Pfarrer Stefan Köttig


Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73 Vers 28)
 


         


Das neue Lied singen! Zum Sonntag Kantate

„Wes Brot ich ess, des Lied ich sing!“ Diese Redensart hinterlässt einen bitteren Geschmack auf meiner Zunge. Sie soll aus der Zeit der Minnesänger stammen. Die zogen im Mittelalter von Burg zu Burg, um mit Gesang und Musik ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie waren angewiesen auf die Gunst ihrer Herrschaft. Deshalb stimmten sie Loblieder an, die dem Geldgeber schmeicheln sollten - ob sie der Wahrheit entsprachen, war zweitrangig. Es ist das alte Lied der Unfreiheit, das sie sangen. Auch, wenn es in schmeichelhafte Melodien gekleidet war. Ich frage mich, ob wir nicht auch jeden Tag in dieses alte Lied einstimmen? Viele von uns haben es schon in ihrer Kindheit gelernt. Von den Eltern, in der Schule und manchmal auch auf der Straße. Eine Strophe dieses Liedes heißt „Solange du deine Füße unter meinen Tisch streckst, tust du, was ich dir sage!“ Eine andere lautet: „Wer am längeren Hebel sitzt, wer die Macht hat, der hat Recht!“  Viele von uns singen bis heute dieses Lied und richten ihr Leben danach aus. Sie singen es gehorsam, manchmal ohne nachzudenken und manchmal voll Angst. Der Wochenspruch aus dem 98. Psalm zum Sonntag Kantate ruft dazu auf, ein neues Lied anzustimmen. Es ist das Lied der Freiheit, das wir singen sollen. „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ Dieses neue Lied schmeichelt nicht  den Mächtigen. Es lässt uns staunen. Gott tut Wunder! Das größte Wunder haben wir an Ostern gefeiert - die Auferstehung Jesu, seinen Sieg über den Tod. Das neue Lied ist ein Freiheitslied. Wir besingen die Befreiung aus der Gewaltherrschaft des Todes. Die ganze Schöpfung soll von ihm befreit werden. Deshalb darf sie auch mit uns zusammen einstimmen in das Lob: „Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. Die Ströme sollen in die Hände klatschen und alle Berge seien fröhlich vor dem Herrn; denn er kommt, das Erdreich zu richten….“ (Ps.98,7f) Gott wird gerechte Verhältnisse herstellen. Er wird dafür sorgen, dass wahres Leben möglich wird: alles Leid, alle Ungerechtigkeit, alle Not, alle Verhältnisse, die mich heute noch verleiten, einen Diener zu machen und in das alte Lied der Unfreiheit einzustimmen, werden überwunden sein. Jetzt schon können wir mit der Melodie des neuen Liedes vertraut werden, können uns in die Melodie des Lebens hineinsingen. Sie klingt an in den vielen alten und neuen Chorälen, die die Auferstehung und das Leben preisen. Es sind Lieder des neuen Lebens, zu dem wir bestimmt sind, es sind die Liebeslieder auf den Gott des Lebens, der uns die Freiheit schenkt.
18.5.2019




Jubilate! Jubelt! Zum dritten Sonntag nach Ostern

„Gewonnen!“ Männer und Frauen liegen sich in den Armen, singen und tanzen auf der Straße. Ein Autokorso schlängelt sich hupend durch die Straßen. Fähnchen werden geschwungen. Das Leben ist wundervoll! Wenn ein wichtiges Fußballspiel gewonnen wird, lassen sich Menschen begeistern, auch solche, die sich sonst nicht für diese Sportart interessieren. Da sehen wir: Jubel ist ansteckend. Freude ist ansteckend. Ob das auch für den Glauben gilt? Wie oft blicke ich in ernste Gesichter, wenn ich auf der Kanzel stehe. Vielleicht liegt das daran, dass man früher in der Kirche häufiger „Drohbotschaften“ statt „Frohbotschaften“ zu hören bekam und deshalb an diesem Ort nichts anderes als eine Bußpredigt erwartet? „Einspruch!“ möchte ich da rufen.  Wir haben Grund zur ausgelassenen Lebensfreude. Der Name des 3. Sonntags in der Osterzeit will uns dazu ermutigen: „Jubilate“ heißt er, zu Deutsch: „Jubelt“. Seinen Namen verdankt dieser Feiertag einem (lateinischen) Psalmvers: „Jubelt Gott zu, all ihr Länder!“ (Psalm 66,1) Ein ganz außergewöhnlicher Jubelruf begleitet uns durch diese Tage: „Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.“ Löst dieser Ruf in uns Freude aus, wenn wir ihn hören? Oder zucken wir nur die Schultern, um dann missmutig unserem Tagwerk nachzugehen, weil uns im Leben nichts geschenkt wird. Doch das stimmt nicht. Die Natur zeigt uns   Auferstehung pur - Bäume und Blumen beginnen zu blühen, dass es eine Pracht ist. Es ist die Auferstehung im Diesseits, im Hier und Jetzt, die uns vorgelebt wird. Dieses Leben ist wundervoll - auch, wenn es immer noch vom Tod überschattet wird, trotz der Hiobsbotschaft, die uns durch die Massenmedien immer wieder erreichen, trotz mancher Sorgen, die wir ernst nehmen müssen und die wir nicht einfach beiseite schieben können. Das Erwachen der Natur im Frühjahr ist ein Abbild, das über sich hinausweist. Es zeigt, was noch kommen soll, was Gott für uns bereithält: das blühende Leben, das uns niemand mehr nehmen kann, nicht einmal der Tod. Noch haben wir es nicht. Noch gehen wir darauf zu. Und doch bekommen wir schon jetzt einen Vorgeschmack auf dieses Leben. Es beginnt, wenn wir uns ansprechen lassen, wenn wir sie sie ins Herz lassen, die frohe Botschaft, die wir an Ostern gehört haben. Das ewige Leben beginnt, wenn die Nachricht von der Auferstehung unseres Herrn in unseren Herzen ankommt und wenn die Freude darüber uns aufblühen lässt.

12.5.2019

 

Zur Osternacht - die heilsame Zeit des Übergangs

Zwischen Karsamstag und Ostersonntag liegt die Osternacht. Das ist die heilsame Zeit des Übergangs, in der sich schließlich durch den Tränenschleier hindurch das Licht der Osterkerze einen Weg bahnt, in der aus Weinen Lachen wird. "Der Herr ist auferstanden"... , rufen wir uns in dieser Nacht uns zur und antworten mit dem folgenden Bekenntnis: "Er ist wahrhaftig auferstanden.Halleluja. " Dann  schmücken wir den Altar, zünden die Kerzen an, während die Glocken nach dem langen Schweigen wieder zu läuten beginnen. Wir erinnern uns an die Taufe, in der uns das Leben zugesprochen wurde, das den Tod überwinden wird und feiern das Heilige Abendmahl, die Eucharistie. Christus, der den Tod besiegt hat, ist dann unter uns - im Geist und konkret in erfahrbar in der Feier des Heiligen Mahls. Das glauben wir. Im letzten Buch der Bibel spricht Christus: „Ich war tot und siehe, ich bin lebendig und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle!“ Das ist der Wochenspruch, der uns durch die österliche Woche begleitet, die in dieser Nacht anbricht. Jetzt wissen wir, wo er war,  als man ihn in aller Eile bestattet hat. Er hat die Herrschaft angetreten. Sie ist grenzenlos. Sie reicht über den Tod hinaus.  Die Nacht vom Karsamstag hinein in den Ostermorgen kann sich hinziehen, wie das bei durchwachten Nächten oft der Fall ist. Ich denke, das ist natürlich. Es braucht seine Zeit, bis die Botschaft von Ostern, bis das Licht der Osterkerze sich einen Weg bahnt durch die Dunkelheit. Es braucht auch für gläubige Christen Zeit, den Schmerz, die Trauer um einen lieben Menschen zu verarbeiten. Es braucht seine Zeit, bis die Botschaft der Hoffnung ihren Weg findet, durch die Dunkelheit des Nichtwissens, des Zweifels, der Tränen in das Herz findet, bis aus dem Weinen ein Lachen wird. Die Osternacht gibt uns diese Zeit, die Stunden bis zum Anbruch des dritten Tages, bis zum Bewusstwerden der Hoffnung, die wir haben. Geben wir uns diese Zeit. Lassen wir die Osterfreude in uns heranreifen, wie das Korn, das aus der Erde zum Leben hervorbricht.

20.4.2019