Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)



Mahnende Worte in einer spätsommerlichen Woche - zum Wochenspruch am 13. Sonntag nach Trinitatis

Die Zeichen der Zeit sind eindeutig: es herbstelt. Morgens braucht die Sonne länger, bis sie die Nebel auflöst. Der Wind frischt auf und lädt die Kinder ein, ihre Drachen steigen zu lassen. Sie laufen jauchzend über das abgeerntete Feld und bekommen rote Wangen. Und im Sonntagsgottesdienst hören wir einen Wochenspruch, der ans Ende des Kirchenjahres erinnert: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern (und Schwestern), das habt ihr mir getan!“ Diese Wort stammt aus dem Matthäusevangelium. Im November, wenn das Kirchenjahr fast zu Ende ist, werden wir den ganzen Abschnitt hören. Er handelt vom Endgericht, weist daraufhin, wovon Gott sein Urteil über die Menschen am jüngsten Tag abhängig macht. Gute Karten wird haben, wer sein Herz nicht vor den Bedürfnissen und Nöten der Schwächsten unter uns verschlossen hat. „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters“ wird ihnen gesagt werden, „ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt“ Und wie im Herbst der eisige Wind mich frösteln lässt, so ist es auch mit diesen Worten. Sie sorgen für Gänsehaut auf der Seele, lösen eine heilsame Unruhe aus. Wie halte ich es mit denen, die meine Hilfe brauchen - den Hungrigen und Durstigen, den Gefangenen, den Einsamen, den Fremden? Halte ich mir ihre Not vom Leib? Oder lasse ich mich ansprechen? Der Wochenspruch - ein Spruch gegen die Selbstzufriedenheit. Die Zeichen der Zeit sind eindeutig. Der Jahreslauf in der Natur erinnert mich daran. Die Uhr tickt. 14.9.2019



Wohin führt uns der Weg?
Normalerweise schalte ich den Fernseher erst zur Tagesschau ein, pünktlich um Acht. Gestern war ich ein paar Minuten früher dran und hab gestaunt. „Das kann nicht das Wort zum Sonntag sein“, dachte ich mir, schließlich war doch erst Dienstagabend. Auf dem Bildschirm war ein Mann mit pastoraler Ausstrahlung zu sehen, in Anzug und Krawatte, moderat im Ton und bedacht in der Wortwahl. „Wohin führt der Weg…“ sagte er und nach einer Kunstpause fuhr er salbungsvoll fort, „bringt er uns nach oben oder nach unten…?“ Zur Bekräftigung wurde ein zackiger Pfeil eingeblendet. „Mit Spannung sehen wir dem Donnerstag entgegen, dort wird sich vieles klären…“ sagte der Mann weiter. „Jetzt kommt der Ruf zur Bekehrung“, dachte ich gespannt. Am Donnerstag aber, so erfuhr ich schließlich, erwartet uns nicht das göttliche Gericht, sondern die Sitzung der EZB. Es geht dann auch nicht um Erlösung oder Verdammnis, sondern um Maßnahmen zur Leitzinssenkung und Anleihenkäufe. Aha, mit EZB war also keine Erweckungszentrale sondern die Europäische Zentralbank gemeint.  Der zackige Pfeil wurde auch nicht vom Himmel geschleudert, er zeigte ledlglich den Verlauf der Börsenkurse an. Es handelte sich auch nicht um eine Andacht, sondern um einen Börsenbericht. Scheinbar haben wir in unserem Land mehr Millionäre und Börsenmakler als arme Sünder, da die ARD jeden Abend kurz vor Acht einen Börsenbericht sendet, das Wort zum Sonntag aber auf einen Sendeplatz meist kurz vor oder nach Mitternacht verlegt. Die Zeiten ändern sich eben wie die „Skyline“ einer Großstadt. Wo früher Kirchen das Stadtbild prägten, stehen heute die schicken Glaspaläste der Großbanken. Eine Frage allerdings begleitet mich: Wohin führt uns der Weg?                                                                                                                                                                                          11.9.2019


Gott liebt das "Angekratzte" - zum 12. Sonntag nach Trinitatis

Aus meiner Lieblingstasse schmeckt der Kaffee am besten. Und in meinem Lieblings - Pullover fühle ich mich pudelwohl. Zugegeben - die Tasse weist schon deutliche Gebrauchsspuren auf.  Und am Pullover hat die Katze ordentlich herum gezupft! Vorzeigbar ist weder das eine noch das andere.  Trotzdem würde ich  mich niemals davon trennen. Meine Lieblingstasse und der alte Pullover haben mir einen Zugang zum Wochenspruch für den kommenden Sonntag aus dem Jesajabuch erschlossen: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen!“ (Jesaja 42,3) Ursprünglich ist das ein Trostwort an die Israeliten. Die saßen im Exil, voll Sehnsucht nach der verlorenen Heimat und niedergeschlagen, weil sie sich von Gott verlassen fühlten. Die haben ein Wort gebraucht, das sie wieder aufrichtet. Und das hat ihnen der Prophet zugesprochen. Gott wird seinen Knecht in die Welt senden. Der soll  das Recht hinaustragen zu den Menschen, auch zu euch. Und so wird er Gottes Recht umsetzen: indem er das, was geknickt ist, nicht zerbricht, sondern stärkt und das Feuer des Lebens dort neu entfacht, wo es am verlöschen ist, indem er schützt, was in den Augen der Menschen wertlos scheint und deshalb in den Abfall wandert. Wie groß mag die Freude sein, wenn wir begreifen, dass dieses Wort auch uns gilt, den Menschen im 21. Jahrhundert?  Wir sind  in den Augen Gottes weit mehr wert als alle Lieblingstassen und Pullover der Welt. Gott hängt an uns. Es würde ihm im Traum nicht einfallen, uns zu entsorgen, nur, weil wir einen „Sprung in der Schüssel“ haben, weil der Leib krank ist oder die Seele einen Knacks hat, weil wir uns ausgebrannt fühlen, weil wir nichts mehr auf die Reihe bringen, weil wir uns wertlos und überflüssig fühlen. Um keinen Preis der Welt würde Gott uns aufgeben. Gute Aussichten.  Vor allem, wenn ich das Gefühl habe, nur eine trübe Tasse zu sein. Das mag ja vielleicht sogar stimmen. Aber wenigstens bin ich  Gottes trübe Lieblingstasse.Und das ist eine Menge wert - wenigstens in seinen Augen und in meinem Herzen.