschieht etwas ungewöhnliches. „Herr, ich verdiene es nicht, dass du zu mir kommst!“ Das sagt der Hauptmann zu Jesus. „Du musst dir nicht die Mühe machen, zu mir zu kommen…“ Der Hauptmann sieht in Jesus einen Menschen auf Augenhöhe. „Ich denke, bei dir ist es so wie bei mir. Wenn ich einen Befehl gebe, weiß ich, dass meine Untergebenen ihn ausführen. Ein Wort von dir mag also genügen, dann wird mein Knecht gesund.“ Was für ein Vertrauensbeweis. Da staunt sogar Jesus. „So einen Glauben habe ich in ganz Israel nicht gefunden!“ sagt er zu den anderen, zu denen, die ihm nachfolgten, den Jüngern und Jüngerinnen. Vertrauen, Glaube und Liebe sind die Brücken, die wir beschreiten, um Gegensätze und Grenzen zu überwinden.


Heute feiern wir die Taufe von zwei Kindern in unserem Gottesdienst. Mit dem Taufwasser werden Grenzlinien ausgelöscht, die sich tief in unser Bewusstsein eingegraben haben und nicht nur dort, auch in unseren Herzen und in unserem Leben. Es mag ja sein, dass Grenzen an sich nicht schlecht sind. Grenzen sind auch dazu da, um Menschen zu schützen. Meistens aber engen Grenzen unser Leben ein, oft werden Menschen ausgegrenzt oder durch Grenzen eingesperrt. Wir selbst haben das ja in unserem Land lange erlebt, wie Familien durch eine Grenze auseinandergerissen und voneinander getrennt wurden. Als Adam und Eva von der Frucht im Paradies gegessen haben, haben sie sich selbst ausgegrenzt. Sie mussten den Garten Eden verlassen. Ein Engel hat seitdem die Pforte zum Paradies bewacht - bis sie sich wieder geöffnet hat. Diese Grenzöffnung haben wir an Weihnachten gefeiert.„Heut schließt er wieder auf die Tür, zum schönsten Paradeis, / der Cherub steht nicht mehr herfür, / Gott sei Lob Ehr und Preis…“ haben wir an fröhlich gesungen.   Die Grenzen, die durch Adam und Evas Schuld gezogen wurden, sind überwunden worden. Gott hat den Himmel verlassen. Er ist Mensch geworden, um unter uns zu sein, um uns nahe zu sein. Er selbst hat diese Grenze überwunden. Die Grenze zwischen Gott und Mensch, zwischen Himmel und Erde, die Grenze von Tod und Leben. Gottes Liebe überwindet die Grenzen, an die wir bis heute immer wieder stoßen, unter denen wir leiden. In der Taufe spricht Gott jeden persönlich mit Namen an. So wird die unendliche Distanz zwischen Gott und Mensch überwunden. Gott wendet sich dem Menschen zu. Er sagt: du sollst einen Platz haben - schon jetzt in meinem Herzen und dereinst an meinem Tisch in meinem Reich. Du sollst einer von denen sein, die zu mir kommen von Osten und Westen, von Norden und Süden. Das Tischkärtchen mit deinem Namen ist aufgestellt. Das gilt für jeden von uns. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mich freut dieser Gedanke. Was auch immer geschehen wird, welche Wege mich mein Leben auch führen wird, wohin es mich auch immer wieder einmal verschlagen wird, ich habe ein Ziel, einen Ort, an den ich hingehöre, wo fest mit mir gerechnet wird: das ist der Platz an der Tafel Gottes, das ist das Leben in der Nähe Gottes.


Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Sünden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes - was für ein Bild. Ermutigung und Mahnung zugleich. Ich stelle mir vor, wie von allen Seiten, aus allen Himmelsrichtungen die Menschen sich auf den Weg machen, hin zu Gott. Wie groß muss doch diese Tafel sein, damit alle dort ihren Platz finden. Was macht sie dafür würdig? Es ist die Liebe, die in Jesus Christus Gestalt angenommen hat. Sie macht uns himmelstauglich. Die Weihnachtsgeschichte erzählt von dieser Liebe. Sie hat ihren Weg zu uns gefunden. Gott hat uns Zeichen der Hoffnung gegeben hat, damit wir die alten Grenzen hinter uns lassen. Da war ein Stern, heller als die anderen am Himmel. Er hat die Menschen zur Krippe geführt. Hier leuchtet Gottes grenzüberschreitende Liebe auf. Hier können wir uns neu wahrnehmen als Kinder Gottes, als Schwestern und Brüder, als Teil einer großen Familie. Lassen wir uns in Bewegung setzen von der Liebe Gottes. Gehen wir unseren Weg zusammen mit den Menschen, die wie wir unterwegs sind, den Großen und den Kleinen. Wir haben ein gutes Ziel vor Augen. Das Ziel heißt: Familienzusammenführung. Gemeint ist die große Familie Gottes, die sich um den Tisch im Reich Gottes versammeln soll. Die Familie Gottes, in die wir durch die Taufe aufgenommen wurden. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 26.1.2020


Die Quadratur des Kreises? Predigt über Jeremia 14,1 - 9 am 2. Sonntag nach Epiphanias 


Dies ist das Wort, das der HERR zu Jeremia sagte über die große Dürre: Juda liegt jämmerlich da, seine Städte verschmachten. Sie sinken trauernd zu Boden, und Jerusalems Wehklage steigt empor. Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter. Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter. Selbst die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst.  Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst. Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!  (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Als Quadratur des Kreises bezeichnet man den Versuch, ein Problem zu lösen, das sich nicht lösen lässt. Daran habe ich gedacht, als ich die Worte des Propheten Jeremia gelesen habe, über die wir heute nachdenken sollen. Wie passt das zu einem Sonntag, der mit seiner Botschaft doch froh stimmen soll? Um es gleich zu bekennen: ich habe das Problem nicht gelöst. Aber vielleicht gehört das heute dazu, das wir diese Gegensätze heute hören und aushalten müssen. Wir hören im Evangelium von einer Hochzeit, an der Jesus als Gast teilgenommen hatte. Man kann mit viel Phantasie die Musik hören, zu der getanzt wird und das Gelächter der Gäste, die vom Wein froh gestimmt sind. Wir ahnen die Erleichterung des Gastgebers, als er mitbekommt, dass auf ein Wort Jesu hin die leeren Krüge wieder randvoll mit besten Wein gefüllt sind. Pure Lebensfreude kommt uns entgegen und wir ahnen, wie es im Reich Gottes sein wird - wie auf einer Hochzeit, nur dass kein Brautpaar, sondern Gott selbst der Gastgeber ist. Im Predigtwort wird das Kontrastprogramm geboten. Ein Bußprediger schildert die Bilder einer Katastrophe. Von einer großen Dürre ist die Rede. Die Städte verwandeln sich in trostlose Orte, an denen die Menschen verdursten, die Reichen ebenso wie die Armen. Die Großen, so heißt es, schicken ihre Diener mit Krügen los, um Wasser aus der Zisterne zu schöpfen. Doch sie kommen mit leeren Krügen zurück. Da geschieht kein Wunder. Brunnen und Zisternen geben keinen Tropfen mehr her. Die Wasserstellen sind ausgetrocknet. Die Erde ist verbrannt. Kein grüner Flecken ist zu sehen. Die Wildesel hecheln nach Luft. Die Hirschkühe lassen ihre Jungen im Stich. Der Tod lässt die Augen erlöschen. Keine Musik, kein Tanz, kein Gelächter ist zu hören, sondern ein langgezogener Klagelaut, in dem Mensch und Tiere einstimmen. Diese Bilder machen mich traurig und ratlos. Es sind Bilder eines sterbenden Landes, die uns der Prophet Jeremia beschreibt.


Diese Schilderungen erinnern mich an Bilder, die mir zur Zeit das Fernsehen jeden Abend ins Haus liefert. Ich sehe zur besten Sendezeit einen Kontinent, der am Verbrennen ist. Besonders haften geblieben ist meiner Erinnerung das Bild  einer Frau, die mit einem T-Shirt einen Koala - Bären aus der Flammenhölle zu retten versucht. Leider vergeblich. Die Verbrennungen waren bereits zu schwer. Das Tier musste eingeschläfert werden. Inzwischen sind schätzungsweise mehr als eine Milliarde Tiere  der Katastrophe zum Opfer gefallen, darunter Kängurus, Koalas, Vögel und Reptilien. Bei diesen biblischen Worten von der großen Dürre sehe ich allerdings nicht nur die Waldbrände auf der anderen Seite der Erdkugel. Ich denke auch an die immer längeren Trockenperioden in unserem Land, an den ausbleibenden Regen, an die sinkenden Pegelstände der Flüsse, die sterbenden, von Schädlingen befallenen Bäume - da wird mir Angst. Und nicht nur mir. Auch vielen anderen Menschen. Vor allem den jungen. Ihre Angst findet Ausdruck in den Protesten, die immer lauter werden und immer dringlicher. Zu Recht, das wird niemand bestreiten.


Wie  geht das Gottesvolk um mit der Not, die uns der Prophet Jeremia schildert? Das Gottesvolk beginnt zu klagen. Es besinnt sich auf seinen Gott und klagt ihm seine Not. „Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer.“  Das Gottesvolk seufzt und spricht von seinen Sünden. Es erkennt in der Dürre und der todbringenden Hitze, den göttlichen Zorn über die Untreue seines Volkes. Israel hat seinen Gott vergessen. Es hat sich anderen Göttern an den Hals geworfen. Deshalb ist sie da, die große Dürre. Gott hat sie geschickt. So sieht ein Leben, so sieht eine Welt aus, die Gott aus ihrem Gedächtnis gestrichen hat. Ein Leben ohne den Gott Israels kann nicht gedeihen, es ist dem Untergang geweiht. Ein Land, das sich von seinem Gott entfernt, wird zur Wüste, weil es sich selbst von der Quelle des Lebens abschneidet.


Doch Israel erinnert sich daran, was diesen Gott auszeichnet, den es vergessen hat: Barmherzigkeit, Liebe, Gnade, Vergebung. Gott ist der Trost und der Nothelfer.  Israel erinnert sich daran, wer diese Quellen wieder zum Sprudeln bringen kann. Jetzt kann nur noch der Gott helfen, der Himmel und Erde geschaffen hat, auf dessen Wort hin die Welt wurde, wie sie einst war: sehr gut. Gut war die Welt, die in Flammen aufgeht, deren Boden von tiefen Furchen durchzogen ist und austrocknet. Gut war die Welt, die jetzt vom Tod heimgesucht wird. Eine Frage stellt Israel seinen Gott. Wo bist du jetzt? Warum bist du nicht bei uns? Wie oft stellen wir auch diese Frage. Wir stellen sie uns meist dann, wenn uns Entsetzen heimsucht, weniger, wenn es uns gut geht. In der Not scheint uns Gott wie ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt, wie einer, der sich davonstiehlt, und die Menschen sich selbst überlässt. Israel ahnt: wenn Gott geht, verlässt uns auch das Leben! Und da beginnt es, zu schreien, zu klagen. „Geh nicht“, ruft es aus, verzweifelt und voll Angst. „Bleib da! Verlass uns nicht!“


Ob sich hier ein Weg zur anderen Geschichte andeutet? Ich meine die aus dem Evangelium, die Geschichte von der Hochzeit? Wo Gott ist, ist das Leben. Wo Gott fehlt ist der Tod! Und wenn wir merken, dass Gott dabei ist, davonzugehen, wie ein unsteter Wanderer? Wenn wir merken, wie sich die große Dürre ausbreitet in unserem Leben? Wenn wir spüren, wie das blühende Leben von uns weicht, weil die Quellen des Lebens versiegen?  Was ist dann zu tun? Ob uns Jeremia das sagen will? Ob uns das Gottesvolke heute daran erinnert? Israel hat eine Klage angestimmt. Ob das heute dran ist? Kein Freudenlied, sondern eine Klage auf Gottes sterbende Schöpfung? Eine Wehklage, weil uns klar wird, dass wir den Zugang zur Quelle verschüttet haben, aus der wir Wasser schöpfen, das uns zum Blühen bringt. Entdecken wir in den Worten und Bildern, die uns der Prophet Jeremia ans Herz legt, nicht auch unsere Gegenwart und unsere Zukunft, unsere Welt, wie sie ohne Gott aussieht und künftig aussehen wird? Es ist die Welt der verbrannten Erde, der klagenden Menschen und der sterbenden Arten. 


Aber dabei soll es nicht bleiben. Israel ist auch nicht bei Klage geblieben. Es schaut auf und wendet sich wieder seinem Gott zu. „Du bist ja doch unter uns!“ Trotzig klingt das und wider alle Erfahrung. Ob Gott sich erweichen lässt? Wir erfahren es in diesem Augenblick nicht. Doch das spielt im Moment keine Rolle. Heute sollen wir darauf schauen, wie Israel mit seiner Not umgeht, mit der Erfahrung der Katastrophe. Das Gottesvolk erkennt seine Schuld und besinnt sich wieder auf seinen Gott, dessen Namen es trägt. Es bekennt seinen Ungehorsam und klammert sich an den, der allein ihm in seiner Not helfen kann. Auf die Klage folgt die Umkehr zu Gott, die Hinwendung zum Vater, dem Schöpfer von Himmel und Erde. Auf die Klage folgt die Buße, die zu einem neuen Leben aufruft und handelt.  Israel besinnt sich auf seinen Gott, nach dessen Namen es genannt ist.


Besinnen wir uns auch auf den Gott, dessen Namen wir tragen? Der Name des menschgewordenen Gottes ist Verheißung und Programm. „Jesus“ heißt frei übersetzt: „Gott rettet“. Gott will nicht den Untergang, nicht das Chaos, nicht die Verzweiflung. Er will Leben und Seligkeit schenken und zwar dem, der sie an und für sich nicht verdient, dem Menschen, also uns.


Deshalb macht sich Gott auf den Weg zu den Menschen. Wo Gott erscheint, pulsiert das Leben. Wo Gott fehlt, liegt es brach und stirbt. Gott will uns das Leben schenken in der Fülle. Dieses Leben in Fülle gibt es nur in der Gemeinschaft mit ihm, mit dem lebendigen Gott, der selbst das Leben in Fülle ist. Erinnern wir uns noch an die Jahreslosung von 2018? Das war das Jahr, in dem sich der Trockensommer in unsere Erinnerung eingebrannt und bis heute seine Spuren hinterlassen hat. Ein Wort aus der Offenbarung hat uns durch dieses Jahr begleitet: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst!“ Das steht im letzten Buch der Bibel. Was für ein Ausblick inmitten der apokalyptischen Bilder des Untergangs. Ein Zuspruch ist das, vielleicht sogar Gottes Antwort auf die Klage, die wir mit dem Prophetenwort zusammen anstimmen. Gott will uns das Leben schenken. Bitten wir ihn um dieses lebendige Wasser, das uns Lebenskraft schenkt, damit wir nicht verschmachten, sondern Kraft schöpfen, damit wir tun können, was zu tun ist: um zu ihn umzukehren, dem Gott der Lebensfreude. Noch ist uns der Platz an der Hochzeitstafel freigehalten. Noch gilt die Einladung. Mit den Bildern unserer Welt vor Augen, mit den Worten des Propheten in den Ohren und mit der Sehnsucht nach Gottes Erbarmen im Herzen, wage ich es, nach der Klage das Lob zu singen, wage ich es, nach Wegen zu suchen, die aus der Katastrophe ins Leben führen. Bei dieser Suche soll mir ein Lied die Richtung weisen, das Ermutigung und Bitte zugleich ist. Vorhin haben wir es gesungen:  „Nimm mich freundlich / in dein Arme und erbarme dich in Gnaden; auf dein Wort komm ich geladen.“ Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 19.1.2020





Mut zum Aufbruch! Predigt über Epheser 3,1 - 7 an Epiphanias

 

Deshalb sage ich, Paulus, der Gefangene Christi Jesu für euch Heiden – ihr habt ja gehört von dem Auftrag der Gnade Gottes, die mir für euch gegeben wurde: Durch Offenbarung ist mir das Geheimnis kundgemacht worden, wie ich zuvor aufs Kürzeste geschrieben habe. Daran könnt ihr, wenn ihr's lest, meine Einsicht in das Geheimnis Christi erkennen. Dies war in früheren Zeiten den Menschenkindern nicht kundgemacht, wie es jetzt offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist; nämlich dass die Heiden Miterben sind und mit zu seinem Leib gehören und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium, dessen Diener ich geworden bin durch die Gabe der Gnade Gottes, die mir nach seiner mächtigen Kraft gegeben wurde. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart) 

 

Aufbrüche bringen Bewegung ins Leben, führen zu Veränderungen. Sie können mühevoll sein und anstrengend. Vor allem, wenn es geistige Aufbrüche sind. Die nötigen uns zum Umdenken: Einstellungen, Meinungen müssen geändert und feste oder festgefahrene Überzeugungen neu überdacht werden. Heute geht es um solche Aufbrüche. Das Evangelium für diesen Feiertag ist eine der bekanntesten und schönsten Aufbruchsgeschichten der Bibel, jedenfalls für mich. Wir erfahren von den drei Sterndeutern aus dem Orient. Hochgelehrte Wissenschaftler waren das, keine Astrologen nach heutigem Verständnis. Diese Weisen machen sich auf den Weg nach Bethlehem. Sie haben den Himmel erforscht. Da ist ihnen ein Stern aufgefallen, der heller strahlte als die übrigen Gestirne. Sie ahnten, dass es mit diesem Stern etwas Besonderes auf sich hatte. Ob er den Anbruch einer neuen Zeit ankündigt? Diese Zeitenwende wurde von vielen Menschen – nicht nur im Heiligen Land – sehnsüchtig erwartet. Sie sollte einen König hervorbringen, dessen Herrschaft die Welt verändern würde. Diesem König der Zeitenwende wollten auch die gelehrten Heiden aus dem Morgenland die Ehre erweisen. Und so machten sie sich auf den Weg. Ihr Ziel war nicht, wie sie erst angenommen hatten, ein Palast in Jerusalem, sondern ein einfacher Stall nahe von Bethlehem. Den König fanden sie nicht auf einem prächtigen Thron, sondern in einer schlichten Futterkrippe.  

 

Die Geschichten rund um Epiphanias erzählen von Menschen im Aufbruch, von Bewegung und Veränderung im Leben und im Denken. Was bringt sie in Bewegung? Was verändert das Denken? Es eine Begegnung. „Erschienen ist die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes“ schreibt der Apostel Paulus an Titus. So knapp lässt sich die Bedeutung von Weihnachten zusammenfassen. Gott ist gnädig und freundlich. Seine Freundlichkeit ist nicht auf einen Kulturkreis beschränkt, er gilt nicht nur den Auserwählten Angehörigen einer bestimmten Religion oder eines Kulturkreises. Gottes Menschen-freundlichkeit lässt sich nicht eingrenzen. Sie ist grenzüberschreitend und international. Und sie fordert die Menschen heraus. Gut möglich, dass deshalb umdenken angesagt ist, bei einigen. Es ist die Begegnung mit dem menschenfreundlichen Gott, die sie ermutigt. 

 

Um Menschen im Aufbruch geht es heute, um Menschen, bei denen sich etwas verändert – im Denken, in der Überzeugung, im Leben. Drei von ihnen möchte ich heute vorstellen. Es sind „alte“ biblische Bekannte: Stephanus, Paulus und Petrus. Beginnen wir mit Paulus. Ein Pharisäer, ein Schriftkundiger und Intellektueller. Jude, aber auch römischer Bürger. Ursprünglich wurde er Saulus genannt oder Scha‘ul, wie man in seiner Heimatsprache gesagt hat. Er taucht bereits als Randfigur in der Weihnachtsgeschichte auf. Wir könnten ihm also auch eine Krippenfigur schnitzen. Die Weihnachtsgeschichte erzählt ja nicht nur vom Kind in der Krippe, von Engeln und Hirten. In der Weihnachtsgeschichte spielt er eine eher unrühmliche Nebenrolle im Zusammenhang mit einer Hinrichtung in Jerusalem, mit der Steinigung des Diakons Stephanus. 

 

Stephanus muss ein flammender Prediger für Christus gewesen sein. Er wird von den Gegnern angeklagt und vor den Toren Jerusalems hingerichtet. Fast wie eine Randnotiz klingt die Bemerkung, dass ein junger Mann namens Saulus die Gewänder der Zeugen dieser Hinrichtung hütete und dass er Gefallen an seinem Tod hatte. Später wird er selbst Jagd auf die Christen machen – bis ihn eine Begegnung von Grund auf verändern wird. Der Auferstandene selbst wird ihn ansprechen. „Saulus, warum verfolgst du mich?“ Diese Begegnung wird ihn nicht nur buchstäblich aus dem Sattel werfen. Saulus wird blind und sehend zugleich. Er verliert für eine Weile sein Augenlicht bis er zur wahren Einsicht kommt:  dass diejenigen, die er bis dahin verfolgt hat, in Wahrheit seine Brüder und Schwestern sind, dass Christus der Herr ist, der die Grenzen überwunden hat, die Grenze des Tode und die Grenzen, unter denen die Menschen bis heute leiden: Grenzen von Kultur und Religion.  

 

Ein anderes Beispiel ist Petrus, der aufbrausende, manchmal schwerfällige, aber treue Gefolgsmann des Herrn, der im entscheidenden Moment versagt und später vom Herrn beauftragt wird, seine Herde zu weiden. Auch ihm wird eine Vision zuteil, die ihm hilft zu verstehen, wer alles zu dieser Herde gehört. Er sieht, wie vom Himmel ein Gefäß mit unreinen Tieren vor ihm heruntergelassen wird und er hört eine Stimme, die ihm befiehlt, die Tiere zu schlachten und zu essen. Als er sich weigert und darauf hinweist, dass diese Tiere unrein seien, wird er getadelt. Er hört, wie eine Stimme zu ihm sagt: „Was Gott rein gemacht hat, nenne du nicht unrein.“ (Apg. 10,15). Diese Vision bereitet ihn vor auf die Begegnung mit einem heidnischen Hauptmann, dessen Haus er als frommer Jude nie betreten hätte. Aber nach diesem Erlebnis wagt er es. Er folgt der Einladung des Hauptmanns und erkennt ihn ihm einen Suchenden, der auf die Verkündigung der Frohen Botschaft gewartet hatte und der sich dankbar und voll Freude mit seiner Familie taufen lässt. So weitet sich der Blick des Petrus: Gottes Volk lässt die Grenzen hinter sich, die wir Menschen immer wieder hochziehen und manchmal verbissen verteidigen: kulturelle Grenzen, nationale und andere. Gottes Volk hat diese Grenzen längst hinter sich gelassen. Vor dem Kind in der Krippe sind eben alle gleich und jeder ist willkommen. 

 

Um Aufbrüche und Bewegungen geht es heute, Aufbrüche auch im Denken. Evangelium, dieses Wort aus der griechischen Sprache bedeutet: Gute Nachricht. Die Gute Nachricht kann zuweilen eine Zumutung und eine Ermutigung zugleich sein. Sie ermutigt uns dazu, dass wir uns bewegen, uns verändern, alte Anschauungen, Denkmuster, Abgrenzungen und Bewertungen hinter uns lassen, damit das Evangelium Raum gewinnt in unserem Leben und damit Gottes Volk wachsen kann. An Weihnachten feiern wir eine Grenzöffnung. Es ist die Grenze zwischen Himmel und Erde. „Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönsten Paradeis, / der Cherub steht nicht mehr herfür / Gott sei Lob, Ehr und Preis!“ haben wir deshalb an Weihnachten gesungen.  Gottes weites Herz öffnet sich der Welt. Seine grenzenlose Liebe erscheint in Jesus Christus. Jesus war ein Freund der Veränderungen und der Bewegung. Er hat das Evangelium in Bewegung gebracht, er hat es zu den Menschen gebracht. Die Geschichten rund ums Weihnachtsfest machen uns Mut zu einem Glauben, der vor Erstarrung bewahrt, der in Bewegung setzt, der zu Aufbrüchen ermutigt. Aufbrüche und Veränderungen im Leben, im Handeln, im Denken, im Glauben. Und der Menschen zusammenführt. 

 

Der katholische Priester und Dichter Lothar Zenetti hat dazu ein Gedicht geschrieben. Es heißt „Die neue Hoffnung“ und ist eine Gegenüberstellung zweier Haltungen, zweier Lebens – und Glaubenshaltungen. Die einen möchten den Schatz ihres Glaubens bewahren, so wie man kostbares Trinkwasser in einem Gefäß abfüllt und verschließt. Sie haben Angst vor dem Verlust, wenn sie sich öffnen. Sie haben Sorge, der Glaube könne wie das Wasser verdunsten, dass man in eine Schale gießt.  Die anderen fürchten die Veränderung und den Verlust nicht, sie sehen die Bereicherung. „Aber merke“, sagen sie: „die Luft ist jetzt feucht! Und so ist es auch mit dem Glauben. Sie weisen hin auf die Veränderung:  „Spürt ihr’s noch nicht? / Glaube liegt in der Luft.“ (Lothar Zenetti, Die neue Hoffnung. Aus: Auf Seiner Spur. Texte gläubiger Zuversicht, Grünewald)  

 

Halten wir unseren Glauben unter Verschluss? Schließen wir uns ein, behalten wir ängstlich für uns, was wir lieben? In einem hermetisch abgeschlossenen Raum lässt es sich aber nicht atmen. Oder teilen wir es, das Wasser des Lebens, des Glaubens? Gießen wir das Wasser in die Schale. Es mag sein, dass sich die Schale leert, das Wasser verdunstet. Doch in Wahrheit verschindet es nicht. Es ändert nur seine Gestalt. Wir müssen nicht Angst vor Veränderungen haben. Auch nicht davor, dass sich Anschauungen und Überzeugungen von Gott und der Welt ändern. Es gehört zum Leben, dass sich etwas ändert und dass aus dieser Veränderung Neues hervorgeht. Glaube liegt in der Luft, die wir zum Atmen brauchen. Wie das Wasser nicht nur die Luft befeuchtet, sondern auch den Boden bewässert, damit neues Leben wachsen kann, so wird auch der Glaube, der es wagt,  Grenzen hinter sich zulassen, seinen Horizont erweitern. Er wird sich dabei nicht verlieren, wohl aber verändern und diese Veränderung wird die Kirche bereichern und neu beleben. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 6.1.2020 





Freudenöl statt Trauer. Predigt über Jesaja 63,1-3.10-11 am 2. Sonntag nach Weihnachten 

Zu den Ritualen beim Jahreswechsel gehören die Ansprachen wichtiger Persönlichkeiten aus Kirche und Politik. Sie schauen zurück auf die letzten zwölf Monate, sie blicken voraus, ziehen Bilanz und erklären uns, warum das  alte Jahr doch nicht so schlecht war, wie viele meinen und warum wir dem neuen gelassen entgegen gehen können. Ehrlich gesagt, ich höre meistens nur mit halben Ohr zu. Heute hören wir auf einen Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja.  Seine Worte sind ursprünglich zwar nicht an uns gerichtet, sondern an die Israeliten. Doch was wir da zu hören bekommen, stimmt mich zuversichtlich. Deshalb lohnt es sich, genau hinzuhören. Der Prophet bringt uns eine Freudenbotschaft, mit der wir ins neue Jahr gehen. Hören wir die Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja für diesen Sonntag. Sie stehen im 61. Kapitel:


Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des HERRN«, ihm zum Preise. … Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt. Denn gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht, so lässt Gott der HERR Gerechtigkeit aufgehen und Ruhm vor allen Völkern. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Der Geist Gottes ist auf mir! Der Herr hat mich gesalbt!" Keinen Zweifel lässt der Prophet daran, wer ihn zu seinen Aussagen ermächtigt hat, wer ihm die Befugnis erteilt hat, so zu reden. Der Prophet sagt, was Gott mit seinem Volk vorhat, welchen Zeiten es entgegen geht. Gott selbst steht hinter seinen Worten. Der Prophet kündet einen heilsamen Wandel an. Er spricht von einem neuen Selbstverständnis seines Volkes und jedes einzelnen, der sich dazu zählen darf. Er bringt gute Nachricht.


Wie gesagt: die Hörer waren zunächst einmal die Israeliten. Die mögen es mir verzeihen, wenn ich jetzt von meinen Großeltern erzähle. Das liegt daran, weil mich ihr Schicksal an das erinnert, was die ersten Hörer des Prophetenwortes auch durchlitten und erfahren hatten: den Verlust der Heimat und die Mühe des Neubeginns. Meine Großeltern hatten nach dem Krieg alles verloren. Sie durften nur mitnehmen, was sie tragen konnten. Unter schwerer Bewachung wurden sie in Viehwaggons gesperrt und aus der alten Heimat in ein Land gebracht, das sie eigentlich gar nicht kannten. Dort sollten sie sich eine neue Existenz aufbauen. So kamen sie aus dem Sudeten - ins Frankenland. Mit ihrer Hände Arbeit haben sie sich hier eine neue Existenz aufgebaut: mein Großvater hat ein Geschäft gegründet und dann ein Haus für sich und seine Familie gekauft. Wenn ich an die Hörer denke, an die unser Prophetenwort gerichtet ist, muss ich aber nicht nur an meine Großeltern denken,  sondern auch an die sogenannten  Trümmer-frauen, also die Frauen, die mit ihren Händen die Trümmer beiseite geräumt haben, die der Krieg hinterlassen hatte. Mit diesen Menschen vor Augen bekomme ich eine Vorstellung davon, wie den Israeliten zumut war, als sie nach Hause kamen, in ein zerstörtes Land, das auf den Wiederaufbau wartete.


Es waren Heimkehrer, an die sich Jesaja gewendet hatte. Die Zeit der Kriegsgefangenschaft lag wohl schon hinter ihnen. Ein Menschenleben lang lebten sie an den Flüssen Babylons mit der Sehnsucht nach Jerusalem im Herzen. Jetzt sind sie zurückgekommen in ein kaputtes Land. Es war die Zeit des Neubeginns, des Neuaufbaus. Die Trümmer mussten beiseite geräumt und die Vergangenheit bewältigt werden. Vielen war weh ums Herz und sicher nicht wenige waren entmutigt. Das alles wieder aufbauen? Den Tempel, die Stadtmauern, die Häuser? Wie soll das gehen? Diese Menschen hörten die Botschaft vom Anbruch einer neuen Zeit, einer heilvollen Zeit. Sie erfahren, dass ihre zerbrochenen Herzen verbunden werden sollen. Auch hören sie vom Tag der Vergeltung hören. Den Gedemütigten soll Genugtuung geboten werden. 


Was zunächst auf Israels Neubeginn gemünzt war, hören wir heute, am Anfang eines neuen Jahres, ja sogar eines neuen Jahrzehntes. Die zwanziger Jahre sind im Anbruch. Wir sollen darin den Wandel zum Guten miterleben, ja, wir sollen ihn mit prägen. Dazu ermutigen uns die Worte des Propheten. Mit welchem Recht aber dürfen auch wir uns angesprochen fühlen? Es liegt wohl an dem Fest, das wir gefeiert haben und an der Zeit, in der wir uns befinden. Auf diesem Tagen liegt immer noch der Glanz weihnachtlicher Freude. Heute ist der zweite Sonntag nach dem Christfest. Wir haben die Geburt Jesu in dieser Welt gefeiert. Gott selbst hat sich auf den Weg gemacht, um bei uns zu wohnen. Das war die Botschaft vom Heiligen Abend. Sie gilt immer noch. Gott selbst hat der Welt sein menschliches Gesicht zugewandt und ihnen seinen Namen offenbart. Es ist ein Name, der Heil und Rettung bringt: Jesus. „Freue dich o Christenheit“ haben wir deshalb gesungen, mehr oder weniger inbrünstig, aber doch voll Hoffnung und Sehnsucht. Jesus ist gekommen, um den Menschen dieser Welt zu bringen, was der Prophet zunächst seinem Volk verheißen hat: Erlösung, Freude, Genugtuung, Friede, ein neues Selbstverständnis. Um seinetwillen dürfen wir die Prophetenworte so annehmen und verstehen, als ob sie auch für uns gesagt seien.


Die gebrochenen Herzen sollen verbunden werden und wer gebunden ist, soll frei werden. Das wird uns heute zugesagt: Befreiung! Erlösung! Wir sollen frei sein. Die Gebundenen sollen los werden von dem, was sie fesselt. Sind wir denn unfrei? Leben wir nicht in einem freien Land? Wer zu schnell mit Ja antwortet, mag sich eine Gegenfrage gefallen lassen: Warum sind dann so viele Menschen unglücklich in diesem Land? Es gibt vielfältige Erfahrungen von Leid und Not, Unfreiheit und Gebundenheit, auch bei uns, auch in unserer Zeit. Es sind die Schatten, die der Tod auf uns wirft und die uns gefangen nehmen. Sterben müssen wir alle. Vor Krankheit ist niemand gefeit. Das Leid des Abschiednehmens bleibt keinem erspart. Es gibt so viele Beispiele dafür, was viele von uns bedrückt und bindet, was gebrochene Menschen aus ihnen macht - trotz medizinischen Fortschritt, trotz Wohlstand, trotz vielerlei Komfort. Manche versuchen, dieses Gefühl mit Medikamenten in den Begriff zu bekommen, Pillen, die die Leistung steigern und dann wieder Pillen, mit denen  man „runterfahren“ kann, manche greifen nicht zur Tablettenschachtel, sondern zum Alkohol oder zur Zigarette und merken gar nicht, wie sie dabei immer tiefer in die Unfreiheit einsinken. Wieder andere suchen ihr Heil in der Esoterik. Sie ertragen nicht den Gedanken, dass der Tod alles abbricht, woran sie hängen. Ob sie die Worte des Propheten an sich heranlassen?Der sagt: „Schaut hin! Eine neue Zeit beginnt. Es ist die Zeit der Befreiung“  Ihr sollt frei werden von dem, was euch bindet.


Ich stelle mir vor, wie die Israeliten diese Worte gehört haben, wie sie dabei auf die Bauruinen geschaut haben und dann auf  sich selbst, zweifelnd, fragend. Sind wirklich wir gemeint? Und dann werden sie gestaunt haben, weil der Prophet zu ihnen gesagt hat: „Ja, ihr seid gemeint.“ Und dann spricht der Prophet von den neuen Kleidern, die wir bekommen. „Keine zerrissenen und fleckige Trauerkleider mehr sollt ihr tragen,“ spricht der Prophet, „keine Lumpen, wie sie Sklaven und Unfreie tragen, sondern Kleider des Heils.“ 


Wir sollen uns alle in einem neuen Licht sehen. Wir sehen uns in dem Licht, das in der Krippe von Bethlehem zum ersten Mal aufleuchtete und das bis heute in unser Leben scheint. Mit diesem Licht findet das Leben seinen Weg zurück zu den Menschen mit den gebrochenen Herzen, den gebundenen, den zerschlagenen und gedemütigten Seelen. Jesus Christus bringt den Menschen diese Freiheit. Er selbst hat es gesagt und wir haben es gehört, im Evangelium am Neujahrstag. (Lk 4,16ff)  Da legt Jesus in der Synagoge seiner Heimatstadt Nazareth genau diese Prophetenworte aus, die wir heute gehört haben. Ein einziger Satz genügt ihm dazu. Er sagt: „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren!“  Vielleicht verstehen wir jetzt auch, warum Jesus so gerne mit den Menschen gegessen und getrunken hat, warum er in manchen Gleichnissen vom nahen Gottesreich das Bild eines Hochzeitsmahls verwendet. Weil das Leben zur Freude wird. Weil er selbst der Grund dieser Freude ist. Ein Lied aus unserem Gesangbuch beschreibt das mit den folgenden Worten: „Jesus ist kommen, / nun springen die Bande, / Stricke des Todes, die reißen entzwei. / Unser Durchbrecher ist nunmehr vorhanden; / er der Sohn Gottes, der machet recht frei, / bringet zu Ehren aus Sünde und schande; / Jesus ist kommen, nun springen die Bande.“(EG 66,2)


Weil die Fesseln gesprengt werden, die uns binden, wandelt sich unser Leben. Es soll wie eine Hochzeitsfeier sein, auf der man fröhlich ist, weil man sich mit Braut und Bräutigam freut, weil die Musik zu spielen beginnt, nach der man tanzen kann. Diese Freude soll die Melodie eures Lebens sein, die Melodie, die den Takt vorgibt. Hören wir diese Melodie des Lebens, der Freude und des Friedens ? Sie hat bereits eingesetzt. Es ist die Melodie der Freude, mit der die Engel Gott gepriesen haben, damals, auf dem Feld bei Hirten. Sie haben den Anbruch der neuen Zeit besungen. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Dieser Friede will bei mir einziehen, will mich versöhnen mit Gott, mit meinen Mitmenschen und vor allem mit mir selbst. Ein neues Selbstverständnis hat Gott den Menschen ermöglicht.


Ein Freudenbote ist unser Prophet. Er  verheißt den Anbruch einer neuen Welt. Wenn wir dem neuen Jahr entgegen gehen, dann in der frohen Erwartung, dass uns das neue Jahr einen Schritt näher zur Vollendung bringt. So wird das Jahr zum Gnadenjahr. Den Weg in diese Welt hat uns der Gottessohn frei gemacht. Ja, er selbst ist zum Weg in dieses befreite Leben geworden. Deshalb haben wir Grund, voll Zuversicht unseren Weg fortzusetzen im neuen Jahr.  Amen.


 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 5.1.2020