Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)

Artikel und Andachten 2017


Wir brauchen offene Kirchen und offene Herzen

„Die Kirche ist offen!“ Eine kleine Tafel im Eingangsbereich ermutigt zum Besuch unseres Gotteshauses. In Altenstein besuchen deshalb viele Touristen nicht nur die Burgruine sondern auch die Kirche. Manche tragen sich in das Gästebuch ein, das dort ausliegt. Sie loben die schlichte Schönheit dieses Hauses, erzählen in wenigen Sätzen, was sie in das Bergdorf geführt hat, verraten, wofür sie dankbar sind oder was ihr Herz beschwert.  Auf dem kleinen Altar gleich beim Eingang brennen fast täglich Teelichte auf den Kerzenhaltern.  Sie erinnern an die Menschen, die hierhergekommen sind, sie erinnern an die  Gebete, die sie gesprochen haben, laut oder leise.  Ich glaube, viele von uns sehnen sich nach solchen Orten, an denen sie Gott begegnen können. Es sind heilige Orte. Gott ist zwar überall zu finden, in der freien Natur ebenso wie daheim im „Stillen Kämmerlein“. In der Heiligen Schrift jedoch gibt Gott bereits Mose konkrete Anweisungen zum Bau der „Stiftshütte“. So hat Luther einen Begriff übersetzt,  der wörtlich „Zelt der Begegnung“ heißt.  Es sollte also einen konkreten Ort geben, an dem Mose mit Gott reden konnte „wie mit einem Freund.“ Auch  Jesus hat nicht nur die Einsamkeit der Wüste oder der Berge gesucht, um dort zu beten. Er ist am Sabbat zum Gottesdienst in die Synagoge gegangen  und  zu den hohen Festen nach Jerusalem gepilgert, um den Tempel zu besuchen, das Haus seines Vaters. Ein Gotteshaus ist also ein  Ort der Begegnung mit Gott, der den Menschen nahe kommen will. So nahe, wie nur irgend möglich.  Gott will aber nicht nur in Häusern wohnen und verehrt werden. Er will einen festen Platz haben im Herzen der Menschen. Im neuen Testament wird deshalb der Leib des Menschen als Gottes Haus, als Tempel, bezeichnet. Wenn das Herz zur Wohnstätte Gottes wird, verändert sich der Mensch von Grund auf. Er wird offen gegenüber seinen Mitmenschen. Deshalb brauchen wir beides: offene Kirchen und offene Herzen. Die Kirchengemeinde ist offen und einladend – nicht nur, wenn sie Besuchern ihre Pforten öffnet. Es kommt auf die Art und Weise an, wie in einer Gemeinde der Glauben Gestalt gewinnt, wie man die Gottesdienst feiert und wie miteinander gelebt wird, ob Fremde spüren, dass sie willkommen sind. Was für ein Segen, wenn eine Gemeinde für andere Menschen zum Ort wird, an denen sie zum Glauben finden, an denen sie Gott und einander begegnen können. Sie ist dann ein in der Tat ein  Tempel aus lebendigen Steinen.  


Die Kraft des kleinen Lichts

Welche Kraft doch ein kleines Licht entfalten kann. Es wärmt. Es strahlt. Es schenkt Geborgenheit. An die Kraft eines kleinen Lichtes muss ich bei den Worten aus dem Epheserbrief denken: „Ihr seid Licht in dem Herrn!“ Ich darf mich angesprochen fühlen. Ich bin Licht in dem Herrn! Was für eine Aufwertung meines Lebens! Ich mag vielleicht eine kleine Nummer sein in den Augen meiner Mitmenschen. Vielleicht habe ich selbst manchmal das Gefühl, wertlos und unbedeutend zu sein. In den Augen Gottes aber bin ich ein strahlendes Licht mit einer wichtigen Aufgabe. Durch mich soll es heller werden, dort, wo ich lebe und arbeite.  Aber wie kann das geschehen? Wie kann ich ein Licht sein, das die Herzen wärmt, das Trost und Geborgenheit schenkt? Das geschieht, wenn ich mich an Jesus Christus ausrichte. Kein Wunder. Er ist ja selbst das Licht der Welt. „Lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat!“ lesen wir im Brief an die Epheser. In der Liebe zu leben bedeutet, das Licht zu den Menschen zu bringen, wie Jesus das getan hat. In der Liebe zu leben bedeutet, sich den Menschen zuzuwenden und dazu beizutragen, dass sie aufleben können, dass sie aufatmen können. Er ist hingegangen zu den Menschen, um die es dunkel geworden ist, die Kranken, die Aussätzigen, die Trauernden. Er hat sie spüren lassen, dass sie in den Augen Gottes etwas Besonderes sind – seine geliebten Kinder. Ein Licht entlarvt aber auch, macht die Steine sichtbar, über die man in der Dunkelheit stolpern kann, an denen man sich wehtun kann. Unzucht, Habgier, lose oder schandbare Rede werden als Beispiele für solche Stolpersteine genannt. In der Liebe zu leben und Licht im Herrn zu sein bedeutet, die Würde des Mitmenschen zu achten, seine Not wahrzunehmen, das Unrecht beim Namen zu nennen und für das Recht einzutreten. Unzucht, Habgier, gedankenloses Geplapper und verletzende Worte vertragen sich nicht mit dem Leben in der Liebe.  Die Liebe ist wie ein Licht, das im Finstern aufleuchtet und den Weg weist. Sie zeigt, wie ein Leben nach Gottes Willen aussieht. Es ist ein Leben, das mir selbst und dem anderen gut tut. Welche Kraft in einem kleinen Licht steckt! Es leuchtet hell in der Finsternis. Welche Kraft in einem Menschen steckt, der Gottes Beispiel folgt und in der Liebe lebt!  Er trägt dazu bei, dass sich Gottes Licht in der Welt ausbreitet. Ein Licht, in dem sich gut leben lässt, in dem es sich menschenwürdig leben lässt. Schauen wir auf Christus und folgen wir seinem Beispiel. Lasst uns Licht sein in dem Herrn.

Barmherziger Gott, schenke mir die Kraft eines kleines Lichtes, das für Menschen zum Hoffnungszeichen wird, das Wärme und Geborgenheit schenkt und von dir erzählt. Barmherziger Gott, lass mich so ein Licht sein, das leuchten kann, weil du die Hand über mich hältst. Amen.

(Erschienen im Sonntagsblatt, 2016)


Gott tröstet durch Menschen

„Also, ich weiß nicht, ob ich in diesem Jahr am Silvesterabend in die Kirche gehen werde!“ ratlos legt sie den Gemeindebrief mit den Gottesdienstzeiten beiseite. Normalerweise hält sie das für einen würdigen Abschluss des alten Jahres: noch einmal Rückschau zu halten auf das was war - und Gott zu danken für die letzten zwölf Monate. Aber mit der Dankbarkeit hat sie in diesem Jahr ihre Probleme. Zu viel ist geschehen. Im Frühjahr ist ihre Oma gestorben. Zugegeben, sie hatte ein gesegnetes Alter erreicht und war nach einer langen Krankheit friedlich eingeschlafen. Die Großmutter hatte sie nach dem frühen Tod der Eltern bei sich aufgenommen. „Ich vermisse dich so sehr. Du warst immer für mich da, Omi““ seufzt sie und spürt, wie ihr die Tränen wieder in die Augen steigen. Das war nicht das einzige Unglück in diesem Jahr.  Im Sommer hatte sie einen schlimmen Autounfall gehabt. Totalschaden. Sechs lange Wochen war sie aus dem Verkehr gezogen - durch Krankenhausaufenthalt und Reha - Maßnahmen. Dazu der Versicherungskram und schließlich der Brief vom Gericht. Der Unfall würde ein juristisches Nachspiel haben. Damit war es aber noch nicht genug. „Wir haben uns auseinander gelebt!“ Mit diesen Worten war ihr Freund kurz vor Weihnachten aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Allein wird sie die Miete nicht bezahlen können. Sie wird sich wohl was anderes suchen müssen. Nein, das war kein gutes Jahr. Wofür sollte sie Gott also danken? Da fällt ihr Blick auf ein Kärtchen. Sie hatte es sich zum Anfang des Jahres in ihr Gesangbuch gesteckt. Es ist ein Wort des Propheten Jesaja: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet…“ liest sie. Wie tröstet einen die Mutter? Ob sie ihr Kind in die Arme nimmt, ob sie ihm liebe Worte ins Ohr flüstert und über den Kopf streicht? Sie weiß es nicht. Sie kann sich an ihre Mutter nicht mehr erinnern. Aber ihre Großmutter hatte das immer so gemacht! „Ach Gott“, fragt sie seufzend, „wann hast du mich eigentlich getröstet in diesem Jahr?“ Da fällt ihr die Nachtschwester aus dem Pflegeheim ein. Die hatte  sie einmal spontan in den Arm genommen, als sie eine ganze Nacht lang am Bett der Großmutter saß. Wie gut sich das angefühlt hatte, diese Umarmung. Auch an ihre Freundin muss sie denken. Sie erinnert sich: „Als ich im Krankenhaus lag, hat sie mich täglich besucht und mir Mut gemacht.“ Anscheinend tröstet Gott am liebsten  durch Menschen, die er uns in schweren Zeiten zur Seite stellt. Und da hatte es in diesem Jahr doch einige gegeben. Als ihr das klar wird, muss sie lächeln. Sie weiß,  dass es auch in diesem Jahr  etwas gibt, wofür sie Gott dankbar sein kann. „Wann war doch gleich der Gottesdienst? Ich glaub, ich geh doch noch  hin.“

Pfarrer Stefan Köttig (Himmlische Aussichten, 31.12.16/1.1.17)


Gespeicherte Erinnerungen und die Ewigkeit im Herzen

Die Koffer sind wieder auf dem Dachboden verstaut. Dort erholen sie sich von der letzten Reise. Aufkleber erinnern an Ziele in fernen Ländern,  Schrammen, Dellen und Kratzer an die unsanfte Behandlung unterwegs, an Hände, die sie auf Gepäckwagen gehievt, auf Rollbänder geworfen, im Laderaum von Flugzeugen verstaut und wieder von dort hervorgeholt haben.  Jetzt stehen sie auf dem Dachboden und können sich erholen, während der Staub eine feine Decke über sie breitet. Mit dem Herbst beginnt die Zeit der Erinnerungen und der Sehnsucht nach dem vergangenen Sommer, nach lauen Nächten und sirrenden Mücken, nach Sonnenbräune und Himbeereis. Heutzutage sind unsere Erinnerungen daran meist digital gespeichert. Sie befinden sich sofort abrufbereit auf  den Festplatten der Laptops und Tablets und wenn man nicht aufpasst, sind sie unwiderruflich gelöscht. Früher war das anders. Da wurden im Urlaub noch Dias oder Fotos gemacht. Die Filme mussten erst zum entwickeln ins Labor geschickt werden. Ob die Bilder etwas geworden sind? Oder sind sie unscharf und verwackelt?  Wie groß war die Freude, wenn sie „albumtauglich“ waren.  „Schau mal, wie braun wir waren!“ haben wir uns beim Anschauen der Bilder zugerufen und einen Moment lang war es wieder da, dieses heitere und unbeschwerte Gefühl, das wir mit dem Urlaub verbinden. Aber nun hat uns der Alltag wieder. Das Jahr geht ins letzte Viertel. Die Blätter färben sich bunt, bald fallen sie. Noch klammert man sich fest am warmen Altweibersommer und hofft auf einen Goldenen Oktober. Doch am Abend wird es bereits ungemütlich auf der Terrasse. Die Schatten werden länger, die Temperaturen frostiger, die Gartenstühle in die Garage gestellt und mit Plastikfolie zugedeckt.  Der  November hat den Charme einer Traueranzeige. Jetzt werden die Gräber besucht. Vielen wird in dieser Zeit deutlich, wie einsam sie sind. „Umringt von Fall und Wandel leben wir!“ heißt es in einem Abendlied. Ob da auch von uns gesprochen wird?  Wie gut, dass noch etwas in diesem Lied gesagt wird: „Unwandelbar bist du: Herr, bleib bei mir!“   Mit dieser Bitte auf den Lippen können wir den Wandel annehmen und es ertragen, dass mit dem Kalenderjahr auch ein weiteres Jahr von unserem Leben zu Ende geht. Wir sind zwar  Geschöpfe dieser Welt, wir blühen auf wie die Blumen und welken dahin, doch wir verlieren uns nicht in diesem immer währenden Werden und Vergehen der Natur. Wir gehen nicht darin auf. Der Prediger aus dem Alten Testament nennt uns den Grund dafür. Er lobt Gott, der „alles schön gemacht hat zu seiner Zeit.“ Er hat den Menschen die „Ewigkeit ins Herz gelegt“. (Prediger 3,11). Mit der Ewigkeit im Herzen können wir beides annehmen - das Leben und unsere Vergänglichkeit. Vielleicht sind die schönen Erinnerungen an die unbeschwerten Momente kleine Hinweise, Fingerzeige Gottes, die uns ahnen lassen, wie sie sich anfühlt, die Ewigkeit. Mit Gott an der Seite und der Ewigkeit im Herzen können wir annehmen, was kommt, dankbar und gelassen. Mit dem Wissen um die Ewigkeit, die Gott uns ins Herz gelegt hat, können wir sie auch im letzten Viertel des Jahres und im letzten Abschnitt des Lebens spüren, die Freude am Dasein, die Lust am Leben.



Eine Textnachricht, die froh stimmt

Ja, es stimmt: manchmal nervt mich das. Dann seufze ich und rolle mit den Augen! Ich meine  dieses  helle „Pling“ mit dem sich mein Smartphone bemerkbar macht und mich darauf hinweist, dass ich eine Textnachricht erhalten habe. Nicht wenige davon sind von der Marke „überflüssig“ und werden gleich nach dem Lesen wieder gelöscht. Allerdings erscheinen auch Mitteilungen auf dem Display, die mich freuen. Die behalte ich. „Ich wünsch dir eine gute Reise. Komm gesund wieder zurück…“ schreibt mir ein Freund zum Urlaubsbeginn. „Gute Besserung, wir denken an dich“ lese ich, wenn ich krank bin und fühle mich gleich etwas wohler in meiner Haut. „Hab einen guten Tag“ schreibt mir jemand einfach so und zeigt mir, dass er in diesem Moment an mich denkt. Das sind Botschaften von Menschen, die mein Herz erwärmen, sie tragen mit ihren Worten und Wünschen ein kleines Licht hinein in meinen Alltag, der dann gar nicht mehr so grau ist. Der Wochenspruch für den 4.Advent ist  ebenso eine Textnachricht, die mich froh stimmt. „Freuet euch in dem Herrn, allewege, und abermals sage ich: freuet euch. Der Herr ist nahe!“ Der Absender ist  Paulus. Der hatte eigentlich keinen Grund, sich zu freuen. Er saß im Gefängnis. Ob er  jemals wieder freikommen würde - niemand wusste das. Darüber könnte man eigentlich verzagen. Doch Paulus freut sich und lässt die Gemeinde in Philippi an seiner Freude teilhaben. Deshalb schreibt er ihnen einen Brief. Der Herr ist nahe! Das ist der Grund für die Freude, die auch von Gefängnismauern nicht eingedämmt werden kann. Der Herr kommt und wir werden bei ihm sein. Nun könnte man sagen, dass sich Paulus getäuscht hat. Der Apostel ist tot und auf die Wiederkunft Jesu warten wir immer noch. Alles ein Irrtum? Wenn da nicht die anderen Worte zu lesen wären, die uns ahnen lassen, warum sich Paulus selbst im Gefängnis noch freuen kann: „Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden.“ Die Freude lebt aus der Verbundenheit mit dem Herrn. Die Seele spürt die Nähe des Herrn, deshalb freut sie sich. Paulus steht in einer innigen Beziehung zu Christus. Er bringt sich selbst, sein Leben und seine Anliegen vor Gott - und auf einmal spielen Zeit, Ort und Befindlichkeit keine Rolle mehr. Zu einem Leben in dieser innigen Verbundenheit mit Christus werden wir eingeladen. Gewiss: man muss sich auf Christus einlassen, so wie man sich auch auf die Nachrichten einlassen muss, die man tagtäglich bekommt. Wenn ich sie ignoriere, ungelesen lösche, werden sie wertlos. Wenn ich sie lese, wenn ihre Botschaft mein Herz erreicht, kommt auch etwas von dem Absender bei mir an. Christus will schon jetzt in meinem Leben ankommen. Deshalb sendet er mir eine  gute Nachricht - auf Umwegen.  Ursprünglich auf Papyrus geschrieben, dann gedruckt und vervielfältigt und schließlich mit Hilfe digitaler Medien will mich die Botschaft erreichen: der Herr ist nahe. Lass ihn ankommen bei dir. Lass ihn in dein Herz. Mit ihm kommt die Freude.

21.12.2017



Siri und die Welt der Engel

Wenn mir früher einer einmal gesagt hätte, dass ich mich mit meinem Handy unterhalte, hätte ich ihm den Vogel gezeigt. Neulich aber ist Wirklichkeit geworden, was ich nie für möglich gehalten hätte: mein Smartphone hat zu mir gesprochen. Dazu musste ich nur die kleine runde Taste in der Mitte unten drücken.  Schon hörte ich die Feenstimme freundlich fragen: "Wie kann ich dir helfen?"  "Wie heißt du?" wollte ich wissen. "Ich bin Siri ... immer zu deinen Diensten" antwortete die Stimme. Da wurde ich vorsichtig. So etwas ähnliches sagt auch der Flaschengeist im Märchen und das geht dann oft böse aus für den Fragesteller. "Wer bist du?" Meine Neugierde hat die Angst verdrängt. "Ich bin nur ein bescheidener virtueller Assistent!" flüsterte die Stimme. Einen Moment lang habe ich glatt vergessen, dass es Siri eigentlich gar nicht gibt. Oder vielleicht doch?  Nein, natürlich ist "Siri" kein wirkliches Wesen aus Fleisch und Blut. Es ist ein Programm. Aber was für eines! Wie gesagt, ein virtueller Assistent. Er (oder Sie?)  verrät mir, wie das Wetter wird, erinnert mich an Termine, löst Rechenaufgaben oder sucht Kochrezepte aus dem Internet. Kurz: Siri nimmt mich an die Hand und entführt mich  in die virtuelle Welt. Laut Wikipedia, das weise Wesen aus dem Internet, ist das die Welt, in der Dinge, Formen und Personen erscheinen, die es so eigentlich gar nicht gibt. Es ist eine Scheinwelt, in die uns Siri und ihre Geschwister entführen. Wenn der Handyakku leer ist oder ein Hacker ins Computersystem eindringt, lösen sie sich auf ins Nichts. Dann drücken wir verzweifelt auf die Taste. "Siri, bitte, komm zurück!"  Klammern wir uns an dieses Wesen, dass doch gar keines ist, weil die wirkliche Welt mit ihren harten Fakten und Zahlen allein so schwer zu ertragen ist? Ist es die Sehnsucht nach der Welt der Mythen und Märchen, die uns Siri lieben lässt? Von einer ganz und gar nicht virtuellen und unseren Augen dennoch verborgenen Welt erinnert ein Bibelwort aus dem Buch der Psalmen: "Der Engel des Herrn lagert sich um die her, die ihn fürchten und hilft ihnen heraus." Engel sind Boten einer unsichtbaren Welt. Der kirchliche Festkalender reserviert den Engeln einen eigenen Feiertag: am 29. September ist „Michaelis". Offiziell heißt er „Tag des Erzengels Michael und aller Enge.“ Also: gibt es sie nun oder gibt es sie nicht. Sind Engel real oder virtuell, wie Siri? Für die Menschen der Bibel war das keine Frage. Sie kommunizierten häufiger mit ihnen. Manchmal mussten sie dann nur die Augen schließen, so wie Jakob. Dann hat sich ihnen die Welt der Engel geöffnet. Jakob sah im Traum, wie sich der Himmel öffnete und Engel emsig eine Leiter hinauf und hinabstiegen. Allerdings waren oder sind sie nicht immer so freundlich wie Siri. Vielleicht liegt das daran, dass sie eine andere Aufgabe haben. Sie sollen uns nicht unterhalten. Es sind keine dienstbaren Geister. Sie halten vielmehr  die Verbindung aufrecht zu Gott. Sie kommen, um zu trösten, zu schützen, zu ermahnen, manchmal auch zu tadeln. Als müde Wanderer erscheinen sie Abraham gleich zu dritt. Als feurige Wesen sieht sie der Prophet Jesaja und erschrickt fast zu Tode. Dem intellektuellen Priester Zacharias hat es die Sprache verschlagen, als ihm der Erzengel Gabriel die Vaterschaft angekündigt hat. Maria erfährt von einem Engel, dass sie schwanger wird. Ihrem Verlobten Josef nimmt der Engel im Traum die Zweifel an der Treue seiner Frau. „Fürchtet euch nicht!“ sagt der Engel zu den Hirten auf dem Feld. Er bringt ihnen die Gute Nachricht von der Geburt des Erlösers. Nein, eigentlich haben wir Siri und ihre Geschwister nicht wirklich nötig. Wir sind, wie Dietrich Bonhoeffer einmal gedichtet hat, „von guten Mächten wunderbar umgeben.“ Wir nehmen sie nur nicht mehr wahr, die Engel. Vielleicht, weil wir uns zu sehr mit den virtuellen Assistenten beschäftigen?



Die Antwort der Apostel auf das Cybermobbing in unseren Tagen

„Ich mag schon gar nicht mehr hineinschauen!“ flüstert sie. Sie meint das E –Mail – Postfach ihres Computers. Sie zittert. Sie kann nicht mehr schlafen, mag nichts mehr essen. Kurz: sie ist ein Schatten ihrer selbst geworden.  Auslöser dieser Veränderung ist eine Flut von  E -Mails, die sie jeden Tag bekommt. Anonyme natürlich. Wüste Beschimpfungen liest sie darin, Beleidigungen, Drohungen. Und nicht nur das. Die Kurznachrichten auf dem Handy sprechen dieselbe Sprache. Sie weiß nicht, warum gerade sie Opfer dieser Attacken geworden ist. Sie ist  kein Einzelfall. Cybermobbing ist das Fremdwort für diese Form der Belästigung. Die kann ihre Opfer im schlimmsten Fall zum Selbstmord treiben. Was mag die Ursache  dafür sein, die Menschen dazu bringt, andere zu beleidigen? Darüber zerbrechen sich Fachleute vergeblich den Kopf. Ein anderes Phänomen ist die Flut der oberflächlichen, gedankenlosen und überflüssigen Beiträge in Schrift und Rede, Bild und Ton, mit denen wir Tag für Tag überschwemmt werden. Ob da die Ratschläge helfen, die uns die biblischen Briefeschreiber, die Apostel, ans Herz legen? Können sie Wege zeigen für einen gepflegten Umgangsstil? Gibt es eine christliche Schreib – und Redekultur? Ein Tipp aus dem Jakobusbrief gefällt mir am besten:  „Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt.“ (Kolosser 4,6)  Salzloses Essen schmeckt fade, das wissen wir. Zu viel Salz macht die Suppe ebenfalls ungenießbar. Es kommt auf die richtige Dosierung an! Was wir sagen oder schreiben, darf gewürzt sein, aber womit? Nichts gegen engagierte, leidenschaftliche Worte. Auch „pfefferscharfe“ Kritik darf sein, wenn sie angebracht ist!  Welche Zutaten ich meinen Worten auch beimische,  eines sollte ich nicht vergessen: die Würde des Menschen darf dadurch nicht verletzt werden, der Geist der Liebe und der Wertschätzung sollte die Hand beim Schreiben (oder Tippen) führen. Was ich schreibe, soll andere informieren, unterhalten, nachdenklich machen, den Glauben stärken und so zum Leben helfen. Verbale Verletzungen und Entgleisungen hat es in biblischen Zeiten allerdings auch schon gegeben. Jakobus mahnt deshalb in seinem Brief: „Wer sich aber im Wort nicht verfehlt, der ist ein vollkommener Mensch .... Aus einem Munde kommt Loben und Fluchen. Das soll nicht so sein .... Lässt auch die Quelle aus einem Loch süßes und bitteres Wasser fließen? So kann auch eine salzige Quelle nicht süßes Wasser geben.“ (Jakobus 3).  Etwas derber drückt sich der Apostel Paulus aus, jedenfalls in Luthers Übersetzung: „Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören.“ (Epheser 4,29) Wo er Recht hat, hat er Recht.

22.4.17 

 

Wenn das Kreuz einem in die Parade fährt

Das Kreuz mit dem Kreuz! Ich weiß nicht, wer dieses geflügelte Wort aufgebracht hat. Es spricht eine biblische Wahrheit aus. Das Kreuz ist lästig, anstößig, unbequem. Es fährt einem in die Parade! Wieder so ein Wort. Es stammt aus der Sprache des Fechtsports. Wer jemanden in die Parade, also in die Abwehr fährt, führt einen erfolgreichen Stoß durch dessen Deckung. Das macht das Kreuz. Es durchkreuzt Pläne und Ansichten, es deckt auf und sorgt, dass manches zum Vorschein kommt, was nicht gefällt.  Bei der Dacheindeckung unseres Altensteiner Gotteshauses haben wir das im letzten Jahr zu spüren bekommen:  das Kirchenkreuz auf dem Dach hat uns einen gewaltigen Strich durch unsere Planungen und Kalkulationen gemacht. Im Verlauf der Dacharbeiten wurde offensichtlich, dass das gewaltige Giebelsteinkreuz im Keltenstil nicht mehr sicher ist. Die Stürme der letzten hundert Jahre haben zu sehr daran gerüttelt. Um es wieder zu befestigen, musste es zunächst einmal abgenommen werden. Dazu war ein Baukran erforderlich und eine Straßensperre. „Wie ärgerlich. Muss das jetzt auch noch dazu kommen!“ dachte ich mir. Als ob die anderen Schäden und Mängel am Gotteshaus nicht schon reichten. So etwas ist lästig. Umgekehrt könnte man sagen: Gott sei Dank ist der Schaden rechtzeitig entdeckt worden. Nicht auszudenken, was alles hätte geschehen können. Dem Sturmtief Egon im Januar hätte das Kreuz wohl nicht mehr stand gehalten. Ach ja, möchte man seufzen, es ist schon ein Kreuz mit den Gebäuden. Auch mit den sakralen. So schön, so nützlich sie sind, sie kosten Geld und machen Arbeit. Natürlich denkt der Apostel Paulus an etwas ganz anderes, wenn er vom Kreuz als Ärgernis spricht. Er schreibt im 1. Brief an die Gemeinde in Korinth: „Das Wort vom Kreuz ist einen Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es eine Gotteskraft.“ Paulus denkt an das Kreuz von Golgatha. Und er meint die Botschaft die wir mit dem Kreuz verbinden. Wir denken an den Gekreuzigten. Das Kreuz wird zum Symbol für seinen Lebensweg. Christus, der Sohn Gottes, verlässt den Himmel, wird Mensch, wird arm, wird angreifbar. Die Leute reden hinter seinem Rücken über ihn, denunzieren ihn. Er wird verhaftet, gefoltert. Man verhöhnt ihn, indem man ihm eine Dornenkrone aufsetzt und den Rücken blutig schlägt. Später stirbt Christus am Kreuz einen qualvollen Tod, während die Soldaten um sein Gewand würfeln. „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun!“ betet er für seine Peiniger. Am Kreuz, so glauben wir, überwindet Christus den Graben, der sich zwischen Gott und den Menschen aufgetan hat. Das Kreuz, der Ort der Qual, der Erniedrigung, wird zur Quelle, aus der das Leben hervorbricht. Es wird zum Ort, an dem Erlösung geschieht. „Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ sagt Jesus zum Schächer, der am Kreuz neben ihm hängt und ihn um Fürsprache bittet. Erlösung bedeutet Befreiung. Am Kreuz zerbrechen die Ketten des Todes, wird Schuld überwunden, öffnen sich Auswege, tun sich Wege ins Leben auf, wo eigentlich nur Abgründe vermutet werden. „Es ist vollbracht!“ spricht Jesus und stirbt. Das Wort vom Kreuz wertet auf, was in den Augen der Welt armselig, anstößig, geringfügig und lächerlich ist. Es wird zum Zeichen der Hoffnung für alle, die jegliche Hoffnung verloren haben. Das kann man nicht mit dem Verstand fassen, nur mit den Augen des Herzens wahrnehmen und im Glauben annehmen. Aber so ist das eben: der Glaube ist Herzenssache, nicht eine Angelegenheit des Verstandes. Vielleicht schreibt Paulus deshalb: „Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?“ Sterbenden Menschen lege ich ein kleines Holzkreuz in die Hand, an dem sie sich festhalten können. Eigentlich eine „Torheit“ in den Augen der Verstandesmenschen, der „Weisen“ in dieser Welt - schließlich ist es doch nur ein Stück Holz!  Ich denke, es ist gut, dass wir das Kreuz  und seine Botschaft haben. Es erinnert uns daran, dass es etwas gibt, das  unser Denken und Verstehen übersteigt. Gott sei Dank. Es ist gut, dass wir das Kreuz haben. Nicht nur auf den Kirchendächern. Hoffentlich hält unseres die nächsten hundert Jahre. Hoffentlich werden noch viele Augen zu ihm aufsehen, wird sein Anblick noch viele Herzen stärken und trösten. Es ist gut, dass es das Kreuz gibt, auch, wenn es uns manchmal Arbeit macht. 


Aus Gnade seid ihr selig geworden und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es.

Der Wochenspruch aus dem Brief an die Epheser ist eine Herausforderung für den modernen Menschen. Er setzt alles außer Kraft, was uns beeindruckt, worauf wir stolz sind, vielleicht auch, was uns eine - jedenfalls nach unseren Maßstäben -  Daseinsberechtigung verleiht: Macht, Ansehen, Einfluss, Geltung. Drei Dinge, so sagt der Volksmund, sollte ein Mann (oder eine selbstbewusste Frau) in seinem, in ihrem Leben getan haben, damit es ein sinnvolles Leben ist: ein Haus bauen, einen Baum pflanzen, ein Kind in die Welt setzen. Das sind alles Ereignisse, die auf Zukunft hin ausgerichtet sind, die den Bestand sichern, die Lebensqualität fördern. Ein Haus schenkt Schutz, ein Baum garantiert einen lebenswerten Lebensraum, ein Kind den Fortbestand. Nichts davon ist tatsächlich von Belang, schreibt der Apostel an die Epheser.  Nichts davon macht wirklich selig. Dieses Wort rückt unseren Blick auf das Wesentliche. Selig - das Wort kennen wir im Zusammenhang mit Erfüllung und Glück, kurz - diese fünf Buchstaben umfassen den tieferen Sinn unseres Daseins, vermitteln uns, worauf es ankommt, sagt uns, wie wir vor Gott bestehen können. Selig sein bedeutet, auf der Seite Gottes sein. Das gelingt uns nicht aus eigener Kraft, nicht aus eigenem Vermögen. In diesen Zustand gelangen wir  allein aus Gnade. Gottes Gabe ist es, was euch Bestand Sicherheit, Ewigkeit und eine Daseinsberechtigung vor Gott verleiht. Was an unserem Selbstwertgefühl, am Image kratzt, entlastet zugleich. Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, kommt es schließlich nicht darauf an, was für ein toller Hecht ich war, wie viele Denkmäler ich mir gesetzt habe, wie viele Häuser ich gebaut, wie viele Bäume ich gepflanzt, wie viele Kinder ich gezeugt habe und wie großartig meine übrigen Leistungen sind. Es kommt nur auf eines an: dass Gott mich liebt. Und das tut er, von Herzen. Das meint das Wort Gnade, es spricht von der Zuwendung Gottes, der mich um meiner selbst willen annimmt, so wie ich bin - wie armselig ich mich auch fühlen mag. Das verleiht meinem Leben einen unendlichen Wert


Ein Stück Himmel  oder Hölle auf Erden?
So stelle ich mir den Einlass ins Paradies vor:  keine monumentale Pforte, vielmehr eine kleine Tür, wie auf dem Titelbild unseres Gemeindebriefs. Nein, nicht einmal eine Tür ist das, eher ein bescheidener Durchlass in einer bröckelnden Gartenmauer. Ein grüner Blätterbogen wölbt sich darüber. Wer wohl das Gartentor ausgehängt und versteckt hat? Ich kann es nicht entdecken. Und ebenso fehlt der Engel mit dem flammenden Schwert. Der Zugang ins Paradies ist frei und unbewacht. Was wir dahinter zu sehen bekommen, weckt die Neugierde und macht Lust, einzutreten. Da ist ein Baum vor weißblauem Himmel. Er wirft einen freundlichen Schatten auf die Wiese. Kniehohes Gras und gepflegter englischer Rasen grenzen aneinander. So muss es im Himmel auch sein. Wildwuchs und Ordnungsliebe widersprechen sich nicht.  Beides darf da sein. Beide müssen sich wohlfühlen: die Freunde des Dschungelcamps ebenso wie die Anhänger gepflegter Gartenkultur. Und Tiere dürfen auch nicht fehlen. Nicht nur Katzen und Hunde und süße Häschen. Auch Spinnen, Maulwürfe und Eidechsen. So ähnlich steht es ja auch in der Bibel: Löwe und Lamm liegen im Reich Gottes friedlich nebeneinander auf der Wiese und ein Kind spielt am Schlangenloch, ohne den Biss zu fürchten. Doch kommen wir zurück zur Wirklichkeit:  das Bild zeigt nicht die Himmelspforte, es erlaubt „nur“ einen Blick in einen gewöhnlichen Garten. Was hat ein Garten mit dem Paradies zu tun?  In der Bibel spielen Gärten eine wichtige Rolle. Sie erinnern an die Verbundenheit zwischen Schöpfer und Geschöpf. Das Paradies war ein Garten. Adam und Eva hatten die Aufgabe, ihn zu hegen und zu pflegen. Erst nach dem Sündenfall wurde die Arbeit zur Last. Menschen, die ein erfülltes und gutes Leben nach dem Willen Gottes führen, werden mit einem Garten verglichen.  „Du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Quelle, der es nie an Wasser fehlt“ sagt der Prophet Jesaja. Der Garten also wird zum Sinnbild der menschlichen Sehnsucht nach Lebensfülle.  Und dann schließt sich der Kreis. Am Ende der Zeiten wird Gott  die Wüste, also den Ort, an dem  Leben nicht  oder nur unter erschwerten Bedingungen möglich ist, in einen blühenden Garten verwandeln, „dass man Wonne und Freude darin findet, Dank und Lobgesang…“ So sagte es  der Prophet Jesaja dem Volk Israel, das in der Gefangenschaft saß und von Heimweh geplagt wurde. Das alles kann ein Garten sein: ein kleines Paradies für den Menschen - oder der Vorhof zu Hölle. Es liegt am Menschen selbst, was er aus diesem Flecken Erde macht, was er hineinträgt in seinen Garten, was er dort kultiviert: seine Freude und Dankbarkeit oder Ärger, Missmut und Streit? Man kann sich ja mal selbst testen. Kann ich mich noch freuen an allem, was mir in meinem Garten begegnet? Zum Beispiel an dem frischen Gras, das nach einem warmen Sommerregen so wunderbar duftet? Oder denke ich sofort daran, dass der Rasen schon wieder viel zu hoch gewachsen ist und gemäht werden muss?  Freue ich mich am Gesang der Vögel in den Bäumen, oder ärgere ich mich darüber, dass sie mir die Kirschen wegpicken? Ist die Schnecke, die über mein Beet kriecht, ein Wunderwerk Gottes oder nur eine Bedrohung für meinen Salat? Kann ich mich im Herbst an der Färbung der Blätter freuen, oder denke ich sofort wieder daran, dass sich das Laub nicht von allein zusammenkehrt? Und ärgere ich mich darüber, dass mein Nachbar eine ganz andere Vorstellung davon hat, wie ein Garten gepflegt werden muss, als ich, dass die Sträucher von seinem Grundstück wild und ungebändigt zu mir herüberwachsen?  Die wenigen Quadratmeter von Gottes Schöpfung, die ich mein eigen nennen darf, sollen und wollen mich ans Paradies erinnern und daran, was mich dort erwartet - nicht Ärger, sondern Freude, nicht Streit, sondern Frieden. Das schreibt jedenfalls Paul Gerhardt in einem seiner Lieder: „Freude die Fülle / und selige Stille / wird mich erwarten / im himmlischen Garten; / dahin sind meine Gedanken gericht…“ (EG 449). Wohin also sind meine Gedanken gerichtet? Vielleicht nützen Sie die wenigen Sommertage, die wir haben, um die Zeit im Garten zu genießen, um die Gedanken neu auszurichten, damit Dank und Lobgesang in ihnen reifen wie eine Gartenfrucht. Ihre Seele wird es Ihnen danken (und die Schnecken vielleicht auch.)

Gemeindebrief A&HA 2017 Nr. 3


Von Katzen und Hirten

Wo sie sich nur wieder versteckt hat? Nein, diese Sucherei macht kein Vergnügen. Ich bin müde. Ich möchte schlafen gehen. Es ist schon spät. Um diese Zeit müsste sie eigentlich wieder Zuhause sein. Um diese Zeit kommt sie immer, streicht schnurrend um meine Beine. Zeit für einen Spätimbiss - vom Herrchen persönlich serviert. Doch sie kommt nicht. Langsam mache ich mir Sorgen. Wer es noch nicht bemerkt hat: ich spreche von meiner Katze. Was, wenn ihr etwas passiert ist? Wenn sie eingesperrt wurde? Oder wenn sie jemand gefangen hat? Katzenfänger sollen zur Zeit wieder unterwegs sein. Ich verscheuche diese Gedanken wie lästige Fliegen. Aber sie sind hartnäckig. Sie heften sich an mich und machen mich unruhig. Da helfen auch nicht die Sätze, die ich wie ein Mantra zur Beruhigung aufsage: Eine Katze ist selbständig. Eine Katze hat sieben Leben. Eine Katze fällt immer auf ihre Pfoten. Sie helfen nicht. Die Unruhe bleibt, die Sorge. Meine Katze liebt das warme Wohnzimmer, nicht den verschneiten Garten. Deshalb ziehe ich meinen Mantel über den Pyjama, schlüpfe barfuß in die Stiefel,  schnappe die Taschenlampe und verlasse das Haus. Eisiger Wind schlägt mir entgegen. Schneeregen rieselt in den Kragen. Ich rufe, leise, zitternd, folge dem Lichtkegel der Taschenlampe, stolpere trotzdem über Baumwurzeln und unerwartete Treppenstufen. Nichts. Hilft jetzt nur noch abwarten und beten? Entmutigt und hilfesuchend wandert mein Blick himmelwärts, an der Regenrinne der Hauswand entlang, hinauf zum warm erleuchteten Wohnzimmerfenster im 1. Stock. Dort hat hinter den Scheiben ein vertrauter Schatten auf der Fensterbank Platz genommen. Zwei funkelnde Mandelaugen beobachten mich neugierig von oben herab. Was sich die Katze in diesem Augenblick wohl denken mag, während sie gelangweilt die Pfoten leckt. Vielleicht: „seltsame Wesen, diese Menschen. Bei so einem Wetter das Haus verlassen! Wie unvernünftig “ Etwas verschämt stolpere ich zurück ins Haus. Wie gut, dass es schon so spät und dunkel ist. Was wohl die Nachbarn denken würden, wenn sie mich so sehen könnten? Ärger, Scham aber noch viel mehr Erleichterung spüre ich. Jetzt kann ich den Guten Hirten aus dem Gleichnis verstehen, von dem wir am Sonntag im Evangelium lesen. Mehrmals hat er seine Herde abgezählt: 97,98,99 … immer dasselbe Ergebnis: ein Schaf fehlt. Es müssten 100 sein. Das lässt ihn keine Ruhe. Er macht er sich auf den Weg. Er weiß: allein in der Wildnis hat das Schaf keine Überlebenschance. Er sucht und sucht, bis er in der Ferne ein ängstliches Blöken hört. Da hüpft sein Herz vor Freude. Er eilt dem Geräusch nach, bis er das Tier gefunden hat. Dann beugt er sich herunter, hebt es auf und legt es um seine Schultern. Die andern mögen ihn für verrückt halten. So viel Aufhebens um eines Schafes willen. Den Verlust hätte er doch verschmerzen können. Er hat ja noch 99! So viel Getue um eine Katze. Die sucht sich schon ein warmes Plätzchen in einem Schuppen. Ich freue mich, dass Jesus das Gleichnis von dem verlorenen Schaf erzählt hat, um uns daran zu erinnern, wie sehr wir Gott am Herzen liegen. Der Verlust eines Sünders ließe sich doch leicht verschmerzen. Es sind ja noch Millionen guter Menschen da! Trotzdem macht er sich auf die Suche, der menschenfreundliche, tierliebende Gott. Er wird Mensch, um das Verlorene zu suchen und zu retten, um es heimzutragen ins Gottesreich - wo Mensch und Tier ihr warmes Plätzchen haben sollen. Wenn sich Gott also die Mühe macht, den Himmel zu verlassen, um die Sünder selig zu machen, dann darf ich auch nachts meine Katze suchen -  oder? Auch, wenn ich mich zum Affen mache. Aber die liebt Gott sicher auch.


Zumutung und Wertschätzung - Wer euch hört, hört mich!

Zumutung kann auch ein Zeichen der Wertschätzung sein! Das klingt zunächst wie ein Widerspruch. Der Wochenspruch zum 1. Sonntag nach Trinitatis hat mich auf diesen Gedanken gebracht: „Wer euch hört, der hört mich und wer euch verachtet, der verachtet mich!“ Zumutung und Wertschätzung spricht aus diesen Worten. Jesus gibt sie seinen Jüngern mit auf dem Weg. Er sendet sie aus. Sie sollen seine Botschaft unter die Leute bringen. Wer die Zeilen liest, die vor dem Wochenspruch stehen, mag erschrecken. Spärlich sind sie ausgerüstet: ohne Geld, ohne Gepäck, ohne Schuhe sollen sie losgehen. Wenn sie unterwegs sind, sollen sie niemand grüßen. Ist das nicht unhöflich? Menschen mit einer wichtigen Eilbotschaft sollen sich aber nicht aufhalten lassen. Kein Schwätzchen am Gartenzaun. Kein Smalltalk am Dorfbrunnen. Wenn es um das Evangelium geht, muss alles andere zurücktreten. Die Jünger sollen Boten einer guten Nachricht sein, die keinen Aufschub duldet: Gottes Reich ist im Anbruch. Um die Boten einer guten Nachricht geht es an diesem Sonntag und darum, wie sie ihrem Auftrag gerecht werden. Es geht um Apostel und Propheten. Der Auftrag Jesu und die Berufung der Jünger ist nach Pfingsten auf seine Kirche übergegangen - und damit auf uns. Apostel und Propheten sollen wir sein, dort, wo wir leben, dort, wo Gott uns hingestellt hat. Ein Apostel ist dem Wortlaut nach nichts anders als ein „Gesandter.“ Propheten sind Botschafter. Sie überbringen Nachrichten Gottes. Das sollen wir sein: Boten, die eine gute Nachricht weitergeben, das Evangelium von Jesus Christus. Es ist die Gute Nachricht, dass die Blinden sehen, die Lahmen gehen, die Aussätzigen rein, die Erniedrigten erhoben, die Gefangenen frei, die Traurigen getröstet werden sollen - kurz, dass wir erlöst sind, befreit aus den Banden, die uns fesseln, frei aus der Macht des Todes.  Jesus mutet und traut uns zu, seine Boten zu sein. Und was ist mit der Wertschätzung? Jesus sagt: wenn ihr in meinem Namen den Mund aufmacht, ist das so, als ob ich selbst spreche. Was Gott einst den Propheten zugetraut hat, traut der Herr uns zu ebenfalls zu. Die Worte der Propheten des Alten Bundes beginnen oft mit der Einleitung: „So spricht der Herr …“ Was sie dann sagten, hatte Gewicht, hatte Autorität. Es kam von höchster Stelle. Jetzt könnten wir erschrecken vor dieser Aufgabe. Sind wir nicht überfordert - im Namen des Herrn zu sprechen? Hat nicht schon Mose seinerzeit den Einwand vorgebracht, dass er mit Worten schlecht umgehen kann? Wie sollte er da vor den mächtigen Pharao hintreten? „Ach, mein Herr,“ sagte er „ich bin von jeher nicht beredt gewesen, auch jetzt nicht, seitdem du mit deinem Knecht redest; denn ich hab eine schwere Sprache und eine schwere Zunge.“  2.Mose 4,10) Ist es nicht vielen schlecht ergangen, die dem Ruf folgten und den Mund aufgetan haben?“ Was wird sein, wenn wir an solche geraten, die uns in Grund und Boden reden können? Die uns nicht glauben oder die uns feindlich gesonnen sind? Vielleicht hat Jesus das geahnt. An einer anderen Stelle im Evangelium sagt er zu seinen Jüngern: „Sorgt nicht, wie oder was ihr reden sollt; denn es wird euch zu der Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt.“ (Matthäus 10,19) . Wie gesagt, diesen Auftrag bekommen wir nach Pfingsten. Jesus hat versprochen, dass er seine Boten ausrüsten wird. Sie sind nicht allein, wenn sie es wagen, wenn sie den Mund aufmachen und in seinem Namen zu reden beginnen. Jesus sendet uns seinen Beistand, den Tröster, den Heiligen Geist.  Jesus traut uns etwas zu. Er traut uns zu, sein Werk fortzusetzen - zu predigen, zu mahnen, zu lehren, zu trösten, zu ermutigen. Machen wir also den Mund auf. Überlassen wir diese Welt nicht den Schwätzern, den Miesmachern, den Hasspredigern und den Lügnern. Reden wir die Wahrheit. Sprechen wir aus, was der Welt gut tut, verschweigen wir nicht diese Gute Nachricht von der grenzenlosen Liebe Gottes, die alles überwindet, sogar die Grenze des Todes.



Adventszeit - ganz schön viel zu tun, oder?

Hatten Sie schon einmal eine Baustelle direkt vor dem Haus, in dem Sie wohnen?  Der  LKW kippt die Pflastersteine von der Ladefläche  auf die Straße und die Fensterscheiben im Wohnzimmer beginnen zu klirren.  Wenn der Bagger  draußen zum Einsatz kommt, vibriert  das Geschirr in der Kommode. Vom frühen Morgen bis zum Spätnachmittag der Krach von Straßenfräse und Planierraupe. Das nervt.  Es ist kaum zu ertragen.  „Wie lange sie wohl  vor meinem Haus bleibt, die Baustelle?“ frage ich die Arbeiter, während sie Brotzeit machen. Der eine  zuckt mit den Schultern und wirft seine Zigarettenkippe zu Boden. Der andere winkt mit der Hand ab. „Vielleicht noch vier Wochen“, meint er und fügt hinzu: „Wenn das Wetter mitspielt!“ Irgendwann aber ist die Arbeit getan. Dann werden die  Baustellenschilder geräuschvoll auf den Lastwagen geworfen, die Absperrung wird aufgehoben. Die Straße kann befahren werden. An diese Baustelle denke ich, wenn ich das Bibelwort höre, das uns als Wochenspruch durch die 3. Adventswoche begleitet:  „Bereitet dem Herrn den Weg, denn siehe, der Herr kommt gewaltig!“ Der Täufer Johannes hat das den Menschen zugerufen, die zu ihm an den Jordan gekommen sind, um sich taufen zu lassen. Ein seltsamer Vergleich?  Eine Baustelle macht Lärm. Die Adventszeit aber soll eine stille Zeit sein! Wie passt das zusammen?  Ursprünglich ist der Advent eine Fastenzeit, eine Zeit der Klärung. Advent bedeutet Ankunft. Gott will zu uns Menschen kommen. Wir sollen in dieser Zeit die Hindernisse beiseite räumen, die im Weg stehen, damit er bei uns ankommen kann. Adventszeit ist also durchaus auch„Baustellenzeit“ für die Seele. Die Hindernisse müssen weg, damit der Herr kommen kann, der Weg soll geebnet werden.  Da haben wir ganz schön viel zu tun, oder? Allerdings geht dieses Bereiten geräuschloser vor sich, als die Aufräumarbeiten bei einer Baustelle. Was sollen wir tun? Wie können wir uns vorbereiten? Wie kann das aussehen, dem Herrn den Weg zu bereiten? Mir ist das Gebet und das Hinhören auf Gottes Wort sehr wichtig. Dafür nehme ich mir täglich Zeit. Auch freue ich mich an den Liedern, die wir in diesen Tagen singen. Manchmal singe ich sie oder ich lese sie still für mich. Dann wird aus einem Lied ein Gebet. Der Besuch des Gottesdienstes oder die festliche Stimmung eines Adventskonzerts, aber auch ein Spaziergang in der Winterlandschaft, der Bummel über einen Weihnachtsmarkt - es gibt so viele Möglichkeiten, sich einzustimmen und auf diese Weise dem Herrn den Weg zu bereiten, dafür Sorge zu tragen, dass er bei mir ankommen kann. Ich muss mir halt nur Zeit dafür nehmen. Und das ist die größte Herausforderung für uns alle. „Ich habe keine Zeit“ ist die am häufigsten gebrauchte Ausrede, um sich vor der Mühe der Wegbereitung zu drücken. Wie schön, wenn die Straße fertig und für den Gebrauch freigegeben ist. Wie schön, wenn er ankommen wird, der, auf den wir so sehnsüchtig warten. Nützen wir sie, diese Zeit, bereiten wir ihm den Weg.Wenn er da ist, werden wir uns freuen und sagen: "Das war der Mühe wert!"

16.12.2017


 


Wie lange noch?

„Wie lange noch! fragen sich die Kinder ungeduldig? Nervös stehen sie auf, rennen zum Fenster, lauschen an der Tür. Hören sie endlich die Schritte im Treppenhaus? Schwer vom Gewicht der Person und von der Würde ihres Amtes donnern sie Stufe um Stufe nach oben, auf die Etage zu, in der die Kinder wohnen. Richtig erraten: die warten auf den Nikolaus, auf die Geschenke. Ein wenig bang ist ihnen. Der Nikolaus weiß schließlich alles. Die großen und kleinen Dinge, die man im Alltag verbockt, werden das Jahr über in einem nicht minder schweren goldenen Buch notiert und einmal im Jahr präsentiert. Wer ihm das nur immer zuträgt? Gibt es Zuhause etwa einen Informanten, eine familiären „Whistleblower“ - der Vater, die Mutter oder der große Bruder? Wahrscheinlich der letztere. Oder doch Tante Olga, der würde man das auch zutrauen, so streng, wie die immer schaut.„Bist du auch artig gewesen?“ die Frage erübrigt sich. „Ja“ sagt das Kind zaghaft und hofft vergeblich, dass die eine oder andere Unart eben doch unter den Tisch fällt. Aber dann - nach der Maßregelung - kommt die Bescherung. Und mit der Bescherung die Freude. Dann sind die Fragen, die Ängste, vielleicht auch die Sorgen schnell vergessen. Zugegeben - früher war man mit weniger zufrieden: einem Teller mit Lebkuchen, einem paar Strümpfen oder einem Buch oder so. Heute muss der Nikolaus etwas tiefer in die Tasche greifen: ein Hörbuch für die Kleinen, ein Spiel für den PC oder ein Gutschein für den Apple Store für die Älteren? Eins aber bleibt über die Jahre die gleiche Frage: Wie lange noch? Die Kinder werden nervös. Der Nikolaus ist überfällig. Ob er dieses Jahr gar nicht kommt? Nicht auszudenken. Wie lange noch? Die frühe Christenheit hat sich das auch gefragt. Sie hat aber nicht nach dem Nikolaus Ausschau gehalten, weil der damals noch gar nicht geboren und der Umwandlungsprozess vom Bischof zum Gabenbringer durch Brauchtum und Tradition deshalb auch noch nicht in Gang gesetzt war. Die Frage und die Wartehaltung war ähnlich ungeduldig, ängstlich, aber immer noch getragen von der Vorfreude: Wie lange noch? Wie lange noch, bis Christus endlich wiederkommt? Wie lange noch, bis Gottes Reich auf Erden kommt, bis Gott die Tränen abwischt, den Schwachen aufhilft, bis er Gerechtigkeit schafft. Warten! Das war die Lebenshaltung der frühen Christen. Eine Standby -Haltung gewissermaßen,  aber mit der Zeit überschattet von der Angst, dass dieses Warten vielleicht vergeblich ist.  Die Friedhöfe füllen sich. Immer mehr sterben. Das Klima wird rau. Die Umwelt wird immer argwöhnischer, immer feindseliger über diesen neuen, fremdartigen Glauben der Christen. „So was hat’s doch noch nie gegeben, ein Gott der gekreuzigt wird? Was soll das für ein Glaube sein!“ Auch der Obrigkeit waren die Christen ein Dorn im Auge. Sie wollten dem Kaiser keine Opfer bringen. So etwas gefährdet die Sicherheit des Staates. „Wie lange noch!“ Ob die Frage den Christen im 21. Jahrhundert immer noch auf der Seele  brennt? Immer noch seufzen die Menschen unter den Lasten, die ihnen das Leben aufbürdet. Immer noch leiden und sterben die Menschen, manche zu früh. Aber auch das Alter kann zur Last werden, die Schatten wirft auf die Seele, aufs Gemüt und am Glauben nagt. Manchmal wird der Glaube auch verschüttet - unter den vielen Zweifeln, unter der Routine des Alltags. Manche beenden den Standby Betrieb, geben das Warten auf und fügen sich ins Unvermeidliche ihrer Sterblichkeit Sie sind Offline - zumindest, was den Glauben betrifft. Die Feiertage und Feste werden hingenommen. Ebenso die frommen Worte in der Kirche. Aber es funkt nicht mehr. Die Kontaktflächen zwischen Himmel und Erde, Glauben und Hoffen, sind bedeckt von Staub der Jahre, der Enttäuschung, der Alltagsroutine. Ob es dem Evangelisten Lukas gelingt, die Verbindung wieder herzustellen, damit der Funke zündet? Das Warten wird ein Ende haben, sagt er im  Wochenspruch. „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ Euer Warten wird nicht vergeblich sein. „Aufsehen!“ das setzt voraus, dass man den Kopf hebt, die Blickrichtung ändert. Nicht das Vergängliche im Blick haben, sondern Ausschau halten. Das ist die Lebenshaltung der Christen. Eine adventliche Haltung. Mit der Ankunft rechnen. Vielleicht aller Alltagserfahrung zum Trotz.Jetzt erst recht! Paul Gerhardt jedenfalls hat sich ansprechen lassen. „Er kommt, er kommt mit Willen, / ist voller Lieb und Lust, / all eure Angst zu stillen, / die ihm an euch bewusst.“ Okay, dieses Lied singen die Christen auch schon wieder ein paar hundert Jahre. Aber - vielleicht, vielleicht ist er ja schon längst gekommen und wir haben es nur nicht bemerkt? Weil wir viel zu sehr mit uns selbst beschäftigt sind. Vielleicht sollten wir nicht zu sehr in den Himmel schauen, wenn wir Christus suchen,  vielleicht genügt der Blick in die Augen meines Nächsten.

9.12.2017


Adventszeit - Trostzeit, nicht Vertröstung

Welche Kirchenjahreszeit haben Sie am liebsten? Mir fällt die Antwort leicht: die Adventszeit. Ich mag diese Wochen vor Weihnachten. Ich mag die Atmosphäre, die sich einstellt in diesen Tagen. Gewiss: eine stille Zeit ist der Advent bei uns nicht. Ich mag ihn trotzdem. Ich freue mich an den Lichterbögen, die in vielen Fenstern stehen, mir gefällt die festliche Beleuchtung der Einkaufsstraßen, die Nacht ist dann nicht mehr so dunkel. Ich mag den Geruch von Glühwein und gebrannten Mandeln, der über den Weihnachtsmärkten hängt. Da nehme ich die Nachteile dieser Tage gerne in Kauf: zum Beispiel die Dauerbeschallung mit Weihnachtsliedern auf den Straßen und in den Geschäften. In diesem Jahr ist die Adventszeit kürzer als sonst. Das liegt daran, dass der 4.Advent und der Heilige Abend zusammen-fallen. Ich finde das sehr schade. Gerade der letzte Adventssonntag ist von einer besonderen Vorfreude geprägt Darauf weist schon der Wochenspruch aus dem Philipperbrief  hin: „Freuet euch in dem Herrn, allewege, und abermals sage ich: freuet euch. Der Herr ist nahe!“  Vorfreude ist die schönste Freude, sagt man. Wir freuen uns auf die Ankunft Gottes in dieser Welt. Gott macht sich klein und unscheinbar. Er wird ein Kind. Er geht den Weg, den Menschen gehen, durch Freude und Leid hindurch. Es gibt keinen Lebensabschnitt, der ihm fremd wäre. Das feiern wir im Advent: der Herr ist nahe. Deshalb ist die Adventszeit eine Freudenzeit. Eine Vor-Freudenzeit. Allerdings  erleben manche diese Zeit ganz anders. Sie fühlen sich besonders einsam in diesen Tagen, vor allem, wenn sie einen Angehörigen verloren haben.  Manchmal ist die Trauer zu groß, die Enttäuschung zu bitter, manchmal sitzt der Schmerz zu tief im Herzen, hat sich die Verzweiflung zu tief eingegraben ins Gemüt. Dann scheint die Adventsbotschaft keine Chance mehr zu haben, vorzudringen, das Leid zu mildern, zu trösten, den Weg in die Hoffnung zu zeigen. Daran muss ich denken, wenn ich das Lied von Jochen Klepper singe: „Die Nacht ist vorgedrungen, / der Tag ist nicht mehr fern.“ Der tiefgläubige Dichter war am Ende seines Lebens so verzweifelt, dass er keinen Ausweg mehr sah, als sich mit seiner Frau und seiner Ziehtochter das Leben zu nehmen. Das war vor fünfundsiebzig Jahren. Jochen Klepper konnte die Schikanen der Nazis nicht mehr ertragen. Sein Andenken bewahrt mich davor, in eine heile Welt zu flüchten, das Leid und die Tragödien einfach auszublenden.  Die Finsternis ist da. Es gibt die Schatten des Todes. Auch in der Adventszeit wird geweint.  In diesen Tagen jährt sich das Attentat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt. Schon lange können wir nicht mehr unbeschwert und sorglos Feste feiern, Jahrmärkte oder Großveranstaltungen besuchen. Schon lange begleitet uns die Angst vor dem Terror. Gerade weil das so ist, bedeutet mir die Freudenbotschaft vom nahen Gott so viel. Gott nimmt Anteil am Schicksal der Menschen in dieser Welt. Tod und Leid, Gewalt und Tränen werden nicht das Letzte sein in unserem Leben. Ob Jochen Klepper das geahnt hat?  „Noch manche Nacht wird fallen / auf Menschenleid und – schuld, / doch wandert nun mit allen / der Stern der Gotteshuld. / Beglänzt von seinem Lichte, / hält euch kein Dunkel mehr, / von Gottes Angesichte / kam euch die Rettung her...“ heißt es in seinem Lied. Ich vertraue darauf, dass diese Worte wahr werden. Gott wendet sich nicht ab, erst recht nicht von denen, die verzweifelt sind und deren Lebenswille zerbrochen ist. Im Gegenteil. Er wendet  sich ihnen liebevoll zu. Die Adventszeit ist keine Zeit der oberflächlichen Vertröstung, sondern ein Hinweis, auf den Trost, nach dem wir uns sehnen. Lange vor Jochen Klepper hat deshalb ein anderer Dichter aus unserem Gesangbuch, Paul Gerhardt, geschrieben: " "Das schreib dir in dein Herze, / du hochbetrübtes Heer, / bei denen Gram und Schmerze / sich häuft je mehr und mehr; / seid unverzagt, ihr habet, / die Hilfe vor der Tür; / der eure Herzen labet / und tröstet steht allhier." Ich wünsche uns, dass der ersehnte Trost ankommt in unserem Leben, damit wir uns freuen können, von Herzen.

2.12.2017 - aus A&Ha - der Gemeindebrief 2017/2018 Nr.1


Sich der Realität stellen - Gedanken zum Ewigkeitssonntag

Der letzte Sonntag im Kirchenjahr heißt Ewigkeitssonntag oder Totensonntag. Das hängt ganz davon ab, worauf der Schwerpunkt gelegt wird - auf den Rückblick, das Ende, den Tod oder die Vorschau, auf das, was noch aussteht, was wir für uns selbst, aber auch für die Welt erhoffen - die Vollendung, die Überwindung von Krieg und Terror, den Frieden, versöhntes Leben in der Gemeinschaft mit Gott. Beide Schwerpunkte lassen sich miteinander verbinden. Im letzten Gottesdienst des Kirchenjahres nennen wir die Namen der Verstorbenen der vergangenen zwölf Monate, wir zünden eine Kerze für jeden einzelnen von ihnen an und stellen sie auf den Taufstein. Das ist der Ort, an dem Gott den Menschen die Freundschaft anbietet. Meist geschieht das am Anfang des Lebens. Diese Freundschaft hat Bestand - von Gott aus. Sie hält und trägt - über den Tod hinaus und hilft, dass wir uns der Wirklichkeit stellen können. Der Tod ist eine bittere Realität. Er ist oft grausam, reißt Familien auseinander, zerstört Lebenspläne, nur manchmal, nach einem langen und erfüllten Leben, kommt er als Freund. Doch auch da trügt der Schein. Ehepartner, die zurückbleiben, kommen mit dem Verlust oft nur schwer zurecht. Der Realität des Todes müssen wir alle uns stellen. Wir  alle sind sterblich. Vielleicht können viele das nicht ertragen. Vielleicht ziehen manche deshalb die Adventszeit schon in den November hinein. Sie flüchten sich in eine heile Welt aus Silberglöckchen und Lebkuchenduft und blenden den Tod einfach aus. Ich denke, das ist der falsche Weg. Wenn wir die Hoffnung ins Herz lassen, zu der uns der christliche Glaube ermutigt, können wir uns auch der Realität stellen, der Angst, dem Sterben, dem Leid, der Trauer dem Schmerz. Am Ende wartet nicht der Tod auf uns, sondern das Leben bei Gott. Ein ewiges Leben. Nicht das Erschrecken über unsere Vergänglichkeit sondern das Vertrauen auf ein Leben bei Gott in  Ewigkeit soll die Grundmelodie sein, die sich durch unser Dasein zieht.  Wenn wir sterben, wird er da sein, der uns die Freundschaft angeboten hat, der Gott des Lebens. Und er wird tun, was nur einer tun kann, der es gut mit uns meint: er wird abwischen alle Tränen von unseren Augen. (Offenbarung 21,4). So stehts im letzten Buch der Bibel. Dann werden wir klar sehen, was die Tränen bis dahin verschleiert und manchmal auch verzerrt haben. Und was wir sehen werden, wird uns gefallen.  Um es mit dem Psalmbeter zu sagen: „Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein.“ (Psalm 126) Das ist keine Vertröstung. Das ist die Hoffnung, die wir haben, dass ist das, was uns erwartet. Gott sei Dank.

24.11.2017



Buß - und Bettag: Inventur für die Seele?

„Wegen Inventur geschlossen!“ Heute sieht man diese Schilder nicht mehr so häufig. Früher war das anders. Meist in den ersten Tagen des neuen Jahres, wenn die Regale nach den Feiertagen leergekauft waren, haben kleinere Geschäfte für einen Tag zugemacht, um den Bestand der Waren zu prüfen. Was ist noch da, was muss wieder bestellt werden? Erstaunlicherweise hat sich kaum einer darüber aufgeregt. Heute ist das anders. Ob man den Buß - und Bettag so deuten kann - als Tag der Bestandsaufnahme, als Inventur für die Seele? So habe ich diesen Feiertag immer verstanden. Leider haben wir dafür heute keine Zeit mehr. Den Buß - und Bettag gibt es nur noch auf dem Papier. Er steht als festes Datum vor allem in kirchlichen Kalendern. In unseren Herzen ist dieses Datum nicht mehr eingeschrieben. Jedenfalls nicht bei vielen Zeitgenossen. Heute muss man sich einen Tag Urlaub nehmen, um mitten in der Woche zum Gottesdienst zu gehen. Dieser Preis ist manchen schon zu hoch. Der Urlaub ist zu kostbar.  Andere trauen sich nicht, von diesem Recht Gebrauch zu machen. „Ich will kein Sand im Getriebe sein!“ sagte mir ein Mann in den mittleren Jahren. „Die Arbeitspläne sind geschrieben, die Abläufe zu komplex, wenn man dann fehlt, gib’s Probleme.“ Der Chef sieht es nicht gerne, wenn man fehlt, die Kollegen sind auch nicht erfreut, wenn sie die Lücke füllen müssen. Vielleicht ist das einigen aber auch ganz recht, dass dieser Feiertag zusehends unter den Tisch fällt.  Buße tun - was für ein altmodisches Wort. Und Beten? Bedeutet das nicht, die Hände in den Schoß zu legen? „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“ meinen die Spötter. Der  Buß - und Bettag hat etwas anstößiges an sich. Ja, er liefert Denk - Anstöße. Er will uns in Bewegung setzten. Er ist eine Absage an die Bequemlichkeit. Buße  tun bedeutet umkehren. Umkehren bedeutet Richtungsänderung. Das setzt voraus, dass ich mich bewege, in jeder Hinsicht, geistig, manchmal auch körperlich. Wenn ich eine Bestandsaufnahme mache, kommt auf den Prüfstand, was sich eingeschliffen und manchmal festgefahren hat: Gewohnheiten zum Beispiel, Redensarten, Einstellungen, Meinungen. Verträgt sich das, was ich Tag für Tag mache, was ich sage oder denke mit dem, was Gott von mir erwartet? Höre ich noch hin, wenn Gott mich anspricht?  Rechne ich überhaupt damit, dass er zu mir spricht? Wenn ja, wie mag das vor sich gehen? Gewiss, Gott sprich durch sein Wort, die Bibel. Aber nicht nur durch Buchstaben. Da ist auch die Stimme des Gewissens, die Stimme des Herzens. Worauf hört mein Herz? Welchen Stimmen gehorche ich Tag für Tag?  Der Buß - und Bettag lädt mich ein, mit Gott wieder ins Gespräch zu kommen. Beten, sagen wir dazu. Der Buß - und Bettag ist eine Orientierungshilfe. Orientierung bedeutet Ausrichtung. Und wieder die Frage: wonach richte ich meine Antenne aus? Wonach richte ich mich aus? Eine Inventur machen bedeutet aber nicht nur, auf das zu schauen, was mir fehlt. Auf diese Weise könnte zum Vorschein kommen, was da ist, was meinem Leben schon jetzt Sinn und Tiefe gibt und mich davor bewahrt, im Treibsand des Oberflächlichen zu versinken.

21.11.2017


Mehr als nur eine Taschenpfändung

Die Herren waren schnell und diskret. Als ihr „Opfer" ahnungslos die Einkaufsstraße entlang schlenderte, schritten sie ein. Sie nahmen ihn die Mitte, drängten ihn etwas zur Seite. „Stehenbleiben!“ flüsterten sie. „Sie wollen doch auch kein Aufsehen erregen, oder?“ Dann zogen sie ihre … - nein, keine Pistolen, sondern Dienstausweise. Es handelte sich schließlich nicht um einen Überfall, sondern um eine Taschenpfändung. Darunter versteht man eine körperliche Durchsuchung eines Schuldners, die natürlich gerichtlich angeordnet sein muss. Einer der beiden Herrren war Gerichtsvollzieher, der andere Polizist. Was jetzt an Wertsachen zum Vorschein kommt, wird gepfändet: Geld, die Armbanduhr, der Siegelring, die Halskette. Ich stelle mir das furchtbar vor.  Schließlich wird einem auf diese Weise endgültig klargemacht, dass man nichts mehr hat, dass man "nackt" ist, wenigstens im übertragenen Sinn. Ob so ein Gedanke auch hinter dem Wochenspruch steht?  „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi!“ schreibt Paulus im 2. Korintherbrief. Kein angenehmer Gedanke. Wer vor ein Gericht zitiert wird, dem wird  meistens vorgeworfen, dass er etwas verbockt hat. Wer vor einem Richter steht, muss sich rechtfertigen, muss sich offenbaren. Ohne guten Anwalt hat er schlechte Karten. Offenbar werden bedeutet, dass alles ans Licht kommt, was man gerne unter den Tisch kehrt Offenbar werden bedeutet, dass alle Verschönerungen, alle Verschleierungen wegfallen. Es wird schonungslos  offengelegt, wer ich bin und was ich getan habe. Und das auch noch vor einem Richterstuhl. Dort wird gerichtet werden. Dieses Bild vom Richterstuhl zieht so viel Aufmerksamkeit auf sich, dass etwas Wichtiges an unserem Wochenspruch übersehen wird. Wir treten nicht vor einen peniblen Richter, der sein Urteil entweder streng nach Faktenlage fällt oder sich von seiner Laune bestimmen lässt. Wir treten vor den Richterstuhl Christi. Gott sei Dank. Ich kann aufatmen, weil ich daran denke, was im Kolosserbrief steht: Gott „hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet“ (Kolosser 2,14) Unter einem Schuldbrief stelle ich mir in diesem Zusammenhang eine Anklageschrift vor, in der alles aufgelistet wird, was gegen mich spricht, vielleicht sogar zu Recht.  In der Altensteiner Kirche ist ein riesiges Altarkreuz aus Sandstein zu sehen. Wenn ich davor stehe, fühle ich mich klein. Es könnte mich erschlagen. Dieses überdimensionale Kreuz erinnert mich daran, wie klein ich bin und wie groß die Liebe Christi ist, die mir hier begegnet.  Wenn ich mir meiner Schuld bewusst werde, wenn wir meine Mängel, Fehler und Schuld offengelegt werden, wenn alles gegen mich spricht, darf ich mit der Barmherzigkeit Jesu rechnen, der die Arme für mich am Kreuz ausgebreitet hat. Vor diesem Richterstuhl kann getrost offenbar werden, wer ich bin und was ich getan habe. Vor diesem Richter kann ich mich offenbaren. Ich weiß: die Schuld ist getilgt. Der Richter hat sie selbst bezahlt und mir den Weg in ein neues Leben ermöglicht. Ich muss die Schuld nicht mehr tragen. Ich bin unbelastet.Ich bin frei.

17.11.2017




Novembersegen - warum wir trübe Tage brauchen

November. Atlantische Tiefausläufer treiben Nieselregen und Grippewetter vor sich her. Wer ohne Schirm unterwegs ist, schlägt den Kragen hoch und trägt die Sehnsucht nach dem Sommer im Herzen. Die Bäume haben ihre Blätter verloren. Kein fröhliches Vogelgezwitscher ist aus dem Geäst zu hören, allenfalls weht der hungrige Schrei einer Krähe über die Felder, Grablichter flackern in der Dämmerung. Nein. Diese Zeit ist kaum zu ertragen. Und dann noch diese Gedenktage: Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag, Buß – und Bettag, Totensonntag.  Zugegeben – mir gefällt die wärmere Jahreszeit auch besser, mit allem, was dazu gehört – mit den lauen Sommerabenden auf der Terrasse, mit grünen Wiesen und  bunten Blumenbeeten …  Ob dieser trüben Jahreszeit nicht auch ein paar gute Seiten abzugewinnen sind? Vielleicht muss man dazu nur genau hinschauen.. Es hat seinen Sinn, dass sich die Natur mit ihren schönen Seiten rar macht, sich unseren Blicken für eine Weile entzieht. Vielleicht muss sie  sich von uns Menschen einfach erholen. Es ist  schließlich kaum auszuhalten mit uns. Wir sind ständig unzufrieden. Wenn es regnet, jammern wir über den Regen. Wenn die Sonne scheint, stöhnen wir über die Hitze. Wenn sich eine Wolkendecke vor die Sonne schiebt, werden wir trübsinnig.  Außerdem halten wir es mit uns selbst auch nicht aus. Wir können nicht still sein. Wir können nicht mehr schweigen und schon gar nicht mehr einander zuhören. Wir brauchen die akustische Dauerberieselung. Wir brauchen Events und Animation, nicht nur im Urlaub. Die Nacht muss zum Tag werden. Wir brauchen verkaufsoffene Sonntage und fegen die Ladenschlusszeiten am liebsten ganz vom Tisch. Shopping um Mitternacht, wäre doch prima, oder? Wie müssen uns ständig mitteilen – per Twitter oder What’sApp, überschütten uns mit Nachrichten, die niemand wirklich erfahren möchte. So sorgen wir für ein Leben unter permanenterer Dauerbelastung, Dauerberieselung, Dauerbeschallung. Wie vernünftig dagegen die Natur ist. Die zieht sich von uns zurück, um uns an etwas zu erinnern, was wir gerne verdrängen. Die Natur sagt zu jedem von uns: es bleibt nicht alles so wie es ist. Wir verändern uns. Wir wachsen, werden älter und manchmal auch weiser. Und wir leben nicht ewig. Unser Leben hat ein Ende.  „Herr, lehre mich bedenken, dass ich sterben muss und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss!“ heißt es im 39. Psalm. Viele können das nicht ertragen. Sie schieben alles von sich, was auch nur im Entferntesten mit dem Tod und der eigenen Vergänglichkeit zu tun hat.  Darüber hinaus sorgt die  Tretmühle des Alltags dafür, dass wir uns nicht zu häufig beschäftigen mit den Fragen nach dem Sinn und dem Ziel unseres Lebens. Wenn wir uns ständig ablenken, wenn wir uns anstecken lassen von der Unruhe dieser Zeit, werden wir keine Antwort auf diese Fragen finden. Wir werden vielleicht nicht einmal darauf kommen, dass es diese Fragen überhaupt gibt, dass sie für die Unruhe in uns sorgen, dass sie uns umtreiben. Und doch sind es lebenswichtige Fragen. Vielleicht aber gibt es doch einen Ausweg – und zwar im wörtlichen Sinn. Die Frommen in früheren Zeiten haben sich immer wieder einmal eine Aus-Zeit gegönnt. Sie sind  in die Wüste gegangen, um über die Fragen ihres Lebens nachzudenken, um Klarheit zu finden für ihren Weg. Wir sollten das auch tun. Wir müssen dazu nicht ins Flugzeug steigen. Ein Spaziergang an einem verregneten Novembertag kann unsere Aus-Zeit, unsere Wüste sein. Wir sollten Zeiten und Orte suchen, wo wir still werden, um auf die Stimmen zu hören, die uns flüsternd vom Leben erzählen, von unseren Wünschen und Träumen, die wir haben – und in der Hektik des Alltags vergessen. Es sind unsere Stimmen.  Und unter diese Stimmen mischt sich noch eine andere. Die flüstert besonders leise. Das ist Gottes Stimme. Die drängt sich nicht auf.   Was sie uns allerdings zu sagen hat, sollten wir nicht überhören. Sie erzählt uns von dem Ziel unseres Lebens. Sie erzählt uns davon, was Gott mit uns vorhat. Sie erzählt uns von dem Leben, das er uns schenken will. Vielleicht warnt sie uns – behutsam, besorgt und liebevoll. Wir sollen das Ziel nicht verfehlen, am wahren Leben nicht vorbeihasten. Mit der Zeit werden wir aufmerksam und bereit für das Neue, das auf uns wartet. Wir werden wieder aufmerksam und empfangsbereit für das, was Gott uns schenken will. Vielleicht spüren wir dann, wie die Freude in uns heranwächst, die gespannte Vorfreude auf das Leben, das Gott für uns bereithält. 

Wir brauchen die „Wüste“, die Stille, das Schweigen, hin und wieder. Daran erinnert mich diese unwirtliche Zeit im vorletzten Monat des Jahres, die Auszeit vor dem viel beschworerenen „Weihnachtsstress“ – den ich persönlich ehrlich gesagt gar nicht kenne. Vielleicht liegt das daran, weil ich den November schätze. 

4.11.2017



Wenn das der Luther wüsste - vom Sinn und Unsinn des Lutherjubiläums

„Wir kommen zur Hauptrunde in unserem Ratespiel“, sagt der Moderator. Die Kamera fährt auf die Kandidaten im beliebten Fernsehquiz zu, holt die Gesichter im Zoom ganz groß auf die Bildschirme. Das Mädchen mit den grünen Haaren und dem Zungenpiercing versucht, gelangweilt drein zu blicken. Der ältere Herr mit der tadellos gebundenen Krawatte blickt den Moderator überlegen lächelnd an und der Kandidatin aus dem Publikum, eine Frau mittleren Alters, bricht der Angstschweiß aus. Heute morgen hatte sie im Traum nicht daran gedacht, dass sie sich jetzt möglicherweise vor einem bis auf den letzten Platz besetzten Saal und einem Millionenpublikum vor den Fernsehern zuhause bis auf die Knochen blamieren wird. Der Moderator schaut auf sein Manuskript und liest die Frage so vor, als ob er sie gerade jetzt zum ersten Mal gesehen hätte: Von wem stammt der Satz: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ Sofort meldet sich das Mädchen mit dem Zungenpiercing. „Donald Trump vielleicht?“ „Das war natürlich Martin Luther!“ fällt der ältere Herr ihr empört ins Wort. „Auf dem Reichstag zu Worms. 1521. So etwas weiß man doch!“ Die Hausfrau ringt mit den Händen. Sie ist erleichtert, dass die Würfel gefallen sind und sie nichts mehr sagen muss. Eine Fanfare belegt auch schon die Richtigkeit der Antwort  Eigentlich ist die Antwort des älteren Herren nicht korrekt. Martin Luther hat das wahrscheinlich nie gesagt. Es handelt sich um eine der vielen Lutherlegenden. Und viele andere kluge Sprüche hat er  wahrscheinlich auch nicht gesagt. Zum Beispiel den Satz mit dem Apfelbäumchen, den Martin Luther pflanzen würde, selbst wenn er wüsste, dass morgen die Welt unterginge.  Das ist das Los historischer Persönlichkeiten - wenn sie tot sind, können sie sich nicht mehr wehren. Auch nicht gegen den Schindluder, der mit ihnen getrieben wird.  Auch Martin Luther nicht, der nun schon ein ganzes Jahr gefeiert wird. Ob er wirklich die 95 Thesen am 31.Oktober 1517 an das Portal der Schlosskirche genagelt hat - oder ob es der Hausmeister der Universität oder der Mesner der Kirche oder ein Studentlein war, was spielt das für eine Rolle. Ehrlich gesagt, mir tut Martin Luther von Herzen leid, mit jedem Tag ein bisschen mehr. Manchmal frage ich mich, ob das Brummen in meinem Ohr vom Tinnitus herrührt, der mich seit einem Hörsturz durchs Leben begleitet, oder ob es das Geräusch aus der Gruft des Reformators ist, der sich seit gut einem Jahr ständig im Grab herumdreht. Ob das die himmlische Strafe ist für etliche seiner heute nicht mehr kirchenpolitisch korrekten  Meinungsäußerungen, für sein impulsives Wesen, seine zunehmende Starrsinnigkeit im Lauf der Jahre, seine wachsende Unversöhnlichkeit, seine oft rüpelhaftes Auftreten, dass man ihn jetzt wirtschaftlich ausschlachtet und gnadenlos vermarktet? Wo man hinschaut im Lande, begegnet einen der Wittenberger: als Playmobil - Figur,  auf Kaffeetassen, auf Socken mit dem oben genannten Ausspruch, auf Handyhüllen, auf Schokoriegeln,  auf Nudelverpackungen (die original öko-bio Luthernudel) und auf Etiketten für Weinflaschen.  Von den Luthervermarktern von heute hätten sich die mittelalterlichen Ablassprediger und Reliquienhändler mal eine Scheibe abschneiden können.  Wenn dann am Reformationstag zum großen Finale geblasen wird, die Glocken um 15 Uhr 17 ausgeläutet haben und die letzten Klänge zu „Ein Feste Burg“ verklungen sind, wenn der natürliche kirchliche Alltag wieder einkehrt und am folgenden Buß - und Bettag wieder gearbeitet wird, vielleicht wird man dann Zeit haben, in Ruhe darüber nachzudenken, was wir dem großen Reformator eigentlich zu verdanken haben und zwar kirchenübergreifend: dass wir getrost und ohne Angst mit leeren Händen vor Gott treten können, ohne etwas geleistet haben zu müssen, ohne einen Namen haben zu müssen, ja, ohne wirklich gut sein zu müssen - weil dieser Gott, vor dem wir uns  eigentlich in Grund und Boden schämen müssten, uns liebt, einfach so, um Christi willen. Er nimmt uns an, allein aus Gnaden. Das wissen wir nicht, das glauben wir, weil es in der Bibel steht. Und das reicht aus. Sagt Martin Luther. Und der muss es wissen.

31.10.2017


Gottes Wort - kein Freibrief für einfache Lösungen

Manchmal tun klare Worte einfach nur gut. Worte, wie wir sie im Wochenspruch für den 20. Sonntag nach Trinitatis hören. Wir können sie nachlesen beim Propheten Micha. Wer das Buch liest, merkt: da spricht einer Klartext. Auch in dem Wort, das uns durch die Woche begleitet. Kurz und bündig und einprägsam sagt uns Micha, worauf es bei einem gottwohlgefälligen Leben ankommt: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Das kann man sich merken, danach kann man leben. So könnte man meinen. Gottes Wort halten! Klar - das bedeutet sicher: die Bibel lesen. Sich an die Gebote halten, oder?  Ich möchte mich aber nicht an alles halten, was in der Bibel steht! Zum Beispiel nicht an den folgenden Rat:  „Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn beizeiten.“ (Sprüche 13, 24) Um den Wochenspruch aus dem Buch Micha besser zu verstehen, ist es hilfreich, sich nicht nur mit Luthers Übersetzung zufrieden zu geben, sondern auch andere zu Rate zu ziehen. Die Einheitsübersetzung von 2016 gibt das Prophetenwort so wieder:  "Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.“ .Gottes Wort wurde in den Alltag der Menschen hineingesprochen - von den Propheten zum Beispiel. Das waren Menschen wie Micha, durch und durch bodenständig und nicht immer diplomatisch. Bevor sie gesprochen haben, haben sie hingehört auf das, was Gott ihnen gesagt hat. Das Prophetenwort ist eine Aufforderung zum Hören und zum Handeln. Das Handeln kommt nach dem Hören. Es geht um eine Ausrichtung. Als Christ kann ich sagen: Gottes Wort ist Mensch geworden. Gottes Wort halten bedeutet deshalb, sich an Jesus Christus zu halten. Der ist für uns zum Vorbild geworden. Er hat uns ein Beispiel dafür gegeben, wie Recht tun, Güte lieben und demütig sein  im Leben Gestalt annehmen kann. Jesus wendet sich den Menschen  zu und diese Zuwendung hilft ihnen meist, den Weg zurück in das Leben zu finden, zu dem sie bestimmt waren und das sie verloren haben: das Leben in der Gemeinschaft mit Gott. Wer der Aufforderung des Micha folgt und sich dabei an Jesus orientiert, wird zu einem aktiven und zugleich achtsamen Leben vor Gott ermutigt.  Das bringt mich dazu, jeweils zu fragen, was jetzt dran ist, was jetzt Gottes Wille in dieser oder jener Situation meines Lebens. Es gibt also keine fertigen, einfachen Antworten auf die Fragen des Lebens, auch nicht auf die Fragen des Glaubens. Es genügt nicht, auf jedes Problem mit einer Bibelstelle zu antworten. Ein gottwohlgefälliges Leben ist ein achtsames Leben, ein Leben voll Aufmerksamkeit, Sensibilität und Liebe. Jesus hat diese Achtsamkeit vorgelebt. Gott hat uns durch das Prophetenwort klar gesagt, wie ein Leben nach seinem Willen aussieht - in erster Line bedeutet es, seinen Sohn, Gottes menschgewordenes Wort, im Glauben anzunehmen und im Herzen aufzunehmen, damit wir tun können, was wir tun sollen - in der Liebe zu leben und immer wieder danach zu fragen, was im Alltag Gottes Wille ist. Risiken und Nebenwirkungen sind dabei nicht ausgeschlossen.

28.10.2017




Heile du mich, Herr!

Eine Bitte um Heilung und zugleich ein Wort des Vertrauens ist der Wochenspruch aus dem Buch des Propheten Jeremia: „Heile du mich, Herr, so werde ich heil, hilf du mir, so ist mir geholfen!“ Deprimierende, krankmachende Erfahrungen und Enttäuschungen haben den Propheten zu diesen Worten veranlasst. Wir können sie nachsprechen - immer dann, wenn wir an unsere Grenzen stoßen. "Heile du mich, Herr!" Eine Bitte, vielleicht ein Ruf um Zuwendung begleitet uns durch die neue Woche. „Schau auf mich, Gott, schau auf mein Elend!“ Es gibt ein Leiden, den keine Medizin heilen kann. Es gibt Wunden, die sich nicht schließen. Es gibt Verletzungen, die ein Leben lang weh tun. Wohin mit dem Leid, das mich umtreibt? Wie lang sich eine Nacht hinziehen kann, wenn eine Krankheit bohrende Schmerzen durch den Körper treibt! Wie unerträglich das Leben werden kann, wenn es von Trübsal zersetzt wird. Wie erfindungsreich das Schicksal sein kann, wenn es darum geht, Menschen zu plagen. Da sind nicht nur die Krankheiten, die Schmerzen verursachen. Auch Misserfolge können weh tun, in die Verzweiflung treiben. So war es wohl beim Propheten Jeremia.  Im Auftrag Gottes sollte er sprechen, Gericht sollte er ankündigen. Aber nichts von dem, was er gesagt hat,  ist eingetreten. Jetzt erntet er Hohn und Spott. „Siehe, sie sprechen zu mir: Wo ist denn des Herrn Wort? Soll es doch kommen…“ In den Augen der Menschen hat sich der Prophet lächerlich und unglaubwürdig gemacht. Jetzt ist er niedergeschlagen. Misserfolg macht einsam. Abgeschlagen steht der Verlierer in der Ecke. Bedeutungslosigkeit und Erfolglosigkeit gehen oft Hand in Hand. Auch daran können Menschen zerbrechen. Missachtung, Demütigungen und Erniedrigungen werfen auf das Leben Schatten. Wie umgehen mit dem Leid, den Fragen, den Seelen - Qualen, wenn sie mich in der Gewalt haben? An diesem Sonntag sind wir eingeladen, auf die inneren Wunden  zu schauen, auf die Anfechtungen, unter denen wir leiden, auf den Schmerz, den wir in uns tragen - und alles vor Gott zu bringen. Vielleicht können wir diesen Ruf um Heilung, um helfende und heilende Zuwendung des Propheten auch stellvertretend für die Menschen laut werden lassen, von deren besonderer Not wir wissen. Dazu ermutigt mich das Evangelium dieses Sonntags. Es erzählt davon, wie vier Freunde einen Gelähmten zu Jesus bringen. Weil sie wegen der Menschenmenge nicht zu ihm vordringen, steigen sie aufs Dach, decken es ab und lassen ihren Freund an Seilen durch die Öffnung zu Jesus herunter. Heute sind wir eingeladen, unseren Schmerz und die Not der Menschen, die uns am Herzen liegen, zu Christus zu bringen, dem Heiland, dem Arzt der Seelen. Mit den Worten des Propheten Jeremia können wir ihn bitten, zu heilen, was von alleine vielleicht nicht mehr oder nur sehr schlecht heilen kann. Und wir können es in der Gewissheit tun, die Jeremia Kraft geschenkt hat: wenn du hilfst, ist mir wirklich geholfen. Dieses Wort aus dem Alten Testament verlangt viel Vertrauen. Zu dem werden wir ermutigt. Um Vertrauen, um Glauben dürfen und sollen wir bitten. Gott wartet auf unser Gebet. Gerade jetzt.

20.10.2017


Liebe hat mit Zuwendung zu tun

„… dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe….“ schreibt Johannes im ersten seiner drei Briefe. Dieser Auftrag begleitet uns als Spruch durch die 18. Woche nach Trinitatis. Ein dringender Aufruf zur Geschwisterliebe wird uns ans Herz gelegt. Was für eine Herausforderung! Nicht alle sind liebenswert, mit denen wir leben, oder? Mir jedenfalls fallen eine ganze Reihe von Menschen ein, von denen ich sagen kann: es fällt mir schwer, sie zu lieben. Die meisten von ihnen sind an sich keine schlechten Menschen. Im Gegenteil. Manche sitzen im Gottesdienst eine Bank vor mir oder hinter mir. Beim Friedensgruß vor dem Abendmahl reichen wir uns sogar die Hand und lächeln uns an. Dennoch will mir das mit der Liebe nicht gelingen. Woran das wohl liegt? Ob ich den Begriff „Liebe“ mißverstehe?  Verwechsle ich dieses Wort mit einem Gefühl der Zuneigung, mit Sympathie? Die Schmetterlinge im Bauch des Verliebten gehören sicher auch zur Liebe, das ist wahr. Ich denke aber, dass mit der Liebe, zu der wir aufgerufen sind, weit mehr gemeint ist, als Sympathie und Zuneigung. Ich denke, den Nächsten zu lieben bedeutet nicht zwangsläufig, ihn zu mögen oder ihn sympathisch zu finden. Um zu verstehen, wie  das mit der Nächstenliebe gemeint  ist, will ich darauf achten, wie Jesus mit den Menschen umgegangen ist - mit seinen Freunden, mit seinen Gegnern, mit denen, die zu ihm gekommen sind, um ihn anzuhören oder um sich heilen zu lassen. Wenn ich die Bibel lese, erfahre ich, wie er sich den Menschen zuwendet. Ich merke, wie er die Menschen dabei lieb gewinnt und sich um sie sorgt! Er spürt, was sie brauchen, woran sie kranken. Und das sagt er ihnen. So lerne ich von Jesus, dass zur Liebe die Hinwendung zum Nächsten gehört und die Aufrichtigkeit. Den Mut dazu schöpft Jesus wohl aus dem Glauben, aus seiner Liebe zu Gott. Die Liebe zum Nächsten und auch die Liebe zu Gott gehören zusammen, sind zwei Seiten einer Wahrheit. Auch die Liebe zu Gott lebt von der Hinwendung. Jesus wendet sich Gott im Gebet zu. „Unser Vater“  nennt er ihn voll Vertrauen. Zur Liebe gehört das Gott-Vertrauen. Ich lege mein Leben in Gottes Hand und werde  getragen. Wer sein Leben getragen weiß von Gott, kann den Nächsten lieben wie sich selbst - und das bedeutet zunächst einmal, er kann ihn sein lassen, was er ist: Gottes Kind. Den Nächsten zu lieben bedeutet nichts anders, als in ihm den Mit - Menschen zu sehen, der wie ich davon lebt, dass Gott ihn liebevoll ansieht, dass er ihn wahrnimmt mit seinen Bedürfnissen, Nöten, Verletzungen, und Ängsten. Davon leben wir - von der Zuwendung Gottes, von seiner Wahrnehmung. Das ist stärker als alles andere, als Sympathie oder Ärger, als Zuneigung oder Enttäuschung. Den Nächsten zu lieben gelingt mir, wenn ich mich selbst lieben kann und das bedeutet - wenn ich mir  selbst erlaube, ein Kind Gottes zu sein. Ist das nicht eine große Entlastung? Kinder müssen nicht alles können. Kinder dürfen dem Vater ihre Schwächen hinhalten, ihr Unvermögen. Sie tun es im Vertrauen, dass der Vater zurecht bringt, wofür sie selbst noch zu schwach sind.

12.10.2017


Eine Frage der Prioritäten?

„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat!“ Mit diesem Wort aus dem 1. Brief des Johannes gehen wir in die 17. Woche nach Trinitatis. Mich begleitet eine Frage, ein leiser Zweifel. Ist das wirklich so? Ist mein Glaube tatsächlich sieghaft? Wie oft mache ich gerade gegensätzliche Erfahrungen! Wie oft muss ich mich arrangieren, Kompromisse schließen, die mir nicht gefallen. Wie oft kommt mein kleiner Glaube dabei ins Wanken!  Täglich stellt sie Ansprüche an mich - diese  Welt!  Sie steht hier für eine Macht, die mich bedrängt, die Einfluss auf mein Leben und Denken nehmen will. Sie nimmt Gestalt an, wird konkret im Alltag - verlockend, fordernd und beängstigend zuweilen. Die „Welt“ will mir einreden, was wichtig ist und was nicht. Sie flüstert mir zu, dass  der Glaube in Wahrheit etwas für Gutmenschen und Warmduscher ist - für Weltfremde eben. Die kann man  belächeln. Ernstnehmen muss man sie nicht. Die Welt sagt, an erster Stelle steht der Erfolg, das persönliche Wohlergehen, wenn es sein muss, durchaus auch auf Kosten der anderen. Es gilt, was mir nützt.  Die Welt setzt auf Zahlen. Deshalb folgt morgens auf die Nachrichten der Börsenbericht. Der Glaube setzt auf ein Wort - auf Gottes Wort. In Jesus Christus ist es zu uns Menschen gekommen, ist es Person geworden. Dieses Wort lehrt andere Werte, als die, die in der Welt gelten. Diese Werte werden anschaulich in allem, was Jesus macht oder sagt, wird erfahrbar in der liebevollen Hinwendung gerade zu dem Schwachen, zu Menschen wie dir und mir. Der Glaube, der auf dieses menschgewordene Wort vertraut, wagt die Auseinandersetzung mit der „Welt.“ Er wagt den Prinzipien der Welt zu widersprechen, wenn auch mit klopfendem Herz und einer Portion Angst im Bauch. Er wagt es, weil er im Grund weiß, dass  der Sieg längst errungen ist - und zwar von einem, der in den Augen der Welt als Verlierer galt: Jesus hat ihn für uns gewonnen - am Kreuz von Golgatha. Am Kreuz geschieht die Wandlung vom Verlierer zum Sieger. Am Kreuz erfolgt die Umbewertung der Werte. Deshalb gilt, trotz gegenteiliger  Erfahrungen im Alltag: „unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ 

8.10.17




Erntedank? Aber wo bleibt die Wertschätzung für die Gaben?

Einmal in der Woche fahre ich zum Supermarkt. Dort schiebe ich den Einkaufswagen vor mir her, der sich von Abteilung zu Abteilung immer mehr füllt. Schließlich reihe ich mich ein in die Warteschlange an der Kasse. Die nette Verkäuferin wiegt das Obst und tippt mit flinken Fingern die Preise der übrigen Waren ein. "Macht 43 Euro 87“ sagt sie. „Immer diese krummen Beträge“ denke ich mir und  werde nervös. Die Scheine ziehe ich schnell aus der Brieftasche. Bis ich aber das Kleingeld passend herausgefischt habe, vergehen gefühlte Ewigkeiten. Inzwischen hat das Fließband meinen gesamten Einkauf in die Auffangschale weitergeschoben und ich habe Mühe, alles ebenso flink wieder einzupacken, wie es abgerechnet wurde. Auf dem Weg zum Auto wird mir klar, dass ich viel mehr gekauft habe, als ich eigentlich brauche. Wieder einmal! Aber so ist das im Supermarkt. Man sieht dies und jenes und schon liegt im Einkaufswagen, was besser im Regal geblieben wäre. Auf der anderen Seite sind wir auch Weltmeister im Entsorgen. Nahrungsmittel werden ohne Bedenken weggeworfen, nur weil das Mindesthaltbarkeitsdatum um ein paar Tage überschritten ist. Geräte, von denen man sich heute leichten Herzens trennt, wurden früher noch mit viel Aufwand repariert - die Kaffeemaschine, das alte Radio oder der Haarföhn. Und ebenso ist es mit den Kleidungsstücken: Socken wurden gestopft, wenn sie Löcher hatten. Mäntel wurden aufgetragen, auch, wenn sie längst nicht mehr dem Modetrend entsprachen. Und Schuhe mit löchrigen Sohlen wurden zum Schuster gebracht. Man war eben dankbar für das, was man hatte.  Wo bleibt heute die Wertschätzung? Wie selbstverständlich wir doch davon ausgehen, dass alles da ist, worauf wir gerade Lust haben, wonach uns der Sinn steht! Wo bleibt die Dankbarkeit - vor allem für die vielen Annehmlichkeiten, die uns das Leben im Alltag erleichtern? Ist es wirklich selbstverständlich, dass klares, sauberes und trinkbares Wasser aus dem Hahn fließt und dass wir einfach die Heizung aufdrehen können, wenn uns friert? Diese Fragen begleiten mich hinein in den Sonntag. Da feiern wir das Erntedankfest. Die Altäre in unseren Kirchen sind festlich geschmückt. An diesem Tag riecht es in den Gotteshäusern herrlich nach Kartoffeln, Rüben, Äpfeln und Birnen, nach allem, was der Garten so hergibt. Wie reich wir doch beschenkt sind, denke ich mir und stimme kräftig ein in das Lied: „Vergiss nicht zu danken dem ewigen Herrn, er hat dir viel Gutes getan.“ Er ist der Geber aller Gaben. Was wir zum Leben haben, kommt aus seiner Hand. Er sorgt für uns. Wie gut wir es doch haben. Denken wir daran, wenn wir in einen Apfel beißen oder die Butter aufs  frische Brot streichen?

erschienen in der Reihe: "Himmlische Aussichten", Fränkischer Tag 30.9./1.10.17



Der verlängerte Arm Gottes - Gedanken zu Michaelis

„Hab keine Angst, ich bin da!“ Wie gut, dass er diese Worte gesagt hat. Da konnte ich den Sprung  vom Beckenrand wagen. Und wirklich. Er war da. Mein Vater hat mich gehalten. Ich bin nicht untergegangen. So habe ich gelernt, wie man schwimmt:  ich muss nur darauf vertrauen, dass mich das Wasser trägt. Wenn ich dazu auch noch die richtigen Schwimmbewegungen mache, klappt das. Dann schlucke ich zwar vielleicht am Anfang noch ein wenig Wasser, aber ich gehe nicht unter. Und wenn ich dann doch müde werde, wenn ich es mit der Angst bekomme, dann ist der Vater da. Der kann im tiefen Wasser noch stehen. Mit seinen langen, starken Armen steht er hinter mir, jederzeit bereit, mich vor dem Untergehen zu bewahren. Und so war es auch. Wenn der Kopf doch unter statt über der Wasseroberfläche  war, hat er mich rausgezogen. Diese Erinnerung an meine Kindheit taucht auf, wenn ich über das Psalmwort nachdenke, das uns durch den Michaelistag begleitet: „Der Engel des Herrn lagert sich um die her, die ihn fürchten und hilft ihnen heraus!“  (Psalm 34,8) Gemeint ist Gott. Der Engel des Herrn lagert sich um die her, die ihr Vertrauen auf Gott setzen. Gott sorgt dafür, dass der Kopf über Wasser bleibt. Er schickt einen Engel, der aufpasst. Das ist der verlängerte Arm Gottes. Der greift nach mir greift, hält und schützt mich. Als Kind war ich so sehr mit den Schwimmübungen beschäftigt war, dass ich den Vater nicht gesehen habe. Ich glaube, so ist es  auch mit Gott. Manchmal merke ich nicht, dass er für mich sorgt, dass er mich hält, mich trägt. Aber das ändert ja nichts daran, dass er dennoch da ist. Diese Erfahrung von Gottes Fürsorge war unseren Vorfahren so wichtig, dass sie sich einen Tag im Kalender reserviert haben, den 29. September. Michaelis wird er im Volksmund genannt, zur Erinnerung an den Erzengel Michael. Aber eigentlich gilt dieser Gedenktag auch allen anderen guten Mächten, die im Auftrag Gottes unterwegs sind, um für irgendjemanden da zu sein, der mit Müh und Not den Kopf über Wasser hält und sich abstrampelt. Nur wenige von ihnen haben Namen: Rafael zum Beispiel oder Gabriel. Auch diese Namen sagen etwas aus über Gott. Gabriel heißt: „Gott ist meine Stärke!“ Raphael bedeutet nichts anders als „Gott heilt!“ Es geht also immer um Gott, nicht so sehr um seine Boten. Wer ist wie Gott?“ der Name des Erzengels Michael ist zugleich Frage und indirekt auch Antwort: Niemand ist wie Gott.  Wenn man wissen will, wie Gott ist, muss man ihn erfahren, muss man erleben, wie er hilft, heilt, hält. Als Kind, das gerade schwimmen lernt, war ich dankbar für den Arm des Vaters, an dem ich mich festhalten konnte. Geliebt habe ich aber nicht den Arm, sondern den Vater. Und so ist das wohl auch mit den Engeln. Sie weisen von sich weg, sie weisen hin auf Gott. Wie das mit dem verlängerten Arm des Vaters war, so ist das auch mit dem Engel des Herrn, mit dem verlängerten Arm Gottes. Manchmal kann er auch härter zugreifen, als einem lieb ist. In der Bibel jedenfalls sind die Engel nicht immer die lieblichen pausbäckigen  Wesen, die uns auf manchen Bildern der Barockzeit gegenübertreten und an übergewichtige Kleinkinder erinnern. Gelegentlich  konnten sie die Menschen auch ganz schön erschrecken. Jakob hat die ganze Nacht über mit einem Engel gerungen. Er hat einen Schlag auf die Hüfte, eine lebenslange Gehbehinderung und einen neuen Namen bekommen: Israel. Bileam, der Prophet, wird von einem Engel nur deshalb nicht ins Jenseits befördert, weil ihn sein Reittier, ein „dummer“ Esel vor diesem Schicksal bewahrt hat. Der konnte nämlich im Gegensatz zu seinem Reiter, den Engel mit dem Schwert in der Hand sehen. Er hat die Gefahr gewittert und sich geweigert, weiterzugehen. Manchmal haben die Tiere eben doch mehr Verstand als die Menschen. Trotzdem: Aufgabe der Engel ist es, den Menschen zu helfen, nicht, sie zu töten. „Der Engel des Herrn lagert sich um die her, die ihn fürchten und hilft ihnen heraus!“ sagt der Psalmbeter und schließt an diese Glaubenserfahrung deshalb einen Lobpreis an: „Schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist. Wohl dem, der auf ihn traut!“ Darum geht es - um Gottes Fürsorge. Gottes Arm reicht hinein in diese Welt, um zu helfen, um zu heilen aber manchmal auch, um zu ermahnen.

29.9.2017



Vom Umgang mit den Sorgen

„Ich mach mir große Sorgen!“ sagt er und kann die Tränen kaum zurück halten „Die Geschäfte gehen schlecht. Die Schulden erdrücken mich! Ich werde bald Konkurs anmelden!“ Wie sehr er an dem Laden hängt, keiner weiß das besser als seine Frau. Seit vierzig Jahren führen sie das Geschäft miteinander. Doch bald ist Schluss damit. Die Konkurrenz durch die Großmärkte, dazu der Onlineversandhandel, dagegen können sie nicht ankommen.  Ihren beiden Angestellten haben sie kündigen müssen. Die letzten, die ihnen noch geblieben und  die mit ihnen zusammen alt geworden sind. „Was soll nur aus ihnen werden?“ fragen sie sich.

„Was soll nur aus meinem Kind werden!“ seufzt die Mutter. Sie ist ratlos. Sie möchte gerne mit ihrer Tochter sprechen, doch der Kontakt ist abgebrochen, als  sie von Zuhause aus - und in die neue WG  eingezogen ist. „Diese neuen Freunde tun ihr nicht gut“ denkt sich die Mutter. „In welche Kreise ist sie da nur hineingeraten?“ Sie kann nichts tun. Wenn sei anruft, legt die Tochter sofort auf und die Mutter ist verzweifelt.

„Was soll nur aus mir werden? Ob ich bald sterben muss?“ fragt sich der junge Mann. „Ich hab doch noch so viel vor!“ Aber die Diagnose der Ärzte ist nicht ermutigend. Der Krebs ist zurück gekommen. War alles vergeblich? Die Operationen, die Chemotherapie, die Bestrahlungen - was für einen Sinn hatten die Behandlungen? Wie sehr er  doch gehofft hatte, endlich über den Berg zu sein. Ratlosigkeit spiegelt sich  in seinem Gesicht und Angst, Angst vor dem, was kommt. Er kann nicht mehr schlafen, trotz der Medikamente, die man ihm gibt.

Sorgen haben viele Gesichter! Was kann man ihnen entgegensetzen? Vielleicht ein Wort aus der Bibel? Der Apostel Petrus hat es vor gut zweitausend Jahren den Menschen geschrieben, die drauf und dran waren, über ihren Sorgen die Hoffnung und den Glauben zu verlieren. Sie wurden angegriffen, beleidigt, eingeschüchtert - weil sie Christen waren.„All eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“ Das ist der Rat, den sie von Petrus bekommen. Er weist hin auf Gott, der sich den Menschen in Christus zuwendet. Wie man leben kann, ohne von der Angst, der Verzweiflung, den Anfeindungen oder Lebenserschwernissen zerdrückt zu werden, darauf will der ganze Brief eine Antwort, eine Hilfestellung geben. 

 

Es ist kein oberflächlicher und kein leichtfertiger Rat, den der Apostel gibt. Er will nicht beschwichtigen. Er sagt nicht: du musst nur beten, dann wird alles gut. Im Gegenteil. Die Notlage, in der sich die Menschen befinden, muss ernst genommen werden. Die Gefühle, die Verzweiflung, die Angst wird nicht auf die leichte Schulter genommen. Die Bedrohung ist da, die Lage ist ernst. Trotzdem gilt der Rat des Apostels:  „Ihr müsst eure Not, wie immer sie auch aussieht, nicht allein ertragen, ihr müsst nicht allein mit dem fertig werden, was euch bedrückt.“ Der Apostel weist hin auf den einen, der da ist und ihnen hilft, die Last zu tragen.  Der Apostel meint Jesus Christus. „Vertraut ihm“, hören wir den Apostel sagen. „Ihr seid nicht allein. “ Und dann wagt er sich weit aus dem Fenster.  „Gott sorgt für euch“ schreibt er den Menschen, die von ihren Sorgen umgetrieben werden. Gerade der Blick auf Jesus, den Gekreuzigten und Auferstanden bewahrt uns vor einer leichtfertigen Deutung des Apostelwortes. Auch Jesus musste sein Kreuz tragen. Aber er musste es nicht alleine tragen. Gott hat dafür gesorgt, dass einer zur rechten Zeit am rechten Ort war, um ihm die Last abzunehmen, als sie zu schwer wurde - Simon von Kyrene. Gott  hat seinem Sohn den schweren Weg nicht erspart, so wie auch uns die Kreuzwege des Leidens nicht erspart bleiben. Aber Gott hat dafür gesorgt, dass Christus seinen Weg gehen konnte, den Weg, der für uns zum Heil, zum Erlösungsweg geworden ist. Erlösung hat mit auslösen zu tun, mit Befreiung. Wir werden aus dem Klammergriff, aus dem Würgegriff der Angst befreit, wir werden ausgelöst.  Am Ende werden wir frei werden von der Last, die uns bedrückt, die uns die Ruhe raubt.  Weil Jesus seinen Weg gegangen ist, vertrauen wir darauf, dass wir nicht gottverlassen sind auf unseren Wegen. Ein Wort des Vertrauens ist der Spruch, der uns durch die Woche des 15. Sonntag nach Trinitatis begleitet. Ein fürsorgliches Wort. Lassen wir Gott also teilhaben an unseren Sorgen, er hilft uns, unsere Wege zu gehen. Sie führen nicht am Leid, nicht am Schmerz, nicht am Tod vorbei. Aber sie führen hindurch. Sie führen ins Leben.


Barmherzigkeit und Gotteslob

„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“ Dazu ruft uns der Psalmbeter im Wochenspruch auf. Im letzten Abendgottesdienst haben wir festgestellt, dass wir es meistens nicht so sehr mit dem Loben haben, dass wir Gott und die Welt viel häufiger und viel lieber kritisieren. Im Psalm wird Gottes Barmherzigkeit besungen. Wir erfahren, warum wir Grund haben, Gott zu loben:  er vergibt „alle deine Sünden … und heilt alle deine Gebrechen.“ Barmherzigkeit, Milde, Nachsicht lässt Gott walten. Barmherzigkeit ist ein Wesenszug Gottes. Was zeichnet uns hingegen aus? Wir sind mit so vielem unzufrieden – mit uns selbst, mit unseren Lebensumständen, mit unseren Mitmenschen -  manchmal auch aus gutem Grund. Manchmal geschieht uns Unrecht. Manchmal werden wir krank. Manchmal widerfährt uns Schlimmes und wir haben Grund, darüber zu klagen. Allerdings übersehen wir viel zu häufig das Gute vor unseren Augen. Vielleicht, weil wir gelernt haben, immer  zuerst nach dem Negativen zu suchen, weil wir uns angewöhnt haben, alles zu hinterfragen, zu kritisieren, zu bemängeln. Bitten wir Gott darum, dass er unser Herz berührt und uns die Augen öffnet, damit wir seine Spuren in unserem Leben wieder wahrnehmen und seine Wohltaten an uns erkennen. Vielleicht erleben wir das Wunder, dass sich Misstrauen in Vertrauen, Klage in Lob, Bitterkeit in Barmherzigkeit wandeln. Dann werden wir auch von Herzen sagen: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“ Und es wird sich gut anfühlen.



Gänsehaut für die Seele?

Die Zeichen der Zeit sind eindeutig: es herbstet. Morgens braucht die Sonne länger, bis sie die Nebel auflöst. Der Wind frischt auf und lädt die Kinder ein, ihre Drachen steigen zu lassen. Sie laufen jauchzend über das abgeerntete Feld und bekommen rote Wangen. Und im Sonntagsgottesdienst hören wir einen Wochenspruch, der ans Ende des Kirchenjahres erinnert: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern (und Schwestern), das habt ihr mir getan!“ Diese Geschichte stammt aus dem Matthäusevangelium. Im November, wenn das Kirchenjahr fast zu Ende ist, werden wir den ganzen Abschnitt hören. Er handelt vom Endgericht, weist daraufhin, wovon Gott sein Urteil über die Menschen am jüngsten Tag abhängig macht. Gute Karten wird haben, wer sein Herz nicht vor den Bedürfnissen und Nöten der Schwächsten unter uns verschlossen hat. „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters“ wird ihnen gesagt werden, „ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt“ Und wie im Herbst der eisige Wind mich frösteln lässt, so ist es auch mit diesen Worten. Sie sorgen für Gänsehaut auf der Seele, lösen eine heilsame Unruhe aus. Wie halte ich es mit denen, die meine Hilfe brauchen - den Hungrigen und Durstigen, den Gefangenen, den Einsamen, den Fremden? Halte ich mir ihre Not vom Leib? Oder lasse ich mich ansprechen? Der Wochenspruch - ein Spruch gegen die Selbstzufriedenheit. Die Zeichen der Zeit sind eindeutig. Der Jahreslauf in der Natur erinnert mich daran. Die Frist läuft ab.

9.9.17



Wegwerfkultur der Menschen und Gottes Kultur der Wertschätzung

Wir leben in einer Wegwerfkultur. Viele Nahrungsmittel landen in der Mülltonne, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum nur einen Tag überschritten ist. Ein Apfel mit einem Wurmloch, eine runzelige Rübe oder ein Banane mit braunen Flecken will keiner mehr essen. Also: weg damit in die Biotonne. Auch bei anderen Dingen ist Otto Normalverbraucher nicht mehr zimperlich: was früher noch repariert wurde, wird heute schnell entsorgt - das Radiogerät, der Föhn, der Wasserkocher. Anders ist das bei Dingen, die uns am Herzen liegen – den Lieblingspullover trägt man auch noch, wenn er schon mehrfach geflickt wurde. Man fühlt sich einfach wohl in ihm. Vielleicht, weil an ihm die Erinnerung an glückliche Tage haftet wie eine zarte wohlriechende Duftnote. Ob das bei Gott ähnlich ist? Jesus erzählt das Gleichnis von dem alten Baum, der keine Frucht bringt. Deshalb soll er gefällt werden. Doch da ist einer, der bittet den Grundherren um Aufschub. „Gib ihm noch ein Jahr, vielleicht trägt er doch noch Frucht! Ich will die Erde umgraben und düngen!“ (Lukas 13,6-9) Auch der Wochenspruch aus dem Buch Jesaja spricht davon, wie sehr Gott gerade an dem hängt, was in unseren Augen unvollkommen und wertlos erscheint: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ Jesaja beschreibt mit diesem Vergleich, wie der von Gott gesandte, der Messias mit dem Volk verfahren wird. Er wird nach anderem Maßstäben verfahren als die Menschheit das gewohnt ist. Er setzt einer Wegwerfkultur, in der kein Platz für Schäbiges und Beschädigtes ist, die Kultur der Wertschätzung des Schwachen und Verletzten entgegen. Gott gibt uns nicht auf. Auch, wenn unsere Lebensgeschichte Sprünge bekommt, wenn mit der Zeit der Lack abblättert, die Seele manche Delle und der Leib manche Schramme davonträgt und wir mit unserer Biographie eine jämmerliche, armselige Figur abgeben: Gott hält an uns fest. Er gibt uns nicht auf. Weil er uns liebt. Denn: woran man hängt, das wirft man nicht so leicht weg. Was man schätzt, gibt man nicht auf.


Von der Demut in der Wahlkabine - Gedanken zum Wochenspruch für den 11. Sonntag nach Trinitatis (1.Petrus 5,5b)

Der Wahlkampf hat begonnen. Die Kandidaten touren übers Land und versuchen, die Wählerschaft durch gute Argumente für sich zu gewinnen. Jede Stimme zählt. Deshalb wird auf Stimmungen und Emotionen im Volk geachtet. Versprechen werden feierlich gegeben. Ob man sie alle einhalten kann, ist die andere Frage.  Viele Bürger - so behaupten Meinungsforscher  - haben sich noch nicht entschieden, hinter welchem Namen sie am Wahltag ihr Kreuzchen machen. Manche wissen noch nicht einmal, ob sie überhaupt zur Wahl gehen. Politikverdrossenheit nennt man das. Wem können wir Glauben schenken? Welche Partei ist die Richtige? Das muss jeder für sich entscheiden, spätestens in der Kabine am Wahltag, wenn der Stimmzettel ausgebreitet vor einem liegt.  Der Wochenspruch aus dem 1. Petrusbrief  gibt gewiss keine Wahlempfehlung. Oder vielleicht doch? Jedenfalls erscheint er mir als hilfreiches Wort auf dem Weg zur Wahlkabine:

„Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade.“ Könnte man das Wort nicht als Wahlethik verstehen - knapp und präzise in einem Satz zusammengefasst? Eingebettet ist es  in eine Reihe von Ermahnungen am Ende eines Briefes. Es  richtet sich an die Hirten, an die Ältesten der Gemeinde - also an jene, die Leitungsverantwortung übernommen haben für die Gemeinschaft. Und ebenso ist die Gemeinde angesprochen, die Herde, die sich führen lässt. Es geht darum, was Christen in der Verantwortung für andere glaubwürdig macht, in welcher Haltung sie ihr Amt wahrnehmen. Nicht um Gewinns willen sollen die Hirten die Herde hüten, schreibt der Apostel, sondern von Herzensgrund. Das Wohl der anvertrauten Herde soll eine Herzensangelegenheit sein.  Wer Verantwortung für andere übernimmt, übt keinen Job aus. Er folgt einer Berufung. Die Menschen sind ihm anvertraut und zwar von Gott. Das hat ein bestimmtes Verhalten zur Folge: Demut. Sie ist die Grundhaltung in der man das Amt wahrnehmen soll. 

Was aber ist unter Demut in diesem Zusammenhang zu verstehen? 

Ich denke da an einen jungen Politiker, dem Regierungsverantwortung für ein großes und mächtiges Land mit einem stolzen Volk übertragen wurde. Er stand im Schatten eines beliebten und äußerst erfolgreichen Vorgängers - und hatte keine Ahnung vom Regieren. Der hatte nachts einen Traum. Gott war ihm erschienen und sprach: „Bitte, was ich dir geben soll!“ Da sagte der junge Mann: „Ich bin noch jung. Ich weiß weder aus noch ein. Gib mir ein gehorsames Herz, damit ich mein Volk richten kann und verstehe, was gut und schlecht ist.“ Diese Bitte hat Gott gut gefallen. „Weil du darum bittest und nicht um ein langes Leben oder darum, dass ich deine Feinde ausschalten soll, will ich dir ein weises und verständiges Herz geben und darüber hinaus Reichtum und Ehre.“ Der junge Politiker war König Salomo.  Von ihm lernen wir, was Demut bedeutet. Salomo fragt zuerst nach dem Willen Gottes und unterstellt sich seiner Herrschaft. Man könnte auch sagen - der demütige Mensch wählt vor allem die dritte Vaterunserbitte als Lebensmotto: „Dein Wille geschehe!“ Mit ihr legt er sich und seine Entscheidungen und Vorhaben in Gottes Hand. Der Demütige weiß um die Endlichkeit und Bescheidenheit seiner Möglichkeiten. um seine Schwachheit und um die Anfechtungen des täglichen Lebens. Deshalb fragt er immer wieder, was Gottes Wille ist und wie man ihn umsetzen kann. Er fragt danach, weil Gottes Wille das Leben ist, das gelingende, heilvolle Leben in Fülle und Würde.  Dem Demütigen wird im Wochenspruch ein großartiges Versprechen gegeben: er darf mit der heilvollen Zuwendung Gottes rechnen, mit Beistand und Segen. Das ist keine Erfolgsgarantie, sondern eine Ermutigung zum Einsatz für das Leben.

Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade.  Dieses Wort  gilt  - wie gesagt - dem Hirten wie der Herde, den Verantwortungsträgern, aber auch dem (Wahl-) Volk. Es fordert auch Konsequenzen für unser Wahlverhalten. Ist das ein Aufruf zur Demut in der Wahlkabine? Was für eine Herausforderung. Die Frage mag erlaubt sein, wovon man sich als Wähler ansprechen lässt,  wovon ein Wähler seine Stimme abhängig macht, wovon er sich beeindrucken lässt. Vom imposanten Auftreten der Kandidaten oder von ihrer Demut? Die Bitte um Weisheit, wie sie Salomo ausgesprochen hat, schließt deshalb die Gabe der Unterscheidung ein, damit wir uns nicht einnebeln lassen von Wahlversprechen, die sich am Ende als Worthülsen erweisen, damit wir in der Lage sind, Wahrheit von Lüge zu trennen, damit wir erkennen, was hilfreich und was trügerisch ist. Vielleicht ist der Gang zur Wahlurne ein Akt der Demut, weil er zeigt, dass ich mir der Verantwortung bewusst bin, die ich habe und dass ich sie wahrnehme, dass ich Vertrauen schenke und ein Zeichen setze, dass ich die Hände eben nicht erfüllt von Selbstmitleid in den Schoß lege, sondern mitwirke am Leben in unserem Land. Da kann es durchaus entlastend sein, mit Gottes Gnade zu rechnen, mit seiner heilvollen Zuwendung und seinem Segen bei der Entscheidung, die ich zu treffen habe - auch, wenn sie sich nur in einem kleinen Kreuz auf einem amtlichen Bogen niederschlägt.

25.8.2017


Nicht mehr Gäste und Fremdlinge - Gedanken zu einem Kirchenbild

Woran erkennt man die Kirche? Ich meine nicht das Gebäude, sondern die Menschen, die sich darin versammeln. Worin unterscheidet sich ein Gottesdienst von einer Vereinsversammlung. Da werden ja auch manchmal Reden geschwungen und Lieder gesungen – mehr oder weniger wohlklingend. Martin Luther schreibt: "Es weiß gottlob ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei, nämlich die heiligen Gläubigen und ‚die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören". Auch in der Apostelgeschichtewerden Merkmale beschrieben, die darauf hinweisen, dass Christen vor Ort sind. Lukas schreibt von den ersten Christen: „Sie blieben beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“ (Apg. 2,42) Beständigkeit, also Glaubenstreue zur biblischen Lehre, Gemeinschaft statt Vereinzelung, die Feier des Heiligen Abendmahls und das Gebet sind die Pfeiler, auf denen sich eine christliche Gemeinschaft gründet. Dennoch fehlt hier etwas Wichtiges, damit Glaubenstreue nicht in Fanatismus umschlägt, Gottesdienst nicht in Ritualen erstickt, Gemeinschaft belebt und nicht beengt und ein Gebet nicht zwanghaft wird: der Mensch muss sich wohlfühlen in der Kirche. „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gotteshausgenossen“ - der Wochenspruch aus dem Epheserbrief erinnert uns daran, dass die Kirche unser geistliches Zuhause ist und es auch sein soll. 

Die Kirche wird aber erst dann wirklich unser Zuhause, wenn wir uns in dieser Glaubensgemeinschaft wohlfühlen. Ich rede jetzt nicht einer oberflächlichen Wohlfühlkirche das Wort. Im Gegenteil: Kirche kann auch ein Ort sein, an dem Konflikte ausgetragen werden, an dem diskutiert und um der Wahrheit willen gestritten, vielleicht manchmal auch gelitten wird. Es kommt aber darauf an, ich welchem Geist das geschieht. Es kommt darauf an, ob ich im Anderen immer noch meinen Nächsten erkenne, den ich – wie Jesus uns ans Herz legt - lieben soll wie mich selbst. Also: Auseinandersetzung ja – Ausgrenzung nein. Unterscheidung ja, Diskriminierung nein. Mein Großvater hat immer gesagt: „Wo ich mich wohlfühle, dort bin ich Zuhause!“ Er war ein einfacher aber trotzdem ein weiser Mann. Bitten wir Gott also immer wieder um seine Hilfe, damit uns das gelingt damit die Kirche für uns Menschen bei aller Unterschiedlichkeit beides sei: ein Ort der Begegnung mit Gott und den Menschen. Ein Ort, an dem sich die Seele Zuhause fühlt, eine Gemeinschaft, in der wir uns wohlfühlen können.


Es gibt kein schlechtes Wetter? Über Sinn und Unsinn des Vorhersagbaren
 „Es gibt kein schlechtes Wetter! Es gibt nur unpassende Kleidung!“ Mit dieser Allerweltsweisheit kann man sich einen verregneten Urlaubstag schon mal schönreden. Aber höchstens diesen einen! Wir alle wünschen uns schönes Wetter für den Urlaub und sind sauer, wenn er "ins Wasser fällt“. Heute  scheinen sich viele jedoch nur noch für das Wetter zu interessieren - nicht nur im Urlaub, sondern auch im Alltag.  Sicher gibt es Situationen, in denen nicht nur für Landwirte, Piloten oder Bergführer sondern auch für Otto - Normalverbraucher eine zuverlässige Wettervorhersage sinnvoll und notwendig ist. Allerdings frage ich mich, warum die Beschäftigung mit dem Wetter so viel Platz in unserem Denken einnimmt. Müssen wir wirklich alles exakt  im Voraus wissen? Sogar das Wetter?  Ein wenig trauere ich den alten Zeiten nach, in denen Wettervorhersagen längst nicht so zuverlässig waren, wie heute. Wenn Schlechtwetter angesagt wurde, konnte man noch hoffen, dass sich die Wetterfrösche irren. Heute ist das anders. Heute trifft alles meist punktgenau ein, was sie vorhersagen. Und das stört mich. Es  erschwert die Freude am Leben im Hier und Jetzt. Wenn nach etlichen  Regentagen die Sonne wieder scheint, laufen viele von uns mit einem sauertöpfischen Gesichtsausdruck herum. „Die nächste Kaltfront ist bereits im Anmarsch! Morgen regnet es wieder!“ sagen sie. Sie haben die Wetterapp auf dem Handy wie ein Orakel befragt - und schon ist die Freude dahin. Der aktuelle Sonnenschein wird entwertet. Jesus hat übrigens auch einmal einen "Wetterbericht" in seine Predigt eingebaut: „Wenn ihr eine Wolke aufsteigen seht vom Westen her, so sagt ihr gleich: Es gibt Regen. Und es geschieht so. Und wenn der Südwind weht, so sagt ihr: Es wird heiß werden. Und es geschieht so. Ihr Heuchler! Über das Aussehen der Erde und des Himmels könnt ihr urteilen; warum aber könnt ihr über diese Zeit nicht urteilen?“  (Lukas 12, 54) Jesus hat seinen Zuhörern vorgeworfen, sie wollten  die Zeichen der Zeit nicht wahrhaben. Gottes Heil kommt zu den Menschen in der Gestalt des Menschensohns - und sie sehen es nicht, Gottes Herrschaft bricht an in seinen Taten und Worten und keiner merkt es. Die Menschen sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt und übersehen das Wesentliche. Wir sind heute nicht besser. Wir meinen, wir müssten alles im Griff haben. Unser Alltag wird perfekt organisiert. Nichts darf dem Zufall überlassen bleiben. Vielleicht würde uns Jesus deshalb heute Tablet und Smartphone behutsam aus der Hand nehmen, um uns  zu einem blühenden Feld zu führen: „Seht ihr hier, die Lilien auf dem Feld?  Sie säen nicht und sie ernten nicht und ihr himmlischer Vater ernährt sie doch!“ (Matthäus 6,26) Zu einem Leben in der Gelassenheit, im Gottvertrauen will er uns einladen. Wer sich von Gott gehalten und getragen weiß, kann jeden Tag annehmen, wie er ist. Er muss nicht alles im Voraus wissen. Nicht, dass wir unsere Zukunft aus den Augen verlieren sollten! Doch die Freude am Leben im Hier und Jetzt dürfen wir darüber nicht vergessen! Es ist die Freude an dem, was uns von Gott zufällt, es ist die Freude am Zufälligen. Diese Freude wächst aus dem Vertrauen, dass alles aus Gottes Hand kommt - Sonne und Regen.  Gott will, dass wir Geschmack finden am Leben. Er will, dass wir staunen und uns an den Überraschungen freuen, die er täglich für uns bereit hält - am Sonnenschein, den Gesang der Vögel, das satte grüne Gras und den warmen Sommerwind, der darüber streicht, aber auch am Regen, ohne den die Farben des Sommers nicht frisch bleiben. Das Leben darf umverfügbar, unberechenbar und geheimnisvoll bleiben.  Übrigens - unsere Väter und Mütter haben auch Sturm und Hagel aus Gottes Hand angenommen. Für sie war das Anlass zu Buße und Umkehr. Vielleicht müssen wir  wieder lernen, was wir vergessen haben - über Gottes Geheimnisse zu staunen, das Leben zu nehmen, wie es ist und sich daran zu freuen. Einfach so. Der Urlaub wäre eine Gelegenheit, wieder damit zu beginnen.


Fürchte dich nicht - Gottes Bewertungskriterien

Vielleicht hätte mir ich doch besser eine schicke Krawatte umbinden sollen“, denke ich mir. Aber jetzt ist es zu spät. Jetzt sitze ich da, im Vorzimmer und warte. Zusammen mit zwei anderen Kandidaten. Die sind gut gestylt, tragen Markenklamotten und Designerbrillen. Die Zeit, in der eine lockere Kleiderordnung chic war, scheint vorbei zu sein. Ob diese Jungen ihre Nervosität nur geschickt verbergen? Oder bin ich wirklich der einzige, der  aufgeregt und unsicher ist. Ganz lässig sitzen sie da und wischen über ihre Smartphones.  Ich kann ihre Blicke noch spüren, mit denen sie mich vorhin taxiert haben. Die haben Bände gesprochen: „Du hast keine Chance gegen uns!“ Sie haben wahrscheinlich Recht, denke ich mir. Eigentlich bin ich zu alt für diese Bewerbungsspielchen. Ich kann nichts dafür, dass ich arbeitslos bin und fühle mich doch schuldig. Gekündigt wegen Geschäftsaufgabe! Und noch sieben Jahre bis zur Rente! Wie soll ich die nur überstehen? Was habe ich den anderen voraus, womit kann ich punkten? Mit Lebenserfahrung? Ob so etwas zählt? „Der könnte mein Sohn sein“, schoß es mir durch den Kopf, als mir vorhin der Personalchef die Hand gegeben und mich zu den anderen Kandidaten ins Vorzimmer begleitet hatte. Jetzt würde ein gutes Wort helfen, eines, das aufbaut, die Angst verscheucht, das  mein Selbstwertgefühl stärkt und mir Mut macht. So ein Wort hatte der Prophet Jesaja im Auftrag Gottes gesprochen. Wir hören es als Wochenspruch am 6.Sonntag nach Trinitatis. „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ Die Israeliten hörten es einst in einer Situation, in der sie ganz unten waren - als Kriegsgefangene, ohne Heimat, ohne Hoffnung. Ich habe dich erlöst - befreit, sagt Gott in diesem Wort zu seinem Volk. „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen.“ Das sagt er auch zu mir.  Gott kennt meinen Namen. Er muss nicht erst in meine Personalakte schauen, um zu wissen, wen er vor sich hat. Er weiß, wie es um mich steht. Und er verspricht mir ein Leben nach seinen Vorstellungen, ein Leben in Würde. „Du bist in meinen Augen wertgeachtet. Du bist herrlich. Ich habe dich lieb“ sagt Gott zu seinem Verlierer - Volk - fast in einem Atemzug mit dem Zuspruch von eben. Gott hat mich bei meinem Namen gerufen - in der Taufe! Diese erlösende Zusage Gottes gilt deshalb für jeden von uns. Daran erinnert uns der Taufgedächtnissonntag. In der Taufe sagt Gott mir am Anfang meines Lebens, wonach ich mich im Grunde immer sehne, selbst im Alter, wenn die Haare grau werden und der Gang gebeugt, wenn ich den  aktuellen Bewertungskriterien nicht mehr Stand halte, wenn ich in den Augen derer  nichts mehr gelte, die heute das Sagen haben. Ich möchte angesehen sein. Ich sehne mich danach, wahrgenommen zu werden, anerkannt zu werden. Und das werde ich auch. Ich bin in Gottes Augen wertgeachtet. Ich bin herrlich. Ich bin geliebt. Vielleicht hebt das die Kränkung nicht auf, wenn ich trotzdem nach dem Vorstellungsgespräch eine Absage erhalte, wenn ich merke, dass ich nicht mehr mitkomme mit den anderen, den jüngeren, dass ich auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr zu vermitteln bin. Das Wort erinnert mich daran, dass Gott andere Maßstäbe anlegt, als die Menschen. Sein Maßstab heißt Liebe. Die hat Gestalt angenommen in einem schwachen, angreifbaren Menschen. Einem, der in den Augen vieler auch gescheitert ist. Ich spreche von Jesus Christus. Der garantiert mit seinem Leben dafür, dass Gott nichts zurück nimmt von dem, was er dem Menschen am Anfang seines Lebensweges versprochen hat, was er mir versprochen hat: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst. Du bist wertgeachtet in meinen Augen.


Fronleichnam - Nichts für die fromme Nische. Evangelische Gedanken zu einem katholischen Fest

Die Straße zum Marktplatz ist durch einen Polizeiwagen abgesperrt. Dort, wo sonst die Obst -und Gemüsehändler ihre Stände haben, ist ein Altar aufgebaut. Aus einem kleinen, provisorischen Lautsprecher an einer Straßenlaterne perlen blecherne Stimmen - rhythmisches Gemurmel das mit einem kräftigen Amen beschlossen wird. Fronleichnamsprozession in der Stadt. Eine Handvoll Menschen steht da und wartet darauf, dass die Schar betender und singender Menschen endlich ankommt.„Schau mal, da sind sie!“ sagt ein junger Mann zu seinem Sohn. Er hebt ihn hoch und setzt ihn auf seine Schultern, damit er von dort oben alles besser sehen kann. „Mann“ sagt der Junge aufgeregt und beginnt zu winken. „Mann!“  Er meint den Geistlichen, der die Prozession anführt. Würdevoll schreitet er unter dem Baldachin, dem Himmel, der von den Honoratioren der Stadt getragen wird. Eine Ehre ist das, so nahe dem Allerheiligsten zu sein. Gemeint ist natürlich nicht der Priester, sondern Jesus Christus, der in der Hostie verehrt wird. Bald ist die letzte Station erreicht. Hinter dem Altar sind Bänke aufgestellt. Fronleichnam ist ein sinnliches Fest. Nach dem Gottesdienst wird gefeiert, mit Bier und Bratwurst, Kaffee und selbst gebackenen Kuchen. Frömmigkeit will gelebt werden. Glaube will gefeiert werden. Deshalb mag ich Fronleichnam, obwohl ich nicht katholisch bin. Bei diesem Fest wird gefeiert, was Leib und Seele stärkt und zusammenhält. Es geht es um etwas höchst lebendiges und wesentlich leibhaftes. Es geht um den auferstandenen Herrn und die Art und Weise seiner Vergegenwärtigung, es geht um die  Erfahrung seiner Gegenwart im Sakrament des Heiligen Abendmahls, der Eucharistie. „Fron - Leichnam “ bedeutet - sehr frei übersetzt - Leib des Herrn. Gefeiert und verehrt wird  seit dem Mittelalter an diesem Tag die Gegenwart Christi in unserer Welt. Gefeiert wird, dass er sein Versprechen wahr macht, das er den Jüngern zum Abschied gegeben hat: „Ich bin bei euch, alle Tage, bis ans Ende der Welt.“ In den englischsprachigen Ländern wird dieser Feiertag einfach nur „Corpus Christi“ genannt - Leib Christi. Fronleichnam ist ein katholischer Feiertag! Wenn es bei Fronleichnam um die Demonstration einer bestimmten Lehre vom Abendmahl geht, genauer gesagt, wenn es um die Festschreibung und Zelebration einer bestimmten konfessionellen Vorstellung geht, wie wir uns die Gegenwart Jesu in den Elementen, in Brot und Wein,  bei der Feier seines Mahles vorzustellen haben, dann ist Fronleichnam ein Fest, bei dem wir, die „Protestanten“ , draußen bleiben müssen, wie der Hund vor der Metzgerei. Allerdings habe ich meine Zweifel, ob das der Sinn von Fronleichnam ist. Vielleicht denke ich auch zu „evangelisch“? Achtung:  „evangelisch“ ist  ein abgeleitetes Adjektiv. Keine konfessionelle Abgrenzung. Ich denke evangelisch, also vom Evangelium her, von den heiligen und heilsamen Geschichten um Jesus Christus. Ich erlaube mir deshalb , Fronleichnam evangelisch zu deuten. Ich glaube, es geht bei diesem Fest darum, die innige Gemeinschaft mit dem Auferstandenen zu feiern. Und zwar öffentlich zu feiern. Es geht um Christus, der uns beim Abendmahl in den Elementen von Brot und Wein begegnet - und der kein Wort darüber verloren hat, wie genau nun diese Gegenwart zustande kommt. „Er hat ein Gedächtnis seiner Wunder gestiftet, der gnädige und barmherzige Herr!“ sagt der Psalmbeter  (Psalm 111,4) Wir denken bei diesen Worten  an die Einsetzung des Heiligen Abendmahls am Gründonnerstag. Bei seinem letzten Mahl setzt Jesus Brot und Wein in Beziehung zu seinem Leiden und Sterben. Er bricht das Brot und reicht es seinen Jüngern. Dann segnet er den Kelch und gibt ihn ebenfalls weiter. Alle sollen begreifen:  "Was mit mir geschieht,  mein Leiden und Sterben, das geschieht zu eurem Heil!"  Schließlich gibt er seinen Jüngern einen Auftrag. „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Das geschieht, so oft wir von diesem Brot essen und von diesem Kelch trinken und unseren Glauben bezeugen. Es handelt sich in der Feier des Abendmahls um ein sehr inniges Geschehen, um ein Geheimnis des Glaubens und um Pflege der Gemeinschaft mit Christus. Geheimnisse kann man aber nicht erklären. Sonst sind sie keine Geheimnisse mehr.  Ist denn im ehrenden Gedenken nicht ebenfalls der anwesend, an den wir denken? Lob und Anbetung, Ehrfurcht und Demut sind meiner Meinung die angemessenen Haltungen, um sich diesem Geheimnis zu nähern, um die Gegenwart des Auferstandenen zu verehren und zu feiern. Der Mensch wird sich seiner Nichtigkeit gegenüber dem Großen Gott bewusst. Zugleich darf er aufatmen. Der große  Gott, den wir loben, macht sich selbst klein. Er kommt in unsere Welt. Er wird Mensch. Jesus legt sein Leben in unsere Hand. Das Stück Brot erinnert uns daran. Und wenn wir uns an ihn erinnern, ist er unter uns, nimmt die Seele ihn auf, wie der Leib das Brot und den Wein. Dafür können wir ihm nur danken. Deshalb ist die Feier des heiligen Abendmahls eine „Eucharistie“ - also eine Danksagung (so lautet die deutsche Umschreibung dieses griechischen Begriffes). Wir sind dankbar, dass wir „sehen und schmecken dürfen, wie freundlich der Herr ist.“ Diese Dankbarkeit darf man zeigen. Dieser Glaube ist nicht für die fromme Nische bestimmt. Er will und soll öffentlich gemacht werden. Fronleichnam ist ein wunderbares Beispiel, wie das geschehen kann.


Das geheimnisvolle Fest? Gedanken zum Trinitatissonntag

Wach ich oder träum ich? Noch immer bricht mir der Angstschweiß aus, wenn ich an das folgende Erlebnis zurückdenke: Ich schlenderte gemütlich über die Fußgängerzone einer großen Stadt. Die Häuser waren mit festlichen Girlanden geschmückt. Kleine, bunte Papierdreiecke flatterten fröhlich im Wind. Ob  sich die Stadt für ein Volksfest herausgeputzt hat? In der Auslage einer Bäckerei lagen Brötchen, in dreieckiger Form gebacken. „Verwöhnen Sie Ihren Gaumen mit unserem Dreifaltigkeitsschrippen! 3 Stück im Angebot - nur 99 Cent“ war auf einem Schild zu lesen. Auch ein anderes Geschäft war festlich geschmückt. „Das passende Geschenk zum Fest!“ stand dort in Großbuchstaben. „Überraschen Sie Ihre Frau mit einer Trinitatis-Handtasche in Nappaleder, natürlich schickes Dreiecksdesign!“ tönte es in einer Werbeansage  aus einem Lautsprecher über der Ladentür. „Jetzt zugreifen!“ In einem Fernseh – und Radiofachgeschäft strahlte aus einem Dutzend supermoderner HD Flachbildschirmen Thomas G., der bekannte Showmaster. Er hielt eine Konfekt - Tüte in der Hand und warb für leckeres Naschwerk, natürlich in Dreiecksform ...  „Jetzt hat die Werbung auch noch das letzte Kirchenfest ausgeschlachtet!“ dachte ich mir und fuhr seufzend im Bett hoch. Was für ein Glück – es war doch nur ein Alptraum!  Da hat es schon etwas Gutes, dass Trinitatis, dieses letzte der Kirchenfeste, so unpopulär ist. Weihnachten hat die Krippe und das Jesuskind, Ostern das Ei und das Lamm und  an Pfingsten fallen Feuerzungen vom Himmel. Aber Trinitatis? Trinitatis lässt sich schlecht vermarkten. Vielleicht, weil es ein Konstrukt ist, ein Produkt frommer Denker? Was für ein Glück.  Trotzdem finden wir   das geheimnisvolle Dreieck auf vielen Kirchendecken gemalt oder auf Altarparamente gestickt. Manchmal sogar mit einem Auge in der Mitte. Es ist ein Gotteszeichen.  Viele Gotteshäuser tragen den Namen "Dreifaltigkeitskirche" - zum Beispiel die Dorfkirche in Hafenpreppach. Der Name erinnert an das Fundament unseres christlichen Glaubens. Wir bekennen, dass Gott, der unsichtbare und unfassbare, die Welt erschaffen hat. Wir glauben, dass er sich in seinem Sohn Jesus Christus den Menschen liebevoll zugewandt hat. Wir vertrauen darauf, dass er unsere Herzen berührt, damit wir überhaupt in der Lage sind, zu glauben, zu hoffen und zu lieben. Nein, wir glauben nicht an drei Götter. Es ist immer der eine, der uns begegnet, der unsere Herzen anrührt, der uns  anspricht, tröstet, trägt und hält. Aber das ist zu kompliziert für Werbestrategien, die an die Gefühle und das Portemonnaie appellieren.   Trinitatis, das Fest der Heiligen Dreifaltigkeit, ist das einzige kirchliche Fest, das keine Verankerung in einer biblischen Geschichte hat und doch durch und durch biblisch ist.  Gott lässt sich nicht in menschliche Vorstellungen einsperren, er lässt sich nicht eingrenzen, nicht definieren. Und doch begegnet er uns im täglichen Leben auf so unterschiedliche Art und Weise. Die sogenannte festlose Zeit, die Trinitatis -  Zeit, wird zu unrecht als  langweilig bezeichnet. Sie erinnert  uns an das göttlich Geheimnis, das sich in unserem Leben entfaltet und es  trägt und erhält.   Wenn aber Gott unser Leben trägt und erhält, dann mag die zweite Jahreshälfte zwar festlos sein. Glanz -  und hoffnungslos ist sie deshalb noch lange nicht. 


Das Vokabular des Herzens neu buchstabieren

Pfingsten - ein wundervolles Fest. Das Wort sagt alles: der Tag ist voll Wunder. Da staunen die Jünger. Und nicht nur sie. Auf einmal ist die Angst wie weggeblasen. Und ebenso alle Zweifel, aller Kleinglaube. Sie werden mutig. Sie verlassen das Haus. Sie gehen dorthin, wo Menschen sind. Viele Menschen. Nicht nur Freunde. Auch Feinde oder Kritiker oder Zweifler. Sie wagen es. Sie öffnen den Mund und beginnen zu sprechen. Sie sagen, was sie glauben. Ohne Schnörkel, ohne Absicherung. Sie gehen aus der Deckung. Und  werden verstanden. Ich weiß nicht, welches das größere Wunder ist: der wiedergefundene Mut, der neu entfachte Glaubenseifer oder die Erfahrung, dass sie verstanden werden, von den Menschen, die aus aller Herren Länder nach Jerusalem gekommen sind. Die runzeln die Stirn, kratzen sich am Kopf und fragen: Wie kann das sein? „Wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden.“ 

Die Jünger werden sich vielleicht an eine Geschichte aus dem Alten Testament erinnert haben. Das war nämlich schon einmal so, dass sich die Menschen verstanden haben. Auf den ersten Seiten der Bibel wird erzählt, dass es eine Zeit gab, in der alle Menschen „eine Sprache und eine Zunge“ hatten. Aber dann hat sich der Hochmut eingeschlichen in ihre Herzen. Dann hat sie der Ehrgeiz gepackt, der keine Grenzen mehr akzeptiert. Sie wollten einen Turm bauen, hoch genug, um den Himmel zu stürmen. Sie wollten eindringen in das, was Gottes ist. Sie wollten sich nicht nur die Erde untertan machen, sondern auch den Himmel. Sie wollten sein wie Gott. Wie lächerlich sie sich doch anstellen! dachte sich Gott. Ein einziger Befehl hatte genügt, um ihre Pläne über den Haufen zu werfen: „Wohlauf, lasst uns hernieder fahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!“ So wurde der Turm zu Babel die erste Bauruine der Menschheit. Und die Menschen wussten jetzt, warum sie sich nicht mehr verstehen und manchmal auch nicht mehr verständigen können. „Da sind wir selbst dran Schuld. Gott hat unsere Sprachen verwirrt.“ Das war wohl eher eine Schutzmaßnahme als eine Strafe. Es soll aber wieder anders werden. Die Menschen sollen sich wieder verstehen. Sie sollen wieder mit einer Sprache reden.Eine heilvolle Zeit wird das sein. Eine Zeit, in der heilen kann, was Menschen angerichtet haben – durch Worte, durch Werke und manchmal auch durch böse Gedanken. Gottes heiliger und Gottes heilender Geist vollbringt dieses Wunder. Das haben die Jünger gespürt. Und wir können es auch immer wieder zu spüren bekommen - wenn Menschen beginnen, einander zu verstehen, dann beginnen sie, mit einer Sprache zu sprechen. Welche Sprache ich meine? Ich denke, es ist die Sprache des Herzens, die Sprache der Liebe. Sie hat ihr eigenes Vokabular. Das ist in unserem Herzen aufbewahrt. Wir haben es nur vergessen. Das Vokabular der Liebe lebt vom Vertrauen und von der Ehrfurcht zu Gott. Es lebt von der Liebe, die den Ehrgeiz heilt und von der Demut, die allen Hochmut außer Kraft setzt. Die Sprache des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe - sie ruht in uns. Sie muss geweckt werden. Sie muss gelehrt werden. Wir brauchen einen, der sie wiederbelebt. Gottes heiliger und heilender Geist. Er ist am Werk. Aber er hat noch viel zu tun.



Rogate! Betet! Mit Gott im Gespräch bleiben! 

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet! (Psalm 66,20)  Mit diesem Wort endet ein langes Gebet der Bibel. Es begleitet uns als Wochenspruch auf unserem Weg hin zu den beiden großen Festen, die demnächst anstehen: Christi Himmelfahrt und Pfingsten.  Rogate! Betet! Das ist der Name des 5. Sonntags nach Ostern. Der Wochenspruch liest sich wie ein Stoßseufzer nach einer guten Erfahrung: "Gott sei Dank! Meine Gebete verhallen nicht ungehört." Ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Aufruf in den Herausforderungen des Alltags leicht in Vergessenheit gerät. Die Betriebsamkeit der Woche: wie ein Sog, der mich fortreißt. So erlebe ich die Herausforderungen, die Probleme, die zu bewältigenden Aufgaben, die mich von Montag bis zum Samstag beanspruchen. Je weiter die Woche fort schreitet, um so dringender, um so einnehmender erscheinen sie. Die Zeit zum Gebet, mühsam ausgespart, schmilzt dahin wie Eis in der Sonne.Es sind dann immer wieder einschneidende Ereignisse, die mich ermahnen: nimm dir Zeit zum Gebet. Nicht umsonst hat auch Martin Luther einmal das Gebet neben dem Predigtamt als höchstes Amt in der Christenheit bezeichnet. Wie gut, dass es wenigstens feste Zeiten und Orte gibt, die uns die Möglichkeit geben, unserem Auftrag nachzukommen, zu beten, zu danken, Gott zu loben. Ein ganzer Tag im Kalender ist dafür eigentlich reserviert. Der Sonntag. Eine Stunde dieses arbeitsfreien Tages möchte ich Gott schenken – das ist die Zeit, in der ich Gottesdienst feiere. Der Wochenspruch gehört meiner Meinung nach in den Gottesdienst. Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet!   Mit diesem Lob endet der 66. Psalm. Viele Ausleger meinen, dass es sich bei diesem Psalm um eine Liturgie handelt. Vielleicht waren es sogar ursprünglich zwei selbständige Lieder, die einmal unabhängig voneinander gesungen, später aber zu einem Gebet vereinigt wurden.  Wie dem auch sei: der Aufruf zum Gotteslob und zugleich auch der Dank für seine Hilfe wird in diesen Worten deutlich. Und dass vor allem der Gottesdienst der Ort ist, an dem das Gottesvolk miteinander seinen Gott lobt, sich im Glauben stärkt und Kraft schöpft für den weiteren Weg im Leben der Gläubigen, ist sicher nicht zu bezweifeln. Ich bin dankbar für die Aus-Zeiten, für jeden Feiertag und für jeden Gottesdienst, an dem ich Gelegenheit habe, in Ruhe Gott zu danken. Ich vertraue darauf, dass er auch mein Gebet nicht verwirft und auch von mir seine Güte nicht wendet. Ich möchte mir die Worte des Wochenspruchs leihen, sie zu meinem persönlichen Glaubensbekenntnis und Gotteslob machen. Der Blick in die Geschichte des Gottesvolkes hilft mir dabei, wenn die täglichen Herausforderungen, die traurigen Erfahrungen, die Mühen und Sorgen des Alltags mein Gotteslob einfrieren möchten. Es ist schon so: in den täglichen Geschäften scheinen wir Gott zu vergessen. Manchmal könnte man aber auch meinen, dass Gott uns vergessen hat. Dieser Eindruck entsteht vielleicht, wenn Anfechtungen, Misserfolge, Streit, Ärger, Enttäuschungen oder persönlicher Kummer auf mir lasten. Dann fällt es schwer, Gott zu loben und mit seiner Nähe zu rechnen, Wer allerdings den ganzen Psalm für sich liest, wird aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Der Glaube Israels bewährt sich vor allem in den dunklen Stunden. Gott hat seinem Volk die Anfechtungen nicht erspart: „Du hast uns geprüft und geläutert, wie das Silber geläutert wird; /  du hast uns in den Turm werfen lassen, / du hast Menschen über unser Haupt kommen lasse,/ wir sind in Feuer und Wasser geraten. / Aber du hast uns herausgeführt und uns erquickt“  Im Rückblick erkennt Israel: gerade in den kritischen und schweren Situationen unseres Lebens hast du uns nicht allein gelassen. Du hast uns die Not nicht erspart, sagen die Beter. Die Not hat uns geläutert, sie hat uns daran erinnert, dass du bei uns bist und uns hilfst.  Muss es wirklich erst so weit kommen, dass wir Not-Zeiten brauchen, um uns an den zu erinnern, der unser Leben trägt und hält? Die Erfahrung gemeinsam bestandener Not hat die Israeliten zusammen geführt, hat sie ihre Feste dankbar feiern lassen. Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet!   Das ist das frohe und dankbare Glaubensbekenntnis eines geprüften Volkes, dass sich von seinem Gott nicht verlassen weiß. Bald feiern wir Christi Himmelfahrt. Ein fröhliches Fest ist das. Es erinnert uns daran, dass wir einen Fürsprecher bei Gott haben, der für uns eintritt. Zugleich löst Christus ein Versprechen ein. Vor seinem Abschied sagt der Auferstandene zu seinen Jüngern: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Welt.“  Er sagt ihnen damit: ihr könnt mich zwar nicht mehr sehen und doch bin ich bei euch! Christus geht zu seinem Vater und lässt uns doch nicht als Waisen zurück. Er ist bei uns in der Kraft des Heiligen Geistes. Er hört unser Gebet und er will uns helfen, dass sich unser Glaube im alltäglichen Leben bewährt. Bitten wir ihn um ein waches Herz, einen fröhlichen Glauben und ein feines Gespür für seine Nähe. Vielleicht können wir dann dem Psalmbeter zustimmen und sagen: Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet!  Amen.  



Lobgesänge in der Nacht - zum Sonntag Kantate

Zwei Männer sitzen im Gefängnis. Im Hochsicherheitstrakt. Fußfesseln und Handschellen scheuern die Gelenke wund. Der Rücken schmerzt von den Peitschenhieben. Die Wunden nässen. Ob sie jemals wieder freikommen ist ungewiss. Eigentlich müssten sie jetzt verbittert und verängstigt sein, die Gefangenen!  Doch was machen sie stattdessen? Sie singen! Mitten in der Nacht stimmen sie ein Lied an. Sie singen Psalmen. Die Sänger heißen Paulus und Silas. Um ihres Glaubens willen wurden sie eingesperrt. Was bringt sie dazu Gott ein Loblied zu singen? Es gibt wohl nur einen Grund. Das ist die Hoffnung, die ihnen ins Herz gelegt wurde durch die Botschaft von der Auferstehung Jesu. Diese Hoffnung teilen wir mit den Aposteln. Aber teilen wir auch ihr Gottvertrauen? „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ sagt der Wochenspruch für den Sonntag Kantate. Wagen wir es, in das Lied der Hoffnung einzustimmen, das seit Ostern um die Welt geht? Oder lassen wir uns von den Bildern des Schreckens gefangen nehmen, die wir täglich vor Augen haben? Vertrauen wir oder verzweifeln wir? In unsrer Geschichte haben Paulus und Silas in jener Nacht ein Menschenleben gerettet. Ein Erdbeben hat die Gefängnismauern erschüttert und die Fesseln gesprengt, ohne dass ihnen ein Haar gekrümmt wurde. Aber das war nicht das Wunder, von dem in der Apostelgeschichte berichtet wird. Die beiden Apostel haben die Gunst der Stunde verstreichen lassen. Sie sind nicht geflohen. Sie haben durch ihr Bleiben verhindert, dass sich der Gefängniswärter das Leben nimmt. Der war für ihre Bewachung verantwortlich. Erdbeben hin oder her -  er wäre hart bestraft worden, weil er der Flucht nicht verhindert hatte. Da ist er neugierig geworden. Warum sind sie nicht geflohen, die beiden? Wieso sind sie bei ihm geblieben? Paulus und Silas erzählen ihm von dem Gott, der Wunder tut. Sie erzählen von Jesus Christus, von seiner Liebe zu den Menschen, vom leeren Grab, von den Begegnungen mit dem Auferstandenen, von seiner Himmelfahrt und von seinem Versprechen, bei ihnen zu sein alle Tage, bis ans Ende der Welt. Das hat dem Gefängniswärter die Augen und das Herz geöffnet. Er hat sich taufen lassen und mit ihm seine ganze Familie. Was er gehört und selbst erfahren hat, hat ihn überzeugt. Der Glaube ist keine theoretische Angelegenheit. Der Glaube ist Herzenssache. Deshalb überzeugen eher die Lieder, die von Gottes Wundern erzählen, als Argumente.  Vor allem überzeugen die Menschen, die diese Lieder singen. Man kann es nämlich spüren, ob sie glauben, was sie singen. Und man kann sehen, ob sie leben, was sie glauben.