Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)

Predigten im Dezember 2019



Was über dem Wandel bleibt! Predigt über Lukas 21,25 - 33 am 2. Sonntag im Advent 


Jesus sagte: Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres,  und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.  Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an:  wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist. So auch ihr: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist. Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

„Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen!“ sagt Jesus zu seinen Jüngern und heute auch zu uns. „O Weh!“ denke ich mir. Dieses Wort zum 2. Advent kann einem die Vorweihnachtsfreude verderben. Was ich da höre, gefällt mir nicht. Es ist alles vergänglich: der Himmel und die Erde mit allem, was dazugehört, die Schnee, der im Winter die Welt verzaubert, der Regen, der auf die Erde fällt und dafür sorgt, dass unsere Wiesen im Sommer nicht verbrennen, der Mond und die Sterne einer klaren Winternacht, der Glühweinduft auf den Weihnachtsmärkten. Die Vorfreude auf das Fest.  Und wir? Werden wir auch vergehen? 


Der Abschnitt aus dem Lukasevangelium spricht vom Ende der Welt, in der wir uns eingerichtet haben und die uns Heimat geworden ist. Ich denke an mein Leben, das sich unter diesem Himmel und auf dieser Erde abspielt. Ich denke an das Land, in dem ich lebe. Ich denke an das Haus, in dem ich wohne. Es nimmt mich auf, bietet mir Schutz, schenkt mir Heimat. Ich denke an die Menschen, die mit mir zusammenleben, lachen, weinen, beten und arbeiten. Alles nur vorläufig? Alles vorübergehend? Alles endlich: mein Leben, mein Hoffen, die Mühen, die ich mir mache, die Sorgen, die mich plagen, die Freud, die mein Herz erfüllt? Immer weniger gefällt mir der Gedanke, dass über dies alles schon das letzte Wort gesprochen ist: Himmel und Erde werden vergehen!  Ob die Jünger auch den Kopf eingezogen haben bei diesem Wort das doch ein Lebenswort sein soll. Ein Wort, das zum Leben hilft und doch wie ein vernichtendes Urteil klingt?  


„Meister, siehe, was für Steine und was für Bauten!“ sagen sie, als mit ihrem Herrn zusammen den Jerusalemer Tempel verlassen. Dieses Bauwerk – eine Meisterleistung dessen, was Menschen zu Jesu Zeiten mit ihrer eigenen Hände Arbeit erschaffen haben. Der Tempel ist das Herzstück des Glaubens. Hier feiert das Gottesvolk die großen Feste. Hier berühren sich Himmel und Erde. Wo kommt man dem Ewigen näher als im Tempel? Das Gotteshaus der Israeliten ist ein steingewordenes Denkmal für Gottes gnädige Zuwendung und Liebe. Das Urteil Jesu über den Tempel erschüttert die Jünger bis ins Mark. „Nicht ein Stein wird auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde“, sagt Jesus. Und weil es nicht genug ist, wird später noch eins draufgesetzt. Da sitzen sie auf dem Ölberg, dem Tempel gegenüber, die Jünger und ihr Herr. Und was sie zu hören bekommen, gefällt ihnen wohl noch weniger.  Von großen Nöten ist die Rede. Ein Gräuelbild der Verwüstung zeichnet Jesus mit seinen Worten. Jerusalem wird der Verwüstung preisgegeben, die Elemente des Himmels und der Erde geraten aus den Fugen. Ich stelle mir vor, wie mit dem Bild vom zerstörten Tempel auch die letzte Sicherheit preisgegeben wird, auf die der Glaube, die Hoffnung, die Liebe sich bis dahin gründen konnte.


Doch Jesus will uns nicht Angst macht. Er sagt, was Bestand hat, in allem Wandel: meine Worte … werden nicht vergehen!“  Es sind Lebensworte, die Jesus gesprochen hat, über die Menschen. Worte, die Hoffnung schenken und Zuversicht, Worte, die neue Perspektiven eröffnen. Worte vom Leben. Worte wie zum Beispiel: „sei wieder gesund!“ Das sagt Jesus zu dem Aussätzigen, der ihn um Heilung gebeten hat. Oder: „Mädchen, steh auf!“ Das sagt Jesus zu dem Kind, das gerade gestorben ist. „Geh hin und sündige nicht wieder! Ich verurteile dich nicht!“ Mit diesen Worten gibt Jesus der Ehebrecherin eine neue Chance zum Weiterleben. Die Geschichten aus den Evangelien sind Lebens – und Liebesgeschichten. Sie erzählen vom Leben, das Jesus schenkt, weil Gott uns liebt. Und Hinweisgeschichten sind es. Sie weisen hin auf die Neue Welt Gottes, in der die Tränen trocknen werden und Menschen aufleben dürfen.


„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!“ wird uns heute gesagt. Dieses Wort soll uns als Wochenspruch begleiten und Mut machen. Nicht das Ende wird angesagt, sondern die Erlösung. Wir schauen hinter die Bilder vom Untergang. Himmel und Erde werden vergehen, wenn die neue Welt Gottes anbricht. Wir sollen teilhaben an der neuen Welt Gottes. Mitbürger der Heiligen sollen wir sein und Gottes Hausgenossen, sagt der Apostel dazu. An der Seite Jesu konnten die Jünger schon ein Wetterleuchten wahrnehmen, erste Spuren der neuen Welt inmitten der alten, vergänglichen wahrnehmen. Die Wunder Jesu, seine Worte und Zeichen sind ein Wetterleuchten dieser neuen Welt. „Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass jetzt der Sommer nahe ist.  So auch ihr: wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.“ Mit diesem Gleichnis bereitet Jesus die Jünger auf den Zeitenwechsel vor. Sie sollen aufmerksam hinsehen, dann werden sie die Spuren von Gottes Neuer Welt entdecken.


Eine Mahnung höre ich aus den Worten für diesen Sonntag. Alles, worauf ich mein Leben aufbaue, ist vergänglich. Mein irdisches Leben ist vergänglich. Wie oft wankt das Gebäude meines Lebens, meines Glaubens. Ein Zweifel schleicht sich ein in mein Herz und mit einem Mal ist nicht mehr sicher, was mir bisher als selbstverständlich galt. „Himmel und Erde werden vergehen…“ sagt Jesus. Er meint den Tempel, er meint die Welt mit ihrem Treiben und er meint die Sicherheiten, die wir uns in dieser Welt aufbauen. Sie sind trügerisch, diese Sicherheiten. 


„Meine Worte vergehen nicht“, sagt Jesus und nimmt seinen ganzen Weg in diese Worte mit hinein. Ich meine den Weg, der in einem Stall oder in einer Felsenhöhle mit der Krippe beginnt und keineswegs endet in der offenen Grabhöhle mit dem gefalteten Linnen. Meine Worte vergehen nicht! sagt Jesus und zeigt uns auf, was Bestand hat. Das Wort des Lebens hat Bestand, über den Tod hinaus. Das Wort, das uns zugesprochen ist, in der Taufe. Es wird nicht vergehen. Das Wort, das von unserem Leben spricht und uns die Zukunft erschließt. Weil das so ist, weiß ich mich geborgen in diesem Wort, gut aufgehoben und behütet mit meinem ganzen Leben: mit den Menschen, die zu meinem Leben gehören, mit den Höhen und Tiefen, die es in meinem Leben gibt, mit meinen Lachen und Weinen. Ich bin geborgen in diesem Wort, das Mensch geworden ist, um mir das Leben zu schenken. Das ist meine Sicherheit, die durch nichts erschüttert werden soll. Darauf kann ich mein Leben aufbauen. Ich werde mich bergen in diesem Wort, das meine ganze Zukunft, mein ganzes Dasein umschließt. Ich werde mich daran festhalten, wenn meine Schritte unsicher werden, wenn alles in diesem Leben fraglich wird. Ich werde mich daran festhalten, wenn ich spüre, wie alles zum Fragment wird, was mir bis dahin so eindeutig erschien. Ich werde mich daran festhalten, wenn mein irdisches Leben sich dem Ende zuneigt. Und ich werde mich freuen, wenn ich merke: die Worte tragen mich, wenn meine Kraft schwindet.


Das Wort schenkt mir Zukunft und Leben bei Gott. Es macht mir Mut, wenn ich erschrecke über die Vorläufigkeit und Schnelllebigkeit meiner Tage. Dieses Wort will die Freude am Leben in dieser Welt keineswegs dämpfen, allerdings geraderücken. Es weist mich auf das hin, was ewig ist, was Bestand hat in meinem Leben, vor allem dann, wenn sich alles andere als unbeständig erweist und ins Wanken gerät. „Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen!“ sagt Jesus. Ich weiß: der sie gesprochen hat, vergeht nicht, weil er von Anbeginn war. Vertrauen wir uns ihm an. Bauen wir unser Leben auf seine Zusage. Gründen wir uns auf sein Wort. Es ist ja schließlich ein Wort, das Leben und Seligkeit schenkt. Amen.


© Pfarrer Stefan Köttig, 8.12.2019, Altenstein





Die neue Zeit und ihre Lieder. Predigt über Römer 13, 8 -14 am 1. Advent 


 „Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist (2. Mose 20,13-17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3. Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«  Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. „Und das tut, weil ihr die Zeit erkannt habt, dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“ ( Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

 

„Die Nacht ist vorgedrungen, / der Tag ist nicht mehr fern! / So sein nun Lob gesungen, dem hellen Morgenstern!“ Die Worte aus dem Römerbrief der Bibel und das bekannte Adventslied von Jochen Klepper aus dem Gesangbuch sagen es deutlich und mit einer Stimme: es ist Zeit, sich den Schlaf aus den Augen zu reiben. Ein neuer Tag bricht an und mit dem Licht des neuen Tages kehren auch Hoffnung und Lebensmut zurück, die man in der Dunkelheit vielleicht verloren hat! „Auch, wer zur Nacht geweinet, / der stimme froh mit ein. / Der Morgenstern bescheinet / auch deine Angst und Pein.“ Das Licht des neuen Tages lässt mich Wege der Hoffnung erkennen, die im Dunkeln vielleicht verborgen schienen, Wege aus der Mutlosigkeit. 

 

Welche Angst und Pein Jochen Klepper wohl ausgestanden hat, können wir heute kaum nachfühlen. Wer sein Schicksal kennt, mag vielleicht zu anderen Schlüssen kommen, mag einwenden, dass die Not manchmal zu groß ist, das Leid zu schwer, die Angst zu lähmend, um sich auf einen Neuanfang in Hoffnung einzulassen. Jochen Klepper lebte von 1903 bis 1942. Im Advent dieses dritten Kriegsjahres, genauer gesagt, in der Nacht vom 10. zum 11. Dezember, hat er sich zusammen mit seiner Frau Johanna und der Stieftochter Renate das Leben genommen. Er hat dem Druck der Nazis nicht mehr standhalten können. Die staatlich angeordnete Zwangsscheidung und die drohende Deportation der Stieftochter sowie der Ehefrau hab Das wollte und konnte er nicht. Als seine Möglichkeiten schwanden, die Menschen, die er liebte, zu schützen, sah er nur noch im Freitod einen Ausweg. 

 

Die Nacht ist vorgedrungen, / der Tag ist nicht mehr fern!  Von der Nacht sprechen sie beide, Paulus, der Völkerapostel. Und ebenso Jochen Klepper, der verzweifelte und doch tiefgläubige Dichter, der die Worte des Paulus in seinem Lied aufnimmt. Die Nacht ist vorgedrungen, sie ist im Schwinden. Sie verblasst. Aber die Schatten sind noch kräftig. Kräftig genug, um Menschen, um guten Menschen, um selbst frommen Menschen, den Lebensmut zu rauben. Mit der Nacht ist nicht allein die kurze Zeitspanne weniger Stunden gemeint, zwischen Abend – und Morgendämmerung. Es ist die Zeit gemeint, die Menschen verzweifeln lässt, die Zeit, die Lebenswillen brechen kann, die Zeit, in der die Mächte der Dunkelheit versuchen, Menschen in den Abgrund zu reißen. Die Nacht ist die gottlose Zeit. Wir hören heute ein Wort, das Mut macht, vor allem den Menschen, die unter dieser Nacht leiden. Die Nacht ist im Schwinden. Die Dämmerung setzt ein. Langsam bricht der Tag an. Er bringt eine neue Zeit. Das sagt uns heute der Apostel aus dem Römerbrief, der den Tod vor Augen hatte wie vielleicht kein anderer. Aus der Dunkelheit sollen wir ans Licht treten, damit unsre Tränen trocknen können. Wir sollen uns nicht abfinden mit der Dunkelheit. Wir sollen ihr etwas entgegensetzen: „… lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“  Mit diesem Aufruf endet unser Predigtabschnitt. 

 

Ist das ein Ruf zu den Waffen? Die Sprache des Apostels erschreckt mich. Lasst uns anlegen die Waffen des Lichts!  Werden wir zu den Waffen gerufen? Wird ein Kreuzzug gegen die Finsternis geplant? Ich möchte keine Waffen tragen. Bringen Waffen nicht den Tod? Während ich diesen Fragen nachhänge, steigt eine vertraute Melodie in mir auf.  Es ist die Melodie dieses Liedes „Die Nacht ist vorgedrungen…“  Sie formt ein Bild in meiner Phantasie. Ich stelle mir den hilflosen Jochen Klepper an seinem Schreibtisch vor, wie er sein Lied schreibt vom Anbruch der neuen Zeit, vom hellen Morgenstern, der die Angst und Pein bescheint. Da wird mir klar: so werden sie gemacht, die Waffen des Lichtes. Sie sind nicht aus Eisen – eher aus Worten, in denen eine große Kraft wohnt. Das Lied besingt die Ankunft einer neuen Zeit. Und indem es davon erzählt, bereitet das Lied dem Licht den Weg, drängt es die Finsternis zurück und schenkt Hoffnung.  Behutsam erzählt es von einem, „dem alle Engel dienen“ und der nun ein Kind und Knecht wird. Der Morgenstern, das Kind in der Krippe, „Gott selber ist erschienen / zur Sühne für sein Recht.“ Da wird es uns deutlich gesagt: der Tag, der da besungen wird – das ist Gottes Zeit, voll Hoffnung und Leben. Das Lied von Jochen Klepper erinnert mich daran, dass die Waffen des Lichts nicht im Feuer, sondern in der Liebe geschmiedet werden.  Die Waffen dienen auch nicht dem Angriff, sondern den Schutz und dem Widerstand. Es gilt, den schmeichelnden und verlockenden Angeboten der Lieblosigkeit zu widerstehen, die den Mächten der Finsternis Auftrieb geben und die Verzweiflung und Tod bringen. 

 

Mit den Waffen des Lichtes sollen wir das Leben schützen. Diese Waffen sehen bescheiden aus – auf dem ersten Blick. Doch in sich bergen sie eine große Kraft.  Ein Wort, in Liebe gesprochen, wird zur Waffe des Lichtes, weil es Hoffnung schenkt. Es verletzt nicht, es macht Mut. Eine Hand kann zur Waffe des Lichts werden. Eine Hand, die nicht schlägt, sondern segnet. Oder die ein Lied schreibt, ein Lied gegen die Angst! Es ist Zeit, diese Waffen des Lichts zu gebrauchen! Jeder kann das. Dazu muss man kein Dichter sein. Es genügt, der Lüge zu widerstehen. Da kommen die Gebote ins Spiel, die Paulus zitiert. Sie beschreiben Lebensräume, in denen sich Liebe entfaltet und Leben blüht. Es sind die Lebensräume, die vom Licht geschützt werden wollen. Die Liebe will dem Nächsten nichts Böses. Sie, hilft dazu, dass sich Leben entfalten kann. Sie gibt r Kraft, um nach den Geboten zu leben, das Band der Ehe zu schützen, das Leben zu erhalten, den Besitz des anderen zu respektieren – um nur einige Beispiele zu nennen. So gedeiht das Leben, wächst Vertrauen, wird das Licht sich gegen die Dunkelheit durchsetzen.  

 

 Diese Liebe hat Gestalt angenommen im Kind von Bethlehem, im Prediger aus Nazareth, der die Kinder segnet, die Frauen in Schutz nimmt, den Aussätzigen heilt, die hungrigen Jünger am Sabbat Ähren zupfen lässt, obwohl das verboten ist. Die Liebe hat Gestalt angenommen im geschundenen, gedemütigten, erniedrigten und gekreuzigten Mann auf Golgatha. Die Liebe hat Gestalt angenommen im Auferstandenen Christus, der den Frauen und Männern die Furcht nimmt und ihnen den Auftrag gibt, sein Wort in die Welt hinauszutragen. Es ist ein Wort von der Liebe Gottes zu den Menschen. Es ist ein Wort des Lebens, ein Wort, das von der Zukunft spricht. Von der Welt Gottes, die im Kommen ist - wie der Tag, obwohl die Schatten noch auf uns liegen. Diese Liebe will bei uns ankommen, will Einzug halten in unseren Herzen und sie will unser Leben verändern, heilsam verändern. Alleine schaffen wir das nicht. Aber wir haben einen Ort, an dem die Quelle der Liebe zu finden ist, aus de wir Kraft schöpfen. Das Lied von Jochen Klepper weist uns den Weg zu diesem Ort: „Die Nacht ist schon im Schwinden, / macht euch zum Stalle auf! / Ihr sollt das Heil dort finden, / das aller Zeiten Lauf, / von Anfang an verkündet, / seit eure Schuld geschah./ Nun hat sich euch verbündet, / den Gott selbst ausersah.“

 

Bis heute schenkt dieses Lied Jochen Kleppers Menschen Trost und Hoffnung. Ich glaube, das liegt daran, dass es den Menschen in der Dunkelheit die Hoffnung bringt, von der wir Christen leben. Am Ende siegt nicht die Dunkelheit sondern das Licht. Es ist ein Lied gegen die Finsternis. Wagen wir es, aufzustehen und in der Liebe zu leben und das Lied der Hoffnung zu singen. Es erzählt von dem neuen Tag, der anbricht und von dem Herrn, den der neue Tag bringt: Jesus Christus, die menschgewordene Gottesliebe. Eine Liebe trägt er hinein in die Welt, die stärker ist als der Tod. Eine rettende Liebe. Ich glaube fest daran, dass sie ins Leben führt, auch Menschen, die verzweifelt sind, Menschen, wie Jochen Klepper. Vertrauen wir uns dieser Liebe an, mitten in der Nacht, die schon im Schwinden ist. Und lassen wir uns von dem „Stern der Gotteshuld“ leiten. Schauen wir weg von dem, was uns Angst macht. Schauen wir auf, um den „Stern der Gotteshuld“ zu entdecken und um uns von ihm führen zu lassen. Es gilt auch uns, was Jochen Klepper einst geschrieben hat: Beglänzt von seinem Lichte, / Hält euch kein Dunkel mehr, / von Gottes Angesichte / kam euch die Rettung her.“  Amen.  

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 1.12.2019