Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigten im Monat Februar 2018

Eine apostolische Narrenrede. Predigt über 2. Kor. 12,1-10 am Sonntag Sexagesimae 

 Lässig geht er den Gang auf und ab. Er ist sich seiner Sache ziemlich sicher. Hinter der Tür tagt das Gremium, das darüber entscheidet wer von den beiden Bewerbern das Rennen macht. Dabei sind die Würfel doch längst gefallen. Da ist er sich sicher. Eloquent und charmant hat er die Fragen beantwortet, die sie ihm beim Vorstellungsgespräch gestellt haben. Und dann sind da seine Unterlagen – die Zeugnisse, das Diplom, alles vom Feinsten, vom Besten. Gewiss, die Stelle ist mir sicher, denkt er sich. Als sein Blick auf den Mitbewerber und Konkurrenten fällt, legt sich ein Hauch von Verachtung und Mitleid auf das siegesgewisse Lächeln, das er ebenso einstudiert hat wie seinen Gang, seine Gesten, seine Wortwahl: dezent,  vornehm und zurückhaltend aber doch mit Niveau und Stil.

Der andere dagegen – ein Versager. Das sieht man auf dem ersten Blick. Wie er schon dasitzt: in sich zusammengesunken wie ein Häuflein Elend. Dass er die Stelle dringend braucht, lassen die Sorgenfalten ahnen, die sich über die Stirn ziehen. Wie viel Jahre älter mag er sein als der andere, der siegesgewisse: zehn Jahre, fünfzehn Jahre? Endlich geht die Tür auf. Der Personalchef erscheint, nimmt beide ins Visier, geht dann lächelnd auf den älteren zu, der eilig aufspringt, um dann bei den folgenden Worten ebenso schnell wieder auf seinen Stuhl zurückzusinken. „Es tut mir leid!“ sagt der Personalchef zu ihm. „Wir haben uns anders entschieden.“ Dann wendet er sich dem jüngern Mann zu und schüttelt ihm die Hand. „Herzlich willkommen in unserer Firma!“ sagt er. „Na, dann kommen Sie mal, ich stell ihnen unser Team vor!“ 

Hat Sie der Ausgang dieser Geschichte überrascht? Wahrscheinlich nicht. So geht es doch zu in unserem Land, nicht wahr? Wer über fünfzig ist, hat kaum noch Chancen, nach einer Kündigung eine neue Anstellung zu finden – vor allem dann nicht, wenn sein Mitbewerber alle Kriterien erfüllt, die heute das Zünglein an der Waage bilden. Nicht nur intelligent muss einer sein, sondern intelligent und jung. Wer darüber hinaus noch gut aussieht, braucht sich über sein Weiterkommen keine Sorgen zu machen. Wer gut reden kann, sich die Butter nicht vom Brot nehmen lässt, wer notfalls noch seine Ellenbogen einsetzen und sich gut verkaufen kann, macht das Rennen. 

Paulus hätte da wohl keine Chance. Er war zwar gebildet. Er stammte aus vornehmem Hause. Handwerklich geschickt war er auch. Beim Vorstellungsgespräch in der Firma hätte er trotzdem den Kürzeren gezogen. Paulus war ein kranker Mann. Sie müssen mit Verdienstaufällen rechnen, wenn Sie mich einstellen, hätte er einräumen müssen. Manchmal bekomme ich Anfälle, dann bin ich wie in Trance, ich falle zu Boden, winde mich in schmerzhaften Krämpfen. Und Depressionen habe ich auch, hin und wieder. 

Mal ehrlich: würden Sie so jemanden einstellen? Wahrscheinlich nicht. Manchmal glaube ich sogar, dieser Paulus würde nicht einmal bei der Kirche eine Anstellung bekommen. Bei der Kirche von Korinth war Paulus jedenfalls abgeschrieben. Da haben andere das Rennen gemacht. Denen haben die Leute lieber zugehört. Brilliante Prediger müssen das gewesen sein. Selbstbewusst, aggressiv und wenn’s sein muss auch intrigant. Den Korinthern hatten sie etwas zu bieten: Offenbarungen. Enthüllungen. Einblicke in die himmlische Welt, die anderen verwehrt waren. So etwas zieht immer.  Dagegen hatte Paulus mit seinen langatmigen Schachtelsätzen von der Gnade Christi keine Chance. Aus gutem Grund, sagten diese Superstars. Denn Paulus ist gar kein richtiger Apostel, behaupteten sie und zücken die eigenen Empfehlungsschreiben. Ein Schwächling ist er, ein Verlierer. 

Aber Paulus ist gar nicht so schwach und ängstlich, wie das seine Gegner den Korinthern weismachen wollen. Er nimmt den Kampf auf. Er hält den Korinthern eine Narrenrede! Doch Achtung. Eine Narrenrede ist keine Büttenrede. Auf Konfetti und Narhallamarsch werden wir vergeblich warten, ebenso auf die Pointen. Hören wir, was Paulus den Korinthern, die so versessen waren auf die Geschichten der fremden Apostel von Offenbarungen und übernatürlichen Erscheinungen, geschrieben hat: „Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn. Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –, der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit. Denn wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich kein Narr; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört. Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark. (Lutherübersetzung 2017, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft) 

Gelacht hat wohl niemand über die Narrenrede des Apostels. Dazu war der Anlass zu ernst. Narren nennt Paulus seine Gegner und schreibt den Korinthern: „Ihr ertragt gerne die Narren und merkt gar nicht, wie sie euch übers Ohr hauen! … Ihr lasst euch ausnützen und erniedrigen und sogar schlagen. Ich muss es zugeben, dazu war ich niemals fähig! Vielleicht hat euch das gefehlt! “  Bitter klingen diese Worte. Sie lassen die Enttäuschung ahnen, die Wut im Bauch, die Zornestränen in den Augen. Die Narren, die Paulus meint, tragen nicht nur im Fasching Masken. Sie verbergen ihr wahres Gesicht, ihre wahren Absichten: sie wollen die Macht über andere. Nichts anderes als Macht. 

„Auch ich bin ein Narr geworden! Dazu habt ihr mich gezwungen!“ schreibt Paulus den Korinthern und geht zum Angriff über. Er setzt die  Methoden seiner Gegner ein und  beginnt, Referenzen aufzulisten: Sie sind Hebräer – ich auch! Sie sind Israeliten – ich auch! Sie sind Abrahams Kinder – ich auch! Sie sind Diener Christi – ich rede töricht: ich bin’s weit mehr! Sie haben Visionen – ich auch....“.  Dann erzählt Paulus von seinen Visionen. Das Paradies hat Gott ihn schauen und Worte hören lassen, die kein Mensch wiedergeben kann. Nur widerwillig und zögernd erzählt er davon.  Dass er damit ähnlich wie seine Gegner redet, ist ihm gar nicht recht. Wie gesagt: das sind die Methoden und Taschenspielertricks der Narren. 

Paulus will sich nicht seiner Herkunft rühmen und auch nicht seiner großen Begabungen und Fähigkeiten. Er rühmt sich viel lieber seiner Schwachheit und erzählt von dem Leiden, von seiner Krankheit und davon, wie oft er Gott angefleht hat, ihn doch von diesem Leiden zu befreien. „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ Das ist alles, was Gott ihm antwortet, als er ihm sein Schicksal klagt. Gott hat ihm die Last des Leidens nicht abgenommen, das ihn so uninteressant sein lässt für Menschen, die nur Augen haben für alles, was schön und stark und erfolgreich und beeindruckend ist. Wer auf den schönen Schein schaut, verliert das Niedrige und Geringe aus den Augen. Er beginnt, es mit der Zeit zu verachten, weil es eben nicht schön ist. Was nicht schön und stark ist, kann nicht von Gott sein, oder? In der Gefahr, so zu denken, stehen die Korinther. Wer das Niedrige und Geringe aus den Augen verliert, beginnt nämlich, Gott aus den Augen und aus den Herzen zu verlieren. 

„Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ sagt Gott zu Paulus. Beim Schwachen, beim Niedrigen und Geringen ist Gott zu finden. Ich will nicht die Erfolgreichen verdammen und die Erfolglosen verklären. Die Narrenrede des Apostels richtet sich nicht gegen die Fleißigen, die sich etwas aufbauen und will auch nicht den Lohn der Mühen madigmachen. Es geht auch nicht gegen die Geschickten, denen alles leicht von der Hand geht. Es geht gegen die Narren, die ihre Gaben und Begabungen einsetzen, um sich Menschen gefügig zu machen. Es geht um die Narren, die ihre Masken tragen, damit das wahre Gesicht und die wahren Absichten nicht erkannt werden. Es geht darum, wo Gott zu finden ist und wo nicht. Gewiss nicht bei diesen Narren. Gott ist kein Freund des schönen Scheins und der Prahlerei. Gott ist auch kein Freund des Erfolgs auf Kosten der Schwachen. Deshalb hat er einen kränklichen Mann zum Apostel berufen, der den Menschen diese Nachricht bringen soll: dass Gott die Schwachen nicht übersieht, dass Gott nicht vorbeischaut am Elend der Menschen, dass Gott nicht die Ohren und erst recht nicht das Herz verschließt vor denen, die am Boden liegen. 

Deshalb führt der Weg des Apostels nicht in die Chefetage der Narren. Er führt in die Hinterhöfe und Elendsquartiere des menschlichen Lebens, in die Gefängnisse, wo Paulus geschlagen wird, aufs Meer, wo Paulus Schiffbruch erleidet, unter Räuber und Banditen, die sein Leben bedrohen und zu den Menschen, die Not leiden an Leib und Seele. So folgt er Jesus nach, der sich auf den Weg zu den Menschen in dieser Welt gemacht hat, auf den Weg zu uns. Anders als die Narren und Angeber bleibt Paulus seinem Weg treu. Er führt   schließlich nach Rom, auf den Richtplatz, in die Niederlage in die größte und tiefste Hilflosigkeit und Schwäche. So vollendet sich sein Weg in der Leidensnachfolge. Was bleibt ist die Hoffnung. Die Hoffnung, dass Gott bei den Schwachen ist, bei den Erfolglosen, bei den Gescheiterten – und dass er ihnen das Leben schenken will. Der Grund dieser Hoffnung ist die Auferstehung Jesu. 

So werden die Narren Lügen gestraft. Sie vergessen, dass sie selbst auch einmal diesen Weg in die absolute Schwachheit gehen werden, am Ende, wenn der Tod auf sie wartet. Da fallen alle Masken, da wird offenbar, was wir sind: schwach und hilflos. So sind wir in diese Welt hineingeboren worden. Schwach und hilflos werden wir sie verlassen. Da tröstet nur noch das Wort von Gott, dessen Kraft in den Schwachen mächtig ist – mächtig genug, um aus dem Tod in das Leben zu führen. 

Paulus hat seine Schwachheit eingestanden. Das macht ihn groß und stark. Vielleicht könnte uns das ein Hinweis auf die Glaubwürdigkeit von Meinungsmachern sein, ein Maßstab dafür, ob sie Narren und Angeber sind oder Menschen nach dem Willen Gottes: wenn in ihren Worten und in ihren Herzen Raum für die Schwachen und Erfolglosen ist und wenn Erfolg und Gewinn, Macht und Besitzstandswahrung nicht das Letztgültige ist, wenn der Zweck nicht die Mittel heiligt, was immer auch dieser Zweck sein mag.   

Paulus hat uns gezeigt, wo Gott zu finden ist und wo das Leben zu finden ist: dort, wo die Hoffnung sich gegen die Verzweiflung durchsetzt, weil sie sich auf Christus gründet: den Erfolglosen und Unscheinbaren, der uns mit seinem Scheitern am Kreuz das Leben geschenkt hat und dessen Kraft in den Schwachen mächtig ist.  Wenn allerdings die Kreuze in unseren Häusern, Schulen und Chefetagen abgehängt werden, wenn sie aus den Amts – und Richterzimmern genommen werden, verlieren wir dieses Erinnerungszeichen, wir verlieren es erst aus dem Blickfeld, dann aus dem Sinn und irgendwann aus dem Herzen. Das Kreuz erinnert uns daran, wo Gott vor allem zu finden ist – bei den Schwachen. Vielleicht brauchen wir deshalb immer wieder die Narrenrede des Apostels, damit wir das nicht vergessen. Wir brauchen offene Herzen und offen Ohren, dass sein Wort den Weg zu uns findet. Amen. 

© Pfr. Stefan Köttig, Altenstein, 4.2.2018