Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)

Predigten im November 2019



Wie die Blume auf dem Feld. Predigt über Hiob 14,1 zu einer Taufe am Volkstrauertag 2019


Bei uns daheim hingen in Mutters „Damenzimmer“ einige gerahmte Schwarzweiß - Fotos an der Wand. „Muttis Ahnengalerie“ nannte mein Vater das etwas spöttisch.  Wahrscheinlich beneidete er seine Frau ein wenig um diese Bilder. Kein Wunder, die meisten Fotos von seinen eigenen Verwandten waren wie die übrigen Erinnerungsstücke nach der Vertreibung aus der alten Heimat auf dem Weg in die neue verloren gegangen. Ich hab sie mir gern angeschaut, diese „Ahnengalerie“. Es war die Begegnung mit einer vergangenen Welt, die mich dabei fasziniert hatte. Eines dieser  vielen Schwarzweißfotos unterschied sich von den übrigen. Es zeigte einen jungen Burschen mit zarten Gesichtszügen.„Das war der Hermann, mein Cousin“ erklärte mir meine Mutter. Viel konnte sie mir nicht von ihm erzählen. Nur, dass er um seine Jugend betrogen wurde. Auf dem Bild trug er eine Uniform. Das Hakenkreuz war darauf deutlich zu erkennen. Zum Kriegsende hin hatte man die jungen Männer aus seinem Jahrgang eingezogen, in aller Eile ausgebildet und an die Front geschickt, Soldaten, die eigentlich noch Kinder waren. Eine Mine hatte ihn und seine Kameraden aus dem Leben gerissen. Da war der Krieg längst aus und Herrmann war auf dem Weg nach Hause. Was für eine Tragödie, denke ich mir. Neben Hermann hing das Bild seiner Mutter. Die habe ich noch gekannt. Tante Rosi, eine bescheidene und freundliche Frau, die stets von einer stillen Traurigkeit umgeben war. In den siebziger Jahren ist sie gestorben. Ich denke mir, dass die Trauer um ihren Sohn  sich mit der Zeit in ein Krebsleiden verwandelt hatte. An Hermann und seine Mutter muss ich heute denken. Nicht nur, weil Volkstrauertag ist und wir uns an die Opfer der beiden Weltkriege erinnern. Hermann und seine Mutter stehen stellvertretend für das Schicksal und das Leid vieler Menschen, die ähnliches durchgemacht haben, junge wie alte. Sie sind gewissermaßen Hiobs Weggefährten oder Leidensgenossen. In vielen Kirchen wird heute über Hiob gepredigt. Er hat eigentlich alles verloren, was einem Menschenleben Sinn und Inhalt schenkt: seinen Besitz, seine Kinder und schließlich auch noch seine Gesundheit. Am Ende sitzt er im Staub, übersät mit Geschwüren und zerfressen vom Leid. Wen wundert es da, wenn er ein bitteres Resümee zieht. Er sagt:


„Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht…“  (Hiob 14,6 - Luther 2017) Eine trostlose Bilanz ist das. Viele Menschen teilen sie mit ihm. Am Volkstrauertag hören wie dieses Wort. Und ausgerechnet an diesem Tag feiern wir im Gottesdienst eine Taufe. Wir hören einerseits von der bitteren Lebensbilanz eines von Gott enttäuschten Menschen und wir feiern andererseits das Fest des Lebens. Wie geht das zusammen? Vielleicht hilft uns das Bild von der Blume, das uns Hiob vor Augen stellt. Für ihn ist das zunächst ein deprimierendes Bild. Es zeigt  die Vergänglichkeit des Lebens. Hiob sieht die welke Blume. Vergessen ist die Zeit, in der sie geblüht und die Menschen mit ihrem Duft und ihren Farben erfreut hat. Weil sie verwelkt ist, ist alles vergeblich, was einem im Leben doch freuen könnte. Und mit dem Menschen ist es ähnlich. „Er flieht wie ein Schatten“, sagt Hiob. Es ist das Leid, das sein Bild und sein Denken prägt. Wir wollen ihm nicht das Wort verbieten, so wie das seine Freunde gemacht haben. Die sagten: „Hiob, so darfst du nicht reden!“ Wir wollen ihn ernst nehmen in seinem Leid. Ebenso wenig wie wir das Leid einfach übergehen können, das die Menschen erfüllt, wenn sie vor einem Grab stehen, sei es auf einem Soldatenfriedhof oder an einem anderem Gottesacker. Auf vielen Gräbern blühen im Sommer Blumen. Sie erzählen vom Leben, auf das wir warten. Die Blumen werden liebevoll von den Angehörigen gepflegt und gegossen. Diese Pflanzen leben von der Zuwendung, die wir ihnen schenken. Sie recken ihre Köpfe ins Licht. Sie brauchen das Licht, um zu blühen. Und sie brauchen das Wasser.  So werden die Blumen zu Lebenszeichen, die über den Tod hinaus weisen. Wasser und Licht lässt sie blühen - und ebenso unsere Mühe, die wir daran setzen. Daran möchte ich Hiob erinnern. Und das will ich selbst mir in Erinnerung rufen, wenn ich an Hermann denke oder an die anderen, um die Menschen trauern. Die Blumen sind ein Zeichen des Lebens, nicht der Vergänglichkeit. Gewiss: man kann sie ausreißen, man kann sie zertreten. Aber das ändert nichts daran, dass es sie gibt und dass sie blühen, in jedem Sommer, immer wieder. Und sie erzählen eine Geschichte vom blühenden Leben.


Ein Zeichen, das ich ebenfalls mit Wasser und Licht, mit Liebe und Zuwendung in Verbindung bringe, ist die Taufe. Sie ist ein Zeichen, das uns hoffen lässt. Sie ist ein Zeichen des Lebens, das über den Tod hinausreicht. In der Taufe gießen wir Wasser über einen jungen Menschen aus, der das Leben meist noch vor sich hat. Wie die Blume das Wasser braucht, so braucht der Mensch die Zuwendung, die Liebe seiner Eltern und ebenso sehr die Liebe Gottes. Ich stelle mir vor, wie Gott seine Liebe ausgießt über den Menschen, der getauft wird. Deshalb kann die Hoffnung blühen, deshalb kann das Leben blühen. Ein Versprechen gibt Gott in der Taufe. Es lautet: „Ich bin bei dir. Ich halte dich. Ich begleite dich auf deinem Weg durch das Leben. Und wenn es zu Ende geht, dann bin ich da und halte dich fest, wann und wo immer das sein wird.“ Auf dem Weg durch das Leben begleitet uns  dieses Versprechen. Es ist wie ein Licht in der Nacht. So bekennt es auch ein Lied aus dem Liederbuch, das wir oft in die Hand nehmen: „Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht; es hat Hoffnung und Zukunft gebracht; es gibt Trost, es gibt Halt in Bedrängnis, Not und Ängsten, ist wie ein Stern in der Dunkelheit.“ (aus: Kommt, atmet auf, 056)  In wenigen Wochen, in der Zeit, wenn es im Jahr am dunkelsten ist, feiern wir die Geburt eines Kindes. „Das Wort wurde Mensch und wohnte unter uns….“ sagt der Evangelist Johannes zu diesem Geschehen. Das Wort, das uns Leben lässt, wird Mensch. In Jesus tritt Gott uns zur Seite. Gott selbst kommt in diese Welt, in der Blumen verblühen und  in der Menschenleben dahineilen wie  ein Schatten. Durch Jesus lädt uns Gott ein, mit ihm zu leben, im Vertrauen auf ihn. In Jesus  teilt Gott unser Leben mit uns, unsere Freuden und unsere Fragen, auch unsere Tränen und sogar unseren Tod. In der Taufe bietet der Gott des Lebens uns eine lebenslange Freundschaft an. Sie trägt mich, wenn alles andere im Leben zerbricht.

  

Ob sich Hiob das hätte sagen lassen, wenn er jetzt bei uns wäre? Einen Funken Hoffnung muss er wohl doch im Herzen gehabt haben, ein Funke, der immer wieder einmal aufleuchtet, durch alle Verzweiflung hindurch. „…ein Baum hat Hoffnung, auch, wenn er abgehauen ist, er kann wieder ausschlagen und seine Schösslinge bleiben nicht aus…“ sagt Hiob ein wenig später. (14,7) „Ob seine Wurzel in der Erde alt wird und sein Stumpf im Boden erstirbt so grünt er doch wieder von Geruch des Wassers und treibt Zweige wie eine junge Pflanze.“ (14,8) Wie sehr Hiob wohl so einen Baum beneidet hat.  Ich stelle mir vor, wie er sich gedacht hat: „Wäre es nicht schön, wenn es mit mir genauso wäre, wenn am Ende doch nicht alles vergeblich ist?“ Wie es mit dem Menschen weitergeht, wenn er verblüht ist wie die Blume im Herbst, das scheint er nicht zu wissen. „Stirbt aber ein Mann, so ist er dahin, kommt ein Mensch um - wo ist er?“ (14,10) Diese Frage lässt ihn seufzen. „Wo ist er, der Mensch?“ Ich möchte ihm so gerne ein anderes Wort ans Herz legen, eines, das aus seiner Welt  stammt. Wir finden es im Buch des Predigers. Das war ebenfalls ein Frommer des Alten Bundes. Dem König Salomo wurde es zugeschrieben. Der Prediger, bekannt für seine skeptische Sicht der Dinge, sagt schießlich: Gott „hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“ (Prediger 3,11)


Gott hat dem Menschen die Ewigkeit ins Herz gelegt. Auch, wenn er wie eine Blume verblüht und stirbt. Da ist also etwas, das bleibt. Etwas, das nicht verblüht, nicht vergeht, selbst, wenn der Mensch aus dem Leben gerissen wird. Die Blume braucht das Wasser und das Licht. Und der Mensch auch. Deshalb taufen wir mit Wasser und zünden eine Taufkerze an. Dieses Licht erinnert an die Gabe Gottes, die Ewigkeit, die uns ins Herz gelegt wird, weil Gott uns beim Namen ruft und zu uns Ja sagt. „Ich bin bei euch, alle Tage, bis an der Welt Ende“ verspricht der Auferstandene seinen Jüngern zum Abschied. (Mt.20,20) Wir hören dieses Versprechen, wenn wir eine Taufe feiern. Dieses Wort ist wie ein Licht in der Nacht. Es bringt Hoffnung und Zukunft, weil es uns den Weg weist, den Weg in das Leben. Den Weg, den uns Jesus voraus gegangen ist und den wir nachgehen - durch Leid und Tod hindurch in das Leben bei dem Gott des Lebens.


„Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht…“ seufzt Hiob. Gottes Wort hilft uns, mit dieser Erfahrung umzugehen. Gottes Wort ist wie das Licht in der Nacht, es hat Hoffnung und Zukunft gebracht, es gibt Trost, es gibt Halt in Bedrängnis Not und Ängsten, ist wie ein Stern in der Dunkelheit.“  Gottes Wort ist der Stern, auf den wir achtgeben. Ein Stern, dem wir folgen und der uns ins Leben führt. Es ist nicht immer alles gut, was uns auf unserem Weg in das Leben begegnet. Auch Leid und Tränen begegnen uns auf diesem Weg, aber ebenso Bewahrung und Trost, Schutz und Hoffnung. Schauen wir auf den Stern. Hören wir auf das Wort, das uns Trost spendet und den Weg weist. Vertrauen wir uns dem an, der uns am Anfang unseres Lebens beim Namen gerufen hat und der uns durchs Leben begleitet. Wie auch immer unsere Wege aussehen, wir gehen sie nicht allein. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 17.11.2019



Die Wange hinhalten? Predigt über Lukas 6,27-38 am Drittletzten Sonntag im Kirchenjahr


Ich möchte Sie heute mit auf eine Reise nehmen. Sie müssen dazu nicht aufstehen. Sie können bequem auf ihrem Platz sitzenbleiben. Es ist eine Phantasiereise. Sie führt uns ins Heilige Land zur Zeit Jesu. Dort angekommen, machen wir uns auf die Suche. Wir wollen ihn endlich selbst sehen und hören, den Herrn. Wir müssen nicht lange wandern, dann sehen wir auch schon die Menge der Menschen, zu denen Jesus gerade spricht. Wenn uns der Evangelist Matthäus mit auf die Reise genommen hätte, würden wir jetzt vor einem Berg stehen, vielleicht auch nur vor einem  erhabenen Hügel. Wir würden die Bergpredigt hören, die Matthäus uns in seinem Evangelium aufgeschrieben hat. Nun aber ist Lukas unser Reiseführer. Der bringt uns zu einem Feld. Und ebenso wie bei Matthäus haben sich auch hier viele Menschen versammelt: Wohlhabende und Arme, Gesunde und Kranke, Menschen, die neugierig oder ängstlich aufsehen zu dem Mann, der da spricht.  Sie sind mit großen Erwartungen gekommen, mit Hoffnungen. „Ob dieser Jesus mich auch gesund machen kann?“ fragen sich die einen. Die anderen schauen vielleicht skeptisch drein. Sie möchten gerne erfahren, was jetzt dran ist, was zu tun ist, damit es ein wenig gerechter zugeht in der Welt. Sie  sind erstaunt über das, was ihnen da zu Ohren kommt. Manche schütteln den Kopf, andere nicken zustimmend. Bevor wir uns aber darüber weiter Gedanken machen, hören wir lieber hin auf das, was Jesus gerade sagt und was wir bei Lukas im 6. Kapitel nachlesen können:


„Liebt eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen. Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch den Rock nicht. Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück. Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch! Und wenn ihr liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon? Denn auch die Sünder lieben, die ihnen Liebe erweisen. Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, welchen Dank habt ihr davon? Das tun die Sünder auch. Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr etwas zu bekommen hofft, welchen Dank habt ihr davon? Auch Sünder leihen Sündern, damit sie das Gleiche zurückbekommen. Vielmehr liebt eure Feinde und tut Gutes und leiht, ohne etwas dafür zu erhoffen. So wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Höchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelsgesellschaft, Stuttgart)


Was sie wohl dazu gesagt haben, die Menschen auf dem Feld? Die Feinde sollen sie lieben! Ob sie da an die Soldaten des römischen Kaisers und seines Statthalters gedacht haben und daran, wie die manchmal mit ihnen umspringen? Die andere Backe sollen sie auch noch hinhalten, wenn man sie ins Gesicht geschlagen hat! Ob der Herr da schon gewusst hat, wie schmerzhaft Peitschenhiebe sein können, die Sklaven von launischen Herren zu erdulden haben? Vergeben soll man, wenn man Unrecht erlitten hat. Gilt das auch für die Ausbeuter, die einen an die Wand drücken? „Wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück.…“ sagt Jesus. Was hat sich wohl der Bauer bei diesen Worten gedacht, der sich in die Schuldknechtschaft begeben musste, weil er die Pacht nicht mehr bezahlen konnte. Was denkt sich heute der kleine Geschäftsmann, der Konkurs anmelden muss und dessen Betrieb von einer Firmenkette geschluckt wird? Und wenn man überfallen wird? Da sagt Jesus:  „Wer dir den Mantel nimmt, den verweigere auch den Rock nicht!“ Da kommen also Straßenräuber, stehlen dir den Mantel, der dich vor der kalten Nacht schützt. Und du sollst ihnen auch noch das Untergewand dazu geben.  Was soll das? Soll ich sagen: „Hier, bitte, liebe Räuber, hier haben sie auch noch mein Smartphone und meine Armbanduhr, bitte, nehmen Sie doch, bedienen sie sich!“ Ich glaube zwar weder, das Jesus das so gemeint hat, noch dass er so ein Verhalten wirklich von mir erwartet. Ich darf mich verteidigen, wenn mich jemand angreift. Übeltäter müssen bestraft werden durch die dafür zuständigen Staatsorgane. Ich muss mich nicht demütigen, nicht erniedrigen und auch nicht schlagen lassen und dafür auch noch „Danke“ sagen. Und dennoch stehen sie im Raum, diese Worte. Sie haben eine Bedeutung. Sie haben Gültigkeit. Sie tragen mir etwas auf. Sie münden in einen Aufruf: „Liebt eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen…“ 


Ich höre diese Worte am Ende des Kirchenjahres. Ich lebe nicht im Heiligen Land zur Zeit Jesu, sondern im Deutschland des 21. Jahrhunderts. Ich höre diese Worte nicht als Zeitgenosse Jesu, sondern im November 2019. Gestern, am 9. November, feierten wir nicht nur die 30jährige Wiederkehr des Mauerfalls von 1989. Gestern war auch der Gedenktag der Reichspogromnacht im Jahr 1938. Meine Mutter war damals 10 Jahre. Sie und ihre Familie hatte nichts zu befürchten. Sie waren ja keine Juden. Aber sie hat mir erzählt, welche Spuren diese  Nacht in ihrer kindlichen Seele hinterlassen hatte. Sie hat mir von dem Tag danach erzählt, von den eingeschlagenen Fensterscheiben, die sie am Morgen gesehen hatte, vor allem aber von der weinenden alten jüdischen Frau, die sie als Kind so gerne besucht hatte, weil sie von ihr immer etwas Naschereien bekam.


 Die Geschichte wiederholt sich nicht, sagt man. Trotzdem macht mir vieles zur Zeit große Sorgen, um nicht zu sagen: Angst. Das Klima in unserem Land macht mir Angst. Ich meine jetzt das politische Klima, nicht das Wetter. Ich denke an die Ereignisse der letzten Zeit, an den Anschlag auf die Synagoge in Halle und an die Motivation des Attentäters. Er wollte einfach nur töten. Er wollte Juden töten, die sich zum Gottesdienst versammelt hatten.  Geschützt hat die Juden in der Synagoge weniger die Polizei, viel mehr eine gut verschlossene Tür. Deswegen hat der Attentäter aus Wut einfach andere Menschen getötet, wahllos, wer ihm gerade vors Gewehr gelaufen ist.  Ich denke daran, dass in einer Zeit, in der Juden es schon nicht mehr wagen, sich öffentlich zu ihrem Glauben zu bekennen, der Umgangston, und die Umgangsformen in unserem Parlament rüde geworden sind, dass die Hemmschwelle für Beleidigungen, Pöbelei und tätliche Angriffe in unserer Gesellschaft immer niedriger und der Antisemitismus mächtiger wird, dass die Gewaltbereitschaft zu - und der Anstand abnimmt. Sanitäter werden bei Rettungseinsätzen behindert und angegriffen. Schaulustige filmen mit ihren Handys verstorbene Unfallopfer. Mobbing scheint ein beliebter Volkssport zu werden - sogar schon bei Jugendlichen. Das alles macht mir Sorge. 


In dieser Zeit hören wir den Wochenspruch aus dem Matthäusevangelium: „Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Das passt zu der ökumenische Friedensdekade, die heute beginnt. Sie hat in diesem Jahr das Thema „Friedensklima.“ In manchen Gemeinden werden in dieser Zeit Bittgottesdienste für den Frieden in der Welt und in unserem Land angeboten. Wir denken darüber nach, was  zu einem Klima des Friedens und der Versöhnung beitragen kann. Frieden stiften - wie geht das? So möchte man fragen. Wie Brandstiftung geht, lässt sich leichter beantworten. Wie geistige Brandstiftung geht, erfahren wir Tag für Tag. Aber Frieden stiften? Das ist doch wesentlich schwieriger. Die Worte aus der Bergpredigt oder aus der Feldrede sind Beispiele dafür, wie der Friede unter uns Gestalt annehmen kann. Es geht nicht darum, gegen etwas zu sein, etwas zu bekämpfen, etwas zu besiegen. Es geht um Überwindung. Es geht darum, Hass zu entkräften, ihm etwas entgegenzusetzen. Das geschieht nicht dadurch, dass ich zurück schlage. Das geschieht nicht durch Gewalt, sondern durch Liebe. Wir können der Welt etwas entgegen setzen, etwas, das Hoffnung macht. Wir können der Welt sagen, was wir glauben und was wir hoffen oder besser: auf wen wir unsere Hoffnung setzen. Wir sind dazu berufen, schon jetzt als Bürger des Reiches zu leben, das Jesus verkündigt hat. Wir sollen Kinder Gottes sein. Wir sollen Bürger in Gottes Reich sein. Auf dieses Reich sollen wir hin leben, darauf sollen wir uns ausrichten.  Wenn ich mich von den Worten Jesu leiten und ermutigen lasse und der Liebe etwas zutraue, stifte ich bereits Frieden. Das bedeutet: ich gebe der Liebe ein Gesicht, ich gebe ihr mein Gesicht, ich leihe dem Frieden eine Stimme, ich leihe ihm meine Stimme. Ich möchte das „frommen Widerstand“ nennen oder auch „fromme Verweigerung.“ Ich weigere mich, dem Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ zu folgen. Ich erteile ihm eine Absage - auch, wenn es schwer fällt und sogar dann, wenn ich mich dazu im Recht fühle.  Ich wage es, weil Jesus es auch gewagt hat. Als Petrus seinen Herrn mit dem Schwert vor der Verhaftung schützen will, sagt Jesus: „Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der wird durchs Schwert umkommen. Oder meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, und er würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken?“ (Mt. 26.52f) Jesus hat das Kreuz getragen und ebenso die Schande, die Schmach, die Verachtung. In den Augen der Welt war Jesus ein Schwächling und ein Versager. Als er starb, haben sich viele über seinen Tod lustig gemacht. (Mt. 27,39) Und doch hat er so den Teufelskreis durchbrochen, indem wir alle bis heute noch gefangen sind. „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“ Es war ein Heide, ein römischer Soldat, der das bekannt hat, als Jesus starb.  (Mt.27,54)  


Wagen wir es, den Friedensgruß gerade denen zu entbieten, die es eigentlich unserer Meinung nach nicht verdient hätten. Erklären wir den Frieden und nicht den Krieg. Lassen wir uns nicht davon entmutigen, wenn man sich über uns lustig macht. Ich tue nicht nur denen Gutes, die mir Gutes tun. Ich tue denen Gutes, die es am wenigsten von mir erwarten und von denen ich eigentlich auch nichts zu erwarten habe. Ich wende mich denen zu, die sich von mir abwenden. Ich verzichte darauf, über sie zu urteilen, sie zu richten - auch, wenn ich mit ihrem Lebensstil, ihren Überzeugungen, ihrem Glauben nicht einverstanden bin. Ich darf ihnen sagen, was mich an ihnen stört. Aber ich verurteile sie nicht. Doch wie kann ich jemanden lieben, der mir nicht gut ist und für den ich keine Liebe empfinden will? 


Mir hilft dabei der Gedanke, dass die Liebe nicht nur ein Gefühl ist und auch nicht immer etwas mit Sympathie zu tun hat. Vor allem die Nächstenliebe! Sie bedeutet vor allem, im Mitmenschen das Antlitz Gottes zu entdecken. Nächstenliebe bedeutet im Gegenüber Gottes Geschöpf zu erkennen, geschaffen nach seinem Ebenbild und durch und durch von Gott geliebt. Vielleicht denke ich jetzt an denen einen oder anderen und sage empört: Was denn, der auch? Und dann stelle ich mir vor, wie Jesus mich  ansieht und mir dann klipp und klar ins Gesicht sagt: „Genau, der auch! Gerade der auch!“ Was für eine Herausforderung. Wir üben das bei jeder Abendmahlsfeier ein, wenn wir unseren Nachbarn die Hand reichen zum Friedensgruß, sogar dem, über den wir uns von Montag bis Samstag ärgern. Wo das gelingt, sich von Herzen Frieden zu wünschen, da leuchtet dieser Friede auf, vielleicht nur wie ein kleines, flackerndes Licht. Aber doch ein Licht, das einen neuen Glanz in die Welt hinein trägt. Den Glanz des Himmelreiches, dessen Nähe Jesus verkündigt hat.


Liebt eure Feinde! Tut wohl denen, die euch hassen! Vergebt, so wird euch vergeben! Nein, das ist keine To do Liste, die man abarbeitet und an der man scheitert. Das sind  Impulse für die Hoffnung, kleine Lichter, die die Welt nicht besser machen, aber das Leben in ihrer lebenswertert, wenn man sich an ihnen ausrichtet. Weil durch sie das wahre Leben zu uns kommt. Es sind Sätze, die von einem Leben erzählen, das im Anbruch ist, von einem Reich, in dem zu leben wir berufen sind.  Auf dieses Reich Gottes gehen wir zu, voller Hoffnung. Nicht die Gewalt, nicht der Hass, nicht das Leid, nicht der Tod werden das Letzte Wort sprechen. Das letzte Wort hat fünf Buchstaben. Es heißt „Liebe“ und der es spricht hat den Tod längst überwunden.Amen.


 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 10.11.2019