Pfarrer Stefan Köttig
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Psalm 73,28)



Offenbar werden - zum Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr

Die Herren waren schnell und diskret. Als ihr „Opfer" ahnungslos die Einkaufsstraße entlang schlenderte, schritten sie ein. Sie nahmen ihn die Mitte, drängten ihn etwas zur Seite. „Stehenbleiben!“ flüsterten sie. „Sie wollen doch auch kein Aufsehen erregen, oder?“ Dann zogen sie ihre … - nein, keine Pistolen, sondern Dienstausweise. Es handelte sich schließlich nicht um einen Überfall, sondern um eine Taschenpfändung. Darunter versteht man eine körperliche Durchsuchung eines Schuldners, die natürlich gerichtlich angeordnet sein muss. Einer der beiden Herrren war Gerichtsvollzieher, der andere Polizist. Was jetzt an Wertsachen zum Vorschein kommt, wird gepfändet: Geld, die Armbanduhr, der Siegelring, die Halskette. Ich stelle mir das furchtbar vor.  Schließlich wird einem auf diese Weise endgültig klargemacht, dass man nichts mehr hat, dass man "nackt" ist, wenigstens im übertragenen Sinn. Ob so ein Gedanke auch hinter dem Wochenspruch steht?  „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi!“ schreibt Paulus im 2. Korintherbrief. Kein angenehmer Gedanke. Wer vor ein Gericht zitiert wird, dem wird  meistens vorgeworfen, dass er etwas verbockt hat. Wer vor einem Richter steht, muss sich rechtfertigen, muss sich offenbaren. Ohne guten Anwalt hat er schlechte Karten. Offenbar werden bedeutet, dass alles ans Licht kommt, was man gerne unter den Tisch kehrt Offenbar werden bedeutet, dass alle Verschönerungen, alle Verschleierungen wegfallen. Es wird schonungslos  offengelegt, wer ich bin und was ich getan habe. Und das auch noch vor einem Richterstuhl. Dort wird gerichtet werden. Dieses Bild vom Richterstuhl zieht so viel Aufmerksamkeit auf sich, dass etwas Wichtiges an unserem Wochenspruch übersehen wird. Wir treten nicht vor einen peniblen Richter, der sein Urteil entweder streng nach Faktenlage fällt oder sich von seiner Laune bestimmen lässt. Wir treten vor den Richterstuhl Christi. Gott sei Dank. Ich kann aufatmen, weil ich daran denke, was im Kolosserbrief steht: Gott „hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet“ (Kolosser 2,14) Unter einem Schuldbrief stelle ich mir in diesem Zusammenhang eine Anklageschrift vor, in der alles aufgelistet wird, was gegen mich spricht, vielleicht sogar zu Recht.  In der Altensteiner Kirche ist ein riesiges Altarkreuz aus Sandstein zu sehen. Wenn ich davor stehe, fühle ich mich klein. Es könnte mich erschlagen. Dieses überdimensionale Kreuz erinnert mich daran, wie klein ich bin und wie groß die Liebe Christi ist, die mir hier begegnet.  Wenn ich mir meiner Schuld bewusst werde, wenn wir meine Mängel, Fehler und Schuld offengelegt werden, wenn alles gegen mich spricht, darf ich mit der Barmherzigkeit Jesu rechnen, der die Arme für mich am Kreuz ausgebreitet hat. Vor diesem Richterstuhl kann getrost offenbar werden, wer ich bin und was ich getan habe. Vor diesem Richter kann ich mich offenbaren. Ich weiß: die Schuld ist getilgt. Der Richter hat sie selbst bezahlt und mir den Weg in ein neues Leben ermöglicht. Ich muss die Schuld nicht mehr tragen. Ich bin unbelastet.Ich bin frei. 17.11.2019



Friedensklima - zum Drittletzten Sonntag im Kirchenjahr


„Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen!“ (Mt.5,9) Dieses Wort Jesu aus den Seligpreisungen begleitet uns durch die Woche vom Drittletzten Sonntag im Kirchenjahr. Mit diesem Sonntag beginnt auch die ökumenische Friedensdekade. Sie steht in diesem Jahr unter dem Motto: „Friedensklima!“ Gewiss ist das angelehnt an die große Klimadebatte. Oft genug werden wir an unsere Mitverantwortung für das Weltklima erinnert. Wie kann ich zu einem Friedensklima beitragen? Wie oft herrscht dort, wo ich lebe und arbeite eher ein mieses Betriebsklima? Ich nehme mir in dieser Woche deshalb vor, aktiv am Friedensklima in meiner Umgebung mitzuwirken. Dabei muss ich zunächst einmal bei mir selbst anfangen. Doch da stoße ich bereits an meine Grenzen. Ob mir der Rat helfen kann, den Papst Johannes XXIII in seine "10 Gebote(n) der Gelassenheit“ aufgeschrieben hat? „Nimm dir nicht zu viel vor. Es genügt die friedliche, ruhige Suche nach dem Guten an jedem Tag, zu jeder Stunde, und ohne Übertreibung und mit Geduld.“ Das will ich beherzigen, vielleicht trage ich dann ein wenig dazu bei, dass es etwas friedlicher zugeht, wenigstens an dem Ort, an dem ich lebe. Auch eine kleine Kerze kann weit leuchten.

10.11.2019


Klare Worte? Zum 20. Sonntag nach Trinitatis

Manchmal tun klare Worte einfach nur gut. Worte, wie wir sie im Wochenspruch für den 20. Sonntag nach Trinitatis hören. Wir können sie nachlesen beim Propheten Micha. Wer das Buch liest, merkt: da spricht einer Klartext. Auch in dem Wort, das uns durch die Woche begleitet. Kurz und bündig und einprägsam sagt uns Micha, worauf es bei einem Gott wohlgefälligen Leben ankommt: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Das kann man sich merken, danach kann man leben. So könnte man meinen. Gottes Wort halten! Klar - das bedeutet sicher: die Bibel lesen. Sich an die Gebote halten, oder? Doch da tauchen sie schon auf, die Einwände. Ich möchte mich nicht an alles halten, was in der Bibel steht! Zum Beispiel schon gar nicht an den folgenden Rat:  „Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn beizeiten.“ (Sprüche 13, 24) Um den Wochenspruch aus dem Buch Micha besser zu verstehen, ist es hilfreich, sich nicht nur mit Luthers Übersetzung zufrieden zu geben, sondern auch andere zu Rate zu ziehen. Die Einheitsübersetzung von 2016 gibt das Prophetenwort so wieder:  "Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.“ .Gottes Wort wurde in den Alltag der Menschen hineingesprochen - von den Propheten zum Beispiel. Das waren Menschen wie Micha, durch und durch bodenständig und nicht immer diplomatisch. Bevor sie gesprochen haben, haben sie hingehört auf das, was Gott ihnen gesagt hat. Das Prophetenwort ist eine Aufforderung zum Hören und zum Handeln. Das Handeln kommt nach dem Hören. Es geht um eine Ausrichtung. Als Christ kann ich sagen: Gottes Wort ist Mensch geworden. Gottes Wort halten bedeutet für mich als Christ, sich an Jesus Christus zu halten. Der ist für uns zum Vorbild geworden. Er hat uns ein Beispiel dafür gegeben, wie Recht tun, Güte lieben und demütig sein  im Leben Gestalt annehmen kann. Jesus wendet sich den Menschen  zu und diese Zuwendung will helfen, den Weg zurück in das Leben zu finden, zu dem sie bestimmt waren und das sie verloren haben: das Leben in der Gemeinschaft mit Gott. Wer der Aufforderung des Micha folgt und sich dabei an Jesus orientiert, wird zu einem aktiven und zugleich achtsamen Leben vor Gott ermutigt.  Das bringt mich dazu, jeweils zu fragen, was jetzt dran ist, was jetzt Gottes Wille in dieser oder jener Situation meines Lebens. Es gibt also keine fertigen, einfachen Antworten auf die Fragen des Lebens, auch nicht auf die Fragen des Glaubens. Es genügt nicht, auf jedes Problem mit einer Bibelstelle zu antworten. Ein Gott wohlgefälliges Leben ist ein achtsames Leben, ein Leben voll Aufmerksamkeit, Sensibilität und Liebe. Jesus hat diese Achtsamkeit vorgelebt. Gott hat uns durch das Prophetenwort klar gesagt, wie ein Leben nach seinem Willen aussieht - in erster Line bedeutet es, seinen Sohn, Gottes menschgewordenes Wort, im Glauben anzunehmen und im Herzen aufzunehmen, damit wir tun können, was wir tun sollen - in der Liebe zu leben und immer wieder danach zu fragen, was im Alltag Gottes Wille ist. Risiken und Nebenwirkungen sind dabei nicht ausgeschlossen. 3.11.2019