Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Gerade aufgeschrieben 

Auf dieser Seite lesen Sie die aktuelle Andacht oder einen jüngst verfassten Artikel, Kommentar, vielleicht auch einen Prosatext - was mir halt gerade aus der Feder fließ. Aber halt, eigentlich müsste ich sagen: was ich gerade getippt habe, denn eine Feder  oder einen Füller verwende ich zum Schreiben schon lange nicht mehr - und wenn, dann nur, um Notizen zu machen, die ich später kaum entziffern kann.                   

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Ein biblischer Verwandtenbesuch - Mariens Heimsuchung

Was sich die alte Frau wohl gedacht hat, als das Mädchen unvermutet vor ihr stand? Mit ihrem Besuch hatte sie nicht gerechnet. Den Vätern und Müttern im Glauben aber war gerade dieser Besuch so wichtig, dass sie einmal im Jahr daran dachten. Ich meine  die „Heimsuchung Mariens" am 2. Juli. Wer ein Freund der lateinischen Sprache ist, kann auch Visitatio Mariae  sagen, wie der Gedenktag in der katholischen Kirche offiziell genannt wird. Heimsuchung. Visitation  - für mich haben die Begriffe einen unangenehmen Beigeschmack. Heimsuchung das klingt nach Überfall. Die Menschen erschrecken, wenn sie heimgesucht werden von Heuschreckenschwärmen, Krankheiten oder manchmal auch nur von der buckligen Verwandtschaft. Solche Heimsuchungen kann man  gar nicht gebrauchen. Sie kommen zur Unzeit. Auch mit Visitationen verbindet man meist unangenehmes. Visitationen verbreiten stets den Geruch von Kontrolle und Beurteilung. Auf den biblischen Verwandtenbesuch trifft das nicht zu. Im Gegenteil. Ich denke mir, dass sich Elisabeth über die „Heimsuchung“ ihrer Verwandten gefreut hat. Sie ahnt, dass es etwas ganz Besonderes mit diesem Besuch auf sich hat. Und so war es auch. Die junge Frau war Maria. Das steht zwar nicht in der Bibel, ich denke mir aber, dass sie Trost und Rat bei ihrer Verwandten gesucht hat. Maria hat ja auch allerhand erlebt. Da war diese seltsame und erschreckende Begegnung mit dem Erzengel. Seine Botschaft an sie mag zunächst einmal Entsetzen oder wenigstens Ratlosigkeit ausgelöst haben. Wenn eine junge, unverheiratete Frau unversehens von ihrer Schwangerschaft erfährt, bringt das auch heute noch die Lebensplanung durcheinander. Wenn dazu das Kind nicht von dem Mann ist, mit dem sie verlobt ist, gerät die Frau auch heute noch in Erklärungsnot. So modern sind unsere Zeiten also auch wieder nicht. Kein Wunder, wenn Maria Rat und Trost sucht bei einem Menschen, zu dem sie Vertrauen hat. Und wer könnte sie besser verstehen, als Elisabeth, die ebenfalls überraschend schwanger geworden ist? Mir liegen diese kleinen Feste und Gedenktage wie der von Mariens Heimsuchung am Herzen. Sie zeigen mir die menschliche Seite der biblischen Heiligen. Sie berühren mich. „Siehe, ich bin des Herren Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast!“ antwortete Maria dem Engel, als der ihr die Kunde von ihrer Schwangerschaft überbracht hatte. Da ist sie fast übermenschlich demütig. Das rückt sie in die Ferne. Aber sie kehrt wieder zu uns Normalsterblichen zurück und das macht sie um so liebenswerter. Als der Engel seinen Auftrag erfüllt hat und sie zurücklässt, weiß sie nicht so recht, wie es weitergehen soll. Was soll sie  nurJosef oder ihren Eltern sagen?  Wie wird man die Nachricht im Dorf aufnehmen? Was wird der Rabbi sagen und vor allem die Klatschtanten, die sich beim Wasserschöpfen am Brunnen sicher das Maul zerreissen und ihr Urteil über die ledige Mutter fällen werden? Man könnte sie verstoßen, mit Schimpf und Schande davonjagen. Vielleicht hatte sie deshalb nach dem Besuch des Engels Abstand gebraucht. Und so machte sich Maria auf den Weg übers Gebirge, wie es in vielen Adventsliedern heißt.. Abstand nehmen wollte sie, um den Kopf frei zu bekommen, so deute ich diesen Besuch. „Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes!“ Mit diesem Freudenruf begrüßt Elisabeth die junge Frau, der jetzt vielleicht eine Last von der Seele genommen wird. Die wenigen Worte rücken die Realität zurecht. Maria darf sich freuen! Die Geburt eines Kindes ist Grund zum Jubel. Wie leicht man das über alle anderen Sorgen vergisst. Ja, gesegnet ist sie und buchstäblich guter Hoffnung. Wenn Gott sie in seinem Heilsplan vorgesehen hat, wird er auch für sie sorgen. Vielleicht hat es nur diese Umarmung gebraucht, dieses Wortes vom Gesegnet sein, das Maria aus der Sprachlosigkeit und Ratlosigkeit geführt hat. Einen Lobgesang stimmt sie an, der bis heute in vielen Gottesdiensten abends gesungen oder gebetet wird. Ich meine das Magnificat, ein Lied des Gottvertrauens, das die Niedrigen erhebt und die Mächtigen das Fürchten lehrt. „Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes…“ singt Maria. Es ist der Gott der Fürsorge, der Gott, der für gerechte Verhältnisse sorgt, das Kleine groß und das Große klein macht. Und sie, Maria, hat eine Aufgabe im göttlichen Heilsplan, in Plan der göttlichen Fürsorge. Sie soll den zur Welt bringen, der die Rettung den Hilflosen bringen wird. Im Sommer liegt der Gedenktag dieses Verwandtenbesuches. Er zeigt mir eine junge und mutige Frau, die ihren Weg geht, um ihre Berufung anzunehmen. Wenn das Leben draußen blüht und gleichzeitig die Schatten unmerklich wieder länger werden, erinnert uns dieser Tag daran, dass die Heilsgeschichte ihren Lauf nimmt und dass kommen wird, was kommen soll: eine junge Frau soll den Erlöser zur Welt bringen, nach dem die Welt so lange schon Ausschau hält. Und eine alte Frau wird seinen Vorboten gebären, der dem Erlöser  den Weg bereiten soll. Die Ikone, die diese Begegnung darstellt, kann man in Kloster Kirchberg bewundern, in der Elisabethkapelle. Dort werden die Stundengebete und Gottesdienste im Winterhalbjahr gefeiert. Auch das Magnificat wird dort täglich gebetet und damit die Rolle gewürdigt, die Gott Maria zugedacht hat.

2.7.2018


Peter und Paul - zwei heilige Streithanseln?

Auf einem alten Fresko aus dem 4. Jahrhundert kann sie man in brüderlicher Eintracht nebeneinander abgebildet sehen, zwischen beiden ein Christusmonogramm: Petrus und Paulus. Das Christusmonogramm trennt die beiden nicht, sondern es verbindet sie. Das mag ein Zeichen dafür sein, dass Christus gelingt, was uns Menschen oft unmöglich scheint; Menschen, die unterschiedlicher nicht sein können, verbindet der gemeinsame Glaube.   Die beiden „Heiligen“ müssen sich jedenfalls einen Festtag teilen. Immer wieder werden sie miteinander dargestellt - auf Ikonen, Heiligenbildern, als Statuen in Kirchen oder als Fresken an Wänden. Petrus wird dabei gerne mit den Himmelsschlüsseln dargestellt (Mt. 16,19)  und Paulus mit dem Schwert (des Glaubens). Ich weiß nicht, ob sie darüber wirklich glücklich sind. Auf dem Fresko schauen sie sich jedenfalls nicht an, Sympathisch waren  sie sich wahrscheinlich nicht. Jedenfalls kann man das vermuten, wenn man die Konflikte beachtet, die sie miteinander (oder gegeneinander) ausgetragen haben. Da ist Petrus, der Fischer. Ob er je Schreiben und Lesen konnte? Schwerfällig, aufbrausend, so stelle ich ihn mir vor. Später wird er eine Vorrangstellung unter den Jüngern einnehmen. Und neben ihm Paulus - der Pharisäer, der Intelektuelle. Gelehrt und eifrig bemüht um das rechte Verständnis von Gottes Wort und Willen und streng gegenüber allen, die damit in Konflikt geraten. Beide sind belastet in ihrer Vorgeschichte. Petrus hat im entscheidenden Moment versagt und Christus verleugnet. (Joh.18,29) Obwohl er doch vorher noch vollmundig versprochen hat, seinen Herrn notfalls bis in den Tod hinein die Treue zu halten (Lk. 22,33) . Paulus war in jungen Jahren ein fanatischer Christenhasser. Er hat die Gemeinde regelrecht vor sich her getrieben, verfolgt, gejagt, aufgespürt und versucht, ihren Glauben auszumerzen. Petrus wurde vom Auferstandenen „begnadigt“ und beauftragt, die Herde zu weiden (Joh.21,15ff) und Paulus erhielt nach seiner Bekehrung den Auftrag, das Evangelium zu predigen (Apg.9,15). Gemocht haben sie sich aber wohl trotzdem nicht. Im sogenannten „Antiochenischen Zwischenfall“ wird berichtet, wie Paulus mit Petrus hart ins Gericht geht, weil der aus reinem Opportunismus die Tischgemeinschaft mit unbeschnittenen Christen, die er vorher gepflegt hatte, aufkündigte - wenn auch vielleicht nur vorübergehend. (Gal.2)  Im 2. Petrusbrief - der wohl kaum aus der Feder von Petrus stammt -  können wir lesen, wie Paulus für seine gelehrten Briefe in Grund und Boden gelobt wird. Der Verfasser bezeichnet sie als Schriften, „… in denen einige Dinge schwer zu verstehen sind…“. Mit anderen Worten - was Paulus schreibt kapiert doch kein Schwein. Es menschelt und kriselt also in der Kirche - und das seit Menschengedenken. Und dennoch ist sie nicht unterzukriegen, dieser heilige Haufen aus fehlbaren Menschen. Vielleicht, weil so gegensätzliche Menschen wie Paulus und Petrus in ihr Platz finden? Vereint sind sie durch den gemeinsamen Glauben, wie das Christusmonogramm auf dem Fresko zeigt. Vereint sind sie  auf vielen Bildern und gedacht wird ihrer an einem gemeinsamen Festtag.  Christen müssen sich nicht immer sympathisch finden. Vielleicht ist es sogar Ausdruck geschwisterlicher Liebe, sich anzunehmen in aller Gegensätzlichkeit und bei aller Meinungsverschiedenheit und im anderen das von Gott geliebte Kind zu entdecken. Ob die beiden sich nicht hervorragend als Schutzpatrone für kirchliche Gremienarbeit eignen würden? Dort knirscht und kracht es ja auch immer wieder. Dort wird auch mit harten Bandagen gekämpft und dann wieder gemeinsam gebetet.

29.6.2018