Pfarrer Stefan Köttig


Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)
 

Predigten im Monat März 2019


Mehr als nur Salz. Predigt anlässlich einer Konfirmation am Palmsonntag

„Hätte ich nur diese Frage niemals gestellt! Warum war ich auch nur so neugierig!“ Ich kann mir vorstellen, dass sich der alte König große Vorwürfe gemacht hatte. Er lebte mit seinen drei Töchtern in einem prächtigen Schloss. Er war ein mächtiger Herrscher. Er konnte haben was er wollte. Doch der König hatte alles. Er war alt und müde und wusste, irgendwann wird eine seiner Töchter seine Nachfolge als Königin antreten. Doch – wem sollte er die Macht anvertrauen? Da kam ihm die rettende Idee, wie er meinte: „Diejenige, die mich am meisten liebt, soll Königin werden!“   Und so kam es zu der Frage, die den König noch in tiefes Unglück stürzen sollte. Er rief seine Töchter zu sich und sagte zu ihnen: „Ich möchte wissen, wer von euch mich am meisten liebt!“ Die ersten beiden Antworten haben ihm gut gefallen. „Ich liebe dich mehr als alle Edelsteine und Diamanten der Welt!“ rief die älteste Tochter. Und die zweite sagte: „Ich liebe dich mehr als alles Silber und Gold!“ Jetzt war er gespannt,  was die jüngste Tochter, sie hieß Maruschka, sagen würde. Doch die schwieg. “Und du?“ wollte der König wissen? „Liebst du mich auch?“  „Aber Vater“, sagte die Tochter. „Ich liebe dich auch. Ich liebe dich mehr als alles Salz der Welt!“ „Waaas?“ riefen die Schwestern? „Nur Salz? Salz ist doch etwas ganz gewöhnliches. Salz, das bekommt man in jedem Krämerladen. Das ist doch etwas für arme Leute! Wie kannst du unseren Vater nur so beleidigen!“ Und auch der Vater war schwer enttäuscht. So sehr ärgerte er sich, dass er Maruschka davonjagte. „Komm mir nie wieder unter die Augen!“ rief er zornig. Sie durfte das Schloss nicht mehr betreten. Fortan war sie auch nicht mehr seine Tochter. Traurig zog sich Maruschka in einen Wald zurück.  Dort wollte sie künftig als Einsiedlerin leben. Und so bekam sie die große Veränderung im Reich ihres Vaters nicht mit. Denn der Vater wurde schwer krank. Er hat sich so sehr über Maruschka geärgert, dass er kein Salz mehr sehen oder schmecken wollte. Fortan wollte er nur noch salzlos essen. Und weil das fade schmeckt, gab es nur noch Süßspeisen. Es dauerte nicht lange, da wurde der König krank. Die Ärzte wussten, was ihm fehlt. Er braucht Salz. Doch es gab im ganzen Land kein Körnchen Salz mehr. Im Zorn hatte der König durch seine Soldaten alles Salz vernichten lassen. Nur Maruschka, tief im Wald, hatte als Andenken an ihr Zuhause einen Beutel Salz. Weil die Geschichte ein Märchen ist, erfuhr sie von den Vögeln im Wald, dass der Vater schwer krank war. Sie erfuhr auch, warum er so krank war. Die Vögel erzählten ihr auch, was der König auf seinem Krankenlager flüsterte: „Ich bin verloren. Maruschka hatte Recht: Salz ist wirklich überaus kostbar. Es ist wertvoller als alle meine anderen Schätze.“Da eilte Maruschka heim. Am Burgtor hing eine schwarze Fahne, weil der König im Sterben lag. Am Bett des Vaters nahm Maruschka Brot und streute Salz darauf. Mühsam öffnete der König die Augen. Er konnte kaum glauben, was er sah. Das ist doch – Maruschka! Wirklich, sie ist es! Kraftlos sank er in die Kissen zurück. Mit leiser Stimme sagte er: „Ich habe dir Unrecht getan. Verzeih mir.“ Maruschka schob ihrem Vater gesalzenes Brot in den Mund. Der König aß und fühlte sich gleich etwas besser und mit der Zeit wurde er wieder gesund. So kam es, dass er Maruschka zu seiner Nachfolgerin krönte. Hoch lebe unsere neue Königin Maruschka! Sie lebe hoch!“rief er dankbar und alle, die es hörten, stimmten in den Ruf ein. Schnell verbreitete sich das freudige Ereignis über das ganze Land. Alle waren froh, dass die kluge und bescheidene Maruschka ihre neue Königin geworden ist. Jetzt durfte man im Königreich wieder Salz essen. Darüber waren alle von Herzen froh – den salzlose Suppen schmecken einfach fade, nicht wahr? 

(etwas abgewandelt erzählt nach: Das große Buch der Familiengottesdienste. Symbole und Märchen erzählen von Gott, Herder, 2004) 

 

An diese Geschichte muss ich heute denken, wenn ich euch vor mir sehe, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden. Mir fällt ein Wort Jesu zu euch ein.  „Ihr seid das Salz der Erde! Ihr seid das Licht der Welt!“ In der Bergpredigt können wir dieses Wort nachlesen. Heute ist dieses Wort an euch gerichtet. Es sagt etwas aus über euch und über eure Bestimmung. Ihr seid so wichtig, wie das Licht und das Salz. Eure Konfirmandenkerzen sollen euch daran erinnern und ebenso der kleine Salzstreuer, den ihr gleich bekommen werdet. Ihr sollt wie Salz  und wie Licht sein. Welche Bedeutung das Salz hat, haben wir aus dem Märchen erfahren. Nicht umsonst hat man es früher als „Weißes Gold“ bezeichnet. Ihr seid wertvoller als alles Gold der Welt. Gewiss:  unbedeutend erscheint das Salz. Aber so ist das – die wirklich wichtigen Dinge erkennt man auf dem ersten Blick gar nicht. Im Gegenteil. Wer eine Prise Salz von der Hand leckt, verzieht das Gesicht. Eine Suppe, die versalzen wird, ist ungenießbar. Und Schokolade schmeckt besser. Wer so denkt, wundert sich nicht, dass Maruschka davongejagt wurde. Und doch ist es die kleine, auf der Hand unscheinbare Prise Salz, die der Suppe den richtigen Geschmack gibt und auch dem Braten. Vielleicht merkt ihr das heute Mittag beim Essen.  

 

„Ihr seid das Salz der Erde!“ sagt Jesus. Er wertet die Menschen auf. Er wertet euch auf. Vielleicht hat er diesen Vergleich gebraucht, um den Menschen zu zeigen, welchen Auftrag sie für die Welt haben. Die Menschen zurzeit Jesu hatten dem Salz eine besondere Kraft zugeschrieben. Sie waren davon überzeugt, dass Salz reinigende und lebenserhaltende Wirkung hatte. Was mit Salz bestreut wurde, vergeht nicht, hat Bestand – und verbindet mit Gott, der ja selbst unvergänglich und ewig ist. Und nun sagt Jesus: Ihr seid das Salz der Erde. Er gibt uns und euch einen Auftrag. Ihr sollt dafür sorgen, dass das Leben auf dieser Erde nicht fad wird. Es liegt also an euch, dass die Kirche ihren Auftrag weiter wahrnehmen kann. Ihr Auftrag ist es, Licht in die Welt zu bringen, Hoffnung hineinzutragen, der Liebe Gottes ein Gesicht zu geben. Es soll euer Gesicht sein.  

 

Der Auftrag passt nicht zusammen mit einer Null Bock auf Nichts Mentalität.  Da würde das Salz seine Kraft verlieren. Wie schnell kann das geschehen. Wenn Menschen sich gleichgültig werden, verliert das Salz an Kraft, wird das Licht in der Welt schwach. Wenn Menschen nur an sich selbst denken und versuchen, ihre Ziele auf Kosten der anderen durchzusetzen, dann verliert die Liebe an Kraft. Wenn wir gedankenlos einfach vor uns hinleben, dann werden wir kraftlos. Aber das ist nicht unser Auftrag. Ihr sollt Licht für die Welt sein und Salz. Vielleicht hat der Apostel deshalb einmal geschrieben: „eure Rede sei allzeit freundlich und mit Salz gewürzt.“ (Kol.4,6) Ihr sollt keine langweiligen Jasager sein. Ihr sollt eure Meinung vertreten. Ihr sollt sie öffentlich bekennen. Viele Jugendliche machen das zurzeit. „Friday for Future“ heißt ihre Aktion. Das wurmt viele Erwachsene, weil die Kinder die Schule schwänzen. So etwas gehört sich doch nicht. Da merke ich, dass ich zur älteren Generation gehöre, weil ich da ebenfalls meine Schwierigkeiten damit hatte. Zunächst jedenfalls. Auf der anderen Seite habe ich doch Respekt. Immerhin haben die weltweiten Demonstrationen dafür gesorgt, dass die Erwachsenen, die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft, sich hinterfragen lassen mussten, ob sie wirklich genug für die Rettung des Weltklimas und der Umwelt tun? Und weil das wahrscheinlich nicht der Fall ist, jedenfalls nicht in den Augen der Jugendlichen, reden sie sich heraus. Das  

kratzt eben gehörig am Ego der Verantwortlichen. Da haben die Jugendlichen ihr Salz in eine offene Wunde gestreut. Hoffentlich wird es die reinigende Wirkung haben, die man dem Salz bisher zugetraut hat. Salz der Erde. Friday for Future. Allerdings wünsche ich mir auch, dass sich die Jungen ebenso für die anderen Werte einsetzen, die Christus uns ans Herz legt – die Liebe und die Ehrfurcht vor Gott und dem Menschen, seinem Geschöpf. Die Demut, dass der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist. Die Einsicht, dass die Welt unsere gemeinsame Heimat ist, in der Mauern und Grenzen die Aufgaben haben, zu schützen, aber nicht, um auszugrenzen oder einzusperren. Vor allem aber wünsche ich mir, dass wir alle erkennen, dass nichts fader, nichts tödlicher ist, als Gleichgültigkeit und Intoleranz.  

 

Also: seid Salz, seid Licht in der Welt. Seid Botschafter der Guten Nachricht, die Christus euch anvertraut:  das Evangelium ist eine gute Nachricht, die man in die Welt hinausrufen soll. Und ihr sollt sie weitergeben an die Menschen eurer Generation und an diejenigen, die nach euch kommen.  Es ist die gute Nachricht, dass Gott uns liebt – und dass jeder einzelne von uns unendlich wertvoll ist, so wertvoll und wichtig, wie das Salz, das wir zum Leben brauchen. Jeder einzelne von uns soll Salz für die Welt sein, damit das Leben in dieser Welt keine fade Angelegenheit ist. 

 

Wie könnt ihr nun Licht der Welt sein und Salz der Erde? Der Dichter Lothar Zenetti hat etwas geschrieben, was euch vielleicht eine Anregung sein kann. Zenetti schreibt: „Was keiner wagt, das sollt ihr wagen / was keiner sagt, das sagt heraus / was keiner denkt, das wagt zu denken / was keiner anfängt, das führt aus.“

  

Dazu muss man allerdings seinen Grips etwas anstrengen und sich aufraffen, etwas wagen – so wie Greta Thunberg zum Beispiel, die in eurem Alter ist. Der andere, der passive Weg ist bequemer. Allerdings führt er dazu, dass die Welt eine fade Angelegenheit ist. Etwas zu wagen, Träume zu haben und an ihrer Verwirklichung zu arbeiten, das ist schon etwas. Der Traum, dafür zu sorgen, dass die Welt weiter schön und lebenswert ist, dass Liebe nicht nur ein Fremdwort ist, dass wir Menschen einander nicht gleichgültig sind, sondern miteinander zur Familie Gottes gehören – das ist schon etwas. Ich wünsche euch, dass euer Leben schön wird. Schön wird es durch das Salz, das dem Leben Würze gibt. Schön wird es durch die Liebe, die wie ein Licht euer Leben hell macht. Vielleicht würde der Apostel Paulus mir zustimmen wenn ich ihn heute zitiere und sage, dass der Glaube, die Hoffnung und die Liebe das Salz sind, das unser Leben würzt. Wie schön wäre das, wenn ihr daran Geschmack findet. Amen. 

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 14.4.2019






Adam - wo bist du? Predigt zur Passionsandacht am 19.3.2019

Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen…Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben. Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!  Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben,  sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.  Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN zwischen den Bäumen im Garten.  Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?  Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß. (Lutherübersetzung 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)



„Wo bist du?“ Ich stelle mir vor, wie ein Vater durch den Wald läuft, der an das Gartengrundstück angrenzt. Er sucht sein Kind. Erst ruft er ungeduldig. Wo versteckt sich der Bengel nur. Dann wird der Vater nervös. „Jetzt komm schon, du hast deinen Spaß gehabt!“ Doch der Ruf bleibt unbeantwortet. Allmählich spürt er, wie die Angst in ihm hoch steigt Man hört doch so viel Schlimmes über verschwundene Kinder. Er hat keine Ruhe. Endlich findet er seinen Buben. Er hat sich unter einem Strauch zusammengerollt und ist eingeschlafen. Was für eine Erleichterung. „Warum bist du denn fortgelaufen?“ Später stellt er ihm diese Frage und bekommt ein Geständnis zu hören. Der Junge hat beim Fußballspielen versehentlich eine Fensterscheibe zertrümmert und ist davongelaufen. Er hatte Angst vor dem väterlichen Donnerwetter. „Bin ich denn so schlimm?“ Der Vater kann es gar nicht fassen, dass sein Sohn solche Angst vor ihm hatte.


„Hörst du mir eigentlich zu? Wo bist du mit deinen Gedanken?“ sagt die Frau zu ihrem Mann und hört eine unwirsche Antwort: „Ich bin doch da!“ Doch die Frau schüttelt den Kopf. Nein, du bist schon lange nicht mehr da. Du lebst schon lange nicht mit mir zusammen, du lebst höchstens neben mir. Du weichst mir aus, wenn ich dich frage, wenn ich mit dir sprechen will. Du entziehst dich dich mir. Es ist nicht mehr so wie früher zwischen uns.“ Und der Mann kann ihr nicht in die Augen schauen. Seitdem er sich in eine andere Frau verliebt hat, kann er das nicht. Immer wieder hat er versucht, reinen Tisch zu machen. Aber wenn er nach Hause kommt, verliert er den Mut. Und so leben sie nebeneinander her. Beide wissen, dass etwas kaputt gegangen ist in ihrer Beziehung, dass sie sich verloren haben - sie haben sich vielleicht nicht aus den Augen verloren, aber aus den Herzen. Es ist die Schuld, die Untreue, die Unaufrichtigkeit, die sich zwischen sie geschoben hat, die sie voneinander trennt. Und so bleibt die Frage unbeantwortet: „Wo bist du?"


„Wo bist du?“ Vor Zeiten hat Gott diese Frage den Menschen gestellt. Im Garten Eden. Adam, wo bist du? Adam - das ist das hebräische Wort für Mensch. Es leitet sich ab von dem Wort für Erde oder Staub. Der Mensch ist der von Staub geschaffene. „Adam, wo bist du!“ Gott ruft bis heute den Menschen. Sein Ruf gilt auch uns. Die Geschichte, die wir gehört habe, spielt im Garten Eden - noch vor aller Zeit. In Form einer Legende wird hier von einem Geschehen erzählt, das sich seit Menschengedenken immer und immer wieder ereignet. Es ist die Geschichte eines Zerwürfnisses, einer Entfremdung. Die Urgeschichte erzählt, wie das heile und unbefangene Verhältnis zerstört wird, das einmal zwischen Gott und den Menschen bestanden hat. Ein Verhältnis, wie sie Kinder zu ihren Eltern pflegen. Kleine Kinder schämen sich ihrer Nacktheit nicht. Sie wissen sich beschützt und behütet bei ihren Eltern. Sie vertrauen darauf, dass sie es gut mit ihnen meinen. Die Liebe ist wie ein Gewand, das sie umhüllt. Deshalb können sie so sein, wie sie von Gott geschaffen wurden - nackt, schwach, angreifbar, schutzlos. Das ändert sich, als sie sich von der Schlange überreden lassen und nach der Frucht vom Baum der Erkenntnis greifen. Da gehen ihnen die Augen auf. Sie erkennen sich in ihrer Nacktheit, in ihrer Verletzbarkeit und Hilflosigkeit. Sie schämen sich dessen und verstecken sich vor Gott. Sie wollen sich in ihrer Blöße nicht seinen Blicken aussetzen. Das Vertrauen ist zerbrochen.


Es ist die Sünde, die zwischen sie und Gott tritt. Es ist ihr Ungehorsam. Es ist ihr Streben nach mehr, nach Erkenntnis, letztendlich danach, wie Gott zu sein - und das bedeutet: selbst zu bestimmen, was gut und was schlecht ist, wie sie leben wollen, was sie tun können. Adam und Eva machen sich Kleider. Sie wollen und können nicht mehr unbefangen und frei vor Gott hintreten, so wie sie einmal geschaffen wurden. Sie selbst sind sich zum Maß aller Dinge geworden. Und dabei ist mehr zu Bruch gegangen, als sie glauben. Es ist das heilvolle, das behütete und von Gott getragene Leben, das sie zerstört haben, es ist die Liebe, das Vertrauen, das nun wie ein Scherbenhaufen vor ihnen liegt. An seine Stelle tritt die Angst, dass Misstrauen, die Scham. 


„Adam, wo bist du!“ bis heute stellt Gott diese Frage, bis heute macht er sich auf die Suche nach den Menschen, die sich ihm entfremdet haben. Er will sie zurück haben, die Menschen. Er sucht das Paradies ab nach ihnen. Schließlich begibt er sich in ihre Existenz hinein. Er tritt ein in die Welt jenseits von Eden, in  die Welt der Menschen, in der gelitten, gelogen, betrogen und um Anerkennung gekämpft wird - und zwar buchstäblich auf Teufel komm raus. Er kommt hinein in die Welt des Misstrauens und der Entfremdung. Er gibt sich hinein in die Welt der Menschen, um sie zurück zu holen. Er selbst wird Mensch, er selbst wird zum Weg in die Wahrheit, in das Leben. Es ist ein Weg in das Leiden, das Gott gehen wird, angetrieben von der Liebe, die sich in dem Ruf ausspricht: „Adam, wo bist du?“


Und welche Antwort werden wir ihm geben, wenn wir diesen Ruf hören? Welche Antwort werden wir ihm geben, wenn er uns findet? Rufen wir: „Hier bin ich! Hilf mir!“ Werden wir es wagen, von unserer Schuld zu sprechen, von unseren Irrtümern, von unseren Fehlentscheidungen? Werden wir es wagen, die Augen aufzumachen und anzuerkennen, wer wir in Wahrheit sind - der aus Staub geschaffene, vom Erdboden genommene Mensch, der wieder Staub wird, Staub in Gottes Hand? Werden wir seinen Ruf an uns heranlassen - wie das Kind, das den Vater hört und sich bewusst wird, dass es die Liebe  und die Angst um das Leben ist, die den Vater zur Suche angetrieben hat und nicht der Zorn, der nach Vergeltung aus ist? Werden wir es wagen, anzuerkennen, dass es unsere Maßlosigkeit und unsere Überheblichkeit ist, mit der wir uns über Gottes Gebote hinweggesetzt haben? Vielleicht merken dann, dass der Weg zurück zu Gott schwer ist. Vielleicht können wir einfach nur „Hier“ schreien, wenn wir hören, wie Gott nach uns ruft: „Adam, wo bist du?“ „Hier bin ich, Gott, rette mich!“  Vielleicht kostet das viel Überwindung - zugeben zu können, dass man sich verirrt hat, dass man alleine nicht mehr den Weg zurück findet, ins Leben, zurück zu Gott, der das Leben ist. Vielleicht hat sich Gott deshalb aufgemacht, hineinbegeben in die tiefstenTiefen von menschlicher Schuld, menschlichem Versagen, menschlichem Leid, hineinbegeben in den Tod - um uns den Weg zu zeigen, den Ausweg. „Adam, wo bist du?“ Wenn wir antworten, wird er kommen und uns retten. Seinen Weg zu uns beschreibt die Passionsgeschichte - es ist der Leidensweg des Gottessohnes. Es ist der Weg zu den Sündern, um sie zu suchen und zu retten, es ist der Weg zu uns. Wagen wir es, aus der Deckung zu gehen, legen wir die Feigenblätter der Ausreden weg, gestehen wir unsere Scham, unsere Blöße, unsere Hilflosigkeit und Armut.  Und wagen wir es, dem zu vertrauen, der uns ruft. Amen. 

Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 19.3.2019


Glauben heißt vertrauensvoll aufschauen. Predigt über Johannes 3, 14 - 21 am Sonntag Reminiszere


Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.  Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er hat nicht geglaubt an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind. 


Manchmal können sie sich hinziehen, die Stunden in der Nacht. Das ist dann der Fall, wenn man nicht einschlafen kann. Wenn einen Sorgen die Ruhe rauben. Wenn das Kind krank ist und weint. Wenn man selbst Schmerzen hat. Oder wenn einen Fragen durch den Kopf gehen. Fragen, auf die man keine Antwort findet. Ich glaube, bei Nikodemus waren es diese Fragen, die dafür gesorgt haben, dass ihn der Schlaf mied. Nikodemus war ein Schriftgelehrter. Die Bibel, der Glaube an den Gott Israels, die Gottesdienste im Tempel - darum drehte sich alles in seinem Leben. Aufmerksam war er und einfühlsam. Deshalb hat er auch mit Interesse den Weg des jungen Wanderpredigers aus Nazareth verfolgt, seine Reden gehört, seine Taten bewundert. Sollte Gott wirklich ihn als Messias auserkoren haben? Vieles hat seiner Meinung nach dafür gesprochen - und etliches dagegen. Unsicher wurde er, weil so viele seiner geschätzten Kollegen schlecht auf diesen jungen Rabbi zu sprechen waren. Sie hielten ihn für alles mögliche, nur nicht für den Messias. Sollten sie Recht haben und er im Unrecht sein? Nikodemus hat sich zurück gehalten. Er wartete auf eine Gelegenheit, um einmal in Ruhe seine Fragen mit Jesus besprechen zu können. Und endlich war es so weit. Jesus war in Jerusalem. Die ganze Stadt sprach über ihn. Er soll die Händler am Tempel aufgemischt haben, ihre Tische umgeworfen und sie mit einer Peitsche vom Gotteshaus fortgetrieben haben. 


Ich stelle mir vor, wie er sich in der Dunkelheit durch die Straßen schleicht, hinaus zum Ölberg. Dort hat sich Jesus gerne zurückgezogen, um zu übernachten. Er muss nicht lange suchen. Er sieht das Lagerfeuer und die Jünger, die sich daran wärmen oder schlafen. Und etwas abseits - diese Gestalt muss Jesus sein. Er scheint, als ob er auf ihn gewartet hat. So kommen sie ins Gespräch und Nikodemus kann sich so vieles von der Seele reden - zum Beispiel, wie das zu verstehen sei, dass niemand in das Reich Gottes kommen könne, wenn er nicht zuvor wiedergeboren würde. Im Verlauf dieses Gesprächs wird ihm kl, mit welchem Auftrag Jesus zu den Menschen kommt, was es mit dem Gericht auf sich hat, von dem Jesus spricht. Vor allem aber wird ihm deutlich, wie Gott die Menschen retten will.


Es scheint kein leichtes und vor allem auch kein angenehmes Gespräch zu sein, das Nikodemus mit Jesus führt. Er erfährt die Wahrheit, die schwer zu ertragen ist. Es wird ein Gericht über die Menschen geben. Jesus wird über sie richten. Wie leicht uns doch diese Worte Sonntag für Sonntag im Glaubensbekenntnis über die Lippen gehen: Jesus wird kommen, um zu richten die Lebenden und die Toten. Warum wir nach dem ersten 

Erschrecken aufatmen dürfen, erfahren wir in diesem Gespräch. Wenn jetzt vom Gericht die Rede ist, geht es nicht um Vergeltung es geht um Rettung. Nicht Zorn, nicht Rache sind ausschlaggebend. Es ist die Liebe, die sich Geltung verschaffen will. Und deshalb dürfen Gericht und Rettung, Hoffnung und Heil in einem  Atemzug genannt werden, denn „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde…“ Ich stelle mir vor, wie Nikodemus Jesus zuhört und wie sich eine Frage auf seinen Lippen abzeichnet. „Wie wird der Sohn die Menschen retten? Und was ist denn damit gemeint, dass der Menschensohn erhöht werden soll, damit die Menschen gerettet werden können.“ Um das besser verstehen zu können, erinnert ihn Jesus an eine Geschichte der Bibel. Als die Israeliten auf dem Weg durch die Wüste waren, starben viele durch den Biss giftiger Schlangen, die in Scharen über sie herfielen. In ihrer Not und Todesangst wandten sich viele an Mose, ihren Anführer. „Hilf uns! Wir sterben!“ Doch Mose war ratlos. In seiner Not wandte er sich an Gott und erhielt folgenden Auftrag. Er solle eine Schlange aus Kupfer anfertigen, sie auf einen Stab binden und diesen hochhalten. Jeder, der zu dieser Schlange aufsieht, soll gerettet werden und nicht sterben. Und so geschah es. Jeder, der gebissen wurde und auf dieses Zeichen der Rettung sah, wurde gesund. 


Mit dieser Geschichte erfahren wir, wie Glaube und wie Rettung aus dem Gericht geschieht, wie Gott die Menschen vor dem Untergang bewahren will - durch gläubiges Aufsehen, durch Hinschauen. Die Israeliten mussten nichts anderes tun, als auf dieses Zeichen zu schauen und darauf zu vertrauen, dass dieses Hinschauen genügt, dass von diesem Zeichen die Rettung kommt, von diesem und von keinem anderen. Warum Jesus wohl auf diese Geschichte  hinweist? Sie soll eine Hilfe sein, um zu verstehen, welche Bedeutung de Weg Jesu ans Kreuz für uns hat. So wie die Schlange an einen Stab gebunden und hochgehoben wird und so wie jeder, der auf diese Kupferschlange schaut gerettet wird, so wird Jesus ans Kreuz gebunden und hoch aufgerichtet. Und jeder der auf ihn schaut und diesem Zeichen vertraut, der soll gerettet werden. Mehr wird nicht verlangt. Hinschauen und Vertrauen, das ist Glaube. Wegschauen und Misstrauen ist Unglaube.


Vertrauen wir darauf, dass im Kreuz das Heil und die Rettung zu finden ist? Glaube bedeutet, auf das Kreuz zu schauen, angetrieben von der Sehnsucht nach Rettung, so wie einst die Israeliten auf die Schlange geschaut haben, angetrieben von der Sehnsucht nach Schutz vor dem tödlichen Gift. So geschieht Rettung, so wird das Gericht vollzogen.


Eine schwere Kost bietet Jesus dem Nikodemus an. Ob sie ihm die Nacht über im Magen liegen wird, wie ein schwer verdauliches Abendbrot? Ich stelle mir vor, wie erst einen Staunen und dann ein Lächeln sich auf dem Gesicht des alten Mannes niederlässt. Das Gericht, von dem Jesus spricht, ist kein Strafverfahren, wie wir uns das meist vorstellen. Es ist vielmehr ein Prozess, ein aktuelles Geschehen, an dem ich beteiligt bin. Jesus sagt von sich, dass er das Licht der Welt sei. Wo er ist, das ist das Heil, da ist Leben, da ist Rettung. Außerhalb dieses Lichtkreises herrscht die Dunkelheit. Dort lauert der Tod, der Untergang. Es liegt an mir selbst, ob ich im Licht lebe oder nicht, ob ich der Einladung folge, die ausgesprochen wird, oder ob ich mich lieber im Zwielicht oder in der Finsternis aufhalte. Ich bin eingeladen, mein Leben im Lichtkreis der Liebe Gottes zu leben. Und ich bin aufgefordert, dieses Licht zu hüten, es weiter zu geben an andere.  Mit anderen Worten: ich bin aufgefordert so zu leben, wie es Jesus uns gesagt hat. Ich bin aufgefordert, in der Liebe zu leben, in der Liebe zu Gott, zu den Menschen aber auch zu mir selbst, zur Schöpfung. Ich bin aufgefordert, weil Gott der Gott des Lebens ist. Es liegt an mir, ob ich das Licht wähle oder die Finsternis. Und deshalb spricht nicht Gott das Urteil über mich. Es liegt an mir, ob ich das Licht oder die Finsternis wähle.


Mit welchen Gedanken Nikodemus wohl nach Hause gehen wird. Ob er die restlichen Stunden der Nacht schlafen kann oder ob dieses Gespräch weiter nachklingt. Er wird sich zu Jesus halten, allerdings bedeckt und im verborgenen. Die Angst vor den Feinden war zu groß. Und doch wird er sich entschieden haben, Nikodemus. Er wird sich für das Licht entschieden haben, für das Leben, für Jesus. Ich gestehe, dass dies ein Wunsch ist, den ich für Nikodemus im Herzen tragen, aber nicht nur für ihn, sondern auch für mich, für die Kinder, die getauft werden, die Jugendlichen die heranwachsen, die Erwachsenen, die im Alltag ihre Entscheidungen treffen. Mich begleitet dieser Gedanke, diese Einladung, die ich aus den Worten Jesu heraus höre - ich bin eingeladen, in den Lichtkreis seiner Liebe einzutreten, im Schein dieses Lichtes zu leben, geprägt und erfüllt und angeleitet von dem, was er getan und gesagt hat. Ich habe ein Zeichen, zu dem ich immer wieder aufschauen kann, wenn ich nach Orientierung suche, wenn ich nicht weiter weiß. Ich schaue auf das Kreuz. Es ist der Wegweiser in ein gutes Leben, es führt mich aus der Verlorenheit in der Finsternis, aus den Verflechtungen von Schuld, aus der Gottesferne zurück in das Leben, hinein in die Gemeinschaft mit Gott. Und nicht nur mich, sondern auch die, die mit mir gehen, die mir anvertraut sind, die auf mich hören, die mir folgen. Schauen wir auf das Kreuz. Es ist das Zeichen für das Leben. Vertrauen wir diesem Zeichen. Amen.

Pfarrer Stefan Köttig, 17.3.2019







Zwei ungleiche Frauen - Marta und Maria. Predigt über Lukas 10,38 - 42 am Sonntag Estomihi


Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf.  Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu.  Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart) 

 

Marta und Maria! Zwei ungleiche Schwestern. Ich muss es zugeben: Meine Sympathien gehören der Marta. Zunächst einmal. Ihren Ärger kann ich gut verstehen. Wenn ich jetzt über sie spreche, lasse ich meine Phantasie spielen. So stelle ich sie mir vor: Marta, die umtriebige, die resolute Frau, die auch mit Jesus ein deutliches Wort zu reden versteht, wenn es sein muss. Empört stemmt sie die Arme in die Hüften. „Was genug ist, ist genug!“  denkt sie sich. „Ich habe die ganze Arbeit und Maria sitzt da und rührt keinen Finger.“Eine Zeitlang lässt Marta sich das gefallen und sagt nichts. Dann aber bricht aus ihr heraus, was sich lange in ihr angestaut hat: „Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!“  

 

Selbstbewusst und zielstrebig denke ich sie mir, ein bisschen wie die Katharina von Bora, Luthers bessere Hälfte. „Herr Käthe“ hat sie der Reformator manchmal genannt, halb belustigt, halb respektvoll. Sie hat die Hosen angehabt im Hause Luther. Ich weiß nicht, ob Frau Luther sie gerne getragen hat. Aber: Wenn der Herr Gemahl mit dem Kopf in den Wolken steckt, die Kirche reformiert oder die Bibel übersetzt, dann muss doch einer, besser gesagt:eine da sein, die darauf achtet, dass das Essen auf den Tisch kommt, die Kinder versorgt, Rechnungen pünktlich bezahlt oder auch gestellt werden. Im Hause Luthers war dafür „Herr Käthe“ zuständig und in dem Dorf mit den beiden grundverschiedenen Schwestern wahrscheinlich Marta. Ob wir sie deshalb auch mit „Herr Marta“ ansprechen sollten? 

 

Im Haus der beiden Schwestern muss sie wohl das Sagen gehabt haben. Lukas, der Evangelist, nennt zuerst ihren Namen. Lukas sagt, dass MartaJesus aufgenommen hat. Marta war also die Herrin des Hauses. Sie hat dem Herrn die Tür geöffnet, ihn zum Bleiben eingeladen. Ihre männlichen Zeitgenossen müssen die Stirn gerunzelt haben. Wie kann sich eine Frauso etwas erlauben! So etwas war Sache des Hausvaters. Marta erfüllt die Pflichten eines Hausherrn und übt zugleich das Regiment über Herd und Gesinde. Ich kann sie mir nicht untätig vorstellen. In meinen Gedanken ist sie ständig auf den Beinen. Immer darauf bedacht, dass es der Gast bequem hat und dass auch sonst alles seinen Gang geht.  Gehört Marta vielleicht auch zu denen, die selbst beim Beten keine Ruhe haben? Hat die Heilige Theresa von Avila vielleicht an Menschen wie Marta gedacht? Folgendes Gebet wird der spanischen Ordensfrau zugeschrieben: „Herr der Töpfe und der Pfannen, ich habe keine Zeit, ein Heiliger zu sein ... Mache mich zu einem Heiligen, indem ich Mahlzeiten zubereite und Teller wasche. Nimm meine rauen Hände, weil sie für dich rau geworden sind.“  Vielleicht sind nicht nur die Hände rau geworden. Vielleicht ist auch der Ton rau geworden, in dem Marta sich jetzt an Jesus wendet, weil sie sich über ihre untätige Schwester ärgert. „Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!“  

 

Wenn Maria schon nicht weiß, was sich gehört, dann muss es ihr eben gesagt werden. Am besten von Jesus selbst, an dessen Lippen sie schon die ganze Zeit hängt.Zu Füßen Jesu hat sie sich niedergelassen, wie ein Schüler bei seinem Lehrer sitzt. Und aufmerksam wie ein Schüler hört sie ihm zu, statt der Schwester zur Hand zu gehen. Vielleicht beneidet Marta ihre Schwester um diese Gabe: Die Hände ohne schlechtes Gewissen getrost in den Schoß legen zu können, um einfach nur hinzuhören – auf die Stimme Jesu, auf seine Worte. Viele von uns könnten das nicht. Wer rastet, der rostet, haben sie gelernt. Müßiggang ist aller Laster Anfang, ist ihnen gesagt worden. Eine gute Hausfrau hat immer etwas zu tun! Wer mit solchen Sätzen aufgewachsen ist, wird Maria nicht verstehen können. Sie legt die Hände in den Schoß. Sie schweigt. Sie hört, was Jesus sagt. Es sind Worte des Lebens, die sie aufnimmt. Da tritt alles andere zurück, kann warten, wird nicht unwichtig, aber vorübergehend zweitrangig: die Arbeit, die Sorge, die Frage, ob alles recht ist.

 

„Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe!“sagt Jesus und ich wünsche mir, dass sich Marta über seine Antwort nicht ärgert. Ich stelle mir vor, dass Jesus es so sagt, dass Marta dadurch nicht verletzt wird. Jesus weiß um die Sorgen, die auf ihr lasten, die ihr die Ruhe rauben, die sie umtreibt, vom Herd zu den Gästen, von den Gästen hinaus in den Hof, von dort in den Stall und dann wieder zurück ins Haus. Jetzt bekommt sie nicht einmal von Jesus Schützenhilfe. Er nimmt Maria in Schutz – und ich wünsche mir, dass Marta begreift, warum ihre Schwester das gute Teil erwählt hat, das nicht von ihr genommen wird. 

 

Nicht, dass Maria nur herumsitzt. Das aber macht sie zum Vorbild: dass sie im richtigen Augenblick zuhören kann. Dass sie die Worte des Lebens an sich heranlässt. Die tägliche Mühe und Arbeit möchte uns manchmal ablenken vom Wesentlichen, vom wahren, vom wirklichen Leben, das uns in Jesus Christus begegnet. Maria hat das gute Teil erwählt, weil sie sich Zeit nimmt für Jesus, damit seine Worte den Weg finden von den Ohren ins Herz. Sie hört ihm zu. Maria wird für uns zum Vorbild – und für Marta zum Stein des Anstoßes.  

So wie Maria sollten die Jünger sein. Nicht Petrus, der Fels ist das Vorbild und noch nicht einmal Johannes, der Lieblingsjünger Jesu. Sondern Maria! Sie wird zum Vorbild, weil sie im richtigen Augenblick nichts anderes macht, als zu Füßen Jesu zu sitzen, damit sie ihm zuhören kann, ihn fragen, von ihm lernen kann. Aus diesem Hören wächst das rechte Tun. Später wird Maria wissen, was sie zu tun hat, wie sie zu leben hat. Sie weiß es, weil sie Jesus ihr Herz geöffnet hat, weil sie seine Worte in sich aufgenommen, weil sie von ihm gelernt hat. 

 

Wie man als Jünger lebt, wie man als Christ in der Nachfolge lebt – die Geschichte von den zwei Schwestern will uns helfen, eine Antwort darauf zu finden. Alles hat seine Zeit! Das lehrt mich das Beispiel von Marta und Maria. Das Arbeiten und das Ruhen, das Zuhören und das Zupacken. Beides hat sein Recht und seine Zeit. Vielleicht folgt das eine aus dem anderen. Man darf es nicht gegeneinander ausspielen. Es gibt Zeiten, in denen die Hände ruhen, in denen ich nichts tun muss, nichts tun soll. Ich brauche Zeit zur Ruhe, zur Muße. Zeit, um die Worte Jesu in mein Herz zu lassen, damit sie mich prägen, mir den Weg zeigen in das Leben, in mein Leben, damit sie mir sagen, was zu tun ist, wenn ich handeln muss. „Die Hände, die zum beten ruhn, / die macht er stark zur Tat“ heißt es in einem Lied. Beten, Schweigen, Zuhören, sich von Gott etwas sagen lassen! Wir brauchen Zeit dazu. Gott hat uns diese Zeit gegeben. Einen ganzen Tag in der Woche haben wir Zeit. Gott hat uns den Sonntag gegeben. Und werktags wird sich vielleicht auch eine kurze „stille“ Zeit finden, damit ich den Kopf, die Ohren, das Herz frei bekomme für das Wesentliche, für Gott, der mir das Leben schenkt, das nicht untergehen soll in Ruhelosigkeit, Hektik und blindem Aktionismus. Ich darf sicher sein, dass Gott mir die Hände stark macht zur Tat, damit ich „mein Werk mit Freuden“ angreifen kann, damit ich sehe, was gerade dran ist, damit ich die Aufgaben erkenne, die auf mich warten, damit ich sie angreife und in Gottes Namen und mit seiner Hilfe bewältige. Ich will Gott darum bitten, dass ich so leben kann, dass ich es merke, was an der Zeit ist: das Zuhören oder das Zupacken. Vielleicht kann ich dann mit dem Propheten aus dem Jesajabuch sagen: „Alle Morgen weckt Gott mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.“ Amen. 

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 3.3.2019