Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)



Wenn mein Geist in Ängsten ist

„Wenn mein Geist in Ängsten ist, so kennst du doch meinen Pfad.“ (Psalm 142,4) Vor wenigen Tagen habe ich dieses Bibelwort in den Herrnhuter Losungen gelesen. Ein Pfad ist ein kleiner Weg, den man leicht aus den Augen verlieren kann. Man muss schon genau aufpassen. Der Trampelpfad -  kann das ein Bild für unseren Lebensweg sein? Wie leicht kann ich im Alltag die Orientierung verlieren, wie schnell aus der Spur geraten, mich verzetteln. Angst ist dabei der denkbar schlechteste Wegbegleiter. Sie sorgt für eine eingeschränkte Wahrnehmung der Welt, in der ich lebe. Wenn mir klar wird, dass ich mich im Wald beim Spazierengehen verlaufen habe, bekomme ich es mit der Angst zu tun. Der Wald verwandelt sich dann in einen bedrohlichen, unheimlichen Ort. Wie erleichtert ich dann bin, wenn ich wieder eine vertraute Wegmarkierung an einem Baum entdecke und  zurückfinde auf den vertrauten Weg. Ich denke, so ist es mit diesem Bibelwort. Es ist wie ein Hinweis, der mir die Angst nimmt und mir hilft, weiterzugehen. Gott kennt meinen Weg und er führt mich auch. Auf einmal kann ich wieder die Zeichen entdecken, die mir  gut tun auf diesem Weg:  der Gesang der Vögel in den Bäumen oder die ersten Blumen am Weg, die Zeichen des Lebens in einer Zeit des Stillstands.  „Wenn mein Geist in Ängsten ist, so kennst du doch meinen Pfad.“ Gott sei Dank.



Was mir gut tut

„Bei Gott bin ich geborgen, still wie ein Kind, bei ihm ist Trost und Heil…“ diese Aussage tut mir gut. Ein schlichtes Wort des Vertrauens und die einfache Melodie, zu der es gesungen oder gesummt werden kann, sind meine Wegbegleiter geworden in diesen Tagen. „Bei Gott bin ich geborgen, still wie ein Kind …“ , immer wieder rufe ich  mir diese Worte ins Bewusstsein. Vor allem dann, wenn ich Angst bekomme, weil die Bilder und Nachrichten zurzeit so beunruhigend sind. Dann spüre ich, wie Wort und Melodie in meiner Seele zu wirken beginnen. Sie rufen schöne Erinnerungen herbei. Ich denke an meine Mutter, die  ganze Nächte an meinem Bett saß, wenn ich krank war. Oder an meinen Vater. Wenn er dabei war, hab ich mich beim Baden auch ins tiefe Wasser getraut. Ich wusste ja, dass auf mich aufgepasst wird. Daran denke ich und muss lächeln. „Bei Gott bin ich geborgen, still wie ein Kind, bei ihm ist Trost und Heil.“ Jacques Berthier aus Taizé verdanken wir die wunderbare Melodie zu diesen biblischen Worten, die vom Psalm 91 inspiriert sind. Ein Gottesgeschenk, in dieser Zeit, beides, das  Bibelwort und der Gesang aus Taizé. 

(PS - wer die Melodie hören möchte, wird im WWW sicher fündig),


Dem Wort  vertrauen - Mariä Verkündigung am 25.3.2020

Bis Ostern sollen sie blühen, die Kirschzweige. Jemand, der es gut mit mir meint, hat sie mir mitgebracht und auf den Tisch gestellt. Diese Zweige mit den noch kleinen, grünen Knospen machen mir Mut.  Hab Vertrauen! Es werden gewiss wieder andere Zeiten kommen! Vertrauen kann ich auch von der jungen Frau lernen, an die wir uns heute erinnern: Maria. Eine himmlische Begegnung hat ihr Leben durcheinander gewirbelt. Ein Engel ist ihr erschienen. Sie erfährt, dass sie ein Kind bekommen wird. Jesus soll sie es nennen. Mitten in unseren pandemischen Zeiten liegt dieser Gedenktag der Ankündigung der Geburt Jesu, kurz: Mariä Verkündigung. Maria hat dem Boten Gottes vertraut. Heute werden wir daran erinnert, dass Gott in dieser Welt eine Geschichte des Heils in Gang gesetzt hat, die nichts und niemand aufhalten kann und die sich am Ende gegen den Tod und seinen Erfüllungsgehilfen, die Angst, durchsetzt.  Wir werden heute daran erinnert, wie eine gute Nachricht ein Licht der Hoffnung in die dunklen Ecken unseres Daseins trägt, um die Hoffnung zum blühen zu bringen, wie den Kirschzweig. Vertrauen wir wie die junge Frau Maria diesem Zuspruch Gottes, der in der Bibel so häufig zu lesen ist. Es ist Gottes Botschaft an uns: „Fürchte dich nicht!“                                25.3.2020


Zum Sonntag Lätare  

Jeden Morgen weckt mich ein Vogel. Er sitzt im Baum vor meinem Schlafzimmerfenster und singt sein Lied. Die zarte, fröhliche Stimme lässt sich weder von frostigen Temperaturen noch von dem kalten Wind abhalten, der ums Haus weht. Dieser kleine gefiederte Freund macht mir mit seinem Gesang so viel Freude. Wie gut das tut, gerade in diesen Zeiten. Da gibt es so vieles, was mir Angst macht oder mich betrübt: zum Beispiel die Berichte über das Corona - Virus und die Folgen seiner Ausbreitung in unserem Land, die Fernsehbilder von verzweifelten Menschen im Niemandsland zwischen Griechenland und der Türkei oder die Sorge um das Weltklima. Doch dann höre ich diese kräftige Vogelstimme am frühen Morgen. Sie singt gegen alles Dunkle und Unheimliche an und erinnert mich daran, dass der Tag anbricht. Dazu fällt mir ein Satz des bengalischen Dichters Rabindranath Tagore (1861-1941) ein, der auch in unserem Evangelischen Gesangbuch steht: „Glaube ist wie ein Vogel, welcher singt, wenn die Nacht noch dunkel ist…“ (S.45) Das Lied dieses kleinen Vogels  macht mir Mut und ebenso der vierte Sonntag in der Fastenzeit. Er trägt den lateinischen Namen „Lätare“. Das bedeutet: „Freuet euch!“ Worüber können oder dürfen wir uns denn freuen, gerade in diesen Zeiten? Vielleicht gibt das Lied darauf eine Antwort, das an diesem Sonntag gesungen wird: „Jesu, meine Freude!“ (Nr. 396) Da heißt es in der zweiten Strophe: „Unter deinen Schirmen bin ich vor den Stürmen / aller Feinde frei…Ob es jetzt gleich kracht und blitzt, ob gleich Sünd und Hölle schrecken, Jesus will mich decken.“ Wenn wir Angst haben, wissen wir, an wen wir uns wenden können, wo wir Zuflucht und Trost finden, Schutz und Geborgenheit. Machen wir es dem kleinen Vogel nach. Singen wir unsere Lieder der Hoffnung. Singen wir, wenn es noch dunkel ist. Der Sonntag Lätare erinnert daran: wir gehen nicht dem Untergang entgegen, sondern österlichen Zeiten!                                                                


Was am Ende zählt - zum Sonntag Okuli

Wenn ich in der nahe gelegenen Stadt zu tun habe, führt mich mein Weg durch die Passage einer Häuserzeile, in der alte landwirtschaftlichen Geräten ausgestellt sind. Darunter befindet sich auch ein Pflug aus dem frühen letzten oder späten vorletzten Jahrhundert. Das Gerät lässt ahnen, wie schwer die Arbeit damit auf dem Feld war. Es muss viel Kraft gekostet haben, mit diesem Pflug, vor dem wohl Ochsen gespannt wurden, eine gerade Furche in das Erdreich zu ziehen. Wie genau die Pflüge zur Zeit Jesu ausgesehen haben, lässt sich nicht so genau sagen. Sie waren wohl noch bescheidener. Er muss aber sicher an den schweißtreibenden Umgang mit diesem Gerät gedacht haben, als Jesus seinen Jüngern sagte: „Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes!“ (Lukas 9,62)  Wer mit dem Pflug arbeitet, muss nach vorne schauen, bei der Sache sein. Ursprünglich war diese Ermahnung an Menschen gerichtet, die Jesus zwar gerne nachfolgen wollten, aber dann doch einen guten Grund hatten, nicht gleich mitzugehen. Der eine wollte erst noch den Vater beerdigen. Der andere erbat sich die Erlaubnis, doch zuerst einmal von seiner Familie Abschied nehmen zu dürfen. Jesus  will aber ungeteilte Aufmerksamkeit und Hingabe. Und das sofort. Mich machen diese Worte nachdenklich. Bin ich ungeeignet, dem Ruf Jesu zu folgen, wenn mein Herz gebunden ist an Menschen, wenn ich mich neben dem Evangelium auch anderen Aufgaben verpflichtet fühle? Was mich aber tröstet: am Ende kommt es sicher nicht darauf an, ob ich geschickt und geeignet bin für die Jüngerschaft. Es wird auch nicht darauf ankommen, welche Furchen ich ziehe, wenn ich die Hand an den Pflug lege. Am Ende zählen die Furchen, die Jesus selbst gezogen hat, mit seiner Hingabe am Kreuz, mit seinem Leiden und Sterben und Auferstehen.

14.3.2020


Der Gute Hirte begleitet mich durch die Passionszeit

Eine Ikone begleitet mich als Meditationsbild durch die vorösterliche Buß - und Fastenzeit. Sie zeigt Christus als den Guten Hirten. Der Auferstandene kommt mir durch sie entgegen. Die Wundmale an seinen Händen erinnern an sein Leid. Das Kreuz im Hintergrund erzählt von dem Weg, der hinter ihm liegt. Es ist der Weg, auf den wir uns immer noch befinden, voller Gefahren und Bedrängnisse, gesäumt von Leid und Tränen. So mächtig das Kreuz auch ist, es tritt bereits zurück. Im Vordergrund steht der Auferstandene, der mir als Hirte entgegen kommt. Er trägt einen rotes Gewand. Die Farbe mag an sein Leiden erinnern. Das Übergewand ist blau wie der Himmel, die göttliche Spähre. Im guten Hirten begegnet mir Christus, der wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich ist. Auf seinen Schultern liegt ein Lamm. In der Armbeuge des Hirten neigt sich der Stecken gegen das Kreuz hin. Es ist der Hirtenstab, mit dem er  nicht nur die Raubtiere abwehrt, sondern auf von mir fern hält, was mir Angst macht, mein Seele erschreckt und mich auslaugt. Erschöpft sieht es aus, das kleine Lamm, müde und matt, abgekämpft und auch verklärt. Der Gute Hirte hat es aufgehoben und behutsam über seine Schultern gelegt. Er hält es fest an den Vorder - und Hinterbeinen, damit es nicht herunterfallen kann. Ich stelle mir vor, wie die Ruhe, die vom guten Hirten ausgeht, sich auf das Lamm überträgt. Da weicht alle Angst von ihm und es lässt sich tragen. Ob ich auch so ein Lamm sein darf, ob ich mich ebenfalls tragen lassen kann?  Ich denke, ich muss meinen Kreuzweg nicht allein gehen, wie immer er auch aussieht. Ich darf das Lamm sein, das auf den Schultern des Guten Hirten ruht. Das Kreuz ist dann immer noch da, aber es tritt auch in meinem Leben schon in den Hintergrund.  Erfüllt ist das Bild vom  goldenen Licht des Himmels.Das ist schon die Welt aus der uns der Gute Hirte entgegentritt und in die hinein er uns tragen wird, wenn wir das Kreuz hinter uns gelassen haben.