Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigten im Monat Mai 2018


Ein lebendiges Puzzle - Predigt über  Epheser 4,11-15 am Pfingstmontag  anlässlich einer Taufe


„Und er selbst gab den Heiligen die einen als Apostel, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes. Dadurch soll der Leib Christi erbaut werden, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Menschen, zum vollen Maß der Fülle Christi, damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch das trügerische Würfeln der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen. Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus

(Lutherbibel 2017, herausgegeben von de Dt. Bibelgesellschaft Stuttgart)

 

Vor einiger Zeit habe ich mit den Schülern der Grundschule im Religionsunterricht ein Puzzle zusammengesetzt. Aus vielen Einzelteilen sollten die Kinder ein großes Bild entstehen lassen. Bald war die Arbeit getan und wir konnten eine Kirche bewundern. Die Bausteine waren Menschen: große und kleine, junge und alte, mit weißer und schwarzer, gelber und rötlicher Hautfarbe. Sie alle zusammen gefügt haben das Bild einer Kirche ergeben. Was für ein schönes Bild. Es zeigt, dass die Bausteine der Kirche die Menschen sind, die sich zur Gemeinde Jesu zählen.

 

Der Apostel Paulus malt in seinen Briefen ebenfalls ein Bild von Kirche. Er malt mit seinen Worten. Er stellt die Kirche als einen Leib dar und sagt zu uns:  die Kirche ist der Leib Christi und ihr Christen seid dessen lebendige Glieder. Aber er bleibt nicht allein bei dieser Feststellung stehen. Der Leib Christi hier auf dieser Erde ist noch unvollendet. Der Apostel sagt: er muss seiner Vollendung entgegenwachsen. Die Glieder, die zu ihm gehören, müssen noch fester zusammenwachsen. Der Leib Christi soll sich ausbreiten über die Welt - und darüber hinaus: er soll seinem Haupt entgegenwachsen.

 

Heute möchte ich mit Ihnen darüber nachdenken, wie das aussehen kann, wenn der Leib Christi wächst, wenn er sich ausbreitet und seinem Haupt, Christus, entgegenwächst. Heute haben wir miterlebt, wie der Leib Christi wächst, wie ein neues Gesicht sich in das Puzzle der Kirche einfügt. Das ist durch die Taufe geschehen. Penelope ist aber weit mehr als nur ein Puzzleteilchen. Sie ist Teil des Ganzen. Sie ist ein lebendiger Stein, einer der sich verändern wird, der wächst, der sich entfaltet mit seinen Begabungen und Fähigkeiten. Und noch etwas: wenn so ein Puzzleteilchen fehlt, ist das ganze Bild unvollkommen. Das zeigt, dass jedes noch kleineTeil wichtig und unverzichtbar ist. 

Pfingsten, so sagen wir, ist der Geburtstag der Kirche. Wenn wir dieses Fest feiern, wenn wir von der Kirche sprechen, haben wir stets die Kirche vor Ort im Blick – zum Beispiel die Dorfkirche, in der wir heute zusammenkommen. Trotzdem gilt auch hier: die Kirche nimmt immer konkret Gestalt an durch die Menschen, die zu ihr gehören, die sich hier versammeln, miteinander singen und beten, einander beistehen und trösten und im Glauben Halt finden. So können wir Paulus auch verstehen, der sagt, dass die Kirche etwas Lebendiges ist: ein Leib. Christi Leib. Die Menschen, die sich zu einer Kirchengemeinde zählen, sind Glieder an diesem Leib. Sie bilden eine Gemeinschaft mit Jesus Christus. Er ist der Mittelpunkt. 

 

Der Leib Christi auf Erden, die Kirche, schreibt Paulus,  soll dem Herrn entgegenwachsen - über die Grenzen von Raum und Zeit, über alles, was Menschen heute voneinander trennt. Der Leib Christi wächst immer dann ein Stück über sich hinaus, wenn Menschen sich gegenseitig unterstützen, sich tragen und ertragen. Die Liebe macht sie dazu fähig. Ich meine die Liebe Christi, die sich mitteilt, die nicht für sich bleibt. Wenn Jesus die Kinder in die Arme schließt, die Hände auflegt und sie segnet, wächst die Kirche. Wenn wir es ihm nachmachen, wächst die Kirche. Wenn wir Rücksicht nehmen auf die Schwachen, dann wächst die Kirche. Wenn wir es schaffen, von Vorurteilen loszulassen, Verletzungen zu verzeihen und aufeinander zugehen, dann wächst die Kirche. 

 

Das Pfingstfest sollte immer wieder Anlass geben, neu über die Kirche nachzudenken, über die Kirche vor Ort und über die Kirche im Allgemeinen, wo sie wächst, aber auch, was dieses Wachstum behindert. So ein Fest sollte auch einmal das Recht geben, von einer Kirche zu träumen, wie wir sie uns wünschen und von den Erwartungen zu sprechen, die wir an unsere Kirche stellen. Wir können das tun. Wir werden nicht auf taube Ohren stoßen. Der Herr der Kirche wird uns hören. Er ist ja mitten unter uns. Er spricht zu uns durch sein Wort. Er kommt in Brot und Wein zu uns und geht mit uns in jedes neue Kirchenjahr, in jeden neuen Tag. Vertrauen wir uns ihm an. Sprechen wir miteinander und zu ihm von unseren Träumen und Wünschen, auch von unseren Enttäuschungen. Lassen wir uns rufen und berufen. Hören wir auf das Wort, das der Herr uns zu sagen hat, antworten wir ihm mit unserem Gebet und durch Werke der Liebe an unserem Nächsten. Halten wir den Kontakt mit den anderen Christen und mit dem Herrn, zum Beispiel durch den Besuch des Gottesdienstes, der Bibelstunden oder anderer Veranstaltungen im Leben seiner Gemeinde. Dann werden wir merken, dass wir nicht allein sind, wir entdecken Gleichgesinnte, finden neue Freunde. So wird der Leib erbaut. Vertrauen wir darauf, dass wir dabei immer wieder die Mitte finden von der wir alles bekommen, was wir brauchen: die nötige Fürsorge, Mut und Kraft zum Dienst am Nächsten. Dann werden wir auch den Mut finden zum Widerstand,  „damit wir nicht mehr“ - wie Paulus schreibt -  „unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch das trügerische Würfeln der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen.“  In der letzten Zeit wurde ja immer wieder öffentlich daran erinnert, dass wir ein christliches Land mit christlich-jüdischen Wurzeln seien. Leider merkt man davon im öffentlichen Leben wenig. Mir machen dabei andere Religionen weniger Sorgen als die Gleichgültigkeit vieler Mitmenschen, die doch irgendwann einmal in ihrem Leben getauft wurden und – wenigstens vorläufig noch – ihre Kirchensteuer bezahlen. Mir macht unsere eigene Gleichgültigkeit viel mehr Angst, durch die wir zulassen, dass beispielsweise der Sonntag immer wieder und immer häufiger zum Werktag degradiert wird oder der christliche Bezug aus dem öffentlichen Bewusstsein klammheimlich ausradiert wird, zum Beispiel indem man aus Weihnachtsmärkten Wintermärkte und aus Ostermärkten Frühlingsfeste macht oder wenn einfallsreiche Tourismusmanager Gipfelkreuze aus Hochglanzbroschüren retuschieren lassen, weil sich möglicherweise die Touristen aus nichtchristlichen Ländern an diesem Anblick stören könnten. Mir macht Angst, dass  die Sorge um ein Verlustgeschäft  größer ist als die Treue zum eigenen Glauben. Deshalb brauchen wir den Geist Christi in unserer Mitte. Wir brauchen ein Pfingstfest in unseren Herzen. Wir brauchen den Heiligen Geist, der die Gleichgültigkeit und die Angst aus unseren Herzen bläst, damit wir den Mund aufmachen und unseren Glauben bekennen. Wir können es getrost tun. Christus hat versprochen, für seine Kirche zu sorgen. Die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwinden, sagt er. Er sorgt für uns, er entlastet, wenn wir meinen, das uns zu viel zugemutet wird, er tröstet, wo wir allein überfordert sind und er vergibt, wo wir Liebe schuldig bleiben. Dafür können wir ihm danken. Auch so wächst die Kirche. Sie wächst durch den Dank, durch das Gebet und durch den Glauben, der sich ausspricht. Amen.

 ©  Stefan Köttig, Altenstein, 21.5.2018   


Zwei ungleiche Brüder – der natürliche und der geistliche Mensch und die eine Hoffnung.         Predigt über 1.Korinther 2,12-16 an Pfingstsonntag in Altenstein (20.5.2018) 

 

Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt ist. Und davon reden wir auch nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen. Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden. Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt. Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen«? (Jesaja 40,13) Wir aber haben Christi Sinn.   

Lutherbibel 2017,  hg. v. d. Dt. Bibelgesellschaft Stuttgart

 

Da war eine verwitterte alte Tafel auf dem Weg. Die Buchstaben nur noch schwer zu entziffern – ausgebleicht von der Sonne, verwaschen vom Regen. Nur mit viel Mühe konnte man lesen, was dort stand: „Ich komm - weiß nit, woher. / Ich geh - weiß nit, wohin. / Mich wundert, dass ich fröhlich bin.“  Das ist ein bitteres Resümee. Wer nicht weiß, wo er herkommt und wohin sein Lebensweg führt, ist wie eine Feder im Wind: hilflos und haltlos, ausgeliefert einer unbestimmten Macht. Widerstand ist zwecklos. Im Gesangbuch habe ich diesen Spruch wiedergefunden, zusammen mit einem Namen darunter: Martinus von Biberach. Er starb Ende des 14. Jahrhunderts. Dass der Spruch wirklich von ihm kommt, wird heute angezweifelt. Wer auch immer das gesagt hatte, wunderte sich, warum er immer noch fröhlich ist – mitten in einer Welt, in der einem das Lachen vergehen kann, weil nichts wirklich sicher ist – mit einer Ausnahme: dass wir sterben müssen. Und viele wundern sich mit ihm, bis heute. Eigentlich ist das die Weltsicht vieler Menschen von heute. Sie fragen sich: wie kann man, den Tod vor Augen, fröhlich sein? Wie kann man Freude haben an dieser Welt, wenn man nur eines sicher weiß: dass man am Ende nicht mehr da sein wird. Ein anderer Martinus hat sich an diesem pessimistischen Lebenswort gestört und es umgedichtet. Ich meine den Wittenberger Reformator, Doktor Martinus Luther. Er schreibt: „Ich komm – weiß wohl, woher. / Ich geh – weiß wohl, wohin. / Mich wundert, dass ich traurig bin.

 

Da stehen sich unterschiedliche Auffassungen vom menschlichen Dasein gegenüber – wie sich Geschwister gegenüberstehen, die unterschiedlicher nicht sein können, obwohl sie doch aus einem Elternhaus kommen. Ich möchte diese Geschwister unterscheiden. Dazu soll mir Paulus helfen. Ich nenne die einen „die natürlichen Menschen“ und die anderen die „geistlichen Menschen.“ Die natürlichen Menschen glauben nur an die Gesetze der Natur, was sie sehen, was sie verstehen. Deshalb wollen sie alles erforschen. Vom Glauben halten sie nichts. „Glauben heißt nicht wissen“, sagen sie. Für die natürlichen Menschen zählen nur Fakten, die sich belegen lassen. Sie möchten allem auf den Grund gehen. Alles, was nicht logisch ist, was sich nicht mit Hilfe von Formeln und Gleichungen erklären lässt, ist unglaubwürdig – also des Glaubens nicht wert. Über Martin Luther können sie nur den Kopf schütteln, Woher nimmt er sich das Recht zu sagen: „Ich komm, weiß wohl woher. / Ich geh, weiß wohl wohin….“  Da geht es um ein Wissen, dass den natürlichen Menschen nicht zugänglich ist, dass sich nicht auf dem Weg der Vernunft erschließen lasst. Dieses Wissen umdie gute Hand Gottes, aus der ich mein Leben empfangen habe und die mich am Ende wieder aufnimmt, kann ich nicht mit meiner Denkleistung erwerben. Dieses Wissen um die gute Hand Gottes kann ich mir nur schenken lassen von Gott, der mich anspricht und mir verrät, woher ich komme und wohin ich gehe.  

 

Für den geistlichen Menschen sind Glaube und Wissen keine Gegensätze sind. Glaube und Wissen ergänzen sich. „Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern  den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist ...hat Paulus lange vor Martin Luther und Martinus von Biberach geschrieben. In seinem ersten Brief an die Korinther. Der Geist der Welt hält sich an Fakten, erforscht Hintergründe und Zusammenhänge seiner Heimat – der vergänglichen Welt. Der Geist der Welt stößt an seine Grenzen. Wer sich vom Geist der Welt beraten lässt, wird nicht weiterkommen, wenn er Antwort sucht nach dem Woher und Wohin seines Daseins. Er wird enttäuscht sein und am Ende zugeben müssen, dass er nichts weiß. Dieses Wissen um die Herkunft und seine Heimat kann sich der Mensch nur schenken lassen – von Gott selbst. Wo dieses Wissen, Hoffen und Vertrauen seinen Weg in das Herz der Menschen findet, geschieht ein Wunder, ein Pfingstwunder. Weil die Menschen die Welt mit anderen Augen wahrnehmen. Aus dem natürlichen Mensch ein geistlicher. Er nimmt die Welt anders wahr. Er lernt zu Staunen – über die Schönheit eines Sonnenaufgangs oder den Gesang einer Amsel am Morgen. Der geistliche Mensch entdeckt in den Gesetzmäßigkeiten der Natur die Handschrift Gottes und staunt darüber. Die Welt ist nicht mehr der gottverlassene Ort der Angst. Die Welt ist heimgesucht worden. Gott selbst hat die Welt besucht. Er ist Mensch geworden, um den Menschen dieses große Geheimnis seines Weges zu offenbaren.  Jesus hat uns gezeigt, wie diese „weise“ Leben nach Gottes Willen aussieht. Es schöpft seine Kraft aus dem Vertrauen. Es ist ein Leben in der fröhlichen Hoffnung, die dem Tod standhält.  Es ist ein Leben, das seine Kraft  nicht aus den Quellen menschlicher Vernunft schöpft, sondern aus dem Vertrauen auf die Nähe des Vaters. Dieses Vertrauen schenkt Mut. Lebensmut und Lebensfreude.  

 

Die Weisheit der Kinder Gottes wächst aus dem Vertrauen auf Gottes Nähe. Ihr Zeichen ist das Kreuz - das nun kein Zeichen der Niederlage und des Scheiterns mehr ist, sondern der Ort, an dem grenzenloses Vertrauen nicht enttäuscht sondern vollendet wurde. Das Kreuz erinnert daran, dass Gott die Hand nicht vom Menschen zurückzieht, den Menschen nicht allein lässt, wenn er am einsamsten ist: in der Stunde des Todes, in der die Datenbank meines Lebens gelöscht wird, in dem all mein Können, Wissen und alle meine Fähigkeiten vom Tod überschrieben werden. Das Kreuz erinnert daran, dass Gott den Menschen trägt, wenn er allein nicht mehr weiterkommt, dass er den Menschen ans Ziel bringt. Wer in diesem Vertrauen lebt, hat keinen Grund traurig zu sein. Er weiss um sein Woher und Wohin, er weiss um seine Heimat bei Gott. 

 

Ich komm - weiß wohl, woher. / Ich geh - weiß wohl, wohin./ Mich wundert, dass ich traurig bin... hat Martin Luther vor fünfhundert Jahren den Zweiflern und Skeptikern geschrieben. Das kann einer nur sagen, den Gott ins Herz geschrieben hat, was er glauben kann. In diesem Vertrauen lebt sich’s gut und gelassen. Ich bin sicher: Martin Luther hätte dieses Vertrauen um kein Wissen der Welt mehr eintauschen wollen. „Wir haben Christi Sinn!“ schreibt der Apostel zum guten Schluss an die Korinther. Deshalb kann das Leben nicht sinnlos sein. Christus kommt zu uns, nimmt uns an als Schwestern und Brüder und bringt uns ans Ziel – zu Gott, bei dem wir Wohnrecht haben. Es braucht wohl immer wieder den Geist Gottes, damit uns das klar wird, damit uns die Augen für dieses Geheimnis aufgehen. Vielleicht braucht es immer wieder ein kleines Pfingstfest in unserem Leben, einen Anstoß von oben, damit wir aufleben, weil uns -  buchstäblich von oben her -  wieder einfällt, was wir vergessen haben: dass wir Kinder Gottes sind, beschenkt mit seinem Geist und getragen von seiner Liebe. Amen.

©  Stefan Köttig, Altenstein, 20.5.2018     

 



Gottes Schreibarbeit am offenen Herzen. Predigt über Jeremia 31,31-34 am Sonntag Exaudi 


Noch eine Woche bis Pfingsten. Das klingt wie eine Durchhalteparole für Schüler, Eltern und Lehrer. Noch eine Woche, dann sind Ferien! Endlich! Diese beiden Wochen sind für viele so etwas wie ein Vorgeschmack auf die großen Ferien. Es riecht bereits nach Sommer, Sonne, Urlaub. Viele fahren oder fliegen über Pfingsten in den Süden. Und wer Zuhause bleibt kann immerhin noch ins Schwimmbad gehen und die lauen Abende genießen, sofern das Wetter mitspielt. Es ist doch eine Jahreszeit mit mediterraner Note, die Zeit rund um das Pfingstfest. Der Großteil des Schuljahres scheint bewältigt. Aber halt, der Schein trügt: nach diesen beiden Ferienwochen wird nochmal so richtig geklotzt: Schulaufgaben, Proben, vielleicht sogar Schulabschlussprüfungen - Quali oder Mittlere Reife. Von wegen Freiheit. Das Ziel ist noch nicht erreicht - und dennoch freuen wir uns auf die freien Tage, die bald vor uns liegen.

 

Von einer neuen Zeit, einer schönen, freundlichen und hellen Zeit spricht auch der Prophet Jeremia. Vielleicht hat er sie ebenso sehnsuchtsvoll erwartet, wie wir uns nach Urlaub und Ferien sehnen. Gott kündigt diese Zeit für sein Volk an, das bittere Zeiten durchstehen musste - Zeiten des Kriegs, Zeiten der Entfremdung, Zeiten der Entzweiung mit Gott. Wie mag das Volk Gottes diese Prophetenworte aufgenommen haben?

 

„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ (Lutherbibel 2017, herausgegeben von der Dt. Bibelgesellschaft Stuttgart)

 

Eine neue, heilvolle Zeit wird dem Volk Israel versprochen. Eine Zeit, nach der man sich nur voll Sehnsucht ausstrecken kann. Eine Zeit des Neuanfangs. Einen neuen Bund will Gott mit seinem Volk schließen. Das Alte soll nicht mehr zwischen ihnen stehen: die Entfremdung, die Untreue, die Wortbrüche und Gottes Enttäuschung, sein Zorn und die Konsequenzen für das Volk. Die neue Zeit soll von einem neuen Vertrauensverhältnis zwischen Gott und seinem Volk geprägt sein. Gott will sein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben - gemeint sind die Kinder Israels, gemeint ist Gottes Volk. Gottes Wille und seine Gebote werden dem Volk in Fleisch und Blut übergehen. Die Gesetze bekommen eine neue Wertigkeit, ein neues Gewicht im Glauben und im Leben der Menschen. 

 

Mit Gesetzen und Geboten ist das so eine Sache. Sie haben in der Regel einen negativen, einen zwanghaften Beigeschmack. Wie ein Schatten liegt auf den Gesetzen die Androhung der Strafe für Verstöße dagegen. Wir kennen das auch in unserem Alltag. Jeder von uns akzeptiert die Straßenverkehrsordnung. Nicht immer halten wir uns daran. Wenn die Tachonadel die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit auf der Straße überschreitet, dann kann das teuer werden. Wir wissen das. Ich weiß das. Aber wenn die Zeit drängt, dann hofft man, dass gerade heute kein „Starenkasten“ aufgebaut ist, dass gerade heute keine Radarfalle auf Beute wartet. Ich weiß, wenn es blitzt, wird es teuer. Und deshalb sitzt mir neben der Angst auch das schlechte Gewissen im Nacken, wenn der Fuß auf dem Gaspedal bleibt. Es ist nicht richtig, was du tust, sagt mir mein Gewissen.

 

Geboten gehorcht man also in der Regel eher zähneknirschend. Man hält sich dran, weil man nicht bestraft werden will. Auch mit den Zehn Geboten der Bibel ist das so eine Sache. Auch die sind sinnvoll. Sie helfen zu einem guten Leben. Sie wollen Leben schützen, Beziehungen schützen, Verhältnisse regulieren: den Umgang mit Gott, mit den Eltern, mit dem Nächsten, mit dem Ehepartner. Aber es sind Gebote.  Wenn man sie umgeht oder bricht, hat man ein schlechtes Gewissen. Trotzdem geschieht’s. Wird mich Gott dafür strafen? Ist der Gott, an den wir glauben, wirklich ein Gott, der die guten belohnt und die Sünder bestraft?

 

In der neuen Zeit, von der Jeremia spricht, ist alles anders. Da will Gott sein Gesetz in das Herz und in den Sinn der Menschen schreiben. Es ist also keine Macht mehr, die von außen an mich herangetragen wird, die mehr oder weniger drohend über mir schwebt wie ein Schwert und mir buchstäblich etwas auferlegt, eine Last auflegt. Es ist ein Impuls in mir, der mir in Fleisch und Blut übergegangen ist. Ich mussdann nicht mehr die Gebote halten. Ich willsie halten. Ich beginne, sie zu lieben. Es kommt mir dann gar nicht in den Sinn, etwas anderes zu wollen, als das, was Gott will. Eine wahrhaft phantastische oder sollte man sagen, eine utopische Aussicht?

 

Wie sieht das Gesetz eigentlich aus, das Gott in mein Herz legt? Wie hört es sich an, was mir Gott in den Sinn schreibt? Vielleicht klingen sie wie die Worte, mit denen Jesus die Bergpredigt beginnt? Ich meine Seligpreisungen Jesu. Der Unterschied zu den Geboten und Gesetzen der Bibel besteht darin, dass hier nicht gesagt wird: du sollst nicht, du darfst nicht oder du musst…. Sondern es wird gesagt: selig ist, wer dies oder jenes macht. Jesus sagt also nicht: Du musst Sanftmütig sein, damit du das Erdreich besitzt, du musst Frieden stiften, damit du ein Kind Gottes wirst oder du musst reinen Herzens sein, damit du Gott schauen kannst. Sondern er sagt: Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen, glücklich preisen können sich die Friedfertigen, denn sie werden Kinder Gottes heißen, selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen. Was für ein Unterschied. Ich denke, so sieht das aus, wenn Gottes Gebote in mein Herz geschrieben, wenn Gottes Wille mir in Fleisch und Blut übergegangen ist. Dann werde ich wahrlich Kind Gottes sein und alles andere geht daraus hervor. Im Reich Gottes werden wir sein, wie die glücklichen, die seligen Kinder. Ein Kind, das keine Schläge fürchten muss, kann vertrauen, restlos und ohne Vorbehalte. Ein Kind, das keine Schläge fürchten muss, braucht die Arme nicht schützend vor das Gesicht zu halten, es kann die Arme voll Verlangen nach dem Vater ausstrecken. Es kommt gar nicht auf die Idee, dass vom Vater Gewalt ausgeht. Die Seligpreisungen sind die Maßstäbe, die im Reich Gottes gelten, wenn sich Gottes Reich, wenn sich das Himmelreich durchsetzt und die alten Gebote ablöst. Sie beschreiben das Leben im Reich Gottes, in dem die Menschen von Gottes Willen erfüllt sind, in dem längst geschehen ist, was Jeremia von dieser Zeit des Heils schreibt: wenn Gottes Gesetz ins Herz der Menschen geschrieben ist, wenn Gottes Wille in Fleisch und Blut, in Geist und Sinn übergegangen ist. Ach ja, möchte man seufzen, wann wird das nur sein? Jeremia beschreibt eine Zeit, die noch aussteht, die noch kommen soll. Eine Zeit, nach der wir uns zu Recht sehnen. Es ist die Zeit des Lebens in der Fülle des Heils.

 

Jesus sagt: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe. Kehrt um, denn Gottes Reich ist im Anbruch.“ Kehrt um zu Gott, damit geschehen kann, was Jeremia angekündigt hat. Es wird eine Zeit sein, sagt Gott, in der sich die Menschen nicht mehr in gegenseitigen Belehrungen und durch Besserwisserei übertrumpfen wollen, in der es auch keine Bevormundung mehr gibt. „Es wird eine Zeit sein, in der nicht mehr einer zum andern sagen wird. ‚Erkenne den Herrn‘, sondern indem sie mich alle erkennen, beide, klein und groß“ sagt Gott durch Jeremia. Gott erkennen, das bedeutet, ihn zu sehen, wie er wirklich ist. Gott ist einer, den ich liebe und ehre, weil ich erfahre, wie er wirklich ist: gnädig und barmherzig. „…denn ich will ihnen ihrer Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken“ spricht der Herr.  Die Menschen erkennen Gott, wie er ist, weil die Sünde nicht mehr zwischen ihnen steht, die den Blick auf Gott verstellt, die Angst und Misstrauen ins Herz sät, die ein schlechtes Gewissen macht, die Quelle vergiftet, aus der ich schöpfe. Wir glauben, dass Jesus Christus den Durchbruch erwirkt hat, er hat den Weg freigemacht, dass Gottes Gesetz in unser Herz geschrieben werden kann. Er hat den Weg freigemacht, indem er die Konsequenzen für alle Sünde, alle Schuld auf sich genommen und am Kreuz ausgestanden hat, alles, was uns noch hindert, was den Zugang blockiert. Zu schön, um wahr zu sein? Warum ist sie immer noch da, die Angst, das Misstrauen, die Furcht in mir? Warum brodelt das Misstrauen, wenn auch gut verborgen unter der Fassade des frommen Christenmenschen? 

 

In einer Woche ist Pfingsten. Das ist das Fest des Heiligen Geistes. Gott sendet seinen Tröster und Beistand, der ermahnt und ermutigt. Er sendet ihn zu den Jüngern. Die Pfingstgeschichte erzählt davon, wie sich für einen Moment lang das einstellt, was wir ersehnen. Einen Moment lang sind die Grenzen und Barrieren des Verstehens aufgehoben. In Jerusalem geschieht das. Als die Jünger zu sprechen beginnen und von allen verstanden werden. Jeder hört, was sie sagen, jeder versteht sie, jeder in seiner Sprache. Die Zeit, von der Jeremia spricht, ist erst noch im Anbruch. Der Heilige Geist hat mit der Schreibarbeit am offenen Herzen seiner Gläubigen begonnen. Die neue Zeit ist im Anbruch, so wie der neue Tag sich mit dem Morgenlicht ankündigt, so wie die Vögel im Morgengrauen den neuen Tag begrüßen, so spüren wir die Hoffnung, die Sehnsucht, das Verlangen nach dieser Zeit. Wir sehnen sie herbei. 

 

Vielleicht können wir uns auch auf sie freuen, so wie wir uns auf die Ferien freuen. Diese Vorfreude ist auch so ein kleiner Vorgeschmack, der uns ahnen lässt, wie großartig die Zeit des erfüllten, des heilvollen, des von Sorgen und Ängsten befreiten Lebens sein muss, die uns der Prophet ankündigt: die Zeit, in der wir mit Gott einig sind, in der sein Wille und sein Gesetz uns in Herz und Sinn gegeben ist. Eine Zeit, nach der wir Sehnsucht haben. „Komm, heiliger Geist“ werden wir an Pfingsten singen. „Komm und erfülle die Herzen deiner Gläubigen“ damit wir eins werden mit Gottes Willen, damit sie kommen kann, diese Zeit der Freude. Amen.

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 13.5.2018



Ein himmlisches Grußwort - Predigt über Offenbarung 1,4-8 an Christi Himmelfahrt 

 Johannes an die sieben Gemeinden in der Provinz Asia: Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt, und von den sieben Geistern, die vor seinem Thron sind,  und von Jesus Christus, welcher ist der treue Zeuge, der Erstgeborene von den Toten und Fürst der Könige auf Erden! Ihm, der uns liebt und uns erlöst hat von unsern Sünden mit seinem Blut  und uns zu einem Königreich gemacht hat, zu Priestern vor Gott und seinem Vater, dem sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.  Siehe, er kommt mit den Wolken, und es werden ihn sehen alle Augen und alle, die ihn durchbohrt haben, und es werden wehklagen um seinetwillen alle Stämme der Erde. Ja, Amen.  Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige.

 

Freuen sie sich auch über eine Ansichtskarte? Sie hat schon etwas liebevoll altmodisches, heute in Zeiten von WhatsApp und Twitter. Warum noch eine Postkarte schreiben, wenn man die Nachricht  vom Strandcafé  aus gleich ins Handy tippen und versenden kann? Eine Postkarte braucht Tage, manchmal auch Wochen, je nachdem, wie groß die Entfernung ist, die sie zurücklegen muss und je nachdem, wie zuverlässig die Zusteller arbeiten. Vielleicht freut uns so eine Karte, weil  sie von Hand geschrieben ist?  Wer eine Ansichtskarte schreibt, sucht erst einmal eine mit einem schönen Motiv aus. Dann setzt er sich hin und schreibt. Und weil auf einer Postkarte wenig Platz für Text ist, muss man sich auf das Nötigste beschränken: was will ich schreiben? Was soll der Leser unbedingt erfahren? Nun gut, ich möchte nicht zu viel Zeit verwenden, um über Post - und Ansichtskarten nachzudenken. Ich möchte über einen Gruß sprechen, der uns aus einer zeitlichen Distanz von gut zweitausend Jahren erreicht und in knappen Worten, gewissermaßen im Postkartenformat, eine unglaubliche Botschaft für uns bereit hält.

 

Der Seher Johannes sendet uns keine Urlaubsgrüße von einer Ferieninsel. Gewiss nicht. Er befindet sich auf Patmos - einer kleinen Insel in der Ägäis, weil man ihn dorthin verbannt hat. Die Offenbarung des Johannes, die dort entstanden ist, ist ein schwer lesbares Buch. Nicht immer mit erfreulichem Inhalt. Vieles darin macht mir Angst oder es gibt Rätsel auf. Die ersten Zeilen aber, über die wir heute nachdenken, sind Grüße. Johannes schreibt sie im Auftrag von Jesus. Sie gelten den sieben Gemeinden in der Provinz Asia - damit ist nicht der uns bekannte Kontinent gemeint, sondern eine römische Provinz mit der Hauptstadt Ephesus im westlichen Kleinasien. Sind wir also gar nicht angesprochen? Ich denke schon. Vielleicht stehen die sieben Gemeinden stellvertretend für alle christlichen Gemeinden, für die Kirche in der Welt, in der wir leben und manchmal auch leiden. Diese wenigen Worte zu Beginn der Offenbarung sollen uns Mut machen, am Glauben festzuhalten, Jesus als den Herrn zu bekennen und den lieb zu gewinnen, von dem die Nachricht kommt, die wir heute hören.

 

Wer freut sich nicht, wenn ihm jemand Gutes wünscht?Gnade und Friede von Gott und seinem Sohn Jesus Christus und von den sieben Geistern, die vor Gottes Thron stehen - diese Segenswünsche erreichen uns heute. Vielleicht deutet sich hier schon das Geheimnis unseres christlichen Glaubens an, dass Gott, Jesus und Gottes Geist untrennbar zusammen gehören. Über die Sieben Geister, die hier erwähnt werden, kann man, glaube ich, ganze Bücher voll schreiben. Handelt sich um geheimnisvolle Engelswesen, die vor Gottes Thron stehen? Welche Rolle spielt die Zahl Sieben? Ist das nicht die Zahl der Vollkommenheit? Vielleicht stehen die Sieben Geister für Gottes Geist in seiner ganzen Fülle. So versucht sich die Stuttgarter Erklärungsbibel diese Stelle zu erklären. Es ist hier auch nicht einfach nur von Gott die Rede, sondern von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Es ist der Gott der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, der Zeit und Ewigkeit in Händen hält, der sich heute an uns wendet.  Es ist der Gott, der sich klein gemacht hat, der Mensch geworden ist in Jesus Christus und der uns den Tröster sendet, den Heiligen Geist. Dieser gewaltige unvergleichbare und nicht beschreibbare Gott meint es gut mit uns. Gnade und Frieden wünscht er uns. Aber was hat das eigentlich mit dem Fest zu tun, das wir heute feiern, mit Christi Himmelfahrt?

 

Himmelfahrt bedeutet, dass Jesus zu Gott gegangen ist.  Nach seiner Auferstehung hat er sich noch vierzig Tage sehen lassen. In dieser Zeit konnte mit den Jüngern noch Wichtiges geklärt und besprochen werden. Schließlich erhalten sie den Auftrag, das Evangelium in die Welt zu tragen. Dafür sollen sie ausgerüstet werden mit der Kraft von oben. Dann wurde Jesus ihren Blicken entzogen. Eine Wolke hat ihn aufgenommen, lesen wir in der Bibel.  Früher hat man in der Kirche die Osterkerze deshalb nur in den Wochen zwischen Ostern und Christi Himmelfahrt zum Gottesdienst angezündet. In der restlichen Zeit des Jahres blieb sie erloschen neben dem Altar stehen, um damit deutlich zu machen: Christus ist dorthin zurück gekehrt, wo er herkam. Wir sehen ihn jetzt nicht mehr mit den Augen, wir können ihn nur noch im Glauben mit dem Herzen wahrnehmen. Er hat jetzt Anteil an der Allmacht und Allgegenwart Gottes und ist unter uns in der Kraft seines Geistes gegenwärtig. 

 

Wenn also in unserem Abschnitt von Gott die Rede ist, ist immer dieser drei-eine gemeint, der da ist und der da war und der da kommt - und der uns in Christus freundlich zugewandt ist. Dieser drei - eine Gott lässt uns eine Nachricht zukommen, aufgeschrieben von dem Seher Johannes - eine gute Nachricht, die uns froh stimmt. Genauer gesagt sind es  eine ganze Reihe Nachrichten, die uns Mut machen und helfen sollen, unserem Glauben in dieser Welt zu bekennen:

 

Wir sollen Christus treu bleiben, weil er uns liebt. Wir sind Könige und Priester, das heißt,  wir sind mit einer besonderen Würde ausgestattet. Ihm allein, der uns zu Königen und Priestern macht, sollen wir dienen und ihm allein gehören wir. Er hat die Gewalt, die Macht und die Herrlichkeit. In einem Himmelfahrtslied heißt es deshalb: Jesus Christus herrscht als König, / alles wird ihm untertänig, alles legt ihm Gott zu Fuß. / Alle Zunge soll bekennen, / Jesus ist der Herr zu nennen, dem man Ehre geben muss.“ (EG 123) Und dieser Herr, dem man Ehre geben muss, wird wieder kommen. 

 

Heute erfahren wir: der an der Machtfülle Gottes  teilhat, dem alles untertan ist, der liebt uns - ohne Wenn und Aber. Deshalb ist er in die Welt gekommen. Er hat alles auf sich genommen, was dieser Liebe entgegen steht. Dass Gott uns gnädig ist, dass er uns seinen Frieden zuspricht, verdanken wir ihm allein, dem Sohn. „Nur ihm ihm, o Wundergaben, / können wir Erlösung haben, / die Erlösung durch sein Blut. / Hört’s: das Leben ist erschienen und ein ewiges Versöhnen / kommt in Jesus uns zugut“ heißt es deshalb auch in dem von mir erwähnten Lied.

 

Weil er uns liebt, will er uns in seiner Nähe haben. Deshalb hat uns der Auferstandene zu Königen und zu Priestern vor Gott gemacht. Könige sind gekrönte Häupter. Menschen mit einer besonderen Würde. In biblischen Zeiten nannte man die Könige neben den Propheten und Priestern die Gesalbten des Herrn. Ein Gesalbter war unantastbar. Durch die Salbung hat Gott seine Hand auf diesen Menschen gelegt und einen besonderen Anspruch auf ihn erhoben. Als Priester werden Menschen bezeichnet, die aufgrund ihrer Berufung und Beauftragung unmittelbar vor Gott stehen und ihm dienen, auch sie gehören als Gesalbte Gott mit Leib und Seele. Nur die Priester durften im alten Israel in das Innere des Tempels gehen, um Gott die vorgeschriebenen Opfer zu bringen. Wir haben also eine besondere Würde. Sie wird uns durch die Taufe verliehen. Wir sind Priester Gottes. Wir sind Königskinder. Wir sind Gottes Kinder. Wir dürfen im Gebet vor Gott hintreten, so wie wir sind. Wir dürfen und sollen mit ihm sprechen, so wie Mose mit Gott gesprochen hat: wie mit einem Freund. Gott, den die Himmel nicht fassen, Gott, der da war und der da ist und der da kommt, der hat uns ins Herz geschlossen. Er wendet sich uns freundlich zu. Das ist Gnade. Er wartet darauf, dass auch wir uns ihm zuwenden und dass wir ihn in unser Leben herein lassen. Das ist der Friede, der in unseren Herzen wohnen will. Der Friede, von dem hier die Rede ist, bedeutet mehr als nur ein Schweigen der Waffen. Der Friede, den Gott uns schenkt, hat mit Heilung zu tun, mit Heilwerden und mit Versöhnung. Ich glaube, dass mit dem Frieden das versöhnte Leben in der Gemeinschaft mit Gott gemeint ist. Das Leben, das uns in seinem Reich in Fülle geschenkt werden soll. Es keimt in unseren Herzen auf, wenn Gott darin wohnen darf, wenn wir ihm die Tür öffnen. Wenn wir die Friedensbotschaft annehmen, die uns heute zugestellt wird.

 

Schließlich hören wir heute, dass er wieder kommt, der vor den Augen der Jünger in den Himmel aufgefahren ist. Er kommt wieder, um all das durchzusetzen, zu erfüllen, was hier angesprochen wurde. Was jetzt noch nicht möglich ist, soll einmal wieder geschehen: „…es sollen ihn sehen alle Augen“ schreibt Johannes … „und es werden wehklagen um seinetwillen alle Stämme der Erde!“ Also doch eine Drohung? Es geht hier aber nicht um Vergeltung. Es geht nicht um Bestrafung oder Genugtuung. Die Worte, die wir heute hören, aber auch die anderen, die Johannes schreibt, sind an die sieben Gemeinden gerichtet, an die Kirche in der Welt. Die hat einen schweren Stand in der Welt. In den sieben Sendschreiben wird das reichlich entfaltet: Anfechtungen, Anfeindungen aber auch Oberflächlichkeit und Desinteresse, damit müssen sich die Christen bis heute auseinander setzen. In dieser Zeit der Bewährung sollen sie durchhalten, sollen sie am Glauben festhalten. Die Bedrängnis wird ein Ende haben. Auch wir sollen festhalten am Glauben. Wir müssen keine Verfolgung fürchten. Infrage wird unser Glaube aber jeden Tag gestellt. Ich denke, unser Feind ist die Gleichgültigkeit und die Vergesslichkeit. Wir vergessen, was Jesus für uns getan hat. Wir vergessen, warum uns Gott und der ganze himmlische Hofstaat gewogen sind. Wir vergessen es, weil wir im Grunde gar nicht mehr so recht daran glauben, dass es ihn wirklich gibt, den Himmel. Wir haben uns eingerichtet in dieser Welt,  wir versuchen, es uns in dieser Welt auch ohne Gott gemütlich machen, wir versuchen uns, das endliche Leben schön zu reden.  AlsMahnung an uns soll  deshalb noch einmal der Dichter des mehrfach genannten Liedes zu Wort kommen, Philipp Friedrich Hiller: „Gebt, ihr Sünder, ihm die Herzen, / klagt, ihr Kranken, ihm die Schmerzen / sagt, ihr Armen, ihm die Not. / Wunden müssen Wunden heilen, / Heilsöl weiß er auszuteilen, / Reichtum schenkt er nach dem Tod.“ Es ist kein billiger Glaube, auf den wir getauft sind. Er fordert Bewährung in dieser Welt. Wer den Glauben bekennt, muss mit Widerspruch rechnen. „Zwar auch Kreuz drückt Christi Glieder / hier auf kurze Zeiten nieder, / und das Leiden geht zuvor. / Nur Geduld, es folgen Freuden, / nichts kann sie von Jesus scheiden, / und ihr Haupt zieht sie empor.“ Das ist die gute Nachricht, die wir heute hören - trotz Anfechtung, trotz  Widerspruch und trotz der  verlockenden Alternativen, die uns die Welt bietet. Jesus schreibt uns heute: Es lohnt sich, festzuhalten bei dem, was uns gelehrt wurde, auch, wenn das nicht immer leicht fällt. Denn das kurze Grußwort, die himmlische Postkarte, trägt eine gewaltige Unterschrift. Gott selbst setzt sein Amen unter diese Worte. Amen bedeutet: das, was euch geschrieben wurde, ist wahr und gewiss. Es wird geschehen. Die Engel haben es den Jüngern gesagt, als Christus von ihnen schied: „Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.“ (Apg. 1,11) Und er wird vollenden, was er begonnen hat - sein Werk der Rettung. Deshalb, seid guten Mutes und haltet fest am Glauben. Und freut euch. Der, von dem diese himmlische Botschaft kommt, meint es gut mit euch. Deshalb hat er euch geschrieben. Amen. 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 10.5.2018



Von der Notwendigkeit des Gebets. Predigt über Kolosser  4,2-6 am Sonntag Rogate  

Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! Betet zugleich auch für uns, auf dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir vom Geheimnis Christi reden können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, auf dass ich es so offenbar mache, wie ich es soll. Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind, und kauft die Zeit aus.  Eure Rede sei allezeit wohlklingend und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt. (Lutherbibel 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft)

 

„Wie ein Schuster einen Schuh macht und ein Schneider einen Rock, also soll ein Christ beten. Eines Christen Handwerk ist beten“Martin Luther hat das einmal gesagt. Der Reformator soll  selbst jeden Tag viel und lange und häufig auch laut  gebetet haben. Und nicht nur er. Dem Mystiker und Ordensgründer Franz von Sales wird der folgende Rat zugeschrieben: „Nimm dir jeden Tag eine halbe Stunde Zeit zum Beten, außer, wenn du viel zu tun hast, dann nimm dir eine ganze Stunde Zeit.“ Was wie ein Widerspruch klingt, ist in Wahrheit Hilfe zur Stressbewältigung. Wer diesen Rat befolgt, wird bald merken, welche ordnende Kraft das Gebet hat. Es hilft, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Es hilft, mich auf das oder genauer gesagt auf den hin auszurichten, der mein Leben und meine Zeit in Händen hält. Vielleicht hilft es mir auch, auf Dinge und Tätigkeiten zu verzichten, die mich zerstreuen, meine Zeit auffressen und mich am Ende unzufrieden über mein Tagwerk sein lassen. Ich überlege, was ich weglassen kann, damit ich Zeit zum Beten habe – und bin vielleicht erstaunt, wie viel das ist. 

 

Rogate! Betet! Diesen Aufruf hören wir heute. Er nimmt uns in die Pflicht. Die Ermahnung zum Gebet und zur Fürbitte finden wir am Ende des Briefes an die Kolosser, im Abschnitt mit den Ratschlägen, wie der christliche Glaube sich im täglichen Leben zu bewähren hat und wie er Gestalt annimmt im Alltag. Christen sollen fleißige Beter und Beterinnen sein. Christenmenschen beten, beharrlich und wachsam. Sie verschließen nicht die Augen vor der Welt. Im Gegenteil: weil sie die Welt sehen, wie sie ist, beginnen sie zu beten. Der Verfasser des Briefs - Paulus oder einer seiner Schüler - nimmt das Gebet deshalb sehr ernst. Immer wieder ist davon die Rede. Schon in den ersten Zeilen des Briefes können die Kolosser lesen, dass der Apostel für seine Gemeinde gebetet hat, damit ihr Glaube stark werde und Frucht bringe in jedem guten Werk. Und am Ende schließt der Brief mit der Bitte, dass nun auch die Gemeinde für den Apostel beten möge. Beten verbindet also – über Grenzen hinweg. 

 

Beharrlich sollen sie im Gebet sein, die Kolosser – beharrlich und wachsam. Wenn Beten das Handwerk der Christen ist, muss es gelernt und gepflegt werden. Es braucht seine Zeit und es darf seine Zeit brauchen. Das können wir vom Schuster lernen, der einen Schuh macht und vom Schneider, der einen Rock anfertigt. Gut Ding will Weile haben und gut vorbereitet sein. Beten will gelernt sein! Wie gut ich es hatte. Ich habe es von meinen Eltern gelernt, genauer gesagt – von meiner Mutter. Die hat sich mit uns Kindern ans Bett gesetzt und gebetet, abends, vor dem Einschlafen und zu anderen Zeiten des Tages. In der Schule haben wir gebetet – jeden Morgen zum Unterrichtsbeginn. Da sich unmittelbar neben der Schule, in der ich Lesen und Schreiben gelernt habe, die Kinderklinik befand, hat sich unser Blick für die Nöte der Welt bereits früh geweitet. Jeden Morgen haben wir für die kranken Kinder nebenan gebetet.  Schritt für Schritt bin ich eingeführt worden in ein tägliches Gespräch mit Gott. Wie gut ich es hatte. Und wie schwer es manche Kinder heute haben. Wenn ich in der Schule die Frage stelle, in welchen Familien Zuhause noch gebetet wird, gehen nur noch wenige Finger hoch. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sagen, dass früher alles besser war. Ich sage das nicht, weil es nicht stimmt. Trotzdem war auch nicht alles schlecht. Zum Beispiel gab es ein akkustisches Signal, das zum Gebet rief. Heute ist es höchst umstritten und Gegenstand mancher Gerichtsverhandlungen. Ich meine das Gebetsläuten von der Kirche, morgens, mittags und abends. Es gab dem Tag eine heilsame Struktur und half, sich auf Gott hin auszurichten.

 

Wenn die Glocke läutete, hat man die Arbeit unterbrochen und gebetet: um gutes Wetter, um Frieden, um das tägliche Brot. So blieb die Verbindung aufrecht erhalten zu dem, der den Menschen gibt, was sie zum Leben brauchen: gutes Wetter, Friede, ein Dach über den Kopf und das täglich Brot. Heute sind wir in der Gefahr, unser Handwerk zu verlernen: das Beten. Heute haben wir immer weniger die Möglichkeit, Zeit-Räume zum Beten zu finden, wie das für unsere Väter und Mütter noch selbstverständlich war. Heute werden wir nach Akkord bezahlt, wir arbeiten in Schichten, rund um die Uhr, unser Tages- und Lebenslauf orientiert sich nicht am Gebet, sondern am Gewinn. Kein Wunder, dass vielen heute der Sinn dafür verloren gegangen ist, warum die Glocken des nahen Kirchturms läuten und das als Störung empfinden, was den Vätern und Müttern eine Hilfe war.

 

Rogate! Betet! Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! Nicht weltfremd sind die Beter, selbst dann nicht, wenn sie zurückgezogen hinter Klostermauern leben. Wer betet, legt die Hände nicht in den Schoß. Wer betet, legt die Welt und ihre Menschen, legt sich selbst in Gottes Hand. Das Gebet der Christen trägt die Welt mit ihren Menschen, mit ihren Sorgen und Ängsten, mit ihren Höhen und Tiefen hinein in die Erinnerung Gottes. Vergiss uns nicht, Gott! Lass uns nicht allein mit unserer Angst, mit unseren Sorgen, mit unseren Problemen – und gib uns, was wir zum Leben brauchen! 

 

Wir brauchen Zeit-Räume für das Gebet. Wir brauchen Zeit und wir brauchen Räume, um unseren Handwerk nachzugehen. Deshalb hat sich Jesus zurückgezogen – immer wieder, um in Ruhe zu beten. In der Stille der Nacht oder früh am morgen hat er gebetet. Er ist dazu auf einen einsamen Berg gestiegen oder in der Wüste gegangen.  Auch bei uns gibt es Orte zu entdecken, die zum Gebet einladen. Es gilt, sie wieder zu entdecken. Selbst dort, wo das Leben pulsiert, die Hektik bedrohlich und laut ist. Man muss nur die Augen aufmachen, um sie zu finden. An Großflughäfen zum Beispiel. Dort wimmelt es zwar von eiligen und rastlosen Menschen. Aber dort gibt es auch Gebets-Orte, die jedem offenstehen. An Autobahnen gibt es sie. Autobahn-Kirchen! Sie laden zum Anhalten, zur Ruhe, zur Besinnung ein. In fast jedem Krankenhaus gibt es eine Kapelle, in die man sich zurückziehen kann, um in Ruhe nachzudenken, um sich auf einen Krankenbesuch vor-zubereiten - und manchmal auch, um zu verarbeiten, was man erlebt hat, was einem gesagt wurde, was man gesehen hat. In Fußgängerzonen der Großstädte öffnen immer mehr City-Kirchen auch wochentags ihre Pforten. Und schließlich findet sich vielleicht auch in unseren Wohnungen wieder  ein Herrgotts-Winkel, der an den einen erinnert, dem wir unser Herz ausschütten und den wir die Namen der Menschen nennen können, die uns am Herzen liegen.

 

Rogate! Betet! Wer dem Aufruf folgt, wird die heilsame Wirkung spüren. Das Gebet wird Spuren hinterlassen – auch bei den Christen. Wachsam sollen sie sein und die Zeit nützen, die ihnen geschenkt wird. Kauft die Zeit aus, schreibt der Apostel. Den Lauf der Welt sollen sie verfolgen. Dann werden sie Grund genug haben, ihrem Handwerk nachzugehen. Sie werden Grund genug haben, um zu beten, für sich selbst und für andere, für Menschen, die unsere Fürbitte nötig haben. Es gibt sie. Sie warten auf unser Gebet. Und vielleicht wartet auch Gott darauf, dass wir für sie beten. Nicht, weil er von der Not der Menschen sonst nichts wüsste. Ich glaube, die Fürbitte ist ein Ausdruck unserer Geschwisterlichkeit, ein Zeichen der Solidarität und der Liebe. Wir legen Gott ans Herz, was uns selbst am Herzen liegt, was uns berührt, was uns freut, was uns umtreibt, wir legen uns mit unserem Leben in seine Hand. Einen Menschen, für den ich bete, kann ich nicht wirklich hassen. So hilft das Gebet auch mir, dem Beter. Es hilft mir, meiner Bestimmung gemäß zu leben, es hilft mir, so zu leben, wie Gott mich geschaffen hat, als sein Ebenbild. Bereit sollen wir sein - damit wir Rede und Antwort stehen können, den Menschen, mit denen wir leben. Wir sollen einstehen für ihren Glauben. Wohlklingend und mit Salz gewürzt soll die Rede der Christen sein. Nicht herausfordernd, nicht streitlustig sollen sie sagen, was sie denken, was sie hoffen und was sie glauben. Rogate! Betet! Wir wollen das tun. Wir wollen Gott bitten, dass er uns die Lippen öffnet, damit wir der Welt sagen können, was wir glauben, was wir hoffen. Und damit wir vor Gott aussprechen können, was uns freut, wofür wir danken können und was uns belastet - wir stoßen nicht auf taube Ohren. Wir finden ein offenes Herz. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein,6.5.2018