Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigten im Monat März 2018



Fürchte dich nicht! Predigt über Offenbarung 1,17f zur Osternacht 2018

„Fürchte dich nicht / gefangen in deiner Angst / mit der du lebst…“  immer wieder muss ich an dieses Lied aus dem Gesangbuch denken, an das Lebensgefühl, das es anspricht und an den Trost, auf den es hinweist. Fürchte dich nicht, hören wir heute. So vieles gibt es, das uns Angst macht. Das ist auch ein Thema in der Passions – und Osterzeit. Wir fürchten den Tod – und wir fürchten die Schatten, die er in unser Leben hineinwirft. Und wir hören die Botschaft: Fürchte dich nicht, gefangen in deiner Angst.

Was nimmt uns denn gefangen? Das fängt doch meistens schon am Morgen an, wenn wir aufstehen. Bei mir ist das so, weil mich der Radiowecker aus dem Schlaf holt.  Ich höre Nachrichten im Bett, bei denen ich mir am liebsten die Decke über den Kopf ziehen möchte. Ich erfahre von dem schweres Busunglück bei Aschaffenburg, das der Fahrer nicht überlebt hat. Ich höre von den  Toten und Verletzten bei Kämpfen in und um Gaza. Da ist fast jeden Tag eine Meldung von der Tragödie des Bürgerkriegs in Syrien und vom Fremdenhass in unserem eigenen Land. Das macht mir zu schaffen. Und nicht nur mir. Dann begleiten uns die täglichen Sorgen in  den Alltag hinein. Da ist die miese Stimmung im Betrieb, ein Gerücht vom Verkauf der Firma macht die Runde und wirft die Frage auf, ob man vom neuen Chef übernommen wird. Da sind die Essstörungen der Tochter, die Schulprobleme des Sohnes, die schleichende Entfremdung  vom Ehe - oder Lebenspartner, das alles begleitet einen durch den Tag. Das verwandelt den Alltag in die eigene, persönliche Passionszeit, in die individuelle Leidenszeit. Wird das immer so bleiben? Vielleicht fragen wir uns das. Der Tod wirft seine Schatten ins Leben hinein. Angst und Sorge, Kummer und Leid sind seine Begleithelfer. Und dann hören wir diese Botschaft: „Fürchte dich nicht …“

Das ist der Refrain, der Kehrvers der Osterbotschaft: „Fürchte dich nicht!“ Immer wieder begegnet uns dieses Wort. „Fürchtet euch nicht!“ Mit diesen Worten nimmt der Engel den Frauen die Angst, als sie das leere Grab sehen und nicht verstehen können, was da vor ihren Augen geschieht. Und dann gibt es eine Steigerung zu „Fürchte dich nicht!“ Die heißt: „Friede sei mit euch!“ Das sagt der Auferstandene zu den Jüngern. Auch ihnen muss er zunächst die Furcht nehmen. Sie verstehen nicht, was da geschehen ist. Zu sehr sind sie noch gefangen im Bann der Angst, der Furcht vor der Zukunft, der Sorge um das eigene Leben und der Enttäuschung über die zerbrochenen Hoffnungen, die der Seele den Frieden raubt. Viele Jahre nach dem ersten Osterfest hört ein anderer Jünger ebenfalls diese Worte, diesen Refrain der Osterbotschaft. Er hätte allen Grund zur Furcht gehabt. Ich meine Johannes, den Propheten, den Visionär, dem Verfasser des letzten Buches der Bibel, der Offenbarung.

Er hätte auch allen Grund gehabt, in Furcht und Sorge zu erstarren. In Ungnade ist er gefallen, an allerhöchster Stelle vielleicht sogar. Auf eine Insel hat man ihn verbannt: Patmos. Eine kleine griechische Insel, gewiss kein Ort, an dem wir Urlaub machen würden – unwirtlich, gefährlich vielleicht, unendlich einsam. „Hier werde gewiss sterben“, wird sich Johannes gedacht haben. Verbannt wurde er, wie er schreibt, „um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen.“ Dem erscheint der Auferstandene. Eine Begegnung war das, die ihm Angst gemacht hat. Deswegen wirft er sich in den Staub der Erde, zu dem er nun wohl bald zurückkehren würde. Und mit dem Gesicht auf die Erde gepresst hört er die Worte, die ihm den Weg in das Leben zeigen: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige; ich war tot und siehe: ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle“.Dieses Wort wird uns als Wochenspruch durch das Osterfest und die österlichen Tage begleiten. Wir hören es, wenn wir die Osterkerze anzünden, wenn sich das Licht in der dunklen Kirche ausbreitet. Dann wissen wir: die Dunkelheit hat keine Macht mehr über uns, die Angst vor dem Tod, das Leid, die Trauer – sie müssen vor dem Licht zurück weichen, sie müssen vor dem zurückweichen, der selbst das Licht  der Welt ist, der Weg, die Wahrheit und das Leben.

Fürchte dich nicht!sagt Jesus heute auch zu uns, die wir immer wieder in der Furcht erstarren. Das Wort aus der Offenbarung erinnert uns daran, dass Christus, der Auferstandene uns gerade an den unwirtlichen und ungemütlichen Orten begegnet, an denen das Leben keine Freude macht, an denen Angst und Schrecken, Verzweiflung und Erschöpfung herrschen. Er kommt auf die Insel des Verbannten, der mit dem Leben abgeschlossen hat, er tritt an das Bett des Kranken, der gerade eine schlimme Diagnose verdauen muss, er steht bei den Trauernden am Grab, er begleitet uns in die Firma oder zur Schule, er steht im Pausenhof neben dem dicken Jungen,  der ständig gemobbt wird, er legt den Arm um den Familienvater, der seine Arbeitsstelle verloren hat und ist an der Seite der alleinerziehenden Mutter, die zum wiederholten Male vergeblich die Alimente einklagt. Der Auferstandene begegnet uns an den unwirtlichen, an den ungemütlichen und öden Orten – und verwandelt sie durch seine Gegenwart in Orte, an denen das Leben wieder blühen kann. Es blüht wieder auf durch sein Wort, wie die Blume aufblüht durch Licht der Sonne. „Fürchte dich nicht!“ dieses Wort bringt unser Leben zum blühen. Dieses Wort ist wie der kleine Becher, der unser Osterlicht aufnimmt und vor dem Wind schützt, dass es leuchtet kann. Dieses Osterlicht ist wie ein Gefäß, das die Hoffnung, die Freude, den Glauben, die Liebe zurück trägt in unser Leben und es erleuchtet und wärmt. „Fürchte dich nicht!“ sagt der Auferstandene. Nicht der Tod hat die Macht, sondern ich, ich habe die Schlüssel des Todes und der Hölle – und ich will dir das Tor aufschließen, damit du deinen Weg aus der Angst in das Leben gehen kannst.“

Das feiern wir in dieser Nacht, wenn alles noch dunkel und unwirtlich ist, wenn wir die Schatten fürchten, wenn wir uns einsam fühlen. Wir feiern den Anbruch der neuen Zeit, den Übergang in das Leben. Der Schlüssel steckt im Schloss, Christus hat ihn umgedreht, die Tür öffnet sich und wir können den Weg ins Leben gehen und hinter uns lassen, was uns Angst macht. Vielleicht gehen wir ihn zaghaft und furchtsam, tasten wir uns erst einmal voran, so wie die Frauen am Ostermorgen. Als ihr Herz die Botschaft erreicht hat, konnte sie nichts mehr aufhalten. Die frohe Botschaft, die sie erfahren haben, will sich mitteilen, sie will ankommen in den Herzen der Menschen, um sie zu heilen, um sie zu stärken. Sie ist angekommen – zuerst bei den Jüngern, dann bei Menschen, von denen man es am wenigsten erwartet hätte.Sie hat ihren Weg zu Johannes auf Patmos gefunden und sie wird ihren Weg zu uns finden. „Fürchte dich nicht!“an diesem Wort wollen Jesu wir unswärmen, wenn uns die Angst frösteln lässt, diesem Wort wollen wir vertrauen. Weil es das Wort ist, dass der Herr uns heute zuspricht, der  Herr, der den Tod überwunden hat. Es ist ein Wort, das uns Leben schenkt und Frieden. Amen.

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 31.3.2018



Das Kreuz! Schau hin! Predigt über Hebräer 9,15.26b-28 am Karfreitag 

 „Schau – ein Kreuz!“ Ich möchte anknüpfen an das Thema unserer ökumenischen Passionsandachten in diesem Jahr. „Schau – ein Kreuz!“ Bei diesem Aufruf sehe ich stets  ein Kind vor mir, das an der Hand seiner Mutter geht. Auf einmal entdeckt es etwas, das ihm entweder Angst macht oder die Neugierde weckt, etwas, das es vorher vielleicht noch nie gesehen hat. Mama, schau! sagt das Kind aufgeregt und zerrt am Arm der Mutter. Schau doch! Was ist das? Die Mutter soll es dem Kind erklären. Denn das Kind will verstehen, was es sieht.

Ob das mit dem Kreuz auch so ist? Verstehen wir noch, was es sagen will? Verstehen wir noch die Geschichte, die es erzählt? Oder ist es nur noch ein Schmuckstück, das man sich um den Hals hängt? Vielleicht geht es noch durch als Kennzeichen unserer Kultur. Wir sehen die Kreuze auf dem Kirchtürmen, an Wegrainen und dann natürlich auf unseren Friedhöfen. Vielleicht haben wir uns so sehr daran gewöhnt, dass es uns gar nicht mehr auffällt, das Kreuz, dass es uns nicht mehr neugierig macht. Und manchmal stört es auch, das Kreuz. Dann schauen wir weg, wenn unser Blick darauf fällt, oder wir hängen es ab.

Ich möchte heute mit Hilfe unseres Predigtwortes darüber nachdenken, weshalb das Kreuz für uns so wichtig ist, wovon es erzählt.  Unser Predigtwort steht heute im Hebräerbrief. Ein schwieriger, schwerverständlicher Text ist das, gefüllt mit Begriffen, die nicht weniger zu schaffen machen als das Kreuz.  Im Hebräerbrief lesen wir also heute, am Karfreitag die folgenden Worte:  Und darum ist Christus auch der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen. Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für alle Mal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben. Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil. (Lutherübersetzung 1984, hg. von der Deutschen Bibelgesellschaft Stuttgart)

Keine leichte Kost wird uns da heute zugemutet. Aber so ist das mit diesem Tag, mit dem Karfreitag. Es ist ein Tag der schweren Glaubenskost. Ein Tag, angefüllt mit Wörtern und Begriffen, die verstören, Angst machen oder Unverständnis auslösen. Da höre ich zunächst einmal, dass Christus der „Mittler des neuen Bundes“ ist. Und noch etwas erfahren wir: Erlösung ist durch sein eigenes Opfer geschehen. Kreuz, Mittler, Opfer, Erlösung - das sind Begriffe, mit denen wir als "Insider", die mit der religiösen Sprache und Bilderwelt noch einigermaßen vertraut sind, gerade noch so zurechtkommen. Aber fragen Sie doch einmal die Menschen außerhalb dieser heiligen Hallen, auf den Straßen und Plätzen, in den Kantinen oder Fabrikhallen, ob die noch etwas damit anfangen können? Was bedeutet es dass Christus unser Mittler ist? Warum muss er ein Opfer bringen? Wovon sollen wir denn erlöst werden? Und welche Rolle spielt das Kreuz dabei?

Ein Mittler wird eingeschaltet, wenn zwei Parteien sich entzweit haben, wenn das Zerwürfnis so groß ist, dass die Parteien nicht mehr zusammen finden. Ein Mittler soll die Brücke bauen, mit der man den Graben überwinden kann. Dann das Opfer. Das ist eine Gabe, die wehtut. Ich gebe etwas her, das für mich selbst kostbar ist und von dem ich mich nur schwer trennen kann. In Israel hat man Tiere geopfert. Sie waren kostbar. Von ihnen hat man gelebt. Ein Opfer gebe ich um wieder etwas gut zu machen. Heute hören wir, dass Christus sich für uns opfert. Er gibt sein Leben her, damit etwas wieder gut wird, eine zerrüttete Beziehung wieder heilen kann. Und noch etwas wird uns heute in Erinnerung gerufen: dies alles ist bereits geschehen. Dieses Opfer ist gebracht. Es ist alles geschehen, damit eine tiefe Wunde wieder heilen kann. Eigentlich ist das eine gute Nachricht. Allerdings hören wir diese Worte am  Karfreitag, am Todestag Jesu.

Wer sind aber nun die entzweiten Parteien? Die Antwort ist kurz und schmerzhaft. Es geht um Gott und den Menschen. Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Entfremdung von Gott. Die Heilsgeschichte ist die Geschichte der Versöhnung, der Heilung. Die zerrüttete Beziehung zwischen Gott und den Menschen soll wieder heil werden durch das Opfer Jesu am Kreuz. Das Kreuz ist die Brücke über die Gott und Mensch wieder zusammenfinden.

Das klingt sehr theoretisch und fordert vielleicht auch zum Widerspruch heraus. „Wegen mir wäre das nicht nötig gewesen!“ „Ich habe niemandem etwas getan!“ „Ich bin mein Leben lang anständig gewesen!“ Das möchten wir dieser Feststellung vielleicht entgegensetzten. Die Bibel zeichnet allerdings ein Bild vom Menschen, das ihm nicht schmeichelt. Schon auf den ersten Seiten wird von der Schuld gesprochen. Dort stehen die Geschichten von Adam und Eva, von ihrem Ungehorsam gegen Gott, von Kain und Abel, vom ersten Brudermord in der Menschheitsgeschichte, von der Sintflut und vom Turmbau zu Babel. „Alte Geschichten!“ möchten wir einwenden. Wer weiß, ob sie wahr sind. Ich denke, sie sind wahr. Was wir da bereits auf den ersten Seiten der Bibel lesen, sind keine Märchen. Was uns erzählt wird, ereignet sich tagtäglich in dieser Welt. Bis auf diesen Tag wird betrogen, gemordet und intrigiert. Die Bibel erzählt vom Größenwahn des Menschen, der sein will wie Gott, der selbst über sein Leben verfügen will.  Die Bibel erzählt davon, dass Gott die Menschen ernst nimmt, mit dem, was sie tun, wie sie sich entscheiden. Das heißt: er nimmt sie in die Verantwortung. Die Bibel erzählt aber auch davon, dass Gott nicht aufhört, den Menschen zu lieben. Gott liebt den Menschen. Er will nicht, dass er so bleibt, wie er jetzt ist - vom Tod gezeichnet und fern vom Ursprung des Lebens, fern von Gott selbst. Er will ihn wieder zurückhaben. Deswegen überlässt er den Menschen nicht seinem Schicksal. Deswegen hat er sich einem Volk besonders zugewandt. Das war Israel. Gott hat es zum Heiligen Volk erwählt. Er hat es zum Ort bestimmt, aus dem der Retter hervorgehen soll. Aus Israels Reihen ist der eine hervorgetreten, der den Menschen einen Ausweg zeigt: einen Ausweg aus der Schuld, aus der Lüge, aus dem Streit, aus der Todverfallenheit zurück ins Leben. Gott liebt den Menschen. So sehr, dass er selbst in die Welt kommt, um in der Gestalt des Menschen Jesus die Menschheit wieder mit sich zu versöhnen. Ohne einfach so zu tun, als ob die grundsätzliche Entscheidung des Menschen gegen Gott, als ob die Sünde und die Schuld, die auf dieser Welt lastet, nie geschehen wäre.

Gott liebt die Menschen. Deswegen gibt er sich hin für sie. Er opfert sich - um die Last von ihnen zu nehmen - die Last der Schuld, die sie anklagt. Das ist das Opfer, das er bringt: Gott selbst wird ein Mensch wie wir, er nimmt als Mensch alles auf sich, was uns anklagt. Eltern haften für ihre Kinder! sagt man. Gott übernimmt die Haftung für uns. Die Schuld wird nicht einfach unter den Teppich gekehrt. Sie wird bereinigt. Am Kreuz. Damit ist nicht einfach wieder alles in Ordnung. Die Welt ist nicht besser geworden, seit dem Opfer auf Golgatha. Aber sie hat sich verändert. Es gibt Hoffnung - für mich, für Sie, für die Menschen in dieser Welt. Ich darf leben - und auch einmal sterben - in dem Vertrauen, dass ich unbelastet vor Gott treten darf. Ich muss die Schatten nicht verleugnen, die es in meinem Leben gibt. Alle Schatten in meinem Leben, alle Schuld darf ich auf den werfen, der für mich verworfen wurde, auf den Gekreuzigten, der auch für meine Schuld gestorben ist: für mein Schweigen an der falschen Stelle, für meine Worte zur Unzeit, für mein Tun und mein Lassen, mit dem ich Leid über andere gebracht habe. Ich kann jetzt dazu stehen. Ich muss es nicht leugnen. Ich kann ehrlich sein. Ich kann auf das Kreuz schauen. Es wird mir zum Zeichen der Erlösung. Weil es mir sagt: du bist frei von der Schuld, die dich bedrückt, wie immer sie auch in deinem Leben aussehen mag. Du bist frei für Gott. 

Wir bekommen einen Platz in der Geschichte von dem Mann aus Nazareth, der am Kreuz die Menschen rettet. Sie wird zu meiner und unserer Geschichte. Sie macht aus uns Menschen mit neuer Hoffnung. Wir warten auf das Heil. Wir warten auf Jesus Christus, der wiederkommen wird - nicht um uns hinzurichten. Die Schuld ist bereits getilgt. Er kommt, um uns nach Hause zu bringen, nach Hause zu Gott, zurück in die Obhut Gottes, aus der wir uns gewunden haben, wie ein Kind, das sich von der Hand der Mutter losreißt. So können wir leben - in unserer Welt mit ihren Schatten, mit ihrer Schuld. Der Karfreitag ist für Christen kein Trauertag mehr. Er spricht von all dem, was zu unserem Heil geschehen ist. Er spricht von etwas, das ein für allemal geschehen ist und das nicht mehr ergänzt oder erneuert oder wie auch immer wiederholt werden muss. „Schau – das Kreuz!“ Es ist ein Zeichen der Hoffnung. Es erzählt von dem, der dafür gesorgt hat, dass wir Frieden haben mit Gott. Lasst uns dankbar sein für dieses Zeichen der Hoffnung und des Lebens. Amen.

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 30.3.2018 



Mit den Müden zur rechten Zeit reden. Predigt über Jesaja 50,4-9 am Palmsonntag in Altenstein (Konfirmation)

 „Fan sucht Karte!“ Mit großen Buchstaben hat er das auf den Pappkarton geschrieben, den er jetzt wie ein Schild vor sich hält. Das Konzert ist restlos ausverkauft. Aber er will trotzdem unbedingt hin. Er will sie einmal aus der Nähe sehen, seine Stars, die er sonst nur vom Cover der CDs kennt und natürlich vom Fernsehen. Die meisten ihrer Lieder kann er auswendig mitsingen. Aber natürlich sind es nicht nur die Texte. Er kann gar nicht sagen, was es ist. Irgendwann hat er gemerkt, dass das seine Musik ist, die sie spielen. Sie berührt ihn einfach. Sie lässt ihn nicht mehr los. Und jetzt sind sie da, in seiner Stadt. Und er ist zu spät gekommen. Das Konzert ist ausverkauft. Mist! In das Stadion, in dem die Gruppe auftritt, passt keine Maus mehr rein. Einen Funken Hoffnung gibt es noch. Vielleicht muss ja ein anderer seine Karte wieder verkaufen. So etwas kommt immer wieder mal vor. Er würde jeden Preis dafür zahlen. Oder wenigstens fast jeden. Deshalb steht er vor der Kasse mit dem Karton und der Aufschrift „Fan sucht Karte!“

 

Habt ihr auch einen Lieblingssänger oder eine Gruppe, für die ihr euch stundenlang anstellen würdet? Gibt es etwas, das euch wirklich begeistert, wofür ihr auch Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen würdet? Gibt es etwas, von dem ihr sagt: da muss ich hin, koste es was es wolle? Dann versteht ihr vielleicht die Menschen, die vor zweitausend Jahren fast ausgeflippt sind, als sie erfahren haben, dass Jesus in ihre Stadt kommt. Als sie ihn mit seinen Jüngern kommen sehen, reißen sie Zweige von den Bäumen, um ihm zuzuwinken. Einige werfen ihre Mäntel auf den Weg, breiten sie wie einen Teppich vor ihm aus. „Hosianna“ schreien sie begeistert. Das ist ein Huldigungsruf. Und zugleich birgt er im Kern eine Bitte. Ursprünglich bedeutet Hosianna „hilf doch.“ 

 

Hilf doch! Hilfe haben sie sich von Jesus erwartet. Aber wohl eher so, wie man sich Hilfe von einem Supermann erwartet. „Sohn Davids“ nennen sie ihn und erinnern sich damit an den Helden von einst, der sich zum König hochgekämpft und Israel zu einem mächtigen Reich gemacht hatte. In Jesus sehen sie einen würdigen Nachfolger von König David. Jetzt, so dachten sie, kommt unser neuer König David. Einer, der für uns kämpft. Einer, der uns befreit. Unfrei fühlten sie sich, die Israeliten. Da waren Besatzer im Land, die sie jeden Tag spüren ließen, wer die Macht und das Sagen hatte. Da war der römische Kaiser, da war sein Statthalter Pontius Pilatus und vor allem waren da die Soldaten. Die waren nicht zimperlich, wenn es darum ging, die Gesetze des Kaisers durchzusetzen. Die nahmen kaum Rücksicht auf fremde Sitten und Gebräuche. Und schon gar nicht auf religiöse Gefühle. Ganz im Gegenteil. Sie haben sich lustig darüber gemacht. So etwas tut weh.

 

Wir alle wissen, wie die Geschichte weiter geht. Ein paar Tage später war der Traum von der Freiheit geplatzt wie eine Seifenblase. Die meisten waren von Jesus bitter enttäuscht. Er hat ihnen das nicht gegeben, was sie sich erhofft hatten. Er wollte gar keine Revolution, keinen Umsturz. Er war kein Supermann. Und deshalb haben sie sich enttäuscht abgewandt. „Ans Kreuz mit ihm“ haben viele von denen geschrien, die ihm vorher noch so stürmisch begrüßt hatten. Das war ganz schön krass. Aber vielleicht kennen wir das auch. Wenn man von seinen Idolen enttäuscht wird, will man nichts mehr von ihnen wissen. Dann macht man auch kurzen Prozess: das Fan-Poster wird von der Wand gerissen, die CDs werden getauscht oder die Lieder von der Festplatte gelöscht.  

 

Heute hören wir die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem am Tag eurer Konfirmation. Der, den man in Jerusalem so begeistert begrüßt hatte, will in eurem Leben eine Rolle spielen, er will bei euch ankommen. Er wartet darauf, dass ihr ihm euer Herz öffnet, ihm vertraut und euch an ihm ausrichtet, euch an seinen Worten orientiert. Und er wünscht sich, dass ihr bei ihm bleibt, dass ihr euch nicht wieder abwendet, wenn das Fest vorbei ist, das Konfirmationsgeld auf dem Sparbuch oder in der Kasse vom Media Markt liegt und der Alltag weitergeht. Jesus will keinen oberflächlichen Hype, keinen Rummel um seine Person. Er will euren Glauben und eure Begeisterung für seine Sache. 

 

Es lohnt sich, dabei zu bleiben. Es lohnt sich, bei ihm zu bleiben, am Glauben festzuhalten. Okay, Jesus ist eigentlich eher der Anti-Held, ein Verlierer nach den Maßstäben, die in unserer Welt gelten. Davon wird in den nächsten Tagen vor Ostern die Rede sein, wenn wir von seiner Leidensgeschichte hören. Es wird nicht lange dauern, dann wird ihn einer seiner besten Freunde für eine Handvoll Münzen an seine Feinde verraten. Wenn dann die Soldaten kommen, um ihn zu verhaften, werden sie ihn alle im Stich lassen. Er wird in einem Schauprozess verurteilt, öffentlich gedemütigt und hingerichtet. Später wird man ihn eilig in ein Grab legen, weil der Sabbat anbricht, der Feiertag, an dem man nichts arbeiten darf.  Erfolg hat er also nicht gehabt - dieser Jesus. Und trotzdem werdet ihr heute gefragt, ob ihr ihn mit seinen Grundsätzen hereinlassen wollt in euer Leben. Ich möchte euch sagen, warum es sich lohnt, von Herzen Ja zu sagen und es mit diesem Jesus zu wagen - auch, wenn er in den Augen der meisten eher ein Versager war.

 

Erfolg wird euch nicht versprochen, wenn ihr bei ihm bleibt. Auch gibt es automatisch keine guten Noten, wenn man fromm ist. Auch später kann es eher geschehen, dass man belächelt wird, weil man zur Kirche geht. Trotzdem lohnt es sich, bei ihm zu bleiben. Etwas viel Wertvolleres will Jesus euch schenken: ein Leben, das wirklich lebenswert ist. Woran erkennt man einen Menschen, der sich an das hält, was ihr heute versprecht: bei Jesus Christus zu bleiben und im Glauben an ihm zu wachsen.  Woran erkennt man einen Christen? Und wie nimmt dieses segensreiche Leben Gestalt an? Das verrät uns heute ausgerechnet einer, der einige hundert Jahre vor Jesus gelebt hat. Seine Worte sind im Buch Jesaja aufgeschrieben. Zwei Beispiele möchte ich daraus hervorheben. Jesaja schreibt:

 

„Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.“

 

Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, um mit den Müden zu reden. Das ist ein Kennzeichen. Christen wenden sich den Menschen zu, die müde geworden sind. Die Müden, das sind die Menschen, die enttäuscht sind, die an nichts mehr glauben, die niemanden mehr vertrauen, außer vielleicht noch sich selbst. Die gibt es auch heute. Menschen, die in einer Tretmühle gefangen sind und nicht mehr rauskommen. Menschen, die glauben, dass man nur dann einen Wert hat, wenn man Erfolg hat, wenn man gute Noten schreibt, wenn man viel verdient, immer vorne dran ist, dort, wo die Erfolgreichen sich aufhalten. Die meisten scheitern an ihren Vorsätzen. Wenn sie dann merken, dass das nichts wird mit dem Erfolg, dann stürzen sie ab, dann verlieren sie den Lebensmut. Und dann werden sie oft auch übersehen. Weil die meisten halt nach oben schauen, zu den Erfolgreichen aufschauen und die Verlierer übersehen. Unser Auftrag ist es, diesen Menschen von unserem Gott zu erzählen. Es ist ein Gott, der sich uns zuwendet und anspricht, weil er uns liebt. Es ist ein Gott, der uns nicht übersieht. Es ist ein Gott der gerade die Niedrigen im Blick hat. Jesus hat das vorgelebt. Er hat sich diesen Menschen zugewendet, hat sie angesprochen, sie angehört, er hat ihnen die Hände aufgelegt und sie gesegnet und sie spüren lassen, dass sie etwas gelten in den Augen Gottes. So hat er dafür gesorgt, dass die Müden wieder Lebensmut fassen, dass die Lebenskraft zu ihnen zurückkehrt.

 

Dieser Gott hat uns das Ohr geöffnet. Er hat uns angesprochen. Und er spricht uns immer wieder an, in seinem Wort. Deswegen ist es gut, immer wieder auf sein Wort zu hören, es an sich heran zu lassen. Wir hören auf so viele Stimmen in unserem Alltag. Sie sagen uns, was wir zu tun oder zu lassen haben, wie dick oder wie dünn wir sein müssen, um gut auszusehen, was wir tun müssen, um angesehen zu sein bei den Leuten. Oft sind das ganz schwere Bedingungen, die da an uns gestellt werden. Das Wort, auf das es ankommt, das Wort, das unser Leben trägt, ist kürzer. Es ist ein kurzer Satz: Gott liebt dich so, wie du bist. Er hat dich nach seinem Ebenbild erschaffen. Du gehörst zu ihm.  So sehr liebt er dich, dass er seinen Sohn in die Welt geschickt hat, damit du das erfährst. Gott liebt dich ohne Vorbedingung, ohne Wenn und Aber. 

Ich wünsche euch von Herzen, dass ihr heute ein schönes Fest feiern könnt. Ich wünsche euch aber vor allem, dass Jesus in euren Herzen ankommt und dass ihr ihn darin wohnen lasst, dass ihr immer wieder hört auf das, was er euch zu sagen hat und dass ihr seinem Beispiel folgt, dass ihr es wagt, mit den Müden zu sprechen, dass ihr es wagt, von eurem Glauben zu erzählen.  Und dass ihr selbst immer wieder hinhört auf das, was Gott euch zu sagen hat. Dann wird euer Leben ein gutes Leben, in dem sich der Segen Gottes reich entfaltet. Ganz gewiss. Amen. 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein - 25.3.2018


Freue dich – Gott sorgt! Predigt über Philipper 1, 12-21 am Sonntag Lätare

"Ich lasse euch aber wissen, Brüder und Schwestern: Wie es um mich steht, das ist zur größeren Förderung des Evangeliums geschehen. Denn dass ich meine Fesseln für Christus trage, das ist im ganzen Prätorium und bei allen andern offenbar geworden, und die meisten Brüder in dem Herrn haben durch meine Gefangenschaft Zuversicht gewonnen und sind umso kühner geworden, das Wort zu reden ohne Scheu. Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht: diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege; jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft. Was tut's aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber. Aber ich werde mich auch weiterhin freuen; denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi, wie ich sehnlich erwarte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod. Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.“  Lutherübersetzung 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft, Stuttgart.

 

 „Christus, der ist mein Leben, / Sterben ist mein Gewinn;/ ihm will ich mich ergeben, / mit Fried fahr ich dahin.“ Wenn wir in unserer Kirche dieses Lied singen, hat uns meistens ein trauriger Anlass zusammengeführt. Wir kommen dann gerade von der Beerdigung eines Menschen und sind traurig über seinen Tod.  Heute erfahren wir, dass ein Wort des Apostels Paulus den Anstoß für die erste Liedzeile, vielleicht sogar für das ganze Lied gegeben hat. Überrascht mögen wir sein, dass Paulus ganz und gar nicht traurig gewesen ist, als er den Christen in Philippi geschrieben hat, dass Christus sein Leben und Sterben sein Gewinn sei.  Im Philipperbrief ist viel von der Freude die Rede. Ich freue mich!  Immer wieder schreibt Paulus das seinen Freunden. Ich freue mich! Er schreibt aus dem Gefängnis. Er sitzt ein, weil er Christus verkündigt hat. „Ich trage meine Fesseln für Christus“ schreibt er den Christen der griechischen Hafenstadt. Andere hätten sich in dieser Situation bitter beklagt, hätten gejammert oder mit Gott gehadert. Paulus freut sich. Selbst im Prätorium – dem Amtssitz des Statthalters – hat sich der Grund für die Inhaftierung herumgesprochen. Die Haftbedingungen müssen nicht besonders hart gewesen sein. Besuche waren erlaubt. Briefe durften geschrieben und empfangen werden. Allerdings hatte Paulus damals schon damit rechnen müssen, dass sich das Blatt wenden und dass er aus der relativ bequemen Arrestzelle schnell  in eine Todeszelle gebracht werden konnte. Dennoch treibt die Freude Paulus dazu, den Christen zu schreiben. Freue dich! Freut euch! Am Freudensonntag Lätare möchte ich  darüber nachdenken, welche Gründe es denn geben konnte, dass der Apostel sich gefreut hat, statt zu klagen und zu jammern.

 

Die frohe Botschaft ist nicht aufzuhalten. Sie lässt sich nicht einsperren. Christus lässt sich nicht den Mund verbieten. Da erfährt Paulus in seiner Zelle:  das Evangelium, die freudige Nachricht von Jesus Christus, breitet sich aus, obwohl man den Apostel in Ketten gelegt hat. Für Paulus ist das Grund zur Freude – und vielleicht auch Grund zur Gelassenheit. Er weiß, dass Gott selbst für die Ausbreitung des Evangeliums sorgen wird. Die Kirche wächst – auch, wenn er selbst im Gefängnis sitzt, auch, wenn ihn Ketten festhalten und selbst dann noch, wenn er sterben muss: das gute Werk geht weiter, auch ohne ihn. Gott wird dafür sorgen, dass es nicht scheitert. Ist das nicht eine großartige Entlastung? Wie oft meinen wir, dass es ohne uns nicht geht, dass wir unersetzlich sind. Viele sind dann verbissen. Verlieren die Freude am Leben. Sie sehen immer nur, was alles getan werden muss und machen sich Sorgen.  Werden wir doch gelassener! Nicht, dass meine Arbeit unbedeutend ist. Nicht, dass ich unwichtig bin. Nein! Aber – wenn ich ausfalle, wenn ich erschöpft bin oder krank, dann wird ein anderer da sein, der mein Werk fortsetzt. Gott wird dafür sorgen. Wenn ich in diesem Vertrauen ans Werk gehe, spüre ich vielleicht auch wieder die Freude an meinem Werk, was ich immer tue, die Freude, die mir manchmal abhanden kommt, die von den Sorgen, von der Hektik und der Angst, dass ohne mich das Chaos ausbricht, verdrängt wird.

 

Gott sorgt dafür, dass die Wahrheit ans Licht kommt, das Evangelium gepredigt wird. Ich selbst darf mitwirken. Aber es hängt nicht restlos an mir, nicht an meiner Kraft, nicht an meiner Tat. Es hängt an Gott, ob sich das Evangelium  entfalten kann. Es hängt nicht an mir. Und sicher gilt das auch für die anderen Herzensangelegenheiten – wenn ich mit Leib und Seele für etwas da bin. Ich soll daran Freude haben. Aber diese Freude schöpfe ich aus dem Vertrauen, dass Gott hinter allem steht und dass er für das Gelingen sorgt. Das will ich mir merken.  Ob ich nun das Evangelium predige oder Schüler unterrichte, ob ich mein Kräfte einsetze, um einen Betrieb aufzubauen, der anderen Menschen Brot und Arbeit gibt, das gute Werk kann so unterschiedlich aussehen im Leben eines Menschen.

 

Heute feiern wir eine Taufe. Wir feiern sie im Gottesdienst. Ich finde, das ist ein Zeichen der Ermutigung. Gott sagt am Anfang meines Lebens zu mir Ja, ohne Vorbedingungen. Er sorgt für mich. Er will mich durchs Leben begleiten. Daran erinnern wir uns, wenn wir eine Taufe feiern. Wir feiern die Fürsorge Gottes, der für seine Kirche da ist, also: der für uns da ist. Die Kirche, das sind ja wir, die Christenmenschen. Irgendwann einmal werden die Kinder, die wir taufen, für die wir sorgen, erwachsen sein, sie werden Verantwortung übernehmen, für ihr eigenes und für andere. Sie werden in der Kirche das Wort ergreifen und die Freudenbotschaft mit ihren Worten, mit ihren Möglichkeiten weitergeben. Ist das nicht ein Grund, sich heute zu freuen?  Freut euch, weil Gott für seine Kirche sorgt.  Ob Paulus das so gesehen hat? Er sitzt im Gefängnis. Ihm sind die Hände gebunden. Aber er weiß: Gott sorgt dafür, dass das gute Werk fortgesetzt wird von anderen. Das „Gute Werk“ war die Ausbreitung des Evangeliums. Deshalb schreibt er: „Und  ich werde mich auch weiterhin freuen; denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi...“ 

 

Die Ketten und Gefängnismauern können ihn gar nicht trennen von den anderen. Er ist mit den Menschen verbunden, die ihn lieben. Das Gebet bringt sie zusammen. Es verbindet die Menschen miteinander und mit Gott. Vielleicht gibt es deshalb für den Apostel keine ausweglosen Situationen und keine hoffnungslosen Fälle. Solange Menschen die Hände falten und beten, ist Hoffnung füreinander und für die Welt. Deshalb: sagen wir nicht, dass wir nichts tun können, solange wir in der Lage sind füreinander zu beten. Das Gebet stellt die Verbindung her zu den Menschen, die ich liebe und zu Gott. Wer betet, rechnet mit Gott, der dafür sorgt, dass das gute Werk nicht scheitert und die Hoffnung nicht zerbricht. Wo  Gott in der Nähe ist, da hat die Hoffnung einen tragenden Grund, da ist auch die Quelle der Freude, aus der wir schöpfen können.

 

Paulus weiß, dass die Fesseln, das Gefängnis, die Feindschaft der Gegner und der nahende Tod nicht über ihn triumphieren werden. Der Apostel weiß, dass sein Leben ein gutes Ziel hat: die Gemeinschaft mit Christus, der den Tod am Kreuz besiegt hat. Mit dieser Hoffnung verliert selbst der Tod seinen Schrecken. Deshalb kann Paulus sagen: Christus der ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn. Auch das Lied mit den Paulus-Worten am Anfang, das wir bei Trauerfeiern meist singen, lebt von dieser Hoffnung. Es schließt mit der Bitte um diese Christus-Nähe, die uns zur Quelle der Freude, zur Quelle des Lebens wird. Ein Leben, das auch vom Tod nicht mehr zerstört werden kann. Wer aus dieser Quelle schöpft, hat in der Tat Grund zur Freude. Um diese Nähe des Auferstandenen wollen wir  bitten, vielleicht mit diesen Worten dieses Liedes, das wir sonst nur bei traurigen Anlässen singen und das doch so einen frohmachende Botschaft zum Inhalt hat:

 

„In dir, Herr, lass mich leben / und bleiben allezeit, / so wirst du mir einst geben /  des Himmels Wonn und Freud.“  Amen.      

 

Ó Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 11.3.2018 


Leben in der Fremde. Predigt über 1.Petrus 1,13-21 am Sonntag Okuli 
 
  „Darum umgürtet eure Lenden und stärkt euren Verstand, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch dargeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi. Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, in denen ihr früher in eurer Unwissenheit lebtet; sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel. 16 Denn es steht geschrieben (3. Mose 19,2): »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.« Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben in Gottesfurcht, solange ihr hier in der Fremde weilt; denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt war, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen, die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn von den Toten auferweckt und ihm die Herrlichkeit gegeben hat, sodass ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.“ 
  (Lutherübersetzung 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft, Stuttgart.)  
  Fremdarbeiter hat man früher zu ihnen gesagt oder Gastarbeiter. Aus Italien oder Spanien und später aus der Türkei sind sie zu uns gekommen: die  Männer mit dem bräunlichen Hautton und den dichten, schwarzen Schnauzbärten. Ins Land hat man sie geholt, weil sie gebraucht wurden. Und sie sind gekommen. Wir bleiben nicht lange, dachten sich die meisten von ihnen. Deshalb lohnt es sich nicht, die fremde, schwere, deutsche Sprache zu lernen. Deshalb waren die meisten zufrieden mit einem Bett in einem Wohnheim. Hier in der Fremde lässt sich gutes Geld verdienen. Geld, das man nach Hause schickt, wo die Familie lebt, die Menschen, nach denen man Sehnsucht hat. Da hat man dann auch die misstrauischen Blicke der Einheimischen leichter ertragen können. Irgendwann wollten sie ja wieder nach Hause. Manche sind geblieben. Für ihre Kinder und Kindeskinder ist Deutschland das Zuhause geworden. Jetzt sind andere gekommen aus anderen Ländern. Menschen, die Schutz und Zuflucht bei uns suchen und sich häufig gleichfalls unter den misstrauischen Blicken der Einheimischen ducken müssen, wie die Männer von damals. Auch sie spüren: wir sind nicht willkommen. Wir sind Fremde. Ob sie hier jemals heimisch werden, steht in den Sternen. 
  Manchmal kann es aber auch geschehen, dass man sich entfremdet, ohne das Land zu verlassen, dass man im eigenen Dorf, in der eigenen Familie zum Fremden wird – als ob man auf einmal eine andere Sprache sprechen würde. Den ersten Christen ist das so ergangen. Die haben sich ihrer Umwelt entfremdet, die Juden den Juden, die Griechen den Griechen. Grund und Ursache war ihre Einstellung zu einer Person, zu Jesus Christus, dem Wanderprediger aus Nazareth, den man gekreuzigt hat. „Ihm ist Recht geschehen. Er war ein Gotteslästerer“, sagten die Schriftgelehrten in Jerusalem. „Er war eine gescheiterte Existenz“, sagten die anderen, die Griechen, die Philosophen. „Er ist Gottessohn!“ bekannten die Christen. Dass einer von den Toten aufersteht und wiederkommt, um die Welt zu verändern, daran mochten die meisten ihrer Zeitgenossen nicht glauben. „Ihr seid verrückt!“ sagten sie zu den Christen. Es waren dann wohl die misstrauischen Blicke der Nachbarn, der Mitbürger, die dafür gesorgt haben, dass die Heimat zur Fremde wurde. Und nicht nur die Blicke, auch die feindseligen Worte, die von den Blicken begleitet wurden und die Übergriffe, die darauf folgten. An diese Menschen ist der erste Petrusbrief gerichtet: „an die auserwählten Fremdlinge, die verstreut wohnen…“ lesen wir in den ersten Zeilen des ersten Petrusbriefs. Sie hatten es nicht leicht, dort wo sie lebten in Pontus, Galatien, Kappadozien, der Provinz Asien und Bithynien, die Christen.  Nicht nur den Spott der Philosophen, den Ärger der Schriftgelehrten, das Unverständnis der heidnischen Nachbarn mussten sie erdulden. Bis heute geschieht so die Entfremdung. Freunde verstehen sich nicht mehr, sie distanzieren sich, Nachbarn beginnen zu spotten und manchmal kommt es auch zu Übergriffen. Haut ab! Verschwindet von hier! bekommt man zu hören, erst leise, dann immer lauter.  
  Wie man in dieser Fremde den Glauben lebt, davon handelt der Brief, der in der kirchlichen Tradition dem Apostel Petrus zugeschrieben wird. Er ermutigt dazu, am Glauben festzuhalten und an der Hoffnung, die wir aus dem Glauben schöpfen. Und er ermahnt: seid bereit zum Aufbruch. Deshalb: richtet euch gar nicht erst fest ein, dort wo ihr lebt. Das hören die „auserwählten Fremdlinge“. Vor allem aber: vergesst nicht, dass ihr frei seid. Christus hat euch ausgelöst aus den alten Bindungen und Verpflichtungen, in denen ihr früher gelebt habt. Sklaven oder Kriegsgefangene konnten damals freigekauft werden – mit Gold oder Silber. „Bei euch ist es ähnlich. Ihr seid frei!“ schreibt der Apostel – das Blut Christi macht euch frei.  
  Bis heute gelten diese Worte. Sie gelten auch uns. Und bis heute sind sie provokant. Zwar leben wir in „gesicherten“ Verhältnissen. Übergriffe, Verfolgungen um unseres Glaubens willen müssen wir nicht fürchten. Spannend ist doch die Frage, ob wir wirklich frei sind, ob wir uns frei fühlen. „Okuli“ heißt dieser Sonntag. Er will uns die Augen öffnen dafür, in welchen Bindungen wir leben, wer einen Anspruch auf unser Leben erhebt, auf das, was wir tun und lassen, von wem wir uns beanspruchen lassen. „Der Kaiser ist euer Gott!“ diesen Anspruch hat der römische Staat an die Christen in der Fremde gestellt. Die Christen haben sich diesem Anspruch entzogen und sind verfolgt worden. Die modernen Götzen erheben ihre Ansprüche auf unser Leben viel differenzierter. Ihr wollt doch euren Lebensstandard steigern oder wenigstens erhalten, sagt die Industrie: also müsst ihr am Sonntag arbeiten. Wer sich dieser Forderung verweigert, wird zwar nicht verfolgt. Doch er muss um den Verlust seines Arbeitsplatzes bangen. Oder er wird gar nicht erst eingestellt. Nein, die Christen müssen keine Verfolgungen fürchten in unserem Land. Wenn sie ihren Glauben in der Öffentlichkeit vertreten, müssen sie aber mit dem Spott der öffentlichen Meinung und manchmal auch mit verbalen Angriffen rechnen. Da fällt es mit der Zeit schwer, treu zu bleiben. Zweifel treten auf. Vielleicht sieht man ja alles doch zu eng? Vielleicht muss man sich doch ein wenig dem Zeitgeist anpassen?  
  Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke mein Licht, Christus, meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht! Manchmal singen wir in unserer Gemeinde diesen Taize Vers, während das heilige Abendmahl ausgeteilt wird. Dort holen wir uns Stärkung. Bei Christus ist unsere Heimat, bei Christus sind wir nicht Fremde.  Hoffnung, Freude, Stärke, Zuversicht – das verbinden wir mit dem Namen Jesu. Christsein hat also mit Hoffnung zu tun! An der sollen wir festhalten. Heilig sein sollen wir. Das mag uns abschrecken. Es riecht so nach tugendhaftem Leben, nach Anstrengung und Entsagung. Doch heilig leben und heilig sein bedeutet nichts anderes, als in der Verbindung mit Christus zu sein und mit ihm zu leben. Dann leuchtet die Hoffnung, die Freude, die Stärke und Zuversicht durch uns hindurch. Sie trägt einen Glanz dessen was noch aussteht hinein in unsere Welt. Ich meine Gottes Reich, in dem wir keine Fremden mehr sind. „...setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi…“ schreibt der Apostel. Gebt diese Hoffnung nicht auf.  
  Gott und Christus – wir dürfen beide in einem Atemzug nennen. Denn in Christus wendet sich Gott selbst den Menschen zu. Das ist der Grund unserer Hoffnung. Und das verstehe ich unter Gnade: dass sich Gott mit dem Menschen abgibt. Gott ist nicht eine Idee, nicht einfach nur eine Kraft, die alles und jeden durchwaltet. Jesus war kein Philosoph. In ihm wendet sich Gott den Menschen zu. Durch Jesus Christus spricht Gott zu den Menschen. Durch Jesus Christus hilft er. Durch ihn rettet er sie. Offenbarwerden heißt sichtbar werden. In Jesus Christus wird die Gnade, wird Gottes Hinwendung zu den Menschen sichtbar. Am Sonntag Okuli will uns der Apostel die Augen für dieses Geheimnis öffnen. Es ist das Geheimnis unserer Freiheit.  „... ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid ... sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.“.    
  Am Sonntag Okuli will uns der Apostel die Augen öffnen. Wem fühlen wir uns verpflichtet? In welchen Bindungen leben wir? Auf wen schauen wir, wenn wir Hilfe und Trost suchen? Wer in der Fremde lebt, ist bereit zum Aufbruch, hängt sein Herz nicht an etwas, das er zurücklassen muss. Daran denke ich, wenn ich die Worte aus dem ersten Petrusbrief höre. Dabei soll es aber nicht bleiben. „Umgürtet die Lenden eures Gemüts...“ sagt der Brief in bildhafter Sprache. Ein Aufruf zur Wachsamkeit! Wer die „Lenden des Gemüts“ gürtet, ist ebenfalls bereit und wachsam, er ist unterwegs auf das Ziel hin. Seid bereit! Die Worte aus dem 1. Petrusbrief wollen trösten und ermutigen. Wir sollen leben in dieser Welt, aber wir sollen uns nicht den Mächten verschreiben, die vergänglich sind. Wenn wir uns den Ansprüchen entziehen, die heute an uns gestellt werden, sind wir zuweilen wie Fremdlinge im eigenen Land. Aber vielleicht sollen wir das auch sein und bleiben und mit unserem Leben hin weisen auf das, was noch kommt: Gottes neue Welt. Sie wirft nicht ihre Schatten, sondern ihren Glanz in die alte Welt hinein.  Immer dann geschieht das, wenn Christen davon erzählen, woran sie glauben, worauf sie hoffen und wenn sie dann auch Zeichen setzen: Zeichen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Sie weisen hin auf Christus. Sie bringen ein Stück der zukünftigen Heimat in diese Welt, in die Fremdschaft. Seine Gegenwart in Wort und im Sakrament macht den Aufenthalt in der Fremde lebenswert. Amen.  
  © Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein - 4.3.201