Pfarrer Stefan Köttig
Allein Gott in der Höh sei Ehr!

Predigten im Dezember 2019


 


 

Eine Weihnachtsgeschichte für Zweifler? Predigt über Matthäus 1,18 - 25 am 2. Weihnachtsfeiertag

 

Zweifler sind anscheinend eine beliebte Zielgruppe auf dem Büchermarkt. Als ich neulich einmal  bei einem Online – Buchhändler den Begriff in die Suchleiste eingetippt habe, wurden verschiedene Buchtitel ausgespuckt: „Erleuchtung für Zweifler“ – da waren eher die buddhistisch interessierten Leser angesprochen. Doch auch die christlichen Zweifler konnten bedient werden. Es gibt Bücher wie „Jesus für Zweifler“ oder „Glaubensbekenntnis für Zweifler“ – ich könnte die Titelliste wohl fortsetzen. Heute denken wir über einen Abschnitt aus dem ersten Kapitel des Matthäusevangeliums nach. Ich nenne ihn in Anlehnung an obige Suchergebnisse kurz „Die Weihnachtsgeschichte für Zweifler.“ Sie ist schnörkelloser als die Version, die wir am Heiligen Abend gehört haben und die dem Evangelisten Lukas zugeschrieben wird. Sie verliert kein Wort über die Herbergssuche oder von der Geburt im Stall von Bethlehem. Dafür gibt es jede Menge Enttäuschungen und eben auch Zweifel. Wir hören von dem Entschluss des Bräutigams, seine junge, schwangere Frau sitzen zu lassen, aber auch von Träumen und himmlischen Weisungen. Matthäus schreibt:

 

Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. Josef aber, ihr Mann, der fromm und gerecht war und sie nicht in Schande bringen wollte, gedachte, sie heimlich zu verlassen. Als er noch so dachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden. Das ist aber alles geschehen, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14): 23 »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns. Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. Und er erkannte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

 

Die Geschichte von der Geburt Jesu beginnt mit einem Gesichtsverlust und einer bitteren Enttäuschung. Wir erfahren von zwei Menschen, die einander „vertraut“ waren. Das bedeutet: Josef und Maria gehören zusammen. Sie lebten nicht einfach zusammen, unverbindlich oder auf Probe. Sie waren so gut wie verheiratet. Die bestehende Bindung ist bereits verbindlich. Und das bedeutet – jedenfalls nach meinem Verständnis: Josef und Maria sollen einander vertrauen und aufeinander verlassen können. Dieses Vertrauen soll die Grundlage sein für ihr gemeinsames Leben. Dieses Vertrauen ist zutiefst erschüttert worden. Maria bekommt ein Kind - noch ehe Josef sie heimholte. Das bedeutet: das Kind ist nicht von ihm. Josef wird damit leben müssen. Doch Josef will nicht damit leben. Es ist, als ob ihm  der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Natürlich kratzt das auch an seiner Eitelkeit. Maria hat Josef Hörner aufgesetzt. Was für eine Blamage. Wie sollen sie da in Zukunft miteinander umgehen? Wird das Kind sie nicht immer daran erinnern, dass dieses gegenseitige Vertrauen nicht getragen hat, dass es bei Maria nicht groß genug war, nicht fest genug war, um Nein zu sagen - in der Stunde der Versuchung? Josef kann sich damit nicht abfinden. Er will nicht mehr mit Maria zusammen sein. Aber ihr Leben zerstören will er ebenfalls nicht. Das wäre ihm ein Leichtes gewesen! Wenn es herauskommt, dass Maria schwanger ist, hätte er sie anzeigen können. Die Strafe für diesen Vertrauensbruch war hart. Gesteinigt oder erwürgt hätte man sie im schlimmsten Fall. Oder man hätte sie verstoßen. In Schande hätte sie leben müssen. Als Außenseiterin, mit dem Makel des Ehebruchs behaftet. 

 

Josef will das nicht. Das unterscheidet ihn von vielen seiner männlichen Zeitgenossen. Marias Leben soll nicht zerstört werden. Deshalb beschließt er, sich aus dem Staub zu machen. Sollen die andern denken, er hätte ihr das Kind angedreht und sie dann sitzen lassen. Heimlich will er sich aus der Geschichte davonstehlen. Jetzt endlich mischt sich der Weihnachtsengel ein. Der Sprecher Gottes redet Josef diesen Plan aus. Im Traum erscheint er ihm. Wie mit einem Freund spricht er zu ihm und weiht ihn in die Pläne ein, die Gott mit diesem Kind hat. Josef erfährt von dem Geheimnis, das es mit dem noch ungeborenen Kind seiner Anvertrauten auf sich hat: „Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem heiligen Geist.“ 

 

Das Kind der Maria ist Gottes Kind und Josef soll es gewissermaßen adoptieren. Josef erfährt das im Traum. So schreibt es Matthäus. Und vielleicht gibt er ja „seinem“ Josef Eigenschaften von sich, wie das ein Autor mit seiner Romanfigur manchmal macht. Josef ist dann einer, der mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen lebt. Kein Träumer. Aber darauf legt Matthäus Wert: dass es etwas Besonderes mit diesem Jesus auf sich hat. Unmittelbar vor unserem Weihnachtsevangelium zählt der Evangelist einen langen Stammbaum auf. Wir sollen wissen, wer zu den Ahnherren Jesu gehört: Abraham, Isaak und Jakob gehören dazu, der König David und schließlich Josef, „ den Mann der Maria, von der geboren ist Jesus, der da heißt Christus.“  

 

Ein wahrer, wirklicher Mensch ist dieser Jesus gewesen, daran erinnert der Stammbaum. Aber doch auch ein besonderer Mensch. Einer, in dem alle Verheißungen und Sehnsüchte des Gottesvolkes erfüllt werden sollten. Jesus, das ist nicht nur Sohn einer einfachen Frau, sondern auch der, in dem Gott selbst zu den Menschen kommt. Das gehört zu dem Geheimnis der Geburt Jesu dazu. Deshalb soll Josef nicht entsetzt sein. Deshalb soll er Maria nicht verlassen. Deshalb soll er das Kind annehmen. Ein Kind nach dem Willen Gottes.

 

Noch etwas erfährt Josef. Die Namen des Gottessohnes. Sie haben zu tun mit dem Auftrag des Kindes, das noch im Schoß der Maria ruht. Jesus soll er das Kind nennen. Der Immanuel wird es sein, von dem schon der Prophet Jesaja spricht. Jesus oder eigentlich Jeschua - das bedeutet soviel wie: der Herr rettet. „Er wird sein Volk retten von ihren Sünden...“  deutet Matthäus den Namen. Der „Immanuel“ wird er sein. Das heißt: „Gott-ist-mit uns“. Später werden wir sehen und hören können, wie Gott mit uns ist.  Dann sehen wir den erwachsenen Jesus vor uns. Einer, der hingeht zu den Menschen, die Hilfe brauchen - weil sie sich allein nicht mehr helfen können. Wir erfahren es aus den Geschichten, die davon erzählen,  wie dieser Jesus hingeht zu den Menschen, die Hilfe brauchen, weil sie sich allein nicht mehr helfen können: die Kranken, die Schuldiggewordenen, die Besessenen und schliesslich auch die Sterbenden.  Gott-ist-mit- uns: am Ende erfahren es auch die Jünger nach dem Karfreitag. Am Boden zerstört, von Todesangst überwältigt, vor den Trümmern eines gescheiterten Lebens erfahren sie, wie ihnen neues Leben geschenkt wird und neue Hoffnung: durch den Jesus, den Retter, der den Tod überwunden hat.

 

Schlicht und mit wenigen Worten erzählt uns der Evangelist das Geheimnis von der Geburt Jesu. Später werden die Weisen aus dem Morgenland ihren Weg nach Bethlehem gehen. Josef wird mit seiner kleinen Familie nach Ägypten ins Exil gehen müssen, weil ein wildgewordener Despot, König Herodes, das Kind umbringen möchte. Dann wird der Engel wieder mit Josef sprechen. Auch davon wird uns der Evangelist erzählen.

 

Unsere Weihnachtsgeschichte endet damit, dass Josef sich den Schlaf aus den Augen reibt. Es ist kaum zu glauben, was er geträumt hat. Aber es reicht, um seine Pläne zu ändern. Er verlässt Maria nicht. Er nimmt sie zu sich. Sie wird seine Frau. So nimmt die Geschichte ihren Lauf. So nimmt die Heilsgeschichte ihren Lauf. Das Kind wird geboren. Es trägt den Namen Jesus, der Herr rettet

 

Heute feiern wir seine Geburt. Wir haben Grund, zu feiern und dankbar zu sein. Denn auch wir sollen zu denen gehören, die dieser Herr retten will. Gott-ist-mit-uns, durch Jesus Christus. Vielleicht haben wir sie immer wieder schon einmal gemacht in unserem Leben. Vielleicht machen wir bald diese Erfahrung. „Siehe, ich bin bei euch, alle Tage, bis ans Ende der Welt!“ das sagt der Auferstandene Herr zu seinen Jüngern. Das sagt er zu uns. Deshalb können wir heute fröhliche Lieder singen. Wir haben einen Gott, der uns in dieser Welt nicht allein lässt. Der bei uns ist, alle Tage, an den schönen wie den schweren. Eine Weihnachtsgeschichte für Zweifler? Eigentlich passt die Überschrift doch nicht. Viel eher eine Geschichte für Menschen, die den Zweifel hinter sich lassen. Amen.

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 26.12.2019

  


Gott sucht die Menschen auf. Predigt über Titus 3,4-7 am 1. Weihnachtstag 

 

Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig – nicht um der Werke willen, die wir in Gerechtigkeit getan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist, den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben seien nach der Hoffnung auf ewiges Leben.  (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

 

In unserer Kirche haben wir eine wunderschöne Weihnachtskrippe stehen.  Sie stellt uns die wichtigste Szene aus der Weihnachtsgeschichte vor Augen: da ist das Jesuskind, umgeben von seinen Eltern Josef und Maria, auch Ochs und Esel dürfen nicht fehlen. Vor der Krippe knien die Hirten und beten das Kind an. In der Ferne machen sich bereits die drei Weisen aus dem Morgenland auf dem Weg. Sie haben den Stern gesehen. Er zeigt ihnen das Ziel ihrer Reise an. Im Gepäck haben sie ihre Geschenke: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Die Hirten sind bereits angekommen. Sie knien vor dem Kind. Bald werden sie wieder aufstehen und zurück zu ihren Herden gehen. Ich möchte am Faden der Weihnachtsgeschichte noch ein wenig weiterer spinnen, mit eigenen Worten. Ich stelle mir vor, wie die Hirten spätnachts zur Lagerstätte zurückgekommen sind. Müde und überglücklich sind sie eingeschlafen, gewärmt vom Lagerfeuer und von der Freude, die sie erfahren durften. Inzwischen ist  der Tag angebrochen. Ich stelle mir vor, wie einer der Hirten aufwacht. Er reibt sich die Augen und hüllt sich dann einen Moment lang noch einmal fest in seine Decke. Das Feuer ist ausgegangen und der Morgen ist sehr kalt. Er denkt zurück an die vergangene Nacht. Ist das wirklich geschehen: der Engel, die himmlischen Heerscharen, das Kind in der Krippe? Oder war es nur ein schöner Traum? Ja, es muss ein Traum gewesen sein! Die Wirklichkeit kann gar nicht so schön sein, wie das, was er und die anderen in der vergangenen Nacht erleben durften. 

 

Der Hirte denkt zurück. Er erinnert sich an das Kind in der Krippe. Eigentlich ist das eine armselige Szene. Der Säugling liegt in einer Futterkrippe, aus der normalerweise Ochs und Esel fressen. Arm und bedauernswert sind die Eltern. Nicht alle Hirten waren ehrliche Leute. Manche sind auch Diebe. Auch unseren Hirten juckt es hin und wieder in den Fingern. Aber dort in dem Stall war nichts zu holen. Aber das hat an diesem Abend den Hirten gar nicht interessiert. Das Kind – er konnte sich nicht an dem Kind sattsehen. Wenn er an das Kind denkt, dann durchströmt ihn erneut ein tiefes Gefühl von Glück und Dankbarkeit, so wie in der Nacht zuvor. So frei und unbeschwert hat er sich schon lange nicht mehr gefühlt. Nein. Das war kein schöner Traum, der sich im Morgenlicht verflüchtigt. Die Hirten haben die Menschenliebe und Freundlichkeit Gottes erfahren. Von dieser Menschenliebe und Freundlichkeit erzählt auch das Apostelwort aus dem Titusbrief. Die Hirten haben nicht geträumt. Sie haben sie wirklich erfahren und gespürt - diese Liebe. In der Gestalt eines Kindes haben sie Gott gesehen. Auf den ersten Blick haben sie das nicht für möglich gehalten. Aber es ist so. Sie haben Gott in dem Kind entdeckt. Den Gott, der sich den Menschen zuwendet und an ihrem Leben Anteil nimmt. 

 

Die Hirten aus der Weihnachtsgeschichte sind nicht die einzigen, die Gottes Menschenliebe erfahren. Sie bleiben nicht die einzigen, die seine Freundlichkeit zu spüren bekommen. Viele Männer und Frauen werden seinen Weg kreuzen. Ich meine den Weg Gottes mit den Menschen. Viele Männer und Frauen werden seinen Weg kreuzen und mit den Jahren, wenn aus dem Kind ein Mann geworden ist, werden immer mehr in das Kraftfeld dieser heilsamen und rettenden Liebe geraten, die im Stall von Bethlehem so unscheinbar beginnt, werden immer mehr in Kontakt kommen mit der Güte und Menschenliebe Gottes. Jetzt denke ich an die Menschen, die noch den Weg Jesu kreuzen werden. Es sind Menschen, von denen die Heilige Schrift nur in knappen Sätzen berichtet. Aber hinter jeden von ihnen steht ein Schicksal. Ich erlaube mir heute, diese Menschen etwas ausführlicher vorzustellen. So oder ähnlich könnte ihr Leben ausgesehen haben.  

 

Ich denke an einen Mann, von dem Lukas erzählt. Eines Tages wird aus seinem Leben ein Scherbenhaufen. Die Leute wenden sich von ihm ab. Die Frommen brechen den Stab über ihn. „Gott hat dich gestraft“, sagen sie - auch, wenn dem Mann der Grund für diese harte Strafe verborgen bleibt. Der Mann hat Lepra. Aussatz. Die Diagnose ist wie ein Todesurteil auf Raten. Er darf nicht mehr bei seiner Familie leben. Draußen, vor den Toren der Stadt muss er mit anderen Leidensgefährten auf den Tod warten. Die Frommen sagen, er sei unrein. Deshalb darf er nicht mehr den Tempel betreten. Draußen – im Dunstfeld des Todes – kreuzt sich sein Weg mit dem Weg Jesu. Er fällt auf die Knie. „Herr, wenn du willst, dann kannst du mich rein machen!“ Und Jesus will. Er streckt die Hand aus und berührt den Aussätzigen. Wie lange hat er das entbehrt! Eine Hand, die ihn berührt, die ihn aufrichtet, die ihn Mut macht. Die Hand, die zu einem freundlichen Menschen gehört. Es ist die Hand des menschenfreundlichen Gottessohnes, die seinen kranken Leib und sein wundes Herz berührt. Es ist die heilsame Gnade Gottes, die in seine Leben tritt und vor der auch der Aussatz weichen muss. 

 

So breitet sich die Menschenliebe Gottes aus, die bereits den Hirten so froh und den Aussätzigen heil gemacht hat. Immer mehr Menschen dürfen sie erfahren, dürfen sie spüren. Menschen, wie die Frau, die erst ihren Mann und dann ihren Sohn verloren hat. Als sie ihn zu Grabe trägt, kreuzt sich auch ihr Weg mit dem Weg Jesu. Lukas erzählt: „Als sie der Herr sah, jammerte sie ihn.“ Er berührt die Bahre und spricht: „Junger Mann, steht auf!“ Da richtet sich der Jüngling auf. So schenkt Jesus der Mutter neue Lebenshoffnung und den übrigen zeigt er die Macht, die er hat. Gottes Menschenliebe und Freundlichkeit reicht über den Tod hinaus. Seine Liebe kann ins Leben zurückholen, was andere längst aufgegeben haben. 

 

Die Hirten auf dem Feld, der Aussätzige, die trauernde Mutter und der aus dem Tod zurück gerufene Jüngling - das sind Menschen die durch den Gottessohn in Berührung gekommen sind mit der Menschenliebe und Freundlichkeit Gottes. Ihre Geschichten stehen in der Bibel. Sie erzählen davon, wie Menschen wieder froh geworden sind, wie es hell in ihrem Leben geworden ist. Wenn wir die Geschichten als Außenstehende betrachten, könnten wir sagen: es waren Zufälle. Zufällig waren die Hirten auf dem Feld. Zufällig haben sich die Wege des Kranken, der Witwe mit dem toten Sohn mit dem Weg des Herrn gekreuzt. Wer die Geschichten in sein Herz lässt, der sieht den Weg Gottes, der die Menschen aufsucht: die Menschen in der Not, im Abseits, im Schatten. Gott sucht die Menschen auf. Die Menschenliebe erscheint ihnen und macht sie heil. Würden wir den Aussätzigen oder die Witwe  oder den Hirten befragen, was sie so glücklich macht, sie würden vielleicht sagen: Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich damit nicht gerechnet habe, dass mir das geschehen ist, dass Gott sich mit mir abgibt, dass er so viel für mich übrighat.  

 

Der Apostel sagt im Titusbrief dazu: Gottes heilsame Gnade erreicht uns nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan haben, sondern nach seiner Barmherzigkeit. Sie will ihren Weg auch zu uns finden. Vielleicht wünschen wir uns das auch, heute am Weihnachtsfest, dass Gottes Menschenliebe und Freundlichkeit uns wärmt und froh macht. Vielleicht war unser Heiliger Abend  gestern gar nicht so heilig, vielleicht ist uns am Weihnachtsfest eher zum Weinen zumute. Weil wir keine Wunder erleben, so wie der Aussätzige oder die Witwe oder der Hirte auf dem Feld. Aber: die Liebe Gottes hat ihren Weg auch zu uns gefunden. Der Titusbrief sagt, wie das geschieht. Da ist vom Bad der Wiedergeburt die Rede und von der Erneuerung im Heiligen Geist. Für mich ist das eine Umschreibung der Taufe. Durch sie tritt der Herr in unser Leben. Er segnet uns und nimmt uns auf in sein Volk. Wir gehören zu ihm. Er bleibt uns treu, auch wenn wir ihn verlassen oder vergessen. 

 

Die Taufe ist der sichtbare Ausdruck der Menschenliebe Gottes, die in Jesus Christus zu uns gekommen ist. Das ist ein kleines, unscheinbares Zeichen: eine Handvoll Wasser, ausgegossen über den Kopf eines Menschen und verbunden mit einem Namen, der Heil und Leben schenkt – der Name des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Die Taufe ist ein Hoffnungszeichen. So tritt der Herr in unser Leben und setzt ein Zeichen. Ein Zeichen des Heils. Es macht uns Mut zur Hoffnung auf ein Leben, das seinen Namen wirklich verdient: das ewige Leben. Es beginnt, wenn wir dem Herrn vertrauen, dessen Geburt wir heute feiern. Vertrauen wir ihm und lassen wir uns anstecken von der Freude der Hirten, die als erste die Menschenliebe und Freundlichkeit Gottes erfahren haben. Und tragen wir sie hinaus in unseren Alltag, so wie das die Hirten getan haben. Sie gingen hin und erzählten allen, was sie erlebt hatten. Amen.  

© Pfarrer Stefan Köttig, 25.12.2019, Altenstein

 



Ich will bei dir wohnen! Predigt über Sacharja 2,14-17 am Heiligen Abend 


Es ist spät geworden. Der Mann hat gerade den Fernseher ausgeschaltet, und das leere Glas, die Bierflasche und die Schale mir den Knabbereien in die Küche getragen. Es ist Zeit, um schlafen zu gehen. Da läutet es an der Tür. „Wer kann denn das noch sein, um diese Zeit?“ fragt sich der Mann. Zögernd drückt er den Knopf der Sprechanlage: „Ja, bitte, wer ist denn da?“ Eine vertraute Stimme dringt aus dem Lautsprecher an sein Ohr. Sie gehört seinem besten Freund. „Ich bin’s, mach auf! Lass mich rein…“ Kurz darauf sitzen die beiden im Wohnzimmer und reden. Der Besucher erzählt, von dem heftigen Streit mit seiner Frau. „Ich habs daheim nicht mehr ausgehalten…“ sagt er. Voller Zorn hat er nach seiner Jacke gegriffen und in aller Eile das Haus verlassen, nicht ohne vorher die Haustür heftig hinter sich zuzuschlagen. Jetzt weiß er nicht, wohin. „Kann ich bei dir schlafen?“ fragt er zögernd seinen Freund. „Wenigstens heute Nacht…“ Unser unfreiwilliger Gastgeber zuckt mit den Schultern. Diese Bitte kann er seinem Freund nicht abschlagen. „Ich hab nicht viel Platz“ sagt er zögernd. „Aber heute Nacht kannst du erst mal hierbleiben und auf dem Sofa schlafen. Morgen sehen wir weiter…“ 



So schnell wird man zum Unbehausten. Das ist ein inzwischen eher selten gebrauchtes Wort in unserer Sprache. Es bezeichnet die Menschen, die nicht so recht wissen, wo sie hingehören. Viele von ihnen haben zwar ein Dach über dem Kopf, aber kein Zuhause. Zu einem Zuhause gehört mehr als nur ein fester Wohnsitz. Zu einem Zuhause gehören Menschen, Freunde, Beziehungen, die tragen. Wohl dem, der das alles sein Eigen nennt. Wie schnell kann man hingegen zum Unbehausten werden – nicht nur nach einem Streit mit dem Ehepartner. Schon die berufsbedingte Versetzung in eine fremde Stadt, die mit der Trennung von der Familie verbunden ist, von den Freunden und der vertrauten Umgebung, kann einen in einen Unbehausten verwandeln. Dann sitzt man abends allein in der angemieteten Einzimmerwohnung und weiß genau, dass man eigentlich nicht hierher gehört. Das Herz ist nicht dort, wo der Kopf ist - und umgekehrt. Der Kopf sagt: Es ist doch nur vorübergehend. Der Kopf ist vernünftig. Das Herz sagt: „ich gehör nicht hierher!“  Es hat Heimweh. Darunter leiden die Unbehausten. Sie sehnen sich danach, dass wieder beides zusammenkommt, dass Herz und Kopf sich einig sind, weil sie wissen, wo sie hingehören. Ich glaube, diese Menschen, die Unbehausten, gehören ebenfalls in die Weihnachtsgeschichte, die Menschen, die nicht wissen, wo sie hingehören.  Ich stelle mir vor, wie sie mit Josef und Maria vor der Herberge stehen und um Aufnahme bitten, um einen Platz in der Herberge, um Schutz und Geborgenheit in der Kälte der einsamen Nacht.  
Josef und Maria sind Unbehauste. Sie gehören eigentlich nicht nach Bethlehem. Sie gehören nach Nazareth. Dort  steht die Werkstatt des Zimmermans. Dort hätte das Kind zur Welt kommen sollen. Der Befehl eines Kaisers aus dem fernen Rom hat sie gezwungen, sich auf den beschwerlichen Weg zu machen in einen Ort, den sie vielleicht nur vom Hörensagen kannten und mit dem sie nichts verbunden hatte als der Umstand, dass die Familie des Josef von hier stammte. Und jetzt stehen sie da, ohne Dach über den Kopf. Mit jeder Absage wächst in Josef die Panik. „Wo sollen wir nur hin, wenn das Kind kommt?“ Später werden sie Bethlehem wieder fluchtartig verlassen müssen. Sie werden ins Exil gehen, nach Ägypten, weil König Herodes dem Kind nach dem Leben trachtet. 

Heute hören wir eine gute Nachricht. Sie gilt vor allem denen, die nicht so recht wissen, wo sie hingehören,  die sich mehr oder wenig fremd fühlen, wo auch immer sie gerade leben. Es ist der Prophet Sacharja, der ihnen eine frohe Botschaft überbringt: Gott will bei euch wohnen. Er will euch Heimat geben. Sacharja  bedeutet auf deutsch: „Gott hat sich erinnert“. Er wendet sich zunächst an sein Volk. Das war zu einem Volk der Unbehausten geworden. Das Volk war der Meinung, dass es von Gott vergessen sei. Israel hat nach einem Krieg sein Zuhause verloren. Die meisten wurden ins fremde Babylon verschleppt, wo sie Frondienste leisten mussten, nur wenige blieben zurück, die kleine, die einfachen Leute vor allem. Der Tempel war zerstört und Gott schien unendlich fern zu sein. „Er hat uns vergessen“ dachten sich die Israeliten. Der Kopf war in Babylon, wo die Israeliten ein Leben als Gefangene fristen mussten. Der Kopf sagte: Finde dich damit ab. Das Herz ist in Jerusalem geblieben. Das Herz sagt: Hierher, nach Babylon, gehören wir nicht hin. Wir gehören nach Hause, wir gehören nach Jerusalem. Später durfte es in die Heimat zurückkehren. Aber wirklich heimgekommen ist das Volk aber dadurch nicht. Das alte Jerusalem, an das sich die Ältesten noch erinnern konnten, gab es nicht mehr. Der Tempel war ein Trümmerhaufen. Und Gott schien genau so fern zu sein, wie in der Gefangenschaft. Herz und Kopf, Gefühl und Verstand hatten also noch nicht zusammen gefunden. Da hat noch etwas gefehlt. Da hat Gott gefehlt. Wie sie wohl aufgehorcht haben, als Sacharja den Israeliten die gute Nachricht überbracht hat? Hören wir auf die Worte, die ich als Weihnachtsbotschaft des Propheten Sacharja bezeichnen möchte:

„Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR. Und es sollen zu der Zeit viele Völker sich zum HERRN wenden und sollen mein Volk sein, und ich will bei dir wohnen. – Und du sollst erkennen, dass mich der HERR Zebaoth zu dir gesandt hat. – Und der HERR wird Juda in Besitz nehmen als sein Erbteil in dem heiligen Lande und wird Jerusalem wieder erwählen. Alles Fleisch sei stille vor dem HERRN; denn er hat sich aufgemacht von seiner heiligen Stätte! (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)



Gott kommt zurück. Er will wieder bei seinem Volk wohnen. Gemeinschaft will er haben mit ihnen. Deshalb dürfen sie sich freuen. Und nicht nur sie. Auch die Völker, die einst Heiden genannt wurden, sollen Heimat finden bei Gott. Er ist schon unterwegs zu ihnen allen. Alles Fleisch, alles, was lebt, soll sich besinnen, soll aufmerken. Gott hat sich aufgemacht, er hat den Himmel verlassen, um zu den Menschen zu kommen, um den Menschen wieder zu geben, was sie verloren haben: ihren Frieden, ihr Zuhause, ihrem Platz bei Gott, in seinem Herzen.



Und jetzt wagen wir den Sprung hinein in die Weihnachtsgeschichte. Dann stehen wir in der Heiligen Nacht bei den Hirten auf dem Feld. Die erfahren gerade, dass er da ist. Gott ist bei den Menschen angekommen. Er hat Einzug gehalten in ihrer Welt und zwar dort, wo die Menschen leben, einsam, zerrissen, voll Sehnsucht nach Geborgenheit und Frieden. Die meisten haben dieses Wunder verschlafen. Der Wirt in der Herberge, der den Mann mit der hochschwangeren Frau noch vor wenigen Stunden abgewiesen hat, die zahlreichen Bewohner und Besucher Bethlehems, die gekommen waren, um sich ebenfalls in die Steuerlisten eintragen zu lassen und die gerade noch die letzten Schlafplätze ergattert hatten, die Soldaten des Kaisers und alle, die dafür zu sorgen hatten, dass die Listen mit Namen gefüllt würden. Vielleicht auch Herodes in seinem Palast. Den haben dann aber wohl Alpträume geplagt, weil er spürte, dass er den Thron, auf dem er saß, bald verlieren würde. Sie alle haben das Wunder verschlafen, welches diese Nacht zur heiligen Nacht hat werden lassen. Gott ist angekommen. Nicht in einem Palast, nicht im Tempel, sondern in einem Stall  ist er in diese Welt hineingeboren worden, als Kind, das man in eine Krippe gelegt hat, aus der bis vor kurzem noch die Tiere gefressen haben. 



Der Stall und die Krippe – das steht für ein Leben im Provisorium, im Vergänglichen, in der Fremde. Dorthinein kommt Gott. Er kommt zu den Menschen, um bei ihnen zu sein, um bei ihnen zu wohnen und um ihnen Heimat zu geben. Es ist die Gegenwart Gottes, die aus einem Stall einen Ort der Gnade und der Versöhnung und aus einer Futterkrippe eine Stätte der Begegnung mit dem Allerhöchsten, eine Quelle der Gnade macht. Gott kommt zu den Menschen. Die Unbehausten und Heimatlosen, die Umgetriebenen und Ruhelosen sollen wissen, wo sie hingehören. Gott kommt zu ihnen und er kommt zu uns. Es ist paradox. Gott will bei uns wohnen, damit wir ein Zuhause bei ihm finden. Es ist das Zuhause, das wir vor langer Zeit verloren haben, damals, als Adam und Eva von der Frucht gegessen haben. Aber das ist eine andere Geschichte. Heute hören wir eine frohe Botschaft: Gott will bei uns wohnen, damit wir ein Zuhause bei ihm haben. Er sagt: Ich bin gekommen, um bei dir zu sein, wo immer du auch lebst, sei es ein Palast oder ein Stall. Gott macht aus uns, den Unbehausten, Menschen mit einer ewigen, einer himmlischen Heimat. Diese Botschaft des Propheten dürfen wir uns heute sagen lassen. Wenn wir ihn hereinlassen und bei uns wohnen lassen, den Gott, der zu uns kommen will, dann werden wir staunen. Wir werden merken, wie sich unser Leben verändert, wie Leib und Seele, Kopf und Herz wieder zusammenfinden. Das liegt daran, weil wir wissen, wo wir hingehören. Wir haben ein Zuhause bei Gott und nichts soll uns mehr daraus vertreiben. Wir haben gefunden, was wir von Herzen ersehnt haben: Geborgenheit und Frieden. Gott will bei uns wohnen, damit wir den Weg aus der Fremde ins Vertraute, in die Geborgenheit bei ihm finden. Und wenn wir es noch nicht spüren, wenn wir es noch vermissen, sind wir eingeladen, es zu wagen, Gott die Tür zu öffnen. Gott wartet nur darauf, dass wir ihn willkommen heißen, dass wir ihn bei uns ankommen lassen, damit in uns heil werden kann, was noch fremd und zerrissen ist. Amen.



© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 24.12.2019




Gott legt sich fest. Das ist Grund zur Freude. Predigt über 2. Korinther 1,18-22 am 4. Advent 


Der vierte Adventssonntag ist ein Freudentag. Schon der Wochenspruch gibt den Ton an: „Freuet auch in dem Herrn, allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!“ (Phil.4,4-5b) Das bevorstehende Christfest wirft seinen Glanz auf diesen Sonntag. Vorfreude ist die schönste Freude, heißt es im Volksmund. Ich denke kurz vor Weihnachten gerne an meine Kindheit zurück. Die Vorfreude auf den Heiligen Abend mit der Bescherung war mir mindestens genauso wichtig wie das Fest selbst. Eine fröhliche und doch spannende Erwartung hat sich aufgebaut und mich glücklich gemacht. Gerne denke ich daran und spüre, wie mein Herz sich ein wenig von dieser kindlichen Vorfreude aufbewahrt hat. Heute erfahren wir einen weiteren Grund, warum wir uns freuen können:  weil sich Gott zu unseren Gunsten festlegt. Gott sagt Ja zu uns. Klar und eindeutig. Und er bleibt dabei. Er nimmt das nicht mehr zurück. Gott wird uns auch morgen noch lieben und übermorgen. Gott liebt uns auch noch, wenn wir selbst an ihm zu zweifeln beginnen. Es ist ein liebevolles Ja, das er zu uns spricht.  Wir tragen dieses göttliche Ja wie ein Gütesiegel an uns. In der Taufe wird es uns verliehen Da wird das Ja über uns ausgesprochen. Wir sind also ausgezeichnete Menschen. Wir tragen das Prädikat „besonders wertvoll“ an uns und in uns. Wenn das kein Grund zur Freude ist. 


Heute hören wir einen Abschnitt aus dem 2. Brief des Apostels Paulus an die Korinther. In ihm ist viel von diesem Ja die Rede und ebenso von Eindeutigkeit und Verlässlichkeit. Gott bleibt bei dem, was er einmal zugesagt hat.  Ebenso geht es aber auch um die Glaubwürdigkeit seiner Boten, der Apostel und aller, die bis heute im Dienst der Verkündigung stehen. 


Der Anlass, der zu unserem Predigtwort geführt hat, ist wenig erfreulich. Er hat mit Verdruss und Ärger zu tun. Die Gemeinde ist enttäuscht vom Apostel. Er hat ihnen versprochen, sie zu besuchen und dann seine Pläne geändert. Das nehmen ihm die Korinther übel. Sie werfen ihm vor, unzuverlässig zu sein. „So ist das mit diesem Apostel“ werden sie gedacht oder auch gesagt haben. „Er wirft Pläne einfach über den Haufen, etwa nach dem Motto: Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern.“ Ob man von diesem Verhalten auch auf seine ganze Glaubwürdigkeit schließen kann? Kann man Paulus und seinen Gefährten wirklich noch glauben, was sie verkündigen? Machen sie es da auch so, dass sie von Gott heute so und morgen wieder ganz anders reden? Auf diese Fragen und Vorwürfe reagiert Paulus. Er schreibt:

„Bei der Treue Gottes, unser Wort an euch ist nicht Ja und Nein zugleich. Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, der war nicht Ja und Nein, sondern das Ja war in ihm. Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre. Gott ist's aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt hat und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat.“ (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)


Paulus steht zu dem, was er sagt und was er schreibt. „Ich meine, was ich sage!“ Das lässt er die Korinther wissen. Er spricht Klartext. Zunächst bezieht er sich auf seine Reisepläne. Aber dann auch auf seine Verkündigung. „Was ich und meine Weggefährten Silvanus und Timotheus gesagt haben, ist klar und eindeutig! Was wir euch gesagt haben, meinen wir auch so!“ Diese leidenschaftliche Aussage des Apostels hören wir am Freudensonntag vor dem Christfest. Denn Gottes Ja zu den Menschen hat Gestalt angenommen, ist in diese Welt hineingeboren worden, sie hat Hand und Fuß bekommen und einen Namen, der uns Heil und Rettung verspricht: Jesus Christus. An Weihnachten feiern wir die Menschwerdung des Gottessohnes. Paulus lässt keinen Zweifel daran: in Jesus Christus sind die Verheißungen der Propheten nicht nur erfüllt, sondern sogar noch überboten worden. Christus ist die Antwort Gottes auf unsere Sehnsucht, auf unser Fragen und Suchen. Ich möchte diesen Gedanken mit Hilfe unserer Adventslieder entfalten. „Wo bleibst du, Trost, der ganzen Welt, / darauf sie all ihr Hoffnung stellt? / O komm, ach komm vom höchsten Saal, / komm tröst’ uns hier im Jammertal“ (EG 7,49) Mit diesen Worten hat der Jesuitenpater Friedrich Spee seine Sehnsucht nach Gott zur Sprache gebracht. Seine Frage bewegt uns, wenn wir die Nachrichten aus aller Welt sehen und hören. Sie bestürmt uns, wenn persönliches Leid und eigene Not uns heimsuchen. Wie lange noch müssen wir das alles ertragen, was unser Leben beschwert?  Diese Frage begleitet uns wie ein Schatten durch unser Leben. „Hier leiden wir die größte Not, / vor Augen steht der ewig Tod. / Ach komm, führ uns mit starker Hand / vom Elend zu dem Vaterland…“  Seufzend stimmen wir ein in die Strophen dieses Lieds. Wir sehnen uns nach einer klaren Antwort.  Und diese kommt uns auch aus den Liedern entgegen, die wir singen. Paul Gerhardt hat keinen Zweifel daran, dass Gottes Hilfe unterwegs ist: „Das schreib dir in dein Herze, / du hochbetrübtes Heer, / bei denen Gram und Schmerze / sich häuft je mehr und mehr; / seid unverzagt, ihr habt / die Hilfe vor der Tür, / der eure Herzen labet / und tröstet, steht allhier.“ (EG 11,6) Und weil aller guten Dinge drei sind, soll noch ein weiterer, wenn auch nicht so bekannter, Lieddichter aus unserem Gesangbuch zu Wort kommen. Heinrich Held  schreibt: „Was der alten Väter Schar / höchster Wunsch und Sehnen war / und was sie geprohezeit / ist erfüllt in Herrlichkeit“ (EG12,2)


Das sind klare Aussagen. Vielleicht lieben wir deshalb diese Lieder, weil sie so eindeutig sind. Wir sehnen uns nach klaren Worten, nach Antworten, die uns aufatmen lassen. Worte, die uns froh machen. Die Lieddichter haben keinen Zweifel daran: die Antwort auf unsere Frage, wie lange wir denn noch warten müssen, ist längst gegeben. Lassen wir uns das sagen! Halten wir fest am Glauben der Väter und Mütter, die daran fest hielten, dass sich Gott den Menschen in Jesus Christus zuwendet! Stimmen wir ein in die Lieder des Glaubens, die unsere Väter und Mütter gesungen und uns als Erbe hinterlassen haben. Bekennen wir uns zu dem einen Gott, der sich klein macht, niedrig und gering, der als Kind in einer Krippe liegt, der als Wanderprediger tröstet und mahnt, der den Menschen hilft und sie heilt, der als Geschundener und Gekreuzigter die Arme ausbreitet, als ob er im Tod noch die Menschen auffangen wollte und der bis heute auch weiter zu den Menschen spricht: zum Beispiel durch einen Kranken und schwachen Mann wie den Apostel Paulus. Stimmen wir ein in das Amen, das Paulus spricht. Christus kommt zu uns. Er spricht uns an in seinem Wort. Er stärkt uns in seinem Sakrament, in Brot und Wein. Wir tragen durch die Taufe das Siegel seiner Liebe an und uns in uns. „Bei der Treue Gottes“ sagt Paulus. „Gott hat uns gesalbt und versiegelt und den Geist als Unterpfand ins Herz gegeben!“ Könnte es da eine freudigere, eine schönere Antwort geben als darauf Amen zu sagen?


Ja, wir haben Grund zur Freude. Die Worte des Apostels machen Freude. Wir werden ermutigt, fröhlich Amen zu sagen, den Glauben zu bekennen und in dieser Freude zu leben.  Wagen wir es, Amen zu sagen, nicht nur mit den Lippen, auch mit dem Herzen. Machen wir dieses Amen sichtbar in unserem Leben, hörbar durch unsere Worte, glaubwürdig durch unser Tun. Stimmen wir ein in das Amen, das Paulus, Silvanus und Timotheus gesprochen haben und viele andere nach ihnen, darunter auch Friedrich Spee, Paul Gerhardt oder Martin Held. Lassen wir uns anstecken von der Freude über das nahe Fest, die  aus ihren Liedern mit den klaren Bekenntnissen ihren Weg zu uns findet. Stimmen wir ein in die Worte, die Christus willkommen heißen. Sprechen oder singen wir fröhlich: „Sei willkommen, o mein Heil / Dir Hosianna, o mein Teil! / Richte du auch eine Bahn / dir in meinem Herzen an.“ (EG 12,4) Amen.


 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 22.12.2019


Was über dem Wandel bleibt! Predigt über Lukas 21,25 - 33 am 2. Sonntag im Advent 


Jesus sagte: Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres,  und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.  Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an:  wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist. So auch ihr: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist. Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

„Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen!“ sagt Jesus zu seinen Jüngern und heute auch zu uns. „O Weh!“ denke ich mir. Dieses Wort zum 2. Advent kann einem die Vorweihnachtsfreude verderben. Was ich da höre, gefällt mir nicht. Es ist alles vergänglich: der Himmel und die Erde mit allem, was dazugehört, die Schnee, der im Winter die Welt verzaubert, der Regen, der auf die Erde fällt und dafür sorgt, dass unsere Wiesen im Sommer nicht verbrennen, der Mond und die Sterne einer klaren Winternacht, der Glühweinduft auf den Weihnachtsmärkten. Die Vorfreude auf das Fest.  Und wir? Werden wir auch vergehen? 


Der Abschnitt aus dem Lukasevangelium spricht vom Ende der Welt, in der wir uns eingerichtet haben und die uns Heimat geworden ist. Ich denke an mein Leben, das sich unter diesem Himmel und auf dieser Erde abspielt. Ich denke an das Land, in dem ich lebe. Ich denke an das Haus, in dem ich wohne. Es nimmt mich auf, bietet mir Schutz, schenkt mir Heimat. Ich denke an die Menschen, die mit mir zusammenleben, lachen, weinen, beten und arbeiten. Alles nur vorläufig? Alles vorübergehend? Alles endlich: mein Leben, mein Hoffen, die Mühen, die ich mir mache, die Sorgen, die mich plagen, die Freud, die mein Herz erfüllt? Immer weniger gefällt mir der Gedanke, dass über dies alles schon das letzte Wort gesprochen ist: Himmel und Erde werden vergehen!  Ob die Jünger auch den Kopf eingezogen haben bei diesem Wort das doch ein Lebenswort sein soll. Ein Wort, das zum Leben hilft und doch wie ein vernichtendes Urteil klingt?  


„Meister, siehe, was für Steine und was für Bauten!“ sagen sie, als mit ihrem Herrn zusammen den Jerusalemer Tempel verlassen. Dieses Bauwerk – eine Meisterleistung dessen, was Menschen zu Jesu Zeiten mit ihrer eigenen Hände Arbeit erschaffen haben. Der Tempel ist das Herzstück des Glaubens. Hier feiert das Gottesvolk die großen Feste. Hier berühren sich Himmel und Erde. Wo kommt man dem Ewigen näher als im Tempel? Das Gotteshaus der Israeliten ist ein steingewordenes Denkmal für Gottes gnädige Zuwendung und Liebe. Das Urteil Jesu über den Tempel erschüttert die Jünger bis ins Mark. „Nicht ein Stein wird auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde“, sagt Jesus. Und weil es nicht genug ist, wird später noch eins draufgesetzt. Da sitzen sie auf dem Ölberg, dem Tempel gegenüber, die Jünger und ihr Herr. Und was sie zu hören bekommen, gefällt ihnen wohl noch weniger.  Von großen Nöten ist die Rede. Ein Gräuelbild der Verwüstung zeichnet Jesus mit seinen Worten. Jerusalem wird der Verwüstung preisgegeben, die Elemente des Himmels und der Erde geraten aus den Fugen. Ich stelle mir vor, wie mit dem Bild vom zerstörten Tempel auch die letzte Sicherheit preisgegeben wird, auf die der Glaube, die Hoffnung, die Liebe sich bis dahin gründen konnte.


Doch Jesus will uns nicht Angst macht. Er sagt, was Bestand hat, in allem Wandel: meine Worte … werden nicht vergehen!“  Es sind Lebensworte, die Jesus gesprochen hat, über die Menschen. Worte, die Hoffnung schenken und Zuversicht, Worte, die neue Perspektiven eröffnen. Worte vom Leben. Worte wie zum Beispiel: „sei wieder gesund!“ Das sagt Jesus zu dem Aussätzigen, der ihn um Heilung gebeten hat. Oder: „Mädchen, steh auf!“ Das sagt Jesus zu dem Kind, das gerade gestorben ist. „Geh hin und sündige nicht wieder! Ich verurteile dich nicht!“ Mit diesen Worten gibt Jesus der Ehebrecherin eine neue Chance zum Weiterleben. Die Geschichten aus den Evangelien sind Lebens – und Liebesgeschichten. Sie erzählen vom Leben, das Jesus schenkt, weil Gott uns liebt. Und Hinweisgeschichten sind es. Sie weisen hin auf die Neue Welt Gottes, in der die Tränen trocknen werden und Menschen aufleben dürfen.


„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!“ wird uns heute gesagt. Dieses Wort soll uns als Wochenspruch begleiten und Mut machen. Nicht das Ende wird angesagt, sondern die Erlösung. Wir schauen hinter die Bilder vom Untergang. Himmel und Erde werden vergehen, wenn die neue Welt Gottes anbricht. Wir sollen teilhaben an der neuen Welt Gottes. Mitbürger der Heiligen sollen wir sein und Gottes Hausgenossen, sagt der Apostel dazu. An der Seite Jesu konnten die Jünger schon ein Wetterleuchten wahrnehmen, erste Spuren der neuen Welt inmitten der alten, vergänglichen wahrnehmen. Die Wunder Jesu, seine Worte und Zeichen sind ein Wetterleuchten dieser neuen Welt. „Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass jetzt der Sommer nahe ist.  So auch ihr: wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.“ Mit diesem Gleichnis bereitet Jesus die Jünger auf den Zeitenwechsel vor. Sie sollen aufmerksam hinsehen, dann werden sie die Spuren von Gottes Neuer Welt entdecken.


Eine Mahnung höre ich aus den Worten für diesen Sonntag. Alles, worauf ich mein Leben aufbaue, ist vergänglich. Mein irdisches Leben ist vergänglich. Wie oft wankt das Gebäude meines Lebens, meines Glaubens. Ein Zweifel schleicht sich ein in mein Herz und mit einem Mal ist nicht mehr sicher, was mir bisher als selbstverständlich galt. „Himmel und Erde werden vergehen…“ sagt Jesus. Er meint den Tempel, er meint die Welt mit ihrem Treiben und er meint die Sicherheiten, die wir uns in dieser Welt aufbauen. Sie sind trügerisch, diese Sicherheiten. 


„Meine Worte vergehen nicht“, sagt Jesus und nimmt seinen ganzen Weg in diese Worte mit hinein. Ich meine den Weg, der in einem Stall oder in einer Felsenhöhle mit der Krippe beginnt und keineswegs endet in der offenen Grabhöhle mit dem gefalteten Linnen. Meine Worte vergehen nicht! sagt Jesus und zeigt uns auf, was Bestand hat. Das Wort des Lebens hat Bestand, über den Tod hinaus. Das Wort, das uns zugesprochen ist, in der Taufe. Es wird nicht vergehen. Das Wort, das von unserem Leben spricht und uns die Zukunft erschließt. Weil das so ist, weiß ich mich geborgen in diesem Wort, gut aufgehoben und behütet mit meinem ganzen Leben: mit den Menschen, die zu meinem Leben gehören, mit den Höhen und Tiefen, die es in meinem Leben gibt, mit meinen Lachen und Weinen. Ich bin geborgen in diesem Wort, das Mensch geworden ist, um mir das Leben zu schenken. Das ist meine Sicherheit, die durch nichts erschüttert werden soll. Darauf kann ich mein Leben aufbauen. Ich werde mich bergen in diesem Wort, das meine ganze Zukunft, mein ganzes Dasein umschließt. Ich werde mich daran festhalten, wenn meine Schritte unsicher werden, wenn alles in diesem Leben fraglich wird. Ich werde mich daran festhalten, wenn ich spüre, wie alles zum Fragment wird, was mir bis dahin so eindeutig erschien. Ich werde mich daran festhalten, wenn mein irdisches Leben sich dem Ende zuneigt. Und ich werde mich freuen, wenn ich merke: die Worte tragen mich, wenn meine Kraft schwindet.


Das Wort schenkt mir Zukunft und Leben bei Gott. Es macht mir Mut, wenn ich erschrecke über die Vorläufigkeit und Schnelllebigkeit meiner Tage. Dieses Wort will die Freude am Leben in dieser Welt keineswegs dämpfen, allerdings geraderücken. Es weist mich auf das hin, was ewig ist, was Bestand hat in meinem Leben, vor allem dann, wenn sich alles andere als unbeständig erweist und ins Wanken gerät. „Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen!“ sagt Jesus. Ich weiß: der sie gesprochen hat, vergeht nicht, weil er von Anbeginn war. Vertrauen wir uns ihm an. Bauen wir unser Leben auf seine Zusage. Gründen wir uns auf sein Wort. Es ist ja schließlich ein Wort, das Leben und Seligkeit schenkt. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, 8.12.2019, Altenstein





Die neue Zeit und ihre Lieder. Predigt über Römer 13, 8 -14 am 1. Advent 


 „Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist (2. Mose 20,13-17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3. Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«  Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. „Und das tut, weil ihr die Zeit erkannt habt, dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“ ( Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

 

„Die Nacht ist vorgedrungen, / der Tag ist nicht mehr fern! / So sein nun Lob gesungen, dem hellen Morgenstern!“ Die Worte aus dem Römerbrief der Bibel und das bekannte Adventslied von Jochen Klepper aus dem Gesangbuch sagen es deutlich und mit einer Stimme: es ist Zeit, sich den Schlaf aus den Augen zu reiben. Ein neuer Tag bricht an und mit dem Licht des neuen Tages kehren auch Hoffnung und Lebensmut zurück, die man in der Dunkelheit vielleicht verloren hat! „Auch, wer zur Nacht geweinet, / der stimme froh mit ein. / Der Morgenstern bescheinet / auch deine Angst und Pein.“ Das Licht des neuen Tages lässt mich Wege der Hoffnung erkennen, die im Dunkeln vielleicht verborgen schienen, Wege aus der Mutlosigkeit. 

 

Welche Angst und Pein Jochen Klepper wohl ausgestanden hat, können wir heute kaum nachfühlen. Wer sein Schicksal kennt, mag vielleicht zu anderen Schlüssen kommen, mag einwenden, dass die Not manchmal zu groß ist, das Leid zu schwer, die Angst zu lähmend, um sich auf einen Neuanfang in Hoffnung einzulassen. Jochen Klepper lebte von 1903 bis 1942. Im Advent dieses dritten Kriegsjahres, genauer gesagt, in der Nacht vom 10. zum 11. Dezember, hat er sich zusammen mit seiner Frau Johanna und der Stieftochter Renate das Leben genommen. Er hat dem Druck der Nazis nicht mehr standhalten können. Die staatlich angeordnete Zwangsscheidung und die drohende Deportation der Stieftochter sowie der Ehefrau hab Das wollte und konnte er nicht. Als seine Möglichkeiten schwanden, die Menschen, die er liebte, zu schützen, sah er nur noch im Freitod einen Ausweg. 

 

Die Nacht ist vorgedrungen, / der Tag ist nicht mehr fern!  Von der Nacht sprechen sie beide, Paulus, der Völkerapostel. Und ebenso Jochen Klepper, der verzweifelte und doch tiefgläubige Dichter, der die Worte des Paulus in seinem Lied aufnimmt. Die Nacht ist vorgedrungen, sie ist im Schwinden. Sie verblasst. Aber die Schatten sind noch kräftig. Kräftig genug, um Menschen, um guten Menschen, um selbst frommen Menschen, den Lebensmut zu rauben. Mit der Nacht ist nicht allein die kurze Zeitspanne weniger Stunden gemeint, zwischen Abend – und Morgendämmerung. Es ist die Zeit gemeint, die Menschen verzweifeln lässt, die Zeit, die Lebenswillen brechen kann, die Zeit, in der die Mächte der Dunkelheit versuchen, Menschen in den Abgrund zu reißen. Die Nacht ist die gottlose Zeit. Wir hören heute ein Wort, das Mut macht, vor allem den Menschen, die unter dieser Nacht leiden. Die Nacht ist im Schwinden. Die Dämmerung setzt ein. Langsam bricht der Tag an. Er bringt eine neue Zeit. Das sagt uns heute der Apostel aus dem Römerbrief, der den Tod vor Augen hatte wie vielleicht kein anderer. Aus der Dunkelheit sollen wir ans Licht treten, damit unsre Tränen trocknen können. Wir sollen uns nicht abfinden mit der Dunkelheit. Wir sollen ihr etwas entgegensetzen: „… lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“  Mit diesem Aufruf endet unser Predigtabschnitt. 

 

Ist das ein Ruf zu den Waffen? Die Sprache des Apostels erschreckt mich. Lasst uns anlegen die Waffen des Lichts!  Werden wir zu den Waffen gerufen? Wird ein Kreuzzug gegen die Finsternis geplant? Ich möchte keine Waffen tragen. Bringen Waffen nicht den Tod? Während ich diesen Fragen nachhänge, steigt eine vertraute Melodie in mir auf.  Es ist die Melodie dieses Liedes „Die Nacht ist vorgedrungen…“  Sie formt ein Bild in meiner Phantasie. Ich stelle mir den hilflosen Jochen Klepper an seinem Schreibtisch vor, wie er sein Lied schreibt vom Anbruch der neuen Zeit, vom hellen Morgenstern, der die Angst und Pein bescheint. Da wird mir klar: so werden sie gemacht, die Waffen des Lichtes. Sie sind nicht aus Eisen – eher aus Worten, in denen eine große Kraft wohnt. Das Lied besingt die Ankunft einer neuen Zeit. Und indem es davon erzählt, bereitet das Lied dem Licht den Weg, drängt es die Finsternis zurück und schenkt Hoffnung.  Behutsam erzählt es von einem, „dem alle Engel dienen“ und der nun ein Kind und Knecht wird. Der Morgenstern, das Kind in der Krippe, „Gott selber ist erschienen / zur Sühne für sein Recht.“ Da wird es uns deutlich gesagt: der Tag, der da besungen wird – das ist Gottes Zeit, voll Hoffnung und Leben. Das Lied von Jochen Klepper erinnert mich daran, dass die Waffen des Lichts nicht im Feuer, sondern in der Liebe geschmiedet werden.  Die Waffen dienen auch nicht dem Angriff, sondern den Schutz und dem Widerstand. Es gilt, den schmeichelnden und verlockenden Angeboten der Lieblosigkeit zu widerstehen, die den Mächten der Finsternis Auftrieb geben und die Verzweiflung und Tod bringen. 

 

Mit den Waffen des Lichtes sollen wir das Leben schützen. Diese Waffen sehen bescheiden aus – auf dem ersten Blick. Doch in sich bergen sie eine große Kraft.  Ein Wort, in Liebe gesprochen, wird zur Waffe des Lichtes, weil es Hoffnung schenkt. Es verletzt nicht, es macht Mut. Eine Hand kann zur Waffe des Lichts werden. Eine Hand, die nicht schlägt, sondern segnet. Oder die ein Lied schreibt, ein Lied gegen die Angst! Es ist Zeit, diese Waffen des Lichts zu gebrauchen! Jeder kann das. Dazu muss man kein Dichter sein. Es genügt, der Lüge zu widerstehen. Da kommen die Gebote ins Spiel, die Paulus zitiert. Sie beschreiben Lebensräume, in denen sich Liebe entfaltet und Leben blüht. Es sind die Lebensräume, die vom Licht geschützt werden wollen. Die Liebe will dem Nächsten nichts Böses. Sie, hilft dazu, dass sich Leben entfalten kann. Sie gibt r Kraft, um nach den Geboten zu leben, das Band der Ehe zu schützen, das Leben zu erhalten, den Besitz des anderen zu respektieren – um nur einige Beispiele zu nennen. So gedeiht das Leben, wächst Vertrauen, wird das Licht sich gegen die Dunkelheit durchsetzen.  

 

 Diese Liebe hat Gestalt angenommen im Kind von Bethlehem, im Prediger aus Nazareth, der die Kinder segnet, die Frauen in Schutz nimmt, den Aussätzigen heilt, die hungrigen Jünger am Sabbat Ähren zupfen lässt, obwohl das verboten ist. Die Liebe hat Gestalt angenommen im geschundenen, gedemütigten, erniedrigten und gekreuzigten Mann auf Golgatha. Die Liebe hat Gestalt angenommen im Auferstandenen Christus, der den Frauen und Männern die Furcht nimmt und ihnen den Auftrag gibt, sein Wort in die Welt hinauszutragen. Es ist ein Wort von der Liebe Gottes zu den Menschen. Es ist ein Wort des Lebens, ein Wort, das von der Zukunft spricht. Von der Welt Gottes, die im Kommen ist - wie der Tag, obwohl die Schatten noch auf uns liegen. Diese Liebe will bei uns ankommen, will Einzug halten in unseren Herzen und sie will unser Leben verändern, heilsam verändern. Alleine schaffen wir das nicht. Aber wir haben einen Ort, an dem die Quelle der Liebe zu finden ist, aus de wir Kraft schöpfen. Das Lied von Jochen Klepper weist uns den Weg zu diesem Ort: „Die Nacht ist schon im Schwinden, / macht euch zum Stalle auf! / Ihr sollt das Heil dort finden, / das aller Zeiten Lauf, / von Anfang an verkündet, / seit eure Schuld geschah./ Nun hat sich euch verbündet, / den Gott selbst ausersah.“

 

Bis heute schenkt dieses Lied Jochen Kleppers Menschen Trost und Hoffnung. Ich glaube, das liegt daran, dass es den Menschen in der Dunkelheit die Hoffnung bringt, von der wir Christen leben. Am Ende siegt nicht die Dunkelheit sondern das Licht. Es ist ein Lied gegen die Finsternis. Wagen wir es, aufzustehen und in der Liebe zu leben und das Lied der Hoffnung zu singen. Es erzählt von dem neuen Tag, der anbricht und von dem Herrn, den der neue Tag bringt: Jesus Christus, die menschgewordene Gottesliebe. Eine Liebe trägt er hinein in die Welt, die stärker ist als der Tod. Eine rettende Liebe. Ich glaube fest daran, dass sie ins Leben führt, auch Menschen, die verzweifelt sind, Menschen, wie Jochen Klepper. Vertrauen wir uns dieser Liebe an, mitten in der Nacht, die schon im Schwinden ist. Und lassen wir uns von dem „Stern der Gotteshuld“ leiten. Schauen wir weg von dem, was uns Angst macht. Schauen wir auf, um den „Stern der Gotteshuld“ zu entdecken und um uns von ihm führen zu lassen. Es gilt auch uns, was Jochen Klepper einst geschrieben hat: Beglänzt von seinem Lichte, / Hält euch kein Dunkel mehr, / von Gottes Angesichte / kam euch die Rettung her.“  Amen.  

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 1.12.2019