Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)

Predigten im Monate September



Heilige Orte. Erinnerungsorte. Und ein geduldiger Gott. Predigt über 1.Mose 28,10 - 22 am 14. Sonntag nach Trinitatis zur Jubelkonfirmation in Hafenpreppach (22.9.2019) 

 

… Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen.  Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.  Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.  Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!  Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.  Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf und nannte die Stätte Bethel…. (Lutherbibel 2017,Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart) 

 

Dunkel muss es gewesen sein. Rabenschwarz stelle ich mir den Himmel vor. Die Sterne haben sich hinter dicken Wolken verborgen. Auch der Mond scheint nicht. Der Wanderer ist müde. Er legt sich auf die Erde, hüllt sich in seine Decke. Gerade das Vaterunser kann er noch beten, dann fängt ihn der Schlaf ein. Am nächsten Morgen weckt ihn ein seltsames und gefährliches Geräusch. Ein Schnauben und Brummen ist es, dass ihm das Blut in den Adern gefrieren lässt. Er traut seinen Augen nicht. Er hat neben einem Bären geschlafen. Einen ausgewachsenen Bären. Ein Prankenhieb hätte genügt, um ihn den Kopf von den Schultern zu reißen. Der Wandermönch glaubt, dass sein letztes Stündlein geschlagen hat. Heiliger Herr Jesus, hilf! Da steht der Bär auf, schnaubt, schüttelt den Kopf und trottet gemütlich davon. Bald ist er irgendwo im dichten Baumgestrüpp verschwunden. Der Wandermönch fällt auf die Knie und dankt für seine Rettung. Zur Erinnerung daran wird später an dieser Stelle eine kleine Klause stehen, eine Zelle. Dort wird ein Mönch die Wanderer beherbergen. Daneben steht eine kleine Kapelle. Hier kann man ungestört um Gottes Schutz und Wegbegleitung beten. Mit der Zeit siedeln sich weitere Menschen an und irgendwann wird der ganze Ort nach der Zelle des Mönchs genannt, die hier einmal gestanden hat. Die Leute sagen, dass so der Ort seinen Namen bekommen hat, an dem ich einmal Pfarrer gewesen bin: das war Zell im Fichtelgebirge. Ich habe diese Geschichte aus dem Gedächntis erzählt, so wie es mir damals die Alten gesagt haben. Wenn sie nicht ganz stimmt, mögen es mir die Heimatforscher verzeihen. 

 

Vielleicht kennen Sie ebenfalls eine Geschichte, die erzählt, wie ein Ort zu seinem Namen gekommen ist. Eigentlich erwartet keiner so recht, dass sich diesen Geschichten wirklich haargenau so zugetragen haben. Sie bergen aber als wahren Kern in sich eine Erinnerung, die an Kinder und Kindeskinder weitergegeben wird. Manchmal ist es die Erinnerung daran, wie Menschen an einem bestimmten Ort etwas Wunderbares erlebt haben: zum Beispiel, dass die Grenze zwischen Himmel und Erde durchsichtig und Gottes schützende und segnende Gegenwart in dieser Welt erfahrbar geworden ist.    

 

Die Geschichte von Jakob und der Himmelsleiter aus dem Alten Testament verrät uns, wie ein bestimmter Ort seinen Namen bekommen hat: Bethel, das heißt in unserer Sprache  „Haus Gottes“. Sie führt uns in die Zeit der Väter Israels zurück. Dieser Ort spielt eine wichtige Rolle im Leben Jakobs. Er hat dort etwas erlebt, das sein ganzes weiteres Leben prägen sollte. Er begegnet Gott, der ihm Glück, Segen und eine große Nachkommenschaft verspricht. Damals war Jakob auf der Flucht vor seinem Bruder Esau. Den hatte er gewaltig übers Ohr gehauen. Er hatte ihn um den Segen ihres Vaters Isaak betrogen.. Esau hat geschworen, ihn zu töten, sobald der Vater gestorben sei. Also tauchte Jakob unter. Er machte sich auf den Weg nach Mesopotamien, wo der Onkel lebte. Dort wollte er bleiben, bis die Wut seines Bruders verraucht war. Unterwegs übernachtete Jakob auf freiem Feld - kein bequemes Lager. Ein Stein diente als Kopfkissen. Aber Jakob war so erschöpft, dass ihm das nichts ausmachte. Schnell schlief er ein. Vielleicht sah er zuletzt noch den mit Sternen übersäten Himmel. In seinem Traum spielte der Himmel jedenfalls eine wichtige Rolle. Er sah eine Leiter vor sich. Sie reichte von der Erde bis hinauf zu den Sternen. Engel stiegen an ihr hinauf und hinunter. Da begriff Jakob, was es mit diesem Ort auf sich hatte. Hier war das Tor zum Himmel. Von oben her hörte er die Stimme Gottes: „Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und Isaaks Gott.“ Als er am nächsten Morgen die Augen aufschlug, war er sich sicher: dass war mehr als nur ein Traum! „Wie heilig ist diese Stätte...“ rief er ergriffen aus. „Wie ehrfurchtgebietend! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels!“ Deshalb errichtete er ein Denkmal und nennt den Ort „Bethel“ – also: Haus Gottes.  

 

Das ist die Geschichte, die man sich in Israel über diesen Ort erzählt hat. Gott, so sagten sich die Menschen, hat zu unserem Vater Jakob an diesem Ort gesprochen. Gewiss: Jakob war ein Mensch mit zweifelhaftem Ruf. Aber er war noch jung. Er hatte noch einen weiten Weg vor sich – im übertragenen, wie im buchstäblichen Sinn.. Es muss noch viel geschehen, bis Jakob so weit war, seinem Bruder Esau um Vergebung zu bitten und bis der in der Lage war, Jakob wieder in die Arme zu schließen. 

 

Schon am Anfang dieses weiten, oft verschlungenen und gefährlichen Wegs versprach Gott Jakob: „Ich bin mit dir und ich will dich behüten, wo du hinziehst!“ Dieser Zuspruch sollte ihn durch sein Leben begleiten. Und später werden wir erfahren, dass Gott Jakob den Betrug an seinem Bruder und die Täuschung des alten Vaters so einfach durchgehen ließ. Aber das hat ihn nicht davon abgehalten, sich an sein Wort zu halten: ich bin mit dir, ich will dich behüten.  

 

So einen ähnlichen Zuspruch haben wir auch einmal bekommen – da waren wir noch zu jung, zu klein, um ihn zu verstehen. In der Taufe ist er uns auf den Kopf zugesagt worden: du bist mein geliebtes Kind und ich will mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen. In der Konfirmation – da waren wir dann schon alt genug, um selbst für uns zu sprechen – haben wir uns darauf eingelassen, haben Ja gesagt: Ja zu Gott, Ja zu einem Leben im Vertrauen auf diese Zusage. Vielleicht haben wir uns nicht immer an unser Versprechen gehalten, haben es manchmal vergessen. Aber Gott hat uns dennoch die Treue gehalten. 

Ich glaube an diesen Gott, der mit uns durchs Leben geht und uns nicht verlässt. Ich glaube an einen geduldigen und barmherzigen Gott. Ein Gott der mich nicht allein lässt, auf meinem Weg. Es ist ein Gott, den ich nicht immer verstehe. Einen Gott mit dem ich manchmal ringen muss, so wie Jakob mit Gott ebenfalls gerungen hat. Auch davon erzählt die Bibel. Aber es ist auch ein Gott, der mir Zeit lässt, der mir die Chance gibt, mich zu ändern, der mich Begegnungen machen lässt, die mich prägen und der mir Menschen zur Seite stellt. So hat Jakob das jedenfalls erfahren. Und diese Erfahrung dürfen wir mit ihm teilen – sofern wir uns darauf einlassen, sofern wir uns auf das Wagnis des Glaubens einlassen. Die Geschichte von Jakob und der Himmelsleiter macht mir Mut. Sie erzählt von einem Gott, der Menschen auf ihrem Weg begleitet. Dieser Glaube muss sich bewähren. Dann ist es gut, wenn er in der Hoffnung verankert ist und im Vertrauen.  „Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst..." sagt Gott im Alten Testament, als Jakob auf der Flucht war. Ein Wort, an dem sich Jakob festgehalten hat.  „Siehe ich bin bei euch alle Tage, bis an das Ende der Welt...“ sagt der Auferstandene im Neuen Testament zu seinen Jüngern und heute durch sein Wort auch zu uns. Ein Wort, das uns begleitet auf unserem Weg.  

 

Lasst uns im Vertrauen auf diesen geduldigen und um uns besorgten Gott unseren Weg weiter gehen, unsere Entscheidungen treffen, unser Leben gestalten.  Hören wir dabei auf das, was Gott uns zu sagen hat - durch sein Wort. Lassen wir uns stärken, solange wir unterwegs sind – zum Beispiel durch sein Sakrament. Vertrauen wir auf den Segen, unter dem wir stehen, solange wir unterwegs sind. Es ist der Segen des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs, der in Jesus Christus zum Gott an unserer Seite geworden ist. Es ist der Segen des Vaters Jesu, der uns nicht aufgibt - auch wenn wir Fehler machen oder Schuld auf uns laden oder in bodenloses Leid stürzen. Es ist der Segen des dreieinigen Gottes, der uns trägt, damit wir unser Ziel erreichen. 

 

Als Jakob am nächsten Morgen die Augen aufschlug, hat er den Ort mit neuen Augen gesehen. Fürwahr, hier ist Gottes Haus! Zur Erinnerung daran, hat er einen Stein aufgestellt, für alle die an diesen Ort vorübergehen. Sie sollen sich an die Geschichte Jakobs erinnern und daran was Gott ihm versprochen hat. Und der Mönch aus meiner Geschichte vom Anfang hat eine kleine Kapelle errichtet. Wie gut, dass wir auf unserem Weg immer wieder an solche Orte vorbeikommen. Orte, die uns an Gottes Nähe in dieser Welt erinnern. Orte, an denen wir Gott danken können, Ort, die uns Trost und Geborgenheit schenken, wenn wir uns hilflos fühlen, Orte, an denen wir Gott unser Leid klagen können und Orte an denen wir feiern. Gott will beides mit uns teilen, die Freude und das Leid in unserem Leben. Es sind Gottes Häuser, in denen wir einkehren dürfen, um uns dort im Glauben zu stärken, an Gottes Versprechen zu erinnern und vielleicht auch, um einen Neubeginn zu wagen, wenn es mit dem Glauben im Alltag nicht immer so geklappt hat.  Amen.  

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 22.9.2019





Familienbande. Predigt über Markus 3,31-25 am 13. Sonntag nach Trinitatis

Und es kamen seine (Jesu) Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter. (Lutherbibel 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft)

 

Meine Güte – dieser Jesus. Mit seiner Familie ist er nicht sehr freundlich umgegangen. Die Schwestern und Brüder und die Mutter werden in unserem Evangelium regelrecht abgefertigt. Und das auch noch vor allen Leuten. Da tut sich ein großer Graben auf, der Jesus von seiner leiblichen Familie trennt. Zu diesem Eindruck kann man kommen, wenn man in der Bibel mit den Augen von unserem Predigtabschnitt weg ein paar Zeilen weiter nach oben wandert. Da lesen wir: „Und er ging in ein Haus. Und da kam abermals das Volk zusammen, sodass sie nicht einmal essen konnten. Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn ergreifen; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen.“ (Mk 3,20f. Lutherbibel 2017)

 

Nun haben sie sich auf den Weg gemacht, um ihn nach Hause zu holen. Die Seinen – also die Familie, die Mutter, die Geschwister. „Ergreifen“ wollten sie ihn. Was für eine Wortwahl. Einen Übeltäter ergreift man. Einen Flüchtigen ergreift man. Aber einen Sohn, einen Bruder? Die Seinen, also seine Familienangehörige, wollen ihn heimholen. Das heißt, sie wollten ihn aus dem Verehr ziehen. Zuhause in Nazareth würde man dafür sorgen, dass er nicht mehr auffällt, da könnte man ein Auge auf ihn werfen, ihn besser unter Kontrolle halten. Der Trubel um den Bruder scheint den Geschwistern peinlich zu sein. Ob sie sich für Jesus geschämt haben? Mit allen hat er sich anlegt, die Rang und Namen haben. Das ist ihnen unangenehm. „Die Leute zerreißen sich das Maul. Seht nur, wie er sich aufführt. Ein Fanatiker!“ höre ich sie schimpfen. „Er schadet sich und er schadet auch uns! Er hat den Verstand verloren! Er redet sich um Kopf und Kragen!“ Ob unser Predigtwort die Fortsetzung und Ausführung des kleinen Familienrates ist? Ob sie deshalb gekommen sind? So genau lässt sich das nicht sagen. Vorstellbar ist es.

 

Einen Weg durch einen Pulk von Menschen müssen sie sich bahnen, die Geschwister, zusammen mit ihrer Mutter. So viele stehen vor dem Haus, in dem Jesus sich gerade aufhält, dass an ein Durchkommen nicht zu denken ist. Deshalb schicken sie ihm eine Botschaft. „Sagt ihm, dass seine Mutter und seine Geschwister gekommen sind!“ lassen sie ihm ausrichten. Vielleicht hat er wenigstens den Anstand, sie hereinzubitten. Familiensinn war großgeschrieben, im Heiligen Land, ebenso wie die Gastfreundschaft. Vielleicht hat er ja wenigstens noch vor der Mutter Respekt. Heißt es nicht: „Du sollst Vater und Mutter ehren?“ Aber da haben sie sich gründlich getäuscht. Sie werden abgespeist. Sie werden nicht vorgelassen und Jesus hält es nicht einmal für nötig, aufzustehen und zu ihnen zu kommen. Im Gegenteil. „Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder und Schwestern?“ fragt Jesus seine Zuhörer. Ich stelle mir vor, wie er bei der Antwort weit mit dem Arm ausholt, als ob er die Menschen umarmen möchte, die vor ihm stehen. „Diese Leute hier sind meine Mutter und meine Brüder“ sagt diese Geste. Diese und nicht die Menschen, die da draußen stehen und nach ihm rufen.

 

Diese kleine Episode aus dem Markusevangelium ist anstößig und befreiend zugleich. Wäre eine heile Familienwelt nicht ein viel schöneres Bild?  Wenn er jetzt rausginge und seine alte Mutter in die Arme schließen und seinen Geschwistern fröhlich auf die Schultern klopfen würde.  Schaut her, würde dieses Bild uns sagen: so geht Familie.  Jesus macht es vor.  Aber vielleicht würde dieses Bild unsere eigene Not nur vergrößern – weil es bei vielen von uns eben nicht so ist. Kinder entfremden sich ihren Eltern, brechen den Kontakt ab. Familienbande werden brüchig. Streit statt Harmonie beherrscht den Umgangston unter Geschwistern. So sieht der Alltag häufig aus. Andere Formen des Zusammenlebens lösen die herkömmliche Familie ab, alternative Lebensformen entstehen und werden immer interessanter.

 

Auch Jesus lebt mit seinen Jüngern und wohl auch Jüngerinnen zusammen. Er führt ein unstetes Leben, wandert von Ort zu Ort. Den Menschen, die mit ihm umherziehen, vertraut er sich an, nicht der Mutter, nicht den Geschwistern. Von denen lässt sich nicht vereinnahmen. „Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ sagte bereits der Zwölfjährige zu seinen Eltern, als sie ihn im Tempel nach tagelanger Suche endlich gefunden haben. Das, was seines Vaters ist – das war gewiss nicht die Schreinerwerkstatt des braven Josef in Nazareth.  Mit einem Satz zerreißt Jesus die herkömmlichen Familienbande und zugleich weitet er den Verwandtschaftsbegriff aus. „Wer den Willen Gottes tut, ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter!“ Das hat gesessen. Jedenfalls vorerst.

 

 In Altenstein feiern wir heute eine Taufe. Durch die Taufe werden wir aufgenommen in die Gemeinschaft der Kirche. Die Kirche – die Christenheit – wird gerne auch Familie Gottes genannt. In einer Familie ist man sich nicht immer einig. Man streitet und versöhnt sich. Manchmal verlieren wir uns aus den Augen, weil uns die Lebenswege voneinander fortführen, weg von dem Heimatort und fort von den Menschen, die einem in der Kindheit geprägt haben. Wenn man sich dann nach Jahren wiedersieht, kann es sein, dass man sich entfremdet hat. Manchmal macht man aber auch die andere Erfahrung. Man sieht sich und hat das Gefühl, wieder Zuhause zu sein. „Du hast dich gar nicht verändert!“ sagen wir dann. Vielen liegt deshalb an ihrer Heimatkirche, an dem Ort, wo sie getauft und konfirmiert wurden. Sie spüren, dass hier der Grundstein zu einer Freundschaft gelegt wurde, die ein Leben lang trägt. Ich meine die Freundschaft mit Gott. In der Taufe bietet Gott uns diese Freundschaft an.

 

 Ich bin froh, dass wir die Taufe im Gottesdienst der Gemeinde feiern. Sie zeigt uns, wie groß unsere Familie ist. Sie erinnert uns daran, dass wir dazu gehören und dass alles, was dem kleinen Kind an Verheißungen und Segnungen zugesprochen wird, auch uns einmal zugesagt wurde. Was macht uns zu Schwestern und Brüdern Jesu? Was schließt uns zur Familie Gottes zusammen – über alle Grenzen hinweg? Die Antwort scheint so einfach und ist im Leben oft so schwer zu verwirklichen. Jesus sagt: „Wer den Willen Gottes tut, ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter!“

 

Wie tut man den Willen Gottes? Darüber nachzudenken kann zur Lebensaufgabe werden. Der aktuelle Wochenspruch aus dem Matthäusevangelium kann dabei helfen, eine Antwort zu finden auf diese Frage. „Was ihr getan habt einen von diesen meinen geringsten Brüdern und Schwestern, das habt ihr mir getan!“ sagt Jesus. (Mt.25,40b) Gelebter Glaube ist tätige Liebe, hat damit zu tun, wie ich mich meinem Mitmenschen zuwende, nicht nur den eigenen Familienmitgliedern. Vielleicht lässt sich der Wille Gottes in einer Regel zusammenfassen, die uns Jesus ans Herz gelegt hat. (Mk 12,29-31) Wir sollen Gott lieben und unseren Nächsten wie uns selbst. Fünf Buchstaben sind es, die wir beherzigen und mit Leben erfüllen sollen: Liebe. Liebe zu Gott, Liebe zum Mitmenschen und auch Liebe zu mir selbst. Liebe hat mit Wertschätzung zu tun. Gott, mein Mitmensch und auch ich selbst verdienen es, wertgeschätzt zu werden, verdienen es, geliebt zu werden.

 

Diese Liebe auszufüllen, ihr ein Gesicht und einen Namen zu geben, in ihr zu leben, das ist die Lebensaufgabe der Christen. Sie verbindet uns miteinander und macht unseren Glauben glaubwürdig. An dieser Liebe muss sich unser Glaubensbekenntnis und unser ganzes Leben messen lassen.  Wer anderes über diese Liebe stellt, läuft Gefahr, die Gemeinschaft mit Gott zu verlieren und die Familie Gottes zu verlassen –  der berufliche Aufstieg, die eigene Familie, das eigene Volk beispielsweise. Wer den Willen Gottes tut, gehört zur Familie Gottes, darf sich einreihen in die Schar derer, über die Jesus sagt: „Diese Leute hier sind meine Mutter und meine Brüder.“ Das sind Menschen, die es nicht einfacher haben im Leben als die anderen. Und doch unterscheiden sich diese Menschen von den anderen. Sie leben mit einer großen Hoffnung im Herzen. Sie wissen, wo sie hingehören, sie wissen, zu wem sie gehören. Sie gehören zum Gott des Lebens, der ihnen in Jesus Christus zeigt, wie sie leben sollen. Sie werden zu Menschen, durch die Gottes Liebe hindurchscheinen, sich mitteilen will. Eine Liebe, die ihren Glanz in die Welt wirft und dafür sorgt, dass unsere Welt lebenswert bleibt.  Wir werden heute daran erinnert, zu wem wir gehören, wir werden daran erinnert, dass wir Teil der Familie Gottes sind, die über die üblichen Bindungen hinaus geht. Diese Feier, der Gottesdienst, die Taufe, der Segen, das Abendmahl sind Elemente, mit denen wir diese besonderen Familienbande stärken und festigen, sie können uns helfen, die Familienbande mit Gott zu vertiefen, den Glauben zu stärken – und weiter zu leben: als Bruder und Schwester Jesu. Amen.

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 15.9.2019

 


Hinschauen! Predigt über Apostelgeschichte 3,1-10 am 12. Sonntag nach Trinitatis 

Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit. Und es wurde ein Mann herbeigetragen, der war gelähmt von Mutterleibe an; den setzte man täglich vor das Tor des Tempels, das da heißt das Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge. Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte stehen und gehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben. Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor dem Schönen Tor des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.  (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.)

 

„Sieh uns an!“  Wie muss dem Bettler zumute gewesen sein, als er diesen Ruf gehört hat!  Gerade hat man ihn vor der Tempeltür abgesetzt. Täglich wird er dorthin getragen. Schon seit seiner Kindheit. Er ist von Geburt an gelähmt. Er kann nicht auf eigenen Beinen stehen – weder im buchstäblichen noch im übertragenen Sinn. Immer ist er auf andere angewiesen. Er braucht Helfer, die ihn morgens zu seinem Stammplatz tragen und abends wieder von dort abholen: das ist das Schöne Tor. Hier hat er seinen Leben verbracht. Im Schatten des Tempels ist er alt geworden. Von den Almosen der Besucher lebt er, die in den Tempel gehen um zu beten. Die Hoffnung, selbst jemals in den Tempel zu gehen, die ist wohl im Lauf seines Lebens gestorben. Ob wohl bald der Tag kommen wird, an dem sein Stammplatz leer bleibt? Ob ihn dann jemand vermissen wird? Wohl kaum! Es ist, wie es ist, wird er sich gedacht und in sein Schicksal gefügt haben. Aber da hört er diese Stimme. „Sieh uns an!“sagt sie.  Neugierig, erstaunt, fragend blickt der Bettler auf und sieht zwei Männer vor sich. Sie schauen zu ihm herunter. Nicht herablassend. Nicht mitleidig. Vielmehr aufmerksam, freundlich sehen sie ihm in die Augen. Sie scheinen es gut mit ihm zu meinen. Sie haben ihn nicht übersehen.  Sie haben ihn wahrgenommen. Sie sind stehen geblieben und sie sprechen mit ihm. 

 

Heute lernen wir von Petrus und seinem Begleiter, wie wichtig es ist, aufmerksam zu sein, nach unten zu sehen, dort hin zu schauen, wo man nicht hinsehen möchte, wo es nicht schön ist, weil dort die Not zu Hause ist. Es wird viel zu oft weggesehen und viel zu häufig übersehen. Hinsehen und Hinhören, das kann unbequem sein und Angst machen. Und dennoch: wieviel Unrecht, wie viele Katastrophen könnten dadurch verhindert werden, wenn wir genauer hinsehen und hinhören würden, wenn wir achtgeben würden, auf das, was um uns herum geschieht? Dieses Hinsehen und Hinhören, das ich meine, hat nichts mit Schnüffelei zu tun. Es kann unangenehm sein. Wer aufmerksam wird und die Finger auf offene Wunden legt, kann sich Scherereien einhandeln. Vielleicht schauen deshalb viele weg. Niemand will sich einmischen, niemand will schlafende Hunde wecken. Aber sie sind da -  die Menschen wie unser Bettler. Sie wollen nicht übersehen werden, die Schwachen, die ganz unten sind, die im Staub sitzen, die am Boden zerstört sind, die verängstigt oder niedergeschlagen sind, die darauf warten, dass sie in ihrer Not angesehen und wahrgenommen werden oder die resigniert haben, die sich aufgegeben haben. 

 

Die Apostel bleiben stehen und sprechen mit dem Gelähmten. „Sieh her zu uns!“sagt Petrus. Der Gelähmte wundert sich. Er spürt, dass irgendetwas geschehen wird. Da liegt etwas in der Luft. Aber er kann sich noch nicht vorstellen, was das sein mag.  „Gold und Silber habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir!“ sagt Petrus, indem er sich ihm zuwendet. „Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“ Dann packt er ihn an der rechten Hand und zieht ihn hoch. Da spürt der Bettler, wie eine neue, unbekannte Kraft seine Füße und Beine durchströmt. Er kann es gar nicht fassen: er ist in der Lage, auf eigenen Beinen zu stehen. Da fängt er an, vor ihnen allen hin und her zu gehen, erst zaghaft, dann immer schneller. Schließlich springt und hüpft er fröhlich vor den Aposteln hin und her wie ein Kind. Er kann es immer noch nicht fassen, er kann sitzen und aufstehen, er kann seine Knie beugen und strecken wie ein Gesunder. Grund genug, mit den Aposteln endlich in den Tempel zu gehen und Gott für dieses Wunder zu danken. Wie gut, dass die Apostel nicht einfach an ihm vorbeigegangen, sondern dass sie stehen geblieben sind. Wie gut, dass sie nicht weggesehen haben, als sie die Stufen zum Tempel hinaufgestiegen und an der Pforte mit dem Bettler vorbeigekommen sind.  

 

Aber sie können ja gar nicht vorbeisehen! Sie sind Diener eines Gottes, der nicht wegsieht! Sie sind Diener eines Gottes, der sich selbst nicht zu schade war, Mensch zu werden. Sie glauben an einen Gott, der sich herabbeugt zu denen, die im Staub sitzen, um sie aus dem Elend herauszuziehen. Sie glauben an einen Gott, der einen besonderen Namen hat. Sie glauben an den Immanuel, zu deutsch „Gott – mit - uns“. In der Person Jesu Christi haben sie miterlebt, wie sich  Gott – mit – uns abgegeben hat: mit den Schuldbeladenen, den Einsamen, den Kranken und Sterbenden. Und sie haben erlebt, wie  Gott – mit – uns  selbst gestorben ist, am Kreuz. Dort hat er den Tod überwunden hat, den eigenen und den aller Menschen. Die Apostel haben den Gott – mit – unswiedergesehen. Sie haben seine Wundmale gesehen und seine Stimme gehört. Am dritten Tag war das.  „Friede sei mit euch!“hat er zu ihnen gesagt. Einen Auftrag haben sie bekommen. „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch!“

 

Zu den Menschen sollen sie gehen und ihnen die Gute Nachricht bringen - vor allem zu denen, die im Staub sitzen, die ganz unten sind. Die Gute Nachricht, dass sie nicht übersehen werden, dass es einen gibt, der sich ihrer erbarmt und der sie aus dem Elend ziehen will, vor allem aus der Not ihrer Vergänglichkeit. „...was ich habe, das gebe ich dir...!“sagt Petrus. Es ist die Botschaft vom Gott – mit – uns,von Jesus Christus. Der Gelähmte kann am eigenen Leib erfahren, dass sie ihm selbst gilt, dass sie an ihn gerichtet ist und an die vielen anderen, die sich nach dieser Botschaft sehnen. Das ist der Auftrag, den Christen haben: im Namen des Gottes – mit – uns, im Namen Jesu Christi von Nazareth,  sollen sie hinschauen und nicht vorübergehen an denen, die übersehen werden. Die gute Nachricht vom Gott – mit – uns, von Jesus Christus, sollen sie an diese Menschen weitergeben: Gott schaut dich an. Er sieht wo du bist. Er sieht dich in deiner Not, in deiner Schwachheit, in deiner Schuld. Er übersieht dich nicht, weil er dich liebt. Verschweigen wir nicht diese Gute Nachricht. Geben wir sie weiter an alle, die darauf warten. 

 

Die Geschichte macht mir Mut, daran zu glauben, dass es für Gott keine hoffnungslosen Fälle gibt. Deshalb sollen Christen keinen Menschen aufgeben. Auch die nicht, die sich selbst schon aufgegeben haben. Von einer Wundergeschichte hören wir. Tatsächlich sind es drei Wunder, die uns da erzählt werden. Das Wunder, dass ein Gelähmter wieder laufen kann, sorgt für Staunen, für Offene Münder und Freudensprünge. Das größere Wunder besteht darin, dass Gott sich den Menschen zuwendet. Er will bei uns sein und uns das ewige Leben  schenken. Das dritte Wunder besteht darin, dass Gott sich durch Menschen zuwenden will, dass er durch seine Boten Gutes tun will. In unserer Geschichte werden die Apostel zu Handlangern des Heils. So erfahren wir, wie der Auferstandene selbst in seiner Kirche zum Heil und zur Heilung der Menschen am Werk ist.  

 

Verschließen wir nicht unsere Augen und unsere Herzen. Nicht vor den Menschen, die in Not sind. Aber auch nicht vor dem, der die Not wenden kann, auch unsere Not. Das ist die Hoffnung, die wir haben, wenn wir selbst einmal ganz unten sind. Es wird einmal der Tag kommen, an dem einer zu uns sagen wird: Sieh mich an und steh auf!Vielleicht nicht heute. Vielleicht erst viel später, wenn wir gar nicht mehr damit rechnen, wenn unsere Lebenskräfte aufgezehrt sind, wenn die Welt dabei ist, uns zu vergessen. „Sieh mich an!“wird einer zu uns sagen. Dann werden wir aufschauen und staunen – weil das Reich Gottes bei uns angekommen ist, weil er da ist, mit dem wir schon gar nicht mehr gerechnet haben – der Gott – mit – uns, der Gott, der uns nicht übersieht. Er ist da und wird uns aufhelfen in das neue Leben, an dem wir in diesem Leben manchmal gezweifelt haben und das doch so nahe ist. Amen. 

 

  © Stefan Köttig, Altenstein, 8.9.2019




Gott ist da, wo ihn niemand vermutet! Predigt über Hiob 23 am 11. Sonntag nach Trinitatis i

 

„Ach, bleib mir weg mit deinem Gott!“ Harte Worte spricht der Kranke aus. Zur Bekräftigung dreht er sich weg von mir, dem Seelsorger, der gekommen war, um Trost zu spenden. Das Gespräch ist beendet, noch bevor es richtig begonnen hat. Die Körperhaltung ist eindeutig. Sie signalisiert mir: ich bin fertig mit dir. Und mit Gott ebenfalls. Jedenfalls mit dem Gott, von dem mir Menschen wie du ständig erzählt haben - im Elternhaus, in der Schule, im Konfirmandenunterricht. Ein „lieber Gott“ soll das sein, angeblich. Ein barmherziger, ein fürsorglicher Gott. Aber von diesem Gott und seiner Güte ist nichts zu spüren. Was der Kranke spürt, sind die Schmerzen, die der Krebs verursacht, was er spürt, ist die Verzweiflung, weil er ahnt, dass er bald sterben muss, was er spürt ist die Leere, die sich in ihm ausbreitet. Da helfen auch keine Gesangbuchverse und keine Erbauungsschriften. Im Gegenteil, die machen die Wut auf diesen Gott nur noch schlimmer. „Gott, wieso mutest du mir das zu, mein Leid, meine Angst, meinen Tod?“ Doch Gott schweigt. Die Frage des Kranken bleibt unbeantwortet. 

 

„Ach, bleibt mir weg mit eurem Gott!“ vielleicht hätte Hiob heute auch so gesprochen. Und die Freunde, die bei ihm sitzen, würden betreten zu Boden blicken. Sie möchten Hiob helfen und können es doch nicht. Sie möchten ihn trösten und machen die Not mit ihren Worten nur noch schlimmer. Sie hören, wie Hiob mit Gott hadert. Er fühlt sich ungerecht behandelt. „Gott geht nicht fair mit mir um“, sagt Hiob. Das können sie nicht ertragen. „So darfst du nicht reden von Gott!“ sagen sie. Aber da stoßen sie bei Hiob auf taube Ohren. „So muss ich reden, so und nicht anders!“ entgegnet er ihnen.

 

Ich weiß nicht, wer das Buch Hiob verfasst hat. Der Verfasser muss aber mit der damals vorherrschenden Vorstellung von Gott gehadert haben. Diese Vorstellung kann man, wenn auch stark verkürzt, so beschreiben: wer sich an Gottes Gebote hält, dem geht es gut. Wem es schlecht geht, der hat sich das selbst zuzuschreiben.  Was aber – wenn man genau das Gegenteil erfährt? Was, wenn man sich von Gott ungerecht behandelt fühlt? Wenn Gott wirklich so ist, wie er in den ersten Kapiteln des Hiobbuches beschrieben wird, möchte man dann nicht auch einfach nur sagen nur sagen: „Ach, bleibt mir weg mit eurem Gott?“ Zu Beginn des Buches wird erzählt, wie Hiob Teil einer Wette wird, die Satan Gott anbietet.  „Dein Hiob ist doch nur deshalb so fromm, weil du es ihm gut gehen lässt!“ sagt der Versucher und fordert Gott heraus. „Lass mich ihm alles wegnehmen und du wirst sehen: er lästert dir ins Gesicht!“ Da erlaubt Gott Satan, dass er Hiob ins Unglück stürzen dürfe. Hiob würde trotzdem fromm und gerecht bleiben. Da ist sich Gott ganz sicher. So macht sich Satan ans Werk. Er sorgt dafür, dass Hiob erst sein Hab und Gut verliert, dass seine Kinder tödlich verunglücken. Dann lässt er Hiob selbst sterbenskrank werden. Da bekomme ich eine Gänsehaut beim Lesen. Soll ich wirklich an so einen Gott glauben? An einen Gott, der den Glauben seiner Kinder auf ihre Leidenstauglichkeit prüft? Ein Gott, der mich wie eine Figur übers Schachbrett schiebt, der mich zum Gegenstand einer Wette macht? Wer würde das seinen Kindern zumuten? 

 

In unserer Geschichte öffnet sich ein Abgrund mit Hiob auf der einen und Gott auf der anderen Seite.  „Gott hat mir Unrecht getan!“ klagt Hiob. Da möchten sich die Freunde die Ohren zuhalten. So etwas darf man doch nicht sagen!  Hören wir, was Hiob seinen Freunden antwortet:„Gerade jetzt ist meine Klage die beste Verteidigung gegen euch“ sagt er.„Ich halte mit fester Hand an meinem Seufzen fest. Ich wollte, ich wüsste, wie ich Gott finden und zu seiner Wohnung kommen könnte. Ich würde ihm mein Anliegen schildern und meine Argumente vortragen. Dann wollte ich wissen, was er mir entgegnet, und die Worte verstehen, die er zu mir sagt. Würde er wohl mit seiner unermesslichen Kraft mit mir streiten? Nein, er würde mich anhören.Da würde ich dann als Aufrichtiger einen Rechtsstreit mit ihm führen, und mein Richter würde mich für immer freisprechen. Doch gehe ich nach Osten, so ist er nicht da. Gehe ich nach Westen, merke ich nichts von ihm. Tut er sein Werk im Norden, fällt es mir nicht auf. Wende ich mich nach Süden, sehe ich ihn nicht. Er aber kennt meinen Weg. Und wenn er mich wie Gold im Feuer prüfte, würde ich davonkommen. Denn ich bin den Wegen Gottes treu geblieben, ich bin nicht einen Schritt von ihnen abgewichen. Ich habe seine Gebote nicht übertreten, sondern sein Wort in meinem Herzen bewahrt. Es war mir wichtiger als mein eigenes Ansehen.  Und doch bleibt er sich immer treu. Wer könnte ihn von etwas abbringen? Er führt aus, was er sich vornimmt. Und er wird auch ausführen, was er für mich bestimmt hat. Es ist Gottes Art, so zu handeln. Deshalb erschrecke ich vor seiner Gegenwart. Wenn ich daran denke, zittere ich vor ihm. Gott hat mir meinen Mut genommen, der Allmächtige hat mich erschreckt. Ist es nicht nur Finsternis, die mich umgibt, nichts als dichte, undurchdringliche Dunkelheit? (Übersetzung: Neues Leben. Die Bibel)

 

Unerschüttertes Selbstbewusstsein und zugleich auch tiefe Sehnsucht lassen Hiob so reden. Ach, wenn Gott doch nur da wäre! Wenn er sich doch nur zeigen würde! Dann könnte ich meine Unschuld beweisen und Gott würde mich freisprechen. So wie sich ein ängstliches Kind hinter dem großen Bruder verbirgt und schüchtern herschaut, schimmert durch den Zorn Hiobs das tiefe Gottvertrauen, die Gewissheit: Gott würde mich anhören und verstehen, wenn er da wäre! Aber - er ist nicht da! Er verbirgt sich. Er duckt sich weg.  Darunter leidet Hiob vielleicht noch mehr als unter seinen Schmerzen. Er leidet darunter, dass Gott sich ihm entzieht, dass er ihm keine Chance gibt, sich zu verteidigen.  „Ich wollte, ich wüsste, wie ich Gott finden und zu seiner Wohnung kommen könnte,“ seufzt Hiob. Aber er findet ihn nicht.

 

Das ist die Not Hiobs. Er seufzt: „Gott ist nicht da, wo ich bin! Ich sitze im Elend. Finsternis umgibt mich, nichts als dichte, undurchdringliche Dunkelheit.“ Diese Erfahrung macht Hiob. „Ach, bleib mir weg mit deinem Gott!“ Ob Hiob das auch dem Beter des 139. Psalms ins Gesicht sagen würde? „Herr, du erforschest mich und kennest mich“ sagt der. „Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. / Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer / so würde auch dort deine Hand mich führen / und deine Rechte mich halten. / Spräche ich: Finsternis möge mich decken / und Nacht statt Licht um mich sein –, / so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.“ (Lutherbibel 1984) Wie eine Gegendarstellung zu diesen Worten des Psalmbeters hören sich Hiobs Klagen an: „Gehe ich nach Osten, so ist er nicht da. Gehe ich nach Westen, merke ich nichts von ihm. Tut er sein Werk im Norden, fällt es mir nicht auf. Wende ich mich nach Süden, sehe ich ihn nicht.“   Wo zum Donnerwetter also ist Gott? In dieser Welt scheint er nicht zu sein. Bei mir scheint er nicht zu sein. Deshalb kann Hiob nur noch resignierend sagen: „Gott hat mir meinen Mut genommen, der Allmächtige hat mich erschreckt.“ 

 

Wo zum Donnerwetter ist Gott? fragt Hiob und staunt. Denn genau dort ist er. Im Donnerwetter. „Und der HERR antwortete Hiob aus dem Wettersturm und sprach: Wo warst du, als ich die Erde gründete? … Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat oder wer über sie die Messschnur gezogen hat? (Hiob 38,4) …  Bist du zu den Quellen des Meeres gekommen und auf dem Grund der Tiefe gewandelt? Haben sich dir des Todes Tore je aufgetan, oder hast du gesehen die Tore der Finsternis? Hast du erkannt, wie breit die Erde ist? Sage an, weißt du das alles?“ (Hiob 38,18)

 

Gott  rückt die Realität zurecht. Er öffnet Hiob die Augen. Da erkennt Hiob die unermessliche Größe Gottes und seine eigene Niedrigkeit. „Gott widersteht dem Hochmütigen, den Demütigen aber wendet er sich zu“ - so möchte ich das in Anlehnung an unseren Wochenspruch deuten. Wie war Hiob doch überzeugt von sich selbst, von seiner Unschuld, von seiner Gerechtigkeit. Jetzt wird ihm die Majestät Gottes und seine eigene Niedrigkeit bewusst. Auf alle Fragen, die Gott ihm stellt, kann er nur antworten: „Ich weiß es nicht. Ich weiß gar nichts.“ Und das unterscheidet ihn von den Freunden, das macht ihn in den Augen Gottes gerecht. Die meinen nämlich, Gottes Handeln verstehen, erklären zu können.

 

Nein, jetzt kommt keine Abrechnung, keine Vergeltung. Gott redet Hiob nicht in Grund und Boden. Nein, Gott verbietet ihm nicht die Klage, den Zorn. Im Gegenteil. Er spricht Hiob an und hilft ihm, auszubrechen aus dem ewigen Kreisen um sich selbst, um sein Leid, um seine Gerechtigkeit, um sein Unrecht, um seine Bitterkeit. Gott wendet sich ihm zu - er öffnet Hiob die Augen, so wird aus dem selbstgerechten Hiob der demütige Hiob.Erst die Begegnung mit Gott selbst lässt Hiob erkennen, dass er als Mensch die Wege Gottes nicht verstehen kann, erst jetzt kann er sagen: „Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche.“ (Hiob 42,6)  Nicht Argumente, nicht kluge Diskussionen, schon gar nicht die frommen Bekehrungsversuche der Freunde führen zu dieser Einsicht, schenken dem Verzweifelten den Frieden. Es ist Gott selbst, der sich Hiob zuwendet, ihm die Augen öffnet, die Wirklichkeit zurechtrückt. Es ist Gott selbst, der Hiob erkennen lässt: ich bin da! Ich bin bei dir! Es ist Gottes Zuwendung, die ihm hilft, seinen Frieden zu machen mit Gott. Die Hilfe besteht darin, dass Gott ihn wahrnimmt, ihn hört und mit ihm spricht. Hiob sagt zwar, dass er aufgibt, aber er kapituliert nicht. Er lässt von seinen Vorbehalten ab und vertraut sich Gott restlos an. 

 

„Ach, bleib mir weg mit deinem Gott!“ viele, die das sagen, meinen eigentlich: „Bleib mir weg mit deinen Belehrungen! Zeig mir lieber, wo ich Gott in meinem Elend wirklich finden kann!“ Gott spricht heute wohl nicht im Wettersturm, nicht im Donnerwetter. Einen Halt haben wir dennoch, einen Hinweis, wo wir Gott finden können. Denn auch heute spricht Gott uns an. Vielleicht ist es nicht der Verstand, viel mehr das Herz, die suchende und seufzende Seele, die aufmerksam wird auf das Zeichen, das Gott uns gibt, das Zeichen seiner Nähe. Das Kreuz ist für mich das Zeichen der Zuwendung Gottes im Leid. Es erzählt von dem Weg, den Gott gegangen ist, es erzählt von der Zuwendung zu denen, die am Boden liegen, die dem Wettersturm des Lebens zum Opfer gefallen sind. Das Kreuz erzählt die Geschichte Gottes. Das Kreuz erinnert mich daran, dass Gott selbst sich auf den Weg gemacht hat zu den Menschen, die sich im Leid verlieren, die Ausschau halten nach ihm und ihn nicht sehen. Das Kreuz erinnert mich daran, dass der Gottessohn selbst diese Wut, diesen Zorn, die Verzweiflung, die Leere, das Leid der Menschen auf sich genommen hat. Er hat es mit hinein genommen in die Frage, mit der Jesus am Kreuz gestorben ist: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“(Markus 15,34)

 

„Bleib mir weg mit deinem Gott!“ In der Tat - Menschen, die leiden, brauchen keine frommen Belehrungen. Sie sehnen sich danach, dass Gott die Mauer des Schweigens durchbricht, sich ihnen zuwendet. Vielleicht mutet uns Gott selbst viel zu, wenn wir an ein Krankenbett treten - nicht nur als Seelsorger, auch als Vater oder Mutter, als Ehemann oder Ehefrau, als Kinder und Enkel, als Freunde. Gott mutet uns zu, den wahren Freundschaftsdienst zu leisten: Leid mitzutragen und mit auszuhalten, auch Klagen, auch Anklagen – auf auf Erklärungen zu verzichten. Wenn wir das tun, sind wir vielleicht selbst schon Gottes Antwort, weil wir da sind, weil wir unsere Kranken nicht allein lassen, weil wir mit ihnen teilen, was wir selbst hoffen, weil wir mit ihnen seufzen und weinen und durch die Tränen hindurch auf das Zeichen schauen, dass uns daran erinnert, wie nahe Gott uns doch ist:  das Kreuz, der Ort an dem Christus die Arme ausgebreitet hat, um uns aufzufangen. Amen. 

 

©Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 1.9.2019