Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)

Predigten im Monat Juli 2019





Welche Maßstäben gelten? Predigt über Lukas 6,36 - 42 am 4. Sonntag nach Trinitatis

 

Jesus sagte: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen. Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister. Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.“ (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

 

Manchmal sind die Worte Jesu so klar, so eindeutig, dass es dazu doch eigentlich keiner weiteren Erklärung braucht, nicht wahr? So geht es mir jedenfalls mit dem Evangelium für diesen Sonntag. Was wir heute hören, das kann doch jeder von uns unterschreiben. „Seid barmherzig! Vergebt! Richtet nicht! Seid freigiebig!“ Natürlich, so gehört sich das. Wir sind alles gute Christenmenschen. Wir machen das so!

 

Mit diesen Gedanken gehe ich aus dem Gottesdienst zurück in meinen Alltag. Ein wenig freundlicher soll er werden durch uns, durch mich, durch mein Leben, durch mein Verhalten. Wir sind ja Christen. Und dann begegnet mir dieser Mann. Wenn er mir früher aufgefallen wäre, hätte ich schnell die Straßenseite gewechselt. Jetzt aber kommt er direkt auf mich zu. Das macht mir etwas Angst. Er wirkt ungewaschen, die Kleider sind fleckig. Und er riecht streng. Da! Jetzt setzt er so einen mitleidheischenden Blick auf und hält mir einen Zettel hin. Da steht drauf, dass er in Not ist und Geld braucht. Schnell gehe ich an ihm vorbei. Der kriegt keinen Cent von mir. Der gehört sicher zu so einer Bettlermafia. Die ziehen das geschäftsmäßig durch. Nein, der bekommt nichts. „Seid barmherzig…“ ja, ich erinnere mich. Das hab ich vorhin in der Kirche gehört. Aber das gilt doch nur für die wirklich Armen. Nicht für solches Gesindel!

 

Warum aber habe ich jetzt nur ein schlechtes Gewissen? Während ich noch darüber nachdenke, bin ich bei meinem Auto angekommen. Gegenüber vom Parkplatz ist ein kleiner Park. Auf einer Bank - genauer gesagt: auf der Lehne - sitzen Jugendliche und unterhalten sich. Ein junges Mädchen mit grüngefärbtem Haar fällt mir besonders auf. Sie hält eine Bierflasche in der einen Hand und eine Zigarette in der anderen. Sie schäkert laut mit einem Jungen in Lederklamotten und mit rasiertem Kopf. Sie lachen, nein, sie grölen und lallen. Sie sind angetrunken. „Was sind das nur für Eltern, die ihre Kinder so rumlaufen lassen?“ denke ich mir kopfschüttelnd. „Das Mädchen ist sicher noch nicht einmal fünfzehn. Kein Wunder, wenn die unter die Räder kommt.“ Da höre ich eine Stimme. Leise flüstert sie in mir: „Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet!“ Warum kommt mir denn ausgerechnet jetzt diese Mahnung aus dem Evangelium in den Sinn? Nun ist meine Feiertagsstimmung im Eimer. Dabei hat der Sonntag so schön begonnen. 

 

Endlich bin ich Zuhause. Als ich aus dem Wagen aussteige, sehe ich einen Mann auf der anderen Straßenseite. Er winkt mir zu. Ein Arbeitskollege. „Der fehlt mir gerade noch“, denke ich mir. Wie freundlich der immer getan hat. Als mir dann aber ein schwerer Fehler unterlaufen war, konnte der nicht schnell genug zum Chef laufen, um mich anzuschwärzen. Richtig Ärger habe ich wegen ihm bekommen. Und jetzt tut er so, als ob nichts geschehen wäre. Mit dem will ich nichts mehr zu tun haben. Deshalb schaue ich bewusst in die andere Richtung. Aber kriecht wieder so ein lästiger Gedanke in mein Gewissen. „Vergebt, so wird euch vergeben!“ Nein, dem kann ich nicht vergeben. Einem anderen vielleicht. Dem da gewiss nicht. Wie einen Käfer versuche ich, den Gedanken von mir zu streifen.

 

Seid barmherzig. Richtet nicht. Vergebt einander! Diese Worte treffen mich. Liebe, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Güte – ist das nicht Mangelware in unserer Welt und vielleicht auch in meinem Alltag? Vielleicht sorge ich selbst dafür, dass das so ist. Was kostet es mich doch an Überwindung, diese Worte Jesu nicht nur zu hören, sondern sie auch zu tun. Sie klingen so gut und sind so schwer zu befolgen. Da wird mir klar, dass ich mich völlig falsch eingeschätzt habe. Ich bin längst nicht so gut, wie ich immer dachte. Im Alltag haut das nicht so hin mit der Barmherzigkeit, mit dem Vergeben, mit dem Gutsein. Der Bettler ist in meinen Augen ein Betrüger, das Mädchen wegen ihres Benehmens und Aussehens eine künftige Kleinkriminelle, der Kollege ein falscher Fuffziger - so nehme ich also die Menschen wahr, mit denen ich lebe.

 

Vielleicht sind die ja alle gar nicht so, wie ich sie sehe! Vielleicht ist der ungewaschene Bettler wirklich in Not, vielleicht ist das Mädchen an anderen Tagen eine gute und hilfsbereite Schülerin und vielleicht hat den Kollegen seine Gewissenhaftigkeit zum Chef getrieben. Habe ich den Menschen Unrecht getan? Ist das, was ich von den anderen sehe, die Wahrheit? Oder schränkt der Balken im Auge, von dem Jesus spricht, meine Sichtweise ein? Wenn ich Jesus richtig verstanden habe, will er, dass ich wieder den Blick frei bekomme, für die Welt in der ich lebe, für die Menschen, mit denen ich lebe und für mich selbst. Dazu muss ich aber den Balken aus meinem Auge ziehen. Und das kann richtig weh tun.

 

Nun mag es zwar durchaus hilfreich sein, wenn einem die Leviten gelesen werden, wenn einem vor Augen geführt wird, dass manches im Argen liegt und dass wir alle doch nicht so gut sind, wie wir meinen. Aber deshalb sagt Jesus das nicht. Es geht nicht darum, uns bloßzustellen, damit wir uns schämen. Ich denke, wir sollen zum Nachdenken angeregt werden. Wenn wir über andere urteilen, wenn wir Entscheidungen treffen, auf welche Stimme hören wir da? Welcher Meinung folgen wir? Ist es unser Maßstab, den wir anlegen? Müssen die Menschen so sein, so aussehen, so denken, sich so verhalten, wie wir das meinen? Muss es immer nach uns gehen? Hören wir wirklich auf Jesus? Folgen wir seinem Beispiel? Überlassen wir ihm den Maßstab, die Bewertung? Eine Menge Fragen sind das. Vielleicht zu viele, um sie sofort zu beantworten. Lassen wir also die Fragen. Schauen wir lieber auf Jesus, wenn wir nach einer Antwort suchen. Hören wir nochmal hin auf seine Worte.

 

Jesus sagt nicht: „Seid barmherzig!“ Er sagt: „Seid barmherzig wie euer Vater barmherzig ist“. Wenn ihr barmherzig seid, wird euch auch Barmherzigkeit von Gott her widerfahren - nicht, weil ihr so gut seid, sondern weil Gott barmherzig ist. Wenn ihr aufhört, übereinander zu richten, werdet auch ihr nicht gerichtet werden. Jesus sagt: „Wenn ihr vergebt, wird euch vergeben.“ Die Art und Weise wie wir mit anderen umgehen, über andere reden und richten, wird den Ausschlag geben, wie Gott mit uns umgeht. Ist es also wie bei einem Echo? Wird auf uns zurückfallen, was wir tun und lasen? Mich erschreckt das. Hängt am Ende doch alles an mir, an meinem Tun und Reden? Das überfordert mich. Es will mir einfach nicht immer gelingen, zu vergeben und zu vergessen. Der Schmerz über erlittenes Unrecht ist dafür einfach zu groß. Das Leben hat mich bitter und misstrauisch gemacht. Wie gut, dass ich auch das zugeben darf – vielleicht nicht vor den anderen, wohl aber vor Gott. Gott liebt mich. Und das bedeutet: er schaut am Ende nicht auf das, was ich getan oder nicht getan habe, sondern auf den Weg, den Jesus gegangen ist. Nicht meine Taten werden in die Waagschale geworfen, sondern was er für mich, den schwachen, den hinfälligen, den egoistischen, den selbstgerechten alles ausgestanden hat. Das wird am Ende zählen. Er hat für mich das Unmögliche möglich gemacht. Er schenkt mir den Frieden für meine Seele. Und der ist die Voraussetzung dafür, dass ich den Worten Jesu folgen kann.

 

Jesus lädt ein zu einem Leben, das sich nach Gott hin ausrichtet. Immer wieder und jeden Tag aufs Neue. Jesus lädt ein zu einem Leben, in dem schon etwas von der Welt Gottes zu spüren ist, die durch ihn zu uns kommt. Ich meine das Reich Gottes, in dem die Menschen aufleben sollen, weil sie merken, wie sehr sie von Gott geliebt sind. Eingeladen sind die Menschen zum Leben mit Gott. Wenn sie beginnen, nach den Grundsätzen Gottes zu leben, tragen sie etwas von dieser Liebe Gottes in diese Welt hinein, es ist die Liebe, auf die Gottes Reich gegründet ist. Die Worte Jesu sind eine große Herausforderung. Wenn ich sie als Gesetz verstehe, als etwas, was ich unbedingt tun muss, um selig zu werden, werde ich an ihnen scheitern, wie an den vielen anderen Gesetzen und Geboten der Bibel. Wenn ich sie als Heilmittel in mein gekränktes Herz lasse, werden sie mich verändern. Sie sagen mir nicht, wie ich sein soll, sondern wie Gott ist, sie zeigen mir, wie ich mit anderen Menschen umgehen kann – nämlich so, wie Gott mit mir umgeht: gütig, barmherzig, ohne zu richten. Die Kraft zu diesem Leben kommt von ihm, nicht von mir. Das macht mir Mut, den Schritt zu wagen in ein Leben, das dieser Liebe vertraut. Der Balken fällt dann von allein aus dem Aug und zeigt mir die Welt, wie Gott sie haben will:  sie ist viel schöner, als wir dachten, viel weiter und viel freier. Amen.

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 14.7.2019