Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)

Predigten im Monat Februar 2019



Komm und hilf uns! Predigt über Apostelgeschichte 16,9-15 am Sonntag Sexagesimae 

Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Makedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Makedonien und hilf uns! Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Makedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen. Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Makedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt. Am Sabbattag gingen wir hinaus vor das Stadttor an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen. Und eine Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, eine Gottesfürchtige, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde. Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart)

 

Heute begleiten wir den Apostel Paulus auf seiner zweiten Missionsreise. Davon erzählt unser Abschnitt aus der Apostelgeschichte. Wir erfahren, wie sich Gottes Wort ausbreitet und wie der auferstandene Herr seine Herrschaft ausweitet in dieser Welt: von Erdteil zu Erteil, von Land zu Land, von Ort zu Ort und von Herz zu Herz. Überall, wo die Gute Nachricht vom Leben und Auferstehen Jesu laut wird, wo Menschen sie hören und annehmen, dort entsteht und wächst die Kirche. Deshalb ist unser Predigtwort auch eine kleine Kirchen - Geschichte. Sie erzählt, wie Menschen unter Gottes Wort zueinander finden und miteinander Gemeinde werden. Bis dahin ist aber noch ein weiter Weg. Auch unsere Geschichte ist nicht von Anfang an eine Kirchen-Geschichte. Sie wird erst dazu. Sie beginnt als geheimnisvolle „Nacht — und – Traum-Geschichte“, verwandelt sich dann in einen eher trockenen Reiseberichtund wird erst am Ende zur Kirchen-Geschichte. Weil aber hinter allem der Geist Jesu am Werk ist, können wir sie auch als Pfingst-Geschichteverstehen. Und das mitten im Winter. Sie will uns begeistern. Sie will uns Mut machen. Der Geist Jesu bringt den Apostel auf den Weg. Der Geist Jesu bringt ihn dazu, alte Pläne über den Haufen zu werfen, den Kurs zu korrigieren, neue Wege einzuschlagen. Paulus lässt sich führen vom Geist Jesu. Er vertraut darauf, dass ihn dieser neue Weg an ein gutes Ziel bringt.  

 

Zunächst aber zum ersten Teil unserer Geschichte, zur geheimnisvollen Nacht – und – Traum –  Geschichte. Mit einer Erscheinung bei Nacht beginnt sie. Ob Paulus geträumt hat oder tief im Gebet versunken ist, wird nicht verraten. In jedem Fall war er bereit für diese Vision. Er sieht einen Mann aus Makedonien vor sich stehen, also aus dem Nordteil des heutigen Griechenlands. Dieser Mann spricht zu ihm: „Komm herüber nach Makedonien und hilf uns!“Das ist alles. Dann löst er sich in Luft auf. Paulus und seine Wegbegleiter Silas und Timotheus machen sich auf den Weg.  

 

Erstaunlich! Der Apostel sucht nicht erst lange nach einer „natürlichen“ Erklärung für diese Erscheinung - Übermüdung etwa oder Einbildung. Er hört die Stimme und weiß: hinter dieser Erscheinung steht der Auferstandene. Erspricht durch den geheimnisvollen Mann aus Makedonien Erwill, dass Paulus seine Pläne ändert. Ursprünglich hatte dieser andere Absichten, wollte eine andere Reiseroute wählen. Aber nun ist eben Makedonien dran und Paulus macht sich auf den Weg, „gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.“   

 

Die Geschichte will uns an diesem Sonntag begeistern. Eine Pfingstgeschichteim Winter habe ich sie genannt. Eine Geschichte, die uns Mut macht, alte Wege zu verlassen, sich auf Neues einzulassen – im Vertrauen auf Gottes Führung. Zugleich macht mich die Geschichte auch nachdenklich. Paulus hat sich vorbereitet, er war „bereit“ für die Stimme, die gesagt hat: „Komm, und hilf uns!“Er hat sie nicht überhört und hat sie nicht abgetan. Er hat Zeiten der Ruhe gepflegt, um nachzudenken und im Gebet auch nachzufragen, was der Herr mit ihm vorhat, um sich zu öffnen für die Pläne und Absichten Gottes. Paulus hat sich immer wieder die Zeit genommen, auf Gottes Wort zu hören. Das hat ihn Kraft gegeben, seine Wege Gott zu befehlen. Das hat ihn hellhörig gemacht für die Hilferufe von denen, die ihn gebraucht haben. So war er bereit, Pläne auch einmal zu ändern, wenn er gemerkt hat, dass Gott ihn jetzt an einem anderen Ort braucht, um durch ihn zu helfen.  

 

Ich frage mich, wie oft ich in meinem Leben mit so vielen Dingen beschäftigt bin, dass ich beides überhöre: Gottes Wort, das mir sagt, was ich jetzt tun soll und die Stimmen der Mitmenschen, die mir zurufen: „Komm und hilf!“Das sind oft Stimmen von Menschen, die längst nicht so weit weg wohnen, wie der Mann aus Makedonien. Das sind Stimmen von Menschen, die ein gutes Wort brauchen, ein Wort der Hoffnung, ein Wort des Glaubens, ein Wort von Gott. Das sind Stimmen, aus denen die Sehnsucht nach Trost und Zuwendung, nach Liebe und Nähe spricht. Meist gehören sie Menschen in unserer Nähe - aus dem Haus gegenüber zum Beispiel oder in der eigenen Familie. 

 

Paulus hat die Stimme nicht überhört. Er schnürt sein Bündel. Jetzt wird unser Abschnitt zum nüchternen Reisebericht: von Troas fahren Paulus, Silas und Timotheus nach Samothrake, eine Insel in der Ägäis. Am Tag darauf erreichen sie Neapolis und schließlich kommen sie in nach Philippi. Eine römische Kolonie, teilt Paulus uns mit. Den Leuten dort ist es gut gegangen. Der Silber und Goldabbau hat sie wohlhabend gemacht. Das Leben der Stadt und seiner Einwohner war von der römischen Kultur, dem römischen Denken, der römischen Lebensart geprägt. Allmählich wird aus dem eher trockenen Reisebericht endlich  die Kirchen-Geschichte, die uns beschreibt, wie Kirche entsteht, weil Menschen von Gott das Herz aufgetan wird und weil sie zum Glauben finden. 

 

Die Geschichte führt Paulus hinaus aus der Stadt an den Fluss,„dorthin, wo man zu beten pflegte“.Es ist Sabbat. Am Fluss treffen sie auf ein paar  Frauen, die sich dort versammelt haben. Dort, am Fluss, kommen sie zusammen, m miteinander zu beten, sich auszutauschen über das Gesetz und sicher auch, um miteinander Gottes Ruhetag zu feiern. In unserer Kirchen-Geschichtegeht es um Menschen. Einer davon ist Lydia, die Purpurhändlerin. Als gottesfürchtige Frau wird sie uns vorgestellt. Aus der Stadt Thyatira ist sie nach Philippi gekommen. Eine Zugereiste also. Es steht nicht einmal so genau fest, ob Lydia  ihr wirklicher Name ist oder ob sich dahinter „nur“ die Bezeichnung ihrer Herkunft verbirgt. Dann ist  Lydia eben „nur“ eine Frau aus Lydien, eine Lydierin. Auch ist längst nicht gesagt, ob es sich tatsächlich um eine wohlhabende Geschäftsfrau handelt. So wird sie uns in der Regel vorgestellt. Gewiss war sie eine Frau, die hart arbeitet. Das bedeutet: Tag für Tag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Aber Lydia hat etwas, das ihr zum Leben hilft, das sie davor bewahrt, dass ihr Leben nicht in der Arbeit und im Kampf um das tägliche Überleben untergeht: sie trägt den Glauben an den Gott Israels im Herz. Und sie hält den  Sabbat. Das ist ein Tag in der Woche, der sich von den übrigen abhebt. Da trifft sie sich mit den anderen Frauen, um dem Gott ihres Lebens die Ehre zu geben. Es ist der Gott, der Mann und Frau gleichermaßen geschaffen hat zu seinem Bilde. Eine Tatsache, die im Alltag von Philippi und sicher auch in unserem Alltag oft vergessen wird. 

 

Zu diesen Frauen um Lydia setzt sich Paulus, um ihnen das Evangelium zu predigen. Da wird unsere Geschichte zur Kirchen-Geschichteund damit zugleich auch wieder zur Pfingst-Geschichte. Zunächst, weil der Herr dieser Lydia das Herz auftut, „...so dass sie darauf Acht hatte, was von Paulus geredet wurde.“ Sie lässt sich taufen, mit ihrem Haus, was immer sich hinter diesem Begriff verbirgt: die Familie, das Gesinde, die Hausgemeinschaft, in der sie lebt. Wo aber das Herz aufgetan ist, bleiben Türen nicht verschlossen. Menschen finden zueinander, werden Gemeinde. Das ist die Kirchen-Geschichtevon Philippi. 

 

Mit einer Forderung endet die Geschichte. „Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da...“sagt Lydia zu Paulus und seinem Begleiter. Der fügt hinzu:„Und sie nötigte uns.“Das heißt: sie hat den beiden zugesetzt. Nicht nur: predigen und taufen und weiterziehen. Sondern auch das: dableiben, miteinander Gemeinschaft leben, miteinander Kirche sein, einander anerkennen. Das ist die Forderung der Lydia. So sollte es fortan in Philippi unter den Christen zugehen: dass man sich anerkennt, Mann und Frau gleichermaßen. So soll die Gute Nachricht von Jesus Christus Gestalt annehmen – die frohe Botschaft, für die Paulus so weit gereist ist. Wem Gott das Herz aufgetan hat, dem sollen auch die Augen geöffnet werden, der soll den anderen anerkennen und annehmen, so wie Christus uns anerkannt und angenommen hat.  

 

Ich stelle mir vor, dass Lydia und ihr Haus die erste Kirchengemeinde von Philippi gebildet haben. Ihr Haus wird zum Ort, an dem die Gute Nachricht von Jesus Christus nicht nur verkündigt wurde, sondern an dem auch nach dem Wort Jesu gelebt wurde: ein Wort, das Herzen öffnet und Türen, ein Wort, das Menschen zusammen führt und nicht ausschließt. Ein Wort, das der gottesfürchtigen Lydia und vielen anderen neue Hoffnung geschenkt hat, weil es von dem Gott erzählt, der die Hilferufe der Menschen nicht überhört und die Sehnsucht ihrer Herzen kennt, die Sehnsucht nach Zuwendung, nach Gemeinschaft, nach Anerkennung und Liebe. 

 

Eine Geschichte mit vielen Änderungen und Wandlungen haben wir gehört. Eine Geschichte, die Menschen dazu bringt, neue Wege zu gehen und ihre Wege dem Herrn zu befehlen. Eine Geschichte, in der Menschen erleben, dass sie ihre Wege nicht allein gehen, dass der auferstandene Herr dabei ist und sie begleitet. Eine Geschichte, die Menschen zueinander führt und unter die Herrschaft dieses Herrn führt. Eine Geschichte von der Kirche haben wir gehört, in der wir auch unseren Platz haben. Weil der auferstandene Herr uns berufen hat, unter seiner Herrschaft zu leben. Amen.  

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 24.2.2019 





Heimat in der Fremde - Predigt über den Wochenspruch anlässlich eines Vorstellungsgottesdienstes der Konfirmandinnen und Konfirmanden 2019


  „Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“  Diese Worte de sind Teil eines langen Gebets, mit dem Daniel sich an Gott wendet.  Wer war dieser Daniel? Ich denke, das war ein Mensch, der uns auch heute etwas zu sagen hat. Als junger Mensch, etwa in eurem Alter, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, hat er bereits alles verloren, was Menschen Schutz und Sicherheit gegeben hat - sein Zuhause, seine Familie. Er wurde in den Kriegswirren verschleppt in ein feindliches Land. Stellt euch das mal vor. Stellt euch mal vor, fremde Soldaten fallen in euer Dorf ein und reißen euch aus eurer Familie, bringen euch in ein fremdes Land, in dem ein Sprache gesprochen wird, die ihr nicht beherrscht, ein Land mit fremder Kultur und unbekannten Sitten und Gebräuchen. Dort müsst ihr leben, ohne zu wissen, ob ihr jemals wieder nach Haus kommt. Vielleicht könnt ihr euch vorstellen, was es also bedeutet, in der Fremde zu leben.  

 

Dem König dieses fremden Landes war er aufgefallen. Daniel war klug. Schnell hat er die fremde Sprache beherrscht. Deshalb sollte er am Hof des Königs eine Karriere starten. Erwartet wurde allerdings, dass er die Sitten und Gepflogenheiten übernimmt und ebenso den Götterglauben. Doch Daniel ist sich treu geblieben und vor allem ist er seinem Gott treu geblieben. Das können wir heute von ihm lernen. Deshalb erzähle ich euch heute seine Geschichte. Daniel hat sich nicht einfach angepasst und um der Karriere willen über Bord geworfen, was ihm vorher wichtig war unterworfen. Vielleicht hat er das deshalb nicht gemacht, weil er gespürt hat, dass gerade der Glaube ein Stück Heimat in der Fremde war, etwas, das ihn mit seinem Volk, seiner Familie  und seinen Freunden über die weite Entfernung hinweg verbunden hat. Morgens, mittags und abends hat sich Daniel ans Fenster gestellt und in Richtung Jerusalem gebetet, dort, wo einst der Tempel stand, wo die schönen Gottesdienste gefeiert wurden. Er ist seinem Gott treu geblieben, obwohl der König das bei Todesstrafe verboten hat. Ihr könnt euch vorstellen, dass es Neider gab, die es nicht vertragen haben, dass der König einem Ausländer wohlgesonnen war. Als sie merkten, wie Daniel seinem Glauben treu geblieben ist, wie seinen Gott weiter angebetet hat, haben sie ihn beim König verraten und darauf bestanden, dass der Günstling hart bestraft würde. Daniel wurde zum Tod verurteilt und in die Löwengrube geworfen. Dennoch hält er fest an seinem Gott und Gott hält fest an Daniel. Er sendet einen Engel in die Löwengrube, der sich schützend vor Daniel stellt.

 

Der Aufenthalt in der Fremde, der Verrat, die Löwengrube – ob man das auch bildhaft verstehen kann, als etwas, das man – natürlich weniger dramatisch und weniger lebensbedrohlich – als etwas deuten kann, dass wir auch erfahren und erleben können. Wie oft haben wir in unserem Leben Grund, zu verzweifeln? Wie oft wird unser Glaube einer Bewährungsprobe ausgesetzt? Vielleicht werden wir nicht in ein fremdes Land verschleppt. Und doch kann uns vieles fremd werden, was vorher vertraut war. Unser Zuhause zum Beispiel, dort, wo wir uns geborgen und wohl fühlen. Dann geschieht etwas, eine Krankheit, ein Todesfall, ein böser Streit unter Freunden, der Verlust der Arbeit, Probleme in der Schule - auf einmal ist nichts mehr so, wie es war. Menschen, die wir gemocht haben, mögen uns auf einmal nicht mehr, sie werden uns fremd. Menschen, die uns die besten Freunde schienen, gehen weg, suchen sich andere Freunde - und wir bleiben zurück. Auch das ist Entfremdung. 

 

Schauen wir auf Daniel. Der Glaube war für ihn ein Stück Heimat, das ihn niemand nehmen konnte. Und so kann es bei uns auch sein. Wenn wir uns im Leben neuen Herausforderungen stellen müssen, wenn wir uns allein fühlen, wenn wir es mit der Angst zu tun bekommen, dann sollte wir an uns an Daniel erinnern. Halten wir fest an Gott und vertrauen wir darauf, dass Gott an uns fest hält - und dass er uns nicht alleine lässt. Wie kann man sich an Gott festhalten? Indem man zu ihm spricht - vielleicht mit eigenen Worten. Oder mit Worten, die man gelernt hat, Gebete, die man sprechen kann, Psalmen zum Beispiel oder Lieder, die man gesungen hat. Die vertrauten Worte, die bekannten Melodien erinnern einen daran, dass man nicht allein ist, sie rücken einen in die Nähe Gottes. Und Gott ist gewiss nicht einer, der seufzt und sich ärgert, wenn man ihn in den Ohren liegt. Im Gegenteil. Er freut sich. Er wartet darauf, dass wir zu ihm kommen. In der Tat, bei ihm sind wir Zuhause.

 

Die Israeliten hatten allen Grund zu Klage. Aber sie waren sich nicht mehr so sicher, ob Gott sie noch hören will. Vielleicht hat es deshalb eines Menschen wie Daniel gebraucht, der später stellvertretend für sein Volk gesprochen hat, der war eine Art Klassensprecher, eine Art Fürsprecher. Er tritt vor Gott und bittet für sein Volk, das am Boden liegt und seufzt und klagt, weil es meint, dass Gott nichts mehr von ihm wissen wollte. Stellvertretend für dieses Volk tritt Daniel aus der Menge heraus - und beginnt zu sprechen. „Wir liegen vor dir mit unserem Gebet...“  So wendet er sich an Gott. Nichts kann er mitbringen, nichts kann er vorweisen als sein armseliges Gebet.  „Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“

 

Ein langes, sehr langes Gebet ist es, das Daniel vor Gott ausbreitet wie einen Teppich.  Ein Gebet, das schonungslos ehrlich und selbstkritisch ist. „Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden…“ seufzt Daniel. Er sagt nicht: die anderen waren so, ich nicht. Er sagt: wir alle waren so. Er stellt sich nicht über sein Volk. Vielmehr bekennt er: „… wir müssen uns alle heute schämen … dass wir uns an dir versündigt haben….“. Wir müssen uns schämen, weil wir dich vergessen haben, solange es uns gut ging, weil wir zu selbstgerecht waren. Jetzt stehen wir mir leeren Händen da und können uns nur noch deiner großen Barmherzigkeit anvertrauen. Die eigene Gerechtigkeit, alles, was wir selbst vorweisen könnten, worauf wir uns etwas einbilden könnten - das ist nichts, ist Schall und Rauch.

 

Vielleicht machen wir auch immer wieder diese Erfahrung: alles, was uns einmal wichtig war, ist auf einmal ein Trümmerhaufen, löst sich in Luft auf, erscheint uns nichtig oder brüchig. Vielleicht machen wir auch immer wieder einmal diese Erfahrung, dass wir uns hilflos und haltlos fühlen und irgendwie heimatlos. Dann erinnern wir uns an die Worte des Propheten Daniel. Dann machen wir es wie er. Wir breiten alles vor Gott aus, was uns beschwert und Angst macht. Wir breiten es vor Gott aus wie einen Teppich. Und sind dann bereits auf dem Heimweg, machen uns auf den Weg nach Hause.

 

Zuhause ist dort, wo mir einer zuhört, gerne zuhört. Einer, den man getrost in den Ohren liegen kann, mit allem, was einen bewegt. Gott lädt uns ein. Er will unser Zuhause sein. Wir dürfen uns ihm anvertrauen, mit allem, was uns bewegt. Und er hilft uns, nicht, damit er seine Ruhe hat, weil wir ihm lästig sind, sondern weil er uns liebt. Und er antwortet auch. Zu Daniel sendet er einen Engel, Gabriel - das ist der, der später auch zu Maria kommt. Gabriel vertraut dem Propheten an, was Gott vorhat mit seinem Volk. Auch unser Gebet wird Gott hören, unser Rufen, unser Flehen und Beten. Zu uns hat er nicht nur einen Boten gesandt. Zu uns hat er sogar seinen Sohn gesandt.Der Gottessohn lädt uns ein. Er sagt: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid....!“

 

Die Mühseligen und Beladenen, die Deprimierten und die Enttäuschten - Gott hat ein Herz für sie. Gott hat ein Herz für uns. Wir dürfen ihm in den Ohren liegen. Und noch etwas  außergewöhnliches hat Gott für uns übrig. Er hat Zeit, uns zuzuhören. Da ist keine Stunde zu spät. Wenn wir das in unser Herz lassen, werden wir etwas erfahren, etwas, das Daniel auch erfahren hat. Wir werden merken, dass der Glaube uns ein Zuhause bietet, das uns nichts und niemand nehmen kann., dass er uns einen Halt schenkt, wenn nichts mehr sicher ist, dass er uns Trost und Geborgenheit schenkt, wenn uns der Alltag trostlos und kalt scheint.Vergesst das nicht, wenn ihr nach eurer Konfirmation euren Weg geht. Der Glaube an Gott ist ein Zuhause, das euch Geborgenheit schenkt, wo immer ihr seid. Und Gott ist ein Gott, der euch hört, dem ihr anvertrauen könnt, was euch bewegt. Zu jeder Zeit, an jedem Ort und in jeder Situation. Amen.

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 17.2.2019 




Jesus ist im Boot. Predigt über Markus 4,35 - 41 am 4. Sonntag vor der Passionszeit


Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns ans andre Ufer fahren.  Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm. Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde. Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme! Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind! (Luther 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

 

Von einem Sturm auf hoher See erzählt die Geschichte aus dem Markusevangelium. Und von einer Zumutung. Wir hören von Menschen in Not - und vom Gottessohn, der schläft. Die Jünger kämpfen ums überleben - und der eine, der die Not wenden kann, schläft den Schlaf des Gerechten. Wenn das keine Zumutung ist! Jesus schläft, obwohl die Hölle los ist. Die Jünger können das nicht verstehen. Bei Nacht und Nebel sind sie losgefahren, über den See. Ans andere Ufer wollten sie. In Teufels Küche sind sie geraten. Nicht nur im sprichwörtlichen Sinn. Dass die Pforten der Hölle weit offenstehen, um sie alle zu verschlingen, daran hatten die Jünger keine Zweifel. So haben sie diese Seefahrt erlebt. Sie war ganz und gar nicht lustig, wie’s das Volkslied uns glauben macht. Hören und Sehen ist ihnen dabei vergangen. 

 

Der See Genezareth - das Galiläische Meer. Ein unheimliches und heimtückisches Gewässer! Wer könnte das besser wissen, als die Jünger. Einige sind hier aufgewachsen. Petrus zum Beispiel. Oder Andreas. Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus. Von der Arbeit, vom Fleck weg, hat sie der Herr in seine Nachfolge gerufen. Und sie haben die Netze liegen lassen und sind ihm nachgefolgt. Fischer sind sie einmal gewesen. Sie wussten also, dass mit diesem Ort nicht zu spaßen ist: schlagartig kann er sich in ein tobendes Ungeheuer verwandeln. Ob das die Jünger beruhigt hätte, dass nicht Dämonen aus der Hölle, sondern „nur“ die Fallwinde vom nahen Gebirge das Wasser aufgepeitscht und sie in Seenot gebracht haben? 

 

Die Jünger verstehen nicht, dass Jesus jetzt noch schlafen kann. Als ob ihn das alles nichts anginge. Seelenruhig liegt er hinten im Boot auf seinem Kissen, wie in Abrahams Schoß. Und die Jünger fühlen sich alleingelassen. Das Boot füllt sich mit Wasser. Sie kommen mit dem Schöpfen nicht mehr nach. Die Segel sind längst zerrissen und das Steuer gebrochen. Wie eine Nussschale werden sie von den Elementen hin - und her gestoßen. Jetzt hilft nur noch Beten. Ein Hilferuf. Ein Stoßgebet. Nicht mehr als ein Satz, in dem alles mitschwingt, was an Untertönen mitklingen und mitschwingen kann – Verzweiflung, Angst, Ärger, Zorn und Hilflosigkeit. „Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?“ Ist’s dir egal, was aus uns wird. Wie kannst du jetzt nur schlafen? 

 

Da reibt sich Jesus die Augen und hilft. Er steht auf, bedroht den Wind, die Wellen und stellt den Jüngern eine Frage. „Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?“ Wieder einmal verstehen ihn die Jünger nicht. Eine Handbewegung. Ein einziges Wort aus seinem Mund: „Schweig! Verstumme!“ Und aus dem Hexenkessel wird wieder der sanfte See Genezareth. Wind und Wellen – wie zahme Hunde gehorchen sie und legen sich zu Füßen ihres Herrn. Es ist nicht zu fassen. Als ob alles nur ein böser Traum war. Wenn sie nicht bis auf die Haut durchnässt wären, wenn da nicht die Spuren der Vernichtung wären, die an den Kampf ums Überleben erinnern – man könnte nicht glauben, was geschehen ist. Und dann der Vorwurf Jesu. Eigentlich wieder eine Zumutung. „Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?“ fragt Jesus„Ich war doch bei euchWie könnt ihr nur denken, dass ich euch im Stich lasse.“In der Tat. Sie hätten es besser wissen müssen. Sie sind nicht allein, erst recht nicht, wenn die Welt aus den Fugen gerät.  

 

Die Geschichte von der Stillung des Sturmes. Eine Zumutung. In der Tat.  Sie will zu – muten. Sie will zum Mutführen. Vielleicht sollte ich besser sagen: sie will zum Vertrauenführen. Sie will den Blick lenken auf den, der da ist, auch, wenn wir es nicht glauben können, weil die Welt uns etwas anderes lehren möchte. Das Evangelium will den Blick lenken auf den, der sich selbst geborgen weiß in der guten Hand Gottes und dem die Elemente und Mächte dieser Welt deshalb nichts anhaben können. Das Vertrauen soll wachsen in unserem Leben: wir sind nicht allein, wenn uns der Wind ins Gesicht bläst oder wenn wir glauben, dass unsere Welt aus den Fugen gerät. 

 

Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?“ Eine Zumutung ist diese Frage Jesu an uns alle. Eine wohltuende Zumutung. Sie erinnert uns daran, woher uns der Mut zuwächst, woher das Vertrauen und die Liebe zum Mitmenschen uns zuwachsen. Ein Vertrauen, das Mut macht, sich für andere einzusetzen. Ein Vertrauen, das Mut macht, sich selbst und sein Leben dem Herrn anzuvertrauen.  

 

 Gerne wird in dem Boot mit den Jüngern ein Bild für die Kirche gesehen. Die Kirche ist – um es mit den Worten des Glaubensbekenntnisses zu sagen – die Gemeinschaft der Heiligen. Heilige im biblischen Sinn sind nicht besonders moralisch gute, wundertätige Menschen. Heilige sind Menschen, auf die Gott seine Hand gelegt und seinen Anspruch auf ihr Leben angemeldet hat. In unserem Fall ist das in einer Berufung geschehen. Jesus hat die Menschen berufen, in seiner Nachfolge zu leben. In unserem Fall ist das meist in der Taufe geschehen. Deshalb sind sie heilig. Deshalb sind wir heilig: weil uns der Herr sie in seiner Nähe haben will, weil er Ansprüche geltend gemacht hat. Die jammernden, ängstlichen Jünger haben das in der Stunde der Not scheinbar vergessen. Woran erkennt man ihren Unglauben, ihr mangelndes Vertrauen? Sie schauen auf den Wind und die Wellen und vergessen dabei, dass Jesus im Boot ist. Er ist zwar im Hintergrund. Aber er ist da. Sie vergessen das. Sie vergessen, dass sie nicht allein sind. Sie lassen sich fesseln von ihrer Angst, sie lassen sich bannen von den Elementen, die mit aller Gewalt über sie herfallen. Wenn die Elemente toben, dann hilft dir auch kein Gott, sagen sie sich im Grunde ihres Herzens. Auch, wenn sie das niemals zugeben würden. Im Grunde vertrauen sie eher ihrer Vernunft, ihrer eigenen Kraft, ihrem eigenen Denkvermögen, ihrer Stärke. Deshalb fürchten sie den Wind und die Wellen, deshalb sind sie dem Untergang geweiht. Sie merken, dass sie mit ihren eigenen Möglichkeiten nicht weiterkommen. Und dann werden sie doch wieder zu Heiligen – weil sie sich ihrer Schwäche, ihrer Armut, ihrer Hilflosigkeit bewusstwerden und sich dem zuwenden, der allein helfen kann, weil sie sich Jesus zuwenden. 

 

Eine Zumutung ist die Geschichte. Sie mutet uns etwas zu. Sie zeigt uns, wie schwach wir sind. Sie mutet uns zu, sich nicht von dem in Bann schlagen zu lassen,  was sich aufbläht in unserem Leben, was uns Angst macht. Sie ermutigt uns dazu, sich in der Angst an den zu wenden, der helfen kann. Allein würden wir das Schiff der Kirche wohl auf den Grund setzen. Allein würden wir schiffbrüchig. Wie gut, dass wir nicht allein sind.  Wenn also die Angst manchmal doch die Oberhand zu behalten scheint, können wir’s machen wie die Jünger, die unheiligen Heiligen. Von ihnen lernen wir, auf den zu schauen, der den Elementen Einhalt gebietet.  Ein Hilferuf, ein Stoßgebet genügt.„Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?“  Auch diese vorwurfsvolle Frage ist im Grunde ein Gebet! So bekommen wir den Blick wieder frei für den, der helfen kann, für den, der in unsrer Nähe ist: für Jesus Christus,  der bei uns ist. Wir müssen das nicht immer spüren oder fühlen. Es genügt, dass wir es glauben und darauf vertrauen: Jesus ist im Boot. Amen.  

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 10.2.2019