Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigten im Monat Juni 2018


Dem Glauben Heimat geben - durch die Liebe. Predigt über 1. Korinther 14,1-3.20-25 am 2. Sonntag nach Trinitatis anlässlich einer Jubelkonfirmation 

Vor einigen Wochen haben etliche von Ihnen Post von uns bekommen – ich meine die Jubilare, die heute das Gedächtnis der Konfirmation feiern. Wie war das für Sie? Ich stelle mir, dass Sie überrascht waren. Unter den Rechnungen, Werbeprospekten und vielleicht einer Ansichtskarte war unser Brief. Vielleicht ist er gar nicht aufgefallen, zunächst einmal. Erst beim zweiten Hinsehen fällt die Absenderadresse auf: Hoppla! Ein Brief aus Altenstein? Ich stelle mir vor, wie sie neugierig den Umschlag geöffnet und die Einladung gelesen haben. Jubelkonfirmation! Ist das schon wieder soweit? Bin ich wirklich in diesem Jahr „dran“?  Welche Erinnerungen mögen beim Lesen in Ihnen aufgestiegen sein? War das eine schöne Zeit, damals? Der Konfirmandenunterricht war anders als heute. Strenger, sagen die älteren. „Wir mussten viel mehr lernen als die Jungen heute!“ Ob das gut war? „Ich kann noch viele Lieder auswendig!“ sagen die einen, die das bejahen. „Ich hatte immer Angst!“ entgegnen die anderen. Sie denken vor allem an die damals übliche Konfirmandenprüfung, die meist in der Kirche stattgefunden hat. „Hoffentlich blamiere ich mich nicht.“ Schließlich waren alle da, die im Leben der Jugendlichen eine Rolle spielten: die Eltern, die Paten, die Verwandten, der Lehrer. Es können sich also beim Lesen der Einladung höchst unterschiedliche Erinnerungen eingestellt haben. Ich wünsche mir sehr, dass Sie sich über den Anlass gefreut haben. Ist es nicht schön, wieder einmal nach Hause zu fahren? Vielleicht hat sich zur Freude die Neugierde gesellt. Wer wohl alles kommt? Manchen Kameraden, manche Freundin von damals hat man vielleicht aus den Augen verloren. Ob sie sich sehr verändert haben? Ob ich mich verändert haben? 

Um eine Einladung an uns alle, nicht nur an die Jubilare, geht es an diesem Sonntag auch im Wochenspruch. Da sagt Jesus: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“ Müde kann man schnell werden, erschöpft und ausgebrannt ebenso. Der Alltag ist oft recht unbarmherzig, zehrt an den Kräften. „Jeder von uns hat sein Päckchen zu tragen!“sagt der Volksmund. Manchmal kann aus dem Päckchen aber ein schwerer Packen geworden sein. Wie gut, dass Jesus die Arme ausbreitet. „Bei mir bist du willkommen!“ sagt er. „Bei mir sollst du neue Kraft tanken. Ich will dich erquicken. Neue Lebensfreude und neuen Lebensmut will ich dir schenken – unabhängig vom Alter. Das ist der Sinn der Konfirmandenzeit und der Konfirmation – es gilt, auf die Einladung Jesu zu hören und sie anzunehmen.

Der Gottesdienst soll eine Oase sein, an dem wir auftanken können, an dem wir uns „erquicken“, wie es in Luthers Sprache so schön heißt. Jesus will uns hier begegnen. „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ hat er seinen Jüngern zum Abschied versprochen. Daran wollen wir uns halten. Jesus will uns ansprechen – das geschieht in seinem Wort. Wir hören es in der Lesung und in der Predigt. Wir können es lesen, wenn wir die Bibel aufschlagen oder das Gebetbuch. Wir treten an den Altar. Dort empfangen wir Brot und Wein vom Tisch des Herrn. Wir vertrauen darauf, dass er selbst uns begegnen will im Sakrament. Dann können wir uns gestärkt und ermutigt aufmachen, zurückkehren in den Alltag. Eine schöne Vorstellung, nicht wahr? 

 

Manchmal ist alles ganz anders. Manchmal finden wir im Gottesdienst ganz und gar nicht, was wir suchen. Jede Zeit hat ihre Mode, sagt man. Das gilt auch für den Gottesdienst. Neue Formen gibt es. Nicht alle gefallen. Neue Lieder werden gesungen, mit Texten, die fremd sind, mit anderem Rhythmus: schneller, beschwingter. „Da kommen wir gar nicht mehr mit“, seufzen die Älteren. Es ist nicht mehr so wie früher, man fühlt sich fremd in der eigenen Kirche. Auch diese Erfahrung kann man machen.  

Vielleicht war das in Korinth auch so, dass der Gottesdienst zum Ärgernis geworden ist, dass manche Gläubigen nicht mehr mitgekommen sind, dass sie Anstoß genommen hat an der Art, wie Gottesdienst gefeiert wurde. Heute hören wir Worte aus dem ersten Brief, den der Apostel Paulus an seine Gemeinde dort geschrieben hat. Sie sollen die Wogen glätten, sie wollen helfen, dass der Zugang zu Christus wieder für alle möglich wird: „Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet!  Denn wer in Zungen redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht ihn: im Geist redet er Geheimnisse.  Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung…“ (Lutherbibel 2017, herausgegeben von der Dt. Bibelgesellschaft Stuttgart)

Korinth war eine Hafen – und Handelsstadt. Ein Schmelztiegel für die Kulturen und Religionen der Antike. Paulus hat in dieser Stadt eine Gemeinde auf seiner zweiten Missionsreise gegründet. Sie muss schnell angewachsen sein. Bald gab es rivalisierende Gruppen innerhalb der Gemeinde, deren Frömmigkeit wohl sehr impulsiv war. Die Gottesdienste müssen eigenartig gewesen sein. Der Ablauf war nicht so streng geordnet. Die Menschen kamen zusammen, um Gott zu loben, um miteinander zu beten und um gemeinsam das Brot zu brechen – also Abendmahl zu feiern. Da kam es dann auch schon mal vor, dass während des Gottesdienstes einer auf einmal laut zu sprechen oder zu singen begann – in einer fremden Sprache, die nicht von dieser Welt schien: in der Sprache des Heiligen Geistes. Zungenrede nannte man das. Menschen, die in Zungen redeten, waren bei vielen Korinthern hoch angesehen. Sie meinten, diese Glaubensäußerung sei ein Ausdruck inniger Verbundenheit mit Gott, dessen Geist sich hier bemerkbar macht. Andere aber haben den Kopf geschüttelt: Fremde, Besucher, die das nicht kannten. „Sind die verrückt geworden?“ werden sie sich gedacht haben. „Oder sind sie einfach nur betrunken und lallen unverständliches Zeug?“ 

  Der Apostel steht diesen Erscheinungen recht skeptisch gegenüber. Nicht, dass er etwas dagegen hatte. Solche im wahrsten Sinn des Wortes „geistreiche“ Erfahrungen hatte er selbst auch gemacht. Er war aber der Meinung, dass die Zungenrede doch eher etwas für das „Stille Kämmerlein“ sei und nicht für den Gottesdienst der Gemeinde. Der Gottesdienst, schreibt er, dient der Erbauung, der Stärkung des Glaubens. Die Frommen sollen sich durch die Predigt ermahnen, aber vor allem auch trösten lassen. Dieser Abschnitt aus dem 1. Korintherbrief lässt mich aufhorchen. Er macht mich nachdenklich. Ich denke daran, wie manche unsere Gottesdienste empfinden mögen, fremde Besucher, die nicht vertraut sind mit dem, was ihnen hier begegnet, Ältere, die sich mit neuen Formen des Gottesdienstes nicht anfreunden können, Jüngere, die mit der traditionellen Ordnung auf Kriegsfuß stehen. Wie kann man damit umgehen? Ich möchte mich nicht damit zufriedengeben, mit den Schultern zu zucken und zu sagen: „Das ist eben so, jedem recht getan ist eine Kunst, die niemand kann…“ Ich denke an die Einladung, die uns allen gilt. „Kommt her zu mir alle…“ sagt Jesus, Junge und Alte, Fremde und Einheimische, Kirchenferne und Kirchennahe. Kommt, ich will euch erquicken, bei mir sollt ihr euch wohl fühlen…“ Christus will erbauen, ermahnen und trösten. Was können wir tun, damit seine Einladung angenommen wird? Vielleicht hilft der Ratschlag des Apostels.

„Strebt nach der Liebe!“sagt Paulus gleich zu Beginn. Die Liebe ist das Maß der Dinge. Die Liebe sorgt für das Klima, das einen Gottesdienst, eine Kirche, eine Gemeinde zur Heimat macht. Im Kapitel vor unserem Abschnitt beschreibt er das Wesen der Liebe, nach der wir streben sollen. „Die Liebe sucht nicht das Ihre, sie ist langmütig und freundlich…“  Freundlich sollen die Menschen in einer Gemeinde miteinander umgehen. Freundlich und aufmerksam. In den Gottesdiensten soll so gesungen, gesprochen und vor allem verkündigt werden, dass die Menschen zu Christus finden, dass eine Begegnung stattfinden kann. Es geht also um Verständlichkeit und gelebte Gemeinschaft. Es geht um Freundlichkeit und um Liebe. In unserer Kirche liegt ein Gästebuch aus. Nicht wenige Besucher, meist Touristen, tragen sich dort ein. Viele loben die freundliche Atmosphäre, die sie in diesem Gotteshaus spüren. Ich glaube, das machen nicht nur die Farbtöne, die unseren Kirchenraum prägen. Ich glaube, das macht die Atmosphäre, in der unsere Gottesdienste gefeiert werden, das macht der Glaube, die Hoffnung und die Liebe. Da bleibt etwas davon da, auch, wenn keine Gottesdienste gefeiert werden – so wie ein Echo bleibt. Es ist das Echo der Gebete, die zum Himmel geschickt werden, ein Echo der Lieder, die gesungen werden, ein Echo der Liebe. Dieses Echo macht die Atmosphäre, dieses Gotteshauses. „Strebt nach der Liebe“ schreibt Paulus. Wenn in der Liebe Gottesdienst gefeiert wird, ist es auch nicht so schlimm, wenn mir ein Lied nicht gefällt oder ich mit der einen oder anderen Liturgie nicht zurechtkomme. Die Liebe glaubt alles, sie trägt alles, sie erduldet alles. Die Liebe sorgt dafür, dass ich mich dennoch Zuhause fühle.

Bemüht euch um die Gaben des Geistes,schreibt Paulus in diesem Zusammenhang. Die Liebe macht es möglich, dass unsere Kirche ein Wohnort für den Geist Jesu sein kann: die Liebe zu den Menschen. Wenn ich darüber nachdenke, wird mir bewusst, wie wichtig das Pfingstfest ist, dass wir sieben Wochen nach Ostern feiern. Es ist das Fest des Heiligen Geistes, der uns hilft, dass wir nach der Liebe streben und in der Liebe bleiben können. Um die Gaben des Geistes zu ringen, das ist meiner Meinung nach die Aufgabe jedes Christen. Ein Gebet des Kirchenvaters Augustin spricht mich in diesem Zusammenhang an. „Atme in mir, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges denke. Treibe mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges tue.  Locke mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges liebe. Stärke mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges bewahre. Hüte mich, du Heiliger Geist, dass ich das Heilige niemals verliere.“  Was könnte das Heilige sein, das ich denken, tun, lieben, bewahren und nicht verlieren sollte? Ist es nichts anderes als Christus selbst, der durch mich wirken will in seiner Gemeinde. Heiliges denken, lieben und tun, was könnte das anderes sein, als den Auftrag zu bedenken, zu lieben und zu befolgen, den ich bekommen habe? Das ist der Auftrag: nach der Liebe zu streben. Boten Christi sollen wir sein, die Menschen den Weg zu Christus weisen, der uns in seine Nähe ruft. Dazu müssen wir immer wieder von uns wegsehen, aufsehen müssen wir und hinsehen zu denen, die am Rand stehen, fragend, zweifelnd, suchend. Dazu sind wir heute aufgerufen, dazu brauchen wir selbst immer wieder Ermutigung, Ermahnung und Trost. Den finden wir bei Christus, der in unserer Mitte ist, durch den unsere Gemeinde den Menschen zur Heimat wird und der uns eingeladen hat, in seiner Nähe zu leben. Amen.  

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 10.6.2018 



Wahre und falsche Propheten. Predigt über Jeremia 23,16-29 am 1. Sonntag nach Trinitatis 

„Man sollte dem anderen / die Wahrheit wie einen Mantel hinhalten, / dass er hineinschlüpfen kann, / und sie ihm nicht / wie einen nassen Lappen um die Ohren schlagen...“hat der Dichter Max Frisch in seinen Tagebüchern geschrieben. Manchmal wollen die Menschen aber nicht in diesen Mantel schlüpfen. Weil er ihnen nicht gefällt, weil anderes angenehmer zu tragen, zu ertragen ist. Um dieses Problem geht es heute: dass die einen die Wahrheit sagen und die anderen sie nicht hören wollen. Und nicht nur darum. Es geht um die Frage, woran man erkennen kann, wer im Namen Gottes die Wahrheit spricht und wer lügt. Es geht um wahre und falsche Propheten.

In der Bibel hat man Menschen als Propheten bezeichnet, die im Auftrag Gottes die Wahrheit gesprochen haben. Zugegeben - sie haben es ihren Zeitgenossen nicht immer leicht gemacht, mit dieser Wahrheit. Sie haben den Menschen manchmal in der Tat die Wahrheit wie einen nassen Lappen um die Ohren geschlagen. Das ist meistens dann geschehen, wenn die Menschen einfach nicht in den Mantel der Wahrheit schlüpfen wollten, wenn sie ihn gar nicht zur Kenntnis nehmen wollten. Einer von ihnen war der Prophet Jeremia. Seine Worte, über die wir heute nachdenken, sind hart und schmerzhaft – und deshalb möchte ich sie jetzt, am Anfang, noch nicht vortragen. Ich möchte Ihnen eine Geschichte aus dem Alten Testament erzählen. Sie handelt von Menschen, die nach eigener Aussage im Auftrag Gottes Gegensätzliches, ja Widersprüchliches verkündigt haben. Einer von ihnen war Jeremia.

Das war zu der Zeit, als es auf der Landkarte nur noch das Südreich Juda gegeben hat – der letzte, kümmerliche Rest des einstigen Großreichs, über das die Könige David und Salomo geherrscht hatten. In dieser Zeit lebte der Prophet Jeremia. In seiner Zeit hatte eine neue Großmacht die Hand nach dem Land ausgestreckt: die Babylonier, ebenso machthungrig und nicht weniger grausam wie vor ihnen die Assyrer. Die Bewohner der Heiligen Stadt standen noch unter Schock. Im Jahr 597 vor Christus hatten die Babylonier Jerusalem belagert, erobert, den Tempel geplündert und seine Schätze ins babylonische Reich gebracht. Wie groß war jetzt die Sehnsucht nach Frieden und wie gering die Aussicht, dass diese Hoffnung sich bald erfüllen würde. In dieser Zeit erhielt Jeremia den Auftrag, seinem Volk eine bittere Wahrheit mitzuteilen. Das Unglück ist noch nicht vorüber, sagte er ihnen. Es kommt noch schlimmer! Das Wüten der Babylonier ist Gottes Strafe für die Sünden, die Untreue, den Götzendienst seines Volkes. 

Kein Wunder, dass sich die Israeliten diesen Mantel der Wahrheit nicht anziehen wollten. Kein Wunder, dass sie viel lieber den anderen lauschten, die ihnen Gutes weissagten. Einer davon war der Prophet Hananja! Das Volk hing an seinen Lippen. Seine Worte waren eine Wohltat – für den König und sein Volk: „ So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: „Ich habe das Joch des Königs von Babel zerbrochen, und ehe zwei Jahre um sind, will ich alle Geräte des Hauses des HERRN, die Nebukadnezar, der König von Babel, von diesem Ort weggenommen und nach Babel geführt hat, wieder an diesen Ort bringen; auch ... den König von Juda, samt allen Weggeführten aus Juda, die nach Babel gekommen sind, will ich wieder an diesen Ort bringen, spricht der HERR, denn ich will das Joch des Königs von Babel zerbrechen.“ Das versprach Hananja dem Volk, das ihm dafür sein Ohr und sein Herz schenkte. Nun stehen sie sich gegenüber: zwei Männer, die behaupten, im Auftrag Gottes zu sprechen. Der eine sagt die Wahrheit, der andere Lüge. Aber wer? Das Volk glaubt dem, der ihnen die angenehmere Botschaft präsentiert, weil die Wahrheit schmerzt wie ein nasser Lappen, der einem um die Ohren gehauen wird. Das ist wohl bis heute so. Zwischen diesen beiden Erfahrungen nun die bitteren Worte, die Jeremia im Auftrag Gottes spricht:

 

 „Wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, so wie ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baal? Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen? spricht der HERR. Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?“ Lutherbibel 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft, Stuttgart  

 

Da möchte man den Kopf einziehen. Die Strafpredigt im Auftrag Gottes aus fällt wütend aus. Gott geht mit den Propheten ins Gericht. Gemeint sind die falschen Propheten, die den Menschen nach dem Mund reden, besonders denen, die den Ton angeben. Gemeint sind die Schönredner und Einschmeichler, die abwiegeln und verharmlosen. Gegen die wendet sich Jeremia. Er spricht Unangenehmes im Auftrag Gottes. Dessen Herz will – wie er sagt – „im Leibe brechen“, wenn er hört, was die Propheten in seinem Namen von sich geben. Sie lügen und schmeicheln, wo sie aufrütteln sollten, sie besänftigen, wo sie beunruhigen sollten. Sie schöpfen ihre Botschaften nicht aus der Quelle, die ihnen zur Verfügung steht – dem Wort, das Gott an sie richtet. Aus dem Bauch heraus reden sie, was ihnen ihr Gefühl sagt oder ein Traum zuflüstert. Da spricht nicht Gott, sondern politisches oder persönliches Kalkül oder ganz einfach die menschliche Phantasie oder Sehnsucht.

Zwischen den beiden Prophetengeschichten steht die Strafpredigt des Jeremia. Sie richtet sich an alle, die im Namen Gottes die Wahrheit mit Gefälligkeit tauschen. Noch etwas macht mich betroffen. Ein Wort des Jeremia im Anschluss an seine Auseinandersetzung mit dem Kontrahenten Hananja sagt: „Wenn aber ein Prophet von Heil weissagt - ob ihn der HERR wahrhaftig gesandt hat, wird man daran erkennen, dass sein Wort erfüllt wird.“

Es braucht seine Zeit, einen langen Atem und die Geduld des Frommen. Die Zeit wird erweisen, wer Recht hat, wenn Unterschiedliches im Namen Gottes gesprochen wird. Manchmal wird einem die Zeit lang. Vor allem, wenn man möglicherweise damit rechnen muss, selbst nicht mehr zu erleben, welches Wort richtig und welches falsch war. Vielleicht aber gibt es doch einen Halt und eine Hilfe, wenn die gegensätzlichen Botschaften im Namen Gottes auf uns stoßen und ratlos machen. Propheten sollen verkünden, was Gott ihnen gesagt hat. Ein Gotteswort sollen sie weitergeben. Doch woran erkennt man nun Gottes Wort? Gibt es einen Maßstab, ein Kriterium, das uns weiterhilft, um die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden? 

Wir Christen glauben, dass Gott sein eindeutiges Wort gesprochen hat. In Jesus Christus ist es Mensch geworden. Dieses Gotteswort ist der Eckstein und der Grund unseres Glaubens. Das ist ein Gotteswort, das tröstet, wo Trost nötig ist. Das ist ein Gotteswort, das Hoffnung schenkt, wo die Hoffnungslosigkeit in den Abgrund ziehen will. Das ist das Gotteswort an dem sich die Geister scheiden: es entlarvt und richtet, wo Sünde die Wahrheit ins Gegenteil verkehrt. An dieses Gotteswort sollen wir uns halten. An Jesus Christus sollen wir uns halten, an dem, was er gesagt, getan hat, seine Worte und seine Taten sind der Maßstab. An diesem Wort muss sich alles messen lassen: die Worte und die Un-Worte, die gesprochen werden, alle Träume, Gefühle, Stimmungen, die damit verbunden sind und erst recht auch die Taten, die den Worten folgen. Es ist eine Verheißung, ein Versprechen an dieses Gotteswort gebunden. Jesus sagt seinen Jüngern zum Abschied, dass er sie nicht allein zurücklassen will. Er will den Tröster senden, den Beistand, den Heiligen Geist. Dieser Beistand wird helfen, die Geister zu scheiden, die Spreu vom Weizen, die Lüge von der Wahrheit. Dieser Beistand wird uns helfen, gelassen zu bleiben, im Glauben stark, in der Hoffnung fest und in der Liebe beständig, wenn ein Wort gegen das andere steht. 

So können wir die Zeit ertragen und erleben: die Zeit und die Welt mit ihren vielen Stimmungen und Stimmen, Propheten und Prophetinnen. Und noch etwas sollen wir tun: um den rechten Glauben zu bitten, damit wir die Geister scheiden können, um aus der Vielzahl der Worte das eine Wort herauszuhören, das uns Leben schenkt. Vielleicht hilft uns dabei das Lied, das schon unsere Väter und Mütter im Glauben angestimmt haben, wenn sie meinten, nicht mehr so recht unterscheiden zu können zwischen Wahrheit und Irrtum:  „Nun bitten wir den Heiligen Geist / um den rechten Glauben allermeist / dass er uns behüte / auf unseren Wegen / bis wir heimfahrn / aus diesem Elende./ Kyrie eleis.“

Kyrie eleis, Herr, erbarme dich - in der Tat, das brauchen wir in diesem „Elende“ der Ratlosigkeit und der Anfechtung. Wir brauchen Gottes Erbarmen, das unseren  Glauben stärkt und trägt und belebt, damit sich das Vertrauen zu dem durchsetzt, der doch bei uns ist, alle Tage, bis ans Ende der Welt.  Amen.

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein, 3.6.2018