Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigten im Monat Januar 2018



Eine apostolische Narrenrede. Predigt über 2. Kor. 12,1-10 am Sonntag Sexagesimae 

 Lässig geht er den Gang auf und ab. Er ist sich seiner Sache ziemlich sicher. Hinter der Tür tagt das Gremium, das darüber entscheidet wer von den beiden Bewerbern das Rennen macht. Dabei sind die Würfel doch längst gefallen. Da ist er sich sicher. Eloquent und charmant hat er die Fragen beantwortet, die sie ihm beim Vorstellungsgespräch gestellt haben. Und dann sind da seine Unterlagen – die Zeugnisse, das Diplom, alles vom Feinsten, vom Besten. Gewiss, die Stelle ist mir sicher, denkt er sich. Als sein Blick auf den Mitbewerber und Konkurrenten fällt, legt sich ein Hauch von Verachtung und Mitleid auf das siegesgewisse Lächeln, das er ebenso einstudiert hat wie seinen Gang, seine Gesten, seine Wortwahl: dezent,  vornehm und zurückhaltend aber doch mit Niveau und Stil.

  

Der andere dagegen – ein Versager. Das sieht man auf dem ersten Blick. Wie er schon dasitzt: in sich zusammengesunken wie ein Häuflein Elend. Dass er die Stelle dringend braucht, lassen die Sorgenfalten ahnen, die sich über die Stirn ziehen. Wie viel Jahre älter mag er sein als der andere, der siegesgewisse: zehn Jahre, fünfzehn Jahre? Endlich geht die Tür auf. Der Personalchef erscheint, nimmt beide ins Visier, geht dann lächelnd auf den älteren zu, der eilig aufspringt, um dann bei den folgenden Worten ebenso schnell wieder auf seinen Stuhl zurückzusinken. „Es tut mir leid!“ sagt der Personalchef zu ihm. „Wir haben uns anders entschieden.“ Dann wendet er sich dem jüngern Mann zu und schüttelt ihm die Hand. „Herzlich willkommen in unserer Firma!“ sagt er. „Na, dann kommen Sie mal, ich stell ihnen unser Team vor!“ 

  

Hat Sie der Ausgang dieser Geschichte überrascht? Wahrscheinlich nicht. So geht es doch zu in unserem Land, nicht wahr? Wer über fünfzig ist, hat kaum noch Chancen, nach einer Kündigung eine neue Anstellung zu finden – vor allem dann nicht, wenn sein Mitbewerber alle Kriterien erfüllt, die heute das Zünglein an der Waage bilden. Nicht nur intelligent muss einer sein, sondern intelligent und jung. Wer darüber hinaus noch gut aussieht, braucht sich über sein Weiterkommen keine Sorgen zu machen. Wer gut reden kann, sich die Butter nicht vom Brot nehmen lässt, wer notfalls noch seine Ellenbogen einsetzen und sich gut verkaufen kann, macht das Rennen. 

  

Paulus hätte da wohl keine Chance. Er war zwar gebildet. Er stammte aus vornehmem Hause. Handwerklich geschickt war er auch. Beim Vorstellungsgespräch in der Firma hätte er trotzdem den Kürzeren gezogen. Paulus war ein kranker Mann. Sie müssen mit Verdienstaufällen rechnen, wenn Sie mich einstellen, hätte er einräumen müssen. Manchmal bekomme ich Anfälle, dann bin ich wie in Trance, ich falle zu Boden, winde mich in schmerzhaften Krämpfen. Und Depressionen habe ich auch, hin und wieder. 

Mal ehrlich: würden Sie so jemanden einstellen? Wahrscheinlich nicht. Manchmal glaube ich sogar, dieser Paulus würde nicht einmal bei der Kirche eine Anstellung bekommen. Bei der Kirche von Korinth war Paulus jedenfalls abgeschrieben. Da haben andere das Rennen gemacht. Denen haben die Leute lieber zugehört. Brilliante Prediger müssen das gewesen sein. Selbstbewusst, aggressiv und wenn’s sein muss auch intrigant. Den Korinthern hatten sie etwas zu bieten: Offenbarungen. Enthüllungen. Einblicke in die himmlische Welt, die anderen verwehrt waren. So etwas zieht immer.  Dagegen hatte Paulus mit seinen langatmigen Schachtelsätzen von der Gnade Christi keine Chance. Aus gutem Grund, sagten diese Superstars. Denn Paulus ist gar kein richtiger Apostel, behaupteten sie und zücken die eigenen Empfehlungsschreiben. Ein Schwächling ist er, ein Verlierer. 

  

Aber Paulus ist gar nicht so schwach und ängstlich, wie das seine Gegner den Korinthern weismachen wollen. Er nimmt den Kampf auf. Er hält den Korinthern eine Narrenrede! Doch Achtung. Eine Narrenrede ist keine Büttenrede. Auf Konfetti und Narhallamarsch werden wir vergeblich warten, ebenso auf die Pointen. Hören wir, was Paulus den Korinthern, die so versessen waren auf die Geschichten der fremden Apostel von Offenbarungen und übernatürlichen Erscheinungen, geschrieben hat: „Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn. Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –, der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit. Denn wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich kein Narr; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört. Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark. (Lutherübersetzung 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft) 

  

Gelacht hat wohl niemand über die Narrenrede des Apostels. Dazu war der Anlass zu ernst. Narren nennt Paulus seine Gegner und schreibt den Korinthern: „Ihr ertragt gerne die Narren und merkt gar nicht, wie sie euch übers Ohr hauen! … Ihr lasst euch ausnützen und erniedrigen und sogar schlagen. Ich muss es zugeben, dazu war ich niemals fähig! Vielleicht hat euch das gefehlt! “  Bitter klingen diese Worte. Sie lassen die Enttäuschung ahnen, die Wut im Bauch, die Zornestränen in den Augen. Die Narren, die Paulus meint, tragen nicht nur im Fasching Masken. Sie verbergen ihr wahres Gesicht, ihre wahren Absichten: sie wollen die Macht über andere. Nichts anderes als Macht. 

  

„Auch ich bin ein Narr geworden! Dazu habt ihr mich gezwungen!“ schreibt Paulus den Korinthern und geht zum Angriff über. Er setzt die  Methoden seiner Gegner ein und  beginnt, Referenzen aufzulisten: Sie sind Hebräer – ich auch! Sie sind Israeliten – ich auch! Sie sind Abrahams Kinder – ich auch! Sie sind Diener Christi – ich rede töricht: ich bin’s weit mehr! Sie haben Visionen – ich auch....“.  Dann erzählt Paulus von seinen Visionen. Das Paradies hat Gott ihn schauen und Worte hören lassen, die kein Mensch wiedergeben kann. Nur widerwillig und zögernd erzählt er davon.  Dass er damit ähnlich wie seine Gegner redet, ist ihm gar nicht recht. Wie gesagt: das sind die Methoden und Taschenspielertricks der Narren. 

  

Paulus will sich nicht seiner Herkunft rühmen und auch nicht seiner großen Begabungen und Fähigkeiten. Er rühmt sich viel lieber seiner Schwachheit und erzählt von dem Leiden, von seiner Krankheit und davon, wie oft er Gott angefleht hat, ihn doch von diesem Leiden zu befreien. „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ Das ist alles, was Gott ihm antwortet, als er ihm sein Schicksal klagt. Gott hat ihm die Last des Leidens nicht abgenommen, das ihn so uninteressant sein lässt für Menschen, die nur Augen haben für alles, was schön und stark und erfolgreich und beeindruckend ist. Wer auf den schönen Schein schaut, verliert das Niedrige und Geringe aus den Augen. Er beginnt, es mit der Zeit zu verachten, weil es eben nicht schön ist. Was nicht schön und stark ist, kann nicht von Gott sein, oder? In der Gefahr, so zu denken, stehen die Korinther. Wer das Niedrige und Geringe aus den Augen verliert, beginnt nämlich, Gott aus den Augen und aus den Herzen zu verlieren. 

  

„Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ sagt Gott zu Paulus. Beim Schwachen, beim Niedrigen und Geringen ist Gott zu finden. Ich will nicht die Erfolgreichen verdammen und die Erfolglosen verklären. Die Narrenrede des Apostels richtet sich nicht gegen die Fleißigen, die sich etwas aufbauen und will auch nicht den Lohn der Mühen madigmachen. Es geht auch nicht gegen die Geschickten, denen alles leicht von der Hand geht. Es geht gegen die Narren, die ihre Gaben und Begabungen einsetzen, um sich Menschen gefügig zu machen. Es geht um die Narren, die ihre Masken tragen, damit das wahre Gesicht und die wahren Absichten nicht erkannt werden. Es geht darum, wo Gott zu finden ist und wo nicht. Gewiss nicht bei diesen Narren. Gott ist kein Freund des schönen Scheins und der Prahlerei. Gott ist auch kein Freund des Erfolgs auf Kosten der Schwachen. Deshalb hat er einen kränklichen Mann zum Apostel berufen, der den Menschen diese Nachricht bringen soll: dass Gott die Schwachen nicht übersieht, dass Gott nicht vorbeischaut am Elend der Menschen, dass Gott nicht die Ohren und erst recht nicht das Herz verschließt vor denen, die am Boden liegen. 

  

Deshalb führt der Weg des Apostels nicht in die Chefetage der Narren. Er führt in die Hinterhöfe und Elendsquartiere des menschlichen Lebens, in die Gefängnisse, wo Paulus geschlagen wird, aufs Meer, wo Paulus Schiffbruch erleidet, unter Räuber und Banditen, die sein Leben bedrohen und zu den Menschen, die Not leiden an Leib und Seele. So folgt er Jesus nach, der sich auf den Weg zu den Menschen in dieser Welt gemacht hat, auf den Weg zu uns. Anders als die Narren und Angeber bleibt Paulus seinem Weg treu. Er führt   schließlich nach Rom, auf den Richtplatz, in die Niederlage in die größte und tiefste Hilflosigkeit und Schwäche. So vollendet sich sein Weg in der Leidensnachfolge. Was bleibt ist die Hoffnung. Die Hoffnung, dass Gott bei den Schwachen ist, bei den Erfolglosen, bei den Gescheiterten – und dass er ihnen das Leben schenken will. Der Grund dieser Hoffnung ist die Auferstehung Jesu. 

  

So werden die Narren Lügen gestraft. Sie vergessen, dass sie selbst auch einmal diesen Weg in die absolute Schwachheit gehen werden, am Ende, wenn der Tod auf sie wartet. Da fallen alle Masken, da wird offenbar, was wir sind: schwach und hilflos. So sind wir in diese Welt hineingeboren worden. Schwach und hilflos werden wir sie verlassen. Da tröstet nur noch das Wort von Gott, dessen Kraft in den Schwachen mächtig ist – mächtig genug, um aus dem Tod in das Leben zu führen. 

  

Paulus hat seine Schwachheit eingestanden. Das macht ihn groß und stark. Vielleicht könnte uns das ein Hinweis auf die Glaubwürdigkeit von Meinungsmachern sein, ein Maßstab dafür, ob sie Narren und Angeber sind oder Menschen nach dem Willen Gottes: wenn in ihren Worten und in ihren Herzen Raum für die Schwachen und Erfolglosen ist und wenn Erfolg und Gewinn, Macht und Besitzstandswahrung nicht das Letztgültige ist, wenn der Zweck nicht die Mittel heiligt, was immer auch dieser Zweck sein mag.   

Paulus hat uns gezeigt, wo Gott zu finden ist und wo das Leben zu finden ist: dort, wo die Hoffnung sich gegen die Verzweiflung durchsetzt, weil sie sich auf Christus gründet: den Erfolglosen und Unscheinbaren, der uns mit seinem Scheitern am Kreuz das Leben geschenkt hat und dessen Kraft in den Schwachen mächtig ist.  Wenn allerdings die Kreuze in unseren Häusern, Schulen und Chefetagen abgehängt werden, wenn sie aus den Amts – und Richterzimmern genommen werden, verlieren wir dieses Erinnerungszeichen, wir verlieren es erst aus dem Blickfeld, dann aus dem Sinn und irgendwann aus dem Herzen. Das Kreuz erinnert uns daran, wo Gott vor allem zu finden ist – bei den Schwachen. Vielleicht brauchen wir deshalb immer wieder die Narrenrede des Apostels, damit wir das nicht vergessen. Wir brauchen offene Herzen und offen Ohren, dass sein Wort den Weg zu uns findet. Amen. 

 

© Pfr. Stefan Köttig, Altenstein, 4.2.2018


Das rechte Rühmen oder eine gute  Performance? Predigt über Jeremia 9,22 - 23 am Sonntag Septuagesimae) 
   „Einen  kleinen Moment bitte, der Herr Professor kommt gleich!“ sagt die Sekretärin und erlaubt mir, auf dem Besucherstuhl vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Dann zieht sie sich ins Vorzimmer zurück. Ich warte. Der „kleine Moment“  dehnt sich in die Länge. Aus fünf Minuten werden zehn und so weiter. So ist das eben, wenn man warten muss. Es macht demütig. Der Herr Professor ist im Gegensatz zu mir so sehr beschäftigt, dass er nicht rechtzeitig zum vereinbarten Termin da sein kann. Er will ja auch nichts von mir, außer vielleicht nach der Beratung sein Honorar. Aber ansonsten bin ich es, der etwas will, ein Gutachten, eine Untersuchung, einen Rat. Weil ich warte, habe ich Zeit, mir die Bilder und Urkunden anzusehen, die an der Wand hängen – für jeden sichtbar. Sie zeigen mir, worauf der Gelehrte stolz ist – sicher zu Recht. Ich sehe jede Menge Diplome, Auszeichnungen, Fotos mit Prominenten, die dem Herrn Professor dankbar die Hand schütteln: Politiker, Schauspieler und andere hochrangige Persönlichkeiten haben schon bei ihm vorgesprochen. Das beeindruckt mich. 
  Heutzutage muss man allerdings kein Promi sein, kein Professor, kein Politiker oder Schauspieler, um sich in der Öffentlichkeit darzustellen, um der Welt zu zeigen, worauf man stolz ist, was man kann oder was man im Leben erreicht hat. Facebook, Instagram & Co machen’s möglich. Das sind die Plattformen der Selbstdarstellung für alle – für die Berühmten und für Otto Normalverbraucher, also für Menschen wie dich und mich. Heute braucht man eigentlich nur ein gesundes Selbstbewusstsein, einen Account bei mindestens einem der sozialen Netzwerke und eine Handykamera für Selfies – das genügt, um sich vor den Augen der Welt darzustellen. Was der Herr Professor mit seinen vielen Auszeichnungen an der Wand und was Otto Normalverbraucher mit Handy und Facebook Seite wohl zu den Worten des Propheten Jeremia sagen würden, die er heute an uns richtet?  
  Im 9. Kapitel lesen wir: „So spricht der Herr: ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.“
  Es geht um das „rechte Rühmen“ – so lautet die Überschrift in meiner Bibel über diesen Abschnitt. Vielleicht kann man auch sagen:  es geht um unsere „Performance,“ die Art, wie wir uns präsentieren und das, worauf wir stolz sein können. Ich habe einmal gelesen, was es denn damit auf sich hat, dass wir Menschen uns gerne rühmen, uns gerne darstellen und präsentieren. Es geht um viel mehr, als nur darum, ein paar schöne Worte der Bewunderung einzuheimsen. Die Menschen suchen nach einer Bestätigung für sich und ihr Leben, deshalb rühmen sie sich vor den anderen, deshalb zeigen sie sich von ihrer (vermeintlich) besten Seite, deshalb drehen die Jüngeren Videos, die sie bei Youtube hochladen, bewerben sich bei Casting Shows und hoffen, am Leben der Schönen und Reichen Anteil zu bekommen. Im Grunde sehnt sich aber jeder von uns danach, dass jemand zu ihm sagt: es ist gut, dass es dich gibt. „Ich muss doch auch für etwas gut sein“ sagte mir einmal jemand in einem Gespräch, begleitet von einem tiefen Seufzer, der eine Menge Selbstzweifel ahnen ließ. Vor allem alte Menschen leiden darunter, wenn sie nichts mehr tun können. „Ich bin zu nichts mehr zu gebrauchen!“ höre ich sie klagen. Sie fühlen sich überflüssig. Wertvoll ist man doch nur, wenn man etwas leisten kann, wenn man etwas tun kann. In diesem Glauben sind sie erzogen worden, danach haben sie gelebt und darunter leiden sie im Alter.
  Weisheit, Reichtum, Stärke sind Güter, dessen sich Menschen aber nicht rühmen sollen, hören wir den Propheten sagen. Warum nicht, möchte ich darauf einwenden. Warum nicht zeigen, worauf man stolz ist! Warum soll man nicht zeigen, was man kann oder was einen freut. Der eine zeigt halt, dass er zu der Welt der Schönen und Reichen gehört, der andere hängt Urkunden an die Wand und ein dritter präsentiert im World Wide Web stolz den Riesenfisch, den er beim Angeln an Land gezogen hat. Wenn ich dem Propheten Jeremia Glauben schenke, dann spielen aber weder mein gesellschaftlicher Status, noch mein Einkommen, weder meine Erfolge, auch keine Klicks und Likes im Internet eine Rolle, wenn es darum geht, was meinem Leben wirklich Sinn und Tiefe gibt. „Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.“ 
  Die Klugheit, auf die es ankommt, hat dabei nichts mit Intelligenz, mit Bildung und Diplomen zu tun. Wie sehr geht es in unserem Leben um Beziehungen, „Connections“ sagen wir auch dazu. „Ohne Vitamin B“ läuft gar nichts, oder? Wer von uns hat sich das nicht schon mal gedacht, vor allem dann, wenn er meint, dass er nicht zum Zug gekommen ist. Wie sehr strecken wir uns aus nach Anerkennung, danach, gesehen, wahrgenommen, gelobt und bewundert zu werden. Dabei übersehen wir den Kontakt, auf den es vor allem ankommt.. Klug ist, wer  den in Wahrheit einzig wichtigen Kontakt ausgiebig nutzt und einsetzt, den Kontakt zu Gott,  der zu meinem Leben Ja sagt – ohne Vorbedingungen zu stellen. Der Kontakt zu Gott verleiht mir eine Würde, die unabhängig ist von Ruhm, Einkommen oder Ansehen. Warum nutzen wir ihn so wenig? Gott sagt Ja zu mir. Das genügt, dass ich sein darf wie ich bin. „Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne...“.  Sind wir stolz darauf, dass Gott uns kennt? Spielt es eine Rolle in unserem Leben, dass wir bei ihm gut dastehen, dass wir von ihm geliebt werden? Für manche ist es eine Ehre, ein Zeichen des Aufstiegs, wenn ihnen der Chef auf die Schultern klopft oder wenn sie merken, dass der Direktor ihren Namen nach der Weihnachtsfeier nicht vergessen hat. Es könnte ja sein, dass man einen guten Eindruck gemacht hat, dass man bei der nächsten Beförderung berücksichtigt wird. Klopft das Herz vor Freude, wenn uns gesagt wird, dass uns der mit Namen kennt, dem wir unser Leben verdanken? Eigentlich müssten wir darauf unglaublich stolz sein! Oder? Gott kennt mich! Gott schätzt mich! Gott hat mich bei meinem Namen gerufen. Der Schöpfer des Himmels und der Erde! Er schätzt mich. Ja, er liebt mich! Das wäre doch etwas, dessen wir uns rühmen dürfen! Seltsamerweise nehmen wir das zwar zu Kenntnis, wenn es uns gesagt wird, aber dann gehen wir wieder über zur Tagesordnung. Ob das daran liegt, dass wir das im Grunde nicht glauben? Es spielt im Leben anscheinend keine Rolle. Wir schauen so sehr auf das, was uns weiterhilft und überhören dabei, womit wir bei Gott punkten könnten. Jeremia verrät es uns. Indem wir weitergeben, was wir von Gott empfangen haben: Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit. 
  Jesus Christus, der menschgewordene Gott hat diese Begriffe mit Leben erfüllt. Wenn ich auf seinen Lebensweg sehe, begreife ich, warum ich mich nicht meiner Weisheit, meines Reichtums oder meiner Stärke, also meiner Möglichkeiten, rühmen muss, weshalb es besser ist, sich dieses Gottes zu rühmen. Weil Gottes  Barmherzigkeit, sein Recht und seine Gerechtigkeit durch Jesus ihren Weg zu mir gefunden haben. Jesus kommt zu den Menschen, legt ihnen die Hände auf, um sie zu segnen, er nimmt sie in die Arme, um sie zu trösten, er nimmt die Last schwerer Schuld von den Menschen. So erreicht die Barmherzigkeit Gottes die Herzen der Menschen. Sie findet ihren Weg auch zu uns. Zum Beispiel, wenn wir auf das Prophetenwort aus dem Alten Testament hören, wenn wir an uns heranlassen, was uns da zugesprochen wird, wenn wir es hereinlassen in unser Herz, dieses Wort. Dann werden wir klug und erkennen Gott, wie er ist: Gott will uns zum Leben verhelfen, das seine Berechtigung nicht erst durch menschliche Leistung erhält. Im Gegenteil: er schenkt uns das Leben, indem er sich uns zuwendet. Darüber sollen wir staunen und vom Staunen ins dankbare Loben und ins Rühmen kommen.
  Gottes Barmherzigkeit, die Art, wie er Recht und Gerechtigkeit übt, betrifft mich persönlich. Nicht, dass mir jetzt alles andere gleichgültig ist. Ich möchte weiterhin gerne weise und klug sein. Geld spielt in meinem Leben keine unbedeutende Rolle. Aber: „Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne...“ sagt Gott durch seinen Propheten Jeremia. Darauf bin ich stolz. Ich vertraue einem Gott, der barmherzig ist und der mir Mut macht, selbst barmherzig zu sein. Ich hoffe auf sein Recht, das sein Fundament in der Liebe zu uns Menschen hat. Ich lebe von seiner Gerechtigkeit, die mich freispricht, wenn ich mich selbst in Schuld und Widersprüche verstricke. Das macht mir Mut, den Mund aufzutun und zu rühmen - nicht meine eigenen Leistungen, sondern Gottes liebevolle Zuwendung zu den Menschen.  Sie verleiht Würde. Uns allen. Also mir und ebenso dem Herrn Professor, auf den ich so lange warten muss. Amen. 
  © Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein,28.1.2018


 


Von Schnittstellen des Glaubens und Gnadenorten. Predigt über Offenbarung 1,9-18.

Eine Schnittstelle ist der Teil eines Systems, welcher der Kommunikation dient - dem Austausch von Nachrichten. So habe ich das einmal gelesen.  Heute soll es um  eine besondere Art von Schnittstellen gehen, um geistliche Kontakt -  und Berührungspunkte gehen. Wie sehen wir, wie erleben und deuten wir die Welt? Sind wir Realisten? Sind wir Materialisten? Glauben wir nur an das, was sich beweisen lässt? Glauben wir nur Fakten, die sich einer hieb - und stichfesten Überprüfung unterziehen lassen? Ist alles andere nur Humbug, nur Irreal? Dann sind wir zu bedauern. Wir sehen nur einen Teil der Welt und halten diesen Teil für das Ganze. Unser Glaubensbekenntnis erinnert uns aber daran, dass es neben unser Welt, die wir sehen und in der wir leben, noch eine andere gibt, die uns meist verborgen ist. Wir glauben mit den Worten des Bekenntnisses von Nizäa - Konstantinopel an „Gott, den Vater, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt….“ Die Bibel erzählt uns von Menschen, die in Berührung mit der unsichtbaren Welt gekommen sind. In der Sprache der Frommen werden diese Schnittstellen oder Berührungspunkte Gnadenorte genannt. Das sind Orte, an denen die himmlische und sichtbare Welt füreinander durchlässig werden.


Da war zum Beispiel Jakob, der Schlawiner. Der hatte sich den Zorn seines Bruder Esau zugezogen und musste deshalb ins Ausland fliehen. In der Nacht unter freiem Himmel hatte er einen Traum. Oder war es eine Vision?  Er sieht den Himmel offen. Eine Treppe oder eine Leiter nimmt er wahr, die den Himmel mit der Erde verbindet. Boten erkennt er, die auf und absteigen, Engel nennen wir sie. Vom Himmel weht eine Stimme an sein Ohr. Da weiß er, dass sie von Gott kommt. Eine Zusage und einen Auftrag hört er und mit dem Klang dieser Stimme im Ohr erwacht er.  „Wie heilig ist diese Stätte“ ruft er aus. „Hier ist nichts anderes als Gottes Haus und hier ist die Pforte des Himmels.“ Dann errichtet er ein Steinmal, eine Stele, auf die er Öl gießt - ein Akt der Weihe. Beth El - Haus Gottes nennt er diesen Ort, der so eine Schnittstelle war, zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt. Das steinerne Denkmal sollte alle, die diese Stätte besuchen, auf die Besonderheit dieses Ortes hinweisen.


Im Sonntagsevangelium hören wir von den drei Jüngern, die mit Jesus auf einen Berg steigen. Berge waren schon immer besondere Orte, an denen man den Wohnsitz der Götter vermutet hat. Vielleicht, weil die wolkenverhangenen Gipfel besonders hoher Berge den Blicken der Menschen entzogen waren? Dort oben werden die Jünger Zeugen der Verklärung ihres Herrn. Was für ein poetischer Begriff. Er bezeichnet einen besonderen Vorgang. Auf Jesus legt sich der Glanz der göttlichen Herrlichkeit. Den Jünger wird die Gottheit Jesu offenbart, die sie vielleicht immer schon erahnt haben, wenn Jesus Tote ins Leben zurückruft, Besessene von ihren Dämonen befreit und in Vollmacht lehrt. Und doch - in dieser göttlichen Eindeutigkeit erleben sie ihn zunächst nur auf dem Berg. Nicht allen wird dieser Einblick geschenkt, allein dem engsten Freundeskreis wird das ermöglicht: Petrus, Jakobus und Johannes. Sie sehen Jesus in inniger Verbundenheit mit den Vätern ihres Glaubens, mit Mose und Elia sprechen. Sie hören die Stimme Gottes: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Den sollt ihr hören“ - und fallen überwältigt von Angst und Ehrfurcht zu Boden. Als sie die Augen wieder aufheben, ist der Glanz erloschen, der vertraute Jesus steht vor ihnen. „Fürchtet euch nicht“ Mit diesem Zuspruch holt er sie zurück in die Wirklichkeit. Die Jünger haben zwar keinen Altar und auch kein Steinmal errichtet. Aber Petrus wollte zumindest drei Hütten bauen.  Aber daraus wird nichts. Gnadenorte sind Schnittstellen, Berührungspunkte. Sie sind nicht zum dauerhaften Verbleib gedacht, sie dienen als Orte der Kommunikation, des Austausches: hier ergeht Zuspruch, Auftrag, Ermahnung. Was man hier erfährt, soll sich im Alltag bewähren, soll trösten und zum Glauben helfen. Vor allem dann, wenn der Glaube schwer fällt, wenn die Zweifel stark oder die Angst um das eigene Leben groß ist.


Heute hören wir in der Offenbarung, dass auch Straforte zur Gnadenstätten werden können. Johannes war auf Patmos, einer kleinen griechischen Insel, gewiss kein Urlaubsort und erst recht kein Paradies. Unwirtlich, heiß und eintönig. So stelle ich mir diesen Flecken Erde vor, an dem Johannes eine Vision hat. Gleich im ersten Kapitel erfahren wir von einer seltsamen und überwältigenden Begegnung, die der Seher dort hatte. Sie ist aufgeschrieben im Buch der Offenbarung im 1. Kapitel: 


Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea. Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle… (Luthertext 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft)


Es ist Jesus, den Johannes sieht. Wie den Jüngern auf dem Berg der Verklärung, so begegnet er dem Seher in seiner Göttlichkeit, beängstigend und beeindruckend zugleich. Eine im wahrsten Sinne umwerfende Begegnung. „Als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot…“  schreibt er. Es braucht den Zuspruch, die Aufrichtung, die Berührung, den Kontakt. „Fürchtet euch nicht“ sagt Jesus und rührt die Jünger an, die ebenfalls niederfallen.  „Fürchte dich nicht“ sagt der Auferstandene zu dem Seher und legt seine rechte Hand auf ihn. Was hier erlebt wird, soll den Menschen helfen, den Alltag vom Glauben her zu deuten, ihren Glauben zu leben, das tägliche Leben zu bewältigen, soll aufrichten, nicht umwerfen. 


Der Alltag dieser Frommen ist selbst nach dieser Berührung gewiss nicht einfacher geworden. Jakob musste etliche Jahre bei seinem Onkel Laban hart arbeiten. Die Jünger steigen vom Berg und müssen die Ohnmacht und Hilflosigkeit ihrer Weggefährten erleben. Sie erfahren, dass die anderen Jünger einem jungen, kranken Mann nicht helfen können. Später werden sie mit ansehen müssen, wie ihr Herr verraten und getötet wird und wieder können sie nichts tun. Zu groß ist die Angst, die Hilflosigkeit, das Unvermögen. Ein Menschenleben später fällt  Johannes um seines Glaubens willen beim Kaiser in Ungnade. Er musste wohl damit rechnen, dass er sein Leben auf dieser kleinen Insel beschließt. Jederzeit kann der Kaiser Soldaten mit dem Todesurteil schicken, ein Fieber kann ihn hinraffen, der Tod ist erfinderisch. 


Johannes soll aufschreiben, was er erfahren hat und es an die Gemeinden senden. Die unsichtbare Welt will sich mitteilen. Gott will sich mitteilen. Er will sich uns mitteilen. Deshalb gibt es sie auch heute noch, diese Berührungspunkte, diese heilvollen Begegnungen, die aus gewöhnlichen Orten Gnadenorte machen. Auch in unserem Alltag gibt es Momente, in denen sich der Vorhang ein wenig hebt und wir eine Ahnung von der anderen Seite der Wirklichkeit, von der unsichtbaren Welt, erleben dürfen, von der Macht und Gegenwart Gottes unter uns. Unsere Lieder geben ein Zeugnis davon ab. Vielleicht singen wir eines von ihnen deshalb besonders gerne. Es bringt zum Ausdruck, wonach wir uns sehnen, nach einer Berührung mit dem Göttlichen. Ich denke an das Lied von den Guten Mächten, die uns wunderbar bergen.  „Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet / so lass uns hören jenen vollen Klang / der Welt die unsichtbar sich um uns weitet / all deiner Kinder hohen Lobgesang“ konnte Dietrich Bonhoeffer in Zeiten höchster Bedrängnis und den Tod ahnend schreiben. Er wusste sich umgeben von den guten Mächten, die schon immer da waren, die schon zu Jakobs Zeiten vom Himmel auf die Erde gestiegen sind und die den Hirten auf dem Feld die Botschaft von der Geburt des Erlösers verkündet hatten. Bonhoeffers Worte trösten, ermutigen und stärken bis heute Menschen, vor allem in kritischen Lebenssituationen. So wie die Worte des Sehers Johannes seine Zeitgenossen getröstet, ermahnt, betroffen gemacht und im Glauben gestärkt haben.


Der Seher Johannes hat erfahren, dass auch Verbannungsorte zu Gnadenorten werden können. Und ich habe immer wieder erfahren, wie sich Orte der Trauer zu Stätten der Hoffnung wandeln. Sterbebetten zum Beispiel können zu Orten werden, an denen die Hoffnung auf das Leben und nicht die Angst vor dem Tod spürbar wird. Ich werde nie  die sterbende Frau vergessen, die ich als junger Pfarrer besucht habe. Schon vom Tod gezeichnet und vom Krebs zerfressen lag sie in ihrem Bett. Die ersten Worte, die sie zu mir gesprochen hatte, waren die Worte Bonhoeffers: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, / erwarten wir getrost, was kommen mag …“ Nein, unser Alltag ist nicht grau und eintönig. Er ist geheimnisvoll und hoffnungsvoll. Immer wieder erleben wir es, nicht nur im Angesicht des Todes, sondern auch in Zeiten besonderer Freude und an Tagen, an denen das Leben besonderes Glück für uns bereithält. Es gibt sie, diese Berührungspunkte zwischen Himmel und Erde. Diese Erfahrung ist manchmal überwältigend. Wir fallen dann zwar nicht zu Boden, wie die Jünger oder wie der Seher Johannes, aber vielleicht treten uns die Tränen in die Augen, spüren wir, wie der Friede Einzug hält in unsere Herzen, wie wir berührt werden von der Gegenwart Gottes. Vielleicht geschieht das, wenn uns ein Bibelwort anspricht, wenn es uns auf einmal betrifft, so als ob es für uns aufgeschrieben wäre, obwohl es schon mehrere tausend Jahre alt ist und uns dennoch den Himmel erschließt. 


Wie es wohl den Lesern der Sendschreiben ergangen ist?  Sie hörten ein besonderes Bekenntnis. Ein Wort, das die Angst vor dem Kaiser in Rom wohl gedämpft hat. Ein Wort, das ihn in die Schranken gewiesen hat. Was löst dieses Wort bei uns aus? Es wird uns in wenigen Wochen wieder begegnen - als Wochenspruch für das Osterfest. Mit diesem Wort rückt der Auferstandene die Realität zurecht, setzt er uns über die wahren Machtverhältnisse in Kenntnis: „Ich war tot und siehe, ich bin lebendig, von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle…“


Mit diesen Worten gehen wir nicht nur in die neue Woche. Wir bereiten uns vor auf einen neuen Abschnitt im Kirchenjahr. Das Weihnachtsfest liegt hinter uns. Die Christbäume sind abgeleert und entsorgt, der Alltag hat uns längst wieder eingeholt. Und doch begleitet uns etwas in unseren Sorgen, in den täglichen Ärger, wenn wir im Stau stehen, wenn die Stechuhren klingen, wenn wir hastig Einkäufe erledigen, ängstlich auf Prüfungen lernen oder von Schichtwechsel zu Schichtwechsel vor uns hinleben. Es ist der hohe Lobgesang der Engel, ihr Echo weht immer noch über die Erde, es ist der Glanz der Herrlichkeit Gottes, der auf dem neugeborenen Kind liegt, es ist die Freude des alten Simeon, der das Jesuskind mit seinen Eltern im Tempel sieht, es ist die Erfahrung der Frommen und Gottesfürchtigen, an denen wir teilhaben, von denen uns berichtet wird und es ist die Hoffnung, die unsere Väter und Mütter uns ins Herz gepflanzt haben, die Hoffnung, dass wir dazugehören, dass er, der zu dem Verbannten auf Patmos gesprochen hat, auch uns das Tor zum Leben aufschließen wird. Christus, der die Schlüssel des Todes und der Hölle hat, erschließt  uns den Weg in das Leben, das seinen Namen verdient. Wie es sein wird, dieses Leben, davon bekommen wir immer wieder eine Ahnung. Wir ahnen das Leben, wenn unser Herz leicht wird, wenn wir spüren, wie sich die Liebe in uns ihren Weg bahnt, wenn der Glaube leicht und die Hoffnung so stark wird in uns, dass selbst der Tod resigniert. Nicht immer, nicht jeden Tag erleben wir das. Das macht nichts. Wir haben die Gnadenorte, die uns davon erzählen, von dem, was gilt, die uns erinnern an die Momente, in denen sich Himmel und Erde berühren und in denen unser Leben sich wandelt. Vollenden wird es sich in der Ewigkeit. Amen.

21.1.2018


Aus welchen Quellen schöpfen wir? 

Hat Ihnen das Wasser geschmeckt? Das geschieht nicht oft, dass man vor dem Gottesdienst mit einer Erfrischung begrüßt wird, nicht wahr? Waren Sie überrascht? Erfreut? Irritiert? Früher hat man die Pilger so oder ähnlich willkommen geheißen. Die erschöpften Menschen sollten sich stärken. Schließlich hatten sie meist einen weiten Weg hinter sich.  Gastfreundschaft zu zeigen, war selbstverständlich. Und selbstverständlich war es auch, diese Gaben anzunehmen, nicht abzuweisen. Danke, ich hab keinen Durst? Nein, so etwas wäre einem Pilger nicht über die Lippen gekommen. Eine Gabe, ein Zeichen der Freundschaft weist man nicht zurück.

Dieses Glas Wasser am Eingang konnten Sie getrost trinken. Ich weiß nicht, ob ich das in jedem Land der Welt so machen würde. Nicht überall ist Wasser unbedenklich trinkbar.  Ist uns das eigentlich bewusst, welcher Schatz uns mit einem Glas frischen, gesunden, klaren Altensteiner Quellwasser zum Jahresbeginn in die Hand gedrückt wurde? Denken wir daran, was für ein Luxus das ist, dass wir morgens nur den Wasserhahn aufdrehen müssen, um Wasser zum Duschen und später zum Kaffee kochen zu haben? Es gibt Länder, in denen das nicht selbstverständlich ist und in denen Leitungswasser, wenn es denn überhaupt  aus den Rohren tröpfelt, nicht trinkbar ist. Aber das ist nicht der Grund, warum wir Sie heute Abend mit einem Glas Wasser begrüßt haben. Das war ein kleiner Hinweis auf das Thema des Gottesdienstes. Wir denken über die Jahreslosung nach. Sie steht in der Offenbarung, im letzten Buch der Bibel. Dort steht, was uns am Ende der Zeiten erwartet. Wir denken dann meist an Tod und Auferstehung und Gericht. Am Ende erwartet uns das Leben in Fülle. Am Ende wird der Durst gestillt, der uns heute noch umtreibt. Gott spricht: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst!“ Gott selbst schenkt uns das Leben ein - wir müssen nichts tun. Wir müssen die Gabe nur annehmen, das Leben in Fülle annehmen. Ein Bild für diese Lebensgabe ist das Wasser. 

Wasser ist ein Lebensmittel. Ein Mittel zum Leben. Es ist notwendig. Das heißt, es wendet die Not. Die Not - das ist der Durst. Wenn wir nicht genug trinken, nehmen wir gesundheitlich Schaden. Wenn wir überhaupt nicht trinken, müssen wir sterben. Wasser wehrt dem Tod. Wasser schenkt Leben. Das dürfen und müssen wir erst einmal wörtlich nehmen. Ohne Wasser kein Leben. Aber dann natürlich auch im übertragenen Sinn. 

Wie ist das, wenn wir Durst haben? Das ist kein schönes Gefühl! Der Mund wird trocken. Die Kräfte, die Lebenskräfte, in uns versiegen, wir werden müde, schwach. So meldet der Leib seine Bedürfnisse an. Aber nicht nur der Leib signalisiert uns, wenn ihm etwas fehlt. Auch die Seele hat Hunger und Durst. Auch die Seele macht sich bemerkbar. Das geschieht in der Sehnsucht. In dem Wort sind zwei Begriffe verborgen, die so viel aussagen: das Sehnen und das Suchen. Wie kann man Sehnsucht bildhaft darstellen? Ich sehe ein kleines Kind vor mir, das sich sich nach der Mutter ausstreckt.  Es weint und breitet die Ärmchen aus. Wenn sich die Mutter zu ihm herunterbeugt und es aufhebt, schlingt das Kind die Ärmchen um den Hals der Mutter und reibt seinen kleinen Kopf an ihre Wange, sucht Körperkontakt. Meist beruhigt es sich dann nach einer Weile. So ist das mit der Sehnsucht. Auch die Seele streckt sich aus. Sie hat Verlangen nach Geborgenheit und Schutz, nach liebevoller Zuwendung.  Da bin ich beim zweiten Begriff der Sehnsucht - das Suchen. Sehnsucht ist ein suchendes Ausschau halten nach einem, der mir geben kann, wonach meine Seele verlangt. „Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott!“ sagt Psalmbeter. Er spürt, dass die Seele nur bei ihm, dem lebendigen Gott, findet, wonach sie verlangt. Die Seele, das ist nicht ein Teil von mir. Die Seele, das bin ich selbst, in meinem Verlangen, meinem Ausschau-Halten nach Geborgenheit, nach Sinn, nach Angenommensein, nach Liebe. Dieser Gott wendet sich uns zu. Er sagt: ich will dir geben, wonach du verlangst. Ich will dir lebendiges Wasser geben, das deinen Durst stillt, den Durst nach Leben, die Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit. Nur - wie geschieht das? Wie gibt uns Gott das Wasser? Er wendet sich uns persönlich zu. Im Neuen Testament wird berichtet, wie Jesus bei einem hohen Fest in Jerusalem den Leuten zuruft:  „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen.“ (Johannes 7,37) Jesus sagt: Ich bin die Quelle, aus der euch Kraft und Leben zuströmt. Ich bin die Antwort auf eure Lebensfrage, auf eure Suche nach einem erfüllten Lebenssinn. Jesus ist die Antwort, weil er die Liebe ist, die Mensch gewordene Liebe. In Jesus wendet sich Gott selbst den Bedürftigen zu, den sehnsüchtigen, den zweifelnden, den kranken und sterbenden Menschen.  Wenn Gott sagt, dass er den Durstigen geben will von der Quelle des lebendigen Wassers, dann macht er das vor allem durch seinen Sohn. In ihm wendet er sich ihnen zu, in ihm wendet er sich uns zu und schenkt Heil und Heilung. Er reicht uns das lebendige Wasser. Leben in Fülle gibt es nur bei Gott, weil Gott selbst das wahre Leben ist. Jesus ist der Sohn Gottes. In ihm ist das Leben erschienen. Wenn Jesus die Jünger in seine Nachfolge ruft, lädt er sie ein die Lebensgemeinschaft, also in die Gemeinschaft des wahren Lebens.

Wenn wir die Unruhe und Unzufriedenheit der Seele in uns spüren, merken wir, dass wir noch nicht an der Quelle sind, dass wir Mangel haben und darunter leiden. Dann sind wir eingeladen, uns aufzumachen, hinzugehen, aus der Quelle zu trinken, in der unsere Sehnsucht gestillt wird, in der unsere Seele Frieden findet. Das geschieht durch gelebten Glauben. Ist Ihnen schon einmal in den Sinn gekommen, wie sinnlich unser Glaube ist, dass wir Gemeinschaft mit Gott über unsere Sinne erleben? Das geschieht zum Beispiel durch Essen und Trinken. Wir empfangen Brot und Wein vom Tisch des Herrn. So erleben wir Gemeinschaft mit ihm. Wir werden mit Wasser getauft, dem kostbaren Gut, ohne das wir verdursten müssten. Dieses Wasser erinnert daran, was uns  aufleben lässt, was unser Leben in einen blühenden Garten verwandelt - die Gemeinschaft mit Gott, der sich uns in Jesus Christus persönlich zuwendet, der uns in der Taufe mit Namen ruft und der uns einlädt zu einem Leben mit ihm. Aus dieser Quelle können wir schöpfen und uns stärken, zum Beispiel durch das persönliche Gebet oder in der Feier des Gottesdienstes. So erfahren und erleben wir Gemeinschaft und aus dieser Lebensgemeinschaft mit Christus schöpfen wir Kraft. So wie frisches Wasser uns die Lebenskraft zurückbringt, die wir in der Hitze des Alltags oft verlieren, so wird seine Liebe uns heilen und den Frieden schenken, den wir uns selbst nicht geben können. Amen.

7.1.2018


Christus in euch - Predigt zu Epiphanias 2018

„O Gott, hoffentlich will der nicht zu mir!“ denkt sich Tobias Z., als er den Reporter mit dem Mikrofon in der Hand auf sich zukommen sieht. Er ist jetzt einfach nicht in der Stimmung, Antworten auf Fragen zu geben, die eigentlich keinen interessieren. Soll sich der Rundfunkfritze doch ein anderes Opfer zu suchen. Es sind ja genügend da. Und tatsächlich: rings um ihn herum schieben, schubsen und drängeln sich die mit Einkaufstüten bepackten Menschen, die meisten mit müdem Gesicht oder grimmiger Miene. Unsere Szene spielt sich in einem Einkaufszentrum ab, kurz nach den Weihnachtstagen. Da klingeln meistens nochmals die Kassen. Geschenke werden umgetauscht oder Gutscheine eingelöst. Und mittendrin Tobias Z. dem nun ein Mikrofon vors erschrockene Gesicht gehalten wird. „Hallo, ich komme vom Morgenmagazin“ sagt der blutjunge Reporter. „Können Sie sich freuen?“ Möchte er wissen und schiebt gleich eine zweite Frage nach: „Falls ja, worüber freuen Sie sich besonders?“ Diese Fragen machen Tobias Z. verlegen. Eigentlich möchte er sie nicht beantworten. Im Augenblick weiß er nichts drauf zu sagen. Er denkt an den Heiligen Abend zurück und daran, wie er ihn verbracht hat: allein, mit Tiefkühlpizza, Dosenbier und einem Film aus der Videothek. Da ist er altmodisch. Er leiht sich immer noch Videos aus, weil er nicht weiß wie das mit dem „Streamen“ geht, das heute so beliebt ist.  Weihnachten war ziemlich freudlos.  Aber das möchte er dem Reporter, der sein Sohn sein könnte, nicht verraten. Tobias Z. ist ein angegrauter Single. Die Kinder sind längst aus dem Haus. Sie führen ihr eigenes Leben. Seine Ehe ist schon lange geschieden, seine Frau mit einem anderen wiederverheiratet. „Ich hätte verreisen sollen“, denkt er sich, „dann müsste ich jetzt nicht so eine Frage beantworten“. Und weil ihm nichts Besseres dazu einfällt, antwortet er barsch: „Ich freue mich, wenn man mich in Ruhe lässt“ und geht schnell weiter. 


Was würden Sie sagen, wenn der Reporter sein Mikrofon Ihnen unter die Nase halten würde? Worüber freuen Sie sich besonders? Vielleicht darüber, dass Sie gesund sind? Oder über ihren sicheren Arbeitsplatz? Vielleicht sind Sie glücklich verheiratet. Sie freuen sich, dass Ihr Kind eine Lehrstelle bekommen hat oder dass Sie bald Großvater oder Großmutter werden? Vielleicht denken Sie auch an ein originelles Weihnachtsgeschenk, das Sie bekommen haben, wer weiß. In jedem Fall sind es positive Dinge, über die wir uns freuen. Deshalb lässt uns die Antwort des Apostels staunen, die wir heute hören. Zugegeben: er steht nicht neben dem Tobias Z. im Kaufhaus und antwortet auch nicht auf die seltsame Frage eines Rundfunkreporters. Er schreibt an eine Gemeinde, die es schon lange nicht mehr gibt: Kolossä – eine antike Stadt in Kleinasien – heute würden wir sie in der Westtürkei suchen müssen. Hören wir, was er ihnen zu sagen hat:

„Nun freue ich mich in den Leiden, die ich für euch leide, und erstatte an meinem Fleisch, was an den Leiden Christi noch fehlt, für seinen Leib, das ist die Gemeinde. Ihr Diener bin ich geworden durch das Amt, das Gott mir gegeben hat, dass ich euch sein Wort reichlich predigen soll, nämlich das Geheimnis, das verborgen war seit ewigen Zeiten und Geschlechtern, nun aber ist es offenbart seinen Heiligen, denen Gott kundtun wollte, was der herrliche Reichtum dieses Geheimnisses unter den Heiden ist, nämlich Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit.“ Lutherübersetzung 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft, Stuttgart)


 Haben wir richtig gehört? Hat Paulus wirklich geschrieben: „Ich freue mich an den Leiden, die ich für euch leide…“. Hoppla! Wie kann man sich über so etwas freuen? Der Satz wird immer wunderlicher. „Ich freue mich an den Leiden … und erstatte an meinem Fleisch, was an den Leiden Christi noch fehlt…“. Noch so ein Stolperstein. Braucht das Leiden Christi eine Ergänzung? Nicht nur wegen dieser Aussage, sondern auch wegen des ganzen Briefstils und einiger inhaltlicher Unterschiede zu anderen Briefen meinen einige Ausleger, dass Paulus diesen Brief gar nicht geschrieben habe,  sondern einer seiner Schüler. Das ändert allerdings nichts daran, dass wir heute dieses Wort in seinem Namen hören und darüber staunen. 


Eines ist sicher: der Apostel hat nicht das Leiden gesucht und es schon gar nicht genossen, dass er leiden muss. Er meint auch nicht, dass er die Leiden unseres Herrn noch irgendwie ergänzen müsse. Eine Liedstrophe aus unserem Gesangbuch ist mir beim Nachdenken über dieses seltsame Apostelwort von der Freude im Leiden in den Sinn gekommen, gewissermaßen als Hilfe zum besseren Verständnis: „In dir ist Freude in allem Leide, / o du süßer Jesu Christ! / Durch dich wir haben himmlische Gaben, / du der wahre Heiland bist…“  


Der Apostel hat keine Freude am Leiden. Er freut sich jedoch, dass er im Leid nicht allein ist. Er freut sich daran, dass Christus bei ihm ist. Durch den Glauben sind wir mit Christus verbunden. Aufgerufen sind wir, ihm nachzufolgen. Manchmal führt uns dabei der Weg auch ins Leid. Wer mit Christus verbunden ist, kann sich auch im Leid noch an der Gemeinschaft mit seinem Herrn freuen.  Jetzt ist er noch inniger mit ihm verbunden. Es soll nicht beim Leiden bleiben. Darauf darf ich im Leiden hoffen. Christus führt mich durchs Leid hindurch ins Leben. So singen wir: „Hilfest von Schanden, rettest von Banden. Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, wird ewig bleiben. Halleluja.“ 


Der Apostel freut sich,  dass Christus ihn in Dienst nimmt und ihm einem Auftrag gegeben hat: er soll der Gemeinde – dem Leib Christi – die frohe Botschaft bringen. Er soll den Menschen sagen, dass eine neue Zeit angebrochen ist für uns alle. Was Gott von Anfang an beschlossen hat, soll jetzt der Welt offenbart werden. Ein Geheimnis soll gelüftet und jedermann zugänglich werden: das Geheimnis der Liebe Gottes. Die hat Gestalt angenommen, ist Mensch, ist Kind geworden. Die Hirten auf dem Feld haben das als Erste erfahren. Und ebenso die gelehrten Heiden aus dem Osten. Die haben den Stern gesehen und sich auf den Weg gemacht, um dem Kind zu huldigen. 


Gott meint es gut mit dem Menschen. Er liebt sie, ohne Unterschied, ob ihr nun Juden oder Heiden seid, ob ihr erfolgreich seid oder unter euren Misserfolgen leidet, ob ihr glücklich seid oder unglücklich, ob ihr mit euren Lieben zusammen seid oder einsam, Gott meint es gut mit euch. Er will Gemeinschaft haben mit euch. Er hält ein Geschenk für sie bereit, das weit kostbarer ist als Gold, Weihrauch und Myrrhe, die Gaben der Könige. Er legt uns Christus ins Herz: Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit. Das soll der Apostel den  Menschen im Auftrag Gottes sagen. Davon ist er selbst ergriffen. Und dafür nimmt er auch allerhand auf sich: Widerspruch, Verfolgung, Krankheit, Demütigungen und schließlich sogar die Gefangenschaft. Die Freude an der Gemeinschaft mit Christus trägt durchs Leiden hindurch.


Was Tobias Z. in dem Einkaufszentrum wohl antworten würde, wenn er das hören könnte? Wenn ihm einer sagen würde: Wohl wahr: deine Kinder gehen ihre eignen Wege. Deine Frau will  nichts mehr von dir wissen. Du fühlt dich alleingelassen in der großen Stadt mit den vielen Menschen, die in ihrer Freizeit nichts Besseres zu tun wissen, als Geschenke umzutauschen. Aber dennoch gilt: du bist nicht allein. Christus will sie mit dir teilen, deine Einsamkeit. Er ist bei dir. Er wohnt in dir, in deinem Herz. Ehrlich gesagt: ich glaube, Tobias Z. würde erschrecken und das Weite suchen. Er würde sich denken: „Erst der dumme Reporter, jetzt kommt mir auch noch so ein religiöser Fanatiker daher, der mir einreden will, dass Gott mich liebt.“ 


Ich stelle mir vor, dass Tobias Z. einer von den vielen ist,  die auf ein Zeichen warten. Eines, das sie verstehen. Ein Zeichen, das ihr Herz erreicht. Das Herz! Der Glaube findet meistens seinen Weg über das Herz, er ist vielmehr eine Angelegenheit des Herzens als des Verstandes. Es braucht Boten, die uns auf dieses Zeichen aufmerksam machen. In diesen Tagen machen sich Kinder auf den Weg zu den Erwachsenen - die Sternsinger. Vielleicht können sie solche Boten sein, die in diesen Tagen unterwegs sind und mit einer guten Nachricht an den Haustüren läuten. 


 Ob sie ihren Weg auch zu Menschen wie Tobias Z. finden?  Ich wünsche mir, dass er die Tür öffnet und ebenso das das Herz, damit sie eintreten kann in sein Leben, die Hoffnung, die Gute Nachricht, das Evangelium.  Ein Zeichen werden sie ihm dalassen. Drei Buchstaben sind es, die mit Kreide über die Türpforte geschrieben werden: C – M – B.  Das sind nicht nur Namenskürzel für Kaspar, Melchior und Balthasar. Dahinter verbirgt sich ein Segenswort: „Christus mansionem benedicat“. Das bedeutet: „Christus segne dieses Haus.“ Und gemeint ist: Christus segne alle, die hier Zuhause sind, ob sie nun glücklich oder unglücklich, mir ihrem Leben zufrieden oder unzufrieden sind.


 Ein Segen ist ein Wort, das gut tut, ein Wort, das Freude macht, weil es von der Hoffnung erzählt, die wir haben.  Es weist hin auf Christus, der eintreten will in unser Leben, um es zu segnen. Er selbst ist die Hoffnung der Herrlichkeit, von der  Paulus schreibt. Wenn Gott selbst ein Kind geworden ist, vielleicht müssen es dann vor allem Kinder sein, die diese Hoffnung in die Welt der Erwachsenen hineintragen, hinein singen. Wer den Worten der Erwachsenen nicht mehr traut, weil er  zu oft von seinesgleichen enttäuscht worden ist, hört vielleicht aus den einfachen Liedern der Kinder die frohe Botschaft, die unverstellt und fröhlich davon singen, woran wir glauben: dass unser Leben unter dem guten Stern steht, der über Bethlehem aufgegangen ist.  Können Sie sich freuen? Wenn sie ankommt, die Botschaft, dann hat Tobias Z. auf jeden Fall einen Grund, zu nicken, die Frage zu bejahen. Und nicht nur er. Wir auch. Amen.