Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigten im Monat August 2018



Sieh mich an! Predigt über Apostelgeschichte 3,1-10 am 12. Sonntag nach Trinitatis 

 Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit. Und es wurde ein Mann herbeigetragen, der war gelähmt von Mutterleibe an; den setzte man täglich vor das Tor des Tempels, das da heißt das Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen.   Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge. Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!  Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest,  er sprang auf, konnte stehen und gehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben.  Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor dem Schönen Tor des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war. (Lutherbibel 2017, hg. Von der Dt. Bibelgesellschaft Stuttgart)

 

 „Sieh mich an, wenn ich mit dir rede“, sagt der Lehrer zu Beginn seiner Strafpredigt zu dem Schüler. Das ist dann meist in strengem Ton gesprochen. Der Schüler richtet den Blick meist schuldbewusst und verschämt zu Boden. Sieh mich an! Das kann man so unterschiedlich sagen – streng oder milde, ermutigend oder bedrängend, das kann eine Bitte sein oder ein Befehl. Das kommt darauf an, in welchem Zusammenhang dieses Wort gesagt oder ausgerufen wird. „Sieh uns an!“  Wie muss dem Bettler also bei diesem Ruf zumut gewesen sein! In der Geschichte wenden sich Petrus und Johannes an einen Gelähmten. Sie schauen unten. Dort, wo er sitzt. Im Staub. Auf dem Boden. Vor Tempeltür. Dort hat man ihn abgesetzt. Täglich wird er dorthin getragen. Schon von Kindheit an macht man das mit ihm.   Er ist von Geburt an gelähmt. Er braucht immer Menschen, die sich seiner erbarmen, die ihn morgens zu seinem Stammplatz tragen – die „Schöne Pforte“ beim Tempel, dort, wo er tagein tagaus sitzt. Und er braucht Freiwillige, die ihn abends wieder abholen. Immer ist er auf andere angewiesen. Er kann nicht auf eigenen Beinen stehen – im übertragenen Sinn nicht und erst recht nicht im wörtlichen. Und jetzt hört er diese Stimme. „Sieh uns an!“  

 

„Sieh uns an!“ hört der Bettler. Eine freundliche Stimme sprich zu ihm.  Er blickt auf und sieht zwei Männer vor sich. Sie schauen zu ihm herunter. Nicht herablassend. Nicht mitleidig. Vielmehr aufmerksam, freundlich. So stelle ich mir das vor. Die beiden Männer vor ihm scheinen es gut mit ihm zu meinen. Sie haben ihn nicht übersehen. Und sie möchten auch nicht übersehen werden von dem Bettler, der wohl gewohnt ist, verschämt zu Boden zu blicken. Sie möchten, dass er sie anschaut. Deshalb beugen sie sich zu ihm herunter und sprechen mit ihm. Das tun nicht viele. Die meisten gehen achtlos vorbei. 

 

Hinsehen, genau hinsehen und die Not wahrnehmen, das kann ziemlich unbequem sein. Vielleicht weichen deshalb so viele dem Bettler aus, tun so, als ob sie ihn nicht sehen und gehen schnell an ihm vorbei. Einige meinen, es würde schon reichen, wenn man ihm ein paar Münzen hinwirft. Es reicht nicht! Die Geschichte erinnert uns an unseren Auftrag. Christen sollen genau hinsehen, so wie Petrus und Johannes das tun, die Not wahrnehmen, die vor ihren Augen da ist. Es wird viel zu oft weggesehen und viel zu häufig übersehen. Hinsehen und Hinhören, das kann unbequem sein – für uns und für andere. Wie viel Unrecht, wie viele Katastrophen könnten dadurch verhindert werden, wenn wir genauer hinsehen und hinhören würden. Wie viele Kinder würden dann nicht geschlagen oder sexuell missbraucht werden, wenn Nachbarn oder Freunde genauer auf das hinsehen und hinhören würden, was in der Wohnung nebenan so vor sich geht, um nur ein Beispiel zu nennen. Hinsehen und hinhören hat nichts mit Schnüffelei zu tun oder mit Überwachung. Es kann unangenehm sein. Wer aufmerksam wird und die Finger auf offene Wunden legt, kann sich Scherereien einhandeln, Ärger mit den anderen Hausbewohnern, mit den Kollegen, manchmal sogar mit den Gerichten. Und dennoch: hinsehen und hinhören auf die, die ganz unten sind, die im Staub sitzen, achtgeben auf die, die schwach sind, die am Boden zerstört oder verängstigt sind, das ist nötig. Auch, wenn es Kraft und Überwindung und manchmal sehr viel Zivilcourage kostet.

 

Die Apostel bleiben stehen und sprechen mit dem Gelähmten. „Sieh her zu uns!“sagt Petrus. Der Gelähmte wundert sich. Er spürt, dass irgendetwas geschehen wird. Da liegt etwas in der Luft. Aber er kann sich noch nicht vorstellen, was das sein mag.  „Gold und Silber habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir!“ sagt Petrus jetzt und beugt sich zu ihm herunter. „Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“ Und dann packt er ihn an der rechten Hand und zieht ihn hoch. Jetzt spürt der Gelähmte, wie eine neue, unbekannte Kraft seine Füße und Beine durchströmt. Er kann es gar nicht fassen:  er ist in der Lage, auf eigenen Beinen zu stehen. Da fängt er an, vor ihnen allen hin und her zu gehen, erst zaghaft, dann immer schneller. Schließlich springt und hüpft er fröhlich vor den Aposteln hin und her wie ein Kind. Er kann immer noch nicht fassen, was da mit ihm geschehen ist: er kann sitzen und aufstehen, er kann seine Knie beugen und strecken wie ein Gesunder. Das ist für ihn Grund genug, um mit den Aposteln endlich in den Tempel zu gehen und Gott für dieses Wunder zu danken. Wie gut, dass die Apostel nicht einfach an ihm vorbeigegangen, sondern dass sie stehen geblieben sind. Wie gut, dass sie nicht wegschauten, als sie die Stufen zum Tempel hinaufgestiegen und an der Pforte mit dem Bettler vorbeigekommen sind. Sie können ja gar nicht vorbeisehen! Sie sind Diener eines Gottes, der nicht wegsieht! Sie sind Diener eines Gottes, der sich selbst nicht zu schade war, Mensch zu werden. Sie glauben an einen Gott, der sich herabbeugt zu denen, die im Staub sitzen, um sie aus dem Elend herauszuziehen. Das ist die zweite Lehre, die wir aus dieser Geschichte ziehen. Wir sollen das Kostbarste mit denen teilen, die im Staub sitzen. Wir sollen den Glauben mit ihnen teilen, die Gute Nachricht weitergeben, von der wir selbst leben. „Gold und Silber habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir!“sagt Petrus. Wir werden wohl die Menschen heilen, die krank sind, aber wir geben ihnen, was uns selbst Trost und Halt gibt. Und manchmal geschieht das Wunder, das mit dem Trost die Hoffnung zurückkehrt, das Menschen wieder aufatmen, weil die Last leichter wird.

 

 Zu den Menschen sollen sie gehen und ihnen die Gute Nachricht bringen - vor allem zu denen, die im Staub sitzen. Die Gute Nachricht, dass sie nicht übersehen werden, dass es einen gibt, der Mitleid hat, der sich ihrer erbarmt und der sie aus dem Elend ziehen will, vor allem aus der Not ihrer Vergänglichkeit. „...was ich habe, das gebe ich dir...!“sagt Petrus. Es ist die Botschaft vom Gott – mit – uns,von Jesus Christus. Der Gelähmte kann am eigenen Leib erfahren, dass sie ihm selbst gilt, dass sie an ihn gerichtet ist und an die vielen anderen, die sich nach dieser Botschaft sehnen. Das ist der Auftrag, den Christen haben: im Namen Jesu Christi von Nazareth, sollen sie hinschauen und nicht vorübergehen an denen, die sonst übersehen werden. Die gute Nachricht von Jesus Christus, sollen sie an diese Menschen weitergeben. Gott schaut dich an. Das ist der Inhalt dieser guten Nachricht. Gott sieht dich dort, wo du bist. Er sieht dich in deiner Not, in deiner Schwachheit, in deiner Schuld. Er übersieht dich nicht, weil er dich liebt. 

 

Die Geschichte macht mir Mut, daran zu glauben, dass es für Gott keine hoffnungslosen Fälle gibt. Deshalb sollen Christen keine Menschen aufgeben. Auch die nicht, die sich selbst schon aufgegeben haben. Von einer Wundergeschichte hören wir. Tatsächlich sind es zwei Wunder, die uns da erzählt werden. Das Wunder, dass ein Gelähmter wieder laufen kann, sorgt für Staunen, für offene Münder und Freudensprünge. Das größere Wunder besteht darin, dass Gott sich den Menschen zuwendet. Er will bei uns sein und uns das ewige Leben schenken. 

 

In der Geschichte von der Heilung des Gelähmten haben wir etwas aus dem nachösterlichen Alltag der Apostel erfahren. Gleichzeitig schildert sie uns, wie der Auferstandene selbst in seiner Kirche zum Heil und zur Heilung der Menschen am Werk ist. Verschließen wir nicht unsere Augen und unsere Herzen. Nicht vor den Menschen, die in Not sind. Aber auch nicht vor dem, der die Not wenden kann, auch unsere Not. Es wird einmal der Tag kommen, an dem einer zu uns sagen wird: Sieh mich an und steh auf!Vielleicht nicht heute. Vielleicht erst viel später, wenn wir gar nicht mehr damit rechnen, wenn unsere Lebenskräfte aufgezehrt sind, wenn die Welt dabei ist, uns zu vergessen. „Sieh mich an!“wird einer zu uns sagen. Und er wird es voll Liebe und Freundlichkeit sagen. Dann werden wir aufschauen und staunen – weil das Reich Gottes bei uns angekommen ist, weil er da ist, mit dem wir schon gar nicht mehr gerechnet haben – der Gott – mit – uns, der Gott, der uns nicht übersieht. Er ist da und wird uns aufhelfen in das neue Leben, an dem wir in diesem Leben manchmal gezweifelt haben und das doch so nahe ist. Amen.

 

©  Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein,19.8.2018

 

 



 Christus in mir. Predigt über Galater 2, 20 – 21 am 11. Sonntag nach Trinitatis 

 Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben. Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn durch das Gesetz die Gerechtigkeit kommt, so ist Christus vergeblich gestorben. (Lutherbibel 2017, hg. V.d. Deutschen Bibelgesellschaft, Stuttgart)

 

„Bald sind Sie da!“Beim Gedanken daran treten dem Mann Schweißperlen auf die Stirn. Der angekündigte Besuch liegt ihm schon seit Tagen im Magen. Der Bote hatte ihn darüber unterrichtet – die Zentrale war unzufrieden mit seinem Werk oder wenigstens argwöhnisch. „Man hört da ja so allerhand über dich“, sagte der Bote, gewissermaßen als Begründung für die bevorstehende Untersuchung. Ja, so könnte man das nennen. Eine Untersuchung! Von einem Freundschaftsbesuch kann jedenfalls nicht die Rede sein.  

 

„Man hört da ja so allerhand!?“ Der Mann ärgert sich über die Bemerkung des Boten, der die Visite ankündigt. So von oben herab hat er das gesagt. „Was weiß denn der schon“,denkt er sich. „Was wissen die Leute in der Zentrale schon davon, wie die Menschen hier leben, wie sie denken und fühlen, was sei glauben!“In Gedanken versunken schlendert der Mann durch die Straßen der Großstadt. Eine halbe Million Menschen leben hier. Die Stadt ist zum Schmelztiegel aus verschiedenen Kulturen und Religionen geworden. Wir befinden uns in Antiochia, der Hauptstadt der römischen Provinz Syrien. Der Mann, um den es geht, ist kein geringerer als Petrus, der Fels, auf dem Christus seine Kirche bauen wollte. Im Augenblick sehen wir aber keinen felsenfesten Glaubenszeugen vor uns, vielmehr einen verärgerten und zugleich verunsicherten Menschen. „War es vielleicht doch nicht in Ordnung, was ich getan habe?“ Fragen über Fragen gehen dem Apostel durch den Kopf.  Er scheut den Konflikt mit der „Zentrale“ – das ist die Gemeinde in Jerusalem – seine Heimat. Jakobus, der Herrenbruder spielt dort eine wichtige Rolle. Er kennt ihn gut und schätzt ihn. Eigentlich sind sie beide aus dem gleichen Holz geschnitzt – fromme Juden, denen Gottes Gesetz, die Thora, am Herzen liegt. Jakobus gilt als Säule der Gemeinde. Und er, Petrus? Gehört er nicht auch dazu? Gehört er nicht auch zur Führungselite der Jerusalemer Kirche? Aber jetzt hat ihn sein Weg  hierher geführt – in die Provinz, nach Antiochia. Wie freundlich man ihn empfangen hat – den hochgeschätzten Apostel aus Jerusalem, Petrus, den Weggefährten des Herrn, den Menschenfischer. Das Evangelium wollte er ihnen bringen und zugleich die Beschlüsse umsetzen, auf die man sich in der heiligen Stadt geeinigt hatte, beim großen Apostelkonzil: dass Juden und Heiden getrennt missioniert werden sollten. Paulus sollte zu den Heiden gehen und er zu den Juden. Aber nun hat ihn sein Weg nach Antiochia geführt. Im Herzen ist Petrus Jude. Er kann und will seine Herkunft und seine Wurzeln nicht verleugnen. Aber jetzt kommt er doch in Konflikt mit einigen Auffassungen seiner getauften jüdischen Glaubensbrüder aus der Heiligen Stadt. Die waren der Meinung, dass Christen, die früher Juden waren, auch weiterhin nach den Bestimmungen und Ordnungen des jüdischen Gesetzes leben sollten. Und dass sie sich deshalb fernhalten sollten – nicht nur von den Heiden. Auch von den getauften Heiden, den sogenannten Heidenchristen. Die waren schließlich nicht beschnitten. Das bedeutete: ihre Wurzeln liegen nicht im Volk des Ersten Bundes. Das Gesetz und die Gebote sind ihnen fremd geblieben. Etwas anderes wäre es, wenn sie sich beschneiden lassen würden, wenn sie die Weisungen Gottes in ihr Herz aufnehmen und danach leben würden. Aber das tun sie nicht. Und Petrus auch nicht. Zumindest nicht jetzt. Nicht in Antiochia.  

 

Schon früh hatten sich dort eine christliche Gemeinde gebildet – eine Flüchtlingsgemeinde. Eine offene Gemeinde war das. Petrus war bei seinem Besuch dort willkommen. Petrus – der jüdische Christ aus Jerusalem. Man hat ihn herzlich aufgenommen. Und das bedeutete: er wurde eingeladen, in die Häuser, an die Tische der Antiochener. Gastfreundlich zu sein bedeutete, gemeinsam zu essen und zu trinken – und nicht erst zu fragen, ob man Jude oder Heide sei. Was jedoch in unseren Ohren so selbstverständlich klingt, war der Jerusalemer Zentrale ein Dorn im Auge. Ein Miteinander von Heiden und Juden – auch, wenn sie getauft sind? Das geht in den Augen der Hardliner nicht. Auch getaufte Heiden sind immer noch Heiden. Mit denen setzt man sich nicht an einen Tisch. 

 

Und Petrus? Dem wird flau im Magen. Er spürt wohl, dass das nicht in Ordnung ist. Hat Gott ihn selbst nicht einmal in einer Vision gesagt: „Was Gott rein gemacht hat, nenne du nicht unrein!“ Damals, als er in das Haus des heidnischen Hauptmanns Kornelius gerufen wurde und Skrupel hatte, hinzugehen. Die Begegnung mit Kornelius hatte ihn zu einer neuen, bahnbrechenden Einsicht geführt: „Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und Recht tut, der ist ich angenehm...“An die Stelle des alten Gesetztes mit seinen vielen Weisungen ist ein anderes, ein neues getreten. Das Gesetz Christi, das Gesetz der Liebe. Das Wasser der Taufe löscht die Grenzlinien aus, die zwischen Juden und Heiden bestehen. Das hat Petrus erkannt. Und jetzt? Nun spürt er in sich die Angst, die Skrupel. „Wie kommst du dazu, dich über die Traditionen deiner Väter hinwegzusetzen!“ fragt er sich und weiß gar nicht mehr so recht, was er glauben soll. 

 

„Kommst du heute Abend zu uns zum Essen?“fragt ihn einer aus der Gemeinde. „Wir wollen miteinander beten und dann gemeinsam feiern?“„Ach nein!“Petrus winkt ab. „Ich kann nicht!“sagt er. Ich trau mich nicht! denkt er und lässt einen ratlosen Menschen zurück. „Was ist nur mit diesem Petrus los?“ denkt dieser sich. „Warum will er sich nicht mehr mit uns an einen Tisch setzen? Warum möchte er nicht mehr das Brot mit uns brechen?  Sind wir ihm nicht mehr gut genug?“ Was ich so phantasievoll beschrieben haben, wird in der Theologie als „Antiochenischer Zwischenfall“ beschrieben. Ob sich die Jerusalemer Delegation wegen Petrus auf den Weg gemacht und einen Boten voraus geschickt hat, weiß ich natürlich nicht. Das war die Freiheit des Erzählers. Tatsache aber ist, dass Petrus in Antiochia die Tischgemeinschaft mit den Heidenchristen aufgehoben hat, wenigstens vorübergehend – aus Furcht vor der Gesandtschaft aus Jerusalem. Als Paulus von diesem Verhalten erfährt, kommt es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen ihm und Petrus. Im Brief an die Galater schreibt Paulus: 

 

 „Als aber Kephas nach Antiochia kam, widerstand ich ihm ins Angesicht, denn es war Grund zur Klage gegen ihn…““Paulus bezichtigt Petrus der Heuchelei, weil er sich aus Furcht vor dieser Delegation aus Jerusalem zurückzieht, die Tischgemeinschaft mit den antiochenischen Heidenchristen aufkündigt und in alte Denkstrukturen zurückfällt: „Du kannst doch nicht rückgängig machen, was längst überwunden ist….“  wird er von Paulus gerügt. Sollen unsere Schwestern und Brüder ein Gesetz annehmen, das du selber nicht einhalten konntest? Du leugnest damit das Ja, das Christus zu Ihnen gesagt hat.“ 

 

Ob Petrus sich wohl nach dieser Rüge durch seinen Apostelkollegen Paulus geschämt hat? Ob er diese deutlichen Worte gebraucht hat – um der Stimme der Liebe, dem anderen, dem neuen Gesetz in ihm wieder Gehör zu schenken? Ob wir selbst auch immer wieder vergessen, auf diese Stimme der Liebe, auf dieses andere, neue Gesetz zu hören, das uns ins Herz gelegt wurde, am Anfang unseres Lebens, in der Taufe? Da hat Christus Einzug gehalten in unser Leben, um in unserem Herz zu wohnen. Er macht seinen Wohnsitz nicht abhängig von unserer Herkunft, unseren Wurzeln, unseren Begabungen und Fähigkeiten. Weil Christus in unserem Herzen wohnt, ist jetzt kein Raum mehr darin für Standesdünkel und Vorurteile. Jetzt ist Raum für alle, auch für die Menschen, die ihre Wurzeln in anderen Kulturen und Religionen haben. Ein Herz, das Wohnsitz Christi wird, wird mutig. Es lebt davon, das Christus zu ihm Ja sagt. Christus spricht dieses Ja, an jedem Tag, in jeder Stunde, in jeder Minute, in der wir leben und atmen. Er spricht es zu uns und er will es durch uns zu den Menschen sprechen, mit denen wir leben.   

 

Paulus beschreibt dieses Geheimnis so: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“Wer seine Lebenskraft aus dem Vertrauen schöpft, dass Christus in ihm wohnt, Christus, der liebevoll Ja zu ihm sagt, wird wohl auch anders mit sich selbst und den Mitmenschen umgehen, barmherziger, geduldiger und ebenfalls liebevoller. Er muss keine Angst haben, was die anderen von ihm halten. Weil Christus in seinem Herz lebt und in seinem Leben die treibende Kraft ist, kann er mutig sein. Wie viel Mut es doch braucht, dieses Wort gelten zu lassen: „Nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir!“  Oder sollte ich sagen: es braucht Demut. Es bedeutet, sich selbst ganz in die Hand Christi zu legen. Der will Gemeinschaft mit uns haben. Der Konflikt mit Petrus zeigt mir, wie zerbrechlich diese Gemeinschaft doch ist. Und wie stark die Kräfte sind, die sie schwächen möchten. Diese Gemeinschaft wird erfahrbar in der Tischgemeinschaft, im gemeinsamen Teilen von Brot und Wein. Und sie setzt sich fort in einer Lebensgemeinschaft. Christus stiftet die Einheit dieser Gemeinschaft. Er ist die Grundlage, das Fundament. Als Petrus aus Furcht vor der Jerusalemer Visitation die Gemeinschaft leugnet, die er bis dahin gepflegt hat, verleugnet er Christus. Deshalb geht Paulus so heftig mit ihm ins Gericht. Fangen wir an, wahrhaftig zu sein – und zwar dort, wo wir leben, in unseren Familien, in unseren Häusern, in unseren Gemeinden. Lassen wir Christus, der in uns lebt, sein Werk tun. Traditionen und Einwände wie „Das war früher anders“ oder „Das hat’s doch früher auch nicht gegeben“ sollten uns nicht daran hindern. Hindern wir Christus nicht daran, sein Ja zu den Menschen zu sprechen, Gemeinschaft zu stiften. Er will es durch uns tun. Amen. 

 © Pfr. Stefan Köttig, Altenstein, 12.8.2018