Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Predigten im Monat April 2017

 


Es ist der Herr! Eine nachösterliche Kirchen - Geschichte.                                                                                     Predigt über Johannes 21, 1 – 14 am 1. Sonntag nach Ostern                        Quasimodogeniti ) in Altenstein und Hafenpreppach (23.4.2017)

Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See Tiberias. Er offenbarte sich aber so: Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich will fischen gehen. Sie sprechen zu ihm: So wollen wir mit dir gehen. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.  Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische. Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr war, gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich ins Wasser. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen. Als sie nun ans Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer und Fische darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt!

Simon Petrus stieg hinein und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht. Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt's ihnen, desgleichen auch die Fische. Das ist nun das dritte Mal, dass Jesus den Jüngern offenbart wurde, nachdem er von den Toten auferstanden war. (Bibeltext: Lutherbibel 1984, herausgegeben von der deutschen Bibelgesellschaft) 

 

Da ist eine Katastrophe geschehen – die Welt erschrickt – und geht wenig später wieder zur Tagesordnung über. Die Welt ist vergesslich. Mit der Hinrichtung Jesu am Vorabend des Passa-Festes wird es ähnlich gewesen sein. Die war ja eigentlich auch nur für die engsten Freunde eine Katastrophe. Nach den Feiertagen hat die Öffentlichkeit an diese Hinrichtung längst nicht mehr gedacht. In Jerusalem geht alles wieder seinen gewohnten Gang. Die Geldwechsler bauen ihre Tische im Schatten des Tempels auf. Die Händler bieten dort ihre Waren feil. Die Luft ist voll von Stimmen – und draußen vor dem Tor verwittern die Kreuze an der Schädelstätte. Nichts erinnert mehr an das Spektakel der letzten Tage. Pilatus hat diesen Jesus längst aus dem Gedächtnis gestrichen. Die Soldaten, die unter dem Kreuz um den Mantel Jesu gewürfelt hatten, haben vielleicht schon den Marschbefehl bekommen und machen sich bereit zum Abzug in ein anderes Krisengebiet. Und die Freunde Jesu, die Anhänger, die Jünger sind nach Hause gegangen, zu ihren Familien, zurück an den See Genezareth, der im Johannesevangelium „See Tiberias“ genannt wird – nach der Stadt an seinem Südwestufer. 

 

Wenn schon die Welt zur Tagesordnung übergeht – und dabei ist, diesen Jesus aus Nazareth zu vergessen, was bleibt dann den Jüngern noch?  „Ich will fischen gehen!“ sagt Petrus. Und die anderen atmen auf. Fischen gehen. Etwas tun. Die Ärmel hochkrempeln. Nur nicht ins Grübeln kommen. Das ist jetzt vielleicht das richtige. Die vertrauten Handgriffe – sie sitzen noch. Gelernt ist gelernt. Wir kommen mit! sagen die andern: Thomas, der Zwilling genannt wird und Nathanael, aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und noch zwei andere, deren Namen uns vom Evangelisten verschwiegen werden. Sie machen sich ans Werk. 

 

Die Jünger kehren zurück in den Alltag, aus dem sie vor langer Zeit durch Jesus herausgerufen wurden. Leise gleiten die Fischerboote ins Wasser. Nachts werfen sie die Netze aus, jeder weiß, was zu tun ist. Schweigsam sind sie. Vielleicht ist das gut so. Nicht reden zu müssen. Schweigen zu dürfen. Vor langer Zeit haben sie die Netze und die Boote am Ufer liegen gelassen und sind mit Jesus gezogen. Jetzt denken sie zurück an diese Jahre mit ihm, an seine Worte und Taten und an seinen grausamen Tod am Kreuz. Müde und mit leeren Händen, besser gesagt, mit leeren Netzen kehren sie zurück. Da fällt ihnen der Mann gar nicht auf, der am Ufer steht und zu ihnen herüberblickt. Sie sind viel zu sehr mit sich selbst und mit ihrem Misserfolg beschäftigt, dass sie nicht merken, wie Jesus in ihren von Enttäuschungen überschatteten Alltag eintritt. 

 

Die Geschichte von der Begegnung mit dem Auferstandenen am See Tiberias finden wir im Anhang zum Johannesevangelium. Als ob einer noch eine Geschichte nachgetragen hat, die so wichtig war, dass man sie auf keinen Fall vergessen durfte. Sie erzählt davon, wie aus dem grauen Alltag ein nachösterlicher Alltag wird. Die Geschichte erzählt vom Alltag der Kirche – also von den Menschen, die an diesen Jesus glauben, die sich abmühen, die Enttäuschungen hinnehmen müssen, kaum Erfolge wahrnehmen – und doch erleben, wie für sie gesorgt wird, wie der Auferstandene Licht bringt in ihren Alltag. 

 

 „Meine Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ ruft der Fremde ihnen zu. Die Antwort ist einsilbig,.„Nein!“ jedes weitere Wort wäre eines zu viel. Nein, sie haben nichts gefangen in dieser Nacht. Aber der Fremde spricht weiter. „Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas fangen!“ Was für ein törichter Rat! Jetzt, im Morgengrauen! Wenn die Nacht erfolglos war, wird der neue Versuch sicher auch scheitern. Jedes Kind, das an den Ufern des Sees groß wird, weiß das. Und dennoch gehorchen die Jünger. Auf einmal haben sie alle Hände voll zu tun – und so sehr sie sich auch mühen, sie können die Netze nicht mehr einholen. Sie sind voll mit Fischen. Das erinnert sie an einen Vorfall, vor einigen Jahren. Das erinnert sie an jemanden. 

 

„Es ist der Herr!“ Ein Aufschrei – in dem Freude und Erschrecken zugleich mitschwingen. Dem Jünger, den Jesus liebte, gehen als ersten die Augen auf. Ist es nicht wie damals, als Jesus Petrus berufen hatte? Da hatten sie auch die ganze Nacht vergeblich gefischt, bis zum Morgen. Da ist ihnen Jesus begegnet. Auf seinem Rat hin haben sie die Netze nochmals ausgeworfen – und sind reichlich belohnt worden für ihre Mühen. „Geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch!“ hat Petrus damals zu Jesus gesagt – und als Antwort einen Auftrag bekommen. Du sollst Menschen fischen, du sollst sie für Gott gewinnen. Jetzt erinnert sich auch Petrus an diese Geschichte. „Es ist der Herr!“  Da hält ihn nichts mehr. Er springt er vom Boot ins Wasser, um die letzten Meter ans Ufer zu schwimmen, hin zu dem, der zum Sinn, zur Mitte und zum Inhalt seines Apostellebens gewesen ist. 

 

Die Welt ist nach Ostern wieder zur Tagesordnung übergegangen. Als ob nichts geschehen wäre. Und die Jünger haben sich davon entmutigen lassen. Aber Gott ist nicht zur Tagesordnung übergegangen. Er hat Jesus von den Toten auferweckt. Der Auferstandene sucht die Jünger auf. Aus dem grauen freudlosen Alltag, wird ein nachösterlicher Freudentag. 

 

„Es ist der Herr!“ Ein Aufschrei der Freude. Er taucht den Alltag in ein anderes Licht. Vertraut sitzen sie jetzt am Feuer und lassen sich von Jesus zu essen geben. Sie spüren, wie er sich um sie sorgt und wie er für sie sorgt. Auch der Leib soll im nachösterlichen Alltag zu seinem Recht kommen. Sie sollen sich stärken, die Jünger, damit sie neue Kraft schöpfen. Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen. Deshalb brennt am Ufer auch schon das Kohlenfeuer. Sie sehen die Fische darauf und Brot bereitliegen. „Kommt und haltet Mahl! Jesus lädt sie zu Tisch. Sie sollen sich stärken, damit sie die Osterbotschaft vom Leben in die Welt hinaustragen können. 

  

Die Geschichte von der Begegnung mit dem Auferstandenen am See Tiberias ist eine Kirchen – Geschichte. Sie erzählt vom Leben der Kirche. Sie erzählt von den Menschen dieser Kirche. Sie erzählt von denen, die an Jesus glauben, mit Enttäuschungen zu kämpfen haben, sich abmühen und manchmal ohne Erfolg sind. Menschen, wie Petrus, Jakobus, Johannes oder Thomas, der Zweifler. Menschen, wie du und ich. Menschen, die bis heute von der einen Erfahrung getragen werden, die höher ist als unsere Vernunft. Es ist der Herr! So hat einer der Jünger diese Erfahrung zusammengefasst. Eine Lebens– Erfahrung,  die dafür gesorgt hat, dass eine Hand voll abgekämpfter, verängstigter und müde gewordener Menschen wieder Kraft und Vertrauen schöpfen. 

 

„Es ist der Herr!“  Wir sollen an dieser Erfahrung teilhaben. Der Auferstandene geht in unseren Alltag hinein. Er lässt uns nicht allein. Die Welt mag glauben, dass sie zur alten Tagesordnung zurückkehren kann. Sie irrt. Gottes neue Ordnung hält Einzug in diese von Todesahnungen und Todeserfahrungen überschattete Welt. Es ist die Tages-ordnung der Liebe, die in Jesus Gestalt angenommen und in seinen Worten ein klares Programm hat. An dieser Tagesordnung sollen wir festhalten. Zu dieser Tages-ordnung sollen wir uns immer wieder zurückrufen lassen – vom Herrn selbst, der bei uns ist, der zu uns spricht, in seinem Wort, der  zu uns kommt unter Brot und Wein – und den man mit den Augen des Herzens wahrnehmen kann. „Es ist der Herr!“ Leben wir im Vertrauen auf seine Nähe. Dann spüren wir seine Gegenwart,  die uns verwandelt, die uns Hoffnung schenkt, damit wir uns wie neugeboren fühlen. Neugeboren zu einer lebendigen Hoffnung. Amen. 

 

Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein 


Zur Freundschaft berufen - Predigt über Lukas 24, 36 – 45  zur Konfirmation am Ostermontag  (17.4.2017) 


Als sie aber davon redeten, trat er selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz?  Seht meine Hände und meine Füße, ich bin's selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe. Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße. Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. Und er nahm's und aß vor ihnen. Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen. Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden. (Lutherübersetzung 2017, herausgegeben von der deutschen Bibelgesellschaft) 

  

Es braucht seine Zeit, bis das Herz glaubt, was die Ohren hören, die Augen sehen! So ist das wohl bei den Jüngern gewesen. Auch bei uns ist das nicht anders. Gut zweitausend Jahre sind nun vergangen seit jenem ersten Morgen, als sich die Frauen bei Tagesanbruch auf den Weg gemacht haben, um den Leichnam Jesu zu salben. „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden!“ Im Morgengrauen hören die Frauen diese gute Nachricht aus dem Munde des Engels. Sie behalten sie nicht für sich. Sie eilen zu den Jüngern nach Jerusalem. Sie sagen es allen weiter – und ernten Achselzucken, Stirnrunzeln oder Spott. Wer mag das glauben: Christus ist auf-erstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Der Tod ist besiegt. 

 

„Ich hör die Botschaft: Jesus lebt! Doch seh ich nur: die Welt erbebt, / weil Krankheit herrscht und Tod und Krieg. / Wo find ich Jesu Ostersieg? / Herr, steh mir bei...“ heißt es in einem Osterlied aus den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Skepsis und Sehnsucht sprechen aus diesen Versen. Wie gerne möchte man dieser guten Nachricht glauben. Wenn’s nur nicht diese zahlreichen anderen Erfahrungen geben würde, die an unserer Hoffnung rütteln und den Glauben schwanken lassen. Die Welt erbebt. Kampfflugzeuge steigen auf und werfen Bomben ab – Kriegsführung, chirurgisch präzise, die Maßarbeit des Todes. Die Welt erbebt  von den Nachrichten über Völkermord, Giftgas und Massenflucht und man möchte einstimmen in die Bitte des Lieds aus unseren Tagen: Herr, hilf, dass sich mein Herz erhebt / aus Kummer, Zweifeln, / Angst und Leid!/ Mach es für deinen Trost bereit! / Herr, steh mir bei! 

 

Es braucht seine Zeit, bis das Herz für diesen Trost bereit ist, den Gott den Menschen anbietet. Die Jünger sind das beste Beispiel dafür. Sie können nur den Kopf schütteln über die wirren Geschichten der Frauen, die Geschichten vom leeren Grab, von der Botschaft des Engels und von den beiden Jüngern, die auf dem Weg nach Emmaus waren und behaupten, dass ihnen Jesus erschienen sei. 

 

Verängstigt sind sie. Die Türen sind gut verschlossen, die Fenster fest verriegelt. Jetzt nur nicht auffallen! Die Stimmung ist gegen sie – in Jerusalem. Die Feinde Jesu haben sich durchgesetzt. Wenn man nicht acht gibt, landet man vielleicht selbst noch im Gefängnis oder auf dem Richtplatz. 

 

Es braucht seine Zeit, bis das Herz glaubt, was die Ohren hören, die Augen sehen! Vielleicht erschrecken sie deshalb fürchterlich, als sie sehen, was es doch eigentlich nicht geben dürfte. Sie sehen Jesus. Das kann doch nicht sein. Halluzination? Einbildung? „Friede sei mit euch!“ sagt der Auferstandene. „Warum lasst ihr in eurem Herzen solche Zweifel aufkommen?“ Ja, warum eigentlich? Weil es unglaublich ist? Als ob Jesus diesen Einwand schon vorher wüsste! Er fordert sie auf! Sie sollen ihre Angst überwinden. Sie sollen ihn berühren! „Seht meine Hände und Füße an: ich bin es selbst. Fasst mich doch an, und begreift: kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht.“  Aus der Begegnung wird eine Berührung – mit dem Auferstandenen, mit dem Leben, das den Tod hinter sich gelassen hat und ebenso die Angst. 

 

Die Jünger merken: ihre Hoffnung hat „Hand und Fuß“. Der Glaube an die Auferstehung ist nichts theoretisches. In dieser Welt, die immer wieder aufs neue erbebt, hält eine neue Wirklichkeit Einzug: die Wirklichkeit des Auferstan-denen, der mit den Jüngern isst und trinkt, der sie tröstet, der ihnen neuen Mut macht, damit sie fröhlich leben und glauben können. 

 

Ja, es braucht seine Zeit, bis das Herz glaubt, was die Ohren hören, die Augen sehen – Jesus lebt, er hat den Tod überwunden. Jesus schenkt seinen Jüngern diese Zeit. 40 Tage bis zu seiner Himmelfahrt erscheint er den Jüngern, antwortet auf ihre Fragen, nimmt Anteil an ihrem Leben. Da kann das Vertrauen wachsen. Da vertieft und festigt sich die Freundschaft mit Jesus. Freundschaft! Jesus wirbt heute auch um eure Freundschaft, liebe Konfirmanden. In dem gemeinsamen Jahr des Konfirmandenunterrichts haben wir versucht, euch nahe zu bringen, wie es ist, wenn Menschen an Jesus glauben, wenn sie dieses Angebot der Freundschaft mit Gott annehmen, der uns in Jesus seine menschliche Seite zuwendet. Es ging im letzten Jahr nicht nur darum, Inhalte zu lernen. Es ging auch um Freude am Leben und am Gemeinschaft im Glauben. Kirche ist die lebendige Gemeinschaft der Freundinnen und Freunde Jesu. Deshalb haben wir auch miteinander gebastelt, haben gemeinsam etwas unternommen, sind zur Konfirmandenrüstzeit aufgebrochen, haben miteinander gegessen und getrunken. Jesus will sich bemerkbar machen in eurem Leben. Er will, dass ihr ihn Anteil nehmen lasst an eurem Leben, an euren Fragen, an euren Sorgen, an euren Freuden und an euren Nöten. Er will Gemeinschaft mit euch haben. 

 

Es braucht seine Zeit, bis das Herz glaubt, was die Ohren hören, die Augen sehen! Als den Jüngern die Augen und vor allem die Herzen aufgegangen sind – waren sie mutig genug, um das Haus zu verlassen. Sie haben einen Auftrag erhalten. Sie sollten hingehen zu den Menschen, die sich nach diesem Trost Jesu sehnen, weil sie erschüttert sind vom Kummer und Zweifel, von Angst und Leid. Sie sollen hingehen und die gute Nachricht weitergeben. Zuversichtlich können sie das tun. Sie werden gut ausgerüstet, „mit der Kraft aus der Höhe“ wie Lukas schreibt, mit dem Heiligen Geist, der Herzen, Mund und Hände öffnet – zum Gotteslob und zum Glaubenszeugnis bereit macht. Jesus traut euch das ebenfalls zu. Er will euch zu seinen Boten machen, zu den Boten einer frohen Botschaft. Es ist die Botschaft vom Leben. 

  

Es braucht seine Zeit, bis das Herz glaubt, was die Ohren hören, die Augen sehen! Es braucht den Beistand des Herrn. Die Jünger haben das erfahren. Wir dürfen auch um diesen Beistand bitten. Später werden wir um den Beistand des Heiligen Geistes beten. Das ist niemand anderes als er selbst, der Auferstandene. Er ist die Kraft aus der Höhe, er tritt  an unsere Seite und macht die Herzen stark und öffnet die Lippen, damit wir anderen von dieser Hoffnung erzählen können, die uns selbst Trost, Kraft und Geborgenheit schenkt. Ich wünsche euch, dass sich dieser Glaube in euren Herzen entfalte, ein mutiger Glaube, der sich nicht einschüchtern lässt, ein fröhlicher Glaube, der sich nicht entmutigen lässt, ein kritischer Glaube, der sich nicht einlullen lässt, ein Glaube, der euch lehrt zu schweigen und zu reden, je nachdem, was geboten ist, ein wegweisender Glaube, der die Richtung weist in ein erfülltes und segensreiches Leben. Amen.


Fürchte dich nicht - das Schlüsselwort zum Leben Predigt über Offenbarung 1,17f in der Osternacht 2017

"Nein! sagt er. „Nur keine Veränderung! Am liebsten wäre es ihm, wenn alles  so bleibt, wie es ist!“ Zur Bekräftigung seiner Aussage verschränkt er die Arme. Ich frage mich, ob er weiß, wie er aussieht? Als ob er in einer Zwangsjacke steckt.  Nur, dass es eine besondere Zwangsjacke ist. Es ist die Angst, die ihn einschränkt. Es ist die Angst vor dem Neuen, dem Unbekannten, dem Ungewohnten. Veränderungen sind gefährlich, sagt er sich. Feste Gewohnheiten sind wie vertrautes Land, erschlossenes Terrain, auf dem ich mich sicher fühle. Neues macht Angst. Nicht alle denke so, aber viele. Einer von diesen Menschen steht in Gedanken vor uns, verschränkt die Arme, will das Neue nicht an sich heranlassen.   

Ob die Jünger auch so gewesen sind? „Nein!“ haben sie entsetzt aufgeschrien, als Jesus sie auf seinen Tod vorbereitet hat. Sie hatten Angst vor den Folgen. Wie sollen wir nur weiterleben, ohne ihn? Eine berechtigte Frage. Ihr Nein hat ihnen nichts genützt. Jesus wurde von ihnen genommen. Gewaltsam. Die Soldaten haben ihn gefangen, in Ketten gelegt, vor Gericht geschleppt und schließlich ans Kreuz geschlagen. „Nein!“ Angst lag im Aufschrei der Jünger. Angst und Verzweiflung. Wovor sie am meisten Angst hatten, das ist jetzt eingetreten. Jesus ist ihnen genommen worden. "Wir werden ihn nie wieder sehen" haben sie sich gedacht und ängstlich verkrochen, in ihrer Trauer und Verzweiflung eingegraben. Da sind die Frauen gekommen. Atemlos und voll Aufregung erzählen sie, was ihnen widerfahren ist. „Wir haben einen Engel gesehen! Der hat uns gesagt, dass er lebt. Jesus lebt. Er ist auferstanden!“   

Nein, sagen die Jünger wieder – und ich kann sie mir nur so vorstellen: wie sie die Arme verschränken, die Frauen zurückweisen. Nein! Nicht solche Hirngespinste. Nicht so ein Geschwätz, das eine irreale Hoffnung nährt. Die Hoffnung, es könnte was dran sein an diesen Worten. Die Hoffnung, der Tod könnte doch nicht das letzte Wort haben. Eine Hoffnung, die dann doch wieder zerbricht an der harten Realität, an der bitteren Wirklichkeit. Dann ist die Not größer als vorher. Was zu schön wäre, um wahr zu sein, das kann  nicht wahr sein. Angst haben sie. Angst, dass sie niemals zur Ruhe kommen, wenn sie sich auf diese Botschaft einlassen, diese absolut unglaubliche Nachricht: er lebt.   

„Fürchtet dich nicht!“ Ob das deshalb die ersten Worte sind, die der Auferstandene in der Offenbarung an Johannes richtet. Als der Seher den Auferstandenen in einer Vision erblickt, fällt er wie tot vor seine Füße. Was er sieht, geht über seinen Verstand. Auch bei den Frauen war das so und ebenso bei den Jüngern: die Begegnung mit dem Auferstandenen löst erst einmal Angst und Erschrecken und Unverständnis aus. Sie bekommen Kontakt mit einer Wirklichkeit, die sie bis dahin für unmöglich gehalten haben. Es ist, als ob das Wasser bergauf fließt, die Gesetze der Vernunft werden auf den Kopf gestellt. Das kann nicht wahr sein. Doch Jesus will ihnen die Angst vor dem Neuen nehmen. Er will, dass sie sich dieser neuen Wahrheit öffnen, die Gott an Ostern in Kraft gesetzt hat. Eine Wahrheit, die man nicht erklären, nicht definieren kann. Definieren heißt wortwörtlich übersetzt: etwas abgrenzen, etwas eingrenzen, damit man es dem Verstand erschließen kann. Aber wie will man etwas erklären, was sich nicht vernünftig erklären lässt?   

Vielleicht sagt der Auferstandene deshalb heute auch zu uns: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige; ich war tot und siehe: ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle“Dieses Wort ist zugleich auch der Wochenspruch für das Osterfest und die österlichen Tage. Wir hören es, wenn wir in der Osternacht die Osterkerze anzünden, wenn sich das Licht in der dunklen Kirche ausbreitet. Dann wissen wir: die Dunkelheit hat keine Macht mehr über uns, die Angst vor dem Tod, das Leid, die Trauer  – sie müssen vor dem Licht zurück weichen, sie müssen vor dem zurückweichen, der selbst das Licht  der Welt ist, der Weg, die Wahrheit und das Leben.   

Jesus sagt: Fürchte dich nicht – lass sie an dich heran, die Gute Nachricht. Es ist nicht mehr der Tod, der die endgültigen Realitäten schafft. Es ist Christus, der uns sagt: Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige! Wir zünden die Osterkerze nicht vergeblich an. Das Hoffnungswort soll nicht verhallen wie ein trügerisches Echo. Wir glauben, dass Christus den Tod überwunden hat.  Wir wissen es nicht. Nein. Wir glauben es – und lächeln. Wir müssen es nicht verstehen, es nicht erklären und beweisen.  Nur eines wird von uns verlangt: Vertrauen. Vertrauen wir dem Wort des Auferstandenen. Christus hat die Schlüssel, die uns das Tor in das neue Leben öffnen. Wir sehen im Glauben das Licht, das uns den Weg weist. Es ist der Weg aus der Angst, den wir geführt werden. Es ist das Licht der Hoffnung, das uns führt. Es ist Jesus Christus, der das Licht der Welt ist. „Fürchte dich nicht!“ sagt der Auferstandene heute zu uns. Der Tod lehrt uns das Fürchten, aber Christus lehrt uns Gott zu vertrauen.     

„Fürchte dich nicht!“ an diesem Wort Jesu wollen wir uns festhalten, wenn uns die Angst gefangen nehmen will, wenn sie uns verleiten will, Nein zu sagen, sich der neuen Wirklichkeit zu verschließen, der österlichen Wirklichkeit zu verschließen.  Diesem Wort wollen wir vertrauen. Weil es das Wort ist, dass der Herr uns zuspricht, der den Tod überwunden hat. Ein Schlüssel - Wort, das uns die Tür zum Leben öffnet und Frieden schenkt, der die Vernunft übersteigt. Ein Wort, das es hell werden lässt in uns, so wie ein Kerze den Raum mit seinem warmen Licht erfüllt, der vorher kalt und dunkel war. Da haben die Schatten des Zweifels, da hat die Angst keine Chance mehr. Amen. 

Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein 



Menschen unter  dem Kreuz – Menschen, wie du und ich? Predigt über Lk.23,33 - 49 am Karfreitag in Altenstein und Hafenpreppach (14.4.2017) 

 

Heute möchte ich mit Ihnen über einzelne Worte Jesu am Kreuz nachdenken, wie sie der Evangelist Lukas überliefert hat. Sie sagen etwas darüber aus, welche Bedeutung der Tod Jesu für ihn hat. Der Evangelist führt uns zur Schädelstätte, nach Golgatha. Dorthin hat Jesus sein Kreuz tragen müssen. „...als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken“ sagt Lukas. Nun hängt Jesus am Kreuz, flankiert von zwei Verbrechern. In der Mitte, als ob er der Schlimmste von den dreien wäre. Drei von den sieben Worten Jesu am Kreuz finden wir bei Lukas. Das erste lautet: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.“

 

Jesus bittet um Vergebung. Der, von dem wir im Glaubensbekenntnis sprechen, dass er kommen wird, um die Lebenden und die Toten zu richten, bittet für die Schuldiggewordenen. Er tritt für sie ein, noch im eigenen Tod. So sehr liebt er sie. Er legt bei Gott, seinem Vater, mehr als nur ein gutes Wort für sie ein. Er, der Unschuldige, gibt sich selbst hin für die Schuldiggewordenen: Sie wissen nicht was sie tun. Vergib ihnen, Vater. Wer ist damit gemeint?   Blicken wir doch einmal auf die, die sich unter dem Kreuz versammelt haben – vielleicht ahnen wir dann, wer sich angesprochen fühlen darf. Da sind die Oberen des Volkes. Sie verspotten ihn noch im Sterben. „Er hat anderen geholfen; er helfe sich selber, wenn er wirklich der Christus ist, der Auserwählte Gottes.“ 

 

Ich glaube, diese Oberen stehen stellvertretend für alle Spötter und Zyniker, denen Sensibilität und Mitgefühl verloren gegangen ist. Das sind Menschen, die den Tod schönreden. Natürlich nur den Tod der anderen, den sie billigend in Kauf nehmen. Sie stehen für alle, die mit dem Wort und mit den Paragraphen, den Gesetzbuch eines Staates gut umgehen können  und die das auch wissen. Die Oberen stehen stellvertretend für all diejenigen, die ihre Macht mißbrauchen, die der Versuchung erlegen sind, ihr geistiges Können und Wissen für ihre eigenen, ehrgeizigen politischen Ziele und Zwecke einzusetzen. Vor allem, wenn sie ihr Können und Wissen einsetzen um einen anderen, einen, den sie für gefährlich halten oder der ihren eigenen ehrgeizigen Plänen im Weg steht, auszuschalten. 

 

Die Oberen sind aber nicht die einzigen, die unter dem Kreuz stehen und für die Jesus betet. Ich sehe auch die Soldaten und Henkersknechte. Ich stelle mir so einen römischen Soldaten vor. Irgendwo im tiefen Süden Italiens ist er geboren und aufgewachsen. Soldat ist er geworden. Er hat gelernt zu gehorchen. Die Oberen haben ihn nach Palästina geschickt, in ein Land, von dem er noch nie etwas gehört hat, zu Menschen, deren Sprache er nicht spricht und deren Glaube ihm fremd ist. Hinrichtungen sind für ihn nichts besonders. Die stehen an der Tagesordnung. Wenn das Gericht Menschen zum Tod verurteilt hat, dann müssen sterben. Das ist nun mal so. Dass dieses Sterben am Kreuz sich über Stunden, manchmal Tage hinweg gezogen hat, war diesem Soldaten egal und ebenso seinen Kameraden. Sie handeln auf Befehl. Später werden sie um das Gewand eines Verurteilten würfeln. Sie finden nichts dabei. Wäre ja schade um den schönen Stoff, wenn man ihn mit dem Schwert teilt.  Wenn Jesus am Kreuz sagt: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ will er diese Menschen  nicht aus der Verantwortung für ihr Tun entlassen. Trotzdem tritt er für sie ein. Weil er den Menschen kennt -  den Menschen, der sich gerne blenden läßt, dessen Herz eitel ist und den oft auch eine große Portion Angst dazu bringt, lieber zu gehorchen als etwas im Namen der Menschlichkeit zu riskieren. Ich frage mich, ob wohl die Befehlsausführer ebenfalls zu diesen Menschen gehören, die in der vergangenen Woche für den Giftgasangriff in Syrien gesorgt haben? Ob einige der Verantwortlichen für diesen Angriff in der Brusttasche ihrer Uniformjacke ein Bild von der eigenen Familie getragen haben?  Ob sie auch zu denen gehören, die in Wahrheit nicht wissen, was sie tun? Ob sie am Ende aufgefangen werden von diesem Gebet Jesu am Kreuz? „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun?“ Wie gut, dass ich das nicht wissen muss. Wie gut, dass ich das einem anderen überlassen darf. Dem mit der Dornenkrone. Dem am Kreuz. 

 

Zu dem schauen sie auf, die neugierigen Zuschauer. „Und das Volk stand da und sah zu“ sagt Lukas. Auch für sie betet Jesus. Die Schaulustigen. Menschen, die vom Elend der anderen angezogen werden. Es gibt sie auch heute noch, solche Menschen. Sie fahren auf der Autobahn bewusst langsam, wenn auf der anderen Seite ein Unfall zu sehen ist, sie wollen einen Blick erhaschen, auf die Opfer, das Leid, das nicht das eigene ist. Und wieder drängt sich eine Frage auf. Wenn es damals möglich gewesen wäre – ob sie Selfies gemacht hätten, unter dem Kreuz? Ich fürchte ja. Neben den Schaulustigen stehen die Hilflosen. Auch die gibt es. Denen fühle ich mich besonders nah. Den Ängstlichen. Ratlos stehen sie da. Die Angst schnürt ihnen die Kehle zu. Die Verzweiflung lähmt sie. „Wir haben gehofft, dass mit ihm alles besser wird“, seufzten sie. „Und jetzt schlagen sie ihn ans Kreuz. Es ist zum davonlaufen!“Aber sie sagen nichts. Sie haben Angst, dass sie dann selbst im Gefängnis landen. Sie schweigen, leiden und fühlen sich schuldig. Weil sie schweigen. Weil sie nichts tun. Ich bin dankbar, dass Jesus für  sie alle gebetet hat und dass dieser Jesus für sie eintritt. Weil ich auch zu diesen Menschen gehöre – mit meinen Zweifeln, mit meinem Spott, mit meinen Versagen, mit dem Unrecht, das ich möglicherweise anderen zufüge oder das ich zu erleiden habe, weil ich wegschaue, gelegentlich, weil ich mich abfinde. Ich bin dankbar, dass Jesus für uns alle am Kreuz gebetet hat. Ich glaube, dass dieser Jesus auch jetzt für uns eintritt. Das hilft mir, mit meinem Leben zurechtzukommen, besonders in den Augenblicken, in denen mir meine eigene Schwäche, mein eigenes Fehlverhalten, meine eigene Schuld ins Bewußtsein tritt.

 

Noch zwei Worte spricht Jesus. Das eine zeigt mir, wie wir auf dieses Eintreten Jesu antworten können. Es ist der Schächer am Kreuz, der zu Jesus sagt: „Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst. Er erkennt in seiner Todesstunde die Bedeutung Jesu. Er weiß auf einmal, was es mit diesem Jesus auf sich hat. Da teilt einer sein Schicksal, ohne es verdient zu haben. Der Schächer am Kreuz war ein Übeltäter.„Herr, wenn du in deinem Reich bist, dann vergiß mich nicht!“  Der reumütige Schächter weiß, dass er sein Leben verspielt hat. Ganz umsonst soll sein Leben aber nicht gewesen sein. Wenigstens einen soll es geben, der an ihn denkt. Und der vielleicht auch ein gutes Wort für ihn einlegt, wenn er vor seinen Richter treten muss. Jesus öffnet ihm den Weg in ein neues Leben. „Wahrlich, ich sage dir : Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“  Im Tod erhält er den Zuspruch, der sein verwirktes Leben der Vollendung entgegenführt, an die er wohl gar nicht mehr geglaubt hat. Nein, der Tod ist nicht das Ende. Er ist der Eingang ins Leben. Daran dürfen wir glauben und an noch etwas: an Gottes rettende Liebe, die niemanden aufgibt und dem noch im letzten Moment die Hand reicht, der sie voll Verlangen ausstreckt. 

 

Schließlich stirbt Jesus. Er legt sein Leben zurück in die Hand Gottes, die ihn getragen und gestärkt hat. „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände.“ Bis zum Schluß lebt Jesus in dem Vertrauen, bei Gott geborgen zu sein. Dieses Vertrauen hat ihn Mut gemacht, für Liebe, für Menschlichkeit einzutreten und Gottes Reich unter den Menschen zu verkünden. Dieses Vertrauen hat ihm Kraft gegeben, den Versuchungen zu widerstehen. Die Versuchung, seinen Einfluß geltend zu machen, sich zu beweisen, sich andere gefügig zu machen, sich Macht und Ansehen zu verschaffen mit den Mitteln und Wegen der Welt, mit Rede - und Überzeugungskunst und - wenn das nichts mehr hilft - mit ein Gewalt. 

 

Als Jesus stirbt, ist es ein Heide, der römische Hauptmann, den die Augen aufgehen und der erkennt, um wen es sich bei diesem sonderbaren Verurteilen gehandelt hat „Fürwahr,  dieser ist ein frommer Mensch gewesen.“ Bei Matthäus sagt der Hauptmann: dieser ist Gottes Sohn gewesen. Dieser ist von Gott gekommen und hat Gottes Willen unter den Menschen vertreten. Das sollte uns zu denken geben. Es waren nicht die Frommen und Gottesfürchtigen. Es war der Heide, aus dessen Mund das Christusbekenntnis kam.  Die Menschen, von denen Lukas erzählt, schlagen sich an die Brust und kehren in ihre Häuser zurück. Diese Geste ist ein Ausdruck der Buße. Jetzt erkennen sie, wer dieser Jesus war. Lassen auch wir uns für diesen Jesus die Augen öffnen. Bitten wir Gott um seinen heiligen Geist, der Leben schafft, der uns die Augen für diesen Jesus und das Herz öffnet: damit wir die Botschaft darin wirken lassen, die seit Ostern um die Welt geht. Sie lautet: Ihr seid mit Gott versöhnt. Jesus hat das vollbracht - durch seinen Tod am Kreuz. Lebt in dem Vertrauen, dass ihr in ihm einen Fürsprecher habt, der in seinem Reich an euch denkt und für euch eintritt. Amen. 

Pfarrer Stefan Köttig 


(Bibeltexte aus Lutherbibel 1984, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft)


Vom Recht auf Verschwendung - die Salbung in Bethanien            

Mit dem Palmsonntag beginnt die heilige Woche. Die Stationen der Leidensgeschichte Jesu führten uns nach Jerusalem. Wir denken an den Einzug Jesu. Wie ein König, ein Heilsbringer wird er vom Volk begrüßt. Die Leute winken mit Palmzweigen. Die Schriftgelehrten nehmen Anstoß. Die Priester ballen die Fäuste. Ob Pilatus die Unruhe im Volk wahrnimmt und sich wundert? Bald wird sich das Blatt wenden, die Stimmung kippen. Die Geschichte, über die wir heute nachdenken, führt uns wieder aus der heiligen Stadt hinaus zu einem Ort, der etwa drei Kilometer südöstlich von Jerusalem liegt. Unser Ziel ist Bethanien. Dort hat Jesus gerne übernachtet, wenn er Jerusalem besucht hat. Hier war er stets willkommen. Martha und Maria lebten dort zusammen mit ihrem Bruder Lazarus. Das ist der, den Jesus aus den Grab gerufen hat. Aber um den geht es nicht. Die Geschichte, über die wir heute nachdenken, führt uns ins Haus Simons mit dem wenig schmeichelhaften Namen: der Aussätzige. Doch auch der spielt als Gastgeber nur eine Nebenrolle in unserer Geschichte, gerade einmal, dass er erwähnt wird. Es geht um die Tat einer Frau. Und es geht darum, wie höchst unterschiedlich die Männer in der Geschichte diese Tat bewerten - die Jünger und Jesus. Hören wir also auf die Geschichte von der Salbung Jesu in Bethanien. Sie ist aufgeschrieben beim Evangelisten Markus im 14. Kapitel:


Und als (Jesus) in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat. 

(Lutherbibel 2017 herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft)


Jesus, Simon und die Jünger waren gerade zu Tisch beim Abendessen, schreibt Markus. Wenn sie der Sitte der Herrscher folgten, der Römer, wurde halb liegend gegessen. Dabei wurde diskutiert, zu fortgeschrittener Stunde und nach etlichen Bechern Wein glitt die Unterhaltung gerne mal in erotische, anzügliche Betrachtungen ab, Witze wurden erzählt, derbe Zoten gerissen und es wurde gelacht. Aber dazu ist es in unserer Geschichte nicht gekommen. Die Tischgesellschaft wird gesprengt von einer Frau. Ihr Name wird uns von Markus nicht verraten, nur, dass sie  bei den Männern wegen ihres Verhaltens in Ungnade fällt. Ich stelle mir vor, wie sie alle aufschauen, als sie den Raum betritt. Was will die den hier? Wie kann sie es wagen, so einfach hereinzuplatzen? Was sie wohl vor hat? Neugierig schauen die einen von ihren Tellern auf. Missbilligend die anderen. Ist sie eine Bittstellerin? Bringt sie ein Geschenk? Ein Alabastergefäß hat sie bei sich.  Jetzt kommt der Augenblick, in dem heute die Bodyguards prominenter Persönlichkeiten eingreifen würden. Die Frau geht zu Jesus, öffnet rasch das Gefäß und gießt mit einem Mal den Inhalt auf das Haupt des Gastes, auf Jesus. Ein Skandal! Nicht, weil das Öl nun über den Kopf und das Gesicht läuft und auf die Kleidung tropft und auf den Polstern Spuren hinterlässt.  


„Verschwendung!“ schimpfen die Männer. Das Öl war sehr teuer. Dreihundert Silbergroschen soll der Inhalt der Flasche wert gewesen sein. Dafür muss ein Tagelöhner ein ganzes Jahr arbeiten. Wahrscheinlich handelt es sich um Öl aus indischer Narde. Importware also und deshalb teuer. Gut verschlossen bot sich dieses Öl als Kapitalanlage an. Und selbst, wenn man es nicht weiterverkauft sondern gebraucht, dann nimmt man davon nur ein paar Tropfen oder verdünnt es mit Wasser, kurz: Nardenöl verwendet man sparsam. Was für eine Vergeudung also, dass die Frau es restlos über Jesus ausgegossen hat. „Man hätte es verkaufen und das Geld für Arme verwenden können“, erbosten sich die Jünger. Ach ja! Sie haben Recht! Die Armen nicht vergessen, Gutes tun, sich einsetzen dafür, dass die Welt etwas erträglicher wird, dass die Lebensqualität benachteiligter Menschen gehoben wird - wer würde es wagen, diesem sozialen Argument zu widersprechen? Niemand, außer Jesus vielleicht. Der nimmt die Frau in Schutz. „Arme habt ihr allezeit bei euch. Für die könnt ihr jeden Tag sorgen. Mich aber habt ihr nicht mehr lange bei euch!“ 


Durch diese Worte fällt der Schatten einer bösen Vorahnung auf die Geschichte. Will Jesus sich von den Jüngern trennen? Die Sorge wird verstärkt und die Stimmung endgültig verdorben, als Jesus sagt: „Die Frau hat etwas Gutes getan. Sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis!“ Einen Toten mit Salben einzureiben war ein letzter Akt der Liebe, der Wertschätzung und des Abschieds, in dem der Tote für das Begräbnis und für die Ewigkeit zugerüstet wurde. Am dritten Tag nach seiner Hinrichtung werden sich die Frauen in aller Herrgottsfrühe auf den Weg zum Grab machen, um den Leichnam Jesu zu salben. Da wird ihr Herz voll Trauer sein. „Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür“, werden sie sich fragen. Aber heute, an diesem Abend, ärgern sich die Jünger über diese andere Frau, über ihre Verschwendung, über ihre Anmaßung. Und vielleicht nehmen sie auch Anstoß daran, wie Jesus diese Handlung deutet: als vorweggenom-menes Begräbnisritual. Und dann auch noch das: Die Frau wird mit ihrem Verhalten zum Vorbild aufgewertet. „Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat…“ sagt Jesus. Da steht eine Frage im Raum. Warum handelt sie vorbildlich? Hat die Frau geahnt hat, was Jesus bevorsteht? Hat sie in Jesus einen besonderen, einen außergewöhnlichen, einen von Gott erwählten Menschen gesehen und dies durch die Salbung zum Ausdruck gebracht?


 Ich möchte eine andere Deutung wagen. Ich will vom Recht auf Verschwendung und  auf Vergeudung im Raum der Liebe sprechen. Es stellen sich Situationen und Umstände ein, in denen  wir verschwenderisch sein sollen oder dürfen. Herzensangelegenheiten gehören dazu. Daran erinnert uns die Handlung der Frau. Sie gießt unerhört teures Öl über Jesus aus. Nicht nur ein paar Tropfen. Sondern den ganzen Inhalt. So bringt sie ihre Liebe, ihre Verehrung, ihre Wertschätzung zum Ausdruck. Sie zeigt, welche Bedeutung Jesus für sie hat. Er ist es ihr wert, dass sie das ganze Öl für ihn vergeudet, dass sie nichts davon zurück hält, für andere Gelegenheiten. So sehr liebt sie und verehrt sie ihn. Ob die Jünger das Geld wirklich so sinnvoll angelegt hätte, wie sie sagten, wissen wir nicht. Die Liebe rechtfertigt es, dass man etwas Ungeheures, etwas Verschwenderisches tun darf. Das fällt mir heute ein, wenn ich die Szene vor mir sehe. Sie sagt mir: man darf einem Menschen etwas schenken, um ihm zu zeigen, wie sehr man ihn liebt. Und man soll sich das nicht für später aufheben. „Später“ kann zu spät sein. Dem Menschen, der einen besonderen Platz in meinem  Herzens einnimmt, darf ich, soll ich, muss ich zeigen, wieviel er mir wert ist, wie sehr er mir am Herzen liegt. Ich darf und ich soll es tun. Einfach so. Er oder sie soll es hören und vor allem auch spüren: du bist mir unendlich viel wert. Das gehört zum Leben und zum Lieben dazu. Man darf das tun, weil Gott es schließlich auch getan hat. Er hat uns etwas unendlich kostbares geschenkt, er hat das Leben seines Sohnes hingegeben, er hat es am Kreuz vergeudet, um uns zu retten, damit wir einen Halt und eine Hoffnung haben, wenn andere den Halt verlieren und die Hoffnung aufgeben, wenn die Schatten des Todes auf uns fallen, wenn wir leiden und sterben. 


Wie kostbar dieses Leben doch ist, das in Jesus erschienen ist: unendlich viel mehr ist es wert als nur 300 Silbergroschen. Ein Leben, das dahin gegeben wird  - aus Liebe, aus reiner, unverfälschter Liebe zu den Menschen. Ob die Frau das geahnt hat? Wir werden nie erfahren, was sie dazu gebracht hat, dieses Gefäß zu öffnen und über Jesus auszugießen. Nicht immer ist impulsives Handeln sinnvoll. In diesem Fall, so stelle ich mir das vor, war der Heilige Geist Gottes der Impulsgeber und hat es mit einem heilsamen Sinn erfüllt. Er hat sie angetrieben, er hat ihr Herz in Flammen gesetzt, ihr den Mut gemacht zu dieser unerhörten Handlung. Sie hat etwas getan, was wir eigentlich auch tun müssten, Tag für Tag: dem Herrn zu danken für den Weg, den er in der Karwoche angetreten hat. Ein Weg in das Leid, ein Weg ans Kreuz und zugleich auch ein Weg in das Leben. Wie können wir ihm das heute zeigen? Vielleicht, indem wir leben, wie er gelebt hat, indem wir lieben, wie er geliebt hat, indem wir uns ihm anvertrauen, so wie sich die Frau ihm schließlich mit ihrem Handeln anvertraut hat. Vielleicht soll uns diese Geschichte daran erinnern. Gerade heute, gerade in einer Zeit, in der Bilanzen, Kostenschätzungen und Wertberechnungen den Stellenwert heiliger Schriften beanspruchen. Amen. 

Palmarum,9.4.2017

Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein